das baugerüst 2/12 Verletzungen und Narben

 

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Inhalt

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    Peter Museal: Verletzungen, Schmerzen und Narben Umgang in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

    Jürgen Wolf: Die verletzlichen Jahre

    Narben

    Hannes Wechner: „Schluss mit lustig"
    Tod und Trauer bei Jugendlichen und der Umgang in der kirchlichen Jugendarbeit

    Inge Tempelmann: Religiöser Missbrauch
    Verletzungen und Narben nach frommer Gewalt und Wege der Heilung

    Peter Klentzan: Verletzungen der Seele

    Hildegund Keul: Das Wagnis der Verletzlichkeit

    Macht und Ohnmacht Gottes

    Lebensspuren - Was mich gezeichnet hat


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Wolfgang Noack: Besondere Kennzeichen

„Besondere Kennzeichen“ hieß eine Rubrik in den alten Reisepässen. Hier wurden Narben oder andere unveränderliche Merkmale des Menschen eingetragen. In den neuen roten, europaeinheitlichen Dokumenten ist dies nicht mehr vorgesehen. Gibt es keine Narben mehr? Oder haben die körperlichen Merkmale so zugenommen, dass die kurze Zeile in dem amtlichen Papier gar nicht mehr ausreichen würde? Tattoo am rechten Oberarm, Piercingloch am linken Ohrläppchen, Blinddarmnarbe, sichtbare Schramme an der rechten Wade, zugezogen beim Überspringen einer Stacheldrahtabsperrung und und und. Oder gehen unsere körperlichen Merkmale einfach niemanden mehr etwas an? Längst sind sie von biometrischen Daten und DNA–Analysen abgelöst worden und machen unveränderliche Kennzeichen computertauglich. Nacktscanner und der elektronische Chip mit Radio-Frequenz-Identifikation (RFID) im Reisepass identifizieren einen Menschen genauer als jeder körperliche Makel.

Ja eben, körperlich; von den anderen, den seelischen spricht sowieso keiner. Mit diesen besonderen Kennzeichen – würde man sie aufzeichnen - könnten die vielen Seiten eines Reisepasses gefüllt werden, die normalerweise für die bunten Stempel vorgesehen sind. Aber wen interessiert das schon? Kein Nacktscanner der Welt und kein noch so empfindlicher Radiochip sind in der Lage, meine seelischen Verletzungen zu messen. Oder nur noch nicht? Vielleicht werden eines Tages Gehirnströme im Reisepass abgespeichert, die den seelischen Zustand widerspiegeln. Bei Trauer und Depression heißt es dann: „Einreise nicht gewährt!“

Körperliche Narben und unveränderliche Kennzeichen spielen vielleicht auch deshalb keine amtliche Rolle mehr, da die Veränderung des Körpers zum individuellen Ausdruck des Menschen geworden ist. In New York fotografierte ich einmal einen Mann, in dessen Gesicht kein Fleck mehr frei war für ein weiteres Tattoo oder ein Piercing. Was sollte dieser Mensch denn in seinen Reisepass eintragen lassen?
Oder kommt die Pflicht, die eigene körperliche Anomalie sich amtlich bescheinigen zu lassen aus der Zeit, in der Narben noch mit Stolz getragen wurden? Der Schmiss ist eine Verletzung, die sich der Mann bei einer Mensur, einem streng reglementierten Fechtkampf, zugezogen hat. Studentenverbindungen pflegten diesen Freizeitspaß und der mitteleuropäische Akademiker trug – traf ihn dann der Säbel - durchaus mit Stolz seine Narbe, symbolisierte diese doch nach herrschendem Ideal die Tatkräftigkeit und Unerschrockenheit des Mannes.

Auch Kriegsverwundungen und Narben wurden nicht selten mit Stolz präsentiert. Aber wohl weniger um zu zeigen was für ein Haudegen man war, sondern um mitzuteilen: „schaut her was ich durchgemacht habe“. Auf Bildern von Kriegsveteranentreffen in den USA sieht man die körperlich Versehrten mit Krücken oder Rollstühlen in der ersten Reihe.
Andere Narben werden eher verschämt gezeigt, die eintätowierte KZ-Nummer am Unterarm oder das sichtbare Zeichen einer schweren Operation.
Und mit seelischen Narben lässt sich schon gar nicht hausieren gehen. Demütigungen, Missbrauch, Verlust, all das hinterlässt Spuren im Menschen, in jungen Jahren gleichsam wie bei Älteren. Die Religion kann einerseits helfende und befreiende Wege zeigen (s. Beitrag von Professor Eckhard Nagel „Hoffen auf Heilung“), andererseits ist sie aber auch an den Verwundungen beteiligt. „Du bist in mich eingezogen wie eine schwer heilbare Krankheit“, klagt der Freiburger Psychoanalytiker Tilmann Moser Gott in dem Buch Gottesvergiftung an. „Ich weiß“, schreibt Moser weiter, „dass du in den Narben, falls ich dich aus mir vertreiben kann, bis zu meinem Tode hausen wirst“. (Siehe hierzu das baugerüst-Gespräch mit Tilmann Moser auf Seite 44ff).

Aber nicht nur Menschen laufen mit sichtbaren und versteckten Narben herum. Auch Städte und Landschaften müssen Eingriffe über sich ergehen lassen, werden verändert, zerstört, repariert - und es bleiben Narben - oder auch nicht. Wer erkennt noch am Berliner Potsdamer Platz die Narben von Krieg und Mauer? Bei der Dresdner Frauenkirche erinnern die schwarzen Sandsteine an die Verwundung und jahrelangen Narben im Stadtbild. Aber wird nicht allzu oft die Zerstörung kaschiert mit Beton und Fassade? (Boris Michael Gruhl, Seite 32ff). Oder es sind Narben die bleiben, erinnern, mahnen. Wie das ehemalige Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. Dieses monströse Areal stört das Stadtbild, soll das Stadtbild stören. (Alexander Schmidt s. 38ff).

