das baugerüst 4-14 Heimat

 

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Inhalt

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    Albert Herrenknecht: Heimat(an)sichten von heutigen Jugendlichen auf dem Lande

    Christian Eyselein: Heimat im Gepäck?

    Menschen verlassen nicht leichtfertig ihre Heimat
    Gespräch mit Ulrike Voß

    Ulrich Willmer: Mut zur punktuellen Heimat
    Subjektive Einsichten eines Gemeindepfarrers

    Christina Brudereck: Wo finden Jugendliche geistliche Heimat?

    Gerlinde Krehn: Kinder und Jugendliche philosophieren über Heimat

    Heimat ist da, wo ich mich wohlfühle
    Methoden zum Gesprächseinstieg

    Vincent-Immanuel Herr: Das hatten wir uns anders vorgestellt

    Rezensionen

    Autorinnen und Autoren

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Wolfgang Noack: Jenseits von Gartenzwergen

Heimat, das hörte sich für mich schon immer irgendwie verstaubt an, wie Zwerge im Vorgarten oder „Die Hohen Tannen“ von Heino. Vielleicht liegt ein Grund darin, dass Mutter und Vater nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat verlassen mussten, aber nicht zu denen gehörten, die den Verlust der Heimat lautstark hinausposaunten. Mit den reaktionären Vertriebenen und dem Wunsch zur Heimaterde zurückzukehren hatten wir nichts gemein. So wuchs ich auf.
Vielleicht fasziniert mich deshalb eine Skulptur des Bildhauers Luis Sanguino, die an der Südspitze Manhattans im Battery Park steht. Sieben Personen aus Granit sind dort zu sehen. Einer geht auf die Knie, ein anderer hält sich die Hände vor das Gesicht, einer reißt die Arme in die Höhe, ein anderer hebt selbstbewusst den Kopf. Das Kunstwerk zeigt Einwanderer stellvertretend für die Vielen, die hier in New York  ihre neue Heimat gefunden haben. Sie alle sind aufgebrochen, weil sie dort wo sie bisher lebten keine Zukunft mehr hatten, weil sie aus politischen oder religiösen Gründen verfolgt wurden, weil sie arm waren oder weil sie auf ein besseres Leben hofften. Sie haben ihre alte Heimat hinter sich gelassen, um eine neue zu finden.
Die Einwanderer brachten ihre Heimat mit, lebten mit ihr in dem neuen Land, in New Amsterdam, in den New Yorker Stadtteilen Chinatown, Little Italy,  India oder Odessa. „This land is your land, this land is my land“ sang die Gruppe „Peter, Paul and Mary“ dazu. Nun hat sich in den heutigen USA viel verändert (besonders wenn ein paar Muslime auch dort leben wollen), trotzdem bleibt die Idee, dass Menschen in der Fremde eine neue Heimat finden können, unabhängig von der „Scholle“ auf der sie geboren wurden.

Vielleicht klingt Heimat ja so verstaubt, weil der Begriff verwurzelten Stillstand suggeriert. Wer das Wort in eine Suchmaschine eingibt und Bilder wählt, erhält Volksmusikgruppen, Hirschgeweihe und gestickte Wandteppiche mit Volksweisheiten wie „Eigener Herd ist Goldes wert.“ Heimat ist eben auch ein missbrauchter Begriff, der ein traditionalistisches, rückwärtsgewandtes Verständnis transportiert. So verstanden bedeutet Heimat für Ernst Bloch, „dass man gern zurückkehren möchte an den Kurfürstendamm oder irgendwohin in eine Kleinstadt“. „Wer Heimat so versteht“, schreibt Bloch weiter, „landet im Spießertum“ und kann in einer „reaktionären Blut- und Boden-Ideologie“ aufgehen.
Ein zweiter Missbrauch von Heimat „liegt in einem exklusiven Verständnis, das sich in der Unterscheidung und Abgrenzung der Einheimischen von den Fremden artikuliert“ (Reinhold Bernhardt). Fremde haben in der neuen Heimat nichts verloren.
Was heißt überhaupt Heimat angesichts der vielen Konflikte in dieser Welt: Ukraine und Russland, Syrien und Irak, Palästina und Israel. Heimaten werden verloren, vernichtet, verschoben. 50 Millionen Menschen sind laut UNO weltweit auf der Flucht, mussten ihre Heimat verlassen. Niemand tut dies leichtfertig. Selten kommen sie so selbstbewusst und voller Hoffnung wie einst die New Yorker Einwanderer in der neuen Heimat an. Wer seine Heimat hinter sich lassen muss und an dem neuen Ort keine Perspektive bekommt oder unerwünscht ist, hat auch keine Zukunft.

