das baugerüst 4/12 Hoffnung

 

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Inhalt

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    Fulbert Steffens: Man muss viele Geschichten kennen, um der Hoffnungslosigkeit zu entgehen

    Karl-Heinz Rohling: Die Suche nach Sinn

    Petra Dias: Rein-Reden – Worte der Hoffnung
    Sprechblaseninstallationen in der Jugendkirche Stuttgart

    Volkmar Hahn: Träume, Hoffnung, Rio - und dann?
    Theater inszenieren mit jungen Menschen

    Gerd Theißens: Hoffnung für die Welt

    Gesprächseinstieg Hoffnung


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Wolfgang Noack: Projekt Hoffnung

Die Europäische Union erhält in diesem Jahr den Friedensnobelpreis. Vor knapp einhundert Jahren pinselten deutsche Soldaten auf die Eisenbahnwaggons, die in Richtung Front fuhren: „Jeder Schuss ein Ruß, jeder Tritt ein Brit, jeder Stoß ein Franzos!“. Heute, so die Begründung des Osloer Nobelkomitees, habe sich der „Kontinent des Krieges in einen des Friedens“ verwandelt. Nun gibt es vieles an EU und Brüsseler Politik zu kritisieren: die Bürokratie, die Vorherrschaft der Finanzinteressen und auf dem Balkan hat man sich auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Aber dass sich heute junge Deutsche für einen Krieg gegen Franzosen, Polen oder Briten begeistern lassen - undenkbar. Zweimal im letzten Jahrhundert überzog der Kontinent, ausgehend von Deutschland, die Welt mit schrecklichen Kriegen - Verdun, Stalingrad, Auschwitz. Und heute fahren wir vom Nordkap bis Sizilien mit dem Gefühl, im eigenen Land unterwegs zu sein. Nochmal: Es gibt viel zu kritisieren und zu verändern, aber trotzdem bleibt Europa ein Hoffnungsprojekt, wie „Erzfeinde“ die Mauern in ihren Köpfen einreißen können.

Ein anderes Ereignis jährt sich dieser Tage zum fünfzigsten Mal: Die Kuba-Krise. Die UdSSR wollte auf Kuba atomare Mittelstreckenraketen stationieren, die USA blockierten den Transport der Waffen auf dem Seeweg dorthin. Im Oktober 1962 gab es Momente, die der Menschheit fast ein Ende gesetzt hätten. Der Dritte - atomare - Weltkrieg schien unmittelbar bevorzustehen. „Der Präsident“, so schreibt Robert Kennedy über seinen Bruder John F. Kennedy, „hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Aber es war nur eine Hoffnung, keine Erwartung. Die Erwartung war, dass es zu einer militärischen Auseinandersetzung kommen wird, vielleicht schon morgen“.

Hoffnung - Erwartung. Ist der Hoffende ein Träumer und der Erwartende Realist?

Unruhige Erwartung

Sprachgeschichtlich kommt Hoffnung von hopen,  „hüpfen“. Gemeint ist eine unruhige Erwartung, die „zappeln“ lässt, damit etwas Wünschenswertes in der Zukunft eintritt, ohne dass wirkliche Gewissheit darüber besteht. Eine Art Investition in das eigene Denken, in die eigene Haltung. Nun verwenden wir diese hoffende Erwartung in vielen Zusammenhängen: von banal („hoffentlich erwische ich noch den Zug“) bis hin zu dem Gespräch am Krankenbett („Besteht noch Hoffnung?“).

„Eine Hoffnung lernt gehen“, hieß Ende der 80er Jahre die Einladung der DDR-Kirchen an die Gemeinden, sich an der Ökumenischen Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung zu beteiligen. Vielleicht muss Hoffnung wirklich gelernt werden, oder sie ist schon da und muss sich in Bewegung setzen - persönlich und politisch. Barbara Hanusa beschreibt in diesem Heft, wie Hoffnung ein Bildungsprojekt mit Jugendlichen sein kann.

