das baugerüst 4/13 Das Kreuz mit dem Kreuz

 

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Inhalt

  • forum
    Wolfgang Noack: Kreuzzeichen
    Bilder einer Ausstellung

    Dieter Braun: Braucht evangelische Jugendarbeit das Kreuz?
    Persönliche Erfahrungen, Entdeckungen und Statements.

    Dietmar Peter: Werde unsterblich
    Religiöse Motive in der Werbung wahrnehmen 
und deuten

    Tobias Petzold: Im Zentrum: Das Kreuz

    Kurt Marti: Kruzifixe

    Dirk Richert: Kreuz-Gespräche mit  Jugendlichen
    Theologische Überlegung und der Blick in die Praxis einer Jugendkirche

    Cornelia Dassler: Seht, welch ein Mensch
    Jugendkreuzweg 2014

    Wolfgang Noack: Kreuzerfahrungen - Leiderfahrungen

    Rezensionen

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Wolfgang Noack: Provokation mit zwei Balken

Einführung in das Heft

Mit „Kreuz ist Trumpf“ warb im vergangenen Jahr die Schweizer Fluggesellschaft Swiss und lud mit ihrem weißen Kreuz auf rotem Grund zu 70 Flugverbindungen weltweit ein. Die Schweizer Werbekampagne kam just zu dem Zeitpunkt auf den Markt, als das in den USA produzierte Schmähvideo „Die Unschuld der Muslime“ die islamische Welt in Aufruhr versetzte. Mit „Kreuz ist Trumpf“ war dann die Provokation perfekt.
Auch die Popdiva Madonna zeigt sich gerne mit dem christlichen Symbol. Bei Konzerten oder in Videos lässt sie sich mit Dornenkrone auf dem Haupt ans Kreuz schnallen, um dann später bei „Like a prayer“ wieder herabzusteigen.  Was die einen als Skandal beschimpfen, beklatschen die anderen als gelungene Provokation.
Überhaupt scheinen Kreuz und die Lust am Tabubruch gut zusammen zu passen. Das polnische Topmodel Joanna Krupa ließ sich für das Plakat einer Tierschutzorganisation mit einem Kreuz vor der nackten Brust fotografieren. Engelsflügel haften an ihrem Rücken und ein Heiligenschein schwebt über dem Kopf. Eine völlig unangemessene Ausbeutung christlicher Symbole, protestierten die Kirchen.

Aber auch in den eigenen Reihen ist man durchaus bereit, das christliche Symbol für Werbezwecke auszunutzen. Vor ein paar Jahren machte ein christliches Fitnesscenter in Bremen mit einem muskelbepackten Jesus am Kreuz auf sich aufmerksam. Der Gottessohn strotzt  so vor Kraft, dass er die Querlatte am Kreuz sprengte.
Die Beispiele ließen sich fortsetzen. Benetton will mit einem Gräberfeld voller Kreuze Pullover verkaufen, beim Jeanshersteller Mustang breitet eine Jesus ähnliche Person wie am Kreuz beide Arme aus und verspricht jedem einen Jungbrunnen, der die Beinkleider dieses Herstellers trägt und der deutsche Künstler Martin Kippenberger sorgte mit einem gekreuzigten grünen Frosch für Aufregung.
Neben Sex garantieren eben auch noch christliche Symbole hohe Aufmerksamkeit. 

Das wissen nicht nur Kunst, Werbung und Showbusiness. Keine Demonstration gegen Betriebsschließungen oder Arbeitsplatzabbau, bei der nicht mit Kreuzen die Vernichtung und das nahe Ende symbolisiert werden. Auch Jugendliche der Occupy-Bewegung in New York lassen sich ans Kreuz binden und mahnen so gegen die Gefahren der kapitalistischen Finanzwelt.

Szenenwechsel. Ein 15-jähriger Junge von den Philippinen schultert in der Via Dolorosa in Jerusalem ein zwei Meter großes Holzkreuz und macht sich auf den Leidensweg Jesu. In einem Devotionalien-Laden ersteht der Vater noch eine Dornenkrone, setzt sie dem Jungen auf den Kopf und die Familie macht sich mit dem Kreuzträger auf den Weg.