Es gibt sie natürlich, die Unverletzbaren, die Supermänner, die James Bonds, die mit dem Lebenspanzer herumlaufen. Michael Freitag fragt in dem Standpunkt, wie evangelische Jugendarbeit mit jungen Menschen in diesen „verletzlichen Jahren“ umgehen soll. „Sollen Jugendliche“, so Michael Freitag, „auch in der Evangelischen Jugendarbeit mit der Realität einer bestimmten Lebensfaçon konfrontiert“ werden und lernen, wie man Lebenspanzerungen konstruiert? Oder geht es nicht doch um einen Gegenentwurf, „gegen lebensfeindliche und resignative Ideologie der Abgebrühtheit?“

Ohne Verletzungen und Narben wird keiner alt. Jede Narbe ist auch eine Erinnerung. Man muss Narben anschauen, sich erinnern, sich von ihnen warnen lassen, denn sie bleiben besondere Kennzeichen.  

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Susanne Breit-Keßler: Narben

Vor Jahren suchte ich eine Modedesignerin auf. Sie sollte mein Brautkleid für die kirchliche Trauung schneidern. Als ich ihr winziges Atelier betrat, war sie hin- und hergerissen. So schlank, so zierlich, diese Taille, geradezu ideal ... Ich probierte verschiedene Entwürfe an. Irgendwann kam sie hinter den Vorhang, als ich gerade nahezu unbekleidet war. Beim Anblick der langen, senkrechten Narbe auf meinem Bauch schrak sie zurück. Die Narbe ist weder besonders Furcht erregend noch hässlich – aber sie ist da, 16 Jahre alt und 16 Zentimeter lang. Die Elogen auf die grazile Kundin unterblieben; das Gespräch verlief fortan unterkühlt. Mein Kleid hat ein anderer geschneidert – ein homosexueller Amerikaner, der den Spuren des Leidens selbstverständlich-behutsam gegenüber tritt. 

Dorothee Sölle hat es unübertroffen formuliert: „Wir könnten viele Leiden und die Bitterkeit der Leiden vermeiden. Aber nur um einen Preis, der zu hoch ist: wenn wir aufhören zu lieben.“ Vielen ist dieser Preis nicht mehr zu hoch. Sie haben sich verabschiedet von der Sympathie für das ganze Leben. Man mag nicht, was versehrt, was behindert ist, was vor den brüchigen Beauty-Fitness-Fassaden der Gesellschaft einen scheinbaren Makel darstellt. Immer mehr Menschen mögen nicht einmal an sich selbst, dass sie Mensch sind: Fett wird abgesaugt, Falten unterspritzt, der Busen mit Silikon gepolstert, der Hals bis an die Ohren gezogen. Wenn man schon die Spuren selbst gelebten Lebens nicht ertragen, sie einfach weghaben will, was ist dann mit „richtigem“ Leiden?
Mit dem, das Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer quält und peinigt, mit dem, was sie sichtbar und unsichtbar mit sich herumtragen?  Es gibt so viele Wunden, die Narben hinterlassen - neben Operationen und Unfällen, neben dem, was Menschen von Geburt „zeichnet“: Eine lieblose Kindheit, Missbrauch, Gewalterfahrungen im Erwachsenenalter, Trennungen, die einem das Herz herausreißen, Verluste, die einen schier zerbrechen lassen, religiöse Abhängigkeiten, Verachtung, aber auch „messerscharfe“ Urteile und „steinharte“ Vorwürfe, die das Selbstbewusstsein verwunden, Blicke wie Dolche…  Solche Verletzungen bleiben nicht offen, sie heilen ab, aber die Narben bleiben. Alles, was das Leben  gefährdet, angreift, zerstört, hinterlässt sichtbare und unsichtbare Zeichen.
Viele Menschen schämen sich dafür, weil sie spüren: Anderen bin ich eine Last, eine störende Gefahr, die daran erinnert, dass das Dasein ein zarter, vergänglicher „Hauch“ ist, wie der Name Abel sagt, der von seinem Bruder vernichtet wurde. Andere zeigen ihre Narben wie Kriegsveteranen: „Seht her, ich bin ein Kämpfer, ein Held!“ Schlagende Studentenverbindungen sind stolz auf Schmisse im Gesicht, die ihre Mitglieder als Sinnbild für ihre unerschrockene Tapferkeit tragen. Es kann auch sein, dass man jemanden im Krankenhaus besucht und der Patient ungefragt, ungebeten die Bettdecke zurückschlägt, Wunden, Schnitte und Narben präsentiert. Es passiert auch, dass ein Mensch mitten im Gespräch sein Hosenbein hoch- und die Strümpfe runterrollt und ruft: „Schauen Sie mal!“
Wer wie ich unfreiwillig Narben auf Körper und Seele trägt, wird sich mit Stolz auf Narben nicht anfreunden können - zu bitter ist das Erleben, zu schwer wiegt die Erfahrung, dass die eigene Existenz, die eigene Würde so  an“fechtbar“, so schnell von anderen, ihren Worten und Taten, auch von Krankheiten bedroht werden kann.  Wer einen mit seinen Verletzungen und Narben überfällt, begegnet  einem mit einer Mischung  aus der flehentlichen Bitte „Schau dir mein Leid an“ und dem fehlenden Gefühl für den Schutz von Intimität. Natürlich braucht es Mitgefühl, braucht es das Hinschauen. Aber, auch das ist wichtig, man kann und darf sich selber nicht instrumentalisieren und zu einem Publikum machen lassen, dass das Elend bestaunt.  Wahre Empathie sieht anders aus. 

