das baugerüst 3/15 Freiheit

 

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Inhalt

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Wolfgang Noack: Freiheit!?

In George Orwells Roman „1984“ gibt es ein Ministerium für Wahrheit. Drei Parolen skandiert dort die herrschende Big-Brother-Partei der Bevölkerung entgegen: Krieg ist Frieden! Freiheit ist Sklaverei! Unwissenheit ist Stärke! Freiheit ist also Sklaverei. Nun haben wir das Jahr 1984 erfolgreich hinter uns gelassen und dieses Land verfügt weder über ein Wahrheitsministerium (obwohl manche so tun) noch wurden die grundgesetzlich verbrieften Freiheitsrechte eingeschränkt. Im Gegenteil. Noch nie hat der Staat so wenig von seinen Bürgern gewollt (außer Steuern natürlich) wie heute, noch nie waren Einschränkungen der Freiheit so verpönt. Die Menschen wollen den Staat oder andere möglichst aus allen Geschäften und Vergnügungen heraushalten, wollen selbst entscheiden, was sie dürfen oder unterlassen. Schilder wie „Betreten der Rasenfläche verboten“ oder „Das Ballspielen im Hof ist nicht gestattet“ muten anachronistisch an, in einer Zeit, in der bald auch rote Ampeln als Angriff auf die persönliche Freiheit gewertet werden. Freie Fahrt für freie Bürger!
Und wie sich frühere Generationen Einschränkungen durch Zünfte, Handwerksordnungen, Sexualvorschriften der Kirche, standesgemäße Heiraten usw. gefallen ließen versteht heute sowieso keiner mehr.

Aber es braucht auch gar kein Ministerium für Wahrheit mehr, das den Freiheitsgedanken verdreht und dies gebetsmühlenartig den Bürgern eintrichtert. Wahlfreiheiten jedes einzelnen nehmen zu und Verbotstafeln werden belächelt. Und obwohl die Privatsphäre zur heiligen Zone erklärt wird, haben andere noch nie soviel von uns gewusst wie heute: der Staat, der Markt, die sozialen Medien und und und. Freiheit ist scheinbar nur noch im Tausch gegen Kontrolle zu haben.
Da bietet ein Krankenversicherungsunternehmen denjenigen einen Rabatt an, die bereit sind, die eigenen Fitnessdaten zu übermitteln; ein Autoversicherer räumt ebenfalls einen Preisnachlass ein, wer den persönlichen Fahrstil mittels eines Bordcomputers kontrollieren lässt. Alles freiwillig! Noch! Vielleicht wird dieses Angebot in einigen Jahren genauso selbstverständlich sein wie das Punktesammeln mittels Payback-Karten beim Einkaufen. Und wann bekommt derjenige den besseren Job, der bereit ist der Bewerbung die eigenen Gen-Daten beizulegen?

In dem vom Deutschlandfunk gesendeten Essay „Die dialektische Beziehung von Freiheit und Kontrolle“ heißt es: „So wie im 18. und noch im 19. Jahrhundert die Freiheit von Vielen gegen die Freiheit der Wenigen zu erkämpfen war, so erscheinen das 20. und 21. Jahrhundert neue Monopole der Kontrolle einen Kontrollverlust der Vielen zu erzeugen“. Die vielen individuellen Freiheiten - zu konsumieren, zu reisen, zu wählen und und und  - werden so lautstark gefeiert, dass der Verlust der anderen nicht oder resigniert zur Kenntnis genommen wird. Google, Facebook und Co bewerben sich als neues Ministerium für Wahrheit. „Datenweitergabe ist Freiheit! Datenverweigerung ist Sklaverei! Der Algorithmus dient allen!“

Die Freiheit war aber nie umsonst zu bekommen. Das war in den Bauernkriegen des 16. Jahrhunderts nicht anders als bei dem Zug der Studenten 1832 auf das Hambacher Schloss mit der Forderung nach Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Das war bei den Freiheitsbewegungen gegen koloniale Besatzung nicht anders als beim Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur. Immer musste Freiheit erkämpft werden. Mutig, mit viel Einsatz, auch mit persönlichen Nachteilen. Viele Menschen haben sich beim Eintreten für die Freiheit blutige Nasen geholt.

Freiheit ist mehr als am Steuerknüppel des eigenen Lebens zu sitzen und sich zu erfreuen zwischen 30 verschiedenen Schokoriegeln wählen zu können. Freiheit scheint heute so selbstverständlich und die Beschränkung kommt schleichend. 

