das baugerüst 1/12 Generationen

 

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Inhalt

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    Michael Freitag: Jugendkirche – Altenkirche und das Generationenhaus des Glaubens
      

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Wolfgang Noack: Im Jahr der Generationengerechtigkeit

Einführung in das Heft

Altsein ist schön. Jeden Abend kurz vor dem Wetterbericht der „Heute“-Sendung um 19 Uhr im ZDF zeigen uns die beiden Rentner, wie man das Leben richtig genießt: Kreuzfahrten in die große weite Welt, gute Renditen auf Bankkonten oder Komfort im eigenen Haus, wenn nötig auch mit Treppenlift. Bis ins hohe Alter genießen.
Das mediale Bild der Jugend hingegen speist sich aus einer anderen Perspektive. Facebook Partys, Komasaufen und Gewaltbereitschaft auf Schulhöfen schaffen es in die Abendnachrichten. Massenmedien prägen Bilder, die Generationen übereinander besitzen.
Unterfüttert werden die Bilder von dem Albtraum der Demographie, der Sorge vom Aussterben, zumindest aber von der Angst, dass die wenigen Jugendlichen die steigende Zahl der Rentner und Pensionäre nicht mehr angemessen versorgen können. Wechselseitig tauchen dann Schreckensszenarien vom Aufstand der Jungen oder der Alten auf. Und das Ganze im Jahr 2012, dem Jahr der Generationengerechtigkeit.

Zwei Punkte sind hier interessant:
Menschen leben länger, sind bis ins hohe Alter noch fit, werden aber nicht mehr gebraucht. Alle Bemühungen, über 60-Jährige am Arbeitsmarkt zu halten, sind Sonntagsreden; lediglich ein Viertel der 60- bis 64-Jährigen verfügt über einen sozialversicherungspflichtigen Vollzeitarbeitsplatz. Die Diskussion um die Rente mit 67 (manchmal ist auch von 69 die Rede) ist nichts anderes als eine Rentenkürzung. Vernünftige Arbeit gäbe es genug. Würde man Kommunen oder sozialen Einrichtungen die finanziellen Möglichkeiten geben, sie könnten vollwertige Arbeitsplätze zur Verfügung stellen. Senioren könnten sich neuen Herausforderungen stellen. Und das Geld ist vorhanden. Der Sozialwissenschaftler Gerd Bosbach (FHS Remagen) schreibt, dass seit der Wiedervereinigung die wirtschaftliche Leistung in diesem Land um 30 Prozent gestiegen ist und das bei vier Prozent weniger Arbeitsstunden. Wenn diese 30 Prozent nicht bei den Menschen - oder in den Sozialsystemen - angekommen sind, „hat das offensichtlich nichts mit Demographie zu tun, sondern mit der Umverteilung zu Lasten der Arbeitnehmer.“

Und Zweitens: „Fast alle, die heute dreißig, vierzig, fünfzig Jahre alt sind, stellen irgendwann fest, dass sie viel jünger aussehen, sich fühlen und benehmen, als das in den Biografiefahrplänen vorgesehen war“, schreibt Claudius Seidl, Autor des Buches „Schöne junge Welt - Warum wir nicht mehr älter werden“.
Wenn aber jugendliche Eigenschaften wie Flexibilität, Offenheit, Dynamik und Mobilität die Welt dominieren, werden Werte wie Weisheit, Erfahrung und Stetigkeit in einer Welt, die atemlos dem Wandel unterworfen ist, nichts mehr gelten. Der englische Essayist R.P. Harrison meint, dass nur extreme Jugendlichkeit diese Anpassung an die immer dramatischeren Transformationen gewährleisten kann.

Extreme Jugendlichkeit bis ins hohe Alter und auf dem Arbeitsmarkt ab 50 zum alten Eisen zu gehören - das kann ja wohl nicht die Perspektive sein. Ein neues Verständnis von Jung und Alt und eine Diskussion über das Verhältnis der Generationen ist nötig - im Jahr der Generationengerechtigkeit 2012. 