„Die Hoffnung riskiert die Enttäuschung“

Viele Traueranzeigen sind mit dem Satz überschrieben: „gehofft, gekämpft und doch verloren“. Man spürt förmlich, wie viel Hoffnung Menschen trotz einer schlimmen Diagnose investiert, wie viel Kraft sie aufgewendet haben. Sind sie der eigenen Illusion auf den Leim gegangen? „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ antwortet der Volksmund. Eine Haltung ist manchmal mächtiger als die Realität oder eine Diagnose. Aber dann der Satz von Vaclav Havel: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht“. Das ist erst mal schwer zu verdauen, klingt nach Unterordnung. Nina Ruges Satz, mit dem sie sich jahrelang in ihrer nächtlichen Fernsehsendung verabschiedete, erscheint erst einmal sympathischer: „Alles wird gut“. Sympathischer, aber eben auch naiver.
„Die Hoffnung riskiert die Enttäuschung“, sagt Jürgen Moltmann in dem baugerüst-Gespräch. Wer nicht hofft, kann auch nicht enttäuscht werden.

Damit sind wir wieder bei dem amerikanischen Präsidenten während der Kuba-Krise. Er hatte den friedlichen Ausgang „nur gehofft“, erwartet hatte er etwas anderes. Das Negative erwarten und das Positive hoffen. So schütze ich mich vor Enttäuschung. Wer kennt diese Haltung nicht aus seinem persönlichen Bereich. „Das habe ich mir gleich gedacht“, meldet sich dann der Realist in einem selbst.

„Ich glaube“, fährt Jürgen Moltmann, der Autor der „Theologie der Hoffnung“ fort, „wir leiden nicht an einem Übermut der Hoffnung, sondern eher an einer Unterfütterung. Wir trauen uns Möglichkeiten die wir haben nicht zu“.

Luther wollte noch einen Apfelbaum pflanzen, auch wenn er wüsste, dass morgen die Welt unterginge. Hoffen bis zuletzt.

Ich habe einmal Max Mannheimer, den Überlebenden von Auschwitz, gefragt, was ihm in der scheinbar aussichtslosen Situation eines Konzentrationslagers Hoffnung zum Überleben gab. „Ich war sehr verzweifelt“, antwortete Max Mannheimer, „aber mein Bruder, der mit mir inhaftiert war, steckte mich mit seiner Hoffnung an. Er sagte immer wieder, die Amerikaner und die Russen sind schon so nah, du wirst sehen, in zwei Monaten sind wir frei. Diese positive Einstellung hat mir geholfen zu überleben“.

Zur Hoffnung braucht es Menschen, die mitgehen, die aufrichten und motivieren in die eigene Hoffnung zu investieren. Persönlich und im politischen Kontext. Eine Hoffnung lernt gehen. Jugendarbeit kann ein solches Projekt sein.

Es waren Jugendliche aus verschiedenen Verbänden und Ländern, die 1950 an der deutsch-französischen Grenze symbolisch die Schlagbäume abrissen in der Hoffnung auf ein vereintes und friedliches Europa. Auch sie haben den Friedensnobelpreis verdient. 

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Richard Riess: Warum der Mensch Hoffnung braucht

„Wenn ich als Theologe von den großen Bildern der Hoffnung reden will, stelle ich fest, dass man sie durch nichts ersetzen kann: die Verheißungsbilder vom Reich Gottes, die Mahlgemeinschaft, das Reich der Freiheit, des Friedens, das Lachen der Kinder Gottes, die abgewischten Tränen … Das ist der Weg, den ich gehe, mit der Umkehr, mit der Hoffnung…“  (Johann Baptist Metz)

