das baugerüst 2/14 Freiwilligendienste

 

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Inhalt

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    Frauke Taplik:365 Tage Israel

    Versuch eines Rückblicks

    Aktion Sühnezeichen Friedensdienste
    Freiwilligendienst für Frieden und Verständigung

    Freiwilliges Ökologisches Jahr

    Betti Börlein: Auszeit zum Orientieren

    André Hartjes: Orientierung für die Zeit danach
    Die Motivation für ein Freiwilliges Soziales Jahr

    Stefan Homan: Betheljahr
    Warum Arbeitgeber ein Interesse an Freiwilligen haben
    Ein Beispiel

    Kerstin Kracht: Bundesfreiwilligendienst in den neuen Bundesländern
    Erste Erfahrungen

    Klaus Stoll: Hauptamtliche Ehrenamtliche
    Freiwilligendienste in der Jugendarbeit

    Ute Giesecke-Tapp: Was ist eine gute Einsatzstelle?

    Sabine Kakuie, Silke Marzluff : „Polen war ein weißer Fleck auf der Landkarte und ist nun mit Farbe gefüllt“
    Ergebnisse einer Studie zum Einfluss von Freiwilligendiensten im Ausland auf Einstellungen zum Gast- und Herkunftsland sowie bezüglich Europa

    Freiwilligendienste
    Überblick

    Link-Liste und Hinweise

    Autorinnen und Autoren

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Wolfgang Noack: Zwischenzeit

Da drehen Bildungspolitiker an Schulzeiten, verkürzen den Weg zur Hochschulreife mit G8 und Turbo-Abitur, damit Jugendliche schneller „Bologna-gesteuert“ Creditpoints sammeln können, da lamentieren Wirtschaftsverbände über zu lange Ausbildungs- und Studienzeiten hierzulande, beklagen das späte Eintreten ins Berufsleben - und was machen die Jugendlichen - sie verschenken ein ganzes Jahr. Einhunderttausend junge Menschen entscheiden sich jedes Jahr für einen freiwilligen Dienst, andere verabschieden sich mit work and travel auf eine Weltreise, scheren in Neuseeland Schafe, jobben auf einer australischen Farm oder betreuen Wintertouristen in populären Skigebieten der kanadischen Rocky Mountains. Hinzu kommen Au pair, Auslandspraktikum und diejenigen, die ein Ticket buchen, sich den Rucksack umschnallen und für ein Jahr dann mal weg sind.

Es scheint, der schnelle Übergang von der Schule in das Berufsleben ist gar nicht so attraktiv wie das manche angenommen hatten. Vielleicht holen sich Jugendliche in diesem einen Jahr auch Erfahrungen, die ihnen die Schule versagt hat, für die in Kursen mit verdichteten Lehrplänen kein Platz mehr ist, Erfahrungen, die jenseits der Wissensvermittlung liegen.
Einhunderttausend Jugendliche finden es offenbar attraktiver ein Jahr lang alte und behinderte Menschen zu pflegen, in einem ökologischen Projekt Feuchtwiesen anzulegen oder in einem Friedensprojekt traumatisierte Kinder zu betreuen als stringent von der Schulbank in den Hörsaal oder Arbeitsplatz zu wechseln.

Begonnen hatte alles, weil ein diakonisches Werk in den 50er Jahren unter Personalmangel litt. 1954 rief der Rektor der Diakonissenanstalt Neuendettelsau Hermann Dietzfelbinger junge Menschen auf „ein Jahr zu geben“. Im Laufe der Jahre entstand ein Bildungs- und Orientierungsjahr, 1964 verabschiedete der Bund das „Gesetz zur Förderung eines freiwilligen sozialen Jahres“ und bei der Jubiläumsveranstaltung im April diesen Jahres bezeichnete Familienministerin Manuela Schwesig das Angebot als „Engagementlandschaft“.

Das Angebot für ein freiwilliges Jahr ist für Außenstehende fast unüberschaubar. Das Freiwillige  Soziale Jahr (FSJ), der Bundesfreiwilligendienst (BFD) und das Freiwillige Ökologische Jahr (FÖJ) bieten die meisten Plätze an. Hinzu kommen Aktion Sühnezeichen - Friedensdienste, weltwärts, der europäische Freiwilligendienst, der ökumenische Freiwilligendienst, das diakonische Jahr im Ausland und spezielle Angebote in Jugendarbeit, Sport, Kultur und Wirtschaft (Liste s.S. 62).

Als 2011 der Bund die Wehrpflicht aussetzte und in der Folge auch der Zivildienst wegfiel, wirbelte ein neues Angebot das System kräftig durcheinander: der Bundesfreiwilligendienst. Träger der Freiwilligendienste fragten, warum der Staat mit einem Angebot in die Zivilgesellschaft eingreift. Die Wogen haben sich mittlerweilen geglättet und in der Praxis vor Ort klappt die Kooperation gut, trotzdem bleiben einige Fragen, wie die Beiträge von Mike Cares und Thomas Gensicke zeigen. Jens Kreuter erläutert in einem Gespräch die Sicht des Bundesfamilienministeriums.  