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Kurt Lüscher: Generationen in Gegenwart und Zukunft

Über Generationen diskutieren, mit Generationen arbeiten:
Fünf Stichworte

Die Aktualität der Generationenfrage

Wenn von Generationen die Rede ist, denken viele an die Beziehungen zwischen Alt und Jung. Der Wandel des Altersaufbaus der Bevölkerung verstärkt seit einiger Zeit das Interesse an der Generationenfrage. Dabei finden sich auf der einen Seite Krisenszenarien: Anlass dafür ist vor allem die Sorge um die Sicherheit der Altersrenten oder die Angst vor einer Entfremdung von Alt und Jung. Auf der anderen Seite kommt es zu einer Idealisierung der Beziehungen, beispielsweise unter Bezugnahme auf Umfrageergebnisse, die eine angeblich unproblematische Solidarität von Großeltern, Eltern und Kindern in den Familien belegen. Doch diese Daten dokumentieren in der Regel lediglich Hilfeleistungen zwischen einem Drittel oder höchstens der Hälfte der Studienteilnehmenden und lassen somit große Teile der Bevölkerung außer Acht. Das Bild eines Vertrags zwischen Alt und Jung ist ohnehin fragwürdig, denn die Beteiligten haben den so genannten Generationenvertrag keineswegs im juristischen Sinne geschlossen, sondern sind in ein bestehendes wohlfahrtsstaatliches System hineingeboren worden. In Tat und Wahrheit sind die Dinge also komplizierter als es zunächst den Anschein macht. In dieser Situation mag es hilfreich sein, darüber nachzudenken, was mit den Begriffen Generation und Generationenbeziehungen gemeint ist oder gemeint sein kann, sich also auf so etwas wie ein Generationenvokabular zu besinnen. Diesem Zweck dienen die folgenden Stichworte.


Was meinen wir, wenn von Generationen die Rede ist?

Von Generationen ist im Alltag mindestens in dreifacher Weise die Rede. Erstens dient der Begriff der Generation dazu, Alt und Jung zu unterscheiden. Zweitens wird von Generationen in Familie und Verwandtschaft gesprochen, wobei sich die individuellen Zugehörigkeiten mit sozialen Rollen wie Kind, Eltern und Großeltern verbinden. Drittens finden sich historische und zeitdiagnostische Generationenzuschreibungen wie die 68er-Generation oder die „Babyboomer“. Es gibt darüber hinaus noch ein weiteres wichtiges Generationenverhältnis: das pädagogische. Es versteht sich eigentlich von selbst, wird aber als solches weniger angesprochen. Dabei findet es sich eigentlich schon in den Anfängen des Begriffes. Generationenzugehörigkeiten können sich im Weiteren auch aus der Zugehörigkeit zu Organisationen oder aus dem Eintritt in einen Betrieb ergeben.

Den Generationenzuschreibungen ist überdies eigen, dass sie auf eine Abfolge von Generationen verweisen. Das kann mehr oder weniger ausdrücklich geschehen. Am wenigsten trifft dies zu, wenn von Generationen lediglich im Sinne von Alt und Jung die Rede ist. Man kann darum mit guten Gründen fragen, ob in diesem Fall der Begriff nicht eigentlich zu kurz greift. Jedenfalls wird ein bedeutsames Element seiner Spezifik verpasst, nämlich seine sozial-historische Dimension und die sich daraus ergebende Dynamik. Darauf stößt man unvermeidlich, wenn man die wechselseitige Verflechtung der Generationenbegriffe und folglich auch der faktischen Generationenzugehörigkeiten in den Blick nimmt. In der Tat können dem Einzelnen immer mehrere Generationenzugehörigkeiten zugeschrieben werden. Eine Mutter ist beispielsweise auch eine Mutter der Babyboomer-Generation und dies wiederum kann mit ihrem Verständnis als Erziehende zusammenhängen.

Um die Tragweite von Generationenzugehörigkeiten und -beziehungen im Hinblick auf das praktische Handeln zu erfassen, schlage ich also vor, anzunehmen, dass Generationenzugehörigkeiten bedeutsam für die Zuschreibung von wichtigen Facetten der Persönlichkeit, also der Identität des Einzelnen sind. Dieses Verständnis von Generation rückt in differenzierter Weise die lebenspraktische Bedeutung von Generationenzugehörigkeiten und -beziehungen in den Vordergrund, ebenso ihre Bedeutung für die damit einhergehenden moralischen Vorstellungen und Überzeugungen.
 