Wenn Heimat nicht immer auch nach Patriotismus schmecken würde, nach Heimatliebe und Heimatverteidigung, nach Treue und Stolz. Wenn Heimat bedeutet sich wohl zu fühlen am Meer, in den Bergen oder im Dschungel einer Großstadt, das Essen einer Region zu mögen, den Dialekt gerne zu hören oder sich über die Bilder zu freuen, die einen in den Sinn kommen, wenn man alte Orte wieder aufsucht, dann muss Heimat keine Ideologien oder Nationalstaaten begründen, muss keine Fremden mehr ausgrenzen, wird weltoffen. Vielleicht muss man ja mehrere Heimaten mit sich herumtragen, die vertraute Landschaft der Kindheit, den Ort, wo die Familie lebt, das soziale Netzwerk in dem die Freunde zu Hause sind oder auch den Starbucks-Coffeeshop, den man irgendwo auf der Welt aufsucht und der einem das Gefühl vermittelt in der Heimatstadt zu sein. Wandern zwischen den Welten, offen und neugierig sein für Neues und gerne zurückzukehren an vertraute Orte - ja, so könnte die Welt zur Heimat umgebaut werden (Bloch).
„Sich zu beheimaten“, schreibt Fulbert Steffensky in diesem Heft „heißt auch, sich der Fremdheit auszusetzen“ und: „Um in der Fremde anzukommen braucht es ein Stück Untreue der alten Heimat gegenüber“.

Diese baugerüst-Ausgabe bietet Beiträge, um das Thema Heimat in der Jugend- und Bildungsarbeit aufzugreifen. Was gehört zur Heimat? Brauchtum, Religion, soziale Bezüge, Kultur, Märchen, der Fußballverein, gutes Essen? Mit welchen Gefühlen verlasse ich meine Heimat oder kehre ich an vertraute Orte zurück? Alles Themen, um mit Menschen in eine Reflexion einzusteigen. Der Beitrag von Gerlinde Krehn bietet Methoden, um darüber zu philosophieren, die Fragen (Seite 60) eröffnen ein Gespräch. Ist die Kirche eine „Fremde Heimat“ (Günter Ruddat), eine punktuelle Heimat (Ulrich Willmer) oder kann die „Beheimatung“ eine Perspektive kirchlicher Jugendarbeit sein (Thomas Schlag)? Die Beiträge regen an, den eigenen Standpunkt zu überdenken.
Am Ende des Heftes haben wir einen Beitrag von Vincent-Immanuel Herr aufgenommen, der mit Jugendlichen in Europa gesprochen hat und leidenschaftlich für das Engagement im eigenen Land wirbt. So gesehen lohnt es sich, den Heimatbegriff zu weiten und sich dafür einzusetzen - jenseits von Gartenzwergen und rauschenden Wäldern.

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Hermann Bausinger: Heimat?

Das Stichwort Heimat löst schon lange keine einheitlichen Reaktionen mehr aus. Es gibt Menschen, die in Sonntagsstimmung versetzt werden, wenn ihnen der Begriff begegnet; und es gibt andere, die ihn am liebsten zur Endlagerung in das Historische Wörterbuch überweisen würden. Viele aber – wahrscheinlich die meisten – schwanken zwischen diesen Reaktionen, scheuen sich, diese Wortfahne vor sich her zu tragen, empfinden jedoch, dass sie suchen und brauchen, was sie nicht mehr zu benennen wagen. Eine junge Schriftstellerin schrieb in einer Umfrage zum Thema Heimat unwillig, dazu falle ihr nichts ein, schrieb aber dann ein Dutzend Seiten; und Martin Walser bezeichnete Heimat als den schönsten Namen für Zurückgebliebenheit – dabei kann man den Akzent  auf zurückgeblieben legen, aber auch auf schön.

Das Problem der Einschätzung von Heimat sollte nicht als Bekenntnisfrage, sondern als Erkenntnisfrage behandelt werden. Dies verlangt, Kritik am Heimatbegriff und an bestimmten Heimatvorstellungen nicht einfach pathetisch zu überspringen, sondern sich ernsthaft damit auseinander zu setzen. Ich will dies in einigen Anläufen versuchen.