Unversehrtes Leben?
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Eckhard Nagel: Hoffen auf Heilung

Glaube im Genesungsprozess

In der Luther-Bibel findet sich die Redewendung „Dein Glaube hat dir geholfen“ sechsmal. „Dein Glaube hat dir geholfen“ – das sind Worte, die Jesus von Nazareth laut biblischem Bericht zu ganz unterschiedlichen Personen gesprochen hat. Immer ging es dabei um Heilung. Genauer gesagt: Es ging um die erfüllte Hoffnung auf Heilung. „Dein Glaube hat dir geholfen“ – Jesus sprach diese Worte…
- zu dem Blinden bei Jericho,
- zu einem Aussätzigen,
- zu der Sünderin, die seine Füße küsste und salbte,
- und zu der blutflüssigen Frau, die voller Hoffnung den Saum seines Gewands berührte.

Die Botschaft „Dein Glaube hat dir geholfen“ kann leicht missverstanden werden und zwar dahingehend, dass der, der nicht gesund wird, nicht richtig glaubt. Oder, dass der, der krank ist, ebenfalls seinen Glauben nicht richtig lebt. Das ist ein gefährliches Missverständnis. Nicht zuletzt, weil es den Gedanken erlaubt, Krankheit könne eine Strafe Gottes, könne Ausdruck des Zornes Gottes sein. Dass es sich dabei nicht um einen mittelalterlichen Irrglauben handelt, sondern auch heute noch solche Vorstellungen ganz präsent sind, haben viele im Rahmen der Diskussion um das Verständnis der furchtbaren Erkrankung von HIV/Aids erlebt: Eine Todesstrafe für vermeintlich Ungläubige, für solche die ihre Sexualität falsch ausrichten, für solche die sich nicht moralisch akzeptabel verhalten. Aber so kann die Zusage Christi „Dein Glaube hat dir geholfen“ nicht gemeint sein.

Lassen Sie sich einen Moment mitnehmen in meine Klinik. Seit ich in der Universitätsklinik in Essen tätig bin, beschäftigt mich das Schicksal eines Jungen besonders und es bewegt mein Herz. Der Junge ist heute 13 Jahre alt. Er wurde mit einer Fehlbildung der Speiseröhre geboren. Zu früh damals – bereits in der 32. Schwangerschaftswoche - erklärten die Ärztinnen und Ärzte den Eltern: keine Überlebenschance. Die Mutter ist sicher bis heute tief betroffen, kann die Angst noch spüren, die sie erlebt hat. Diese bleibt bestimmend – Vertrauen ist und bleibt schwer! Und dennoch die moderne Medizin als Segen? - In seinen jungen Jahren wurde er bereits viermal operiert. Das Brustbein musste geöffnet werden – eine lebensgefährliche Prozedur, die nicht nur an den Kräften dieses kleinen Körpers zehrt. Nach jeder Operation Fortschritte und neue Komplikationen. Viel haben die besorgten Eltern erzählt und ich selbst habe mir die Frage gestellt: Warum muss dieser kleine Mensch ein solch schweres Schicksal erleiden?

Das Ringen hinterlässt Spuren

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Hans-Jürgen Benedict: Kollektive Verletzungen und Vernarbungen

