das baugerüst 1/14 Räume

 

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Inhalt

  • forum
    Reinhold Ostermann: Jugendräume gestalten
    Kinderzimmer, Schulraum, Gruppenraum

    Hansjörg Kopp: „Mein Zimmer“
    Jugendzimmer zwischen Inszenierung,heiligem Ort und Funktionalität

    Rainer Buland: Spielräume für ein spirituell gesättigtes Leben

    Martin Nugel: Sakrale Provinz oder Weltjugendkirche?
    Überlegungen zu Kirche, Jugend, Raum

    Hans Hobelsberger: Resonanzraum, nicht Kulisse
    Jugendkirche - Raum als Konzept

    Robby Höschele: Raum für Spiritualität

    Tobias Fritsche: Jugendkultur im Kirchenraum
    Erfahrungen aus der Nürnberger Jugendkirche LUX

    Willi Schönauer: Licht und Musik verändern Räume   
    Beratungsprozess zur Raumkonzeption von Jugendkirchen
       
    Stefanie Hügin: Den Raum verändern: Eine Projektbeschreibung ?für digitale Kirchenmalerei


  • Rezensionen

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Wolfgang Noack: Raumerweiterung

Es gibt die Geschichte von dem Bergbauern, der sein Leben lang nicht ins Tal gekommen ist. Immer bewegte sich der Mann zwischen Schlafkammer, Stube, Stall und Heuschober. Nur sonntags ging es in die Kapelle unweit vom Hof entfernt.

Unvorstellbar für Menschen, die heute fast grenzenlos leben, die sich im Laufe ihres Lebens in so vielen verschiedenen Räumen aufhalten, wie wohl keine Generation vor ihnen, die für Ortsveränderungen immer weniger Zeit benötigen und die sogar die Fähigkeit besitzen, sich an mehreren Orten gleichzeitig aufzuhalten, wenn sie vom heimischen Sessel aus die Freunde in den sozialen Netzwerken treffen.

Damals, als die Erde noch eine Scheibe war und die Gallier mit Asterix und Obelix Angst hatten, der Himmel könne ihnen auf den Kopf fallen, war die Raumvorstellung doch sehr begrenzt. In der Antike glaubte man der Raum sei endlich und irgendwo ganz hinten am Ende wohnen die Götter oder der eine Gott. Galilei, Newton, Leibniz und einige mehr befreiten die Menschen von dieser begrenzten Wahrnehmung, bis dann schließlich Einstein kam und den drei Dimensionen des Raumes noch eine vierte hinzufügte: die Zeit. Der Raum dehnte sich fortan in die Unendlichkeit und Menschen waren nicht weit davon entfernt, sich an jeden beliebigen Ort zu beamen - zumindest theoretisch oder wenn sie zur Besatzung von Raumschiff Orion gehörten.

Also müssen wir uns vorerst noch mit den 40 Quadratmetern Wohnfläche zufrieden geben, die hierzulande durchschnittlich jedem zustehen, alle Verkehrsflächen einer Wohnung mit eingerechnet, die Kinder- und Jugendzimmer sind natürlich beengter. Schnell geht es raus aus den eigenen vier Wänden, neue Räume öffnen sich, die Kita, die Schule, das Jugendzentrum, das Gemeindehaus. Alle haben ihre eigene Architektur und Räume regen Menschen an oder auf, bremsen, beflügeln oder machen aggressiv. In den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts baute man riesige Trabantenstädte auf der grünen Wiese und wunderte sich, warum die Käfighaltung  die Zerstörungswut der Menschen steigerte. Architekten und Städteplaner haben dazugelernt, mit Farbe, Licht, Freiflächen und Grünanlagen bis zu Feng Shui lassen sich die Raumwahrnehmungen beeinflussen. Auf dem Land war das schon immer etwas anders, wenngleich das Leben in den netten Einfamilienhäusern in der Siedlung am Dorfrand den Kindern und Jugendlichen lange Wege zu Schule, Jugendgruppe und Disco zumuten.

Wie eignen sich Kinder und Jugendliche ihre Räume an? Diesem Thema stellt sich das vorliegende Heft und die Beiträge suchen nach Antworten auf die Fragen: Wie initiieren Jugendliche ihre Zimmer, welche neuen Freiräume fordern sie und sind vielleicht die Shopping Malls die neuen Jugendzentren? Ist das Leben in virtuellen Räumen und sozialen Netzwerken der befreiende Ausbruch aus der engen Realität oder doch eher die Flucht in eine Parallelwelt? Und der öffentliche Raum? Wie bewegen sich Menschen in Parks und auf Plätzen, in Straßen und Einkaufszentren, wenn der Raum dort immer funktionalisierter wird, immer überwachter und immer weniger uns allen gehört? Ein Gespräch mit dem Frankfurter Humangeographen Bernd Belina gibt Auskunft darüber.

