das baugerüst 1/16 zusammen leben

 

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Inhalt

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    Sarah Koyyuru: Vom Fremden lernen

    Bettina Schäfer: Integration in die Jugendarbeit
    Herausforderungen und Perspektiven für die Integration von Kindern und Jugendlichen mit Flüchtlingshintergrund in die Jugendverbandsarbeit

    Hans Hertel: Deutschland verändert sich – und die Kirche?

    Isolde Aigner: Wann, wenn nicht jetzt?!
    Zur Notwendigkeit einer Kritischen Politischen Jugendbildung gegen Rassismus und für Solidarität

    Maria Stettner: Weltrettung jetzt

    Marina Khanide: Aufwachsen in Vielfalt

    Ohne Angst verschieden sein. In der Fremde sich selbst begegnen
    Ein Praxishandbuch für die interkulturelle Arbeit
  • Rezensionen

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Wolfgang Noack: Mauern?

Natürlich kann man einen Zaun oder eine Mauer errichten und versuchen, alles in diesem Land zu schützen, die Menschen, den Lebensstandard, die Kultur, die Religion. Ungewöhnlich wäre das nicht. Schon das chinesische Kaiserreich schottete sich vor über 2000 Jahren mit einer Wallanlage vor den nomadischen Reitern aus dem Norden ab. Heute schützt sich die USA in Richtung Mexiko, Indien baut eine Mauer gegen Bangladesch und in Nordafrika verhindern Zäune den Weg nach Europa.

Ein Gedankenexperiment:
Zwei Kinder erblicken am gleichen Tag das Licht der Welt. Eines nördlich des 38. Breitengrades, also in der Diktatur Nordkoreas, das andere südlich dieser Linie, im kapitalistischen Südkorea. Zwei Kinder, die mit höchst unterschiedlichen Lebensperspektiven aufwachsen werden. Wer würde es dem nordkoreanischen Sprössling verwehren wollen, auch besser leben zu wollen? Fokussiert man den Blick auf den einzelnen Menschen dieses Planeten, kommen einem die Nationalgrenzen ziemlich absurd vor. (Man könnte auch fragen, ob die Schöpfung so gemeint gewesen sei?)

Betrachtet man die Einkommensunterschiede der Menschen (USA: 100 USD pro Tag, Deutschland: 90 USD, Griechenland: 45 USD, Türkei: 22 USD, Nigeria: 5,70 USD, Kenia: 2 USD, Eritrea: 1 USD, Kongo: 0,5 USD. Quelle: OECD) und nimmt die Lebensbedingungen wie Kriege, Folter oder Klimakatastrophen hinzu, wird es immer verständlicher, ja logischer, dass sich Menschen aufmachen, um woanders besser leben zu wollen. Jahrhundertelang funktionierte ja die Abschottung ganz gut, weil Menschen noch nicht wussten, wie gut das Leben woanders sein kann, weil Armeen (auch Kolonialmächte) sie abhielten, sich auf den Weg zu machen oder weil ihnen vielleicht auch der Mut fehlte, ihre Heimat zu verlassen. Das hat sich nun etwas verändert, was weitreichende Konsequenzen haben wird.
 