Der Erfurter Amoklauf

Am 3. Mai 2002 versammelten sich etwa 100.000 Menschen auf dem Platz vor dem Erfurter Dom und der Kirche St. Severi. Eine Woche zuvor hatte der 19-jährige Robert Steinhäuser im Gutenberg-Gymnasium der Stadt sechzehn Menschen, vier Lehrer und acht Lehrerinnen, einen Schüler und eine Schülerin, eine Schulsekretärin und einen Polizisten erschossen, bevor er sich selbst tötete. Es war ein Amoklauf, der die Stadt und das ganze Land erschüttert hatte. Zu der Trauerfeier, einer der größten  in der deutschen Nachkriegsgeschichte, kamen die trauernden Angehörigen,  zehntausende erschreckter und mitfühlender Erfurter sowie die höchsten Repräsentanten der Bundesrepublik, des Landes Thüringen und der Kirchen. Es wurden bewegende Reden von Seiten der Politiker gehalten. Sie fanden Worte für das Entsetzen und die aufgebrochenen Gefühle der Verzweiflung sowie der Hoffnung. „Wenn wir wollen, können wir unser Entsetzen in Kraft, unseren Schmerz in Liebe, unser Leiden in Erkennen und unsere Angst in Hoffnung verwandeln.“ So, fast predigtartig, der Oberbürgermeister der Stadt Erfurt, Manfred Ruge. Zehn Jahre ist das jetzt her. Ist die kollektive Verletzung vernarbt? Und wie ist das geschehen? Durch das Verstreichen der Zeit? Den schwächer werdenden Schmerz um den Verlust geliebter Menschen? Dass es in der Schule keine Schüler mehr gibt, die den Amoklauf selber erlebt haben? Dadurch dass andere Amokläufe, ich nenne Winnenden, den von Erfurt im Gedächtnis teilweise überlagert haben? Ist die Mahnung des damaligen Bundespräsidenten Rau gehört worden: „Wir müssen einander achten, und wir müssen aufeinander achten.“  Hat sich die Symbolik der Rituale und Gesten  in dem anschließenden Gottesdienst am 3.Mai 2002  als wirkungskräftig erwiesen? Ich denke an  das Gefäß mit Weizen, das im Altarraum aufgestellt wurde  und an die begleitenden Worte des Dompropstes: „Der Boden unserer Herzen ist aufgebrochen…Was wir heute säen, ist unsere gemeinsame Zukunft.“
Die Gutenberg-Schule wurde für zwei Jahre geschlossen und umgebaut. Fünf Jahre nach der  Tat, im April 2007, saß der Schock noch tief. Die WELT schrieb Ende April 2007: „Auch fünf  Jahre nach dem Amoklauf im Gutenberg-Gymnasium verharrt Erfurt im Trauma. Solange die Tatumstände rätselhaft bleiben, wird sich daran nichts ändern.“  In der Schule gibt es  eine Gedenktafel, die an die schreckliche Tat und die Opfer erinnert. „Verbunden mit der Hoffnung auf eine Zukunft ohne Gewalt“ steht darauf. Und die Namen der Getöteten. Es gibt aber bislang kein sichtbares städtisches Zeichen des Gedenkens, wie Angehörige beklagten. „Hoffentlich knallen uns die Offiziellen am 26. April nicht wieder die Gräber so zu,“ meinte einer. „Sie interessiert das ganze Jahr nicht, wie es uns geht. Und einmal im Jahr kriegen sie dann die großen Gefühle und alles ersäuft unter fetten Kränzen.“ Der Vorwurf ist nicht zu überhören. Das immer noch Unfassbare verlangt nach einer plausiblen Erklärung und nach einer angemessenen Würdigung, die der Größe ihres Schmerzes entspricht. Vielleicht suchen sie auch immer noch nach einem Schuldigen. So verlangten einige der Angehörigen  eine bessere Aufklärung der Hintergründe der Tat, hielten die Untersuchungsberichte für ungenügend. Die Politiker hingegen argumentierten realpolitisch – die Hintergründe einer solchen Tat könnten nie endgültig geklärt werden. Die Schule wurde umgebaut, das thüringische Landesschulgesetz geändert (einen  Verweis ohne jedes Abschlusszeugnis wie im Fall Robert Steinhäusers soll es nicht mehr geben), Lehrer und Schüler wurden bundesweit auf den Fall eines Amoklaufs besser vorbereitet. In Winnenden am 11. März 2009 verhielten sich die Schüler entsprechend, auch die Polizei war schnell am Einsatzort, trotzdem konnte Tim Kretschmer 15 Menschen erschießen, bevor er sich selbst tötete. Und wieder eine ganze Gesellschaft geschockt, wieder Berge von Blumen und Kerzen, erneut Stille über der Stadt, Ratlosigkeit, eine Trauerfeier in der katholischen Kirche mit Bundespräsident und Kanzlerin. Aber man weiß und das zeigt jeder Fall, trotz besserer Gesetze ist so etwas nicht zu verhindern: Immer wieder verdichten sich in einem Menschen die ungelösten Konflikte einer Familie, Gruppe, einer Gesellschaft zu einer mörderischen Tat, die Eltern und Freunde haben nichts bemerkt – und dann das Grauen.  Wie wird das Gedenken in Erfurt am 10. Jahrestag aussehen? Wie der fünfte Gedenktag in Winnenden 2014?

Zivilreligiöse Trauerfeiern angesichts plötzlicher Gewaltereignisse und Katastrophen