Neben dem privaten und dem öffentlichen Raum ist der heilige Raum, der Kirchenraum Thema in diesem Heft. Verschiedene Beiträge beleuchten die Erfahrungen Jugendlicher mit dem Kirchenraum. Wie lassen sich Räume verändern, wie durch bauliche Irritationen neue Einsichten gewinnen? Kann eine Jugendkirche oder überhaupt Jugendarbeit zum Resonanzraum für die Lebenswirklichkeit von Jugendlichen werden? Können solche Räume zu Sehnsuchtsräumen werden, in denen noch nicht erfüllte Wünsche aufblitzen? Oder zu Nachdenkräumen, die Ideen und Visionen sprießen lassen, an die vorher überhaupt noch niemand gedacht hat? Vielleicht müssen es aber auch Ruheräume werden, die Einhalt gebieten, die Nischen anbieten zum Auftanken und Träumen. Begegnungsraum müssten Jugendarbeit und Jugendkirche sein, Konfrontation mit dem Fremden, dem ganz Anderen, dem Heiligen -  das wäre dann aber schon ein Zukunftsraum. Solche Räume bräuchten wir.

Menschen erfahren den Raum, indem sie ihn konstruieren, besetzen, erobern, gestalten, vielleicht auch verwüsten. Dem eingangs beschriebenen Bergbauern erging es da nicht anders, eben nur sehr begrenzt auf den einen Ort an dem er lebte. Für Menschen, zumal für Jugendliche, erscheinen die Aneignungsräume fast grenzenlos und sind doch so oft begrenzt definiert. Die zunehmende Funktionalisierung und Überwachung der öffentlichen Räume sind ein Beispiel dafür. Das Gegenteil könnten vielleicht die Jugendkirchen sein, die vormals festgelegte Räume öffnen und gestaltbar machen. Grund genug, sich mit den Räumen auseinanderzusetzen, den privaten, den öffentlichen und den kirchlichen. Das könnte zur Erweiterung der Räume führen.

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Ulrich Beuttler: Hier und dort und überall. Gott und Raum

Gottes Allgegenwart im Raum

Es ist eine Grundüberzeugung des glaubenden Menschen, dass Gott da ist, hier und jetzt, hier und dort, im Raum und den Räumen dieser Welt. Gott ist da, heißt für den Glaubenden: Gott ist hier, am Ort und im Raum meiner Welt, Gott ist anwesend, Gott ist hier wirklich da. Der christliche Glaube lebt aus der Gegenwart Gottes und erfährt die Gegenwart Gottes als räumliche Gegenwart, als Gegenwart am Ort, im Raum. Die Erfahrung des Glaubens ist zwar nicht die, dass Gott immer und überall in derselben dichten Weise gegenwärtig erlebt wird – zum Glauben gehört auch die Erfahrung der Abwesenheit Gottes, der Ferne Gottes, der Unsichtbarkeit und Verborgenheit Gottes. Aber zum Glauben gehört elementar die Überzeugung, dass es keinen Ort und keinen Raum dieser Welt gibt, wo Gott nicht gegenwärtig sein könnte. „Flöge ich ans äußerste Meer, so würde auch dort deine Hand mich halten“, betet der 139. Psalm, und so ist es seit biblischen Tagen, dass mit dem Glauben an Gott die Überzeugung der Gegenwart Gottes verbunden ist und diese Gegenwart eine räumliche Dimension hat.

Die Gegenwart als eine räumliche Gegenwart ist mit Gott überhaupt so wesentlich verbunden, dass als eine der grundlegenden Eigenschaften Gottes in der ganzen christlichen Tradition die Allgegenwart Gottes gilt. Die Allgegenwart ist für das Christentum nicht eine Eigenschaft, die zur Wirklichkeit Gottes auch noch hinzu kommt, sondern die mit dem Wesen Gottes gegeben ist. Gott ist allgegenwärtig, heißt negativ, er ist nirgends nicht und heißt positiv, „dass er dort und hier und überall“ gegenwärtig ist, und zwar er selbst, „dass er also immer irgendwo und nicht nirgends“ ist (Karl Barth). Diese allgemeine Gegenwart oder Allgegenwart Gottes hat die christliche Lehre mit biblischer Begründung (Ps 139,7; Jer 23,23; Apg 17,27) als unermessliche, als wesentliche und wirksame Gegenwart Gottes charakterisiert. Die Allgegenwart Gottes, so hat man es in einen lateinischen Merkspruch zusammengefasst, ist dreifach, nach Essenz (Wesen), nach Präsenz (Gegenwart) und nach Potenz (Wirksamkeit): „Enter praesenter Deus hic et ubique potenter“ (Gott ist in wesentlicher, anwesender und wirksamer Weise hier und überall gegenwärtig).