Was die Hoffnung begründet

„Dum spiro, spero. Solange ich atme, hoffe ich auch.“ So lautet ein latei-nisches Sprichwort. Die Hoffnung – ein Merkmal, eine Eigenschaft des Menschen? Sicherlich auch. So wie seine Suche nach Sinn und seine Sensibilität für das, was ihn unbedingt angeht. Eine Gegebenheit demnach  - und eine Gabe. In dieser Hinsicht ist auch die Hoffnung mit dem Wunder und dem Traum, dem Geheimnis und dem Segen verschwistert.
Immer aber wartet am Ende der Tod. So der Anwalt der sogenannten Tatsachenwelt. Am Ende? Der Tod? Der Augenschein gibt ihm recht: Dieser Kranke wird nie mehr gesund. Diese Sterbende wird sterben – trotz aller Bemühungen der Ärzte. Dieses Alter ist nicht mehr rückgängig zu machen. Dieser Schmerz ist nicht zu stillen. Ach, hören Sie mir doch auf mit dem Gerede von der Hoffnung.
Und doch. Die Hoffnung lebt oftmals gegen den Augenschein. Sie bürstet sozusagen gegen den Strich, schwimmt gegen den Strom, überrascht die Wirklichkeitsfanatiker. So wird sie zum Anwalt, zum Ausdruck des Lebens selber: verwundbar, widerlegbar und schwach, aber auch kraftvoll, selbstbewusst und unzerstörbar wie das Leben. Gewiss. In vielen Momenten dieses Lebens wird ein Mensch resignieren. Zu hart ist die Realität, zu aussichtslos die Zukunft. Gäbe es da nicht jenen Anflug der Hoffnung, von einer Ahnung her und einer stillen Anwandlung, die sich auf lauter Anfänge stützt:

  • Da ist der Auszug eines Volkes aus letzter Verlorenheit. Und der Auszug gelingt wie auch der Einzug in das Gelobte Land. Seitdem klingt sein Grundton weiter in tausend Gesängen: Let my people go.
  • Da ist der unendliche Abgrund zwischen dem letzten Wort des Menschen („Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“) und dem ersten Wort Gottes am Morgen („Fürchtet euch nicht! Warum sucht ihr den Lebendigen bei den Toten? Er ist nicht hier. Er ist auferstanden.“). Und der unendliche Abgrund wird für immer überbrückt.
  • Da ist jene ferne Ahnung von der endgültigen Ankunft des Menschen in der Welt Gottes, jener „himmlischen Stadt“, in der der Tod nicht mehr sein wird, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz. (Apk. Joh. 12, 4)

Was die Hoffnung bedroht

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Reinhard Hempelmann: Endlichkeit und Weltuntergang

Warum faszinieren Weltuntergangsszenarien?

Endlichkeit ist die Signatur allen Lebens und auch die Signatur des Kosmos. Über das Ende aller Dinge wird sowohl in der Sprache der Religion wie auch in der Sprache der Wissenschaft geredet. Beides ist zu unterscheiden, wenngleich es aufeinander bezogen bleibt. Letzte Dinge sind keiner direkten Erfahrung zugänglich. Biblische Texte vom Ende der Welt sprechen kein naturwissenschaftliches Informationswissen aus. Ihre Sprache ist eine metaphorische Sprache. Sie weisen darauf hin, dass Gottes Wirken am Anfang wie auch am Ende der Geschichte von Mensch und Welt steht. „Himmel und Erde werden vergehen“ (Mt 24, 35), heißt es im Neuen Testament.  In den Endzeitreden wird davon gesprochen, dass „die Sonne sich verfinstern und der Mond seinen Schein verlieren“ wird, dass die „Sterne … vom Himmel fallen, und die Kräfte der Himmel … ins Wanken“ kommen werden (Mt 24, 29). Auch Naturwissenschaftler formulieren physikalische Hypothesen zum Ende der Welt und sprechen von durch das Universum gewirbelten Sternen. Die meisten Kosmologen gehen davon aus, dass unsere Erde endlich und nicht ewig ist, einen Anfang und ein Ende hat. Die zeitlichen Perspektiven sind allerdings kaum vorstellbar. Was Milliarden von Jahren vor uns liegt, bedroht uns nicht. Bedrohlich für uns alle ist jedoch die missbrauchte und blind gewordene menschliche Freiheit, die keine Grenzen mehr respektiert, sich durch die Zerstörung der Natur auch selbst zerstört und zukünftigen Generationen das Leben verwehrt.