Kollektive Traumata der jüngsten Zeit  haben zu tun mit dem gewaltsamen Tod, wie er in eine überwiegend zivile Gesellschaft einbricht. Der moderne Mensch vertraut in die Verlässlichkeit  riskanter, nicht hundertprozentig beherrschbarer  Techniken, in Verfahren friedlicher Regelung von Konflikten,  auch darauf, dass die Empörung über  das Unrecht anderswo (Naher und Mittlerer Osten) sich auf der Suche nach seinen Verursachern nicht terroristisch hier entlädt. Doch dann tut sich plötzlich die Brüchigkeit menschlicher Existenz  auf. Menschen werden schockartig mit Unbegreiflichkeiten konfrontiert, mit Naturkatastrophen, technischem Versagen, einem unglücklichen Verhängnis oder  Verbrechen. Wir empfinden mit den Opfern und ihren Angehörigen, weil wir wissen es hätte auch uns treffen können. Hätte es nicht auch die Schule oder das Ferienlager meiner Kinder sein können, an der ein Amoklauf stattfindet, die U-Bahn, die ich benutze, die von Terroristen attackiert wird,  das AKW in der Nähe, das einen GAU hat? Die Gesellschaft selber ist mit ihren Institutionen attackiert und in Frage gestellt. Wie kann das Vertrauen in die zivile Gesellschaft wiederhergestellt, wie  Rache und Hysterie  vermieden, wie der Glaube an einen guten Sinn  des Lebens, an einen barmherzigen Gott bewahrt  werden? Zur Beantwortung dieser Fragen ist Kirche trotz  säkularer Zivilgesellschaft  stark gefragt.
Auch wenn es eine öffentliche Trauerfeier oder einen Staatsakt gibt, die kirchliche  Trauerfeier hat oft  noch die Priorität. Dass immer noch  die Gottesdienstform  gewählt wird, hängt mit dem Gefühl zusammen, „dass die Religionen, dass das Christentum für diese Letztdimensionen von Leben und Tod angemessene Formen des Umgangs haben, vielleicht sogar Antworten, die Halt und Orientierung geben können. Das heißt für die Kirchen: Es ist eine Art Vertrauensvorschuss, dass ihre Rituale, ihre Symbole, ihre Botschaft eine Wahrheit enthalten, die angesichts der radikalen Infragestellung von Sinn den Menschen Trost und Hoffnung vermitteln kann. Das ist nicht selbstverständlich(…). „Das Vertrauen ist nicht ungebrochen, aber es ist da, und das ist ein kostbares Gut.“ (P.Cornehl,Vortrag an der Uni Tübingen, 2011) Gerade die ökumenische Trauerfeier für die Opfer der Massenpanik während der Love-Parade  am 31.7.2010 in der Duisburger Salvatorkirche zeigte wie riskant das ist. Während der evangelische Präses und der katholische Bischof  sich in gewagten Vergleichen und Trostformeln („Die Loveparade wurde zum Totentanz“, „Liebe ist stärker als der Tod“) und schwer nachvollziehbaren Umschreibungen einer Jenseitshoffnung ergingen, sprach die Ministerpräsidentin Hannelore Kraft direkt im Anschluss an den Gottesdienst konkret von ihrem Erleben der Katastrophe und von den Opfern. „Grausam und jäh seien sie aus ihren Hoffnungen und Träumen, aus ihren Zukunftsplänen, Familien und Freundeskreisen gerissen worden.“ Das schien die Gefühle der Anwesenden besser auszudrücken. Auch bei der  zivilreligiösen Trauerfeier für den durch Selbstmord gestorbenen  Torhüter Robert Enke in der Hannoveraner AWD-Arena am 15.11.2009 waren die Ansprachen des Vereinsvorsitzenden Kind und des DFB-Präsidenten Zwanziger erstaunlich einfühlsam in der Vergegenwärtigung des Verstorbenen und in der Andeutung von Konsequenzen für die Gesellschaft. Der katholische Pfarrer, der Seelsorger der Familie Enke, gab der zivilreligiösen Handlung durch die rituellen Elemente Begrüßung, Anrufung Gottes und Aussegnung gewissermaßen eine Klammer.
Was passiert, wenn Kirche trotz Präsenz der beiden Militärbischöfe an den Rand gedrängt wird und das Militärische überwiegt, zeigte sich in der Trauerfeier, die am 23. Mai 2007 in einer Halle des Flughafens Köln/Bonn für drei im nordafghanischen Kunduz getötete Soldaten der Bundeswehr. Das strenge Zeremoniell an einem nüchternen Ort erreichte augenscheinlich die gegenüber den Särgen Sitzenden nicht.

Modelle der Vernarbung – Ostdenkschrift, Wahrheitskommission, Historisierung

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Geiko Müller-Fahrenholz: Narben, die nicht mehr schmerzen

Vergebung und Vernarbung

Die Realität  von Sünde und Schuld

Warum ist das Vergeben oder Verzeihen heute so billig geworden? Warum setzen wir dort, wo es um die „harten“ Interessen geht, lieber auf  Vergeltung und Genugtuung?
Das liegt meiner Meinung nach zuerst daran, dass wir uns angewöhnt haben, die Realität von Sünde und Schuld zu leugnen. Wir reden von „Steuersündern“, von „Verkehrssündern“ oder gar von „Kaloriensünderinnen“. Damit wird verharmlost und verniedlicht, was in Wirklichkeit eine zerstörerische Mächtigkeit besitzt.  Wir sehen doch überall, wie Menschen ihr Leben kaputt machen, wie sie das Leben anderer Mitmenschen und Mitgeschöpfe zerstören, wie sie Gewalt verherrlichen und mit dem Krieg ihre blutigen Geschäfte machen. Auch wenn es nicht „angesagt“ ist, so sollten doch wenigstens wir Christen eindeutig von Sünde und Schuld sprechen.
Daraus aber folgt ein zweites: Jede schuldhafte Handlung, jedes Verbrechen und jede Untat hat seine Täter und seine Opfer; denn alles, was wir Menschen tun, geschieht in sozialen und kommunikativen Zusammenhängen. Es hat seine konkreten Auswirkungen. Es schafft oder verstärkt bei den Tätern und den Opfern Wirkungsgeschichten.
Es ist mir wichtig, diese doppelte Wirkungsgeschichte zu betonen. Denn in dem traditionellen christlichen Sündenverständnis kommt nur der „Sünder“ in den Blick. Diese „Täter-Orientierung“ muss um die „Opfer-Orientierung“ ergänzt werden. Und was sich auf beiden Seiten abspielt, sieht sehr verschieden aus. Auf der Täterseite findet sich ein mehr oder minder klares Schuldbewusstsein, Scham, vielleicht auch Reue, aber ebenso oft ein krampfhaftes Bemühen, die eigene Untat zu verharmlosen oder – mit mehr oder weniger Gewalt - vergessen zu machen. Auf der Opferseite wirkt das erlittene Unrecht als Beleidigung und Beschämung; es wühlt weiter in Rachegelüsten und Vergeltungsphantasien, es gräbt sich als tiefe Kränkung in das Leben ein.
Wir alle wissen, wie Taten oder Unterlassungen, mit denen wir uns an anderen versündigt haben, in uns weiter wirken. Wir wissen aber auch sehr genau, wie es sich anfühlt, wenn andere sich an uns versündigen, wenn sie uns beleidigen, klein machen und kränken.
Wie gehen wir mit diesen Wirkungsgeschichten um? Sollen wir darauf hoffen, dass sie irgendwie vernarben? Wir wissen doch aus eigener Erfahrung, wie hässlich Narben aussehen, die schlecht verheilt sind. Und wie trügerisch Vernarbungen sein können, wenn zum Beispiel bei Operationen Krankheitskeime eingeschleppt worden sind. Was nach außen hin glatt und sauber erscheint, schafft innerlich verzehrende und lähmende Schmerzen.
Die Konsequenz ist, dass wir diese Wirkungsgeschichten von Schuld und Unrecht nicht sich selbst überlassen dürfen. Übrigens haben die Menschen dies zu allen Zeiten gewusst und beherzigt. Sie haben zum Beispiel versucht, unabhängige Schlichtungs- und Vermittlungsinstanzen aufzubauen. Die bedeutendsten finden sich  in dem Rechtswesen. Da können Verbrecher zur Rechenschaft gezogen werden. Untaten werden gesühnt. Den Opfern geschieht  - manchmal -  Gerechtigkeit. Kompensationen können ausgehandelt werden.