Zunächst drängt sich die Frage auf, ob uns Heimat nicht ganz überwiegend als etwas Theatralisches begegnet, als eine Sparte der Freizeit- und Unterhaltungsindustrie. Wenn das Stichwort Heimat fällt, wenden sich unsere Assoziationen oft schnell besonderen Inszenierungen zu. Wir denken an medial Inszeniertes wie das Milieu der Heimatserien im Fernsehen – ein alter Schwarzwaldhof, umgeben von dichten Wäldern und von Wiesen im fruchtbaren Kodak-Grün – oder an die inflationären Brauchtumsvorführungen im Regionalprogramm oder gar an die unsäglichen Volksmusik-abende im alpinen Kostüm. Und wir denken an real Inszeniertes: Umzüge von Trachtenvereinen, Jubiläumsfestzüge mit der Vorführung alter bäuerlicher Arbeitstechniken – verharmlosende Demonstrationen der Vergangenheit. Es ist sicher nicht angebracht, mit Kanonen auf diese Spatzen zu schießen; für die meisten auch der aktiv Beteiligten sind es spielerische Signale und Symbole, die so präsentiert werden.
Manchmal allerdings will es gar nicht mehr aufhören mit Heimat: Bei Heimatwochen, Heimattagen, Heimatfesten treten Heimatvereine in Heimattracht auf, Heimatkapellen spielen Heimatmusik, Heimatkünstler tragen Heimatlieder vor, Heimatdichter rezitieren Heimatpoesie in der Heimatsprache, und Heimatredner lassen in heimatlichem Hochgefühl ihre Heimatgedanken und Heimatempfindungen ab. Eine derartige Massierung erzeugt Allergien – man neigt zu dem Kommentar: Oh Heimatland!, der bekanntlich nicht unbedingt positiv gemeint ist.

Heimatkulisse

Aber vielleicht hat Heimat ja eine Ehrenrettung verdient. Nicht, indem noch mehr Heimatpathos mobilisiert, sondern indem nüchtern gefragt wird, was Heimat ursprünglich bedeutete und was Heimat wohl immer noch bedeuten kann. Dazu müssen etliche Schichten abgetragen werden, die dem Begriff zugewachsen sind. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts, vor allem in der zweiten Hälfte, wird Heimat das Gegenbild zum Umbruch der gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnisse. Ein wenig schnoddrig gesagt: Die Bürger betreiben einerseits den Fortschritt, kriegen dabei aber kalte Füße und sorgen deshalb mit einer Wärmflasche vor – und diese Wärmflasche heißt Heimat. Heimat – das ist nun die angeblich unberührte Natur, ist vor allem auch der deutsche Wald, scheinbar im freien Kräftespiel der Natur entwickelt, in Wirklichkeit ein Produkt der durchgreifenden deutschen Forstverwaltung. Heimat ist aber auch das scheinbar zeitlose, fest in alter Sitte verankerte bäuerliche Dasein. Heimat bleibt weitgehend reserviert für die ländliche Welt; in der Stadt, zumal in der Großstadt, gibt es keine Heimat; von Asphaltwüste, Asphaltkultur, Asphaltliteratur ist um die Wende zum 20. Jahrhundert die Rede.

Die tatsächliche Entwicklung – Industrialisierung, Technisierung, Urbanisierung – ging über die Genrebildchen der Heimatsüchtigen hinweg. Die freie Natur ging nicht unbeschädigt aus dem Entwicklungsprozess hervor; Industrieanlagen griffen weit aus in Erholungsräume, und schon vor 1900 wird die beginnende Verschandelung der Landschaft durch touristischen Ausbau beklagt. Und auch das ländliche Leben veränderte sich, langsamer zwar, aber unaufhaltsam. Die Antwort darauf war großenteils ein weiterer Rückzug: Heimat wurde zu einem Etikett, das ganz überwiegend nur noch an einzelnen Elementen haften blieb. Heimat – das war nicht mehr die Natur, das passte eher für einzelne Naturschutzgebiete. Nicht mehr das ländliche Leben in seiner Totalität wurde mit dem Begriff eingefangen, sondern farbige Bräuche; nicht mehr das Ensemble der Dörfer, sondern das einzelne Fachwerkhaus. Man begnügte sich mit Heimatsymbolen und Heimatkulissen, wie sie heute oft noch das Gesicht von Heimatmuseen und Heimatveranstaltungen bestimmen.