Da stehen schon einige Fragen auf der Tagesordnung: Welche Freiheitsrechte werden für eine bestimmte Definition von Sicherheit geopfert (Vorratsdatenspeicherung, Überwachung des öffentlichen Raumes)? Wie kann die uneingeschränkte Datensammlung und -verwertung von Wirtschafts-, Versicherungs-  und Medienunternehmen unterbunden werden (Zusammenführung von Daten, Recht auf Löschung)? Wie steht es um die Datenhygiene und Datensouveränität des einzeln („Ich habe nichts zu verbergen!?“)? Immer mehr Maschinen und Steuerungssysteme greifen in das private Leben ein. Vom selbstfahrenden Auto (Wer ist eigentlich bei Fehlern verantwortlich? Wem gehören die dort produzierten Daten?) bis hin zur Überwachung von pflegebedürftigen Menschen.
Wenn es zukünftig für jeden Lebensbereich irgend eine App gibt, werden diese Fragen noch zunehmen. Das Lied der Freiheit zu singen ist dann auch nicht mehr ganz so einfach. Wer in Ketten lag, spürte die Einschränkung ebenso, wie die von den Fürsten zur Leibeigenschaft gezwungen Bauern oder die in einer Diktatur zum Schweigen verurteilten. Die heutigen Einschränkungen der Freiheit dagegen sind sehr doppelbödig.
„Schule der Freiheitsfähigkeit“ heißt der „Standpunkt“ in diesem Heft. Jugendarbeit sollte eine solche Schule sein damit nicht eines Tages doch irgend jemand meint definieren zu können, was Freiheit ist.
Freiheit, so singt Konstantin Wecker in dem Lied über Willy, Freiheit, das heißt keine Angst haben, vor nichts und niemand.
 




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Kathrin Winkler: Zur Freiheit berufen

Pädagogische und entwicklungspsychologische Überlegungen zum Freiheitsbegriff

Freiheit, was für ein Zauberwort! Unwillkürlich haben Menschen dazu positive Gedanken, entwickeln sich Sehnsüchte und Wünsche, stellen sich menschliche Basisemotionen ein, wie Freude, Trauer, Wut, Furcht, Überraschung und Interesse. Ja, ich bin so frei oder die Freiheit nehme ich mir! Aussprüche, die aus der Werbung bekannt sind und, die suggerieren, dass Freiheit ganz einfach zu erlangen sei, einfach nur zugreifen… Und trotzdem scheint die Freiheit sich nicht automatisch einzustellen, ist sie nicht einfach so zu fassen, gibt es immer etwas, das sie erschwert oder verhindert. Offensichtlich ist sie ein Gut, an das notwendige menschliche Lern- und Erfahrungsprozesse gebunden sind. Drei gedankliche Impulse können dazu zielführend sein.

1. „Niemand ist frei, solange es nicht alle sind.“ (1) Gerade weil für Kinder und Jugendliche die zunehmende Selbstbestimmung eine große Rolle spielt, ist die Einsicht wichtig, dass die Wahrnehmung der eigenen Freiheit die Achtung anderer einschließt. Das ist ein langer, manchmal mühsamer, aber unumgänglicher Lernweg.

2. Freiheit ist ein Gut, das durch Gebrauch wächst, durch Nichtgebrauch aber dahinschwindet. Diese Einsicht von Carl Friedrich von Weizäcker verweist darauf, dass Freiheit eingeübt werden muss. Für Erziehungs- und Bildungsprozesse heißt dies, bewusst Räume zu eröffnen, in denen die individuelle und kollektive Freiheit ausgehandelt werden kann.

3. Auch wenn es viele unterschiedliche unbewusste wie bewusste Bilder und Vorstellungen von Freiheit gibt, eines ist deutlich: Freiheit ist niemals gleichbedeutend mit einem Freibrief für Willkür. Hinsichtlich gesellschaftlicher und machtpolitischer Strukturen zeichnet diese Feststellung eine klare Verankerung der Freiheit in Verantwortung und ethischer Reflexion.


Für pädagogische Überlegungen stellt sich deshalb an dieser Stelle die Frage: Wenn Freiheit nur mit der Freiheit des Nächsten zu verstehen ist, mit Beliebigkeit und Hedonismus nicht zu vereinen ist und nur durch Gebrauch wächst, wie ist Freiheit dann noch tiefergehend zu fassen und wie kann die Autonomie von Kindern und Jugendlichen, verstanden als selbstbestimmtes Leben, gefördert werden?


