das baugerüst 2/13 Jugendarbeit im Angebot

 

Heft bestellen

nach oben

Inhalt

nach oben

Wolfgang Noack: Angebote

Einführung in das Heft

Nun ist die Evangelische Jugend kein Discounter, der sich mit Schnäppchen an konsum- und erlebnishungrige Jugendliche wendet. Aber die Konkurrenz ist groß und Jugendverbände sind längst nicht mehr die alleinigen Anbieter auf dem Markt der Freizeitgestaltung. Kinder und Jugendliche wählen heute sehr selbstbewusst aus den vielen Angeboten aus, nehmen hier etwas mit, schließen sich dort einem Projekt für eine gewisse Zeit an und ziehen dann weiter, je nach Lust und Laune - und immer dahin, wo sich auch die Freunde gerade aufhalten. Wie kommen da Angebote und Kinder und Jugendliche zusammen? Vieles spricht dafür, dass sich Jugendverbandsarbeit - also auch evangelische Jugendarbeit - neu positionieren muss, da sich einige Voraussetzungen geändert haben. Nicht nur die Möglichkeiten, die sich dieser Zielgruppe bieten, haben sich vervielfacht, auch die Zeit, um diese wahrzunehmen hat sich durch Veränderung von Schule und Studium verknappt.

Ein Blick zurück. Nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus entsteht in Westdeutschland die Jugendarbeit der Verbände neu, ab 1947 organisiert sich diese Arbeit in Orts-, Kreis- und Landesjugendringe. In der amerikanischen und britischen Besatzungszone wird die Arbeit der Jugendverbände unterstützt, da man ihre Arbeit als notwendig für den Aufbau einer demokratischen Gesellschaft betrachtet. Jugendarbeit wird in der jungen Bundesrepublik zu einer Erfolgsgeschichte, die Evangelische Jugend trägt hierzu einen wesentlichen Teil bei. Kein gesellschaftliches Thema, das nicht auch in der Jugendverbandsarbeit ihren Niederschlag findet, oft lange bevor Politik oder Erwachsenenverbände sich der Sache annehmen. So bei der Aussöhnung mit Israel und Polen, in der Friedensfrage von der Wiederbewaffnung über den Nato Doppelbeschluss bis zur Beteiligung an Auslandseinsätzen der Bundeswehr und auch im Verhältnis der Industriestaaten zur „Einen Welt“ (man nannte es noch „Dritte Welt“) waren die Jugendverbände die gesellschaftliche Avantgarde, forderten heraus und leiteten Umdenkprozesse ein. Jugendliche verbrachten in den Gruppen ihre Freizeit, diskutierten dort die Themen und trugen sie über Konvente und Mitgliederversammlungen an die Öffentlichkeit. Oft wurde kontrovers diskutiert, auch in der Evangelischen Jugend polarisierten unterschiedliche Ansichten.
Es war richtig für das neue demokratische Gemeinwesen nach 1945 auf die Jugendverbände zu setzen. Viele, die in Politik und Kirche später Verantwortung übernahmen, begannen in den Jugendverbänden. Der spätere Bundespräsident Johannes Rau engagierte sich in der Evangelischen Schülerarbeit oder der ehemalige bayerische Landtagspräsident Alois Glück kam aus der Katholischen Jugend, um nur zwei Personen zu nennen. Unzählige Menschen, die in der evangelischen Kirche Verantwortung in verschiedenen Positionen tragen, haben ihre Wurzeln in diesem protestantischen Jugendverband.
All dies muss noch einmal in Erinnerung gebracht werden, wenn heute über die Angebote der Jugendarbeit nachgedacht wird. Nicht, um an „gute alte Zeiten“ zu erinnern, sondern um einen Schatz zu skizzieren, den es zu bewahren gilt.

Jugendarbeit mit seinen essentials „Freiwilligkeit“, „Ehrenamtlichkeit“ und „Partizipation“ erscheint neben kommerziellen Freizeitangeboten, Treffen in Sozialen Netzwerken oder spontanen Aktionen manchmal wie ein etwas schwerfälliger Tanker. Das mag sein, aber ein Tanker ist im Gegensatz zu einer Jolle oder einem Kanu auch nicht so leicht zu übersehen, außerdem finden dort mehr Personen Platz, die sich über den Kurs auseinandersetzen müssen.

Nun haben sich wie gesagt in den letzten Jahren einige Parameter für die Angebote der Jugendarbeit verändert. Ein verändertes Zeitbudget diktieren Schule und Studium, die Verweildauer bei den Angeboten schrumpft, Gruppenmitglieder werden jünger und wollen nicht mehr nur Teilnehmer sein, sondern gleich Mitarbeiter werden (siehe baugerüst-Gespräch) und vielerorts wird der Versuch unternommen, die Arbeit mit Konfirmanden als Jugendarbeit anzubieten. Schulen öffnen sich und suchen die Kooperation mit Jugendverbänden, Schulsozialarbeit wird von vielen als das zukünftige Angebot gesehen und Kommunen bieten Finanzen für zeitlich befristete Projekte. Kooperationen gab es schon immer, nur sollten sie aus dem Blickwinkel der Jugendverbandsarbeit betrachtet werden.
Überhaupt boomen kurzfristige Angebote und das eine oder andere Gremium sucht händeringend nach Jugendlichen, um die Positionen besetzen zu können.