Auf diese aktuelle Migrationsbewegung bleiben wohl drei mögliche Reaktionen. Erstens: Abschottung, Grenzen dicht, an der EU und zur Sicherheit auch an den nationalen Schlagbäumen. Ein paar dürfen hinein (wenn die Wirtschaft es wünscht), der Rest muss in unwirtlichen Lagern der Türkei oder in nordafrikanischen Hotspots weiter vom guten Leben träumen, wenn sie den Weg zu Wasser oder übers Land lebend geschafft haben. Europa, mindestens aber die Reisefreiheit im Schengen-Raum wären dahin. Mit einem moralischen Dilemma könnten die Menschen hierzulande aber weiter in der Wohlstandsruhe leben.
Zweitens könnte damit begonnen werden für weltweit friedlichere und gerechtere Lebensverhältnisse zu sorgen. Dazu müsste nicht in erster Linie das Freihandelsabkommen TTIP bekämpft werden, sondern zum Beispiel das ungerechte Abkommen zwischen der EU und den afrikanischen Staaten, Waffenlieferungen müssten ein Ende finden und der Handel mit Staaten, die IS oder andere Terrororganisationen unterstützen, wäre auszusetzen. Das könnte langfristig zum Erfolg führen, hätte aber erhebliche Auswirkungen auf den Wohlstand hierzulande (billiges Öl, Exporte etc).
Und drittens könnten die reichen Länder einsehen, dass die Zeit gekommen ist, den Preis für die jahrhundertelange Unterdrückung und Ausbeutung weiter Teile der Welt zu bezahlen. Das hieße dann zusammenzurücken, aufzunehmen und zu teilen. In diesem Dilemma stecken wir und nichts wird mehr so sein, wie vor Anfang 2015.

Leicht wird das nicht

Wer lange Zeit Privilegien genossen hat verzichtet auf diese nicht so ohne Weiteres. Wir stehen vor einer riesengroßen Herausforderung, die erstens Geld kosten wird. Flüchtlinge in dieses Land zu integrieren bedeutet Wohnungen zu bauen, Lehrer einzustellen, Arbeitsplätze anzubieten. Dieses reiche Land ist dazu in der Lage, vielleicht müssen aber auch höhere Steuern oder Abgaben diese Aufgabe mitfinanzieren. Gerechterer Welthandel wird zu höheren Preisen führen müssen. Ein T-Shirt für 4,95 Euro oder irgend ein billiges Elektronikteil raubt Menschen anderenorts die Lebensgrundlage. Die Einstellung von Waffenlieferungen führt zum Arbeitsplatzabbau, der ausgeglichen werden muss.
Zweitens wird Deutschland und Europa darüber debattieren müssen, wie wir hierzulande in der neuen Situation zusammen leben wollen. Ankommende Menschen tragen ein paar Erfahrungen und Ansichten in das gemütliche Wohnzimmer hinein. Nun hat sich in Mitteleuropa über Reformation, Aufklärung, Revolutionen und auch Katastrophen eine Zivilgesellschaft entwickelt, wurden Bürgerrechte und individuelle Freiheiten erkämpft, die konstitutiv und unaufgebbar sind. Ja, dieses Land hat ein Leitbild (nicht zu verwechseln mit der Debatte über die Leitkultur, die Friedrich Merz im Jahr 2000 angestoßen hat und die auf andere herabgeschaute). Nun ist es aber an der Zeit, dieses Leitbild zu ergänzen. Joachim Gauck bezeichnete das neue deutsche Wir einmal als Einheit der Verschiedenen, Adorno äußerte den Wunsch ohne Angst verschieden sein zu können und in Frankreich heißt es „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Naika Foroutan, Integrationsforscherin an der Berliner Humboldt Universität, schlägt für ein neues deutsches Leitbild „Pluralität, Solidarität und Gleichwertigkeit“ vor.

Der Diskurs über ein neues „Wir“ muss von der Zivilgesellschaft geführt werden und die Kirchen (mit ihren Jugendverbänden) könnten sich an die Spitze der Auseinandersetzung stellen. Führen wir diese Debatte, die Alternative wäre, Mauern zu bauen.  

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Hubertus Schröre: Deutschland neu denken

Was ist eigentlich Integration?

Deutschland verändert sich. Aber wie und in welcher Richtung? Wie soll unser Land künftig aussehen? Wie wollen wir zusammen leben? Und: Wie können wir diesen Prozess aktiv gestalten? Das sind Fragen, die seit einiger Zeit den gesellschaftlichen Diskurs neu bestimmen. Dazu im Folgenden einige Überlegungen und erste Anregungen. Befriedigende Antworten jetzt schon geben zu wollen, erscheint vermessen.

Großes Willkommen – reicht das?

