das baugerüst 4/15 Protest. Da wäre noch mehr möglich.

 

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Inhalt

  • forum
    Renate Wind: Dietrich Bonhoeffer
    Eine Lebensreise

    Ulrich Willmer: Ernst Lange
    Von der verbesserlichen Welt
     
    Dorothee Petersen: Dorothee Sölle
    Eine radikale Christin

    Benjamin Heimerl: Martin Luther King
    Was bleibt von dem Erbe?

    Mike Cares: Nie wieder!
    Ein bleibender Auftrag

    Kerstin Sommer/Udo Wenzl: Sind Jugendverbände noch die Werkstätten der Demoktratie?

    Iris Tönnison: "Hier stehe ich - ich kann nicht anders!"
    Ein kulturpädagogisches Projekt mit Jugendlichen anlässlich des 500-jährigen Reformationsjubiläums 2017

    Wolfgang Noack: "Kompromiss-los"
    Wie weit würdest du gehen?

  • Rezensionen

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Wolfgang Noack: "Wir schaffen das!" - Was schaffen wir?

 

„Wir schaffen das!“ Dieser optimistische Kanzlerinnenblick in die Zukunft, der große Chancen hat, zum Wort des Jahres gekürt zu werden, tat diesem Land gut. Menschen begegnen Flüchtlingen anders als noch vor zehn, fünfzehn Jahren, die Zivilgesellschaft engagiert sich, auch wenn eine zunehmende Zahl politischer Brandstifter daran arbeitet, die Stimmung kippen zu lassen. Trotzdem, das könnten wir schaffen.

Landauf landab wird auf allen Kanälen darüber diskutiert, wie die geflohenen Menschen in Europa verteilt werden sollen, ob Kommunen hierzulande überfordert seien und wie das christliche Europa mit den kulturellen und religiösen Unterschieden der Ankommenden umgehen kann. Irgendwann bei solchen Debatten steht der Appell im Raum, die Fluchtursachen zu bekämpfen und zu beseitigen.
Und hier kommt das Fragezeichen zu dem Satz.

Wir wissen alle sehr genau, warum Menschen ihre Heimat verlassen. Dies geschieht nicht aus einer Laune heraus, sondern weil sie Angst haben vor Bomben und Terror, weil sie politisch oder religiös verfolgt werden, weil sie da, wo sie leben für sich und ihre Kinder keine Lebensperspektive mehr sehen. Nur: wie bekämpft man bitte Fluchtursachen? Wie beseitigt man sie, wenn man alles andere gerne so belassen würden wie es ist? Europa will weiterhin die Küsten vor Westafrika leerfischen auch wenn die heimische Industrie dabei leer ausgeht. Auf Grund eines Abkommens der Europäischen Union mit Afrikanischen Ländern muss die Einfuhr von Hähnchenfleisch, das hierzulande keiner mehr essen will, dort zugelassen werden. Deren eigene Lebensmittelindustrie geht dabei kaputt. Viele Beispiele ließen sich anfügen.
Oder: Nach dem Atomabkommen mit dem Iran werden die Sanktionen fallen und alle hoffen auf gute (Rüstungs-) Geschäfte. Die Rolle Irans im Krieg in Syrien (und die Unterstützung der Hisbollah) spielen keine Rolle. Die Liste ließe sich fortführen: Panzer nach Katar, ein Land, das in den Krieg im Jemen beteiligt ist. Gute Geschäfte mit Saudi Arabien und und und.

Oder: Im Jahr 2000 verabschiedete die UNO die Millennium-Entwicklungsziele, mit denen sich die Staatengemeinschaft u.a. verpflichtete, den Hunger zu bekämpfen, allen Kindern eine Bildung zu ermöglichen, Frauen und Männer gleich zu stellen und Entwicklungspartnerschaften zwischen armen und reichen Ländern anzustreben.
Statt Millenniumsziele hätte das Papier auch mit „Bekämpfung von Fluchtursachen“ überschrieben werden können. Nun wissen wir alle, dass es mit diesen Zielen im Jahr 2015 nichts geworden ist. Darum hat die Vollversammlung der UNO für 2030 neue Ziele formuliert. Dann endlich sollen die „Armut in jeder Form und überall“ beendet, der „Hunger abgeschafft“, der Klimawandel ernst genommen und die „Ungleichheit innerhalb und zwischen Staaten“ verringert werden.
Noch einmal die Frage: „Was schaffen wir?“ Schaffen wir es, Fluchtursachen zu beseitigen? Diese Aufgabe wird schwieriger und wird mehr Diskussionen und Widersprüche auslösen als ein paar Hunderttausend Flüchtlinge in Europa aufzunehmen. Es ist der Konsum- und Lebensstil der Industrieländer, nicht der der Armen, der ein gutes Leben in vielen Regionen dieser Erde verhindert.