Nachdem das baugerüst mit Heft eins dieses Jahrgangs die Situation der Jugendlichen beschrieb, folgt nun der Blick auf die Angebote der evangelischen Jugendarbeit. Welche Bedeutung hat die Gruppe? Welche Kooperationen sind sinnvoll? Wie können personale und mediale Angebote verknüpft werden? Wie ist das Prinzip Ehrenamtlichkeit mit jüngeren Mitarbeitenden zu organisieren? Wie lässt sich Partizipation mit kurzfristigem Engagement realisieren? Auf diese Fragen gehen die Autorinnen und Autoren in ihren Beiträgen ein.
Jugendarbeit ist mehr denn je auf dem Markt der Angebote zu Hause, muss um Kinder und Jugendliche werben, ehrlich ihren Nutzen und ihr Alleinstellungsmerkmal kennzeichnen. Immer mit der Absicht, dass die Zielgruppe hier ein Angebot, eine Gelegenheitsstruktur (aej Studie) findet, mit der sie etwas für sich selber tun und sich mit anderen zusammen engagieren kann.

nach oben

Thomas Schalle: Jugendarbeit - ein starkes Stück Kirche

Jugendarbeit gerät in Bedrängnis und ist gleichzeitig ein Zukunftsthema der Kirchen. Von vielen Seiten wird das Arbeitsfeld mit Fragezeichen versehen:  den einen gilt die Konfirmandenarbeit als die eigentliche Jugendarbeit, andere sehen in der Schule ihr Heil, Finanzverantwortliche stellen die Ressourcenfrage, der Politik stellt sich die Legitimationsfrage, Kirchenleitungen vergleichen die eigenen inneren Bilder von Jugendarbeit mit der Realität in Gemeinden und Verbänden und am Ende steht oft: es scheint nicht mehr so zu funktionieren wie früher. Früher war die Konfirmandenarbeit noch der Konfirmandenunterricht, waren die Jungscharen voll, die Kinder haben die Kindergottesdienste mit Freuden besucht, Jugendarbeit war das einzige Angebot für Jugendliche am Ort und also ganz von allein gut besucht, Christenlehre gehörte zur Selbstverständlichkeit und die Jugendlichen waren alle gleich – nämlich so wie wir. Die Vergangenheit war sicher nicht überall dergestalt und in manchen Gemeinden brummt die Jugendarbeit noch immer. Auch denken nicht alle Verantwortlichen in Gemeinde und Kirchen so – aber ähnlichen Einschätzungen begegnet man auf Schritt und Tritt. Gleichzeitig wird die Evangelische Jugendarbeit auch von Seiten vieler Jugendlicher kritisch gesehen. Die Milieu- und Lebensweltenforschung macht sichtbar, dass die Heteregeonität der jugendlichen Lebenswelten immer größer wird. Evangelische Jugendarbeit scheint mit einem gewichtigen Imageproblem konfrontiert: Je mehr sie mit Kirche identifiziert wird, desto größer die Barriere vieler  Jugendlicher für Engagement und Teilnahme.Jugendarbeit sollte sich mit den Bildern, Erwartungen und Erfahrungen auseinandersetzen. Nach innen in den kirchlichen Raum muss sie ebenso ihre Plausibilität verdeutlichen wie sie nach außen ihre Attraktivität für junge Leute aus  unterschiedlichen Lebenswelten steigern muss. Beides gelingt dann, wenn Evangelische Jugendarbeit das ihr Besondere fokussiert und ihre Stärken verdeutlicht.

Alte und junge Kirche

......

Weiterlesen in Heft 2/13

nach oben

Gunda Voigts: Jugendverbände

Was macht sie attraktiv für Kinder und Jugendliche?

Als sich viele Jugendverbände im Übergang zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert gründeten, geschah das als „Begleiterscheinung der Herausbildung einer eigenen Lebensphase Jugend, die entsprechende Institutionalisierungsformen nach sich zog“ (Gängler 2002: 582). Heute müssen sich Jugendverbände anstrengen, wollen sie einen Platz in den pluralisierten Freizeit- und Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen finden. Doch sie existieren weiter, binden Kinder und Jugendliche und sind gemessen an der Anzahl öffentlich geförderter Maßnahmen heute der größte Träger von Kinder- und Jugendarbeit (BMFSFJ 2013: 319; Bröring/Pothmann 2010). Was ist es, was Jugendverbände auch heute für Kinder und Jugendliche attraktiv macht?