Freiheit – Was ist das eigentlich?

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Thomas Gensicke: Freiheit? Sicherheit!

Tommy und Annika bestimmen die Zukunft

Freiheit ist sicher nicht das wichtigste Thema, dass die Jugend von heute umtreibt. Vielleicht ist der Wunsch nach Zufriedenheit Ersatz dafür. Selten standen im Laufe der Generationen seit dem Zweiten Weltkrieg Fragen der Freiheit und der Individualität so wenig im Mittelpunkt des Denkens und Fühlens der Jugend. Oder anders formuliert: Freiheit spielt bei vielen Jugendlichen höchstens als die kleine Freiheit eine Rolle. Was vor allem gesucht wird, ist Sicherheit. Als Grundlage dafür wünscht sich die Jugend Ordnung. Denn keine Generation wurde seit dem Ende der ersten Nachkriegszeit mit so viel sozialer und politischer Unordnung belastet. Sie ist das Gegenbild zur 68er-Generation. Die hatte Sicherheit bis zum Überdruss und war allergisch gegen Ordnung. Ob sie nun die Freiheit, die sie suchte, je erlangt hat, sei dahingestellt. Denkt die Jugend von heute an die Zukunft, so fällt ihr nicht die Weltreise mit Rucksack oder im VW-Transporter oder sonst ein Aufbruch zu neuen Ufern ein. Vielmehr gehören ein auskömmlicher, vor allem aber sicherer Job dahin, eine eigene Familie in Heim und Garten und je nach Geschmack Hund oder Katze.

Wie passt das aber zum Bild einer Generation Y, die angeblich ständig mit der Sinnfrage ringt, eine Vision, die heute in der Öffentlichkeit immer wieder gehandelt wird? Zumindest auf den erfahrenen Jugendforscher wirkt das wie der letzte Versuch, die Generation von 68 in die heutige Zeit zu retten. Das funktioniert jedoch nur halbwegs in der Scheinwelt der Medien. Liest man die Programmbücher der Ypsiloner, stört man sich vor allem am anmaßenden Ton. Der passt ganz gut zu den Klagen aus den Betrieben über das übertriebene Auftreten mancher formal hoch qualifizierter junger Leute. In ihrer großspurigen Art assistieren ihnen manche Ältere und ein Teil der Meinungsmacht der Medien. Das wirkt, zumindest seitens der intellektuellen Unterstützer, wie die Aufhübschung einer grauen Maus. Im Grunde jedoch scheint es darum zu gehen, dass die Kinder und Kindeskinder der 68er, die heute nur noch ein einzelnes Milieu sind, sich einer Generation als Modell feilbieten. Doch die scheint sich in ihrer Masse wenig darum zu scheren. Denn das pfauenhafte Sich-Aufspreizen und Bedeutsam-Machen liegt nicht in ihrer Mentalität.
In den letzten Jahrzehnten ist die Bereitschaft der Jugend deutlich gestiegen, an der Tür zu ihrer schönen kleinen Idealwelt einiges an Freiheit abzugeben. Man hat nicht den Eindruck, dass sie das als Opfer versteht, sondern eher, dass sie ganz zufrieden dabei ist. Die Zeiten sind erst einmal vorbei, als die Jugend die große weite Welt lockte oder sie Lust verspürte, wider den Stachel zu löcken. Das kann irgendwann wiederkommen, aber es wird dauern. Man sollte sich von Illusionen lösen und die Fakten sehen. Die Lage der meisten Jugendlichen ist lange nicht so komfortabel, wie behauptet wird. Zum anderen kann Deutschland eine Generation wie die aktuelle eigentlich ganz gut brauchen. Setzt sie ihren Lebensentwurf um, dann könnte das eine Wende im demografischen Wandel bedeuten. Die Freiheitssucher von 68 und ihre genussfrohen Nachfolger machten mit ihrem Angriff auf die soziale nFormen und Strukturen vor der Familie nicht halt. Was wir in der jüngsten Generation erleben, ist eine Rückwendung zur Familie und allenfalls das Paradox eines stillen Protests. Zäh vertreten sie die Werte der Heimat und der sozialen Ordnung.

Das Glück im Kleinen

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Angelika Zahrnt: Die gefühlte Freiheit

Konsum und Freiheit

Konsumfreiheit?