Mit Unrechtserfahrungen leben

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Boris Michael Gruhl: Menschen leben mit ihren Narben, Städte auch

Verletzungen, Verwundungen, Operationen hinterlassen Narben. Menschen gehen damit unterschiedlich um. Die Narbe am Knie, die für immer an den Sturz erinnert als wir zum ersten Mal versuchten mit dem Fahrrad zu fahren, wird vielleicht ein Leben lang heiter kommentiert. Andere Narben versuchen wir zu verbergen. Nicht selten sind das solche, die sich Menschen selbst zugefügt haben. Vielleicht gibt es sogar Narben, die wir dankbar betrachten, wenn sie an eine Operation erinnern, die uns von dem befreite, was unser Leben bedrohte.
Es gibt auch die unsichtbaren Narben der Seele, die uns an erlittene Verwundungen erinnern, besonders dann, wenn sie aufbrechen, wenn sie nicht heilen wollen, wie die vom Sturz mit dem Fahrrad. Menschen leben mit Narben. Ihr Verhältnis dazu ist unterschiedlich, dem einen macht es nichts aus, der andere wird sie zu verbergen suchen oder sich medizinischer Mittel bedienen, sie zu kaschieren, zu verschönern, unsichtbar zu machen. Ungeschehen lässt sich jedoch das, was zu den Vernarbungen unserer Haut oder unserer Seelen führte nicht mehr machen. Wahrscheinlich gehören Narben zu einem lebendigen Organismus.
Wir sprechen auch von Narben im Erscheinungsbild einer Landschaft, einer Stadt. Landschaften, Städte können ebenso verwundet werden, die Natur schlägt Wunden, denken wir an Unwetter und Naturkatastrophen. Ideologischer Gestaltungswille, die sichtbare Zementierung oder Betonierung von Herrschaftsansprüchen, hinterlässt hässliche Narben. Wer einmal in Bukarest war wird solche Eindrücke nicht vergessen können.
Die gewaltigsten Narben in den Landschaften, in den Städten hinterlassen Kriege. Deutschland führte den Zweiten Weltkrieg, verwundete, verletzte und vernichtete Menschen und Landschaften, löschte Städte aus, vernichtete Kultur und Traditionen. Wer etwa nach Polen oder Russland reist kann mörderischen Spuren nachgehen und erschüttert wahrnehmen, dass längst nicht alle Wunden geheilt, geschweige denn vernarbt sind. Bestenfalls ist Gras darüber gewachsen. Aber den Grünflächen sollten wir grundsätzlich misstrauen in den Städten, darauf hat der Berliner Autor Heinz Knoblauch immer wieder hingewiesen. Noch misstrauischer sollten wir sein, wenn in den Teichen auf dem Areal des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau die gelben Wasserlilien blühen. Die Asche der vergasten und verbrannten Menschen wurde hier entsorgt. Der Krieg kam zurück, mit ihm die Zerstörung und Verwundung der Städte seiner Anstifter in Deutschland.   
Unsere Städte, Dörfer und Landschaften sind verwundet

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Alexander Schmidt: Die Wunde im Stadtbild

Nürnberg und das Reichsparteitagsgelände

Rückblick – ein Bauprojekt und die Folgen

Der Bau des Reichsparteitagsgeländes ab 1933 bedeutete für Nürnberg eine bis dahin beispiellose Landschaftszerstörung. Es stand mit dem Areal rund um den Dutzendteich nicht weniger als das wichtigste Naherholungsgebiet im Südosten der Stadt vollständig zur Disposition. Man begriff in der Nürnberger Stadtverwaltung zwar nicht sofort, was der Beschluss Hitlers, jährlich in Nürnberg den Reichsparteitag der NSDAP abhalten zu lassen, tatsächlich für die Stadt bedeutete, zog allerdings dann willig mit. Hitler drohte schon in einer der ersten Besprechungen, als es um die Abhaltung des Reichsparteitags 1933 ging, dass Nürnberg sich schon entscheiden müsse, ob es den Reichsparteitag in seinen Mauern abhalten lassen oder ein paar alte Bäume erhalten wolle.
Es blieb nicht bei „ein paar“ Bäumen: Der historische Park Luitpoldhain wurde einschließlich eines bunt beleuchtbaren Springbrunnens, zahlreicher kleiner Gebäude und Treppenanlagen mit Skulpturen sowie eines Wasserturms  komplett geschleift. Für den Bau der Kongresshalle sprengte man einen kleinen Leuchtturm am Ufer des Dutzendteichs, planierte eine Parkanlage, begradigte etwa ein Drittel des gesamten Dutzendteich-ufers, beseitigte eine Insel im Teich und riss den gleich nebenan liegenden alten Tiergarten ab. Als Speer schließlich 1934 den Gesamtplan für das Gelände vorlegte, fielen dieser Bauvision große Flächen Wald (Bauplatz Deutsches Stadion), ein Areal für den Siedlungsbau (Lagergelände), Heideflächen (Märzfeld), Kleingärten und Sportplätze (Zeppelinfeld) sowie kleine Weiher und Teile des Dutzendteichs (Große Straße) zum Opfer. Letztlich war der Bau des Reichsparteitagsgeländes auch das Ende des preisgekrönten, gerade einmal fünf Jahre alten Sportparks von 1928 um das Nürnberger Stadion. Nicht mehr Erholung, Sport und kulturelle Veranstaltungen in einem ansonsten grünen und unbebauten Gebiet, sondern die Massenaufmärsche auf großen Freiflächen standen nun im Vordergrund. Außerhalb der Reichsparteitagswoche wurde das Gelände zwar von zahlreichen Touristen bewundert, hatte aber keinen weiteren Nutzen und wurde so zum toten Raum.
70 Jahre danach – Zeit heilt Wunden?