Zur Situation der Jugendverbandsarbeit in Zahlen

Wer sich der Attraktivität von Jugendverbandsarbeit mit statistischen Daten nähern will, erkennt schnell die Grenzen der Suche. Den aktuellsten öffentlichen Versuch hat der 14. Kinder- und Jugendbericht (BMFSFS 2013) gestartet, um wie viele andere zuvor zu resümieren: „Zuverlässige Angaben über die Mitgliedszahlen der Jugendorganisationen, die in den Landesjugendringen und im Deutschen Bundesjugendring zusammengeschlossen sind, liegen nicht vor, denn bis heute werden diese Zahlen nur von wenigen Verbänden auch als verbindliche Indikatoren betrachtet. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass immer mehr Jugendorganisationen über ihre klassische Form der Gruppe hinaus in offenen Formen auch Nichtmitglieder einbeziehen, insbesondere bei ganz spezifischen Angeboten, wie etwa Freizeiten, Ferienmaßnahmen oder offenen Aktionsformen.“ (S. 320) Auch bewegt sich der Bericht mehr in „gefühlten“ Vermutungen denn in validen Erkenntnissen, wenn formuliert wird, „dass sich die Arbeit der Jugendverbände vom Anspruch her an alle Jugendlichen richtet, […] [wenngleich] im Kern weiterhin eher junge Menschen aus der Mittelschicht organisiert“ seien, „kaum junge Menschen mit Migrationshintergrund“ erreicht würden und junge Menschen mit Behinderungen in Jugendorganisationen nur wenig anzutreffen“ seien (S. 320). Hier soll nicht ein weiteres Mal versucht werden, über das mühsame Zusammensuchen von Erkenntnissen aus diversen Einzelstudien Zahlen zu generieren, die für die gesamte Jugendverbandsarbeit dann nur sehr bedingt Aussagen zulassen. Gerade mit Blick auf die Evangelische Kinder- und Jugendarbeit lohnt es sich ohnehin noch etwas zu warten: denn ab Herbst 2013 wird von der Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Jugend in Deutschland (aej) ein neues Instrumentarium zur Erhebung quantitativer Daten zur Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in evangelischen Bezügen eingesetzt. Zukünftig werden so jährlich aktuelle und umfassende statistische Daten zur Situation der evangelischen Kinder- und Jugendarbeit zur Verfügung stehen (aej 2013, Internetquelle). In diesem Aufsatz soll der weitere Blick darauf gerichtet werden, was Jugendverbandsarbeit auch heute für Kinder und Jugendliche attraktiv zu machen scheint. Dabei muss von vornherein eines klargestellt werden: Wirkliche Antworten auf diese Fragen könnten nur die Kinder und Jugendlichen selbst geben. Eine der wenigen Ausnahmen in der übersichtlichen Landschaft der Jugendverbandsstudien, die diesen subjektiv-orientierten Blick eröffnet, ist und bleibt derzeit jedoch die aej-Studie „Jugendliche als Akteure im Verband“ (Fauser u.a. 2006).

Was Jugendliche zur Attraktivität von Jugendverbänden sagen
........

Weiterlesen in Heft 2/13

 

nach oben

Florian Maier: Markenbindung - ein Beispiel

Eine Nacht im späten September 2012. Es ist schon empfindlich kalt draußen. Vor einem Einkaufszentrum warten um die 500 Menschen darauf, dass es endlich acht Uhr morgens wird. Man vertreibt sich das Warten mit Frösteln, heißem Kaffee und Smalltalk. Ziel des Ganzen: Als einer der Ersten das neue Smartphone mit dem angebissenen Obst in der Hand zu halten.Die Markenbindung muss hoch sein, wenn sich über 500 Menschen eine ganze Nacht frierend um die Ohren schlagen - nur für ein Telefon. Aber ich bin im September selbst einer dieser 500 gewesen. Warum? Einmal wollte ich erleben, wie sich so eine Apple-Schlange anfühlt. Und natürlich wollte ich ein neues iPhone.Das Ergebnis dieser Nacht, vom Smartphone einmal abgesehen: Apple schafft es ohne großen Aufwand und ohne viel Geld für Werbung auszugeben, dass sich über 2000 erwachsene Menschen in eine über 100 Meter lange Schlange einreihen und warten. Markenbindung par excellence. Kaum eine andere Firma schafft es, solch einen Kult um ihre Produkte zu generieren, wie dieser Technologiekonzern aus Cupertino.

Die Marke „Evangelische Jugendarbeit“

Direkt nach dieser Nacht bin ich gleich weiter, denn wer die ganze Nacht vor einem Applestore warten kann, der kann auch arbeiten. Mein Videoteam empfing mich im Freizeit- und Erlebniszentrum Dobelmühle bei Aulendorf. Es stand das ClubCamp des ejw auf dem Programm. Auch hier warteten bereits 500 Teilnehmer auf etwas. Allerdings nicht auf ein Smartphone, sondern auf die Eröffnungsshow eines vollgepackten und genialen Wochenendes. Shows, Nachtcafé, Geländespiele, ein Abend in der Therme inkl. DJ, Lagerfeuer, Hochseilgarten ... Nach 48 Stunden Programm sortieren wir die Eindrücke in unserem Schnitt-raum. Alle Jugendlichen waren begeistert von diesem Event: „Jugendarbeit ist cool“, „Kirche kann auch rocken“. Das Ergebnis dieses Wochenendes: Jugendliche haben erlebt, dass Kirche auch anders sein kann. Dass Glaube nicht nur verstaubt und langweilig, sondern auch praktisch und ganz konkret sein kann. Und: die Marke „Evangelische Jugendarbeit“ wurde gestärkt. Marken stärken durch ein Event ist einfach. Man erlebt in einer Subkultur in einem sehr engen Zeitraum viel Gutes. Freizeiten haben meist die gleiche Auswirkung. Zurück im Alltag ist es aber um einiges schwieriger, sich zur Marke „Evangelische Jugendarbeit“ zu bekennen. Und hier stellt sich die Frage: Haben wir ein Imageproblem? Aber die Frage ist schon ein Problem, denn „die Evangelische Jugendarbeit“ gibt es als solches gar nicht. Unsere Arbeit ist lokal sehr unterschiedlich und von ihren Machern geprägt.  Diese wiederum haben eine eigene Prägung, die sie in ihre Arbeit einbringen. Der eine Jugendliche kommt mit der konservativen Einstellung seines Jugendreferenten super aus, der andere nicht. Beide werden die Jugendarbeit vor Ort völlig unterschiedlich wahrnehmen. Der eine fühlt sich mit dem Thema der Freizeit absolut wohl, der andere kann damit überhaupt nichts anfangen. Ergebnis: Beide werden von der gleichen Freizeit völlig unterschiedlich berichten. Und bei beiden wird diese Freizeit Auswirkungen darauf haben, wie sie die Evangelische Jugendarbeit im Gesamten bewerten. Wo stehen wir also mit unserem Markenwert „Evangelische Jugendarbeit“? Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten. Die unterschiedlichen Strukturen der unterschiedlichen Landeskirchen, Kirchenbezirke und lokalen Gegebenheiten machen eine allgemeine Bewertung beinahe unmöglich. Über die Evangelische Jugendarbeit in Württemberg hört man zum Beispiel, dass wir ein „sehr liberaler Laden“ seien. Andere wiederum behaupten, wir wären schon „sehr konservativ“. Es ist eine Frage des Standpunktes und der Erfahrungen, die man macht. Wichtig zu wissen ist noch, dass negative Erfahrungen in der Regel sieben Mal häufiger kommuniziert werden als positive.