Wer durch oberbayerische Dörfer fährt, entdeckt mannshohe Kruzifixe mit dem leidenden Jesus, vom Kopf rinnt das Blut, Nägel durchbohren Hände und Füße. Darstellungen, die wie selbstverständlich zu dieser Gegend gehören.

Was empfindet der Jugendliche, der das Kreuz durch die Gassen der Altstadt von Jerusalem trägt? Was macht es mit Menschen, die im Dorf, in den Kirchen oder bei Wanderungen den Schmerzensmann am Kreuz betrachten? Erleben sie es als Erinnerung, als Befreiung, als Mahnung? Werden Menschen ermutigt oder gedrückt? 

Zwei gekreuzte Balken, die ab dem 5. Jahrhundert zum Symbol und Zeichen der Christen wurden, haben in einer säkularisierten Gesellschaft nach wie vor eine hohe Alltagsbedeutung, obwohl hierzulande nur noch ca 60 Prozent der Bevölkerung den beiden christlichen Konfessionen angehören. Halskettchen mit Kreuz sind bei Mädchen und Jungen sehr beliebt, jedes Tattoostudio hat massenhaft Kreuzvorlagen im Angebot und auf Popkonzerten sind oft mehr Kreuzsymbole zu sehen als auf einem Pilgerweg nach Altötting. Ein Zeichen, das an Scheitern und Niederlage erinnert, scheint Menschen etwas zu bedeuten, wenn auch nicht unbedingt im Sinne christlicher Deutung.

Leider gibt es keine Zahlen und Aussagen darüber, was das Kreuz den Menschen hierzulande bedeutet. Lediglich auf der Plattform „erdbeerlounge“ (Werbetext: „Immer eine Freundin online“) fragt Paloma08: „Hallo Mädels, ich habe bald meine mündliche Prüfung über ‚Ist Jesus für uns gestorben‘  und ich möchte eine kleine Umfrage über das Thema machen“. Prompt antworteten auch die „Mädels“. Ein Drittel meinte: Nein, ich glaube nicht, dass Jesus für uns gestorben ist. Fast die Hälfte gab an, nicht an Gott zu glauben und für den Rest haben Kreuzigung und Tod Jesu eine Bedeutung.

Aber welche? Hier beginnt die Diskussion in diesem Heft. „Gott fordert keine blutige Sühne“, meint Professor Klaus Peter Jörns in dem baugerüst Gespräch und der Theologe Christoph Stenschke vom Forum Wiedenest, einem christlichen Werk innerhalb der Brüdergemeinden, entgegnet, dass Christus für uns am Kreuz gestorben ist, sei der Beweis der Liebe Gottes.
Subjektive Annäherungen, theologische Diskurse und methodische Impulse fordern zur Auseinandersetzung mit dem Kreuz auf.

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Jürgen Emmert: Das Kreuz

Geschichte und Wandlungen eines Symbols

Noch vor wenigen Jahrzehnten war das Kruzifix selbstverständlicher Teil des Alltages: Nicht nur in Kirchen, auch in Privathäusern und öffentlichen Gebäuden war es als Wandschmuck zu finden. Seine Bedeutung als Zeichen der Erlösung, aber auch als Kennzeichen der abendländisch-christlichen Kultur war in einer überwiegend konfessionell geprägten Gesellschaft den allermeisten bekannt. So brachte z.B. der Schulkreuzerlass des bayerischen Innenministers 1941 ansonsten brave Bürger zu tumultartigen Protesten gegen die Nationalsozialisten auf die Straße. Auch heute noch erhitzt gelegentlich das Abhängen von Kreuzen oder der Gebrauch des Kreuzes in profanen Zusammenhängen die Gemüter. Das Kreuz ist ein mit vielfältigen, teilweise diffusen Emotionen aufgeladenes Zeichen!

