das baugerüst 3-14 Sünde

 

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Inhalt

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    Matthias Drobinski: Gesellschaft und Skandale
    Die Gnade scheint aus der Mode zu kommen

    Andreas Feige: Sünde ist für mich...
    Sünde in der Alltagsethik junger Erwachsener.
    Ergebnisse einer bundesweiten Umfrage

    Was ist Sünde?
    Ein Gespräch mit Jugendlichen

    Christiane Thiel: Wir sind alle Sünder. Allzumal.

    Bernd Wildermuth: Vom Zwang zur Optimierung

    Roger Schmidt: Kann Aufwachen Sünde sein?
    Strukturen globaler Ungerechtigkeit und mein Alltag

    Dorothee Sölle: Der Sündenfall

    Sünde und Werbung

    Literaturhinweise


    Autorinnen und Autoren

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Wolfgang Noack: Liebe, Eis und andere Sünden

„Kann denn Liebe Sünde sein?“, trällerte die schwedische Sängerin Zarah Leander und begeisterte mit diesem Schlager das deutsche Volk am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. 60 Jahre später erinnerten sich die Werber einer deutschen Likörfirma an den einstigen erfolgreichen Song und fragten in der Anzeige für ein Edelkirsch-Getränk „Kann denn Kirsche Sünde sein?“ Flasche, roter Schmollmund und ein Glas mit dem Edelbrand zierten den abgewandelten Schlagertext. Nun entbrannte ein Streit über das Urheberrecht, doch man kam überein, dass die fragende Behauptung, mit der Liebe und der Sünde mittlerweile in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen sei und keine Verletzung des Urheberrechts geltend gemacht werden könne.
Eine andere Auseinandersetzung aber drängte sich in den Vordergrund. Die eigentliche Sünde sei hier eine Lüge, denn in der Flasche dieses hochprozentigen Getränks sei keine einzige Kirsche zu finden. Vielmehr handele es sich lediglich um Alkohol mit dem Geschmack der Kirsche. Ob der Vorwurf von Lüge und Betrug oder ein Verstoß gegen das achte Gebot „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.“ in dieser Auseinandersetzung zum Tragen kommen, interessiert hier nicht so sehr. Warum nur ist die Sünde so interessant?

2003 zum Ökumenischen Kirchentag in Berlin kreierte die Firma Langnese für ihr Magnum-Eis sieben neue Sorten: „Das frechste Eis aller Zeiten“. Die sieben Todsünden am Stil sollten, so ein Unternehmenssprecher damals, „ein bisschen keck mit der täglichen kleinen Sünde“ spielen. Und so zogen Wollust, Faulheit, Völlerei, Neid, Habgier, Rache und Eitelkeit in die Eistruhen ein. Vanilleeis in pinkfarbener Erdbeerschokolade sollte an die Wollust erinnern und Habgier machte mit Tiramisu-Geschmack, Kaffeesauce, Schokolade und Amarettistückchen Lust auf immer mehr. Die beiden Kirchen protestierten, aber die süße Sünde wurde zum Erfolg und Langnese beteuerte: „Wir wollen niemanden vor den Kopf stoßen.“
Warum nur benannten die Eismacher die neuen Sorten nach den sieben Todsünden und gaben ihnen nicht einfach Blumen-, Tier- oder irgendwelche Phantasienamen?
Die Liste ließe sich fortsetzen: Ob Tee-, Schokolade- oder Autohersteller, viele halten es für erfolgversprechend ihr Produkt mit Sünde in Verbindung zu bringen.

Überhaupt ist die Sünde in aller Munde. Das Internetportal working office, betrieben vom Verlag für die Deutsche Wirtschaft, fragt die Deutschen nach den „Top-Ten der Büro-Todsünden“. Laute Musik oder Selbstgespräche am Arbeitsplatz führen das Sündenregister an, gefolgt von schmutzigen Tassen in der Teeküche.
Die Zeitung „Die Welt“ findet in einer Umfrage die größten Sünden der deutschen Arbeitnehmer heraus: Unpünktlichkeit, Krankfeiern und Lästern. Doch auffällig viele heißt es „sprechen sich frei von allen Sünden“.
Und das Magazin mens health lädt zu einer Online-Umfrage ein: „Wieviele Sünden sind erlaubt?“ Die Teilnehmer können den Konsum von Pornos, Alkohol und Fast Food beichten. Die Absolution wird aber vorher schon versprochen: „In der richtigen Dosierung sind manche Laster sogar gesund.“

Immer wieder die Sünde. Der Begriff Sünde stirbt nicht aus, obwohl der religiöse Bezugsrahmen für viele Menschen bedeutungslos geworden ist. Aber Verkehrs- und Steuersünder halten sich genauso hartnäckig wie Naschen als süße Sünde oder Kostspieliges als sündhaft teuer zu bezeichnen. Auch in einer Zeit, in der Geiz keine Todsünde mehr ist, sondern einfach nur geil.