Der Degenerations- und Schrumpfungsprozess wirkt also nach; er ist mit verantwortlich für das Unbehagen, das vom Begriff Heimat ausgehen kann, weil er allzu oft in eine Gartenzwerglandschaft führt. Vermutlich hat jene Miniaturisierung und Antiquarisierung von Heimat mehr zur Problematik des Begriffs beigetragen als der politisch verstandene Heimatschutz, die nationalistische Ausweitung auf die deutsche Heimat mit schon weit ausgestreckten imperialistischen Greifarmen. Nur schöne Altertümer und farbige Bräuche scheinen vielfach an den Begriff gekoppelt, von dem man doch fühlt, dass er mehr bedeuten kann – nicht in Richtung auf Großraumphantasien, sondern in Richtung auf ein volleres Leben.

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Fulbert Steffensky: Fremde Heimat – heimatliche Fremde

Ich bin aufgewachsen in einem Dorf, in dem man zu meiner Jugendzeit praktisch keine Fremden kannte. Man war nur bei sich selbst beheimatet. Es gab keine Ausländer, fast alle waren katholisch, man kannte keine andere Religion als das Christentum. Man kannte keine andere Form der Sexualität als die offiziell gebilligte; keine andere Form der Kindererziehung als die übliche und keine andere Weise des Kochens als die immer schon gewohnte. Es lebte sich gut in diesem Dorf, wenn man dazugehörte und wenn man eingebürgert war in den allgemeinen  Glauben und die allgemeine Lebenspraxis. Es war ein einstimmiges Dorf, aber dies war sein Problem. Man weiß nur, wer man ist, wenn man sich dem Schmerz der Fremdheit aussetzt. Man lernt den eigenen Reichtum erst kennen, wo man sich mit fremden Lebensentwürfen auseinandersetzen muss. Man lernt den eigenen Mangel erst kennen, wenn man auf den Reichtum der Fremden stößt. Wo man nur sich selbst kennt, besteht die Gefahr, dass man sich für einzigartig hält. Man kann sich kaum hinterfragen, wo man die Fremden und das Fremde nicht an sich heranlässt. Man bringt sich um die Freiheit zu wachsen und mehr zu werden, als man ist, wo man sich der Fremdheit der anderen verweigert. In dieser meiner alten Heimat war ich also nicht zuhause, weil ich nur in ihr zuhause war. Die Menschen waren sich in dieser Heimat selbstentfremdet. Sie konnten sich selbst nur bedingt wahrnehmen und erkennen, weil ihnen die Fremde fehlte. Sich zu beheimaten heißt also auch, sich der Fremdheit auszusetzen, Fremdheit anzuerkennen und sie neben sich zu dulden. Das ist übrigens nicht ganz leicht. Die Existenz von anderen Welten, von anderem Glauben und fremden Lebensvorstellungen, kurz: die Existenz von Alternativen irritiert die Menschen und bricht ihre Sicherheit, die sie aus ihrer vermeintlichen Einmaligkeit beziehen. Aber ohne diese Irritation tritt man auf der Stelle. Man kommt geistig nicht vorwärts und man wird in der Vergöttlichung der eigenen Einmaligkeit gefährlich für die anderen. Man ist also dort mehr zuhause, wo man angstlos die Existenz und das Recht der Fremde und der Fremden anerkennt.

Bisher habe ich gefragt: Wie beheimatet man sich in der eigenen Heimat? Die weitere Frage: Wie beheimate ich mich in der Fremde. Ich selbst habe einige Male den Verlust von alten Heimaten erlebt. Groß geworden in dem oben beschriebenen Dorf, habe ich großstädtische Welten kennengelernt. Ich bin vom Katholizismus zum Protestantismus übergetreten. Ich bin im hohen Alter aus Deutschland in die Schweiz ausgewandert. Viele Brüche also, und kaum einer meiner Generation konnte solche Brüche vermeiden. Wir alle sind Nestflüchter, unser Schicksal und vielleicht auch unsere Gnade. Was aber braucht es, um sich in der Fremde zu beheimaten?

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Regina Fritz: In der Welt zuhause, im Himmel daheim