Wenn Tausende von jungen Menschen sich Jahr für Jahr entscheiden in einem getakteten Ausbildungssystem eine Schleife einzuziehen, dann hat das neben der eigenen Bildung und Orientierung auch Auswirkungen auf die Zivilgesellschaft. Erfahrungen im Umgang mit behinderten Menschen oder an den Grenzen des Lebens, die Mitarbeit in einem jüdischen Kulturzentrum oder in einer Gedenkstätte des Holocaust prägen Jugendliche vielleicht mehr als mancher optimierte Schullehrplan. Vielleicht ist es ja die Lust, nach eindimensionalen Schülertagen einfach mal etwas anderes tun zu wollen, vielleicht auch eine gewisse Ratlosigkeit und der Wunsch sich nun ein Jahr zur Orientierung zu gönnen, aber es ist auch immer das Bedürfnis vorhanden, sich für andere zu engagieren. Dies ist ziemlich einmalig im europäischen Vergleich.

Folgt dem sozialen auch das bürgerschaftliche Engagement?,  fragt Klaus Waldmann in seinem Beitrag „Freiwilligendienste und Zivilgesellschaft“. Soziales Engagement führe nicht automatisch zur politischen Teilhabe und Partizipation, so Waldmann, „sie eröffnet jedoch ein Fenster und schafft Dispositionen, dass sich junge Menschen für eine aktive Demokratie einsetzen und sich an einer lebendigen Zivilgesellschaft beteiligen“.  
Um dies zu erreichen ist eine qualifizierte Begleitung in diesem Bildungs- und Orientierungsjahr notwendig. Für Mike Corsa schließt das Bildungsverständnis in den Jugendfreiwilligendiensten eng an das der Evangelischen Jugend an. „Freiwilligkeit und nicht verschulte Bildungsprozesse sind der innere Zusammenhang von Kinder- und Jugendarbeit und Freiwilligendiensten (vgl. Standpunkt in diesem Heft).
Von dem Aufruf ein Jahr in einer diakonischen Einrichtung mitzuarbeiten, über die Gründung von Aktion Sühnezeichen auf der Synode der Evangelischen Kirche 1958 bis hin zu den vielfältigen Angeboten evangelischer Träger im In- und Ausland - es bleibt ein wichtiger Baustein in der Zivilgesellschaft.

Diese Ausgabe der Zeitschrift das baugerüst ist keine Jubiläumsbroschüre zu 60 Jahren FSJ. Vielmehr will sie sowohl all denjenigen einen Service bieten, die in Jugendarbeit und Schule Jugendliche auf die vielfältigen Angebote hinweisen wollen als auch sich an der Diskussion beteiligen, wie die Zivilgesellschaft und bürgerschaftliches Engagement hierzulande weiterentwickelt werden können.  

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Roger Milke: „Echt viel gelernt…“

Warum die Freiwilligendienste für die Kirche so wichtig sind (und umgekehrt)

Erstaunlich!

Erstaunlich, wo man überall auf ehemalige Freiwilligendienstleistende stößt, und noch erstaunlicher, was man in solchen Begegnungen erzählt bekommt. Am Anfang dieses Jahres hatte ich den Ratsvorsitzenden der EKD auf einer Reise nach London zu begleiten.  Es ging um einen Vortrag an der London School of Economics (LSE), einer der renommiertesten Hochschulen der Welt, der „Kaderschmiede des Neoliberalismus“ – wie ein Kollege halb spöttisch, halb anerkennend bemerkte. Am Flughafen holte uns einer der deutschen Studierenden der LSE ab, ein sehr freundlicher junger Mann, der für diesen Tag in London unser Wegbegleiter sein sollte. Im Taxi sitzend fragte ich ihn nach seinen Erfahrungen in London und allgemeiner nach seinem Lebens- und Bildungsweg. Was er erzählte, war beeindruckend: jetzt 24 Jahre alt, hatte er nach deutschem und französischem Abitur in Taiwan chinesisch gelernt, danach in Dublin seinen Bachelor gemacht und steht nun in London kurz vor dem Abschluss seiner Master-Studien – vor einiger Zeit hatte er zudem gemeinsam mit einigen Mitstudenten ein Unternehmen gegründet. Am Tag unserer Reise war der öffentliche Nahverkehr in London durch einen Streik lahmgelegt. Unser Taxi stand also mehr, als dass es fuhr, und wir hatten Zeit für ein ausführlicheres Gespräch. Ich konnte nachfragen: „Was hat Sie denn auf Ihrem Weg am meisten beeindruckt und geprägt?“ Die Antwort war: „Zweifelsohne die Zeit in China. Ich war dort mit einer evangelischen Freiwilligendienstorganisation. Ich habe in dieser Zeit in meiner Arbeit und im täglichen Umgang mit den chinesischen Freunden echt viel gelernt, Entscheidendes für mein Leben!“

Die hier geschilderte Bildungsbiographie ist sicher nicht alltäglich, sie steht aber doch für eine Erfahrung, von der viele Freiwilligendienstleistende auf die eine oder andere Weise berichten: ein Jahr Auszeit, ganz neue Kontexte, Aufgaben und Herausforderungen, in den internationalen Programmen verbunden mit einem Auslandsaufenthalt und der Begegnung mit einer fremden Kultur. Dies geschieht in einer Lebensphase, in der junge Menschen(1) die Weichen für ihren weiteren Weg stellen. Welche Begegnungen aber jungen Menschen in diesem Lebensabschnitt Orientierung geben, ist über die Bedeutung für die Einzelnen hinaus höchst bedeutsam auch für unser Gemeinwesen insgesamt: Geht es darum, nach der Logik des Turbo-Abiturs und der „Bologna“-Reformprozesse des universitären Studiums, möglichst schnell dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen und in ökonomische Verwertungszusammenhänge eingebunden zu werden? Oder erkennen wir, dass die Bildungserfahrungen der Einzelnen einen erheblichen Mehrwert für unsere Gesellschaft im Ganzen erzeugen?