Wir alle haben die Bilder vor Augen, die das Willkommen der Flüchtlinge in den ersten Wochen bestimmt haben. Eine herzliche Begrüßung, die Unterbringung, Versorgung, Einkleidung und Betreuung haben nach innen und außen einen freundlichen Eindruck hinterlassen. In beispiellosem Engagement hat sich die Zivilgesellschaft vielfach eigenständig organisiert, hat staatliche und kommunale Engpässe kompensiert. In geradezu euphorischem Enthusiasmus waren die Beteiligten von sich selbst und ihren Erfolgen berauscht. Es herrschte eine phantastische Willkommensstimmung.
Aber eben  nur eine Stimmung. Das, was viele für die schon länger beschworene Willkommens- oder gar Anerkennungskultur gehalten haben, ist noch keine gesellschaftliche Haltung geworden. Die Stimmung kippt, die politischen Kontroversen werden härter, populistische Parteien und rassistische Bewegungen erhalten Zulauf. Es wird deutlich: Das große, emotionale Willkommen reicht nicht. Es braucht langfristige und nachhaltige Veränderungen. Es braucht dafür geeignete gesellschaftliche Diskurse und Strategien, die die Herausforderungen durch Flucht, Vertreibung und Einwanderung bestehen helfen. Kurz: Das zielt auf die Integration derer, die neu gekommen sind. Das heißt harte Kärrnerarbeit, der Karren will und muss bewegt werde. Das bedeutet Veränderung, die Bundesrepublik Deutschland wird ein anderes Gesicht haben. Das erfordert Verzicht, eine wirkungsvolle Integration wird Milliarden kosten.
Integration – was bedeutet das?

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Benjamin Simion: Das Zusammenleben der Völker

Eine biblische Perspektive

Ja, wir Christen sind alle Geschwister im Glauben. Aber… wenn es an die Kulturunterschiede geht bzw. diese in Verbindung mit unserem Glauben gebracht werden, sind wir doch etwas verhaltener was die Geschwisterlichkeit angeht, oder?

In Südafrika gibt es zwei Lutherische Kirchen - die eine mehrheitlich mit Lutheranern schwarzer Hautfarbe und die anderen mehrheitlich mit Lutheranern weißer Hautfarbe - ein durchaus lebendiges Relikt aus Apartheidzeiten. In den USA steht fast in jeder Kirche eine US-amerikanische Flagge neben dem Altar. Hat das nationale Element hier seinen Platz? In Japan feiern die Christen des Kyodan (1) ihre Gottesdienste unter Japanern und die Christen mit Migrationshintergrund feiern in ihren ethnisch definierten Gemeinden (Philippinische Christen, Koreanische Christen usw.). In Deutschland sieht es nicht anders aus… Christen und Christinnen aus aller Welt haben inzwischen in Deutschland ihre Gemeinden etabliert und feiern Sonntag für Sonntag ihre Gottesdienste, meist parallel zu den deutschsprachigen und kulturell deutsch geprägten Gottesdiensten. Wenig Interaktion und ökumenisch interkulturelle Zusammenarbeit ist hier zu verzeichnen. Dabei wollen wir als Landeskirche doch nach wie vor Volkskirche sein – zumindest im Westen der Republik, eine Kirche „für alles Volk“ (Barmen VI). (2) Kulturunterschiede sind eine Herausforderung, aber dürfen sie so dominant sein und federführend, dass christliche Geschwister sich wegen der kulturellen Prägungen nicht zusammen einfinden können, um gemeinsam ihren Gott zu loben, der sie ja schließlich in dieser Vielfalt geschaffen hat?Biblisches ZeugnisWenn wir in die Bibel schauen, werden uns da durchaus andere Bilder des gemeinsam gelebten Glaubens vor Augen geführt.Menschenbild Zunächst sei unsere Aufmerksamkeit auf das biblische Menschenbild gerichtet. In einer der Schöpfungserzählungen (Gen. 1,27) wird berichtet, dass der Mensch als Ebenbild Gottes geschaffen wurde. Dieses Ebenbild ist aber durch die Schaffung der Geschlechter in Mann und Frau durchaus schon heterogen angelegt. Aus der biblischen Aussage in Gen 2,18 „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“, lässt sich daher schlussfolgern, dass es auch nicht gut ist, wenn der Mensch gleich ist. So wird allen Menschen Würde und zwischenmenschliche Zuwendung (Ex. 22,20) zuerkannt. Dementsprechend orientiert sich bereits in alttestamentlicher Zeit Zuwendung zu anderen Menschen und Anerkennung der Menschen in ihrer Vielfalt nicht an den kulturellen, ethnischen oder religiösen Zugehörigkeiten, sondern an der universalen Menschenwürde.   Wenn man bedenkt, dass die biblischen Bücher in Zeiten von Familien– und Stammesverbänden entstanden sind (3), die durchaus introvertiert und nach außen abgeschlossen sind, erscheint es umso erstaunlicher, dass bereits im alttestamentlichen Bundesbuch  dieses andere Personen ausschließende System durchbrochen wird (vgl. Ex 22, 20-26); Der Fremdling soll „nicht bedrängt werden“ (Ex. 22,20), den Armen in der Gesellschaft wird Recht geschaffen (Ex. 22, 24), sogar Menschen, die rechtlos sind, werden unter das gültige Recht genommen und genießen dessen Schutz (Ex. 23,12).Jesus nimmt Menschen mit hinein