Die Sünde hat kein metaphysisches Gewicht mehr. Sie wird nicht mehr ernst genommen. Man könnte sagen: Die Sünde hat ein Imageproblem (Matthias Matussek im Spiegel). „Nach jüdischer, christlicher und islamischer Definition ist sündig derjenige, der sich von Gott entfernt.“ „Sünde ist Vertrauensbruch“, schreibt Matussek weiter, und behauptet dann „wo es keinen Gott mehr gibt, gibt es keine Sünde. Oder doch?“
Der Bamberger Soziologe Gerhard Schulze fragt in seinem Buch „Die Sünde“ zwar nicht nach der Existenz Gottes, behauptet aber ähnlich wie Matussek, das es „keinen metaphysisch legitimierten Sündenkatalog“ mehr gibt und der Mensch muss in der Moderne „sich seine Sünden schon selbst definieren“(s. a. Gespräch Seite 32).

Ein weiteres Lied zum Schluss. „Wir sind alle kleine Sünderlein“, sang der Volksschauspieler Willy Millowitsch einst im Kölner Karneval, um dann zu dem Schluss zu kommen „‘s war immer so, ‘s war immer so“ und: „Der Herrgott wird es uns bestimmt verzeih‘n,‘s war immer, immer so.“
Hierzu ist nun auf der Internetseite www.keine-tricks-nur-jesus.de ?ein interessanter Streit entstanden. Dort heißt es: „Was das Lied ‚Wir sind alle kleine Sünderlein‘ fälschlicherweise suggeriert, nämlich, dass der Herrgott uns “bestimmt verzeih’n” wird, deckt sich nicht mit dem, was Gott selber in der Bibel uns sagt. Es muss eine Verurteilung geben.“
Das greift nun doch etwas zu kurz. Die Beiträge in diesem Heft bieten eine gute Grundlage zur theologischen Auseinandersetzung über die Sünde, um mit Jugendlichen und Erwachsenen über ihr Sündenverständnis ins Gespräch zu kommen.  

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Michael Fricke: Was ist Sünde?

Ein theologischer Blick

Theologie und Kirche befinden sich heute in einer paradoxen Lage. Einerseits gilt die „Sünde“ als Kernbestand christlicher Lehre, andererseits sind das Unbehagen gegenüber den Missklängen des Begriffs und der Wunsch nach Alternativen deutlich wahrzunehmen. Der folgende Beitrag widmet sich diesem Zwiespalt und versucht ihn produktiv zu nutzen.

Blicken wir zunächst auf die traditionelle evangelische Theologie. In ihrem Denken sind drei Dinge scheinbar klar:
1.    Sünde ist im Wesen „Unglaube“, sie stellt einen „Bruch des Gottesverhältnisses durch den Menschen“ dar.(1) Menschen wenden sich dagegen, dass Gott ihr Leben bestimmt. „Sünde ist die Weigerung, dem zu vertrauen, der der Grund meines Lebens ist“.(2)
2.    Diese ablehnende Haltung steht in Zusammenhang mit Verfehlungen auf zwischenmenschlicher Ebene.
3.    Die Rede von der Sünde ist als zentraler Gedanke des christlichen Glaubens unverzichtbar. Es ist zu beklagen, dass das Bewusstsein für die „Sünde“ in der Gesellschaft und in Teilen von Kirche und Theologie verloren gegangen ist und man vorzugsweise von „Schuld“ spricht.

Die hier vorgenommene Gleichsetzung von Unglaube und Sünde ist in mehrfacher Hinsicht problematisch: Wenn man Menschen dafür kritisiert, dass sie eine Gottesbeziehung ablehnen und auf sich selbst vertrauen, macht man ihnen etwas zum Vorwurf, das man an anderer Stelle ‚erlaubt‘ hat, nämlich, die Einladung Gottes zum Glauben anzunehmen oder abzulehnen. Diese Botschaft wird in unserer Kirche an Schlüsselstellen verkündet. Junge Menschen haben in der Konfirmandenzeit die Gelegenheit sich zu entscheiden, Gottes in der Taufe gegebenes Ja zu bestätigen – oder auch nicht. Auch beim Wiedereintritt in die Kirche hält man den Menschen nicht vor, dass sie zuvor in „Sünde“ lebten.(3) Wahlfreiheit ist ein Kennzeichen unserer Moderne. So wäre es im Hinblick auf das Grundgesetz nicht stimmig, wenn die Evangelische Kirche die Freiheit des religiösen Bekenntnisses (Art. 4, Abs. 1) bejaht und zugleich „Unglauben“ als Sünde brandmarkt. Schließlich wurde der behauptete Zusammenhang zwischen Gottesferne und zwischenmenschlichem Fehlverhalten zum einen nie empirisch erwiesen, zum anderen ist er auf theoretischer Ebene bereits problematisch, denn er impliziert, dass Menschen, die ohne Glauben leben, eher zu Fehlverhalten tendieren.