Biblische Aspekte zum Begriff der Heimat

„Zu Hause ist es doch am schönsten!“, so freuen sich Menschen oft, wenn sie von Reisen in fernen  Ländern zurückkehren. Nach einem Aufenthalt in der Fremde bietet das bekannte Heim eine vertraute Lebenswelt. Der Begriff der „Heimat“, der im Deutschen im 15. Jahrhundert inhaltlich durch den Ausdruck „zuhause“ geprägt wurde, ist entsprechend mit vielen positiven Assoziationen verknüpft. Heimat wird oft verstanden als eine Umgebung, der sich Menschen verbunden wissen und die ihnen zu einem Leben in Geborgenheit und Sicherheit verhilft. Wo das Bild der Heimat allerdings deckungsgleich ist mit einer von Deutschlandfahnen und Gartenzwergen bewehrten Reihenhaussiedlung inklusive Sozialkontrolle durch die Nachbarn, können bei Kritikern des (Spieß-)Bürgertums Aversionen aufkommen. Aber selbst wer derlei Vorbehalte gegen den Begriff der Heimat hat, kennt doch häufig auch das Bedürfnis nach einem Leben in vertrautem Umfeld mit wohlgesinnten Menschen. In diesem weiten Sinn ist „Heimat“ zu verstehen als ein grundlegend anthropologisches Thema. Die Frage, auf die die Idee der Heimat eine Antwort bieten kann, ist dann die Frage danach, wodurch Menschen sich in ihrem Leben „zu Hause“ fühlen. Inwiefern „Heimat“ aus biblischer Perspektive eine Antwort auf diese Frage sein kann, soll im Folgenden beleuchtet werden.

Im Alten Testament ist von „Heimat“ nur indirekt die Rede. Das Hebräische kennt – wie auch das Griechische des Neuen Testaments und viele andere antike Sprachen – kein Begriffsäquivalent für das deutsche Wort „Heimat“. Die Formulierungen, die dem entsprechen, umschreiben jeweils einen Ort, von dem jemand in geographischer wie auch in sozialer Hinsicht abstammt (vgl. z.B.: Gen 11,28; 24,7). Sein Herkunftsland und seine Familie sind nach dieser Vorstellung die Wurzeln des Menschen, mit denen er ein Leben lang verbunden ist und die ihn mit zu dem machen, was er ist.Nach den fünf Büchern Mose besteht für die Menschen nicht nur eine enge Bindung an ihre Vorfahren und an das Land ihrer Herkunft, sondern auch an das Land Kanaan, das ihnen und ihren Nachkommen verheißen ist: Nach Gottes Willen verlassen Abraham und Sarah ihre gewohnte Umgebung in Ur und brechen auf in ein Land, wo sie zu einem großen Volk werden sollen (Gen 12,1-3). Diese Verheißung wird auch gegenüber Isaak (Gen 26,2-5), Jakob (Gen 35,9-13) und schließlich in Ägypten auch gegenüber Mose wiederholt. Die große Erzählung vom Auszug aus Ägypten schildert daraufhin, wie Gottes Verheißung wahr wird und wie die Israeliten aus der Gefangenschaft durch die Wüste in das gelobte Land ziehen, „in ein gutes und weites Land, in ein Land darin Milch und Honig fließt“ (Ex 3,7). Dieses verheißene Land ist für die Israeliten ein Zufluchtsort, der ihnen, ihren Kindern und Kindeskindern ein Leben in Frieden und Freiheit ermöglichen soll.

Das ist mein Land und ihr seid Fremdlinge

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Joanna Schmölz/ Peter Martin Thomas: Mit dem Smartphone auf Heimatsuche

Aber nicht alle Digital Natives haben ihre Heimat im Internet

Die Jugend ist im Netz zuhause. Junge Menschen sind alle „Digital Natives“ – hineingeboren in die digitale Welt. Viel gehörte, oft gebrauchte Sätze. Doch was genau beinhalten sie? Näheres hinsehen lohnt.

Zum einen kann es eine Umschreibung dafür sein, dass sich die jungen Menschen im Netz wie selbstverständlich bewegen. Nicht mehr und nicht weniger. Man kennt sich eben einfach aus. Zum anderen könnte gemeint sein, dass das Netz zur neuen Heimat für die Jugend avanciert ist. Einem vertrauten und sicheren Raum, ähnlich dem elterlichen Zuhause oder dem Quartier, in dem man aufgewachsen ist. Einem Ort, an dem die Jugend heute mit den Freunden abhängt wie einst im Kinderzimmer, mit der Clique oder im Verein.

Das Leben von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der digitalen Welt stand im Fokus der DIVSI U25-Studie, die das SINUS-Institut Heidelberg im Auftrag des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet durchgeführt hat. Über die reinen Nutzungsformen hinaus wurden auch die Denk- und Handlungslogiken sowie der lebensweltliche Hintergrund der 9- bis 24-Jährigen repräsentativ untersucht.