Die Schwierigkeit war von Anfang an, Gottes Gegenwart räumlich zu denken, aber doch so, dass Gott gerade nicht selbst räumlich oder gar ausgedehnt vorgestellt wird. So hat der Kirchenvater Augustin in Abwehr einer materiellen Gottesvorstellung, Gott sei eine Art ausgedehnte, körperhafte Masse, festgestellt, dass Gott zwar quasi körperhaft am Ort sei, jedoch nicht so, dass er hier mehr und dort weniger sei, oder ein kleinerer Raumteil ihn weniger umfasse als ein größerer, sondern so, dass Gottes Gegenwart überall ganz, jedoch nirgends exklusiv lokalisiert oder fixiert ist. Die überall ganze Gegenwart sei unendlich zu denken, sie ist unbeschränkt und ein Zusammenfall von Gegensätzen. Gott ist überall unendlich und ganz gegenwärtig, jedoch nirgends räumlich begrenzt oder eingesperrt. Diese Überlegung wurde zu einem mystischen Paradox ausgebaut, nach dem Gottes „Immanenz“ und Gottes „Transzendenz“ gleichermaßen unendlich sind, dass Gott ebenso weltgegenwärtig wie weltjenseitig ist, beides ganz, ebenso „in allem“ wie „über allem“. Gott ist wie eine unendliche Kugel, deren Zentrum überall und deren Umfang nirgends ist. So formulieren es viele neuplatonische Theologen des Mittelalters wie Meister Eckart oder Nikolaus von Kues. Gott, sagt auch Martin Luther, muss an allen Orten wesentlich und gegenwärtig sein, im geringsten Baumblatt wie in jedem Körnlein. Auch wenn es unbegreiflich ist: „Nichts ist so klein, Gott ist noch kleiner, nichts ist so groß, Gott ist noch größer.“

Raumlose Gegenwart Gottes?

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Christian Reutlinger: Jugendliche fordern Freiräume

Einleitung

„Tanz dich frei“ – unter diesem Motto fand im Mai 2013 in der schweizerischen Hauptstadt Bern die dritte Auflage der so genannten „Tanz-Demonstration“ statt. Dieses Jahr breit beachtet und im Nachklapp medial wie politisch kontrovers diskutiert, insbesondere da die größte Jugendkundgebung seit den 1980er Jahren nicht in einem „losgelassenen Sommernachtsfest, sondern in Straßenschlachten, Verwüstung und im Chaos“ endete (so der Tenor in der schweizerischen Presse)(1). Die durchaus brisanten, politischen Forderungen der jungen Menschen wurden dadurch zwar an die Oberfläche gehoben, durch die Handlungen einiger weniger, wie bspw. mutwillige Zerstörung, Plünderungen, Scharmützel mit Polizei, insgesamt als abweichend und illegal konnotiert: Nach eigenen Aussagen geht es den involvierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen um mehr Freiräume zum selber Gestalten. Hintergrund ist das Gefühl, dass die städtischen Entwicklungen sich zunehmend an profitorientierten Kriterien ausrichten würden (Stichwort: Stadt als Unternehmen). Dies bedeutet konkret, dass die wenigen vorhandenen Brachen und freien Flächen verkauft und privater Nutzung zugeführt würden. Gleichzeitig würden die verschiedenen sozialen Gruppen, die den öffentlichen Raum nutzten, unterschiedlich behandelt, bspw. unliebsame Personengruppen weggewiesen. Durch Vorschriften, Reglements, Bewilligungspflichten würden politische Aktionen verboten, Aktivitäten (Video)überwacht, kurz: das (Nacht-)leben wäre für Jugendliche zunehmend eingeschränkt. Deshalb forderten die anonym gebliebenen Organisatoren der nicht-bewilligten "Tanz-Dich-Frei-Veranstaltung" in ihrer Online-Einladung: „Wir wollen uns nicht auf der Nase herumtanzen lassen, sondern selber bestimmen, wo und wann wir tanzen!“(2).