Dunkle Geschichte des Sündenbegriffs

In der Geschichte hat der Sündenbegriff einen massiven Missbrauch erfahren. Zwei Aspekte seien hier genannt. Erstens hat man die Sünde der Frau mehr angelastet als dem Mann, ein Beleg dafür ist die polemische Deutung der „Sündenfallgeschichte“ in Gen 3 durch Sir 25: „Die Sünde nahm ihren Anfang bei einer Frau, und um ihretwillen müssen wir alle sterben.“ Die Frau wurde zur Urheberin und Trägerin der Sünde. Zweitens wurde schon in der Alten Kirche Sünde mit concupiscentia, Begierde gleichgesetzt. Sexualität ist Ausdruck von Begehrlichkeit, also ist auch sie Sünde. Die belastende und zerstörerische Geschichte des Sündenbegriffs ist heute im Bewusstsein von Theologie und Kirche angekommen. Vieles musste zurückgenommen und mühsam korrigiert werden. Insgesamt bleibt der Eindruck: Der Sündenbegriff ist in gewisser Weise „verbraucht“.

Vielfalt der biblischen Vorstellungen

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Sven Evers: Hochmut kommt vor dem Fall

Vom Segen der Begrenztheit des Lebens und vom Fluch grenzenlosen Hochmuts

„Hochmut kommt vor dem Fall“ – sagte meine Mutter früher des öfteren, wenn sie mich darauf hinweisen wollte, dass manche Überheblichkeit sich früher oder später (und meistens früher) als Eigentor erweisen könnte. Recht hatte sie. Manches Mal bin ich mit meiner Selbstüberschätzung auf die Nase gefallen oder habe mir die Finger verbrannt, wenn ich meinte, dass Grenzen wohl für andere, nicht aber für mich gelten würden.

„Hochmut kommt vor dem Fall“ – auch eine zutreffende Zusammenfassung dessen, was die Bibel in den ersten Kapiteln des Buches Genesis, der sogenannten Urgeschichte, vom Menschsein und vom Gottsein erzählt, und was noch immer aktuell ist, weil wir uns von den Menschen damals gar nicht so sehr unterscheiden, wie wir vielleicht manchmal meinen mögen. Denn Urgeschichte, das meint nicht, dass etwas erzählt würde, das lange her und vergangen ist, sondern im Gegenteil: Urgeschichte, weil Geschichte des Menschseins, wie sie letztlich zeitunabhängig immer wieder sich ereignet. Immer wieder ereignet sich das Aufstreben des Menschen im Wahn, selber (wie) Gott sein zu können. Immer wieder ereignet sich der auf den Hochmut folgende Fall – nicht als von Gott, der sich in seiner Ehre gekränkt fühlt, willkürlich verhängten Strafe, sondern als die sanfte Zurechtweisung des Menschen hinein in die ihm von Gott zu seinem eigenen Wohle gesetzten Grenzen, außerhalb derer er nicht Mensch sein kann.

Schöpfung – heilsam begrenzte Welt

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Ulrich Dehn: Sünde in den Religionen

Sünde ist keiner der beliebten theologischen Begriffe. Er ist vielmehr ein aufstörender Begriff, ein Hinweis darauf, dass Religion nicht nur eine Wohlfühlangelegenheit ist, dass nicht einfach alles und zu jeder Zeit „in Ordnung“ ist mit dem Menschen. Die Trivialisierung, die der Gedanke der Sünde in der Alltagssprache erfährt (Verkehrssünder, sich gegen die schlanke Linie „versündigen“, „sündiges“ Rotlichtviertel usw.), verdeckt, dass Sünde etwas ganz anderes meint: Der Mensch lebt nicht in Isolation und in der größtmöglichen Erfüllung seiner Wünsche als Lebensziel, sondern er lebt in Beziehung, als Teil eines Netzes, in dem er selbst gibt und empfängt, er lebt in Partnerschaft mit Gott. Sünde ist ein Beziehungsbegriff, der daran erinnert, dass Leben etwas mit Verantwortung und Getragenwerden zu tun hat. Dies gilt unter diesem Begriff vorrangig für das Judentum, das Christentum und den Islam, aber es kann auch für andere Religionen gesagt werden, allerdings mit anderen Worten und in anderen Denkfiguren.