Neuzeit und Apokalyptik

Auch dem neuzeitlichen Menschen liegen apokalyptische Perspektiven offensichtlich nahe. Die Zeit wird als befristet erfahren. Allen Dingen kommt nur ein verkürzter Aufenthalt in der Gegenwart zu. Es gibt ein Bewusstsein der Gefahr. Krisenzeiten werden häufig von euphorischen und düsteren Zukunftserwartungen begleitet. Nicht als breite Strömung, aber in bestimmten säkularen und religiösen Milieus wird ein apokalyptischer Weltpessimismus gepflegt und gelebt. Amerikanische Wissenschaftler sprechen von „Kosmophobie“, von Weltangst. Die Angst entzündet sich gleichermaßen an medialen und realen Phänomenen. Nahrung empfangen düstere Weltbetrachtungen von den Verwundungen der Welt und den inflationären Erfahrungen des Bösen. Sie können an Stimmungslagen, Zeitströmungen und Unsicherheiten anknüpfen. Das allgemeine Krisenbewusstsein der westlichen Welt, die grundsätzlichen Veränderungen der politischen Landschaft mit dem Einschnittsdatum 1989, der 11. September 2001, die militärischen Auseinandersetzungen im Irak und in Afghanistan, die Finanz- und Eurokrise, der Klimawandel, die Reaktorkatastrophe von Fukushima … haben die Abgründe geschichtlicher Entwicklungen offen gelegt. Die Erfahrung des Bedrohtseins ist neu ins Bewusstsein gelangt. Apokalyptische Bilderwelten sind näher gerückt und durch reale Entwicklungen gleichsam eingeholt worden. Fernsehkameras und mediale Netzwerke sorgen für universale Gleichzeitigkeit, sie lassen die Bilder von Krieg, Zerstörung, Gewalt und Tod in jedes Wohnzimmer gelangen. Neben der Apokalypseblindheit der Moderne steht eine katastrophensüchtige Apokalypsefixiertheit. Die vergehende und die kommende Welt ist auch für den modernen und postmodernen Menschen präsent: in Wort und Bild, in Literatur und Kunst. Den Filmemachern Hollywoods würde Entscheidendes fehlen ohne die Dramaturgie kosmischer Krisen und Katastrophen.

Das errechnete Ende

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Gudrun Pausewang: Ohne Hoffnung geht es nicht

Dem Menschen droht Gefahr. Unsere Erde ist übervölkert. Schon bald wird das gesamte Süßwasser unserer Erdkugel zu knapp werden, um den Durst aller Menschen zu löschen. Es werden nicht mehr genug Lebensmittel da sein, um alle zu sättigen. Das Weltklima wird sich ändern, lässt die Meere steigen und ganze Landstriche verdorren. Und die Menschheit ist heutzutage in der Lage, sich selber auszurotten, sei es durch Technik, sei es durch falsches Kollektivverhalten. Hoffnung steht deshalb hoch im Kurs.

Wir sind fähig, Fantasie zu entwickeln. Diese Gabe, etwas zu sehen, zu hören, zu fühlen, was in Wirklichkeit nicht da ist, macht es uns möglich uns alles vorzustellen, was von Menschen vorstellbar ist. Also kann Fantasie auch Weltuntergangsszenarien entwickeln. So werden außergewöhnliche Phänomene am Himmel wie z.B. der Halley’sche Komet oft als Ankündigungen des Weltendes gedeutet und lösen entsprechende Prophezeiungen aus, die natürlich Existenzangst erzeugen. Denn man hält sie für Hinweise auf eine der Menschheit drohende Gefahr.
Kein Wunder, dass wir Angst haben vor allen Vorgängen, die die menschliche Existenz gefährden könnten, und vor den Folgen solcher Vorgänge warnen!
Angst ist ein Gefühl, das uns allen durchaus bekannt ist. Wer da behauptet, er habe noch nie Angst gehabt, der sagt – bewusst oder unbewusst – nicht die Wahrheit. Schon in sehr frühem Alter lernt man die Angst kennen, die nach bösen Erfahrungen entsteht. Das tut sehr weh. In Zukunft wird es vermieden, sich der heißen Herdplatte, die solche schlimmen Schmerzen verursachen kann, zu nähern.
Man weiß, dass eine heranbrausende Lokomotive lebensgefährlich ist, wenn man gerade – gewarnt oder ungewarnt – die Gleise überquert. Die Hoffnung, sein Leben retten zu können, wird einem in Verbindung mit der Angst wahrscheinlich eine solche Kraft geben, dass man der Lokomotive mit einem großen Sprung im letzten Augenblick ausweichen kann.
Man sollte die Angst nicht so verteufeln. Die Angst wurde uns von der Natur mitgegeben, damit sie uns vor Gefahren warnt. Sie dient also unserem Überleben. Wären wir Menschen nicht in der Lage, Angst zu empfinden, gäbe es unsere Gattung schon längst nicht mehr.