„Die Freiheit nehm ich mir“ – der Werbeslogan trifft das Lebensgefühl oder zumindest den Wunsch vieler Menschen in der heutigen Konsumgesellschaft: Die Freiheit, mich im großen Warenhaus der Welt bedienen, mir Erdbeeren im Winter kaufen zu können, billige Textilien oder das neueste Smartphone aus Fernost, die Fernreise in die Karibik, grenzenlos und jederzeit.
Dass wir uns durch Konsum verwirklichen können, ist das Bild, das uns unablässig begleitet. In der Zeitung, im Fernsehen, in den realen und virtuellen Einkaufszentren. Werbung soll uns zum Kaufen animieren, denn schließlich ist Konsum der Motor des Wirtschaftswachstums. Und dies ist die zentrale Zielgröße der Politik.
Für Jugendliche sind diese bunten Bilder eines fröhlichen und unbeschwerten Konsums besonders verlockend. Aber wer sich auf die Botschaft der Werbung einlässt, verinnerlicht auch Zwänge: Ich brauche Geld, um mir das Glück zu kaufen und dazuzugehören. Und ich muss vergessen, mit welch sozialer Ausbeutung und Naturzerstörung mein Konsum verbunden ist.
Es sind aber auch gerade junge Menschen, die sich diesen Zwängen widersetzen. Sie wollen nicht länger von Wünschen, Zeitknappheit und Geld Getriebene sein. So setzt die Suche nach dem guten Leben mit Diskussionen in der WG ein, auf dem Internet-Forum, beim Grillabend mit Gleichgesinnten. Diese Suche verbindet (und verbündet) sich mit dem Wunsch, dass der eigene Lebensstil nicht auf Kosten anderer geht. Denn das Wissen um die Fern- und Spätfolgen des Konsums immer wieder zu verdrängen, kann anstrengen und dem vordergründig sorglosen Konsum einen untergründig bitteren Beigeschmack geben.


Nach 30 Jahren Lebensstildebatte

Warum die individuellen Bestrebungen um verantwortungsvollen Konsum bisher nicht ausreichen und verantwortliche Lebensstile politische Bedeutung gewinnen

Solch individuelle Bemühungen, Konsum an ökologischen und sozialen Kriterien auszurichten und auch zu reduzieren, sind nicht neu. Sie wurden bereits in den 70iger Jahren durch Initiativen insbesondere im kirchlichen Umfeld und der Umweltbewegung unterstützt. Hinzu kamen eine Vielzahl staatlicher Kennzeichnungen und privater Labels, die eine bewusste Kaufentscheidung beim Konsum erleichtern sollten. Aber nach 30 Jahren Lebensstildebatte und unzähligen Ratgebern, Labels und Ökoprodukten ist erkennbar, dass individuelle Anstrengungen allein die nötigen gesellschaftlichen Umorientierungen und die nötigen ökologischen Entlastungseffekte – z.B. eine Reduzierung der CO2-Emissionen um 90 Prozent bis 2050 – nicht erreichen werden.
Ebenso wird deutlich, dass Technik und Effizienz diese Reduzierung allein auch nicht erreichen werden, zumal wenn effizientere Produkte dann mehr genutzt oder mehr gekauft werden, z.B. wenn  mit sparsameren Autos mehr gefahren wird (Rebound-Effekte). Zudem kann mehr Effizienz kaum etwas zum Schutz der Biodiversität beitragen.
Deshalb gewinnt die Frage, welchen und wie viel Konsum wir uns in den Industriestaaten – unter dem Ziel der Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit – „leisten“ können, und wie wir dann trotzdem oder gerade deshalb ein gutes Leben führen können, politisches Gewicht. Diese Debatte wird unter dem Schlagwort Suffizienzpolitik geführt. Suffizienz kommt vom Lateinischen „sufficere“ und wird übersetzt mit „genügsam, bescheiden, im Rahmen bleibend, sich selbst Grenzen setzen“. Die Konsumfreiheit hat damit soziale und ökologische Grenzen.
Ein Zeichen für die „Entdeckung“ des guten Lebens als politisch relevantem Thema ist die derzeitige Kampagne der Bundesregierung „Gut leben in Deutschland“ (www.gut-leben-in-deutschland.de) Vor allem aber ist die breite Resonanz, die die Forderung nach einer Suffizienzpolitik als politischer Rahmung für suffiziente Lebensstile derzeit findet, bemerkenswert – ebenso wie die vielen praktischen Initiativen, die mit politischen Forderungen verbunden sind.