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Sina Arnold: Wer darf kommen?

Nach dem langen Sommer der Migration

Der „lange Sommer der Migration“, der Europa und Deutschland 2015 in Atem hielt, liegt hinter uns. Mehrere Hunderttausend Menschen flohen aus Syrien, dem Irak, den Westbalkanstaaten und anderen kriegs- und krisengeschüttelten Ländern – übers Mittelmeer, quer durch Europa, über Grenzzäune hinweg, zu Fuß, per Zug, mit Kindern und Säuglingen. Die Ereignisse waren auf der einen Seite gerahmt von Anschlägen auf Unterkünfte der Geflüchteten, im sächsischen Heidenau und anderswo – im Durchschnitt mehr als einer täglich in diesem Jahr – und dem Erstarken der Pegida-Bewegung. Erinnerungen an die frühen Neunziger Jahre wurden wieder wach, an die Pogrome von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen, an die Brandanschläge von Mölln und Solingen. Die andere Seite stellten – anders als in den Neunziger Jahren – die überraschenden Bilder an den Bahnhöfen von Frankfurt, München und anderswo Anfang September dar. Geflüchtete wurden herzlich willkommen geheißen, mit Tee, Essen, Kuscheltieren und Luftballons begrüßt. Tausende Ehrenamtliche wurden aktiv in Notunterkünften, gaben Sprachunterricht, verteilten Essen. Selbst die Bild-Zeitung, sonst bekannt für stereotypisierende Berichterstattung zum Thema Einwanderung, schmückte sich mit dem Hash-Tag #refugeeswelcome.

Nun kommt der Sommer der Migration in einem doppelten Sinne klimatisch seinem Ende zu: Nicht nur hält der Winter Einzug, auch das gesellschaftliche Klima hat sich gewandelt, die Euphorie ist verflogen. Die CDU, die zunächst flexibel reagierte – beispielsweise durch Angela Merkels kurzfristiges Aussetzen der Dublin-Verordnungen für syrische Flüchtlinge im August – bringt nun Gesetzesverschärfungen, Abschiebungen, Grenzschließungen und Transitzonen auf die Tagesordnung. Die Verwaltung ist überfordert mit mehr als 300 000 unbearbeiteten Asylanträgen – gut 75 000 von ihnen sind seit über einem Jahr anhängig. Obwohl an vielen Orten die offenen Arme in langfristiges zivilgesellschaftliches Engagement für Flüchtlinge übergegangen sind, sind viele HelferInnen überlastet, dass sie dauerhaft Aufgaben übernehmen, die eigentlich staatliche sind. Und die Geflüchteten harren in Massenunterkünften aus und warten auf das Bearbeiten ihrer Anträge, oder auch nur auf einen Termin, um einen solchen zu stellen – oft wochen- und monatelang.