Es war der kluge Erhard Eppler, in den 70er und 80er Jahren Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Vordenker (ja so etwas gab es einmal) seiner Partei, der nach dem Fall der Mauer und dem Ende der bipolaren Welt prophezeite, dass nun auch die armen Länder Gerechtigkeit für sich reklamieren werden.
Es lohnt sich auch noch einmal den 1990 gedrehten Spielfilm „Der Marsch“ anzuschauen, der beschreibt, wie sich Menschen aus Afrika in Richtung Europa aufmachen, weil ihr Land auf Grund des Klimawandels unbewohnbar geworden ist.


Die Beseitigung von Fluchtursachen kann nur mit einer grundsätzlichen Diskussion über weltweite Gerechtigkeit geführt werden, über Handelsbeziehungen, über den Export von billigen Lebensmitteln und zum Beispiel über die Einfuhr von spottbilliger Kleidung, produziert mit Hungerlöhnen in den armen Ländern. Auch Konflikte und Kriegsursachen lassen sich minimieren, wenn eigene wirtschaftliche Interessen hintangestellt werden.
Schaffen wir das? Damit sind wir bei dem Thema dieses Heftes. Protest heißt öffentlich bezeugen. Protest ist ein verbaler Ausdruck der Zurückweisung oder des Widerspruchs gegenüber bestimmten Geschehnissen, Situationen oder gegenüber einer bestimmten Art der Politik.

Es finden derzeit zwei Debatten in diesem Land statt. In der einen wird diskutiert, wie mit Flüchtlingen umgegangen werden soll. In der anderen Debatte geht es um Grenzsicherung, Zäune, Kontrollen, Hotspots in Griechenland und der Türkei und um Transitzonen. Über Fluchtursachen wird fast nicht geredet. Diese lassen sich auch nicht von heute auf morgen beseitigen, diese würden aber weitreichendere Veränderungen nach sich ziehen. Diese Debatte muss aber geführt werden und die hat etwas mit Protest zu tun.


Bernd Wildermuth, Landesjugendpfarrer in Baden-Württtemberg und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland (aej) schreibt im Standpunkt dieses Heftes: „Evang. Jugendarbeit ist einmal ein religiöser Jugendverband, aber auch eine zivilgesellschaftliche Organisation. Es geht also um ein Plädoyer für die Einmischung, um die Frage, was gerade angesagt ist, aber auch um das „wie“. Ist der Jugendverband zu brav? Ginge da mehr an Widerspruch?“  



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Thomas Kaufmann: Luther als Protestant

Luther selbst hat sich nicht „Protestant“ genannt. Und auch als positive Selbstbezeichnung des aus der Reformation hervorgegangenen evangelischen Christentums ist der „Protestantismus“ eine vergleichsweise junge Erscheinung. Sie hat zwar einen gewissen Anhalt im 16. Jahrhundert, insofern man in den ‚protestierenden’ Reichsständen des zweiten Speyrer Reichstages von 1529 gleichsam die ‚Urprotestanten’ identifizieren zu können meinte. Diese hatten sich dagegen gewehrt, dass die habsburgischen Herrscher, Kaiser Karl V. und sein Bruder König Ferdinand, zur harten religionspolitischen Linie der frühen 1520er Jahre zurückkehrten und die Anhänger der Reformation verfolgten. Spätere Zeitalter, v.a. das 18. und 19. Jahrhundert, sahen in diesem Protest der ‚protestierenden’ Reichsstände von Speyer, der zunächst die ‚altgläubige’ Seite dazu veranlasst hatte, diese als ‚protestantes’, Protestierende, zu bezeichnen, einen willkommenen Gründungsmythos ‚ihres’ Protestantismus. Doch dieser unterschied sich in inhaltlicher Hinsicht von dem der Altvorderen durchaus. Für die neuzeitlichen Konstrukteure des Protestantismus nämlich waren die Gemeinsamkeiten zwischen Lutheranern und Reformierten und die klaren Abgrenzungen gegenüber Rom besonders wichtig; außerdem sahen sie ihre Religion als eine besonders ‚moderne’ an, die sich auf die Anforderungen der jeweiligen Gegenwart besonders intensiv einzulassen bereit und fähig war – im Gegensatz zu den ‚Positiven’ und den ‚Konfessionellen’, die am Bibelglauben und an den Lehrentscheidungen des 16. Jahrhunderts festhielten, auch im Kontrast zum Katholizismus, der sich im kämpferischen Gegensatz zur Moderne profilierte und zu erschöpfen schien. Doch den ‚alten’ Protestanten des 16. Jahrhunderts war es vor allem darum gegangen, biblische Normen in der Kirche durchzusetzen und das Kirchenwesen in eigener Verantwortung zu gestalten.