Rolle der Politik

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Freiheit ist mehr als totale Unabhängigkeit

Ein Gespräch mit dem Landesbischof der Evang.-Luth. Kirche in Bayern und Ratsvorsitzenden der EKD, Dr. Heinrich Bedford-Strohm über Freiheit, Individualismus, Einschränkungen und wie die Bibel als Buch der Freiheit gelesen werden kann.

baugerüst: Das Weltbild der Moderne sagt dem Individuum es sei autonom und könne nach gründlichem Abwägen der Gesichtspunkte die eigene Wahl treffen. Wann ist der Mensch frei?

Bedford-Strohm: Es gibt eine klare Ambivalenz in der Moderne, die genau in der Frage besteht, ob man Freiheit als totale Unabhängigkeit, als Abschottung gegenüber dem Anderen versteht oder ob der Mensch frei ist, wenn er in Beziehungen lebt. Dazu gehört dann aber auch die Gleichheit der Menschen. Die klassische Trias Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, bzw. Geschwisterlichkeit drückt ja etwas mehr aus als ein Freiheitsverständnis, das nur meint, in Ruhe gelassen zu werden. Gerade die Freiheit eines Christenmenschen schließt immer den Blick auf den Anderen mit ein.

baugerüst: Wenn man in die Gesellschaft blickt, lässt sich hingegen fast eine gewisse Sucht nach totaler Unabhängigkeit feststellen.

Bedford-Strohm: In der westlichen Gesellschaft hat in den letzten Jahren ein großer Individualisierungsprozess stattgefunden. Der Soziologe Ulrich Beck hat das sehr gut beschrieben. Nur wird die Individualisierung oft missverstanden als Individualismus. Individualisierung heißt ja erst einmal, dass Menschen in aller Freiheit selbst wählen, wie sie ihr Leben gestalten wollen. Es gibt keine festen Rollen in die man hinein gezwungen wird, keine festen Lebenspläne die vorgegeben sind.
Die Menschen müssen ihr Leben selbst gestalten. Die Soziologie spricht hier von Bastelbiografien. Man darf daraus aber nicht den Schluss ziehen, dass dies automatisch eine Vereinzelung der Menschen zur Folge hat. Denn aus dieser Freiheit heraus, ihr Leben selbstständig zu gestalten, engagieren sich auch sehr viele. Individualisierung beschreibt nur die Tatsache, dass wir heute selber entscheiden, wie und wo wir uns engagieren wollen.

baugerüst: Sie wehren sich dagegen Individualisierung schlecht zu reden.

Bedford-Strohm: Die Menschen wollen die Freiheiten, die sie heute haben nicht wieder aufgeben. Ich sehne mich auch nicht nach Zeiten zurück, in denen Menschen nur deshalb nicht aus der Kirche ausgetreten sind, weil sie soziale Sanktionen fürchteten. Ich möchte, dass Menschen aus Freiheit Christen und Mitglieder der Kirche sind. Das hat natürlich zur Folge, dass Menschen ihrer Kirche auch den Rücken kehren, aber diejenigen, die heute Mitglied sind, haben ihre Gründe, sind es aus Überzeugung, und das sind immerhin um die 50 Millionen Menschen in Deutschland.

baugerüst: In dem Buch „Kinder der Freiheit“ schreibt Ulrich Beck, dass die Freiheit uns selbstverständlich geworden ist. Nehmen wir durch diese Selbstverständlichkeit Einschränkungen der Freiheit gar nicht mehr richtig wahr?

Bedford-Strohm: Wie gesagt, die Herausforderung besteht darin, mit der Freiheit so umzugehen, dass wir nicht in Individualismus verfallen sondern aus der Freiheit heraus uns für die Gemeinschaft und für andere engagieren. Dafür gibt es viele sehr gute Beispiele, gerade im Engagement für Flüchtlinge.
Was die Selbstverständlichkeit der Freiheit anbelangt, wünsche ich mir eine neue Sensibilität für Dankbarkeit. Wenn man aus vielen Ländern der Welt nach Deutschland zurückkommt, wird einem der hohe Grad an Freiheitsrechten hierzulande deutlich.
Ein funktionierender Rechtsstaat ist wohl die größte Errungenschaft. Es ist ein großes Geschenk, dass wir in Deutschland nach vielen Irrtümern und durch eine schmerzliche Lerngeschichte heute ganz selbstverständlich von der Herrschaft des Rechts ausgehen dürfen. In vielen Ländern wird durch Korruption, Willkür oder mangelnder Staatlichkeit ein unglaubliches Leid verursacht. Ich denke an eine Frau aus Nigeria, die ich auf der Vollversammlung des Weltkirchenrates in Busan getroffen habe. Sie berichtete, dass die Jugendlichen in ihrem Dorf frei Waffen tragen können und davon auch Gebrauch machen. Keine Polizei schützt die Schwachen, keine Herrschaft des Rechts schreitet ein.