Jugendliche ohne Freiräume? – ein aktuelles Problem mit langer Tradition 

Dieser Vorspann vermag die allgemeine Frage nach den Herausforderungen des Lebens und Aufwachsens von Jugendlichen in verplanten und vorbestimmten Räumen ganz aktuell zu illustrieren und gleichzeitig die Vielschichtigkeit des Freiraumproblems zu umreißen. Damit verbunden sind Fragen wie: Worum geht es bei der Forderung nach Freiräumen für Jugendliche und junge Erwachsene? Was bedeutet das Aufwachsen für Kinder und Jugendliche, wenn Freiräume verschwinden? Wie eignen sie sich einen Raum an und was sind attraktive Orte für Kinder und Jugendliche? Und schließlich: was kann offene Kinder- und Jugendarbeit beitragen, um Schon-, Schutz- oder Versuchsräume für Jugendliche zu ermöglichen?

Im Folgenden sollen – geleitet von diesen Fragen – zentrale Aspekte aus sozialgeographischer Sicht genauer beleuchtet werden. Eine historische Vergewisserung verdeutlicht darüber hinaus: Das Thema Freiräume für Jugendliche hat eine lange Tradition. Zentral ist deshalb für die Jugendarbeit, sich der Freiraumfrage mit geeigneten Raumvorstellungen zu nähern und die dahinter liegenden jeweiligen gesellschaftlichen Bedingungen und strukturellen Herausforderungen mit zu berücksichtigen.

Forderung nach Freiräumen

Nicht nur selbstbestimmte Orte, ?sondern gerechtere Macht- und ?Herrschaftsverhältnisse!

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Ulrich Deinet: Shopping Malls - eine Herausforderung für die Jugendarbeit

Im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung von Entwicklungsprojekten(1) der Kinder- und Jugendarbeit wurden in den letzten Jahren in einigen Kommunen in NRW Methoden zur Lebensweltanalyse von Jugendlichen durchgeführt, die nicht nur das Ziel haben, die Freizeitinteressen der Jugendlichen zu ermitteln, sondern insbesondere auch mehr über ihre „Räume“ und deren Aneignungsqualitäten aus Sicht der Kinder und Jugendlichen zu erfahren. In den Fokus geraten dabei – neben den dominanten virtuellen Räumen – auch Veränderungen im Bereich der öffentlichen Räume.

Sehr stark zusammengefasst könnte man eine Tendenz formulieren: An die Stelle der Parkbank, der Grünanlage etc. als Treffpunkt der früheren Jahre haben sich heute verhäuslichte öffentliche Räume geschoben, wie z.B. McDonald’s-Restaurants, die überall präsenten Shoppingmalls: also im Wesentlichen auch Räume, die in der Bewertung von Erwachsenen eher als problematisch und negativ dastehen, aus Sicht der Jugendlichen aber anscheinend besondere Raumqualitäten besitzen.

Interessant ist auch, dass der Ort der Schule immer wieder auftaucht und an Bedeutung gewonnen hat, wahrscheinlich auch aufgrund der veränderten „Verortung“ von Schule im Übergang von der Halbtags- zur Ganztagschule, die zunehmend für mehr Kinder und Jugendliche zum zentralen Lebensort wird, an dem sie viele Stunden ihres Tages verbringen. Dieser Beitrag beschäftigt sich mit „neuen“ Räumen von Jugendlichen aus einem aneignungsorientierten Blickwinkel einer sozialräumlich orientierten Jugendarbeit. Diese versucht aus den sich verändernden Lebenslagen von Jugendlichen, den konkreten Räumen in denen sie sich bewegen, ihren Einschränkungen und Möglichkeiten, Handlungsformen etc. Herausforderungen zu formulieren, aus denen dann auch konzeptionelle Entwicklungen resultieren, bis hin zur Planung von Angeboten. So weit geht dieser Beitrag allerdings nicht, sondern konzentriert sich auf eine aneignungstheoretisch fundierte Interpretation der „neuen“ Räume.