Die Frage, die immer wieder hörbar ist und war, lautet „Wer darf kommen?“. "Welche Fluchtgründe sind legitim?" "Wie viele Geflüchtete können wir aufnehmen?" "Wer soll abgeschoben werden?" Nur selten wird sie uneingeschränkt mit „alle“ beantwortet. Bei aller Unterschiedlichkeit der Antworten haben diese doch gemein, dass sie notwendigerweise eine Selektion nach sich ziehen, zumeist entlang der Faktoren Sicherheit, Legitimität und Nützlichkeit. So war der europäische Aufschrei besonders groß nach dem Tod des dreijährigen Aylan Kurdi, der mit seinen Eltern aus Syrien geflohen und bei der Überfahrt vom türkischen Ferienresort Bodrum nach Griechenland ertrunken war. Das im September tot an der Küste aufgefundene Kleinkind verkörperte das Bild des unschuldigen Opfers. Ihm konträr entgegengestellt werden Ahmad Almohammad und Mohammed al-Mahmod, zwei der mutmaßlichen Attentäter der Pariser Anschläge, die möglicherweise aus Syrien über Griechenland in die EU einreisten. Das klischeehafte Bild des gut ausgebildeten syrischen Arztes wird im öffentlichen Diskurs den vermeintlichen „Wirtschaftsflüchtlingen“ aus dem Balkan gegenübergestellt. Ein Nützlichkeitsdenken dominiert, neben eingestreuten humanitären Überlegungen, auch den politischen Diskurs: Bereits in den letzten Jahren wurde immer wieder gefordert, dass Deutschland ein Einwanderungssystem nach Punkten – siehe Vorbild Kanada – bräuchte, um dem Mangel an Pflege- und anderen Arbeitskräften ebenso zu begegnen wie eine Antwort auf die demographische Alterung der Gesellschaft zu finden. Auch in diesem Sommer war es die Wirtschaft, die Interesse an den Neuhinzukommenden für unbesetzte Ausbildungsplätze hatte, unterstützt durch zahlreiche Online-Angebote wie die Plattform www.workeer.de. Wolfgang Schäuble betonte beim EU-Kommissionsgipfel im November ebenfalls die Wachstumschancen durch den Flüchtlingszustrom mit dem Verweis, dass wer Flüchtlinge aufnehme, sich nicht nur solidarisch zeige, sondern auch etwas für Wachstum tue. Diese Argumentation ist ebenso richtig wie der Wunsch nach Sicherheit vor Terrorismus legitim ist. Doch beide bergen Fallstricke.

Perspektivwechsel 

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Kai Unzicker: Der Kitt der Gesellschaft

Wie aus einer Vielheit eine Einheit wird

Deutschland verändert sich und die Sorge um den Zusammenhalt ist groß: Wie verändern Einwanderung und der Wandel der Lebensstile das Land und was bedeutet das für das soziale Miteinander?