Das Thema der Sünde wird unterschiedlich gewichtet danach, ob es sich etwa, wie bei Paulus, um eine Macht handelt, die den Menschen beherrscht und auch gegen seine ursprüngliche Absicht zum widergöttlichen Handeln bringen kann und eng mit dem Gedanken des Todes verknüpft ist, oder um die Bezeichnung des je einzelnen gottfeindlichen Handelns, das den Menschen Gott gegenüber entfremdet.

Judentum und Islam

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Tilmann Moser: Du sollst nicht …

Vom Beichtzwang, Sündenangst und möglicher Befreiung

Obwohl „das baugerüst“ eine evangelische Zeitschrift ist, muss ich auf ein ungeheuerliches Buch zurückgreifen, das Anfang  2014 erschienen ist. Der Autor, ein katholischer englischer Theologe, der sich allerdings nicht weihen ließ, sondern in die Forschung ging und zum Vatikanexperten wurde: John Cornwell, „Die Beichte. Eine dunkle Geschichte“.

In meiner Rezension schrieb ich:

„Beichtväter als moralische Ungeheuer.Der Autor, Jahrgang 1940, ehemaliger Priesterzögling und selbst Beichttraumatisierter, hat ein faszinierendes Buch geschrieben nach immenser Forschung in Literatur und zahllosen Interviews mit Experten, Opfern und Tätern. Dass die Geschichte der Beichte zum Teil bis heute auch eine Geschichte von Macht und Unterdrückung ist, hat indes mit einem besonderen Aspekt der Beichtpraxis zu tun, dass nämlich Kinder schon im Alter von sieben Jahren die Beichte ablegen, eingeführt von Pius X anfangs des 19. Jahrhunderts. Ein Papst, den der Autor für einen besonderen Scharfmacher des Beichtzwangs hält mit üblen Folgen millionenfacher Gewissensangst, denn ein Versäumnis der Beichte war in sich schon wieder ein Todsünde.  Das Buch dürfte ein Renner werden, weil es der katholischen Kirche eine Vergangenheit des moralischen Terrors entgegen hält, der bis heute nachwirkt, auch wenn sich die Beichtpraxis in den letzten Jahrzehnten stark gemildert und humanisiert hat.

Cornwell greift dabei besonders die Anbahnung des bis heute massenhaften  Missbrauchs im Beichtstuhl heraus, sowie die „Besessenheit“ von der Todsünde der Onanie, die die Priester mit insistierender Inquisition sich bis in die letzten Details schildern ließen. Das alles war verbunden mit einer riesigen Menge von Sünden- und Strafverzeichnissen, den sogenannten Pönitentien, in denen sich die zwanghaft angehäuften moralischen Vergehen sorgfältig aufgelistet fanden. Daneben die Handbücher der Schulung von Beichtvätern, die in manchen Jahrhunderten auch auf Denunziation und Ketzerentlarvung eingeschworen wurden.

Mit Nachdruck vermerkt er die geradezu teuflische Zerstörung von Ehen, wenn Beichtväter sich in die sexuelle Praxis einmischten und die „lüsternen Ehemänner“ als sündige Scheusale darstellten, deren sich die armen Frauen tapfer erwehren sollten.

Wo Todsünde herrscht, war die Hölle nicht weit, besonders wenn die Sünder nicht skrupulös genug erforscht hatten, ob sie mit aufrechter Reue gebeichtet hatten. Die Einpflanzung der Sündenangst vor allem zum Sechsten Gebot, bei denen den Kindern die Beichte von ihnen noch unverständlichen Sünden herunter zu leiern abverlangt wurde, bei peinlicher Erforschung selbst von Phantasien, wirkt sich bis heute im Seelenleben der älteren Generationen aus. Viele Psychotherapeuten haben damit zu tun, verängstigte Gläubige  von den schlimmsten Ängsten zu befreien, da die gezielt und früh gezüchtete Angstbereitschaft in die Charakterstruktur eingedrungen ist.