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„Verletzungen können die Kreativität der Seele anregen“ Gepräch mit Tilmann Moser

„Du bist in mich eingezogen wie eine schwer heilbare Krankheit“ schreibt Tilmann Moser am Anfang seines 1976 erschienenen Buches „Gottesvergiftung“. Der Freiburger Psychoanalytiker klagt, provoziert und teilt die Lesegemeinde. Von der „Gotteskrankheit“ ist die Rede, vom „Wuchern der Tumore in meiner Seele“, die Verletzungen und Narben hinterlassen. 30 Jahre später schreibt Tilmann Moser in dem Buch „Gott auf der Couch“ über die heilsame Ressource der Religion bei vielen Menschen.
Über religiöse Verletzungen, seelische Wunden und bleibende Narben sowie über das Gottesbild sprachen Michael Freitag und Wolfgang Noack mit Tilmann Moser.


baugerüst: Herr Moser, in dem Buch „Gottesvergiftung“ schrieben Sie: „Ich weiß, dass du in den Narben, falls ich dich aus mir vertreiben kann, bis zu meinem Tode hausen wirst“. Schmerzen diese Narben immer noch?

Moser: Nein, es sind Narben da, aber die schmerzen nicht mehr. Ich bin nach wie vor sehr mit diesem Thema beschäftigt, aber ohne Schmerzen.

baugerüst: Was sind eigentlich religiöse Verletzungen, die Narben entstehen lassen können?

Moser: Religiöse Narben sind hauptsächlich Schuldgefühle. Menschen fühlen sich sündig und haben darum eine geringe Lebensfreude. Viele haben sehr stark an Gott geglaubt, unendlich gebetet und machen sich nun Schuldgefühle, weil sie keine Antwort bekommen haben. Diese Enttäuschung kann jahrelang oder jahrzehntelang als Versagensgefühl existieren, oder als Gefühl: jetzt bin ich auch von ihm verlassen, der doch gesagt hat, „ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein“. Alles was Menschen, vor allem Kinder versprochen wurde, hat sich nicht eingelöst, dann entstehen seelische Wunden.

baugerüst: Ist es dann überhaupt möglich, ohne Verletzungen religiös zu sein?

Moser: Ja, das gibt es, wenn in einer einigermaßen harmonischen Familie Gott den Kindern nicht mit Gehorsamserwartung und Sündengefühlen verbunden, sondern auf freundliche Weise beigebracht wird. Wenn sich das mit dem Geborgenheitsgefühl der Familie verbindet, kann es Religiosität ohne Verletzungen geben.

baugerüst: Dann kann der Glaube auch zu einer Ressource für den Menschen werden?

Moser: Durchaus. Mediziner erleben heute in Kliniken, dass Patienten, die diesen gutartigen Glauben haben, schneller gesunden und schneller wieder Kontakt finden. Ich suche auch bei meinen Patienten, wenn sie Verletzungen bekunden, nach diesem ursprünglichen Gefühl und ob es wiederbelebt werden kann. Wenn derjenige dort nicht hin zurückkehren will, dann ist es ein oft wirklicher Abschied und ein Abschied mit der Bitterkeit der Enttäuschung.

baugerüst: Keine menschliche Beziehung ist aber von Enttäuschungen oder Verletzungen verschont, so auch die religiöse.

Moser: Ja sicher. Zum Beispiel ist es für manche Menschen eine Verletzung, dass die Wunderheilungen Jesu wahrscheinlich so nicht stattgefunden haben, sondern lediglich fromme Geschichten sind.

baugerüst: Eine Enttäuschung oder eine Verletzung?

Moser: Das kommt darauf an, welcher Anteil des Glaubens zu einer schweren Enttäuschung geführt hat und als Verletzung zurückgeblieben ist. Eine Verletzung z. B. kann sein, wenn ein Kind merkt, die Eltern geben vor fromm zu sein, schicken mich in den Kindergottesdienst, und tatsächlich tut der Vater der Mutter Gewalt an. Diese Kluft zwischen dem was gepredigt und dem was gelebt wird, zeigt sich auch in dem ganzen Missbrauchsskandal.

baugerüst: Menschen erleben im Laufe ihrer Biographie den Glauben durchaus ambivalent, als Versprechen, als Ressource, als etwas Tragendes oder eben auch nicht. Kann es denn überhaupt einen gesunden Glauben geben? Sind Enttäuschungen an sich gar nichts Schlimmes oder Dramatisches, wenn sie anschließend verarbeitet werden?