Reputationsmanagement

......

Weiterlesen in Heft 2/13

nach oben

Benno Hafeneger: Hauptberuflich in der Jugendarbeit

In diesem Beitrag skizziere ich einige ausgewählte Aspekte, die in der Diskussion um Hauptamtlichkeit bedeutsam sind und die zugleich markieren, mit welchem anspruchsvollen, komplexen und vielschichtigen Beruf wir es in der Jugendarbeit zu tun haben.

Komplexität als Merkmal

Die Diskussion über die Hauptberuflichen und über das Verhältnis von Ehren- und Hauptamtlichkeit hat in der Jugendarbeit eine lange Tradition. Es ist ein Dauerthema und immer wieder wird zeitbezogen versucht die Rolle, Funktion und Bedeutung von hauptamtlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen zu begründen. Dabei werden in einer sich differenzierenden Diskussion in den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten zahlreiche Professionsbilder und -profile, Merkmale und Elemente eines Berufsbildes angeboten, die sich so charakterisieren lassen: Sie haben mehr einen allgemeinen Charakter oder sie setzen für die einzelnen Arbeitsfelder der Jugendarbeit (Jugendverbandsarbeit, Offene Jugendarbeit, Jugendbildungsarbeit) unterschiedliche Akzente. Dabei ist weitgehend Konsens, dass wir es mit einem komplexen Beruf zu tun haben, dessen Profil mit vielschichtigen Interessen, Anforderungen und Paradoxien verbunden ist; der gleichzeitig aber auch durch abgrenzbare Merkmale gegenüber anderen pädagogischen Berufen ausgewiesen ist.

Herausbildung einer Profession

Jugendarbeit als Beruf entwickelt sich in der Geschichte der Bundesrepublik in mehreren Phasen zu einem differenzierten Arbeits- und Berufsfeld. Die Professionalisierung und sich herausbildende Profession ist vor allem seit den 1970er Jahren mit der Jugendgesetzgebung auf Länderebene, der Finanzierung und Förderung durch Kommunen und freie Träger sowie der Etablierung von Ausbildungsgängen an Fachhochschulen und Universitäten verbunden. Dabei findet die Profil- und Kompetenzentwicklung der Profession in der akademischen Ausbildung im Rahmen der Modul-struktur von bildungs- und erziehungswissenschaftlichen Studiengängen an Universitäten und Hochschulen sowie in den Qualifizierungsprozessen „on the job“ (in der Fort- und Weiterbildung, in Teamgesprächen, Supervision etc.) statt. Für die Profession gibt es kein eigenes systematisch ausgebautes und modular-curricular entwickeltes Ausbildungssystem im Spannungsfeld von Kinder-/Jugendforschung, Studium, Theorie-Praxiskontakten und Weiterbildung (Thole u. a. 2005). Ziele und normative Orientierungen in der Jugendarbeit werden in der Geschichte der Bundesrepublik von zeitbezogenen Jugendbewegungen und den Theoriediskursen – emanzipatorische, bedürfnisorientierte, erfahrungsorientierte, subjektorientierte, sozial-räumlich begründete Jugendarbeit – beeinflusst und der Beruf gehört zu den „kritischen Professionen“ in der Gesellschaft. Als „Kind“ der Bildungsreform gehören zu den politisch-pädagogischen Dimensionen und theoriegeleiteten Selbstbegründungen der Profession (so auch im KJHG formuliert) vor allem Mit- und Selbstbestimmung, Aufklärung und Reflexion, Mündigkeit und Emanzipation, Kritik- und Handlungsfähigkeit sowie Kompetenzen zur Lebensbewältigung und gesellschaftlichen Integration.

Blick auf Jugend

Die sich gravierend verändernden Bedingungen des Aufwachsens in den letzten Jahrzehnten sind – wie zahlreiche empirische Befunde zeigen – mit den Merkmalen einer sich herausbildenden eigenständigen, entgrenzten und beschleunigten, langen und verschulten, gespalteten und prekären Jugendphase verbunden; weiter mit Tendenzen wie Mobilität, Individualisierung und Pluralisierung von Milieus, von Lebensformen, -stilen und -kulturen. Ambivalenzen und Ungewissheiten kennzeichnen die lange und sich gleichzeitig verdichtende Jugendphase. Die Statuspassage Jugend ist immer weniger als eigenständige, in sich eingrenzbare Lebens- und Bildungsphase zu identifizieren.Damit zerfällt die einheitliche kollektive Statuspassage Jugend – in unterschiedliche, einer je eigenen zeitlichen Logik folgenden Teilübergänge – wie es die „These von der 'Entstrukturierung'“ behauptet. Zudem streuen diese Teil-übergänge biographisch immer weiter“ (Kühnlein 2010, S. 11). Dabei haben die Freiheitsgrade und Chancen ebenso zugenommen wie die Anforderungen und Risiken. Diese generellen Entwicklungen und dann die differenzierenden Blicke in und Erfahrungen mit jugendlichen Zielgruppen und Biografien, deren Lebensthemen und -ereignisse sind der Begründungshorizont für Angebote und Themen, Aktivitäten und Gespräche mit Jugendlichen. Dabei sind mit Blick auf Motive, warum Jugendliche in die Jugendarbeit kommen und mitmachen, vor allem drei Dimensionen von Bedeutung: was Sinnvolles tun – für eine „Sache“, für sich selbst und mit Anderen.