Wenn wir „Generationenzugehörigkeiten“ als Identitätszuschreibungen verstehen, können wir einen Anschluss an all jene Vorstellungen persönlicher Identität herstellen, gemäß derer der Einzelne im Umgang mit anderen ein Bild von sich – seinem „Selbst“ – entwickelt; dieses wiederum lässt sich als Referenz für verantwortliches Handeln vor sich selbst und gegenüber anderen (in der religiösen Lesart: auch gegenüber Gott) verstehen.

Die Erfahrung, auf andere angewiesen zu sein, nimmt im familialen Generationenverbund einen herausragenden Platz ein. Zugleich geht damit auch eine fundamentale Erfahrung des Andersseins einher. Einfach und verkürzt ausgedrückt: Kinder sind ihren Eltern ähnlich und sind auf sie angewiesen. Zugleich sind Kinder und Eltern fundamental verschieden; sie sind vorab  „Jung“ und „Alt“ – und zwar mit allem was dazugehört, und mit allen Differenzierungen, die dieser Unterschied im Laufe des Lebens beinhaltet und sie unterscheiden sich in ihrer Persönlichkeit. Es liegt darum auch nahe, dass diese fundamentale Erfahrung gleichzeitiger Gemeinsamkeit und Verschiedenheit in mehr oder weniger ausgeprägtem Maße auch in anderen Generationenbeziehungen von Belang ist.


Generationenlernen

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Franz Segbers: Was heißt Gerechtigkeit zwischen den Generationen?

Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst einer schrumpfenden und vergreisenden Gesellschaft. Besorgte Demographen haben einen Alarmismus angestimmt, der von publizistischen Schaumschlägern schrill vermarktet wird. Es scheint keine Zweifel zu geben: Die Systeme sozialer Sicherung bluten aus und die Jungen können die Last der vielen Alten nicht mehr tragen.
Bis zum Jahr 2020 werden in Deutschland voraussichtlich Vermögenswerte im Umfang von 2,6 Billionen (also 2.600 Millionen) Euro vererbt. Doch die Verteilung ist höchst ungerecht, denn immer mehr Erben erhalten immer weniger und immer Weniger erben immer mehr. Über Zweidrittel der Erbschaften liegen unter 50.000 Euro. Nur 2,5 Prozent erben über eine halbe Million Euro. Die ungleiche Verteilung von Erbschaften spiegelt sehr genau die ungleiche Verteilung von Vermögen. Vererbt wird also nicht nur Vermögen, sondern auch soziale Ungleichheit.
Was heißt hier „Gerechtigkeit zwischen den Generationen“? Was Gerechtigkeit meint, lässt sich gut als Antwort mit der Frage fassen, was Menschen einander schulden. Was schulden Alt und Jung, was schulden die Generationen einander?

„Generationengerechtigkeit“ – ein Begriff aus dem Falsch-wörterbuch des Neoliberalismus