baugerüst: Was aber, wenn diese Freiheit zwar dankbar angenommen wird, aber der Einsatz für sie nicht besonders hoch ist, wenn Freiheit kein Gut mehr ist, für das man eintreten, ja vielleicht sogar dafür kämpfen muss?

Bedford-Strohm: Ich glaube, dass wir als Kirche an dieser Stelle die Aufgabe haben, darauf hinzuweisen, wie wichtig Politik ist, wie wichtig es für die Lebenssituation der Menschen ist, auf Probleme aufmerksam zu machen, sich für Veränderungen einzusetzen und Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen Menschen in Würde leben können. Das geschieht nicht von selbst. Deswegen widerspreche ich leidenschaftlich jeder Form von Politikverdrossenheit. Man muss Fehlentwicklungen in der Politik kritisieren aber man kann Politik nicht pauschal verdächtigen. In dem Engagement für die Gemeinschaft steckt immer ein Stück Solidarität mit denen, die Politik im konkreten Alltag zu verwirklichen haben.

baugerüst: Die Freiheit erlaubt zu wählen, verpflichtet aber auch zu entscheiden. Das nötigt dem Einzelnen eine hohe Orientierungsleistung ab. Wo wird der Umgang mit der Freiheit gelernt? Könnte die Kirche hier eine Art Lotse sein?

Bedford-Strohm: Ganz bestimmt. In der Multioptionsgesellschaft ist es ja immer anstrengender geworden, diese Orientierungsleistungen zu erbringen. Menschen stehen unter permanentem Entscheidungsdruck. Deswegen ist es schon hilfreich für den Einzelnen, wenn Traditionen wieder neu in den Blick kommen, mit denen Leben gelingend gestaltet werden kann.
Die Kirchen haben eine kraftvolle Tradition anzubieten, eine, die durch viele Jahrhunderte hindurch bis heute getragen hat, die aktueller nicht sein kann. Es geht bei unserer Tradition um die Gewissheit, dass wir Geschöpfe Gottes sind, uns nicht selber geschaffen haben und alles, was wir sind und was wir haben einem anderen verdanken. Dafür können wir unserem Gott nur danken.

baugerüst: „Die Freiheit nehm‘ ich mir“ lernt der Mensch durch die Werbung. Und welche Orientierung würde ihm weiter helfen?

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Rainer Brandt: Die Freiheit, die ich meine

Biblische Freiheitsgeschichten - zeitlos wie das Leben selbst

Ich liebe die Freiheitsgeschichten der Bibel. Sie erinnern mich, woher ich komme und wohin ich gehe. Sie nennen mich seit Beginn der Schöpfung ein Ebenbild Gottes (Gen 1). Sie erzählen mir, was am Ende sein wird. Dann, wenn Gott abwischen wird alle Tränen und der Tod nicht mehr sein wird, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz (Off 21,4).  So eingespannt zwischen den ersten und letzten Seiten der Bibel, lebe ich von ihren Freiheitsgeschichten. Sie geben mir Hoffnung für hoffnungsleere Zeiten. Sie bürsten diese Welt gegen den Strich und verleihen mir Flügel.