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Friedrich Schorlemmer: Solange ich atme, hoffe ich

Mein Leben ist voll von unabgegoltenen Hoffnungsgeschichten, von Enttäuschungen und Erfüllungen. Mein Lebensmotto habe ich über mein autobiografisches Buch gestellt „Klar sehen und doch hoffen“ (2012). Wer hätte erwartet, dass im Februar 1985 ein Gorbatschow KPdSU-Generalsekretär werden würde und dieser uns 1989 in Freiheit und Einheit entlassen würde.Wer hätte erwartet, dass Mandela südafrikanischer Präsident wurde und es keine (so verständlichen) Racheakte gegeben hat, sondern Kommissionen für Wahrheit und Versöhnung!Wer hätte gedacht, dass der Dichter-Dissident Vaclav Havel zur Symbolfigur der friedlichen Revolution in der CSSR werden konnte – und danach so ein wunderbarer Präsident.Wer hätte es für möglich gehalten, dass ein Schwarzer, ein Visionär zumal, als Nachfolger des Irak-Kriegs-Präsidenten Bush gewählt würde! Wer hätte je im Traum daran geglaubt, dass Nordafrika sich von seinen Diktatoren befreien würde - und dass es insbesondere Frauen waren, die den politischen Mut und anhaltend Gewaltlosigkeit aufbrachten! (Die Gegengeschichten blende ich nicht aus;  sie tragen die Namen Putin, Zuma, Vacláv Klaus, Tea Party und Islamistenvormarsch.).....

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„Wir brauchen den Mut zur Hoffnung"

Ein Gespräch mit dem Tübinger Theologieprofessor
Dr. Jürgen Moltmann über Hoffnung, Mut, Gerechtigkeit und das ewige Leben

baugerüst: In der Taschenbuchausgabe der Theologie der Hoffnung, die 1997 erschien, schreiben Sie in dem Vorwort „ich bin wieder ein Herz und eine Seele mit der Vision der Theologie der Hoffnung wie vor 33 Jahren." Sind heute, 15 Jahre später und fast 40 Jahre nach dem Erscheinen der ersten Ausgabe, Ihr Herz und Ihre Seele immer noch bei dieser Vision?

Moltmann:
Ja, mehr denn je. Alter und Jugend sind nicht nur zeitliche Lebensalter, sondern auch Lebenseinstellungen. Niemand ist zu alt, um nicht in Hoffnung zu leben. Und niemand nicht zu jung, um nicht schon Weltschmerz und Abschiedsvorstellungen zu haben.

baugerüst: Es ging damals um die Überwindung des allgemeinen Existentialismus der Nachkriegszeit und um Zukunftsperspektiven für eine gerechte, friedliche und menschliche Welt. Was muss heute überwunden werden?

Moltmann: Die Angst. Die Angst zu verlieren, die Angst in der Wirtschafts- und Finanzkrise sozial abzusteigen, die Angst vor der Klimazerstörung, deren Folgen man nicht abschätzen kann, die Angst vor der ewig strahlenden Atomkraft. Die Angst ist in Europa weit verbreitet. Daraus entstehen Hoffnungslosigkeit und falsche Reaktionen, die mehr zerstören als heilen.

baugerüst: Sie nennen einige angstauslösende Entwicklungen. Wie lässt sich mit Hoffnung etwas dagegen setzen?

Moltmann: Die Kraft der Hoffnung inspiriert uns, das Leben zu lieben und nicht aufzugeben. Hans Jonas hat die Angst zu seiner Triebkraft gemacht, weil man aus Angst heraus etwas tun muss. Aus Hoffnung hingegen kann man etwas tun. Darum ist die Hoffnung der Angst überlegen, denn wenn ich nichts mehr hoffe, habe ich auch keine Angst mehr. Wir brauchen den Mut zur Hoffnung.

baugerüst:
Nach dem Erscheinen der „Theologie der Hoffnung“ schrieb Der Spiegel 1967 „Eisen ins bleiche Christenblut“. Welche Mineralien haben die Christen heute nötig?