Ein Gewissensmensch

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Ingo Dachwitz: Evangelische Jugend - Eine Protestwerkstatt?

Evangelische Jugend und Protest – geht das zusammen? Schaut man in die Ordnungen und Satzungen unterschiedlicher Organisationen, die alle zusammen die Vielfalt der Evangelischen Jugend ausmachen, findet man neben dem Bekenntnis zu Jesus Christus und der Selbstverpflichtung, jungen Menschen die Liebe Gottes näher zu bringen, oft auch Ausführungen zu gesellschaftlichen Zielen. Evangelische Jugend hat fast immer einen Doppelcharakter: Sie ist nicht nur christliche Jugendarbeit sondern bzw. deshalb auch politischer Jugendverband. Auf der befreienden Kraft des Evangeliums fußend hat sich Evangelische Jugend auch dem Ziel verschrieben, die Selbstorganisationen und Selbstbestimmung junger Menschen zu fördern, ihnen das Heranwachsen zu mündigen Christen und Bürgern zu ermöglichen und die Übernahme von Verantwortung für sich selbst, andere und die Umwelt zu fördern.
Sichtbarsten Ausdruck findet diese politische Dimension in den demokratisch verfassten Gremien,  in denen Jugendliche und junge Erwachsene – auch gemeinsam mit hauptberuflichen Mitarbeitern – darüber diskutieren und entscheiden, welche Positionen die Evangelische Jugend einnehmen und welche Veranstaltungen sie durchführen soll. So lernen junge Menschen Demokratie und Vertretung ihrer eigenen Interessen. Ihre Teilhabe an politischen Prozessen verliert an Zufälligkeit und Willkür, weil Organisation und personenunabhängige Strukturen den Transport und die Umsetzung von Entscheidungen garantieren sollen. Dass mit Gremienarbeit jedoch nicht automatisch eine kritische Verantwortungsübernahme für Gesellschaft und Umwelt einhergeht, weiß mindestens jeder, der mal selbst in solchen Gremien mitgearbeitet hat: Regelmäßigkeit und Kontinuität können leicht zu business as usual verführen – Fragen nach dem großen Ganzen werden in ihnen eher selten gestellt. Ein grundsätzliches Infrage-Stellen der politischen Ordnung, des Staatswesens oder des kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems ist der Evangelischen Jugend (als abstraktem Ganzen) eher fremd. Demonstrationen und Petitionen, auch im Jahr 2015 beliebte Instrumente öffentlichen zivilgesellschaftlichen Widerspruchs, gehören eher nicht zu ihrem Tagesgeschäft. Von der lokalen bis zur Bundesebene scheinen ihre Gremien manchmal sogar in einer eigenen, von der restlichen Zivilgesellschaft und politischen Prozessen abgeschirmten Sphäre zu funktionieren. Statt von Evangelischer Jugend als Protestwerkstatt sprechen einige deshalb sogar von deren zunehmender Entpolitisierung.

Politikverdrossenheit als Volkskrankheit

Über Evangelische Jugend und Protest nachzudenken geht selbstverständlich nicht, ohne auch größere gesellschaftliche Entwicklungen in den Blick zu nehmen. Sinkende Wahlbeteiligung, konsumbedingte Saturiertheit, schwindende Bindekraft gesellschaftlicher Institutionen wie Vereine oder Kirchen, Individualisierung und der Verlust kollektiver Identitäten (etwa als Parteimitglied oder Teil einer Jugendbewegung) sind nur einige der Phänomene, die mit kritischen Beschreibungen des Zustands des politischen Systems Repräsentative Demokratie zu Beginn des 21. Jahrhunderts häufig verbunden werden. Der britische Politikwissenschaftler Colin Crouch fasst seine Analysen zur „Krise des egalitären, auf politische und ökonomische Gleichheit ausgerichteten Projekts“ (Crouch 2008: 13) unter dem Schlagwort „Postdemokratie“ zusammen: Trotz formalen Vorhandenseins essenzieller demokratischer Institutionen und Strukturen wie etwa Gewaltenteilung, Parteienwettbewerb und demokratischen Ansprüchen genügenden Wahlen, fehle eine echte Partizipation der Bürger am politischen Geschehen. Bei der Herstellung von Politik würde ihnen oft nur eine passive Rolle bleiben, während gewählte und wirtschaftliche Eliten „im Schatten dieser politischen Inszenierung“ (ebd.: 10) tatsächliche Entscheidungen träfen. Ein aktuelles Beispiel postdemokratischer Tendenzen findet sich in den unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindenden Verhandlungen der EU mit den USA zum transatlantischen Handelsabkommen TTIP, dessen mögliche Folge die Einrichtung privater Schiedsgerichte sein könnte, welche bei Streitfällen zwischen Unternehmen und Staaten entscheiden sollen.