Trotzdem: Manchen Menschen hat die Beichte auch schon geholfen, wenn sie echte Seelsorge war. Aber auch viele Beichtkinder ohne direkte Seelsorge sprechen noch von der Erleichterung nach dem Vorgang und der Absolution und meist unverändertem Weiterleben. Das beste Medikament  gegen die Verängstigung vor der Hölle scheint aber das Nicht-mehr-Ernst-Nehmen der ritualisierten Prozedur gewesen zu sein.“

Ängstliche Gewissenerforschung

Dieser Angst und Panik machenden Einschwörung ist der junge Martin Luther wie Millionen seiner Zeitgenossen ausgesetzt gewesen: Er wusste nie, ob er nicht der ewigen Verdammnis ausgesetzt sein würde, wenn er nicht reuevoll gebeichtet hatte und genug wiedergutmachende Werke verrichtete, die aber nur die Zeit des Fegefeuers verkürzen konnten, ebenso wie die teuren Ablassbriefe, die kirchliche Geschäftsgrundlage einer teilweisen Absolution, für den Bau des Petersdoms. Luther hatte keinen gütigen Beichtvater, der seine Kinder- und Jünglingsängste hätte mildern können.

Eine nicht zu lange Psychotherapie hätte den späteren Protestanten und Reformator befreien können von seiner immensen Schuldangst und dem Gefühl möglicher Verworfenheit vor Gott. Das gleiche gilt für den selbstanklägerischen Kirchenvater  Augustinus, auch er würde heute nicht mehr eine niederdrückende Sündentheologie entwickeln müssen, die das christliche Abendland zutiefst geprägt hat, auf dem Fundament eines Birnendiebstahls, der den jungen Delinquenten lebenslang niederdrückte. Auch wir Protestanten sind von dieser Geschichte noch tief geprägt, auch wenn wir Luther eine ganz andere Lehre der Rechtfertigung durch den Glauben an die Gnade verdanken. Wir brauchen uns nicht über den Katholizismus erheben, uns wurde ein  anderer Umgang mit der Sünde geschenkt von einem, der sich in langen Kämpfen befreit hat von vernichtender Schuld.

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Seid froh, dass ihr die Freiheit habt, selbst zu entscheiden

Gespräch mit dem Soziologen Gerhard Schulze über Sünde und Freiheit, über Grenzen und Selbstbestimmung des Menschen.

baugerüst: Der Begriff der Sünde stirbt nicht aus, obwohl der religiöse Bezugsrahmen für viele Menschen bedeutungslos geworden ist. Warum ist das so?

Schulze: Zum einen sind dem Menschen die Reflexionsfähigkeit und die Möglichkeit des kritischen Blicks auf sich selbst gegeben. Zum anderen greifen wir, wenn wir etwas als Sünde bezeichnen ins kulturelle Archiv, holen uns diesen Begriff heraus und deuten ihn zum Teil um. Etwas als Sünde zu bezeichnen gehört zu unserem Sprachschatz und zu unserer kulturellen Erinnerung. Erst reden wir von Umweltsünden und meinen dies kritisch, dann sprechen wir ironisch und lasziv von der Sündenmeile, und belächeln implizit alle, die Sex als Sünde bezeichnen. In dieser Ambivalenz gebrauchen wir den Sündenbegriff, und deswegen stirbt er nicht aus, auch ohne einen theologischen Bezug.

baugerüst: Warum ist es so reizvoll, diesen Begriff weiter zu verwenden und von der sündigen Meile, dem Verkehrssünder, der süßen Sünde zu sprechen oder auch etwas als sündhaft teuer zu bezeichnen? Menschen benutzen bei Verfehlungen einen religiösen Begriff, obwohl sie vielleicht gar nicht religiös sind.

Schulze: Sie meinen ihn ja auch nicht religiös. Ursprünglich war der Sündenkatalog eine Art Lebenshilfe zur mönchischen Askese und benannte die Hauptlaster, die einen davon abhalten könnten, sich ganz Gott zuzuwenden. Dieser Kontext ist vollkommen verschwunden.Der Sündenbegriff heute wird in einem Deutungsrahmen angewendet, in dem das gelingende Leben die Stelle von Gott in der theologischen Denkweise eingenommen hat. Am eigenen Leben aber kann der Mensch sich ständig versündigen, wenn er etwa zu viel isst, keinen Sport treibt oder nicht auf seinen Körper hört.

baugerüst: Der Mensch ist also nach wie vor bestrebt, Sünden zu vermeiden.