Die Studien(2) haben meist konkrete kommunale Entwicklungen zum Anlass, wie etwa die öffentliche Diskussion bzw. politische Kontroverse um die Frage, ob eine marode große Jugendeinrichtung für viel Geld renoviert oder an anderer Stelle neu errichtet werden soll. Im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung sollten fachliche Grundlagen für die Entscheidung des Jugendhilfeausschusses entwickelt werden. Dazu gehörte auch eine breite Befragung von Kindern und Jugendlichen mit dem Ziel der Erhebung ihrer aktuellen Bedürfnislagen und der Nutzung sehr unterschiedlicher Angebote und Orte in der Stadt. So wurden Jugendliche mit Hilfe der „Nadelmethode“ nach informellen Treffs befragt sowie deren Nutzung durch Cliquen etc. Bei Befragungen durch die Nadelmethode werden von Kindern und Jugendlichen verschiedenfarbige Nadeln auf Stadtkarten gesteckt, um bestimmte Orte wie informelle Treffpunkte, beliebte Freizeitorte, Konflikträume etc. in ihren Sozialräumen zu bezeichnen (vgl. Deinet 2009, S. 72-75).

Durch den Einsatz solcher aktivierender Methoden können nicht nur Orte abgefragt werden. Die besondere Qualität in der Durchführung eines Methodensets mit ganzen Schulklassen (Deinet/Spaan 2013) liegt vor allem in der selbsttätigen Handlungsweise der Teilnehmer und der Kommunikation zwischen Jugendlichen und Forschern.

Shopping Mall als herausragender Ort für Jugendliche

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Beate Hofmann: Raum geben

„Die Mitarbeit bei Freizeiten und Projekten der Evangelischen Jugend war ein wichtiger Entfaltungsraum, um mich und meine Gaben zu erproben. Ich konnte eigene Ideen verwirklichen und auch Verrücktes ausprobieren und wenn etwas schief ging, wurde das gemeinsam getragen“, erzählt eine ehemalige Ehrenamtliche im Rückblick auf ihr Engagement. „Der Pfarrer hat so enge Vorstellungen, da bleibt überhaupt kein Spielraum für unsere eigenen Ideen“ klagen Jugendliche in einem Jugendgottesdienstteam. Zwei Erfahrungen mit Spielräumen in der Jugendarbeit, die andeuten, worin das Kunsthandwerk der Hauptberuflichen in der Jugendarbeit liegt.

Das Thema „Raum geben“ ist in der Pädagogik nicht neu:  Jugendarbeit als „Medium“ von Raumaneignungsprozessen von Jugendlichen – so beschrieb die sozialräumliche Pädagogik den Auftrag von Jugendarbeit schon vor über 20 Jahren. Sie forderte, „Räume so zu gestalten, dass sie offen und flexibel werden und die selbständigen Aktivitäten Jugendlicher aufnehmen können. “ (1) Nach diesem Konzept liegt die Aufgabe der Hauptberuflichen darin, jungen Menschen Räume zu bieten, in denen sie sich selbst erproben können, die sie sich erorbern und gestalten (nicht nur die Bilder an den Wänden, sondern die sie mit ihren eigenen Interessen, ihrer eigenen Spiritualität, ihrer eigenen Ästhetik bespielen können – wie es jetzt z.B. in den Jugendkirchen umgesetzt worden ist).
Raum zum Wachsen bieten und gestalten, so beschreibt das Bildungskonzept der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern die Grundaufgabe von Bildung: „Hier können sich Menschen und ihre Potenziale, ihre Beziehungen und ihre Gemeinschaft, ihr Glauben und ihr Hoffen entfalten und entwickeln.“ (2)  Dahinter steht die aus der Lernforschung und dem Konstruktivismus gewonnene Einsicht, dass Menschen lernen, indem sie in die Auseinandersetzung mit anderen Welt- und Selbstsichten gehen wie in einen Steinbruch und sich dort das herausnehmen was sie anspricht, was sie anregt, was sie herausfordert, um die eigene Selbst- und Weltsicht zu erweitern oder zu verändern. (3) Aufgabe derer, die Bildung gestalten, ist es dann, anregende Lernräume zu arrangieren, die Auseinandersetzung ermöglichen und eigene Deutungen herausfordern, egal, ob das in formalen oder non-formalen oder informellen Settings geschieht. In Gesprächen oder kreativen Aktionen geht es für Hauptberufliche darum, den Raum im physischen wie im übertragenen Sinn offenzuhalten, damit Jugendliche hineinkommen und sich so bewegen können, dass sie sich entfalten können, ohne andere zu behindern. Das kann gute Gesprächsführung brauchen oder Spielräume für unterschiedliche Ideen und Aktionen beinhalten. Soweit die pädagogische Theorie, die auch in der Jugendarbeit in  den letzten 20 Jahren die pädagogischen Konzepte vieler Hauptberuflicher geprägt hat.