Der Ort der Freiwilligendienste

Mit dieser Frage ist auch die weitergehende Frage gestellt nach dem Standort der Freiwilligendienste im Institutionengefüge unserer Gesellschaft. Eine erste Antwort kann so umrissen werden: Freiwilligendienste leben von der persönlichen, der „frei-willigen“ Entscheidung einzelner Menschen, einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten  und längstens 24 Monaten für eine gemeinwohlorientierte Tätigkeit zur Verfügung zu stellen. Ein Freiwilligendienst ist kein „Pflichtdienst“, wie es der frühere Wehrdienst oder der Wehrersatzdienst waren. Mit den Freiwilligendiensten ist auch eine authentisch evangelische Traditionslinie verbunden: Vor 60 Jahren, im Jahr 1954, gab es für die ersten evangelischen Freiwilligendienstleistenden die Möglichkeit, in den diakonischen Anstalten in Neuendettelsau ein „freiwilliges diakonisches Jahr“ abzuleisten. Die ermutigenden Erfahrungen dieses Dienstformats gaben den Ausschlag zehn Jahre später, im Jahr 1964, eine gesetzliche Regelung für ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) zu schaffen. Die weiteren Dienstformate und auch die Möglichkeit von Auslandsdiensten kamen sukzessive hinzu. Die große Stunde der Freiwilligendienste schlug allerdings erst nach der Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2010. Damals hat man auch intensiver nachgedacht über einen verbindlichen Pflichtdienst für alle, war aber sehr bald überein gekommen, dass es unter den politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des 21. Jahrhunderts eher darum gehen müsse, die freiheitlichen Motivationsquellen für gemeinwohlorientiertes Engagement zu stärken, als neue Verpflichtungen oder Zwänge aufzubauen. Politisch war bald entschieden, die etablierten Freiwilligendienststrukturen zu fördern, auszubauen und durch neue, besonders internationale, Programme wie „weltwärts“ oder IJFD zu ergänzen. Die Gesamtheit der Programme war außerordentlich erfolgreich: mittlerweile leisten ca. 85.000 Menschen jährlich einen Freiwilligendienst, das sind ca. 10 Prozent der derzeitigen Geburtsjahrgänge, die etwa 850.000 Personen umfassen(2). Aufschlussreich ist auch, dass etwa 15.000 Stellen in evangelischer Trägerschaft liegen. Damit ist die evangelische Kirche in der gesamten Vielfalt ihrer Trägerstrukturen einer der bedeutenden Akteure auf diesem Feld. Mit dem Ausbau der Freiwilligendienste knüpfte man an die zivilgesellschaftlich verankerte, subsidiär verfasste und stark auch durch die Kirchen mitgeprägte Kultur der Freiwilligkeit an. Dies gab die Möglichkeit, ein großartiges Vertrauenskapital zu nutzen, das in mittlerweile mehr als fünf Jahrzehnten aufgebaut worden war. Nicht systemkonform allerdings war es, dass der Bund, neben der Förderung der zivilgesellschaftlich verankerten Freiwilligendienste, neben der ordnungspolitisch gebotenen Setzung der gesetzlichen und finanziellen Rahmenbedingungen, auch selbst als Anbieter auftrat und mit dem Bundesfreiwilligendienst ein eigenes Dienstformat etablierte. Ganz problematisch wird es in den Augen vieler Träger der Freiwilligendienste, wenn nun auch die Bundeswehr als Anbieter von „Freiwilligendiensten“ auftritt und für einen „freiwilligen Militärdienst“ wirbt.

Zwischen Markt und Staat

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Martin Schulze: Freiwilligendienst – eine Idee der Diakonie Neuendettelsau zieht Kreise

Gebt ein Jahr eures Lebens für die Diakonie. Als Hermann Dietzfelbinger 1954 auf der 100-Jahr-Feier der Diakonie Neuendettelsau die weibliche Jugend aufrief, sich in Neuendettelsau zu engagieren, hatte er sicherlich nicht geahnt, was für eine Bewegung sich hieraus entwickeln würde. Ein Aufruf, der  zunächst auf die Linderung des ganz konkreten Pflegenotstands in der Nachkriegssituation ausgerichtet war, zog schnell weite Kreise. Zunächst griffen andere Landeskirchen und auch katholische Träger die Idee auf, bald folgten die anderen Wohlfahrtsverbände. Auch kirchliche Organisationen in der DDR übernahmen die Idee und riefen zum Freiwilligendienst auf. Schon damals gab es eine solche Dynamik, dass der Bundestag 1964 das Gesetz zur Förderung des Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) verabschiedete. 2014 feiern wir deshalb 60 Jahre Diakonisches Jahr und 50 Jahre FSJ.Ausgehend von dieser erfolgreichen Idee wurde 1993 das Gesetz zur Förderung des Freiwilligen Ökologischen Jahres verabschiedet. 2002 kamen das FSJ im Sport und das FSJ Kultur hinzu.Mit der Abschaffung der Wehrpflicht stellte das BMFSFJ dem Freiwilligen Sozialen Jahr den Bundesfreiwilligendienst an die Seite.Die Freiwilligenzahlen im Inland entwickelten sich mit zunehmender Träger- und Programmvielfalt beständig weiter. Waren es 1954 25 Freiwillige, die in Neuendettelsau einen Dienst begannen, so  sind es derzeit allein im evangelischen Bereich jährlich ca. 13.000 Freiwillige in den Inlandsdiensten.  Insgesamt machen derzeit ca. 90.000 Freiwillige pro Jahr einen Freiwilligendienst in Deutschland.