Schulze: Ja, es gibt sogar Apparate, die ihm dabei helfen - Sündenkontrolltechnologie, mit der man Blutdruck, Puls etc. misst und etwa zusammen mit dem Fettgehalt der Nahrung in Tabellen einträgt: eine Technik selbstbezogener Sündenvermeidung. Jene Kritik, die im Sündenbegriff transportiert wird, äußert sich heute selbstbezüglich.

baugerüst: In der Kultur des Westens wirken die sieben Todsünden heute fremdartig. Begriffe wie Völlerei, Unkeuschheit, Stolz wirken irgendwie angestaubt. Woher nehmen Menschen heute die Werte und Normen?

Schulze: Sie kommen nach wie vor aus der kulturellen Tradition, werden aber umgedeutet. Auch wenn der Deutungsrahmen heute ein anderer ist, gleich geblieben ist die Fähigkeit, sich zu beobachten. Der Mensch weiß, dass er übertreiben kann und dass Übertreibungen schädlich sein können, für ihn selber oder für andere.

baugerüst: Der Mensch wird zu seinem eigenen Beichtvater.

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Michael Freitag: Vergessen, aber nicht vergeben

Die eliminierte Sünde

Abschied von der Sünde

Es ist schon eine ganze Weile her, da war es  in Kirche und christlicher Jugendarbeit aller Denominationen bitter nötig, gegen einen missbräuchlichen Umgang mit dem Begriff  „Sünde“ zu Felde zu ziehen – und dies besonders im evangelikalen Sektor bzw. unter denen, „die eigentlich mit Ernst Christ sein wollten.“

In groben Strichen - zwar simplifiziert aber kaum übertrieben:    Mit dem Begriff Sünde konnten  Eltern und kirchliche Funktionsträger Macht ausüben. Sündenbewusstsein und Schuldgefühle konnten jugendliche Seelen vergiften und Menschen krank machen. Aus heutiger Sicht richtig schlechte evangelistisch-missionarische Predigten erzeugten zunächst ein abgrundtiefes Sündenbewusstsein, um anschließend zur Bekehrung zum Zwecke der Seelenrettung aufzurufen. Und die unerträgliche Verkoppelung des Sündenbegriffes mit kleinbürgerlichen und manchmal auch paranoiden Moralvorstellungen erzeugte - besonders auf dem Gebiet der Sexualmoral -  verklemmte Jugendliche und beförderte z.B. die sowieso vorhandene Abneigung und Feindschaft gegenüber Homosexuellen.

Der rasche Kulturwandel in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts veränderte viel und hatte auch seine gravierenden Auswirkungen auf den Umgang mit der Sünde: Der Begriff wurde tabuisiert und der Sachverhalt vielfach eliminiert.
Kulturelle Aufbrüche befreiten von einem Sündenbegriff, der leider eng mitkleinbürgerlichen Moralvorstellungen verbunden war. Gesellschaftlich meinte man zu erkennen, dass der Mensch vornehmlich ein Produkt seiner Umwelt und der gesellschaftlichen Zustände sei und demzufolge als Individuum recht wenig für seine Taten verantwortlich zu machen wäre. Sünde wurde vornehmlich in den gesellschaftlichen Verwirrungen als „strukturelle Sünde“ geortet; psychologisch wurde Sünde in Schuldgefühle aufgelöst, die therapeutisch bearbeitet wurden; religionspsychologisch erkannte man die neurotisierenden und krankmachenden Auswirkungen eines angstmachenden Gottes(bildes), lebensfeindlicher Glaubensmuster und der damit verbundenen Sündenvorstellungen (1); theologisch wurden der unbedingte Vorrang der Gnade und Güte Gottes und der liebende Gott betont und ein gesetzliches Christentum als schädlich erkannt, sogar in missionarischen Predigten wurden die Hölle und ein strafender Gott abgeschafft und das Gottesbild von seinen dunklen Seiten gereinigt.  Natürlich war damit die Sünde als Lebensphänomen nicht verschwunden -  wie auch -  aber sie wurde, von einigen Enklaven bestimmter theologischer Prägungen abgesehen, zunehmend weniger ein wesentliches Thema.

Bis auf eine Ausnahme: In der Jugendarbeit hatten es die Jugendarbeiter(innen), vor allem aber nicht nur im evangelikalen bzw. pietistisch geprägten Sektor, lange Zeit noch mit Jugendlichen zu tun, die von krankmachenden Gottesbildern und einem missbräuchlichen Sündenbegriff geprägt waren und darunter zu leiden hatten. Gerade eine sich primär religiös und geistlich verstehende Jugendarbeit musste sich als Impulsgeber und Begleitung in jugendlichen Befreiungsprozessen von solchen Gottesbildern und von Schuldkomplexen verstehen – und das war richtig so und diese Aufarbeitungsprozesses waren für viele junge Menschen heilsam und lebensdienlich, inklusive der „Verabschiedung von der Sünde“.