Bert Brecht lässt in seinen „Flüchtlingsgesprächen“ den Physiker Ziffel sagen, dass die  „Begriffe die Griffe sind, mit denen man die Dinge bewegen kann.“ Ein solcher Griff, mit dem man die Wirklichkeit nicht nur bewegen, sondern gleichsam auf den Kopf zu stellen vermochte, ist der Begriff „Generationengerechtigkeit“. Er gibt sich moralisch aufgeladen und konnte mit einer vermeintlichen Klarheit schnell die Diskussion auf den Punkt bringen. Dabei ist er doch nur eine interessengeleitete Wortneuschöpfung, die nach 1995 zu einem Schlüsselbegriff in der politischen Debatte um die Zukunft der Altersversorgung wurde. Diese Wortneuschöpfung „Generationengerechtigkeit“ entstammt dem Falschwörterbuch des Neoliberalismus und sollte einen anderen Begriff verdrängen, der zuvor das Gemeinte benannte: der Generationenvertrag.
Was macht nun den Unterschied zwischen Generationenvertrag und  Generationengerechtigkeit aus? Der Generationenvertrag bezeichnet das gemeinsame Zusammenleben der verschiedenen Generationen und ist Ausdruck für einen fiktiven „Solidar-Vertrag zwischen jeweils zwei Generationen“, so Wilfred Schreiber, der maßgeblich die Rentenreform von 1956 konzeptionell gestaltet hatte. Der Begriff „Generationenvertrag“ benannte ein Rentenkonzept, das die Solidarität in den Familien zwischen Alt und Jung sozialpolitisch nachbilden wollte. Das Große Bertelsmann-Lexikon hatte 1990 den „Generationenvertrag“ so definiert:  „Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass das Arbeitseinkommen, das durch Erwerbstätigkeit erzielt wird, als Lebenseinkommen zu verstehen ist. Es wird begründet durch die Lebensphasen: Kindheit und Jugend (eine Phase, in der die Fähigkeiten zur Erwerbstätigkeit erworben werden) und Arbeitsalter (während dessen man Einkommen erwirbt). Aber es muss auch für die Phase des Lebensabends ausreichen. Sieht man die Gesellschaft als Solidargemeinschaft, kann sie (und muss sie zur Sicherung des sozialen Friedens zwischen den Generationen) Lösungen zur Verteilung des von der mittleren Generation erarbeiteten Einkommens finden, die sowohl deren Unterhalt als auch den der Kinder und der alten Menschen sichert. Diese Aufgabe fällt dem jeweiligen System der sozialen Sicherung zu.“
Ein Beispiel kann dies illustrieren: Vor kurzem traf ich einen jungen Ingenieur, der gerade sein Studium beendet hatte. Er erzählte mir stolz, dass er von seinem ersten Monatseinkommen sogleich zwei private Rentenversicherungen abgeschlossen habe, denn die gesetzliche - auf einer Umlage basierende - Rentenversicherung würde ihn im Alter in Armut stürzen. Er meinte damit: Auf die frühere Solidarität derjenigen die arbeiten mit denen, die nicht mehr erwerbstätig sind, kann ich mich nicht mehr verlassen. Deshalb ist die private Vorsorge notwendig statt nur der bisherigen mit einer solidarischen Umlage.
Diese sozialpolitische Umsteuerung von einer solidarischen Versorgung der Rentner durch die  Erwerbstätigen bildet auch den Hintergrund für die Wortneuschöpfung „Generationengerechtigkeit“. Der in der vorindustriellen Gesellschaft bestehende ‚Solidarvertrag‘ innerhalb der Familie, der darin bestand, dass die Eltern die Kinder großgezogen haben auch selber Anspruch auf Unterstützung im Alter haben, sollte für die Industriegesellschaft als Grundprinzip des Zusammenlebens der Generationen übersetzt werden. Die Gerechtigkeit besteht darin, dass die Generationen sich gleich behandeln: So wie die Eltern sich um ihre Kinder gesorgt haben, so sorgen sich die dann erwachsenen Kinder um ihre alt gewordenen Eltern. Es geht um eine „Gerechtigkeit“, die Solidarität und Gleichheit der Generationen zu ihrem Kern hat.  
Die Wortfabrikanten des Begriffs der „Generationengerechtigkeit“ wollten genau diese Gleichheit der Generationen und ihre solidarische Verbundenheit auflösen. Generationengerechtigkeit verschiebt diese Solidarität der jetzt miteinander lebenden Generationen auf zeitlich aufeinanderfolgende Generationen. Im Namen der Generationengerechtigkeit soll der Generationenvertrag unter dem Motto aufgekündigt werden: „Wir dürfen nicht auf Kosten unserer Kinder leben.“ Die älteren Menschen werden hier gleichsam als Zechpreller der Jüngeren dargestellt, wenn sie jene Solidarität im Alter in Anspruch nehmen, die sie selber für die nachwachsende Generation geübt hatten. Betrieben wird eine Entsolidarisierung der Generationen zueinander im Zeichen der Gerechtigkeit.

Generationengerechtigkeit statt Generationenvertrag

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Wolfgang Gründinger: Generationen, vertragt euch!