Man kann von Crouchs lesenswerten Thesen im Einzelnen halten, was man will – die Tendenz, dass globalisierte Unternehmen und Politik sich scheinbar mehr und mehr dem Einfluss von Bürgern entziehen, ist kaum von der Hand zu weisen. Und dass Politik heute mehr mit vermeintlich rationalen Sachzwängen und Alternativlosigkeiten gemacht werde als mit Überzeugungen, ist so oft geschrieben und gesagt worden, dass es beinahe einer Binsenweisheit gleicht. Was bei vielen bleibt, ist das Gefühl, kaum etwas ausrichten zu können – Entpolitisierung als Volkskrankheit. Protest ist in diesem Kontext nicht nur als das Veranstalten von Demonstrationen oder Unterzeichnen von Petitionen zu verstehen, sondern als Lebensmodus des nicht-entmutigen-Lassens, als Geistes-
haltung der Kritik und als politisches Widerstandspotenzial.

Kritik muss trainiert werden

Evangelische Jugend ist so gesehen durchaus mit der Saat des Protests gesegnet. Die reformatorische Botschaft von Rechtfertigung und Angenommensein wirkt befreiend – von Ängsten, Mutlosigkeit und Egoismus. Wer auf Gott vertraut, muss sich nicht vor vermeintlichen Alternativlosigkeiten scheuen, sondern kann sich weigern, gesellschaftliche Zustände so zu akzeptieren, wie sie sind und für soziale Gerechtigkeit kämpfen. Evangelische Jugend bietet das organisatorische und ideelle Dach für gemeinsames Aufwachsen, Erleben, Suchen und Finden, für Spiel und Engagement, für Party und Gottesdienst. In dieser Zeit entwickeln sich bei Jugendlichen Werte, Haltungen und Perspektiven, die den Rest des Lebens prägen. In unterschiedlichen Intensitäten und Formen zeigt Evangelische Jugend jungen Menschen in dieser wichtigen Lebensphase: Eine Alternative zur schulterzuckenden Hinnahme von Ungerechtigkeiten, zu Oberflächlichkeit, Egoismus, Konsumfixierung oder verführerischen Vorstellungen von Stärke und Sicherheit ist nicht nur möglich – sie kann auch ganz konkret zusammen gelebt werden.
Dass aus diesen protestantischen Grundeinsichten jedoch auch politischer Protest entsteht, ist keine Selbstverständlichkeit. Die Welt muss einem nicht egal sein, um Ungerechtigkeit zu akzeptieren; eine Haltung der Kritik muss trainiert werden. Haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter/innen sind in der Evangelischen Jugend Ansprechpartner, Weggebleiter, Kollegen, Vorbilder, Freunde. Sie prägen, wie Evangelische Jugend gelebt wird und welche Werte ihr Fundament bilden. Insbesondere die Rolle hauptberuflicher Mitarbeiter kann bei einem Organisationsgeflecht wie der Evangelischen Jugend, die sich eines hohen Maßes an professionellem Personal erfreut, nicht unterschätzt werden. Sie sorgen für Kontinuität, prägen Rahmenbedingungen und leben Ziele vor – manchmal über Generationen hinweg. Wo sie sich soziale Gerechtigkeit und Widerstand gegen vermeintliche Alternativlosigkeiten zur Aufgabe machen, kann sie auch zum Projekt der Evangelischen Jugend werden; etwa bei der praktischen Unterstützung von Geflüchteten. Dabei sind die Rahmenbedingungen, von denen die Evangelische Jugend zehrt immer noch so, dass viele andere Organisationen davon nur träumen können: Sowohl Räume als auch hochqualifiziertes hauptberufliches Personal sind meist vorhanden, die Mutterkirche mit ihren vertraglich garantierten Freiräumen könnte politischen Schutz bieten und privilegierte Zugänge zu politischen Eliten sind häufig möglich.  