Im Allgemeinen erachten die meisten Menschen das Grundgerüst des Zusammenlebens für selbstverständlich und nicht der Rede wert. Allein dass sich Menschen überhaupt darüber Gedanken machen, was die Teile einer Gesellschaft zusammenhält, ist deshalb bereits interessant.  Wer an den Teamgeist appelliert, den treibt meist die Sorge um, dass es mit diesem nicht so weit her sei. Das weiß jeder, der Mannschaftssport betreibt. Für die Qualität des Miteinanders  mag es deshalb auch kein gutes Zeichen gewesen sein, dass in den Programmen der großen Parteien bei der letzten Bundestagswahl das Wort Zusammenhalt Konjunktur hatte: 16 mal erwähnten es CDU/CSU und 14 mal die SPD. Zusammenhalt, so scheint es zumindest, entsteht nicht mehr von allein, sondern muss beschworen werden und bedarf der politischen Unterstützung. Im Rückblick auf das Jahr 2015 fällt die „Zauberformel“ vom Zusammenhalt, der wahlweise erhalten, gestärkt oder gefördert werden müsse, besonders ins Auge. Vor allem zwei Umstände haben zu ihrer Hochkonjunktur beigetragen: Zunächst waren es die geschätzt rund eine Millionen Flüchtlinge, die aus Syrien, dem Irak oder Afghanis-
tan, aus Afrika und anfangs auch noch vom Balkan nach Deutschland kamen, die Fragen des Zusammenhalts, von Solidarität und Engagement auf die Tagesordnung gesetzt haben. Die Terroranschläge von Paris und die damit verbundenen Ängste haben die Diskussion um den Zusammenhalt ebenfalls befeuert: Wie soll man einerseits der unsichtbaren Bedrohung durch hinterhältigen Terrorismus auch gesellschaftlich sonst begegnen, als durch Solidarität und Geschlossenheit? Der externe Feind schweißt die Gesellschaft zusammen. Andererseits befördert jedoch die Angst vor islamistischen Terroristen, die die Bevölkerung unterwandern, das Misstrauen und Abgrenzungstendenzen von allem Fremden. Zusammenhalt entsteht so auf Kosten derer, die nicht dazugehören. Für eine vielfältige Gesellschaft wie die unsrige, kann Zusammenhalt, der durch Homogenität hergestellt wird, keine Alternative sein. Es geht, wie Theodor Adorno es einmal ausgedrückt hat, vielmehr darum ohne Angst verschieden zu sein. Gleichwohl muss man eingestehen, dass viele Menschen den Veränderungen beunruhigt gegenüberstehen. Nicht ohne Grunde ist in den letzten Monaten so häufig vom besorgten Bürger die Rede.

Deutschland scheint gespalten

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Astrid Messerschmidt: Bildung für die Migrationsgesellschaft

... und rassismuskritische Reflexivität

Migration beunruhigt die Bildungsinstitutionen. Aus dem faktischen Alltagsphänomen ist ein diskursives Phänomen von Thematisierungen geworden. Darin taucht immer wieder die Frage auf: „Wer ist Wir“? wie ein Buchtitel von Navid Kermani lautet (Kermani 2009). Zwischen Öffnung und Abwehr trifft diese Frage auf ein Bildungsverständnis, in dem die Imago nationaler und europäischer Identität immer noch zur Selbstvergewisserung eingesetzt wird.

Der Kontext der Migrationsgesellschaft

Weil Migration nicht nur eine Tatsache ist, sondern zugleich diskursiv besetzt und eingesetzt wird, steht der  Begriff der Migrationsgesellschaft zumindest im deutschsprachigen Raum noch nicht für etwas Allgemeines, das alle angeht und mit dem alle gemeint sind. Mit dem Sig-nalwort „Migration“ bietet die Bezeichnung “Migrationsgesellschaft“ immer noch die Gelegenheit, nicht über sich selbst, sondern über andere zu sprechen. Denn obwohl mit diesem Begriff eine Kennzeichnung gegenwärtiger gesellschaftlicher Erfahrungen und weltweiter Normalität angeregt wird, setzt sich eine personifizierende Sicht auf „Migranten/innen“, die national-kulturell ethnisiert und als „Migrationsandere“ positioniert werden (Mecheril 2004, S. 36), immer wieder durch. Ihr Anderssein wird untersucht, anstatt die Perspektive zu wechseln und die Prozesse zu betrachten, die Gruppen als anders konstituieren und Differenz vereindeutigen.