Professionsbilder

.....

Weiterlesen in Heft 2/13

nach oben

Jugendliche wollen nicht mehr nur Teilnehmende sein

Ein Gespräch mit Boris Hollitzer, Volker Napiletzki und Ilona Schumacher über Angebote, Gruppen, Bedingungen, Mitarbeitende, Kooperationen und was sich so alles ändert in der Jugendarbeit

baugerüst: Viele, die heute beruflich in der evangelischen Jugendarbeit tätig sind, waren selber Ehrenamtliche oder zumindest Besucher und Teilnehmer. Wenn ihr an eure eigene Zeit in der Jugendarbeit zurückdenkt, welche Erfahrungen und Bilder von dieser Arbeit fallen euch ein?

Ilona Schuhmacher (I.S.): Mein Bild von Jugendarbeit ist geprägt von erlebter Gemeinschaft. In meiner Gruppe fühlte ich mich verbunden mit anderen und mit dem christlichen Glauben. Das hat mich sehr in den Bann gezogen, dort war ich mich angenommen so wie ich bin, mit meinen Stärken und mit meinen Macken. Das hat mich motiviert den Job zu machen. Ich finde es toll, Jugendliche auf ihren Weg zu begleiten, so wie ich begleitet worden bin.

Volker Napiletzki (V.N.): Ich kam Mitte der achtziger Jahre zur Evangelischen Jugend und wurde herausgefordert mich politisch zu engagieren. Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung, Lernen aus der Geschichte -  das verbinde ich mit dieser Zeit und diese Themen habe ich mitgenommen in die Arbeit als Hauptamtlicher. Daneben war die Evangelische Jugend für mich Heimat und Ersatzfamilie.

Boris Hollitzer (B.H.): Mein Bild von Jugendarbeit ist ganz klassisch geprägt von Gruppenstundenarbeit. An der Christuskirche in München hatte Anfang der 90er Jahre jeder Konfirmandenjahrgang eine eigene Jugendgruppe. Jeden Tag eine andere Gruppe und Donnerstag trafen sich alle in der Teestube. Dabei geblieben bin ich, weil man den übernächsten Konfirmandenjahrgang als Jugendgruppenleiter übernehmen durfte. Das war ein Privileg, denn nun war ich Mitglied im Mitarbeiterkreis.

V.N.: Gemeinschaft und angenommen sein ohne Vorleistung - diese Erfahrung zieht sich bei allen durch.

baugerüst: Decken sich eure eigenen Gruppenerfahrungen mit denen die ihr als Hauptberufliche bei Jugendlichen heute wahrnehmt?

I.S.: Heute haben wir andere Rahmenbedingungen. Es gibt nicht mehr die klassischen Jugendgruppen, aber die Motivation der Jugendlichen Veranstaltungen der Evang. Jugend zu besuchen, sind die gleichen geblieben: Da sind meine Freunde, da fühle ich mich geborgen und aufgehoben, das ist meine Ersatzfamilie.

baugerüst: Haben die Jugendlichen heute andere Erwartungen?

V.N.: Jugendliche suchen bei uns einen Ort der nicht verzweckt ist, der leistungsfrei ist, wo sie so sein können wie sie eben sind. Auch die Themen sind ähnlich wie bei uns: Aufwachsen, die eigene Rolle finden, sich in der Gesellschaft positionieren.

baugerüst: Wie nehmen Jugedliche in der Großstadt die Angebote der Evangelischen Jugend an?

B.H.: Es ist heute schwerer gegen die anderen Angebote, die jungen Menschen zur Verfügung stehen, zu konkurrieren.
Wir haben in München das Zeltlagerprojekt Königsdorf. Die Leiter der einzelnen Teillager treffen sich zur Vorbereitung einmal im Monat. Das ist eigentlich wie eine Jugendgruppe. Lade ich diese Jugendlichen aber zu einer „normalen“ Gruppe ein, zum Tee trinken oder zu einem Thema, würden sie nicht kommen. Alleine Teilnehmer zu sein, genügt ihnen nicht, sie wollen etwas tun und selbstwirksam sein.

I.S.: Das erlebe ich auch so. Jugendliche wollen etwas Sinnvolles tun, sie wollen das Gefühl haben zu partizipieren. Das Bedürfnis nach Partizipation erlebe ich heute viel stärker als zu meiner Zeit. Ihnen ist das Gefühl gebraucht zu werden, eine sinnvolle Aufgabe zu haben, ernst genommen zu werden sehr wichtig.

V.N.: Aber ist das wirklich so anders geworden? Wir dümpelten in unseren Gruppen auch nicht einfach so vor uns hin. Auch wir wollten wirksam sein, wollten Kirche und die Welt verändern.

baugerüst: Wollen Jugendliche heute die Welt, die Kirche verändern?