Wer Raum bietet, ist eher Backstage Manager

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Shopping and Security

Ein Gespräch mit dem Frankfurter Humangeographen
Prof. Bernd Belina über die Veränderungen im öffentlichen Raum

baugerüst: Wovon reden wir, wenn wir von öffentlichen Räumen sprechen?

Belina: Das kommt sehr auf die Perspektive an, von der aus man sich mit öffentlichen Räumen beschäftigt. Der Begriff wird meistens in der Auseinandersetzung verwendet, wenn es darum geht, wer welche Rechte im öffentlichen Raum hat und wer sich wo aufhalten darf.

baugerüst: Eigentlich sollte der öffentliche Raum doch von allen genutzt werden können.

Belina: Sicher, nur schon die Frage, wem der Grund und Boden gehört und welche Rechte daraus folgen, ist oft nicht so einfach zu beantworten. Gut sehen kann man dies am Frankfurter Flughafen, der von FRAPORT betrieben wird, einer privatwirtschaftlichen Gesellschaft, die weitgehend in öffentlicher Hand ist. Bei einer Demonstration auf dem Flughafen gegen Abschiebungen wollte FRAPORT vom Hausrecht Gebrauch machen und den Protest verbieten. Gerichte entschieden aber, auch in diesen Räumen müssen Demonstrationen möglich sein. Die eigentlich privaten Räume haben hier einen starken öffentlichen Charakter.

baugerüst: Öffentliche Räume gehören doch eigentlich auch der Öffentlichkeit.

Belina: Öffentliche Räume sind ein Kennzeichen von Urbanität. Hier treffen Menschen zufällig zusammen und können in Interaktion treten. Es sind Orte der Begegnung mit dem Fremden. Man muss sich aber nicht mit jedem andauernd beschäftigen, wie das auf dem Dorf erwartet würde.Aus der Law- and Order-Ecke kommt die Debatte um die Sicherheit hinzu. Wer darf sich wo aufhalten? Haben Bettler, Prostituierte, abhängende Jugendliche ein Recht öffentliche Räume zu nutzen?

baugerüst: Der öffentliche Raum war auch immer Versammlungsort der freien Bürger. Demonstrationen und Revolutionen nahmen hier ihren Ausgang. Ist diese Funktion im öffentlichen Raum verloren gegangen?

Belina: Der Zusammenhang von öffentlichem Raum und öffentlicher Debatte scheint in gewisser Weise nicht mehr zeitgemäß. Öffentliche Debatten finden heute vor allem in Medien statt, dazu müssen sich Menschen nicht mehr physisch treffen. Nicht mehr für die Debatte, aber sehr wohl für den Protest, für die Artikulation politischer Positionen braucht es den öffentlichen Raum.

baugerüst: Hat sich die Bedeutung von Straßen und Plätzen in den letzten Jahren gewandelt? Weg vom Treffpunkt der freien Bürger hin zu einem Raum für Festivals?

Belina: In den letzten Jahren fanden verschiedene Veränderungen im Umgang mit dem öffentlichen Raum statt. Bei Demonstrationen lässt sich eine immer stärkere räumliche Restriktion und Überwachung feststellen, bis hin zur Einschränkung oder Verhinderung durch die Staatsgewalt. War es vor zehn Jahren noch möglich in einer gewissen Anonymität an Demonstrationen teilzunehmen, so wird heute alles gefilmt. Die „Blockupy Proteste“ hier in Frankfurt wurden von der Staatsgewalt so eingeschränkt, dass sie de facto nicht stattfinden konnten. Umgekehrt finden immer mehr kommerzielle Feste auf öffentlichen Plätzen statt: Weihnachtsmärkte, Weinfeste oder Restaurants erobern mit Tischen und Stühlen die Straße.Städte sehen ihre öffentlichen Räume gerne als imagebildend und der  Bahnhofsvorplatz wird dann als Visitenkarte der Stadt bezeichnet. Damit Geschäftsleute investieren und Touristen ungestört einkaufen können, werden solche Orte z.B. von bettelnden Personen „gesäubert“.

baugerüst: Begegnen sich Menschen in öffentlichen Räumen heute anders? Ist das offener oder verschlossener als früher?

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Räume steuern das Empfinden

Ein Gespräch mit Gerald Klahr von der Architektengruppe
„Kirchentrojaner“ über Irritationen im Kirchenraum, über
Planungen und wie man von Jugendlichen Neues erfährt

baugerüst: Kirchen galten in früheren Zeiten auch als rettender Ort für Leib und Leben bei Stürmen, Bränden und Kriegen. Haben Kirchen heute auch noch die Funktion eines Zufluchtsortes?