Im Ergebnis zeichnet die Untersuchung ein höchst differenziertes Bild mit sieben Internet-Milieus, auf die hier noch ausführlich eingegangen wird. Vorab lassen sich grundsätzlich zwei Aussagen treffen:

  • Die jungen Menschen leben insgesamt bereits sehr digitalisiert. 98 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 14 und 24 Jahren und 86 Prozent der Kinder zwischen 9 und 13 Jahren sind online.
  • Gleichzeitig unterscheiden sie sich in ihren Einstellungen zu Vertrauen und Sicherheit im Netz sowie in ihren Ansprüchen zum Teil ganz erheblich. „Native“ ist also nicht gleich „Native“.

Einige Erkenntnisse der DIVSI U25-Studie erlauben darüber hinaus zentrale Schlagworte zu formulieren:

  • Notsituation. Ein Leben ohne Internet ist für die meisten der jungen Onliner  unvorstellbar. Es ist der absolute Ausnahmezustand, der meist unfreiwillig eintritt, weil der Akku leer ist oder kein WLAN zur Verfügung steht.
  • Dauerbrenner. Online- und Offline-Zeiten sind mit zunehmendem Alter kaum noch zu unterscheiden. Man sagt sich auf Facebook, WhatsApp und Co. eben nicht ständig „Tschüss“.
  • Herzschrittmacher. Mobile Geräte – vor allem Smartphones – sind nicht wegzudenkende Begleiter und Taktgeber in allen Lebenslagen.
  • Standleitung. Soziale Netzwerke (allen voran Facebook sowie WhatsApp) fungieren als permanente Verbindung zu Freunden. Einige machen sogar diese Formel auf: Internet ist gleich Facebook.Digitale Flaneure

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Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich zwei Heimaten habe

Gespräch mit dem Schrifsteller Nevfel Cumart über Heimat und jugendliche Migranten, über die Fremde und Frage, ob Europa Heimat sein kann.

baugerüst: Was verbinden Sie mit dem Begriff Heimat?

Cumart: Ich denke an einen sehr schmerzhaften Prozess. Es war bei mir nicht so einfach bis ich ein Heimatgefühl entwickeln konnte. In meiner Jugend wusste ich nicht wohin ich gehöre, bin ich Türke, bin ich Deutscher? In dieser jugendlichen Identitätskrise hat sich dann für mich herauskristallisiert, dass es verschiedene Formen des Heimatbegriffs gibt. Äußerlich betrachtet ist Deutschland meine Heimat, das habe ich ja auch in einigen Gedichten zum Ausdruck gebracht. Andererseits bin ich viel unterwegs und dann ist der Rucksack auf meinem Rücken die Heimat. Und manchmal habe ich das Gefühl, dass ich zwei Heimaten habe, einmal hier in Deutschland und einmal in der Türkei. So einfach ist die Zuordnung also gar nicht.

baugerüst: Braucht man eine emotionale Bindung, wenn man ein Heimatgefühl entwickeln will?

Cumart: Ich lebe seit 26 Jahren hier in Bamberg, habe aber vorher über zwanzig Jahre in Stade verbracht. Wenn ich mit der Bahn von Hamburg nach Stade fahre, die Landschaft flacher wird und die Wiesen grüner, dann kommt in mir schon ein Heimatgefühl hoch. Und wenn ich hier in der oberfränkischen Region herumfahre und sehe so die liebliche hügelige Landschaft oder auch einen Bierkeller, dann ist das auch Heimat. Zur Heimat gehören für mich viele Dinge, aber wenn mir die Landschaft hier nicht gefiele, wenn nicht mir wichtige Menschen hier leben würden, könnte ich kein Heimatgefühl entwickeln.

baugerüst: Sie sind Sohn türkischer Einwanderer und in Deutschland geboren. Wie heimatlich ist Ihnen die Türkei?

Cumart: Wenn ich in Adana im Südosten der Türkei bin, die Stadt aus der meine Eltern kommen, dann ist das Heimatgefühl dort sehr stark geprägt durch die Beziehung zu den Verwandten. Ohne die Verwandten würde mir Adana nichts bedeuten. Adana ist auch sehr geprägt durch Erinnerungen und Bilder aus den Sommerferien, wenn ich mit den Eltern in den sogenannten Heimaturlaub fuhr.

baugerüst: Sie arbeiten viel in Schulen mit Jugendlichen. Wie zerrissen sind Jugendliche  mit Migrationshintergrund, wenn es um die Heimat geht?

Cumart: Diesen Jugendlichen geht es heute oft gar nicht anders als mir damals. Ich bin hier geboren, hier aufgewachsen als Sohn türkischer Eltern und wir lebten und pendelten eigentlich immer zwischen zwei Welten. Bei uns zuhause ging es sehr türkisch zu, unsere Eltern waren strenger als türkische Eltern in der Türkei. Das ist der Diasporaeffekt, bei dem Menschen in der Fremde viel stärker an ihren Sitten und Gebräuchen, Werten und Normen festhalten.

baugerüst: Die Anforderungen die an Sie gestellt wurden waren sehr unterschiedlich.