Das geächtete Kreuz

Aus dieser Perspektive kann man sich heute daher kaum vorstellen, dass es in den ersten Jahrhunderten des Christentums überhaupt keine Rolle spielte. Ja man vermied im Gegenteil sogar dessen Darstellung bewusst, da das Kreuz als Marterinstrument für Verbrecher in der antiken Gesellschaft geächtet war. Man stelle sich etwa vor, die Guillotine oder der elektrische Stuhl sollten in unserem Kulturkreis zum zentralen religiösen Symbol werden. Erst seit dem Beginn des 5.Jahrhunderts sind Kreuzdarstellungen zu finden: Wenige Jahrzehnte vorher hatte Kaiser Theodosius (reg. 379-395) die Kreuzigung als Todesstrafe abgeschafft. Dies mag ein wesentlicher Impuls für die künstlerische Umsetzung des Themas gewesen sein. Aus früherer Zeit hat sich lediglich eine Darstellung erhalten, nämlich die Ritzzeichnung eines Spottkruzifixus mit Eselskopf vom Palatin in Rom (um 200). Sprechender könnte die Umsetzung wohl kaum sein. Die Verehrung eines Gekreuzigten als Sohn Gottes wurde von der nichtchristlichen Umwelt als Eselei begriffen. Der Gedanke an einen leidenden Gott war den Menschen der Spätantike gänzlich fremd. Frühe Darstellungen, wie etwa auf den Holztüren von Santa Sabina in Rom aus der Zeit um 430, zeigen daher Christus ohne Kreuz, jedoch mit kreuzförmig ausgebreiteten Armen. Eine Haltung, die auch an Oranten - also Betende – denken lässt. Den Darstellungen eignet somit stets eine gewisse Ambivalenz, sie sind weder allein nur Zeichen des Todes, noch allein nur des Lebens. Literarisch hat man sich unter den frühen Kirchenvätern mit dem Bild des am Kreuz schlafenden Christus beholfen um dieses Paradox fassen zu können. Dies liegt jedoch theologisch äußerst schief und öffnet Fehldeutungen Tür und Tor, bis hin zu modernen Autoren, die immer noch postulieren, Jesus wäre am Kreuz nicht wirklich gestorben.
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Johannes Jürgensen: Das Kreuz auf der Weltkugel

Das katastrophale Ende der Hitler-Zeit lag schon ein Jahr zurück. Im Mai 1946 reisten Männer und Frauen aus ganz Deutschland in das zerstörte Hannover, um über den Neuaufbau der evangelischen Jugendarbeit zu beraten. Aus den zurückliegenden zwölf Jahren wollte man Lehren ziehen. Vor 1933 gab es dreiundzwanzig eigenständige Verbände oder Bünde der evangelischen Jugendarbeit. Zusammen vertraten sie 763.824 Jugendliche (Stand 1932). Eine gemeinsame Spitze gab es aber nicht. Hin und wieder hatten sich die „Führer“ getroffen, um sich in Einzelfragen abzustimmen. Nicht zuletzt diese Zersplitterung hatte es der Hitlerjugend leicht gemacht, ab 1933 in die evangelische Jugendarbeit einzubrechen.
Ab 1934 durfte es keine eigenständigen evangelischen Jugendverbände mehr geben. Nur wenn sie sich als Teil einer Kirchengemeinde verstanden, durften sich Jugendgruppen weiterhin treffen. Ende 1935 hatte die Bekennende Kirche eine Jugendkammer gegründet und Otto Riethmüller, seit 1928  Leiter des weiblichen Jugendwerks (Burckhardthaus), zum Vorsitzenden berufen. Leider war Riethmüller schon im November 1938 verstorben.
Die in Hannover versammelten Männer und Frauen waren sich einig, dass die Zusammenarbeit mit den Kirchen fortgesetzt werden sollte. Die Jugendarbeit bekam ein gemeinsames Dach, die „Evangelische Jugend Deutschlands“ (EJD).  Ihr Vertretungsorgan sollte wieder eine „Jugendkammer“ werden, in der Gemeindejugend und Jugendverbände zusammenarbeiten wollten. Örtlich sollten sie eine „freiwillige Gemeinschaft auf dem Boden der Gemeinde“ bilden. Die Jugendkammer sollte zugleich  „Vertrauensorgan der EKD für alle Fragen der Jugendarbeit“ sein. Ganz am Schluss der verabschiedeten Ordnung hieß es dann:„Das Zeichen der EJD ist das Kreuz auf der Weltkugel.“
Manfred Müller, der erste Vorsitzende der neuen Jugendkammer, erinnert sich 1982 nicht mehr daran, wer dieses Symbol vorgeschlagen hat: „Ich weiß noch genau, wie sehr wir alle das Zeichen (bewusst nicht Abzeichen) als Geschenk Gottes an die EJD empfanden und in der Einmütigkeit des Beschlusses ein Wirken von Gottes Geist sahen. […] Das Zeichen war  plötzlich da, buchstäblich vom Himmel gefallen.“ Auch wenn es nicht ausgesprochen wurde, allen war bewusst, dass Otto Riethmüller ihnen dieses Himmelsgeschenk vermittelt hatte.