Migrationsgesellschaftliche Bildungsansätze fragen nach den Bildungsstrukturen und Bildungsbedingungen in einer von Migration geprägten Gesellschaft. Zu diesen Bedingungen gehört das spezifische Problem asymmetrischer Beziehungen beim Sprechen über „Migranten“ (Mecheril/Messerschmidt 2013). Schließlich sprechen hier oftmals Etablierte über Außenseiter, Integrierte über nicht (genügend) Integrierte, Mehrheitszugehörige über Minderheiten. Das gibt dem Diskurs eine spezifische Struktur machtvoller Identifikationen. Erst die Reflexion dieser Struktur ermöglicht es, den Diskurs kritisch zu wenden. Erschwert wird eine Kritik ungleicher sozialer Positionierungen dadurch, dass mit der Denkfigur interkultureller Bildung die Wahrnehmung von Migration gerade in der Pädagogik kulturalisiert worden ist (vgl. Kiesel 1996). Die Kulturalisierung von Migration ist sowohl im erziehungswissenschaftlichen Diskurs wie in der Bildungspraxis erfolgt und erweist sich trotz breiter Kritik als ausgesprochen hartnäckig (vgl. Höhne 2001).

Jugendarbeit und Jugendverbände bieten potenziell die Möglichkeit, Migration und „Heterogenität als Normalfall“ (Kalpaka 2006) anzuerkennen. Doch der Normalfall Migration trifft auf die Macht der Nationalität, die nach wie vor das einflussreichste Kriterium für die Zuteilung von Rechten geblieben ist. Demgegenüber dient der Begriff der Migrationsgesellschaft als Konzept, mit dem ein „dritter Raum“ (Bhabha 2000) neben den dualistischen Identifikationen von Deutschen und Eingewanderten artikulierbar wird. Doch ehe überhaupt die Selbstbeschreibung als Einwanderungsgesellschaft etabliert werden konnte, zieht der Begriff Zuwanderung eine neue Grenze. Mit ihm wird die Rede von einer „Einwanderungsgesellschaft“ vermieden, da mit dieser ein allzu großes Maß an innerer Veränderung signalisiert würde. Demgegenüber bleibt ‚Zuwanderung’ etwas Äußerliches, dem ein Ankommen im Inneren der Gesellschaft nicht möglich ist. „Jemand, der zuwandert, kann auch schnell wieder abwandern, hat es nicht in die Bevölkerung hinein geschafft (…)“ (Utlu 2011, S. 448, Hervorh. im Original). Solange Migration nicht als innere Wirklichkeit der eigenen Gesellschaft anerkannt wird, bleibt eine migrationsgesellschaftliche Öffnung in der Abwehr jeder Veränderung stecken, obwohl diese Veränderung im gesellschaftlichen Innenraum längst stattgefunden hat.

Zugehörigkeiten, Staatsbürgerschaften und universale Rechte

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„Es wird immer schwieriger etwas zu bewahren“

Ein Gespräch mit dem Soziologen Professor Hartmut Rosa über den Umgang mit Fremden, der Sehnsucht, dass alles so bleibt wie es ist und was Resonanzerfahrungen für das Zusammenleben der Menschen bedeuten kann.

baugerüst: Laut einer Umfrage des ARD Deutschlandtrends hat die Mehrheit der Deutschen Angst vor hohen Flüchtlingszahlen. Angst vor zu vielen Flüchtlingen, vor Fremden, vor Terror, überhaupt vor der Zukunft, Angst scheint in die Mitte der Gesellschaft eingebrochen zu sein. Warum ist das so?

Rosa:
Die Frage dabei ist, worauf sich diese Angst richtet. Auch während des Kalten Krieges in den 60er oder 70er Jahren waren viele Menschen beunruhigt und der Meinung, in diese Welt könne man keine Kinder setzen, die sei viel zu schrecklich. Rückwirkend betrachtet war die damalige Zeit relativ stabil und friedlich.

baugerüst:
Was trägt denn heute zur Beunruhigung der Menschen bei?