Politische Wirksamkeit erzielt Protest im (post-) demokratischen System jedoch nicht durch Haltung allein. Ein explizites Einmischen Evangelischer Jugend in politische Aushandlungsprozesse, die in der (digitalen) Mediengesellschaft mehr denn je nicht nur in Parteien und politischen Gremien stattfinden, sondern auch in öffentlichen Diskursen, ist relativ selten wahrzunehmen. Politische Stellungnahmen, durchaus auch kritische, werden auf unterschiedlichen Ebenen zwar gefasst. Allein: Sie bleiben oft punktuell, zusammenhanglos und ohne von relevanten Öffentlichkeiten zur Kenntnis genommen zu werden. Umso wichtiger wären gemeinsame Kampagnen als Motor und Verstärker von protestantischem Protest. Nicht im Sinne einer von oben durchregierenden Meinungsmaschinerie, bei der ein bundesweiter Zusammenschluss wie die Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland (aej) Protest bis zur Gemeindeebene durchorchestriert. Sondern durch das Aufzeigen von Kontexten und Möglichkeitsräumen, durch das Zusammenbinden loser Fäden und als Plattform für Öffentlichkeit. Inhaltliche Vorarbeit, die Fakten aufbereitet, Zusammenhänge darstellt, bestimmte Aspekte eines politischen Themas betont und auch mögliche regionale Bezüge aufzeigt, müsste dabei an zentraler Stelle stattfinden. Von dieser könnten Gruppen auf unterschiedlichen Ebenen profitieren, die – inhaltlich und kampagnentechnisch beraten durch das Koordinationsteam – in selbstständiger Auseinandersetzung je eigene Zugänge zum Thema schaffen. Darauf basierender lokaler Protest müsste wiederum von der Koordinierungsstelle aufgegriffen, mit anderen Aktionen verknüpft, in den größeren Zusammenhang gestellt und medial aufbereitet werden. So könnten auch protestantisch-pluralistischer Widerstand im Kleinen und die gelebte Praxis der Evangelischen Jugend öffentlich wahrnehmbar werden.  
Professionell koordinierter und kommunizierter Protest der Evangelischen Jugend könnte dabei ungemein von ihrem Image profitieren. Unter den derzeitigen Bedingungen mediatisierter politischer Prozesse sind strategische (Fehl-) Informationen und Glaubwürdigkeit ein Machtfaktor. Sonst manches Mal als zu brav und staatstragend beklagt, ist es Teil des symbolischen Kapitals der Evangelischen Jugend, dass sie bei vielen als etablierter, verantwortungsbewusster und stark werteorientierter Teil der demokratischen Zivilgesellschaft gilt. Wenn sie sich wahrnehmbar gegen eine gewisse Praxis oder ein vermeintlich alternativloses Vorhaben stellt, kann dies eine ganz andere Wirkung entfalten, als wenn Einzelakteure oder Organisationen dies tun, die Protest stärker kultiviert haben und größere Distanz zu politischen Eliten pflegen. Zu nutzen weiß Evangelische Jugend diese symbolische Macht bislang leider selten. Trotz geeigneter Voraussetzungen und Rahmenbedingungen muss das Fragezeichen hinter der titelgebenden Idee der Protestwerkstatt also an Ort und Stelle bleiben. Evangelische Jugend hat große Möglichkeiten, einer politischen Kultur der Alternativlosigkeit wirksamen Protest entgegenzustellen – nicht nur in Form von Demonstrationen, sondern indem sie Alternativen lebt und als Infrastruktur für medial wahrnehmbaren politischen Widerstand von der regionalen bis zur Bundesebene fungiert. Damit dieses Potenzial realisiert wird, bräuchte es freilich an vielen Stellen ein Umdenken und einige Anstrengungen. Wer die Strukturen und Praxis der Evangelischen Jugend jedoch für unveränderlich hält und Tendenzen der Entpolitisierung larmoyant akzeptiert, dem sei ein inspirierendes Reformationsjubiläum gewünscht.

Ingo Dachwitz  studiert Medien und Politische Kommunikation an der FU Berlin und  ist studentischer Mitarbeiter beim Digitale Gesellschaft e.V. Er ist Jugenddelegierter der 12. Synode der EKD  und war im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft der Ev. Jugend in Deutschland e.V. (aej).