Freiwilligendienste im Ausland

Auch Freiwilligendienste im Ausland haben ihre Wurzeln in der Nachkriegszeit. Ausgehend vom Friedens- und Versöhnungsgedanken engagierten sich Freiwillige schon bald in vielen Ländern, die unter der deutschen Besatzung gelitten hatten.  Als anderer Dienst im Ausland (auch als Ersatz für den Zivildienst) oder FSJ im Ausland bekamen diese Dienste auch einen formalen Rahmen.Dem Europäischen Freiwilligendienst lag die Idee zugrunde, durch längerfristige Freiwilligendienste in den Ländern der EU und ihrer Nachbarstaaten, die Europäische Integration voranzutreiben. 2008 etablierte das BMZ den entwicklungspolitischen Freiwilligendienst Weltwärts und das Auswärtige Amt startete mit Kulturweit ein spezielles FSJ im Ausland mit kulturellem Schwerpunkt.Insgesamt machen derzeit ca. 8.000 Freiwillige einen Freiwilligendienst im Ausland, davon ca. 2.000 bei evangelischen Trägern.

Freiwilligendienst – Bildungs- und Orientierungszeit mit ganzheitlichem Anspruch

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Mike Cares: Vom Zwangsdienst zum Freiwilligendienst

Die größte Zäsur in der Entwicklung der Freiwilligendienste in Deutschland nach dem Krieg liegt in der Aussetzung des Zivildienstes und der politisch gewollten Initiierung des Bundesfreiwilligendienstes als völlig neuem Format neben den bereits seit Jahrzehnten bewährten nationalen und internationalen Freiwilligendiensten in Deutschland. Was bedeutet diese Veränderung für die jungen Menschen und ihr ständig wachsendes Interesse an Freiwilligendiensten und welche Folgen hat dies im politischen und gesellschaftlichen Kontext für den Staat und die zivilgesellschaftlichen Organisationen?

Die Freiwilligendienste

Betrachtet man das heutige Angebot an Freiwilligendiensten für junge Menschen, dann hat sich seit den ersten Anfängen vor fast 100 Jahren sehr viel entwickelt und verändert. Die wenigsten wissen es, die Ersten Freiwilligendienste sind nach dem ersten Weltkrieg als internationale Friedensdienste entstanden, ein Dienst aus christlicher Überzeugung im Einsatz für Frieden und Versöhnung. Es waren nicht die großen Teilnehmendenzahlen die beeindruckten, wohl aber der Geist, der diese jungen Menschen prägte und sie veranlasste ohne staatliche Finanzierung und Absicherung für Frieden und Versöhnung zu arbeiten und dafür eigene Lebenszeit einzusetzen. In der Zeit des Dritten Reichs kamen die Freiwilligendienste in Deutschland zum Erliegen um, nach Ende des Zweiten Weltkriegs wieder neu zu starten und sich bis heute in vielfältiger Form zu entwickeln.

Zu einer wirklich wachsenden Bewegung wurden die Freiwilligendienste durch das Diakonische Jahr, das 1954 im Rahmen der Evangelischen Landeskirche in Bayern entstand und sich nach und nach in ganz Deutschland ausbreitete. Zehn Jahre später entwickelte sich daraus der erste gesetzlich geregelte Freiwilligendienst, das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ), das nun weit über die evangelische Kirche hinaus auch andere gesellschaftliche Bereiche erfasste. Auch von den Einsatzbereichen hat sich das FSJ über den rein sozialen Dienst in einem jahrelangen Prozess auf andere Felder wie Ökologie, Kultur oder Sport erweitert. Diese Jugendfreiwilligendienste haben sich aus der Gesellschaft heraus entwickelt und werden auch von ihr getragen. Heute ist es eine Vielzahl anerkannter zivilgesellschaftlicher Trägerorganisationen die die Jugendfreiwilligendienste organisieren und verantworten. Der Staat beschränkt sich darauf, den rechtlichen Rahmen und entsprechende Standards zu setzen, die Trägerorganisationen anzuerkennen und die Freiwilligendienste finanziell zu fördern. Die Träger ihrerseits sind zuständig für die Anerkennung, Beratung und Begleitung der konkreten Einsatzstellen, für die Auswahl, Begleitung und Betreuung der Freiwilligen und vor allem der Durchführung der Bildungs-angebote für die Freiwilligen auf der Grundlage gesetzlich vorgegebener und trägerspezifischer Qualitätsstandards. Die Organisation als Bildungsjahr mit insgesamt 25 Bildungstagen ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Die in den Einsatzstellen gemachten Erfahrungen gemeinsam mit anderen Freiwilligen zu reflektieren, sich mit den eigenen Fähigkeiten und Interessen, Stärken und Schwächen auseinanderzusetzen, unbekannte Institutionen und Lebensbereiche kennenzulernen und die Arbeitswelt und interessante Berufe zu entdecken sind Teil des Bildungsprozesses, den die Freiwilligen in den Freiwilligendiensten durchlaufen. Das Dreiecksverhältnis von Trägerorganisation, Freiwilligen und Einsatzstellen hat sich dabei für alle Beteiligten bewährt. Für die Freiwilligen ist es ein Orientierungs- und Bildungsjahr mit klaren Ansprechpartnern in der Einsatzstelle zur Regelung des praktischen Einsatzes. Die Zuständigkeit für Auswahl, Anstellung, Begleitung und Organisation des Bildungsanteils liegt beim Träger. Damit werden die Freiwilligen vor falschen Erwartungen und Überforderungen durch die Einsatzstelle geschützt, die Einsatzstellen durch die Träger entlastet und die Bildungs-angebote unabhängig von den Einsatzstellen im Zusammenspiel mit den Freiwilligen von den Trägern gemacht. Schließlich haben die Jugendfreiwilligendienste auch eine gesellschaftliche Integrationsfunktion, indem Jugendliche ihnen oftmals unbekannte gesellschaftliche Wirklichkeiten erfahren und kennenlernen und dabei erleben, wie wichtig die Unterstützung und das Engagement für andere Menschen sind. Heute nehmen jährlich etwa 40.000 Jugendliche bis 27 Jahren am FSJ teil. Die konkrete Nachfrage junger Menschen nach Einsatzstellen im FSJ übersteigt dabei trotz demografischem Wandel weiterhin das derzeit durch öffentliche Förderung mögliche Angebot an Freiwilligenplätzen.