Letzte Woche fand ich eine Werbung für Kukident in meinem Briefkasten, adressiert an Gründinger. Man fühlt sich auf einmal älter, und das macht nicht unbedingt Freude. Manchmal aber doch.
Zum Beispiel, wenn man das Buch „Das Methusalem-Komplott“ von Frank Schirrmacher liest. Das Buch macht eigentlich wenig Hoffnung. Das Altern der deutschen Gesellschaft, sagt Schirrmacher voraus, werde eine riesige Katastrophe auslösen. Zum Beispiel: „Deutschland wird im Jahre 2050 zwölf Millionen Menschen verloren haben – das sind mehr als die Gefallenen aller Länder im ersten Weltkrieg. … Gesellschaft und Kultur werden so erschüttert sein wie nach einem lautlosen Krieg.“ So die Prognose. Man bekommt Angst vor dem Krieg der Generationen.
Aber liest man weiter, fühlt man sich doch wieder besser. Zum Beispiel schreibt Schirrmacher: „Unsere Kinder werden wieder zu Zeitgenossen der Wölfe! Bundesländer werden verwildern!“
Das ist toll. Unsere Kinder werden also stramme Naturführer, die beeindruckte chinesische Touristen durch riesige deutsche Nationalparks führen. Die Wälder erholen sich und es gibt endlich wieder mehr Natur in diesem Land, und nicht nur Autobahnen. Wir werden zum Öko-Vorzeigeland.
Schirrmacher sagt außerdem voraus: „Unsere Welt wird wie ein Altersheim durchs Weltall kreisen.“ Ein kreisendes Altersheim, das ist eine komische Vorstellung. Außerirdische werden uns für ein Volk von Kabarettisten halten. Der demografische Wandel kann also auch zur Heiterkeit beitragen.
Die „demografische Zeitbombe“ tickte schon einmal – nur andersherum. Noch vor 40 Jahren wünschten sich die Deutschen sinkende Geburtenraten, weil die rapide wachsende Menschheit von der Erde nicht mehr verkraftet werden könne. Wenn die „Bevölkerungsbombe“ explodiere, sagte damals der amerikanische Biologe Paul Ehrlich, dann seien Hungersnöte und Umweltkatastrophen unausweichlich.
Hollywood fand eine wenig elegante Lösung für die Überbevölkerung: Im Film Soylent Green wurden Rentner stilvoll vergiftet und zu Lebensmitteln verarbeitet.

Zu viele Menschen, aber zu wenige Deutsche?
 

 

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Johannes Taschner: Nicht werden wie die Eltern

Zum Verhältnis der Generationen in der Bibel

Die Beziehung zwischen zwei Menschen, die unterschiedlichen Generationen angehören, gehört mit zu den anregendsten Motiven in Film und Literatur. Immer wieder wird das Thema aufgegriffen, von allen Seiten beleuchtet und durchgespielt. „Harold and Maude“, „Der alte Mann und das Meer“ und die Novelle „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ sind hier nur die gängigsten Beispiele. Immer wieder geht es darum, dass ein Jugendlicher, eine Jugendliche bei einem älteren Menschen Orientierung, Halt und so etwas wie ein Zuhause sucht und für eine kurze Zeit vielleicht auch findet. Dann entschwindet dieses kurze Glück wieder. Für beide Seiten, vor allem für den Jugendlichen oder die Jugendliche, bleibt es jedoch eine nachhaltige und prägende Erfahrung. In den drei genannten Beispielen besteht der grundlegende und bleibende Unterschied der Generationen auch nach der Begegnung weiter fort. Was fasziniert so an einer generationen-übergreifenden Freundschaft? Sie gelingt selten und ist eine äußerst sensible Pflanze. Wenn sie aber wächst, hat sie etwas so Faszinierendes, dass es sich lohnt, von ihr zu erzählen. Warum?