Zeichen für die Junge Gemeinde

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Magdalene L. Frettlöh: Gott braucht keine Opfer!

Der auferweckte Gekreuzigte als Gewaltopfer:
Hoffnung für alle viktimisierten* Menschen

* „zum Opfer machen“ (lat. victima, „Opfer“)

Wenn wir den Kreuzestod Jesu als Heils-ereignis deuten, dann fragen wir für gewöhnlich danach, was hier für uns geschieht, wie Gott im Tod Jesu uns zugute handelt oder was Jesus selbst mit seiner tödlichen Passion für uns getan hat: „Für uns gestorben“ – „Christi Leib für dich gegeben“; „Christi Blut für dich vergossen“ ... Heilvoll vom Kreuzestod Jesu reden, meint traditionell: was haben wir von diesem Sterben?
Nun heißt Kreuzestheologie aber dem nachzudenken was Gott mit dem Gekreuzigten zu tun hat, was diese Hinrichtung für Gott selbst bedeutet. Darum frage ich zuerst: Was tut Gott für den Gekreuzigten selbst? Und erst danach: Was geschieht hier für uns? Einen solchen Perspektivenwechsel nimmt Jesus zunächst nicht als Sühnopfer, sondern als Gewaltopfer in den Blick, als einen von vielen viktimisierten Menschen: „Seht, welch‘ ein Mensch!“
Auf die Frage: Was tut Gott für den Gekreuzigten, antwortet die Bibel mit dem Bekenntnis zur Auferweckung Jesu: Die Auferweckung des Gekreuzigten ist vor allem anderen als ein göttliches Handeln zu verstehen, mit dem Gott auf die tödliche Gewalt antwortet, die Jesus getroffen hat, und mit dem Gott das eigene Verhältnis zur Gewalt exemplarisch klärt und erklärt.
Der Tod Jesu am Kreuz ist als letzte Konsequenz seines Lebens nach den Geboten Gottes unübersehbar eine brutale Hinrichtung und Jesus das Opfer einer Gewalt, die er durch seinen Weg der Erniedrigung auf sich gezogen hat. In einer Welt, in der Menschen hoch hinaus wollen, in der sie herrschen und siegen, andere und sich selbst je neu übertreffen wollen, ruft eine Gestalt die den Gegenweg geht, den von oben nach unten, Aggression und blanken Hass hervor. Die Machtspiele des Fortschritts und der Herrschaft nicht mitzuspielen, das stört und blamiert diejenigen, die sie inszenieren oder sich auch nur daran beteiligen. Spielverderber können darum nicht geduldet werden.
Wie also kommt Gott dem Gewaltopfer Jesus zu Hilfe? Gott setzt sich – so das biblische Wort vom Kreuz – in der Auferweckung des Gekreuzigten zu dieser Gewalttat ins Verhältnis:

  • Die Auferweckung Jesu von den Toten ist Gottes schöpferische Antwort auf das Unrecht, das Jesus ans Kreuz gebracht hat. Auferweckung ist Neuschöpfung.
  • Sie ist der Einbruch in eine lebenszerstörende Fortschrittsgeschichte, Gottes Widerspruch gegen die die wollen, dass alles so bleibt wie es ist. Die Auferweckung des unschuldig Hingerichteten ist zugleich eine göttliche Protest- und Widerstandshandlung gegen die Verhältnisse und Strukturen, in denen Menschen zu Opfern und TäterInnen von Gewalt werden.
  • Indem Gott den Hingerichteten nicht im Tod lässt, sondern ihn neu ins Leben ruft, setzt Gott das Leben gegen den Tod, den Segen gegen den Fluch durch. Die Auferweckung ist eine göttliche Segenshandlung am Gekreuzigten.
  • Gott ergreift Partei für den, der grausam zu Tode gequält wurde. Gott identifiziert sich mit dem, der zum Opfer gott- und lebensfeindlicher Mächte und Gewalten geworden ist. Gott entzieht den Gewalttätigen jede Legitimation für ihre Tat und gibt dem Opfer gegen die Täter Recht. Gott setzt das Gewaltopfer ins Recht. Die Auferweckung Jesu ist ein göttlicher Rechtsakt.
  • Und nicht zuletzt liegt in der Auferweckung des Gekreuzigten eine Selbstdefinition Gottes. Indem Gott Jesus nicht im Tod belässt, gibt Gott gleichsam zu Protokoll, nicht mit denen verwechselt werden zu wollen, die Menschenopfer fordern oder denen man sie meint darbringen zu müssen.