Zivildienst

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Thomas Gensicke: Belebt Konkurrenz das Geschäft?

Freiwilligendienste und freiwilliges Engagement in Deutschland

Die Große Koalition hat uns signalisiert: Das Haushaltsgeld ist knapp. Obwohl die Wirtschaft gut läuft und die Einnahmen sprudeln, müsse man Schulden abbauen und an die Vorsorge für die Risiken der Euro-Rettung denken. Doch an manchen Stellen ist Geld da, z.B. 2013 242 Millionen Euro für die BAFZA, das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben. Allerdings ist das Amt, das um die 600 Mitarbeiter beschäftigt, fast gar nicht für die Familienförderung unterwegs, sondern fördert seines Zeichens vor allem die Zivilgesellschaft. Unterstützt es also mit seiner großen Manpower und seinem großen Etat die vielen gemeinnützigen Vereine, Organisationen und Einrichtungen, in denen sich mehr als 20 Millionen Menschen freiwillig engagieren? Hilft es denjenigen, die Probleme haben, ihre Ausgaben zu stemmen und im demografischen Wandel neue Freiwillige zu gewinnen? Oder tritt es für diejenigen ein, die als unabhängige Akteure gegenüber der Politik und der Wirtschaft ein Korrektiv sein könnten und praxisnahe Anreger für die Verbesserung der sozialen Verhältnisse?


Nicht so ganz, scheint es. Denn bei den Organisationen kommt zur wirklich eigenen Verfügung und zur Stärkung ihrer Infrastruktur nur wenig vom Bundesgeld an. Auch die Länder geben kaum Geld in dieser Weise aus. Und die meisten Kommunen sind viel zu klamm, um die gemeinnützigen Träger des freiwilligen Engagements zu fördern. Wo geht dann aber die Masse des Geldes, das der BAFZA zur Verfügung steht, hin? Allein 162 von den 242 Millionen weist sie für 2013 für einen Posten aus, der als „Taschengeld und Sozialversicherung“ bezeichnet wird. Er kommt Menschen zugute, die einen Bundesfreiwilligendienst leisten. (1) Da diese Ausgaben gerechtfertigt werden müssen, wird erläutert: „Im Bundesfreiwilligendienst engagieren sich Frauen und Männer (in jedem Alter, der Verfasser) für das Allgemeinwohl, insbesondere im sozialen, ökologischen und kulturellen Bereich sowie im Bereich des Sports, der Integration und des Zivil- und Katastrophenschutzes.“
Hier scheint offensichtlich der Schwerpunkt der Förderung der Zivilgesellschaft zu liegen: Der Bund gibt denen, die Gutes tun, anerkennend Geld in die Hand? Aber ist denn freiwilliges Engagement nicht definiert als sowohl am Gemeinwohl orientiert als auch als unentgeltlich? Und wenn Geld ins Spiel kommt, dann doch eigentlich nur als Erstattung für die Ausübung der für die freiwillige Tätigkeit notwendigen Sachkosten, in der Regel Fahrtkosten? Doch man muss nicht nur den BFD zitieren, wenn es um die millionenschwere Förderung des Engagements durch den Bund geht, denn auch mit der gerade wieder erhöhten Übungsleiterpauschale soll das Engagement gefördert werden. Was es den Bund inzwischen kostet, Vergütungen von Übungsleitern von Steuern und Abgaben zu entlasten, teilt uns das zuständige Bundesfinanzministerium nicht mit, aber es wird einiges sein. Und wo Geld zu holen ist, wird es interessant.

Arbeitsförderung oder Förderung des Engagements?