Moltmann:
Die gleichen. Im Augenblick ziehen sich Christen auf ihr kirchliches Innenleben zurück und sind nicht mehr am gesellschaftlichen Dialog beteiligt. Fragen des Christentums an die moderne Welt werden heute nicht mehr öffentlich debattiert. Die Kirchen, so die Meinungen vieler Medien, sollen sich mit sich selber oder mit dem interreligiösen Dialog beschäftigen anstatt sich mit den Widersprüchen und Herausforderungen der modernen Welt zu befassen. Aber wer sich öffentlich einmischt und widerspricht, braucht  einen starken Glauben und eine starke Hoffnung.

baugerüst: Woran liegt diese Lustlosigkeit, sich streitbar einzumischen?

Moltmann: Wir haben keine öffentlichen Diskussionen mehr in der Theologie. Ganz anders ist dies in Südamerika, Afrika oder China. Dort sind die Religionen viel munterer, unerschrockener und öffentlich angriffslustiger als bei uns. Aber das war immer so, reiche Leute haben Angst, ihren Reichtum zu verlieren und Arme haben Hoffnung, weil sie nichts zu verlieren haben, sondern nur gewinnen können.

baugerüst: Man braucht eine starke Hoffnung sagten Sie gerade. Was ist eigentlich Hoffnung?

Moltmann: Hoffnung ist eine gespannte Erwartung. Ich bin auf dem Sprung, um die Gelegenheit beim Schopf zu ergreifen, um etwas zu verwirklichen. Ich hoffe auf die Fülle des Lebens und erkunde meine Möglichkeiten und wenn ich etwas sehe, dann ergreife ich die Chance.
Im politischen Bereich haben wir mehr Überraschungen und Wunder erlebt als wir je zu hoffen wagten. Wer hat auf das Ende der Teilung Deutschlands gehofft oder vorher schon auf das Ende des Apartheidregimes in Südafrika? Wir bekommen einen Bürgerkrieg hieß es damals, aber es gab ihn nicht, und gekommen ist Nelson Mandela. Vieles war außerhalb unserer Hoffnungen und Erwartung gewesen. Ich glaube wir leiden nicht an  einem Übermut der Hoffnung, sondern eher an einer Unterfütterung. Wir trauen uns Möglichkeiten die wir haben nicht zu.

baugerüst: Wie würden Sie Hoffnung und Optimismus unterscheiden?

Moltmann: Unter Optimismus ver-stehe ich so etwas Oberflächliches wie bei Nina Ruge: „Alles wird gut“. Hoffnung dagegen schließt auch die Bereitschaft ein, enttäuscht zu werden. Ernst Bloch kam 1961 aus der DDR nach Tübingen und hielt seinen ersten Vortrag mit dem Titel: „Kann Hoffnung enttäuscht werden?“ Er sprach über seine enttäuschten Hoffnungen in der DDR, aber er sagte auch: Nur Hoffnung kann enttäuscht werden und darum ist die Hoffnung stärker als die Enttäuschung. Die Hoffnung riskiert die Enttäuschung.

baugerüst: Hoffen Christen anders? Was macht das Wesen der christlichen Hoffnung aus?

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Barbara Hanusa: „Ich muss mal eben kurz die Welt retten...“