Das Bekenntnis zur Auferweckung des Gekreuzigten fordert dazu heraus, im Namen Gottes erhobene Opferforderungen als Missbrauch des Namens Gottes zu entlarven, die Verschleierung von Opferverhältnissen aufzudecken, der Bereitschaft zur Selbstaufopferung entgegenzuwirken, die Faszination, die von der Opferrolle ausgehen kann, zu durchbrechen.
In der so verstandenen Auferweckung Jesu als Gewaltopfer liegt die begründete Hoffnung für alle, die zum Opfer von Gewalt geworden sind, dass Gott der ihnen widerfahrenen Gewalt nicht das letzte Wort lässt, sondern sich an ihnen als schöpferischer, protestierender, segnender, zurechtbringender Gott erweist, der nicht tatenlos zuschaut, wenn auch nur einem Geschöpf Gewalt widerfährt. Denn wer Menschen Gewalt antut, schneidet dem fleischgewordenen Gott ins eigene Fleisch.

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„Gott fordert keine blutige Sühne“

Ein Gespräch über die Deutung des Kreuzes Jesu mit Prof. Klaus Peter Jörns

(Langfassung des Gesprächs)

baugerüst: Das Kreuz auf der Weltkugel ist das Zeichen der Evangelischen Jugend. Das Zeichen kann auch gedeutet werden  als beherrsche das Kreuz die Welt. Sollte sich die Evangelische Jugend von diesem Zeichen verabschieden?

Jörns: Ich wüsste nicht, wie das Kreuz die Welt beherrscht. Es ist eher ein Zeichen dafür, dass Gott auf der Erde nicht eindeutig zu erkennen ist. Glaubt man, dass Jesus Gott repräsentiert, dann sagt das Kreuz, dass Gott mit den Leidenden leidet. Insofern deutet es auf den Abschied vom „allmächtigen Gott“. Es „erdet“ den Glauben, indem es sagt, dass der christliche Glaube beim Leiden der Menschen und Tiere ansetzt.

baugerüst: Der Tod Jesu am Kreuz als Sühne für die Sünden der Menschen ist zentral für den christlichen Glauben. Kann man Christ sein, ohne dies in den Mittelpunkt des eigenen Glaubens zu stellen?

Jörns: Wer glaubt, dass Jesu Tod die Sünden der Menschen gesühnt habe, geht davon aus, dass Gott blutige Sühne fordert für das, was wir einander im Leben schuldig bleiben; der hängt also noch am Gottesbild, das vor Jesus galt – und das von den kirchegründenden Aposteln wieder aktiviert worden ist. Paulus vor allem lebte in der Tradition der jüdischen Märtyrertheologie. Danach schaffte das Leiden gerechter Märtyrer Sühne für Israel. „Für euch gestorben“ kommt von daher. Doch diese Deutung des Kreuzes Jesu als Sühne war keinesfalls die einzige im frühen Christentum – wie schon das Neue Testament zeigt.

baugerüst: Wie würden Sie Jugendlichen und Mitarbeitenden in der Jugendarbeit erklären, welchen Sinn das Geschehen am Kreuz für ihren eigenen Glauben hat?

Jörns: Ich würde keinem Jugendlichen mehr die Sühnetheologie vermitteln. Der Glaube, dass wir nur dann mit Gott in Frieden leben können, wenn jemand – also Jesus – elendiglich „um unserer Sünden willen“ gelitten hat, hat mit Jesu Gottesvorstellung nichts zu tun. Der wusste, dass das Leben schwer und dass das Gutsein mühsam ist und ein Leben lang gelernt werden muss. Die Antwort auf das, was andere uns schuldig bleiben, ist nicht Strafe und Sühne, sondern Vergebung – immer wieder. Der Satz, „Versöhnung ohne Blutvergießen gibt es nicht“ (Hebr. 9,22), ist weit hinter Jesus zurückgefallen. Davon müssen wir uns endlich trennen.

baugerüst: Soll man das Kreuz gar nicht mehr erwähnen?