Inzwischen ist der Begriff Sünde in der Jugendarbeit genauso wie in kirchlichen Sonntagspredigten nahezu eliminiert. Wo er theologisch substanziell noch gebraucht wird, ist das Umfeld schnell entweder als „stockkatholisch“ oder als „erz-evangelikal“ entlarvt und diskreditiert.
Das Dumme ist nur, dass dabei eine ganze Generation von Pfarrer(inne)n und Jugendarbeiter(inne)n vielleicht aus persönlicher Betroffenheit heraus handelt. Die Zeit ist weitergegangen. Wir müssen Jugendliche kaum noch (selten) aus der finsteren Umnachtung eines verwerflichen Umganges mit Sünde befreien – das war mal. Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, die andere Seite zu betonen und einen lebensdienlichen Umgang mit dem Sachverhalt der Sünde zurückzugewinnen.

Was ist Sünde?

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Christiane Thiel: Wir sind alle Sünder. Allzumal

Als ich Konfirmandin war, belehrte uns mein streng lutherischer Pfarrer einmal, dass wir alle Sünder wären.
„Auch die Kinder?“
„Ja, auch die allerkleinsten!“
Ich war entrüstet.
Dann habe ich das als „Typisch für den...“ abgetan.

Bis heute lässt mich diese kleine Gegebenheit nicht los. Immer wieder denke ich daran. Ich bin alt und einsichtig geworden wie eine alte Eule. Ich gucke mir das Treiben so an. Auch meins. Und stelle fest: Der Pfarrer hatte Recht.Das kann doch nicht wahr sein!Immer noch werde ich wütend. Auch über mich selbst, wenn ich mich so denken höre. Wir sind alle Sünder. Allzumal. Das alte Wort muss dann auch dazu. Damit es richtig gestrig klingt. Richtig modrig. Richtig böse.Und richtig wahr.Wisst Ihr warum?

Mit „Sünde“ wird für mich das Gefangensein in die Strukturen des Bösen, der Gewalt, der Gleichgültigkeit, der Oberflächlichkeit, der Rechthaberei beschrieben. Es ist wie ein Netz, das mich umschlingt. Selbst große Anstrengungen, etwas Gutes zu wollen, schlagen oft genug in das Gegenteil um. Selbst, wenn ich mich sehr um Gerechtigkeit bemühe, erleben mich manche als ungerecht. Das kennt jeder Mensch. Denk nach! Prüf dich! Wenn Du an die Gespräche mit Freunden oder Freundinnen denkst! Wie viele Missverständnisse da auftauchen! Wie schnell ist jemand verletzt, der gar nicht verletzt werden sollte. Und dann denkst Du Dir eine Freude aus und wenn Du sie umsetzt, wird sie möglicherweise wieder missverstanden...

4 Müde bin ich von meinem Rufen, heiser mein Hals.
Matt sind meine Augen geworden beim Warten auf meine Gottheit.
5 Zahlreicher als die Haare auf meinem Kopf sind sie,
die mich hassen ohne Grund.
Mächtig sind sie, die mich vernichten wollen, die mich mit Lügen angreifen.
Was ich nicht geraubt habe, soll ich zurückgeben.

So heißt es im 69. Psalm. Und besonders die Passage „Was ich nicht geraubt habe, soll ich zurückgeben.“ bringt diese seltsame Eigenheit des menschlichen Lebens auf den Punkt. 

Sünde ist wie ein Netz, wie ein Bestandteil der Luft, die ich atme. Sie gehört zum Leben und sie bedrängt und beherrscht mich. Ich sehe es ein. Ich sehe, dass viele meiner Bemühungen fehlgeschlagen sind. Wieviele Stunden haben wir am Feuer gesessen und über die Rettung der Welt geredet und kaum kriegen die Leute Kinder, werden sie zu Spießern, zu schlimmeren Spießern als ihre Eltern... (Hast Du das auch schon festgestellt?) Wie haben wir gerungen um Nachdenklichkeit beim Energieverbrauch, um Bewusstsein für globale wirtschaftliche Zusammenhänge? Und kaum gründen die Leute einen eigenen Hausstand, kaufen sie die billigsten Plastiktische beim Baumarkt und halten den Bausparvertrag für heilig.

Sie ist wie ein Netz, wie ein Bestandteil der Luft – die Sünde.

Diese grundlegende Entdeckung stammt nicht von mir, sondern von Martin Luther. Und der hat das auch nicht erfunden, sondern einfach in der Bibel gelesen und laut gesagt. Oft genug.