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Christine Scheel: Von der Atomernergie zu Sonne, Wasser, Wind und Bioenergie

Kaum ein politischer Streit hat so viele Menschen bis heute geprägt, kaum ein Widerstand war vielschichtiger und andauernder als die Auseinandersetzung um die Atompolitik.
Wer kennt nicht den kleinen Aufkleber mit der roten Sonne auf gelbem Hintergrund und dem Schriftzug ATOMKRAFT? NEIN DANKE
Es gibt ihn in vielen Sprachen und er wird weltweit verwendet.
Doch wie kam es, dass die lachende rote Sonne eine solche Berühmtheit erlangen konnte?
Die seit den 50iger Jahren des letzten Jahrhunderts anhaltende Euphorie des Atomzeitalters war in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik weit verbreitet. Nicht nur Deutschland, sondern die halbe Welt träumte vom friedlichen Atom als Energieträger der Zukunft.
Wer sich für progressiv hielt war für Atomenergie und die SPD drängte aus der Opposition im deutschen Bundestag heraus auf ein finanziell besser ausgestattetes Atomprogramm. Eine Allparteienkoalition aus CDU/CSU/SPD und FDP setzte auf Atomenergie und hatte weitreichende Pläne zu deren Ausbau. Die Linken waren generell entschiedene Befürworter einer zivilen Nutzung der Atomenergie. Das galt z.B. auch für den neomarxistischen Philosophen Ernst Bloch.

1955 wurde unter Kanzler Adenauer in der Bundesregierung ein Ministerium für Atomfragen gegründet. Der langjährige bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß wurde damals zum ersten Atomminister ernannt und verglich die Atomenergie mit der Erfindung des Feuers.
Es dauerte dann vier Jahre bis durch ein Atomgesetz die Rechtsgrundlage für den Bau und Betrieb von Atomkraftwerken in Deutschland geschaffen wurde. Im unterfränkischen Kahl am Main wurde 1961 ein Versuchskraftwerk in Betrieb genommen, das bis 1985 am Netz blieb. RWE und das damalige Bayernwerk (heute E.ON) witterten das große Geschäft und planten 1962 das erste große AKW in Gundremmingen A, das dann auch 1967 in Betrieb ging und zehn Jahre später am Ende war. Kurzschlüsse in Hochspannungsleitungen führten nicht nur zu einem wirtschaftlichen Totalschaden, sondern verseuchten das Reaktorgebäude mit radioaktivem Kühlwasser.  Sechs Jahre später folgte die Inbetriebnahme des AKW Niederaichbach bei Landshut, das sich allerdings als Flop erwies und nach eineinhalb Jahren schon wieder wegen technischer Probleme vom Netz ging. Die Atommüllentsorgung spielte in den Anfangsjahren der Atomwirtschaft keine Rolle. Erschreckend – Fliegen ohne Landebahn!


In Wyhl begann es

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"Wer sich verrennt, wird sich blutige Köpfe holen"

Ein Gespräch mit dem Berliner Protestforscher Prof. Dieter Rucht über Straßenproteste und Netzaktivitäten, über aktuelle Beteiligungsformen und warum heute vieles anders ist als bei den 68ern.

baugerüst: 1982 protestierten 300.00 Menschen im Bonner Hofgarten, danach Friedensketten von Stuttgart bis Ulm, blockierte Baustellen und Hüttendörfer in Gorleben und Wackersdorf. Ach was waren das doch für Zeiten. Und heute?

Rucht: Auch heute geschieht ziemlich viel. Zum Beispiel an verschiedenen Orten zahlreiche Montagsdemonstrationen gegen Hartz 4. Die Proteste sind vielleicht weniger aufregend und darum wird davon weniger Notiz von ihnen genommen. Sicher, der letzte große Protest fand 2003 statt, als in Berlin 500.000 Menschen gegen den anstehenden Krieg im Irak auf die Straße gingen.

baugerüst: Passen Massendemonstrationen nicht mehr so recht in unsere Zeit?

Rucht: Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass es wieder zu großen Demonstrationen kommen könnte. Das verläuft immer in Intervallen. Wenn wir in unsere Nachbarländer schauen, dann gehen dort immer wieder die Massen auf die Straße.

baugerüst: Sie haben einmal vom Elend der Latschdemos geschrieben. Das Dahintrotten für wechselnde politische Inhalte verspräche keine große Wirkung mehr, heißt es in dem Text.