Zur Hoffnung bilden

Laut der Shell Jugendstudie von 2010 ist es gar nicht so schlimm gestellt um das Hoffnungspotential der Jugend in Deutschland. 90 Prozent schauen hoffnungsvoll in die Zukunft trotz der schwersten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg, trotz der enorm hohen Staatsverschuldung und den zahllosen Umweltkatastrophen. Sie sehen die gesellschaftlichen Probleme vor allem als eine Herausforderung an ihr Engagement an, auf sie kommt es an. „Was sie rührt, ist das einmalige Gefühl gebraucht zu werden. Weil ihre Generation die Fehler der Vorgänger ausbügeln muss. Es ist ein Gefühl der Macht, das viele der ohnmächtigen Jugendgenerationen vor ihnen nicht kannten. Aus ihm heraus wächst die Gewissheit, dass sie etwas bewegen können, wenn sie es nur anpacken.“ Der Zeitartikel titelt: Eine forsche Jugend. Statistiken können die eigene Wahrnehmung korrigieren. Als Schulleiterin eines internationalen Internats mit Kindern und Jugendlichen aus über 25 Nationen und aus verschiedenen sozialen Hintergründen erlebe ich im Unterricht, in Gesprächen, in Andachten, Arbeitsgruppen und Projekten weniger eine forsche Jugend, sondern immer wieder die Macht der Hoffnungslosigkeit. Jugendliche sind verzweifelt und erschüttert über die Verstrickung in globale Zusammenhänge, über zu bewältigende Herausforderungen. Man kann weder ‚anständig‘ essen noch einkaufen, sich kleiden oder reisen. Ständig wird man schuldig an Mensch, Tier und Natur.
Trifft Tim Bendzko mit seinem Lied das heutige Lebensgefühl von Jugendlichen, die Haltung, in der Kinder und Jugendliche heran wachsen? Gekommen ist ihm die Idee zu dem Lied als er bei seiner Mutter und seinem Stiefvater in der Küche war: eine Reaktion auf den sich entziehenden, überaus beschäftigten und wichtigen Mann. Neben diesem ironisierenden, spiegelnden Unterton erklingt im Text die prekäre Situation unserer Welt: „Nur 148 Mails checken, wer weiß, was mir dann noch passiert, es passiert so viel. Ich muss jetzt los, sonst gibt es die große Katastrophe. Da draußen brauchen sie mich jetzt, die Situation wird unterschätzt.“ Das Individuum spürt den Druck der nahenden Katastrophe und macht sich auf den Weg zur Rettung. Es springt auf, es wird aktiv. Der Mensch selbst ist der Motor der Hoffnung für die Welt. Dazu macht er sich erst mal auf den Weg zu seinen vielen Mails. Die Weltrettung erfolgt digital, wie auch sonst. „Globalisierung ist kein Schicksal - eine andere Welt ist möglich.“ So klingt der Hoffnungsimpuls im Motto des globalisierungskritischen Netzwerks Attac. Da steckt etwas mehr Ruhe drin, da wird nicht eben schnell die Welt gerettet und gleichzeitig basiert auch diese Bewegung auf dem Engagement des Einzelnen für die Welt - es geht ums Mitmachen.
Aber was ist Hoffnung, wie entsteht sie und wo kommt sie her? Wie kann man zur Hoffnung bilden?

Struktur und Bewegung zugleich

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Karl-Heinz Röhlin: Die Suche nach Sinn

In dem Musical „Hair“ geht ein junger Amerikaner kurz vor seiner Einberufung nach Vietnam durch die Straßen New Yorks und singt: „Wo gehe ich hin? Folge ich dem Herzen? Weiß meine Hand, wohin ich gehe? Warum erst leben, um dann zu sterben? Ich weiß nicht recht, ob ich je versteh. Wo komm ich her? Wo geh ich hin? Sagt, worin liegt der Sinn?“ – Nach Sinn fragen wir dann, wenn Beziehungen scheitern und Zukunftsperspektiven fraglich werden. Wenn die Analysen der Zukunftsforscher stimmen, dann empfinden immer mehr junge Menschen in Europa ihr Leben als sinnleer, ohne Perspektiven, nicht zuletzt deshalb, weil die Schuldenkrise der Länder zum Abbau von Arbeitsplätzen führt. Ohne berufliche Perspektiven und die damit verbundenen sozialen Kontakte empfinden viele Menschen ihr Leben als sinnlos. Angesichts dieser Sinnleere braucht es eine „Sinn-Lehre“, die dazu ermutigt, trotzdem ja zum Leben zu sagen.

Frankl’s Sinn-Lehre

Der große Wiener Psychiater und Psychotherapeut, V. E. Frankl (1905 – 1997) entwickelte mit der so genannten „Logotherapie und Existenz-analyse“ eine Sinn-Lehre, eine sinn-zentrierte Psychotherapie. Sein Credo lautet: „Das Leben birgt Sinn, unter allen Umständen und in allen Situationen.“ Die Thesen dieser Sinn-Lehre sind keine „Kopfgeburten“. Der Jude V. E. Frankl litt im KZ in Auschwitz und in drei weiteren Konzentrationslagern bis er im Mai 1945 von amerikanischen Soldaten befreit wurde. Nach seiner Befreiung schrieb Frankl in nur neun Tagen sein KZ-Buch „…trotzdem ja zum Leben sagen“. Inzwischen ist dieses Buch in Amerika in über 90 Auflagen erschienen. Laut „Library of Congress“, Washington, ist es eines der meist gelesenen Bücher der Welt.