Mose stellt seine Generation nicht als Vorbild dar

Das fünfte und letzte Buch Mose ist insgesamt sehr bewusst als ein Generationen übergreifendes Gespräch gestaltet. Im Grunde ist es eine Sammlung all dessen, was Mose am letzten Tag vor seinem Tod der auf ihn folgenden Generation mit auf den Weg gibt. Mose erzählt. Immer wieder bezieht er sich auf den Exodus Israels aus dem Sklavenhaus Ägypten und auf die darin begründete Freiheit. Doch es liegt Mose fern, die alten Zeiten zu glorifizieren. Im Gegenteil. Schonungslos erzählt er davon, wie seine Generation die geschenkte Freiheit im Tanz um das goldene Stierbild verspielte. Er erzählt von dem Zorn Gottes und von seiner Gnade, die sich darin äußerte, dass er Israel zunächst die 10 Gebote mit auf den Weg gab. Sie sollen dazu dienen, die Freiheit zu bewahren. Damit nicht genug: Mose erzählt gleich zu Beginn seiner Reden von einem ersten gescheiterten Landnahmeversuch, der an dem mangelnden Vertrauen und Mut scheiterte und in einem 40-jährigen Wüstenaufenthalt mündete (5.Mose 1). Während dieser Zeit starben die Angehörigen seiner Generation nach und nach. Niemand von ihnen würde das schon Abraham, Isaak und Jakob versprochene Land zu sehen bekommen. Nur die Kinder der sogenannten „Wüstengeneration“ werden nun in den Genuss der Erfüllung kommen. Selbst Mose wird zurückbleiben. Anstatt sich zurückzuziehen um zu sterben, redet Mose. Er hört gar nicht mehr auf. Er erlässt Gebote und Regeln, die er selbst von Gott empfangen hat. Sie sollen der kommenden Generation dazu dienen, als von Gott Befreite und Beschenkte im Land zu leben. Die Erzählungen des Mose sind Ausdruck der unerhörten Hoffnung, dass eben nicht jede Generation ihre eigenen Erfahrungen machen muss. Er stellt seine Generation nicht als Vorbild dar. Mose erzählt von den Fehlern seiner Generation, damit die nun folgende Generation, die ins Land einzieht, aus diesen Fehlern lernen kann.
Vor diesem Hintergrund ist die Verheißung zu verstehen, die auf der Befolgung des vierten Gebotes liegt:
„Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, wie Adonaj, deine Gottheit, dir gebietet, damit du lange lebst und es dir wohl ergeht auf dem Ackerboden, den Adonaj, deine Gottheit dir gibt.“ (5.Mose 5,15 p Ex 20,12).

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Birgit Riedel: Familienzentren und Mehrgenerationenhäuser

– neue Orte der Begegnung?

In Deutschland ist in den letzten Jahren eine schillernde Landschaft von Einrichtungen entstanden, die alltagsnah die Bedürfnisse von Familien und Nachbarschaften aufgreifen und mit integrierten Angeboten und Hilfen darauf reagieren. Die Einrichtungen treten unter verschiedenen Bezeichnungen wie Familienzentren, Eltern-Kind-Zentren, Mehrgenerationenhäuser, Häuser für Familien u.a.m. in Erscheinung. Sie stellen allerdings nur die Spitze des Eisbergs dar, denn in vielen Fällen gehört es heute auch für ganz „normale“ Einrichtungen – von der Kita bis zum Seniorenzentrum – zur guten Praxis, sich verstärkt zu ihrem Umfeld hin zu öffnen, Kooperationen einzugehen und sich untereinander enger zu vernetzen, um ein tragfähiges Netz an Hilfen und Unterstützung vor Ort zu knüpfen – ohne dass sie sich deshalb gleich mit einem neuen Etikett schmücken. Im Ergebnis finden sich z.B. Kindertageseinrichtungen, die PEKiP-Kurse („Prager Eltern Kind Programm"), ein Elterncafé einrichten, in Kooperation mit der Erziehungsberatungsstelle Sprechstunden durchführen oder als Stützpunkt für Stadtteilmütter aus der türkischen Community fungieren. Die Motive und Ziele, die hinter der Weiterentwicklung von ganz unterschiedlichen Institutionen stehen, weisen eine große Bandbreite auf. Während den nach dem Vorbild der englischen Early Excellence Centers entstandenen Familienzentren vor allem daran gelegen ist, ein positives Umfeld für das Aufwachsen von Kindern zu schaffen und Familien zu stärken, orientieren sich andere Einrichtungen am größeren Generationenzusammenhang. Ihnen geht es gerade auch darum, über die Familie hinaus Gelegenheiten für Kontakte zwischen Jung und Alt bereitzustellen, die sich heute oft nicht mehr ohne Weiteres von selbst ergeben. Bei allen inhaltlichen Unterschieden nimmt hier eine neue Generation von Diensten und Einrichtungen Gestalt an, die sich durch eine Reihe von Strukturbesonderheiten und damit verbunden Chancen aber auch Risiken auszeichnet. Der Beitrag versucht, dieses Feld aufzufächern, bevor es um die Frage geht, welches Potenzial die Einrichtungen haben, zu Orten eines lebendigen sozialen Austauschs zu werden.