Dabei sind die Freiheitserfahrungen der Bibel alles andere als „Wolkenkuckucksheime“. Ihre Freiheit zeigt sich vor der Unfreiheit. Ich verdanke diese Geschichten meinen jüdischen Geschwistern. Ich verdanke sie Männern und Frauen, die sie voll Lachen erzählt haben und die ihr Leben dafür gaben. Ich verdanke sie aber auch dem langen Atem der Institutionen, die sie durch die Jahrtausende bewahrt haben wie einen kostbaren Schatz. Ohne sie wären sie mir verborgen geblieben. Ich weiß, um die Interessen von Institutionen und ich vertraue der reinigenden Kraft der Geschichten selbst. Entstellte Freiheit ist keine Freiheit.
Wer Steine statt Brot gibt, Hass statt Versöhnung streut, Enge statt Weite, Fesseln statt Freiheit verbreitet, hat vom Evangelium noch zu wenig begriffen.  So bleibe ich selbst ein Leben lang sein Schüler. Ich lese die Geschichten der Bibel als Ermutigung zum eigenen Weg. Ich identifiziere mich mit ihnen, das hilft sie ins Heute zu retten.
Sie machen mich selbst zum befreiten Sklaven, zur befreiten Sklavin auch 3000 Jahre danach. Sie nehmen mich mit auf den Weg aus der Sklaverei Ägyptens. Ich und Du wir waren dabei. Damals beim Auszug der Kinder Israels, als man uns sagte, ihr seid frei und wir das Sklavengewand tauschten  mit dem Festgewand. Was nichts anderes meint, als so frei zu sein, dass jeder und jede von uns am siebten Tag ruhen darf, wie Gott selbst. Ich weiß, wie oft wir das vergessen, aber es wird damit nicht unwahr. Wie wir gemeinsam über den Jordan zogen in das gelobte Land. Jetzt viele hundert Jahre später stehe ich wieder mit anderen Bewohnern Jerusalems  an der Stelle, wo wir einst als Freie das neue Land betraten.  Ich höre die leidenschaftlichen Apelle  von Johannes dem Täufer. Er will, dass wir zurückkehren zu der einst gewonnenen Freiheit nach all den Irrwegen unserer Geschichte. Und ich ahne wie zerbrechlich Freiheit ist und wie verderblich, wie das Manna in der Wüste damals (Ex 16). Freiheit lässt sich nicht konservieren, Freiheit muss immer wieder neu errungen werden? Ja, die Geschichten der Bibel erzählen nichts anderes. Zeitlos, wie das Leben selbst.


Sich die Freiheit nehmen

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Martin Burger: Die Lust, sich selbst zu überwachen

Von der Freiheit ein App-Armband zu tragen

Seit Januar 2011 habe ich hauptsächlich durch Laufen und Fahrradfahren 4.537,9 km zurückgelegt. Ich war 21 Tage, 6 Stunden und 38 Minuten unterwegs, habe mich 91.820 Höhenmeter aufwärts und 91.051 m abwärts bewegt und dabei insgesamt 403.946 kcal verbraucht. Dabei hat sich eine Unmenge an Flüssigkeitsbedarf angesammelt. Woher ich das weiß? Nun, seit Anfang 2011 benutze ich ein Smartphone App, das via GPS meine sportlichen Aktivitäten aufzeichnet. Selbstverständlich sind dies nur die groben Daten. Sehr viel ausdifferenzierter würde sich dies auf der dazu passenden Internet-Plattform darstellen lassen, auf die ich alle meine Aktivitäten hochlade, um diese dann detailliert auswerten zu können. Seither müssen meine Facebook-Freunde immer wieder Posts lesen, wenn ich wieder einen „runtastischen“ oder  wie auch immer gearteten Lauf hinter mich gebracht habe. Nicht ohne Stolz kann ich sogar behaupten, dass ich den ein oder anderen dadurch dazu gebracht habe, sich selber in Bewegung zu setzen. Doch damit nicht genug. Just, seit ich die Anfrage bekam, diesen Artikel zu schreiben, kann ich nun nachweisen, wie viele Schritte ich täglich gegangen bin, wie viel Aktivminuten ich absolviert habe und wie es denn mit meiner Schlafeffizienz aussieht. Ich trage am Handgelenk ein Band, dass genau diese Aktivitäten – oder eben Ruhephasen- aufzeichnet und in eine dazugehörige App hochlädt. Da das Ganze mit Tageszielen verbunden ist, kann es dann schon einmal vorkommen, dass ich mich abends auf den Weg mache, um noch ein paar Schritte hinter mich zu bringen. Das ist dann aber nur der Fall, wenn ich zu viel Aufzug gefahren bin, nur auf meinem Bürosessel gesessen bin, es versäumt habe, mit meinem Hund Gassi zu gehen oder ein paar Kilometer zu joggen.