Cumart: Ja, es ging bei uns in der Wohnung sehr türkisch zu und sobald wir nach draußen gingen befanden wir uns in Deutschland. Wir haben im Grunde  genommen jeden Tag eine Reise von der Türkei nach Deutschland und zurück gemacht. Wenn ich mich so verhielt wie meine Eltern es wollten, dann war ich zwar ein guter türkischer Sohn und entsprach deren Vorstellungen, aber dann passte ich nicht richtig zu meinen deutschen Freunden.
Verhielt ich mich so, dass ich in die Gruppe meiner deutschen Freundinnen und Freunde passte, dann war ich zwar ein guter Kumpel, aber das entsprach nicht den Vorstellungen meiner Eltern. Ich war also ein schlechter türkischer Sohn.

baugerüst: Sie mussten täglich einen Kulturspagat schaffen?

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Thomas Schlag: Beheimatung

Eine sinnvolle Leitperspektive kirchlicher Jugendarbeit

Ein guter Anfang

Beheimatung ist gegenwärtig eines der großen Schlüsselwörter in der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit. Viele Leitbilder und Zielvorstellungen beziehen sich ausdrücklich auf diesen Begriff: So heisst es etwa im Religionspädagogischen Gesamtkonzept der Zürcher reformierten Landeskirche: „Kinder brauchen Wurzeln und Flügel. Auch im Glauben brauchen sie Beheimatung und Begleitung.“ Die Rede von Beheimatung liefert offensichtlich eine Art Leitperspektive für das, was in diesem Bereich im Sinn eines Gesamtkatechumenats geleistet werden soll: Kirche will Kindern und Jugendlichen Heimat als eine verlässliche und dauerhafte Basis für alles Kommende vermitteln.

Dahinter steht nicht nur die Zielsetzung einer nachhaltigen Wirkung auf die Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen, sondern auch eine geradezu emotionale, vielleicht sogar romantische Wunschvorstellung kirchlicher Bildung: Durch diese Arbeit soll die individuelle Lebensgeschichte einen guten Anfang nehmen und zu persönlicher Verwurzelung, tiefer Verbundenheit, identitätsstiftender und lebenslanger Prägung sowie dauerhafter Identifizierung mit Gemeinde und Kirche führen.

Dass die Kirche ihre Arbeit unter eine solche Zielsetzung stellt, hat natürlich gute Gründe, die insbesondere mit den Veränderungen jugendlicher Sozialisation zu tun haben. Tatsächlich ist es so, dass im Blick auf religiöse Prägungen die traditionellen Beheimatungsprozesse, vor allem durch die Familie, so kaum noch gegeben sind. Und in den für Jugendliche entscheidenden peer-groups wird eher nur am Rande über religiöse und gar kirchliche Fragen gesprochen. Die einstmalige organische Verbindung von kindlichem Aufwachsen, der Entwicklung einer eigenen religiösen Identität und einer all dies wie selbstverständlich mitbegleitenden kirchlichen Sozialisation findet nur noch in Ausnahmefällen statt.
Von daher verspricht man Jugendlichen und sich selbst als kirchlichen Bildungsverantwortlichen viel, wenn Beheimatung als Leitbegriff für die kirchliche Arbeit, sei es nun im Bereich der Kinder-, Konfirmations- oder Jugendarbeit ins Feld geführt wird. Aber ist dieser Anspruch möglicherweise zu hoch, vielleicht sogar überzogen? Kann und soll überhaupt auf Beheimatung abgezielt werden oder widerspricht dies nicht der spürbaren, beinahe unendlichen Sehnsucht Jugendlicher nach Freiheit und Ungebundenheit?

Die Rede von Heimat selbst kann ja auch ambivalent und gefährlich werden, wenn sie zur Bezeichnung von Abgrenzungen dient oder dafür funktionalisiert werden soll. Gerade in den gegenwärtigen Zeiten muss notiert werden, wie stark ein symbolischer Heimatgedanke für die abgrenzende Unterscheidung von den „Anderen“, „Fremden“ und vermeintlich „Andersartigen“ verwendet wird. Die Rede von Heimat kann dann als Kriterium dafür benutzt werden, wer – angeblich – „dazu gehört“ und wer eben nicht. Wie lässt sich nun von dort aus kirchliche Jugendarbeit im guten Sinn mit der Rede von Beheimatung verbinden?