Multizentrische Dynamik

Empirische Untersuchungen fehlen bisher allerdings ebenso wie Daten zur Reichweite dieser Entwicklung, die ihre Dynamik von zwei Seiten erhält. Zum einen sind Familienzentren, Mehrgenerationenhäuser und verwandte Einrichtungen Ausdruck innovativer Praxisentwicklungen „von unten“, die häufig von einzelnen Trägern oder Einrichtungen aus dem spezifischen lokalen Bedarf heraus angestoßen werden. Zum anderen wird die Entwicklung „von oben“ über entsprechende Anreizprogramme von Bund und Ländern vorangetrieben. Diese spielen auch insofern eine Rolle, als sie wesentlich zu einer fachlichen Profilierung der Einrichtungen beitragen. Wenn hier vor allem von Familienzentren und Mehrgenerationenhäusern die Rede ist, dann deshalb, weil sich mit diesen Begriffen die beiden exponiertesten Programme verbinden. So wurde im Jahr 2006 vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend das Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser ins Leben gerufen. Im Kontext dieses Programms sind bundesweit rund 500 Mehrgenerationenhäuser entstanden, die die Zielsetzung verfolgen, generationenübergreifende Begegnungen und Austausch zu fördern, Dienste und Alltagshilfen für unterschiedliche Lebensphasen und Lebenslagen zu bündeln und insbesondere der älteren Generation neue Zugänge zu freiwilligem Engagement zu eröffnen. Auf Länderebene hat insbesondere Nordrhein-Westfalen seit 2005 nahezu jede vierte Kindertageseinrichtung zu einem Familienzentrum ausgebaut. Andere Bundesländer, wie Brandenburg, Hamburg, Sachsen-Anhalt, Berlin oder Hessen, sind dem Beispiel gefolgt und fördern, wenngleich in unterschiedlichem Umfang, entsprechende Weiterentwicklungen ihrer Kitas.

Konzeptionelle Unterschiede
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Bärbel Matos Mendoza: Vorurteile brechen in sich zusammen