Klahr: Ja, aber auf eine andere Art. Menschen, die an die Orte ihrer Kindheit zurückkehren, erleben in den heimatlichen Kirchenräumen sehr viel Identität. Vielleicht brauchen sie so einen Anker, auf den sie zurückgreifen können. Das ist auch Art von Zuflucht.

baugerüst: Was empfinden Menschen, wenn sie in einen Kirchenraum gehen?

Klahr: Das hängt davon ab wie sie gewohnt sind, einen Kirchenraum zu betreten und mit ihm umgehen. Menschen werden immer vorsichtiger und distanzierter, haben auch Angst, sich in dem Raum frei zu bewegen, weil sie vielleicht etwas Falsches machen können.

baugerüst: Ist die Kirche für Menschen ein heiliger Raum?
 
Klahr: Was in diesem Raum geschieht, die Interaktion der Menschen ist ein heiliger Moment.  Ein Raum kann dies erzeugen und befördern.

baugerüst: Wenn Menschen eine Kirche betreten, verhalten sie sich anders, sie werden ruhiger, nehmen die Mütze ab.

Klahr: Ich glaube es ist diese Interaktion, vielleicht auch die Lichtstimmung und die Atmosphäre in einer Kirche, die in einem etwas auslösen. Dieser Prozess ist für mich das Heilige, weniger der Raum an sich.

baugerüst: Wie nehmen Menschen Räume wahr?

Klahr: Vielleicht sind Kirchen noch eine der wenigen Räume, auf die Menschen sehr sensibel reagieren und bewusst die Wirkung an diesem Ort wahrnehmen wollen. Gerade wenn sie nicht jeden Sonntag dort hingehen.

baugerüst: Machen Jugendliche andere Erfahrungen als Erwachsene?

Klahr: Um mit einem Kirchenraum etwas anfangen zu können, brauchen Jugendliche einen Anknüpfungspunkt an ihre Alltagswelt. Wir hatten in der Stuttgarter Jugendkirche bei einem Werkstatttag mit Hauptschülern einmal den Kirchenraum mit Transportpaletten aus Holz ausgestattet. Mit denen konnte der Kirchenraum neu gestaltet werden. Ferner gab es eine Himmelsleiter und eine Lounge.  
Als die Jugendlichen, die eigentlich gar nicht kommen wollten, den Raum betraten war die erste Reaktion: „oh, hier geht was“. Der Raum hat etwas mit mir zu tun. Wichtig ist, die Alltagswelt in Verbindung zu einem Thema zu bringen, das mir eigentlich fremd ist. So finden Jugendliche in dem Kirchenraum auch einen Anknüpfungspunkt.

baugerüst: Warum und wann fühlen sich Menschen in einem Kirchenraum wohl und was schreckt sie ab?

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Hans Hobelsberger: Resonanzraum, nicht Kulisse. Jugendkirche – „Raum“ als Konzept

Für viele (besonders für die katholischen [1]) Projekte ist der Kirchenraum konzeptioneller Bestandteil der Jugendkirchenarbeit. Der Kirchenraum ist Anziehungspunkt, Ansatzpunkt, Anregungszusammenhang. Er ist Resonanzraum, nicht Kulisse. Jugendkirchen haben sensibel gemacht für kirchliche Räume und deren Wirkung und die ästhetische Exklusion junger Menschen im klassischen Gemeindeleben, besonders auch in der Liturgie. Jugendkirchen sind ein Beispiel für die topologische Ausrichtung (vgl. Jooß 2009) und den „spatial turn“ der Praktischen Theologie in den letzten Jahren. Die „Verörtlichung“ der Pastoral rückt die konkreten sozialen Räume und Kontexte der Menschen heute, ob sie Ermöglichungsräume oder Verhinderungsräume sind, in den Fokus. Bisher dominierte unter der Chiffre des Modernisierungsdiskurses stärker die zeitliche Veränderungsdimension. Der spatial-turn spannt Zeit und Ort zusammen.