I.S.: Da hat sich schon etwas verändert. Ich erlebe Jugendliche so, dass sie schon klare Strukturen wollen, vielleicht auch deshalb, weil sie sonst in ihrem Leben dauernd so viele Möglichkeiten haben und selber entscheiden müssen, was und wie sie studieren, leben, reisen. Sie haben schon Interesse etwas zu gestalten und zu verändern, aber immer mit dem Fokus, der sie selber betrifft. Statt dem Wunsch etwas verändern zu wollen steht heute die Partizipation im Vordergrund.

V.N.: Bei den Konventen sind die Themen weiterhin sehr engagiert. Bei uns z.B. Jugend und Politik, Ökologie und Gerechtigkeit etc. Aber der Wunsch, sich persönlich zu orientieren, die tausend Optionen irgendwie auf die Reihe zu bringen steht sehr oft im Vordergrund. Da bleiben andere Themen sehr oft  auf der Strecke.

B.H.: Bei unseren Konventen legen die Jugendlichen großen Wert darauf, die Verpflegung regional und saisonal einzukaufen. Aber daraus jetzt eine politische Forderung entstehen zu lassen ist nicht ihr Interesse. Es genügt für sie, wenn jeder für sich diese Entscheidung trifft.

baugerüst: Jugendgruppen waren das Markenzeichen kirchlicher Jugendarbeit, von der Jungschar bis zur Jungen Gemeinde. In Gremien und Konventen vertraten die Jugendlichen auf Dekanats- und Landesebene ihre Interessen. Was, wenn dieses System bröckelt, wenn das Interesse an Gruppen so nicht mehr besteht?
............

Weiterlesen in Heft 2/13

nach oben

Henriette Labsch: "Hier kann ich auch einfach wie eine Stehlampe sein"

Erfahrungen mit meiner Jugendgruppe

Wenn ich an evangelische Jugendarbeit denke, dann denke ich an Individualität, Selbstbestimmtheit und daran, Verantwortung zu übernehmen. Aber auch an Freundinnen und Freunde, interessante Diskussionen und jede Menge Spaß.

"Hier kann ich auch einfach wie eine Stehlampe sein." Dieser Satz beschreibt für mich ein wesentliches Merkmal evangelischer Jugendarbeit. Nein, es handelt sich nicht um ein teilnahmsloses Möbelstück, welches per Schalter fremdbestimmt ein- oder ausgeschaltet wird. Die Stehlampe, die ich meine, steht neben der Couch und durch ihr Licht wird der Abend erst gemütlich.

Durch sie wird der Abend erst perfekt

Dieser Satz stammt von einer Freundin, die ihre Rolle in unserer Jugendgruppe beschreiben sollte. Er drückt für mich sehr vieles aus. Zum einen bietet die Evangelische Jugend Raum sich treiben zu lassen und einfach dabei zu sein und zum anderen gibt sie auch stets die Möglichkeit sich nach den eigenen Bedürfnissen und Interessen einzubringen.
Dort darf man so sein, wie man ist, kann Fehler machen, seine Grenzen erfahren oder auch überwinden. Also das machen, wozu man gerade bereit ist. Daraus sollte man aber nicht folgern, dass eine unstete Beteiligung oder Mitwirkung an den Angeboten der evangelischen Jugendarbeit der Normalfall ist. Evangelische Jugendarbeit kann nur gelingen, wenn seitens der Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein gewisses Maß an Verlässlichkeit vorhanden ist und dass die hauptberuflichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Rahmenbedingungen so gestalten, dass sich die Jugendlichen ausleben können.
So wird man als Jugendlicher zu nichts gezwungen. Gerade in der Gruppe kann man die Geborgenheit, den Schutz und das Vertrauen finden was einen bestärkt, sich selbst kennen zu lernen. Die Gruppe überschneidet sich meist nur teilweise mit dem Umfeld, welches man Tag für Tag in der Schule erlebt.

Eine super Abwechslung
......

Weiterlesen in Heft 2/13

nach oben

Steffen Kaupp: Brücken und Barrieren

Ein Katechismus für die milieusensible Jugendarbeit

Wenn es nur um die höhere Quote ginge, wäre es ein Kinderspiel die Zugänge für Jugendliche in die evangelische Jugendarbeit zu verbessern: Wir kaufen uns Dieter Bohlen ein, feiern das Abendmahl mit Red Bull und ansonsten (be)dienen wir mit Coca-Cola - egal, welche konsumkritischen Einwände fluide Bitterstoffe in unsere Arbeit spülen wollen. So wären wir, was die Zufahrt zur Jugendarbeit angeht, auf der Autobahn des Erfolgs. Der Weg für zahlreiche anders tickende Jugendliche wäre somit freigeräumt.
Doch manche Kinderspiele drehen sich nur im Kreis und machen schwindlig: Vom befreienden Evangelium als Proprium evangelischer Jugendarbeit ist dann nur noch wenig zu erkennen und zu spüren. Es kann nie allein um bloßes Marketing, um Zielgruppen-Segmentierung und passgenauere Programmangebote  gehen. (1)  Nicht nur über einzelne Programm-Bausteine und deren Optimierung müssen wir nachdenken, sondern vor allem auch über uns selbst. Wer wir sind und was wir warum wollen. Denn nicht zuletzt sorgen wir selbst für die Milieuatmosphäre unserer Arbeit und damit für unsere Reichweite. Wer praktisch vorankommen will, muss auch die Bedingungen dieser Praxis mitreflektieren – und da gehören die Akteure mit auf den Plan.

Für den Brückenauf- und den Barrierenabbau gibt es keinen Methoden-Koffer und keine Rezeptlösungen, denn zu unterschiedlich zeigen sich Landschaften und Bevölkerung evangelischer Jugendarbeit. Aber es gibt wertvolle strukturelle Entdeckungen und Einsichten, die Verantwortliche katechismusartig herausfordern, das glauben zu lernen, was sie schon immer behaupten zu glauben.