In seiner Logotherapie sucht Frankl gemeinsam mit dem Klienten nach dem persönlichen Sinn in der konkreten Lebenssituation. Es geht also nicht allgemein um den Sinn des Lebens. Vielmehr geht es der sinnzentrierten Logotherapie darum, die Sinnmöglichkeiten im Alltag zu entdecken. Sinn liegt für Frankl mitten im Leben, in dem was mich an-geht und an-spricht. Sinn ist eine Möglichkeit vor dem Hintergrund der konkreten Lebenssituation. Immer wieder neu geht es im Lauf des Lebens, auch in Krisen und leidvollen Stunden, darum, Sinnperspektiven zu entdecken. Der rote Sinnfaden des Lebens besteht aus vielen kleinen Teil-Sinnen. Sinnvoll leben heißt dementsprechend: Die unterschiedlichen Sinnmöglichkeiten wahrnehmen und verwirklichen.

Bei der Sinnfahndung sind Therapeuten, Therapeutinnen, Lehrer, Lehrerinnen und Seelsorger Weggefährten. Sie begleiten die Sinnsuche. Das Vorbild für die logotherapeutische Sinnfahndung ist der sokratische Dialog. Wie einst Sokrates versteht sich der Therapeut nicht als Wissender. Vielmehr nimmt er Anteil, versucht zu verstehen, fragt nach, hält Sinnzweifel mit aus und ermutigt zur Verwirklichung entdeckter Sinnperspektiven. Zur Praxis der Logotherapie gehört aber auch, fatalistische und lebensfeindliche Einstellungen zu korrigieren. Sie erweitert ggf. den Sinnhorizont, vor allem dann, wenn Menschen über die klagende Haltung nicht hinaus kommen. Deutlich stellt Frankl heraus, dass der Mensch als Befragter dem Leben zu antworten hat. Gerade in unserer am „Projekt des schönen Lebens“ orientierten Event-Gesellschaft ist diese korrigierende Perspektive heilsam. Die Konfrontation mit Leid, Schuld, Scheitern und Tod verlangt von jedem Menschen eine Antwort. Wie der Mensch sein Leiden gestaltet, wie er sich zu Scheitern und Schuld verhält, ist seine Antwort auf die Fragen des Lebens. Seine Antworten gibt er dabei nicht willkürlich. Sie stehen vielmehr in Relation zu seiner Lebenssituation und dem jeweiligen kulturellen Kontext.

So verstanden ist Sinn weder objektiv noch subjektiv, sondern relativ. Sinn wird nicht erfunden oder willkürlich gesetzt, sondern gefunden und entdeckt.

Sinnerfahrung durch gelebte Werte
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Autorinnen und Autoren

  • Dr. Hans-Jürgen Benedict, Hamburg
    Professor

  • Rainer Brandt, Josefstal
    Pfarrer und Studienleiter des Studienzentrums

  • Petra Dais, Stuttgart
     Pfarrerin im Evang. Jugendpfarramt, Jugendkirche

  • Volkmar Hahn, Darmstadt
    Theologe, Theaterpädagoge, Regisseur

  • Dr. Barbara Hanusa, CH-Hasliberg
    Pfarrerin, Didaktische Leiterin der Ecole d’Humanite Schweiz

  • Dr. Reinhard Hempelmann, Berlin
    Leiter der Evang. Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW)

  • Dr. Johannes Lähnemann, Goslar
    Professor

  • Dr. Jürgen Moltmann, Tübingen
    Professor

  • Gudrun Pausewang, Schlitz
    Autorin

  • Dr. Richard Riess, Erlangen
    Professor

  • Dr. Karl-Heinz Röhlin, Neuendettelsau
    Pfarrer am Evang.-Luth. Pastoralkolleg

  • Dr. Friedrich Schorlemmer, Wittenberg
    Pfarrer, Autor

  • Birgit Sendler-Koschel, Hannover
    Oberkirchenrätin bei der EKD

  • Dr. Dr. Gerd Theißen, Heidelberg
    Professor

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