Jugendkirchen als „Anders-Orte“

„Ja, das ist ja keine normale Kirche in dem Sinn, für mich. Weil auch schon die Verteilung ganz anders ist. Der Altar steht auch nicht ganz vorne, sondern mittig. Man ist im Geschehen mit drin. Das hat für mich ein ganz anderes Gefühl. Man sitzt nicht nur und hört zu, sondern ist quasi ein Teil“
(Schülerin eines Berufkollegs 18) (2).
Das Verständnis von Jugendkirchen als „Anders-Orte“ (vgl. Wustmans 2007) setzt bei Michel Foucault (1992) an, der Heterotopien beschreibt als „wirkliche Orte, wirksame Orte, die in die Einrichtung der Gesellschaft hineingezeichnet sind, sozusagen Gegenplatzierungen oder Widerlager, tatsächlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind, gewissermaßen Orte außerhalb aller Orte, wiewohl sie tatsächlich geortet werden können“ (Foucault 1992, 39). Anders-Orte entstehen dann, wenn Utopie im Alltag real wird und alltägliche Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten hinterfragt, umgedreht oder durchbrochen werden. Die fundamentale „Heterotopie“ des Christentums ist das Reich Gottes, das in Jesus Christus angebrochen ist (Mk 1,15), ohne schon vollendet zu sein und in dessen Nachfolge wir eintreten. „In Bezug auf die Jugendkirchen heißt dies, dass sie als heterotopische Orte die normale Ordnung und Zuordnung im kirchlichen Kontext freilegen und in einer neuen und konkreten Weise ausbuchstabieren. An ihnen wird der Ortswechsel der Kirche zu den Jugendlichen konkret, fassbar und anschaulich. Die pastorale Konzeption der Jugendkirchen wird vor allem darin deutlich, dass sie sich dafür entschieden hat, den Jugendlichen ohne Ressentiments zu begegnen“ (Wustmans 2007, 70). Jugendkirchen eröffnen jungen Menschen die Möglichkeit in der Verbindung von Alltagsunterbrechung und Alltagsbezug mit ihren existenziellen Fragen und Bedürfnissen dem zu Evangelium begegnen und daran zu wachsen.
Eine Untersuchung der Besucher der Jugendkirche effata in Münster im Rahmen der Evaluation zeigt, dass ein starkes Motiv für den Besuch die „besondere Atmosphäre“ und (mit Abstrichen) der ansprechende Kirchenraum ist, der einlädt und anregt über das Leben nachzudenken, zur Ruhe zu kommen, sich mit dem eigenen Glauben auseinanderzusetzen und anderen interessanten Menschen zu begegnen (Hobelsberger 2010). Jugendkirchen werden in diesem Zusammenhang zu Gelegenheitsräumen der Begegnung und Konfrontation von Existenz und Evangelium (3): „Der Gottesdienst in der Jugendkirche, der spricht mich da schon eher an. Der spricht ja auch mehr Themen an, die einen Jugendlichen interessieren. Glaube ist für mich etwas - oder Religion. Wenn ich an Religion denke, denke ich ja an meinen Glauben, was ich mit mir selber verbinde – mit meiner Umgebung verbinde: Was beschäftigt mich? Was bewegt mich?“ (Schülerin 16).

Kirchenraum - nonverbale Glaubenskommunikation

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Autorinnen und Autoren

  • Dr. Bernd Belina, Frankfurt/M
    Professor

  • Dr. Ulrich Beuttler, Bietigheim-Bissingen
    Pfarrer, Privatdozent

  • Dr. Rainer Buland, Salzburg
    Ass. Professor

  • Dr. Ulrich Deinet, Düsseldorf
    Professor

  • Michael Freitag, Hannover
    Grundsatzreferent bei der aej

  • Tobias Fritsche, Nürnberg
    Pfarrer an der Jugendkirche Lux

  • Dr. Hans Hobelsberger, Paderborn
    Professor, Diplomtheologe

  • Dr. Beate Hofmann, Bielefeld
    Professorin

  • Robby Höschele, Stuttgart
    Diakon, Referent Evang. Jugendwerk Württemberg

  • Stefanie Hügin, Karlsruhe
    Diplom- Religionspädagogin (FH), Evang. Jugend in Baden.

  • Gerald Klahr, Stuttgart
    Architekt

  • Hansjörg Kopp, Esslingen
    Pfarrer

  • Martin Nugel, Nürnberg
    Referent Freiwillige Soziale Dienste

  • Reinhold Ostermann, Nürnberg
    Dipl. Sozialpädagoge (FH), Referent Amt für evang. Jugendarbeit

  • Christian Reutlinger, St. Gallen
    Professor

  • Willi Schönauer, Kuppenheim
    Architekt, Kulturmanager

  • Karsten Weber, Cottbus
    Professor

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