Verschiedene Generationen treffen sich in Taizé

Taizé, Sommer 2011. Wir nehmen teil an einer Woche der Familientreffen in Taizé. Während die Eltern vormittags einer Bibeleinführung durch einen Bruder von Taizé zuhören und sich anschließend in kleinen Gruppen über verschiedene Fragen, die der Text aufgeworfen hat, austauschen, betreuen jugendliche Freiwillige die Kinder: Jugendliche aus mehr als dreißig Nationen sind hier beisammen. Schon während sie gemeinsam im Freien ihr einfaches Frühstück einnehmen, beobachte ich, wie sie gemeinsam überlegen, welches Lied, welches Spiel die Kinder über alle Sprachbarrieren hinweg begeistern könnte. Die Verantwortung, die sie mit dieser Kinderbetreuung übernommen haben, nehmen sie sehr ernst. Ich freue mich, ihre Lebendigkeit und ansteckende Fröhlichkeit zu sehen, ihre Unvoreingenommenheit und ihre Frische. Die Kinder und ihre Eltern sind begeistert von diesen Jugendlichen und staunen über das Potential, das hier sichtbar wird.In Taizé ist es eigentlich eher die Ausnahme, dass die verschiedenen Generationen sich so direkt begegnen: Seit einigen Jahrzehnten finden hier das ganze Jahr über die Jugendtreffen statt. Und nach wie vor ist dieser Ort im französischen Burgund zutiefst geprägt von den zahlreichen Jugendlichen, die aus der ganzen Welt jedes Jahr für eine oder mehrere Wochen dorthin fahren. Eingeladen von den Brüdern von Taizé, ihr Leben in aller Schlichtheit für eine oder auch mehrere Wochen zu teilen, lassen sie sich auf das Wagnis eines sehr einfachen Lebensstils und einer für sie vielleicht ganz neuen und unbekannten Spiritualität ein. Dabei erleben sie, dass in sie ein großes Vertrauen gelegt wird. Dies beginnt schon beim organisatorischen Ablauf: Dass es überhaupt für so viele Menschen möglich ist, mit einem Minimum an Infrastruktur und ohne jegliche Angestellte zusammenzuleben, zu essen, zu beten, gelingt nur durch das Zusammenhelfen aller, unterstützt durch die Brüder. Freilich wird durch das gemeinsame Arbeiten ( z.B. Klos und Duschen putzen, oder Essen vorbereiten) oft eine recht intensive Gemeinschaft möglich, gerade weil die Jugendlichen unter sich bleiben und es so auch keine erwachsenen „Experten“ gibt, die sie belehren wollen. Ähnlich verhält es sich bei den Gesprächsgruppen. Weil es in allen Lebensphasen unterschiedliche „Lebensthemen“ gibt, ist es gut, dass Jugendliche und junge Erwachsene sich mit etwa Gleichaltrigen austauschen können. Die Brüder sehen sich nie als „Lehrmeister“ der Jugendlichen. Statt ihnen „spirituelle Weisheiten“ zu vermitteln, hören sie ihnen zu, versuchen sie zu verstehen und legen ein großes Vertrauen in sie. Nie geht es um irgendwelche „Erfolge“: Was die Jugendlichen mit den Impulsen anfangen, die sie aus Taizé nach Hause mitbringen, was das in ihrer Biographie vielleicht verändert, bleibt ganz ihnen selbst überlassen.Jugendliche sind in Taizé immer willkommen und können immer auch spontan und kurzfristig anreisen. Für die Erwachsenen über 30 Jahre ist es nicht ganz so einfach: Man sollte sich rechtzeitig anmelden, kann nur einmal im Jahr kommen und sollte die vollen Sommerferienwochen möglichst meiden. Familien mit Kindern können aus Platzgründen nur höchstens alle zwei Jahre kommen. Auch wenn das von einigen bedauert wird, die vielleicht selbst als Jugendliche schon in Taizé waren und hier Kostbares für ihr Leben entdeckt haben. Nur so ist es möglich, immer noch Freiräume für die „heutigen“ Jugendlichen zu schaffen, die ja in einer Phase sind, in der sie meistens entscheidende Weichen für ihr Leben stellen. Die sonst in der Gesellschaft vorherrschende Unterordnung der Interessen der jungen Generation unter die der älteren wird hier auf den Kopf gestellt und es entsteht erstaunlicherweise vielleicht gerade dadurch letztendlich ein tiefer gegenseitiger Respekt voreinander. So habe ich Erwachsene „im besten Alter“ und auch Ältere in Taizé erlebt, die voller Freude waren nach einem der gemeinsamen Gebete, an dem ja alle, die gerade in Taizé zu Gast sind, drei Mal am Tag teilnehmen. Sie hätten die Kirche noch nie so lebendig, so vielfältig erlebt wie hier, äußerten sie. Ich erinnere mich an eine ältere Frau, die meinte sie hätte jetzt wieder so viel Hoffnung für die Zukunft der Kirche und für die Zukunft überhaupt, wenn sie all die jungen Leute aus der ganzen Welt sähe, „ganz normale Jungen und Mädchen, und doch so ernsthaft, wenn sie miteinander im Singen und Beten und in der gemeinsamen Stille verbunden sind.“ Achtung und Respekt

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Autorinnen und Autoren

  • Barbara Bauer, Karlsruhe
    Oberkirchenrätin

  • Hannah Beitzer, München
    Journalistin

  • Tanja Breukelchen, Hamburg
    Freie Redakteurin

  • Udo Bußmann, Schwerte
    Landesjugendpfarrer

  • Michael Freitag, Hannover
    Grundsatzreferent der aej

  • Daniel Grein, Berlin
    Geschäftsf. Deutscher Bundesjugendring

  • Wolfgang Gründinger, Berlin
    Demokratieforscher M.A.

  • Dr. Kurt Lüscher, Bern
    Professor

  • Bärbel Matos Mendoza, München
    Mitarbeiterin

  • Reinhold Ostermann, Nürnberg
    Referent im Amt für Jugendarbeit

  • Angelika Overath, Sent
        Schriftstellerin

  • Birgit Riedel, München
    Politologin

  • Dr. Franz Segbers, Marburg
    Professor

  • Simon Schnetzer, Kempten
    Dipl.- Volkswirt
  • Dr. Fulbert Steffensky, Luzern
    Professor

  • Dr. Johannes Taschner, Bielefeld
    Privatdozent

  • Robert Zeidler, Hamburg
    Pastor an der Jugendkirche




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