Jörns: Doch. Aber man soll die Seele von Kindern und Jugendlichen um Jesu Willen niemals mehr dadurch verletzen, dass man ihnen sagt, auch um ihrer Kinder- und Jugendlichen-„Sünden“ willen habe Jesus leiden müssen. Das traumatisiert sie ihr Leben lang. Ich würde ihnen Kreuzesdarstellungen ohne jeden Kommentar zeigen und sie sagen lassen, was sie sich dazu denken. Sie würden ohne Umschweife sagen, dass da ein Mensch gequält wird und furchtbar leiden muss, ja, hingerichtet wird. Und dann würde ich mit ihnen aus den Evangelien die Ursache dafür suchen, dass man mit ihm so umgegangen ist.

baugerüst: Die religiösen Autoritäten wollten Jesus loswerden.

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„Christus ist für uns gestorben – das ist der Beweis der Liebe Gottes“

Ein Gespräch über Kreuz, Sühne und Erlösung mit Christoph Stenschke

baugerüst: Die Zusage „Christi Blut für dich vergossen“ klingt schon etwas grausam. Verstehen Sie, dass Menschen mit diesem Satz Probleme haben?

Stenschke: Ich kann schon verstehen, wenn dieser Zuspruch  im Abendmahl auf manche Menschen etwas befremdlich wirkt. Wir haben vielleicht auch auf Grund unserer Geschichte Probleme mit einem Bild, bei dem jemand sein Blut und sein Leben für andere gibt. So steht etwa auf manchen Kriegerdenkmälern der Satz: „Sie gaben ihr Leben für das Vaterland“.

baugerüst: Der Opfertod Jesu am Kreuz ist zentral für den christlichen Glauben. Kann man Christ sein ohne daran zu glauben?

Stenschke: Am Neuen Testament orientiertes Christentum ist ohne den Kreuzestod Jesu nicht denkbar. Andererseits lässt sich aber das Neue Testament auch nicht auf die Rede vom Kreuz Jesu reduzieren. Karfreitag, Auferstehung, Ostern, Pfingsten sind eben nicht voneinander zu trennen. Dass Jesus den Vater offenbart, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt, dass Jesus wiederkommen wird, das gerät aus dem Blick, wenn es nur um Karfreitag und nur um den Tod Jesu als Sühne geht. Entscheidend ist, dass Jesus für uns gestorben ist, das glauben wir und das sprechen wir uns zu, aber das steht in einem viel größeren Zusammenhang.

baugerüst: Hängt das damit zusammen, dass die Kreuzigung und der Tod Jesu in der Forschung nie bezweifelt wurden?

Stenschke: Ja natürlich. Jesus hat gelebt und wurde unter Pontius Pilatus gekreuzigt. Auch im apostolischen Glaubensbekenntnis wird die ganze Biografie Jesu reduziert auf Geburt, Tod und Auferstehung. Das ganze irdische Wirken Jesu spielt im wichtigsten Glaubensbekenntnis der Christenheit keine Rolle. Einerseits lässt sich das Kreuz Jesu und seine Bedeutung kaum überschätzen, andererseits wird es einseitig, wenn Jesus auf seinen Kreuzestod reduziert wird.

baugerüst: Wie erklären Sie jemandem den Satz: „Für uns gestorben“?

Stenschke: Es taucht schon im Alten Testament auf, dass für jemanden der schuldig geworden ist stellvertretend Tiere geopfert werden. Dieser alttestamentliche Kult hat zwei Dimensionen: Es wird stellvertretend etwas geopfert und das Opfer kommt anderen zu Gute.
Das Neue Testament hat eine Fülle von Begriffen für die positiven Folgen des Kreuzes und der Auferstehung: Vergebung der Sünden, Frieden mit Gott, Schalom, Rechtfertigung, Loskaufen, Versöhnung, Sühne. Das sind ja alles auch Metaphern und Bilder aus ganz verschiedenen Bereichen. Die spannende Frage ist, ob sie alle gleichberechtigt nebeneinander stehen. Aber der Tod Jesu kommt den Menschen zu Gute.

baugerüst: Ist die Sühne dann eine Art Leitmetapher?