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Die Strukturen haben sich bewährt

Gespräch mit Dr. Jens Kreuter, Leiter des Arbeitsstabes Freiwilligendienste im Bundesfamilienministerium über das Zusammenspiel von FSJ und BFD, über
Zivilgesellschaft und die Zukunft dieses Angebots

baugerüst: Das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) begann vor 60 Jahren wegen Personalmangels in einer diakonischen Einrichtung. Heute sind 50 000 Jugendliche im FSJ und nochmals 50 000 im Bundesfreiwilligendienst (BFD). Warum ist der Freiwilligendienst so ein Erfolgsmodell?

Kreuter: Es gibt bei jungen Menschen eine große Bereitschaft, sich zu engagieren. Das ist sehr erfreulich und für manche vielleicht auch überraschend. Ein Jahr befristet mit einer gewissen sozialen Absicherung in einem bisher unbekannten Bereich tätig zu werden, ist anscheinend ein Angebot, das zur Situation nach der Schulzeit passt.

baugerüst: Von der Motivation, ein Jahr zu geben, hat sich der Freiwilligendienst zu einem Bildungs- und Orientierungsjahr entwickelt. Wo steht der Freiwilligendienst heute?

Kreuter: Ich glaube zur Motivation gehören immer noch beide Elemente: Alle, die diesen Dienst organisieren, legen großen Wert auf Bildung und Orientierung. Trotzdem gibt es kaum Freiwillige, bei denen nicht auch eine altruistische Motivation hinzukommt. Wenn sich ein junger Mensch entscheidet, ein Jahr lang die anstrengende, aber auch bereichernde Aufgabe zu übernehmen, ein behindertes Kind in der Pflege zu begleiten, dann stolpert da niemand so einfach hinein. Das überlegen sich die Jugendlichen schon gut, und dazu gehört eben neben dem Wunsch nach Orientierung auch ein großes Engagement.

baugerüst: Nach einer Studie des Deutschen Jugendinstituts wechseln Jugendliche trotz Verkürzung der Schulzeit nicht eher ins Berufsleben. Suchen sie im Freiwilligen Sozialen Jahr oder ähnlichen Angeboten Erfahrungen, die sie in ihrer Schulzeit nicht bekommen?

Kreuter: Ich bin kein Bildungspolitiker und kann das nicht wirklich beurteilen, aber in der Tat stellen wir fest, dass die verkürzte Schulzeit den Freiwilligendiensten eher einen Schub gebracht hat. Ich persönlich kann Jugendlichen nur Mut machen, sich diese Zeit für neue Erfahrungen zu nehmen.

baugerüst: Wie würden Sie vor einer Schulklasse für den Freiwilligendienst werben?

Kreuter: Ich würde mit einem Augenzwinkern darauf hinweisen, dass bis zum Rentenalter alle noch ausreichend Zeit haben, erwerbstätig zu sein und heute die Chance nutzen sollten, über den Tellerrand hinauszublicken und Erfahrungen zu machen, die man wahrscheinlich später nie wieder machen kann.

baugerüst: Mit Aussetzung der Wehrpflicht und in der Folge auch des Zivildienstes wurde der Bundesfreiwilligendienst (BFD) geschaffen. Wie beurteilen Sie das Zusammenspiel von FSJ und BFD?

Kreuter: Ich glaube, das Zusammenspiel funktioniert heute weitestgehend problemlos. Für die Freiwilligen ist das rechtliche Format völlig egal und auch auf der Ebene der Einsatzstellen, der Träger, der Verbände ist mein Eindruck, dass sich BFD und FSJ gut eingespielt haben. Der relevante Unterschied spielt sich hinter den Kulissen ab und hat mit den Geldströmen sowie mit Bundes- und Landeszuständigkeiten zu tun. Das sind relativ komplizierte, auch juristische Fragestellungen, aber in der Praxis sehe ich da keine Probleme. In Zukunft müssen wir sehen, wo wir in beiden Systemen noch weiter voneinander lernen können.

baugerüst: Ist es sinnvoll, zwei Dienste nebeneinander zu haben?

Kreuter: Unter den gegebenen Rahmenbedingungen ist das eine gute Lösung.b

augerüst: Die freien Träger beklagen die unterschiedlichen Strukturen. Beim BFD liegen Anstellung und Kontrolle in einer Organisation, die finanzielle Ausstattung ist unterschiedlich, ebenso die Förderhöhe, das Antragswesen und die Rahmenbedingungen. Ist es sinnvoll, das so zu belassen?

Kreuter: Es gibt verschiedene Arbeitsgruppen die gemeinsam überlegen, was man in beiden Systemen vereinfachen und wie man die zwei Dienste einander annähern kann. Da ist in den vergangenen zwei Jahren auch schon sehr viel geschehen.Es gibt ja beim FSJ nicht nur die verbandlichen Träger wie z.B. die evangelische Trägergruppe, sondern jede Kommune Deutschlands ist per Gesetz anerkannter Träger. Eine schwarz-weiß-Malerei mit FSJ und BFD als Gegensätze wird der Realität nicht gerecht.

baugerüst: Haben Sie ein Beispiel dafür?

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Mike Corsa: Freiwilligkeit – (k)ein Thema des 21. Jahrhunderts?