Moser: Enttäuschungserlebnisse sind sogar notwendig, damit der Glaube reifen kann. Oft gibt es ja aus der Enttäuschung heraus  Zeiten, wo Menschen Gott zu vergessen versuchen und kein Kontakt zu Kirche und Glaube besteht. Plötzlich tritt irgendeine Situation ein, bei der sie das Gefühl haben, das schaffe ich nicht alleine, da brauche ich Beistand. Mancher Glaube wird als Notstandshilfe wieder in Betrieb genommen. Ich finde das gar nicht so schlecht, denn hier erfolgt eine Rückbesinnung auf eine Kraftquelle, die es früher einmal gab.

baugerüst: Sind Verletzungen prinzipiell negativ zu bewerten oder gibt es eine Art Verletzungsgewinn?
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Michael Freitag: Achilles und die Evangelische Jugend

Lebenspanzer, Verletzlichkeit und das heilsame Potenzial des Glaubens

Menschen sind verletzlich und verwundbar

Verletzungen sind schmerzhaft und können bedrohlich und gefährlich werden. Darum sehnen sich Menschen danach, unverletzlich zu sein und auf diese Weise zu Helden ihres Lebens und unbesiegbar zu werden.
Von diesem Traum der Unverletzlichkeit und entsprechenden Strategien erzählen uralte und neuere Sagenkreise und Mythen: Der antike Held Achilles ist gepanzert von Kopf bis Fuß (Griechische Heldensagen). Siegfried von Xanten hat sich in den Kämpfen mit den Drachen seines Lebens durch heißes Drachenblut eine undurchdringliche Hornhaut zugezogen (Deutsche Heldensagen). Kaum verletzbar sind auch von guten Wesen zum Bösen mutierten Monster wie die Nazgul aus „Herr der Ringe“, die ihre Macht durch den dunklen Herrscher von Morgul gewinnen (Sagenkreis der Fantasy-Literatur) oder seelenlose Roboter bzw. Androiden (Kunstmenschen) aus einer beliebigen Weltraum-Saga (science fiction). Auch Superman ist unverletzlich, allerdings nur in seiner vom realen Leben abgespaltenen Persönlichkeitsform als Superheld.
Und der Computerspezialist Boris Grischenko im James-Bond-Film Goldeneye hält sich am Computer und damit überhaupt für unbesiegbar (James-Bond-Mythos).

Sagen und Mythen erzählen von Urbildern und Grundkonstituenten menschlichen Lebens. Sie beschreiben darum auch den Preis, den diese scheinbare Unverletzlichkeit mit sich bringt. All diese Lebens-Helden haben ihre Menschlichkeit ganz oder zu Teilen eingebüßt. Wer wie Achilles rundum verpanzert ist, ist damit unkenntlich und unnahbar geworden; Siegfried wird „abgebrüht“ und büßt an Empfindsamkeit ein; die Nazgul sind nur noch böse, giftige und todbringende Un-Wesen ohne eigene Identität; Roboter gelten in der Regel als seelenlos und unfähig zu menschlichen Gefühlen; Superman leidet an einer offensichtlichen Persönlichkeitsspaltung. Und Boris Grischenko ist schlichtweg abgedreht und hat sich in seine eigene reduzierte Sonderwelt zurückgezogen, in der er sich selbst für den absoluten „King“ hält und seine reduzierte Welt für die eigentliche Realität - mit der Folge gravierenden Allmachtswahns und Realitätsverlustes.


Menschen sehnen sich nach Unverletzlichkeit –
und bleiben doch verletzlich


Alle genannten Sagen und Mythen wissen auch von der bleibenden Verwundbarkeit  ihrer Helden: Die sprichwörtliche „Achillesferse“ und die ungeschützte Stelle zwischen den Schultern, an der Siegfried tödlich verletzt werden kann; die Nazgul werden durch den Mut und die Opferbereitschaft der Hobbits, also von viel schwächeren Wesen, besiegt; die Findigkeit der Menschen entwickelt gegen jeden Roboter geeignete Waffen; und auch Boris findet seine Meister: in einer Frau - und natürlich in James Bond, der zwar immer gewinnt, aber prinzipiell doch als verwundbar gezeichnet ist.
Alle Wesen haben ihre Schwachpunkte und können ihrer Verletzlichkeit und Verwundbarkeit nicht entkommen.
Menschen sind verletzlich – und Jugendliche besonders

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Weiterlesen in Heft 2/12

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Autorinnen und Autoren

  • Dr.Hans-Jürgen Benedict, Hamburg
    Professor

  • Susanne Breit-Keßler, München
    Regionalbischöfin

  • Michael Freitag, Hannover
    Grundsatzreferent der aej

  • Boris Michael Gruhl, Dresden
    Autor

  • Dr. Hildegund Keul, Würzburg
    Professorin

  • Peter Klentzan, Ruhpolding
    Diakon, Traumatherapeut

  • Dr. Tilmann Moser, Freiburg
    Psychoanalytiker

  • Dr. Geiko Müller-Fahrenholz, Bremen
    Publizist

  • Peter Musall, Gelnhausen
    Pfarrer i.R., Psychotherapeut, Supervisor

  • Dr. Eckhard Nagel, Essen
    Prof.Dr.Dr.med. habil Dr. phil Dr. theol h.c.

  • Dr. Alexander Schmidt, Nürnberg
    Wissenschaftlicher Mitarbeiter am
    Dokumentationszentrum Nürnberg

  • Inge Tempelmann, Lüdenscheid
    Lebensberaterin, Coach, Buchautorin

  • Dr. Hannes Wechner, Innsbruck
    Theologe

  • Jürgen Wolf, München
    Diplompsychologe



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