Rucht: Betrachtet man diese konventionellen Formen über die Jahrzehnte, stellt man fest, dass sie sich etwas abnutzen und an Attraktivität verlieren. Aber es gibt immer wieder eine Belebung der Demonstrationen durch neue Elemente. Heute ist es eben wichtig, dass so eine Veranstaltung nicht nur bitter ernst und moralisierend daherkommt, sondern auch einen gewissen Spaßfaktor besitzt. Unkonventionelles, Kreativität und Überraschungsmomente lockern eine Demo auf und kommen an.

baugerüst: Öffentliche Aufmerksamkeit ist ein äußerst knappes Gut. Wie lässt sich heute Aufmerksamkeit erzielen?

Rucht: Für Proteste sind dabei vier Faktoren maßgeblich. Man erzielt Aufmerksamkeit durch große Teilnehmerzahlen, dann wird auch in den Medien darüber berichtet. Ein zweiter Faktor heißt Gewalt. Hier springen die Medien an. Über Beschädigung und Zerstörung von Eigentum oder über Verletzte wird in jedem Fall berichtet. Selbst kleinere Akte der Gewalt rücken dann ins Zentrum der Berichterstattung, auch wenn das Geschehen insgesamt von ganz anderen Protestformen geprägt wird.Ein dritter Faktor sind die schon genannten kreativen und subversiven Formen, die eine gewisse Originalität beinhalten und Neues bieten. Demonstrationen werden heute zum Teil richtig inszeniert. Und der vierte Faktor heißt Prominenz. Wenn große Organisationen wie der DGB oder die Kirchen oder auch einzelne Prominente die Veranstaltung unterstützen, wird die Resonanz größer.

baugerüst: Was ist heute angesagt: Straße oder soziale Netzwerke? Wie sieht die Partizipation im Medienzeitalter aus? Genügen Online Petitionen und Internetbeteiligung für Liquid Democracy? Lassen sich mit drei bis vier „I like it“ Positionen durchzusetzen?

Rucht: Das genügt natürlich nicht und dafür gibt es auch Belege. Mit dem Netz lässt sich sehr viel Kommunikation organisieren, aber um politische Forderungen durchzusetzten muss noch etwas anderes hinzukommen.Das beste Beispiel ist die auf Netzkommunikation spezialisierte Organisation campact. Wenn es ihnen besonders wichtig ist, verknüpfen sie ihre Netzaktionen mit Straßenprotesten. Die sind nicht immer sehr eindrucksvoll im Sinne der Massen, aber sie werden so kreativ durchgeführt, dass sie doch in den Medien auftauchen.

baugerüst: Vergleicht man die politischen Auseinandersetzung von früher und heute, so waren doch die Menschen, die Ende des 19. Jahrhunderts für bessere Arbeitsbedingungen auf die Straße gingen oder auch die Montagsdemonstranten in der DDR viel eher bereit für ihre Forderungen und ihren Protest auch Nachteile in Kauf zu nehmen. Herrscht nicht heute die Einstellung vor, man könne das so nebenbei erreichen?

Rucht: Ich glaube, dass die Bereitschaft, Opfer zu bringen nach wie vor vorhanden ist. Es gibt nach wie vor Menschen, die sehr viel für ihre Haltung und ihre Forderungen investieren und auch hohe Risiken in Kauf nehmen, auch das Risiko festgenommen zu werden oder eine Anklage zu bekommen. Verändert hat sich jedoch die Bereitschaft,  über einen langen Zeitraum sich für ein bestimmtes Thema zu engagieren und einzusetzen.

baugerüst: Das zeigt sich auch darin, dass die Bindekraft von Gewerkschaftsbewegung eher gesunken ist. Dominiert heute eher der partielle und individuelle Protest?

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Bernd Wildermuth: Da wäre noch mehr drin