Stenschke: Aufgrund der Sühne gibt es Versöhnung, aufgrund der Sühne gibt es Rechtfertigung, aufgrund der Sühne gibt es Frieden mit Gott.
Wobei es für die  Verkündigung in der Jugendarbeit vielleicht notwendig wäre, nicht einen dieser Begriffe exklusiv zu erheben. Für viele Menschen ist es heute leichter, erst einmal über Frieden, über Versöhnung, über Vergebung einen Zugang zum Tod Jesu zu bekommen. Diese Begriffe sind sehr positiv besetzt. Rechtfertigung, oder ein Satz wie „Gott spricht uns um Christi willen gerecht“, sind einfach schwieriger zu verstehen. Die ganze Sprache der Sühne muss man erklären, das ist nicht sofort einleuchtend und verständlich.

baugerüst: Viele Menschen stellen die Frage, ob Gott es nötig hatte, Jesus am Kreuz zu opfern?

Stenschke: Es geht ja bei dem Kreuzestod Jesu nicht nur um Sühne. Da sind  verschiedene Motive enthalten: das Leiden, das Motiv des Gerechten, das Kreuz Jesu wird mit Loskaufen in Verbindung gebracht, natürlich auch mit dem Gedanken der Sühne, mit der Teilhabe der Glaubenden an Tod und Auferstehung Jesu, mit der Überwindung von Hölle, Tod und Teufel. In jedem dieser Motive werden alttestamentliche Traditionen aufgegriffen.

baugerüst: Aber Gott opfert seinen Sohn.

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Dieter Braun: Braucht evangelische Jugendarbeit das Kreuz?

Persönliche Erfahrungen, Entdeckungen und Statements

Brauchen wir die Verkündigung des Kreuzes in der evangelischen Jugendarbeit? Bewirkt sie etwas? Ist sie Not-wendig? Wie kann sie aussehen? Wie wird das Kreuzgeschehen alltagsrelevant? Wie erklärt man ein Mysterium? Fragen über Fragen.

Ein Blick in meine eigene Geschichte wirkt auf der Suche nach Antworten wie eine Entdeckungsreise in Sachen praktischer Theologie. Darum wage ich im Folgenden bewusst einen persönlichen, biographischen Ansatz. Vielleicht ermöglicht er über die Grenzen des jeweiligen theologischen Denkens hinweg eine Betrachtung gegen den Strich.
Ich war 17 Jahre alt, als das Kreuz und der Gekreuzigte in mein Blickfeld rückten.  Damals begegnete ich zwei ungewöhnlichen Predigern.  Manfred Bletgen und Klaus Vollmer waren großartige Erzähler. Sie haben es verstanden Erzählung und Theologie zu verbinden. Mein erstes und grundlegendes Verständnis vom Kreuzgeschehen verdanke ich ihnen und ihrem narrativen Predigt-Stil. 

Bilder in meinem Kopf

Ich meine die Worte heute noch zu hören. Die Bilder, die diese beiden Verkündiger mir vor Augen gemalt haben, sind so tief in mich hinein gefallen, dass ich bis heute den Eindruck habe, geradezu dabei gewesen zu sein, als Jesus verhaftet und verhört worden ist. Ich war dabei, als man ihn durch die engen Gassen von Jerusalem gestoßen hat. Ich habe gesehen wie er zu stolpern beginnt und unter der Last des Kreuzbalkens zusammenbricht. Ich sah, wie Simon von Kyrene in die Sache hineingezogen wird und bin ihm gefolgt. Ich sehe heute noch vor mir, wie er Jesus das Kreuz voraus trägt – hinaus aus der Stadt – bis hin zur Müllhalde, die Golgatha heißt. Es ist, wie wenn ich selber dort auf dem Hügel gestanden wäre, als Jesus gekreuzigt wurde. Als hätte ich aus der Ferne das Gespräch mit den beiden Schächern selbst gehört. Als hätte ich es mit eigenen Ohren gehört: „Es ist vollbracht.“

Erzählende Theologie

Die Erzählungen dieser beiden Jugendevangelisten waren geprägt von einer bemerkenswerten Schlichtheit. Da war keine fragwürdige Leidensverherrlichung. Keine billige Effekthascherei. Vielleicht haben sie es einfach nur verstanden, dem theologischen Geheimnis von Golgatha genauso gerecht zu werden, wie meiner Unfähigkeit zuzuhören. Vielleicht sprach Gott selber durch ihre Worte. Ich jedenfalls, der ich ein schrecklich unkonzentrierter Zuhörer war, hing an ihren Lippen und habe verstanden: Wer wissen will, wie weit Gott in seiner Liebe zu uns Menschen geht, der muss auf das sehen, was dort am Kreuz geschieht. Denn dort wird eine Hinrichtungsstätte zum Heils-ort für die Welt und für jeden einzelnen Menschen.