Zumindest nicht für junge Menschen. Zu diesem Ergebnis muss man bei der Lektüre des 14. Kinder- und Jugendberichts der Bundesregierung kommen. Er ist ein erstaunlich klarer Beleg für den veränderten öffentlichen Blick auf die Heranwachsenden und die gesellschaftlichen Steuerungsinstrumente für ein gewünschtes Aufwachsen - „Kinder- und Jugendhilfe in neuer Verantwortung“, so der Titel des Berichts. Fungierte Jugend bis in die 1980er Jahre als Labor für die zukünftige Gestalt der Gesellschaft, als gesellschaftspolitische Avantgarde, so hat sich das Verständnis von Kindheit und Jugend in eklatanter Weise verändert: junge Menschen sind zu Statisten einer dynamisierten und globalisierten Gesellschaft mutiert. Ihre Aufgabe ist der schnelle Erwerb von Lebensbewältigungskompetenzen, um sich möglichst zielgerichtet auf ihren Platz in der Erwachsenenwelt vorzubereiten, als zukünftige Erzeuger(innen) des gesellschaftlichen Nachwuchses, als ökonomischer Produktivfaktor und als Sicherungspotential des erreichten gesellschaftlichen Wohlstandes und des wirtschaftlichen Standorts. Sie werden angehalten, sich dem beschleunigten Wandel anzupassen und ihre Energien darauf auszurichten. Die Öffentlichkeit wacht aufmerksam darüber. Der 14. Kinder- und Jugendbericht dokumentiert die massive Verschiebung von einem in der Vergangenheit weitgehend selbstregulierten, gesellschaftlich wenig gesteuerten, „naturwüchsigen“ Prozess des Aufwachsens zu einer fortschreitenden Institutionalisierung der Kindheit und Jugendphase mit eindeutigen Verwertungsinteressen der Erwachsenengesellschaft.

Der weitreichende Ruf nach mehr öffentlicher Verantwortung für das Aufwachsen heißt ja in erster Linie mehr Unterstützung für Familien, Kinder- und Jugendliche, um diese große Aufgabe von Bildung, Betreuung und Erziehung auch meistern zu können. Stabilisierende Leitplanken wie die Orientierung an einer Normalbiographie, die Einbindung in traditionelle Entwicklungsläufe und ein Familienbild, das sich auf männliche Erwerbsarbeit und weibliche Hausfrauenarbeit stützt,  haben sich in kurzen Zeitabständen verflüchtigt. Vor allem der radikale Wandel des gesellschaftlichen Familienbildes seit der deutsch-deutschen Vereinigung mit dem neuen Leitmotiv „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ erhöht den Druck auf die öffentliche Verantwortung, unterstützt von weiteren Faktoren wie Heterogenität, fortschreitender Mobilität  und Globalisierung. Zusammen mit der neuen Bildungsdebatte in Folge des PISA-Schocks, der neuen Aufmerksamkeit für Kinderschutz und den sich abzeichnenden Folgen des demographischen Wandels hat dies zu einer in breiten Kreisen der Gesellschaft akzeptierten und eingeforderten Ausweitung von familienergänzenden Angeboten geführt - im Wesentlichen bisher für Kinder, aber auch das Jugendalter ist in den Blick geraten, mit dem unerwartet schnellen Ausbau der Ganztagesschule und dem Fokus auf gelingende Übergänge nach der Pflichtschulzeit - Aufwachsen unter stetig wachsender Kontrolle – das Gegenmodell zur Freiwilligkeit und Selbstbestimmtheit.

Freiwilligkeit – Zündstoff der Kinder- und Jugendarbeit

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Kerstin Kracht: Bundesfreiwilligendienst in den neuen Bundesländern

Vor knapp vier Jahren wurde die Wehrpflicht ausgesetzt und damit gab es - de facto - auch keine Zivildienstleistenden mehr. In manchen sozialen Einrichtungen kamen unter den Mitarbeitern Ängste auf und einige fragten sich, ob auch ohne Zivi‘s die anliegende Arbeit bewältigt werden kann. Diese Frage beschäftigte nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch unsere Politiker. Schnell ließ sich erkennen, dass die Politik neben die zivilgesellschaftlich entwickelten Jugendfreiwilligendienste FSJ und FÖJ eine neue Freiwilligendienstvariante setzen wollte – den staatlich gesteuerten Bundesfreiwilligendienst BFD. Dieser Freiwilligendienst kann nun bereits seit Sommer 2011 absolviert werden. Inhaltlich sollte er sich am Jugendfreiwilligendienst orientieren. Aber er ist - rein vertraglich betrachtet – mit einem Jugendfreiwilligendienst nicht vergleichbar. Die Vertragspartner im FSJ und im BFD unterscheiden sich grundlegend.

Während im Jugendfreiwilligendienst die Einsatzstelle, der Träger und der Freiwillige gemeinsam eine Vereinbarung abschließen, sind die Vertragspartner im BFD das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Angelegenheiten (das BAFzA) und der Freiwillige selbst. Die Vereinbarung im BFD wird demzufolge zwischen einer staatlichen Institution und einem Freiwilligen abgeschlossen. Der Träger (falls es ihn gibt - er ist nicht zwingend vorgesehen) und die Einsatzstelle (in der der Freiwillige monatelang tätig ist) nehmen die BFD-Vereinbarung lediglich „zur Kenntnis“. Diese Konstellation verändert im Freiwilligendienstgefüge vieles. Denn während im Jugendfreiwilligendienst der Träger verantwortet, dass „sein“ Freiwilligendienst dem Anspruch einer Bildungs- und Orientierungszeit gerecht wird und während er dafür Sorge trägt, dass „sein“ Dienst arbeitsmarktneutral ausgestaltet wird, sodass keine Arbeitsplätze verdrängt werden, ist diese Ausgestaltungs- und Kontrollfunktion, die im BFD der Bund wahrnimmt, hier erheblich gestört. Denn der Bund ist gleichzeitig Vertragspartner der Freiwilligen, Zentralstelle, er verwaltet die ihm eigenen BFD-Plätze und er kontrolliert die Zahlungsflüsse. Hier kommt es zu deutlichen Vermischungen.