Mit meinem Faible für Apps & Co. bin ich nicht alleine. Mittlerweile fluten rund 17.500 Healthcare- und Fitness-Apps den Apple Store – aktuell die beliebteste und umsatzstärkste ist runtastic PRO (für Läufer). Start-ups wie Jawbone, SOMA Analytics u. a. bringen immer neue Gadgets auf den Markt, um die Sammelwut der User zu befriedigen. Bei den Etablierten zählt allein die Nike+ Running Community weltweit schon rund 6 Millionen Mitglieder. Das MiCoach-System von Adidas kommt auf 3 bis 4 Millionen (Quelle: www.fitforfun.de).  In Amerika (wo auch sonst) hat sich 2007 das Netzwerk „The Quantified Self“ (das gemessene Selbst) gegründet. Verschiedene Methoden sowie Hard- und Softwarelösungen sollen dazu genutzt werden, z.B. umwelt- und personenbezogene Daten aufzuzeichnen, zu analysieren und auszuwerten (www.quantifiedself.com). Mittlerweile gibt es Ableger in der ganzen Welt. Auch in Deutschland finden in mehreren Großstädte „meetups“ stand, bei denen sich die Vermessungsbegeisterten treffen und sich über Internetblogs austauschen. Die Vermessung der Welt in neuen Dimensionen.
Was früher nur sehr mühsam unter professionellen Bedingungen analysiert werden konnte, kann heutzutage mit Hilfe von einer Reihe von technischen Errungenschaften selber herausgefunden werden. Mit Apps lassen sich Durchschnittsgeschwindigkeit und Puls messen, der Schlaf überwachen und unterschiedlichste (Körper)Daten erfassen. Es gibt Körperwaagen, die sich über WLAN mit dem Internet verbinden und die Körperfettwerte ermitteln. Über Stimmungsbarometer wird die Tageslaune festgehalten. Selbst Geräte, die die Hirnströme messen, sind mittlerweile für den Hausgebrauch zu haben. Selbstverständlich lassen sich auch Ernährungsgewohnheiten analysieren und verändern. Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes oder Übergewicht können mit stetiger Selbstvermessung bekämpft werden. Jeder Einzelne kann mit den Messungen etwas über seinen Gesundheitszustand erfahren und damit auch ärztliche Diagnosen unterstützen.
Während die Nutzer solcher technischen Hilfsprogramme die Freiheit schätzen, sich selbst zu analysieren und mehr über sich zu erfahren,  warnen Kritiker vor dauernder Überwachung und proklamieren das Ende der Freiheit. Datenschützer geben zu bedenken, dass die erhobenen Daten sensible Informationen enthalten und sie nicht genügend geschützt würden. Sicherlich ist hier vieles noch nicht ausgereift, doch die Einsatzmöglichkeiten der Tracking-Technologie für alle Bereiche unseres Lebens werden immer breiter, wir stehen hier eher am Anfang einer Entwicklung als an deren Ende. 
Ein zentrales Ziel stellt dabei der Erkenntnisgewinn u.a. zu persönlichen, gesundheitlichen und sportlichen, aber auch gewohnheitsspezifischen Fragestellungen dar. Letztendlich soll die Analyse der Self-Tracker Antwort auf die Frage „Wer bin ich eigentlich?“ geben. Ein Anspruch der dahinter steckt, ist die Selbstoptimierung: Wer sein Verhalten kennt, kann es ändern und sich zu dem Menschen entwickeln, der er sein möchte. Sei es Gewichtsabnahme, einen Marathon zu laufen, weniger zu rauchen oder Stress zu reduzieren. Dahinter steht der Wunsch, die eigene Leistungsfähigkeit zu verbessern, gesund zu leben, fit und leistungsfähig zu sein.


Die eigenen Ziele erreichen

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Autorinnen und Autoren

Dr. Martin Affolderbach, Nürnberg
Oberkirchenrat em.

Dr. Heinrich Bedford-Strohm, München
Landesbischof, EKD Ratvorsitzender

Dr. Hans-Jürgen Benedict, Hamburg
Professor em.

Uwe Birnstein, Berlin
Journalist

Rainer Brandt, Josefstal
Pfarrer und Leiter des Studienzentrums

Martin Burger, Stuttgart
Landesjugendreferent

Dr. Thomas Gensicke, München
TNS Infratest Sozialforschung

Johanna Haberer, Erlangen
Professorin

Dr. Wolfgang Kessler, Oberursel
Chefredakteur Publik Forum

Regina Miehling, Nürnberg
Dipl. Sozialpädagogin

Dr. Julian Nida-Rümelin, München
Philosoph

Sarah Oltmann, Berlin
Landesjugendpfarrerin

Dr. Kathrin Winkler, Nürnberg
Professorin

Dr. Angelika Zahrnt, Stuttgart
Professorin

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