Dieses Wort steht nämlich in der Bibel, im Brief an die Gemeinde in Rom im 3. Kapitel in Vers 23. Es ist die Übersetzung der Lutherbibel, die sich da in mein Gehirn gebrannt hat: „Sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten“. In der „Bibel in gerechter Sprache“ klingt der Vers ganz anders: „Alle haben ja Unrecht begangen, allen fehlt die Anerkennung durch Gott.“ Hier wird das griechische Wort hamartano mit Unrecht übersetzt. Mit gutem Grund.

Bausparvertrag. Riesterrente. Wachstum. Rohstoffe. Flugreisen. Autoverkehr. Schnäppchenjagd. „Wenn etwas billig ist, hat jemand zu wenig dafür verdient!“ – diese Binsenweisheit ist offenbar schwer in die Köpfe zu kriegen. Wenn der billige Gartentisch lockt... die T-Shirts für 5 Euro zu haben sind. Da vergesse ich rasch die Bilder der zusammengestürzten Textilfabrik in Bangladesch. Die Sünde ist wie ein Bestandteil der Luft, die wir atmen.

Ich ergebe mich

Ich sehe ein: dieses Stückchen aus dem Brief an die Gemeinde in Rom umschließt eine große Wahrheit meines Lebens. Das Unrecht dringt durch. Es greift Raum. Es ist schwer, ihm standzuhalten.

Ich habe begriffen, dass die altmodische Rede von der Sünde, die meistens etwas mit Sexualität zu tun hatte, zu kurz greift. In der Struktur des Unrechts kann auch sexuelles Verhalten Unrecht sein. Das ist klar. Aber es sind eben viele, viele andere Begegnungsformen zwischen Menschen (und anderen Geschöpfen Gottes – Tiere, Meere, Wälder...) Plattformen des Unrechts. Weil eben immer wieder das Böse durchschlägt, bei allen Bemühungen, gut zu sein. Es ist verrückt. Es ist auch deprimierend. Du hast Recht.
Aber es ist auch tröstlich.

Wie?

Na. Es bringt meine Anstrengungen auf ein menschliches Maß. Ich stelle fest: das Gelingen des Guten ist Gnade. Ich darf und muss mich einbringen und ich soll mich zur Verfügung stellen, aber das Gelingen ist nicht nur von meinem Strampeln abhängig. Ich erlebe diese Entdeckung als Entlastung. Ich fühle mich freier. Ich kann erkennen, dass die Annahme der Gaben, der täglichen Geschenke Gottes mich gelöster machen. Ich atme aus. Ich höre mit dem Hasten und Rasen auf.
Ich werde menschlicher. Zu mir und zu den anderen.
Verletzlicher, dünnhäutiger, behutsamer.
Besonders das Menschliche tröstet mich.
Ich sehe die Welt und mich selbst freundlicher an.

Ich bin erlöst vom Zwang mich zu erlösen. Ich bin ergeben in die Einsicht, Sünderin zu sein. Ich lebe aus der Vergebung. Täglich.Das ist Gnade.Mehr nicht. Ich fühle mich nicht von der Einmischung entbunden. Aber vom Siegen fühle ich mich befreit. Ich bleibe dran, aber ich weiß besser, dass ich mich oft genug irre. Ich will die Welt verändern und weiß, dass sie ist, wie sie ist. Und dass in ihr Gottes Reich schon beginnt. Jetzt schon.

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Autorinnen und Autoren

  • Dr. Ulrich Dehn, Hamburg
    Professor an der Universität Hamburg

  • Matthias Drobinski, München
    Journalist

  • Dr. Sven Evers, Oldenburg
    Landesjugendpfarrer der Ev.-Luth. Kirche in  Oldenburg

  • Dr. Andreas Feige, Braunschweig
    Professor (em.) für Soziologie

  • Michael Freitag, Hannover
    Referent für Theologie, Bildung und Jugendsoziologie bei der aej

  • Dr. Michael Fricke, Regensburg
    Professor an der Universität Regensburg

  • Dr. Christof Gestrich, Berlin
    Professor em.

  • Dr. Tilmann Moser, Freiburg
    Psychoanalytiker

  • Roger Schmidt, Genf
    Pfarrer

  • Dr. Gerhard Schulze, Bamberg
    Professor für Soziologie

  • Christiane Thiel, Leipzig
    Pfarrerin und Autorin

  • Bernd Wildermuth, Stuttgart
    Landesjugendpfarrer

  • Dr. Peter Zimmerling, Leipzig
    Professor für prakt. Theologie

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