Ein Plädoyer für Einmischung und Widerspruch

Wie der Protest zur Jugend kam

In kirchlichen Kontexten wird immer wieder gefragt: „Was machen wir nach 2017?“ Was machen wir, wenn das große 500-jährige Reformationsjubiläum vorbei ist? Wir gehen 2018 auf das nächste Jubiläum zu. 50 Jahre 1968, 50 Jahre - ja was eigentlich? 50 Jahre Studentenunruhen? 50 Jahre Jugendprotest oder 50 Jahre Jugendrevolte, außerparlamentarische Opposition, „Kulturrevolution“ … ?
1968 ist zu einem Synonym für eine ganze Generation geworden. Sie hat über Jahrzehnte der Jugend ein Markenzeichen gegeben und einen Stempel aufgedrückt, der die Attribute trägt: Protest, Widerstand. Angefangen hat es mit dem Protest gegen den Vietnamkrieg. Die Politik der Bundesrepublik Deutschland Arm in Arm vereint mit den USA wurde in Frage gestellt. Es war auch das Jahr, in dem die Macht der Bilder entdeckt wurde. Das Bild von dem nackten Mädchen, das vor den Napalmbomben davon läuft, hat sich in das kollektive Gedächtnis eingegraben. Es wurden neue Formen des Protests entwickelt. Ein Sit-in gab es bald nicht mehr nur in den Universitäten, sondern auch an jeder Schule, besser gesagt, an jedem Gymnasium. Es gehörte zur Jugendkultur, dagegen zu sein: gegen die Herrschenden, gegen die Mächtigen, gegen das Kapital, gegen die verkrusteten Umgangsformen. Alte Traditionen wurden geschleift. Dabei stand das Geschlechter-Verhältnis im Mittelpunkt. „Gleichberechtigung“ wurde zu einem zentralen Wort. Die klassische Familienhierarchie, oben der Vater, dann die Mutter, dann die Kinder, wurde in Frage gestellt. Neben dem Jugendprotest entstand die Frauenbewegung. Und neben der Familienhierarchie wurde auch die piefige Sexualmoral der Adenauerära über Bord geworfen. Die langen Haare als Protestausdruck wurden zum äußeren Erkennungszeichen einer Jugendgeneration. Mit dem Ende des Vietnamkriegs und dem 1973 erschienen Buch, vom  Ende des Wachstums, entstand plötzlich eine ganz neue Protestbewegung: die Ökologie-Bewegung, die Bewegung gegen die Atomkraft. Sie führte schließlich zur Gründung der GRÜNEN. Und als in den 80er Jahren nach der Entspannungspolitik von Willy Brand und Helmut Schmidt die Nachrüstung auf der Tagesordnung stand, da prägte die Friedensbewegung das Land.
In diesen Jahren passierte aber noch etwas anderes. Die allgemeine Leitkultur wurde der Neoliberalismus. Nicht die Gesellschaft sorgt sich, dass jede und jeder Teilhabe und Auskommen hat. Der Einzelne muss selber für sich sorgen – wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht – Gesellschaft als ein großes  rat race aller gegen alle. Es begann der große Umverteilungsprozess von unten nach oben, der schließlich in der sogenannten Agenda 2010 mit den Hartz Reformen mündete. Seitdem ist allen klar, dass ein einmal erreichter gesellschaftlicher Stand nicht für alle Ewigkeit gelten muss. In Zeiten der Krise schwebt über alles das Schwert des sozialen Niedergangs in Form von Arbeitslosigkeit. Fördern und fordern hieß das Credo der neoliberalen Gesellschaftstheorie. Sie hat sich bis tief in die SPD und in die Grünen-Kultur hinein gefressen. Das sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der evangelischen Jugendarbeit, ihrer Akteure und der Jugendlichen.

Diskurse und Debatten

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Autorinnen und Autoren

Mike Cares, Karlsruhe
Referent für Jugendpolitik, Kinder- u. Jugendarbeit der evang. Landeskirche in Baden

Ingo Dachwitz, Berlin
Student, Mitglied der EKD-Synode

Michael Freitag, Hannover
Grundsatzreferent bei der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland (aej)

Martina Gille, München
Dipl.-Soziologin am Deutschen Jugend Institut

Benjamin Heimerl, Darmstadt
Referent bei der Evang. Kinder- und Jugendarbeit der EKHN

Dr. Thomas Kaufmann, Göttingen
Professor für Kirchengeschichte

Dorothee Petersen, Nürnberg
Dipl. Sozialpädagogin, Referentin bei der Evang. Jugend Nürnberg

Christine Scheel, Hösbach
Pädagogin M.A., ehem. MdB

Kerstin Sommer, Karlsruhe
Referentin der Evang. Schüler- und Schülerinnenarbeit Baden (ESB), Vorsitzende vom  Landesjugendring Baden-Württemberg

Thomas Speck, Wuppertal
ehem. Geschäftsführer von gepa

Johano Strasser, Berg
Politologe, Publizist

Iris Tönnison, Regensburg
Religionspädagogin

Udo Wenzl, Waldkirch
Kommunalberater für Kinder- und Jugendbeteiligung und
Gemeindeentwicklung in Baden-Württemberg

Bernd Wildermuth, Stuttgart
Landesjugendpfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und Vorsitzender der aej

Ulrich Willmer, Coburg
Pfarrer

Dr. Renate Wind, Nürnberg
Professorin em. Evangelischen Hochschule Nürnberg

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