Biblische Vorstellungen von Heimat

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Gerlinde Krehn: Kinder und Jugendliche philosophieren über Heimat

Im Rahmen von philosophischen Gesprächen hatten Jugendliche die Möglichkeit, ihre Gedanken zum Thema „Heimat“  zu formulieren und auszutauschen.

Wenn Kinder und Jugendliche philosophieren oder theologisieren geht es nicht darum Philosophie oder Theologie zu vermitteln, sondern die eigene Denkfähigkeit zu üben. Die Themen orientieren sich in der Regel an den Interessen und Lebenserfahrungen der Kinder und Jugendlichen. Ziel ist über Moral, Werte und Normen, die Bedeutung  von theologischen Fragestellungen gemeinsam nachzudenken. Dabei sollen die Teilnehmenden am Ende ihre je eigenen Standpunkte finden und begründen können. So entsteht auch Dialogfähigkeit.

Voraussetzung ist die Fähigkeit sich äußern zu können. Hohe Sprachfähigkeit ist nicht notwendig. Gespräch, Gesprächsfähigkeit, Gesprächsführung, eine wertschätzende, tolerante Haltung sind grundlegend dafür, dass Philosophieren oder Theologisieren gelingen kann. Das müssen Kinder, Jugendliche  (und Erwachsene) einüben, wie das 1x1 oder das ABC. Aufgabe einer Gesprächsleitung ist, sie bei diesen Gesprächsprozessen zu begleiten und anzuleiten.

Menschen stehen immer wieder  vor der Aufgabe ihre eigene „Weltanschauung“ zu entwickeln, und damit Sinn und Orientierung für ihr Leben zu finden.
Kinder, Jugendliche (und Erwachsene) entwickeln beim Philosophieren oder Theologisieren ihre Gedanken und Antwortversuche zu existenziellen Fragen des Lebens. Jeder und jede kann sich dabei in einem geschützten Rahmen anderen mitteilen, zuhören, eigene Standpunkte finden und begründen. Dabei geht es nicht um richtig und falsch. Keine Aussage wird bewertet, aber alle Statements dürfen hinterfragt und sollen begründet werden. Welche Ergebnisse die Teilnehmenden jeweils aus dem Gespräch für sich mitnehmen, entscheiden sie allein.

Die Gesprächsleitung schafft den Rahmen durch die Regeln und eine Atmosphäre, in der es allen Beteiligten möglich ist, sich im Gespräch zu öffnen. Sie versteht sich dabei als „Hebamme“, die die Teilnehmenden dabei unterstützt, ihre Gedanken ans Licht zu bringen und das Gespräch in die Tiefe zu führen. Dabei versucht sie das Gespräch möglichst wenig zu lenken und bringt Beiträge nur ein, um einen Nachdenkimpuls für die Gesprächsteilnehmerinnen und Gesprächsteilnehmer zu setzen, den Gesprächsverlauf zusammenzufassen, Inhalte zu klären oder zu strukturieren.

Philosophieren ereignet sich im Kontext zwischenmenschlicher Interaktion

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Autorinnen und Autoren

  • Dr. Hermann Bausinger, Tübingen
    Professor

  • Christina Brudereck, Essen
    Evang. Kommunität Kirubai

  • Nevfel Cumart, Bamberg
    Schriftsteller

  • PD Dr. Christian Eyselein, Windsbach
    Pfarrer, Studienleiter

  • Dr. Regina Fritz, Nürnberg
    Pfarrerin

  • Katrin Hatzinger, Brüssel
    Oberkirchenrätin, Leiterin des EKD-Büros in Brüssel

  • Vincent-Immanuel Herr, Berlin
    Student Politikwissenschaften

  • Albert Herrenknecht, Boxberg
    Ländliche Entwicklungsbüros PRO PROVINCIA

  • Gerlinde Krehn, Rednitzhembach
    Diplomreligionspädagogin (FH)

  • Dr. Günter Ruddat, Bochum
    Professor em.

  • Dr. Thomas Schlag, Zürich
    Professor für prakt. Theologie

  • Joanna Schmölz, Heidelberg
    Stellv. Direktorin DIVSI -
    Deutsches Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet

  • Dr. Fulbert Steffensky, Luzern
    Professor

  • Peter Martin Thomas, Heidelberg
    Leiter der SINUS-Akademie

  • Ulrike Voß, Nürnberg
    Flüchtlingshilfe Nürnberg

  • Ulrich Willmer, Coburg
    Pfarrer

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