Verstehen lernen

„Was sucht ihr?“ – Jugendarbeit als institutionelle Arbeit?
In hochindividualisierten Zeiten, in denen Bindungskräfte gewachsener Institutionen mehr und mehr nachlassen und diese wiederum verstärkt Energie zur Selbsterhaltung aufwenden (müssen), muss sich die Jugendarbeit die Frage Jesu stellen: „Was sucht ihr?“ (Joh 1,38) Sie muss – jeweils vor Ort – klären, um was es ihr geht: Wollen wir, dass viele kommen (in unsere Häuser, in unsere Gruppen und Kreise, zu unseren Angeboten, zum Glauben) oder wollen wir „Duftmarken der Gegenwart Gottes“ setzen, Salz und Licht sein in einer „irren Welt“? – Diese Bewegungen müssen sich nicht entgegenstehen und doch sind sie auch nicht einfach deckungsgleich. Sie unterscheiden sich wesentlich in der Rolle und dem Gewicht der eigenen Institution.
Angesichts der schwindenden Binde- und Beheimatungskraft von Institutionen ist solche Klärung mehr als notwendig. (2) Jugendliche zeigen deutliche Distanzierung zu etablierten Institutionen: nicht nur zur Gewerkschaft oder zum Vereinssport, sondern auch gegenüber der Kirche mit ihrer Jugendarbeit.  Wenn dem so ist, dann sind alle Einladungsbemühungen von Institutionen schon in einem gedimmten Licht zu sehen: Sie werden sich allein aufgrund dieser formalen Struktur als begrenzt zeigen. Diese Einsicht will aber nicht der Resignation das Wort reden, sondern den Blick auf und die  Erwartung an die Jugendarbeit seitens der Verantwortlichen schärfen.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt…“ – Erreichen und beheimaten?

......

Weiterlesen in Heft 2/13

nach oben

Jörg Titze: Beteiligung von Kindern und Jugendlichen

Demografischer Wandel als Herausforderung für die verbandliche Jugendarbeit

Die Situation in der Evangelischen Jugendarbeit in Württemberg

Die Ordnung der Evangelischen Jugendarbeit in Württemberg sieht einen hohen Grad der Mitbestimmung von Jugendlichen vor. Durch die „Schwabenformel": "Selbstständig im Auftrag der Landeskirche“ wurde diese Mitbestimmun“ fest in der Ordnung verankert. Beteiligung bei allen wichtigen Entscheidungen, Finanzen, Inhalten und Personal ist dadurch gesichert. Allerdings ist das Mitbestimmungssystem in einer festen Gremienstruktur vorgeschrieben, die an vielen Punkten von Jugendlichen als veraltet und wenig attraktiv erlebt wird.

Demografie

Demografie bezeichnet die Erforschung der Zusammensetzung der Bevölkerung und ihrer zahlenmäßigen Veränderungen (Geburtenrate, Zu- und Abwanderungen, Altersaufbau etc).
Geht man von der Studie des Kommunalverbandes für Jugend und Soziales(KVJS) in Baden Württemberg aus, werden im Jahr 2020 erstmals mehr Menschen über 65 als Menschen unter 20 Jahren in Baden Württemberg leben.
Insgesamt ist der Rückgang von Kindern und Jugendlichen dramatisch. Aber demografischer Wandel bedeutet mehr. Die Familienstruktur verändert sich. Menschen aus Gebieten mit wenig Arbeitsplätzen, vor allem aus dem ländlichen Raum wandern ab und, dies gilt vor allem für den städtischen Raum, die Zusammensetzung der Bevölkerung im Blick auf ihren kulturellen Hintergrund verändert sich. In Stuttgart haben 50 Prozent der Kinder und Jugendlichen unter 16 Jahren einen Migrationshintergrund und dies hat Auswirkungen auf Jugendarbeit, auch beim Thema  Partizipation. Die verbandliche Jugendarbeit und besonders die evangelische Jugendarbeit wird auf diese Veränderungen reagieren müssen.

Gesellschaftliche Auswirkungen

Geht man davon aus, dass vor allem politisches Interesse derer vertreten wird, die Parteien bei Wahlen zu Mehrheiten verhelfen, hat eine schrumpfende Anzahl junger Menschen wenig Chancen, dass ihre Themen befriedigend behandelt werden. Jugendliche unter 18 sind von direkten politischen Beteiligungsformen ausgeschlossen, auch die Stimmen der 18-25-Jährigen fallen kaum wahlentscheidend ins Gewicht.
Es bedarf neuer Formen der Mitbestimmung und einer Senkung des Wahlalters. Zusätzlich ist eine Methodenvielfalt der Mitgestaltung junger Menschen vor allem bei den sie direkt betreffenden Lebensbereichen gefragt.
Damit dieses zu befriedigenden Ergebnissen führt, müssen die Anstrengungen der politischen Bildung sowohl in der Schule aber auch im außerschulischen Bildungsbereich erhöht werden.
Eine zweite gravierende Auswirkung ist der Kampf um die immer knapper werdende Ressource „junger Mensch“. Die Bildung junger Menschen wird immer mehr durch die Interessen der Unternehmen bestimmt. Fachkräfte mit guter Ausbildung sind gefragt.
Die Ausbildung junger Menschen wird nicht wie im KJG/SGBVIII vorgesehen, durch die Erziehung zu eigenverantwortlichen Persönlichkeiten bestimmt, sondern durch den Bedarf von Arbeitskräften an bestimmten Standorten und durch die Behebung des seit Jahren existierenden Fachkräftemangels. Eine Beteiligung Jugendlicher wird hier auch in Zukunft immer weniger gefragt sein.
Die Schule darf nicht länger als vorrangiger Bildungsort behandeln werden. „Ein umfassenderes Bildungsverständnis ist dringend nötig, das die Einbeziehung von wechselseitiger Zusammenarbeit aller Bildungsorte vorsieht. Kinder- und Jugendhilfe, Jugendverbände, Kindertagesstätten, Familie, schulische und berufliche Ausbildungsträger müssen allesamt als Orte der Bildung begriffen und gezielt gefördert werden, um die Bildungs- und Teilhabechancen aller jungen Menschen (…) zu sichern.“(DBJR)