Vier Jahre Bundesfreiwilligendienst

Der Freiwilligendienst BFD ist bei den Menschen angekommen, als Möglichkeit, sinnstiftend tätig zu werden. Es lässt sich aber klar erkennen, dass es große Unterschiede gibt zwischen dem BFD in den alten und in den neuen Bundesländern.
In den alten Bundesländern wird der BFD überwiegend von Jugendlichen und jungen Erwachsenen abgeleistet, ergänzend zum FSJ. Hier werden zum größten Teil die BFD-Stellen durch die FSJ-Träger angeboten. Die Bildungsarbeit im BFD wird dadurch auch in direkter Anlehnung an die bewährten Jugendfreiwilligendienste organisiert und das - im BFD nicht gesetzlich verankerte - Trägerprinzip wird in der Praxis fast immer umgesetzt. Die meisten Jugendlichen in den alten Bundesländern merken deshalb trotz der vertraglichen Ausgestaltung gar nicht, ob sie ein FSJ oder einen BFD absolvieren. Allerdings gibt es einen Unterschied: Bei den jüngeren Freiwilligen wird im BFD eine der - insgesamt fünf - Seminarwochen durch die Bildungszentren des Bundes organisiert. Das ist gesetzlich vorgesehen, weil das Personal aus den früheren Zivildienstzeiten, das in den Zivildienstschulen tätig war, weiterhin beschäftigt werden muss. Denn für den Bund ist es wichtig, die eigene Infrastruktur vorzuhalten, da die Wehrpflicht nur ausgesetzt ist und somit auch der Zivildienst nicht abgeschafft wurde.  
 
Völlig anders gestaltet sich die Arbeit mit den BFD-Freiwilligen in den neuen Bundesländern. Hier ist der größte Teil der Freiwilligen wesentlich älter als 27 Jahre. Das hat verschiedene Ursachen. Zum einen gibt es aufgrund des demographischen Wandels und der Abwanderung von Jugendlichen in die alten Bundesländer ein großes Angebot an offenen Ausbildungsstellen. Zum anderen absolvieren Jugendliche bei Interesse an einem Freiwilligendienst zumeist den bereits anerkannten Jugendfreiwilligendienst FSJ. Die logische Folge ist, dass vorhandene BFD-Stellen in den neuen Bundesländern mit älteren Menschen besetzt werden. Die Nachfrage nach einem BFD-Platz ist groß. Das liegt daran, dass es zum einen gut in das Selbstbild ostdeutscher Frauen und Männer passt erwerbstätig zu sein. Der Verdienst ist dabei natürlich nicht unwichtig. Aber da gut bezahlte Arbeitsplätze im Osten trotz Fachkräftemangels nur begrenzt verfügbar sind, suchen Frauen und Männer nach sonstigen Alternativen. Einer geregelten sinnvollen Beschäftigung nachzugehen, entspricht dem Lebensmuster der Frauen und Männer im Osten Deutschlands. Darum ist der BFD so gefragt. Darum kommt er so gut an, obwohl die Teilnehmenden nur Taschengeld und Verpflegungsgeld erhalten. Aber langsam spricht es sich auch herum, dass bei einigen Trägern oder Einsatzstellen auch recht gute Bildungsmöglichkeiten mit diesem Freiwilligendienst verknüpft sind. 
 
Was ist das Besondere an einem Freiwilligendienst?

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Autorinnen und Autoren

  • Betti Börlein, Ettenstatt
  • Ehemalige FÖJ Teilnehmerin
  • Mike Cares, Karlsruhe
    Amt für Kinder- u. Jugendarbeit der evang. Landeskirche in Baden

  • Mike Corsa, Hannover
    Arbeitsgemeinschft der Evang. Jugend in Deutschland (aej)

  • Dr. Thomas Gensicke, München
    TNS Infratest Sozialforschung

  • Ute Giesecke-Tapp, Hannover
    Evangelische Freiwilligendienste gGmbH

  • André Hartjes, Oberhausen
    Freiwilligendienste netzwerk-m e.V. Kassel

  • Stefan Homan, Bielefeld
    Freiwilligenagentur Bethel

  • Sabine Kakuie, Freiburg
    Zentrum für zivilgesellschaftliche Entwicklung

  • Kerstin Kracht, Halle/Saale
    Diakonie Mitteldeutschland

  • Dr. Jens Kreuter, Bonn
    Bundesfamilienministerium

  • Silke Marzluff, M.A. Freiburg
    Zentrum für zivilgesellschaftliche Entwicklung

  • Dr. Roger Mielke, Hannover
    Kirchenamt der EKD

  • Martin Schulze, Hannover
    Evangelische Freiwilligendienste gGmbH

  • Susanne Steffen, Berlin
    Ehemalige Freiwillige „Diakonisches Jahr im Ausland“

  • Klaus Stoll, Stuttgart
    Evangelisches Jugendwerk in Württemberg

  • Frauke Taplik, Darmstadt
    Ehemalige ASF Freiwillige

  • Klaus Waldmann, Berlin
    Evang. Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung

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