Gott packt alles Leid, alle Not und alle Ungerechtigkeit die geschehen ist und noch geschehen wird am Kreuz auf seine Schultern. Er trägt, was für uns unerträglich wird:  die Stunden, in denen wir gelebt haben, als gäbe es Gott gar nicht. In denen wir so getan haben, als wären wir selber kleine Götter. Darum sieht, wer unter dem Kreuz Jesu steht und die Augen hebt zweierlei: in den Abgrund seines Lebens und in den Himmel. Das Sterben Jesu nimmt mich ernst und macht mich frei. Das ist das „euangelion“ für eine ganze Welt – die eine gute Nachricht.

Symbol für ein Mysterium
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Cornelia Dassler: Seht, welch ein Mensch!

Ökumenischer Jugendkreuzweg 2014

Die kommende Ausgabe der Materialien für den ökumenischen Kreuzweg der Jugend führt mich an meine eigenen Glaubenswurzeln. Mit ungefähr elf Jahren stand ich das erste Mal vor dem Isenheimer Altar mit den unglaublichen Bildern von Matthias Grünewald. Ich denke, ich hätte gesagt „düster“, wenn mich jemand danach gefragt hätte, wie dieser Altar auf mich wirkt. Und doch war da schon damals auch noch etwas anderes für mich spürbar: Etwas an diesen Bildern hat mich nie losgelassen. Obwohl ich die heutige Präsentation des Altars in einem Museum nicht so schön finde, „pilgere“  ich gern dorthin, um mir das Original anzusehen. Ich bin mir sicher, dass es genau das Düstere, das offensichtliche Leiden in dieser Szene ist, das ich schon als Kind eher als  ansprechend denn als abstoßend empfunden habe. Und dann ist da dieser Finger: Seht welch ein Mensch – ist mein Satz zu diesem Bild.  Auch wenn ich weiß, dass dieser Satz –  das „Ecce homo“ -  in der Kunstgeschichte nicht zu dieser Szene, sondern zur Zurschaustellung Jesu nach Kapitel 19 des Johannesevangeliums gehört oder den Schmerzensmann auf Andachtsbildern zeigt, nicht Jesus am Kreuz.

Wir fühlen uns gesehen

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Autorinnen und Autoren

  • Dr. Hans-Jürgen Benedict, Hamburg
    Professor

  • Dieter Braun, Stuttgart
    Referent Jugendevangelisation im Evang. Jugendwerk Stuttgart

  • Susanne Breit-Keßler, München
    Regionalbischöfin

  • Dr. Christian Butt, Ratzeburg
    Studienleiter am Predigerseminar der Nordkirche

  • Cornelia Dassler, Hannover
    Landesjugendpastorin

  • Dr. Jürgen Emmert, Würzburg
    Kunstreferat der Diözese Würzburg

  • Michael Freitag, Hannover
    Grundsatzferent der aej

  • Dr. Magdalene L. Frettlöh, Bern
    Professorin

  • Dr. Klaus-Peter Jörns, Berg
    Professor und Buchautor

  • Johannes Jürgensen, Büdelsdorf
    Probst i.R.

  • Heidemarie Langer, Hamburg
    M.A., Theologin, Autorin

  • Dietmar Peter, Loccum
    Stellvertr. Rektor am Religionspädagogischen Institut

  • Tobias Petzold, Moritzburg
    Evangelische Hochschule Moritzburg

  • Hans Albrecht Pflästerer, Hamburg
    Journalist

  • Dirk Riechert, Rheydt
    Sozial- und Gemeindepädagoge

  • Christiane Thiel, Leipzig
    Pfarrerin

  • Dr. Christoph Stenschke, Wiedenest
    Professor

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