Neue Aufgaben für die Evangelische Jugendarbeit

.....
Weiterlesen in Heft 2/13

nach oben

Reinhold Ostermann: Je praktischer desto besser

Handlungsorientierte Jugendarbeit

„Die klassische Gruppenarbeit erreicht Jugendliche nur noch schwer. Anders bei Aktivgruppen: sie sind handlungsorientiert, bieten spannende Herausforderungen. Gemeinsam werden Ideen entwickelt und Projekte umgesetzt – ob Jugendgottesdienst, Multi-Media-Aktivitäten oder Öko-Projekt. In Aktivgruppen können Jugendliche sich ausprobieren, ihre Talente entfalten und Glauben entdecken.“(1) So lautet der Vorstellungstext zu dem Buch „Aktivgruppen“. Im Evangelischen Jugendwerk Württemberg wurde diese Art von Gruppenarbeit in experimenteller Form entwickelt und ausprobiert. Die Evangelische Jugend in Bayern führte diesen Impuls unter dem Titel „GPS“ weiter und entwickelte daraus die „Projektorientierte Jugendgruppen“. Mit beiden Ansätzen konnten über Jahre Erfahrungen darüber gesammelt werden, wie evangelische Jugendarbeit neu Zukunftsfähigkeit gewinnen kann.

Ausgangssituation

Die aej-Studie „Realität und Reichweite evang. Jugendarbeit“ (2) beschreibt als Teilnahmemotive an evangelischer Jugendarbeit:
A.    Wunsch, etwas für die eigene Entwicklung zu tun
B.    Wunsch, etwas Sinnvolles für andere zu tun
C.    Wunsch nach Selbstbestimmung
D.    Wunsch nach spontaner Teilnahme
E.    Sorge, etwas zu verpassen
F.    Wunsch, sich situativ zu entscheiden
G.    Wunsch sich mit religiösen Inhalten zu beschäftigen
H.    Außer Haus etwas erleben
I.    Wunsch nach Zusammenhalt in der Gruppe

Diese Teilmotive lassen sich in Motivbündel zusammenführen:

  • Motivbündel „Gemeinsames Tun“
    Etwas für sich und andere tun ist wesentlich, und zwar in Gemeinschaft. Nicht das Programm ist entscheidend, sondern die Möglichkeiten zum Tun in einer Gruppe.
  • Motivbündel „Dabei sein wollen“
    Jugendliche entscheiden sich immer wieder situativ und spontan zur Teilnahme, weil sie die Sorge haben, etwas zu verpassen.
  • Motivbündel „Glauben leben in Gemeinschaft"
    Wenn religiöse Themen behandelt werden, sind sie gruppenbezogen zu gestalten. Spiritualität und Glaubensvermittlung gelingen am ehesten, wenn sie stark auf ein gemeinschaftliches Gruppengeschehen und eine gemeinsame Gruppenpraxis bezogen sind.

Die Motivbündel unterstreichen in besonderer Weise den Weg zu einer handlungsorientierten Gruppenarbeit, wie sie oben als Aktivgruppen oder projektorientierte Jugendgruppen angedeutet wurden.

Von der Freiheit zur Handlung

......
Weiterlesen in Heft 2/13

nach oben

Autorinnen und Autoren

  • Niels Brüggen, München
    Institut für Medienpädagogik

  • Stefan Brüne-Wonner, Magdeburg
    Referent für schulbezogene Jugendarbeit

  • Ingo Dachwitz, Oldenburg
    Student, Vorstand der aej

  • Jürgen Ertelt, Bonn
    Fachstelle für Internationale Jugendarbeit

  • Michael Freitag, Hannover
    Grundsatzreferent der aej

  • Dr. Benno Hafeneger, Marburg
    Professor Philipps-Universität Marburg

  • Boris Hollitzer, München
    Jugendreferent der Evang. Jugend

  • Steffen Kaupp, Stuttgart
    Projektreferent im Evang. Jugendwerk Württemberg

  • Henriette Labsch, Potsdam
    Studentin, Vorstand der aej

  • Florian Maier, Stuttgart
    Evang. Jugendwerk Württemberg

  • Volker Napiletzki, Bad Tölz
    Jugendreferent und Dozent

  • Reinhold Ostermann, Nürnberg
    Referent im Amt für Jugendarbeit

  • Dr. Thomas Schalla, Karlsruhe
    Landesjugendpfarrer und Vorsitzender der aej

  • Dr. Thomas Schlag, Zürich
    Professor für praktische Theologie

  • Ilona Schumacher, Weilheim
    Jugendreferentin

  • Jörg Titze, Stuttgart
    Evang. Jugendwerk Stuttgart

  • Gunda Voigts, Hannover
    Universität Kassel

nach oben