Rosa: Wir erleben heute eine globale Beunruhigung und Menschen haben das Gefühl, dass viele Leitplanken in ihrem Leben verloren gehen, ja dass selbst Gewalt und Krieg wieder zu einer realen Möglichkeit werden können. So lange ist es ja gar nicht her, dass europäische Staaten untereinander Krieg geführt haben.

baugerüst: Die Weltlage verleitet nicht gerade zu optimistischen Höhenflügen, aber warum die Angst vor denen, die aus Verzweiflung ihre Heimat verlassen haben?

Rosa: Die Fremden sind nicht per se das Problem, die können ja auch interessant oder auch eine Herausforderung sein. Die Deutschen reisen wie niemals zuvor durch die Welt und wollen dort den Fremden begegnen, wenigstens dosiert und kontrolliert.
Was wir zurzeit bei vielen Menschen in Deutschland wahrnehmen, ist die Angst, den Zustrom von fremden Menschen nicht mehr kontrollieren zu können, überwältigt zu werden. Kontrollverlust ist vielleicht die Urangst der Menschen.

baugerüst: Haben Menschen das Gefühl dem Fremden wehrlos gegenüber zu stehen?

Rosa:
Diese Furcht scheint nicht besonders begründet zu sein, aber sie ist ohne Zweifel vorhanden. Wo man sich mit Menschen oder einer fremden Kultur aktiv auseinandersetzt – ich nenne das  anverwandeln – in dem Moment macht das bei weitem nicht mehr so viel Angst.

baugerüst: „Die Demonstranten würden die Fremden zu einer falschen Projektionsfläche für ein an sich berechtigtes Anliegen machen.“ schrieben Sie kürzlich in der FAZ. Dass sich so viele Menschen fremd im eigenen Land fühlen, läge nicht an den Fremden oder den Ausländern, sondern vielmehr an der Beschleunigung des sozialen Wandels. Menschen sind also gar nicht skeptisch gegenüber Fremden sondern erfahren sich selber als ohnmächtige Opfer?

Rosa: Es gibt eine Grundtendenz dem Fremden mit Skepsis gegenüber zu treten. Grundsätzlich gibt es aber immer zwei Möglichkeiten: Ich kann den Fremden als different wahrnehmen, „da ist jemand anders“ oder als deviant, da macht es jemand falsch. Probleme entstehen dort, wo Differenz grundsätzlich als deviant interpretiert wird. Wenn der Andere das nicht so macht wie ich, dann macht er es grundsätzlich falsch. Je größer die Differenz ist, desto falscher wird dann alles. Fremdenfeindlichkeit entsteht aus dieser zweiten Haltung heraus. Alles, was als das andere wahrgenommen wird, ist dann das Falsche.

baugerüst: Die Flüchtlinge, die Fremden machen alles falsch?

Rosa:
Ja, diese Haltung kommt dann zu dem Schluss: die haben den falschen Glauben, die gehen falsch mit den Kindern oder mit den Frauen um. So entsteht dieses Problem.

baugerüst: Gut, Menschen tun sich also schwer, Differenz als etwas Bereicherndes wahrzunehmen. Aber sind sie deshalb selber Opfer?

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Isolde Aigner: Wann, wenn nicht jetzt?!

Zur Notwendigkeit einer Kritischen Politischen Jugendbildung gegen Rassismus und für Solidarität2015 gab es eine massive Zunahme an Rassismus und Gewalt gegen Geflüchtete (1). Während Medien rechte Gewalt einerseits verurteilen, sprechen sie andererseits vielfach über eine „angebliche ‚Überschreitung der Belastungsgrenze’ und die Erzeugung eines Staatsnotstands durch „Flüchtlingsströme“, was dazu beitrage „die Situation zu verschärfen und Menschen als bedrohliche Massen wahrzunehmen“ (2). Globale Fluchtursachen werden hingegen kaum beleuchtet. In der Bevölkerung gibt es eine große Hilfsbereitschaft gegenüber Geflüchteten – diese wird jedoch oftmals als Gegenentwurf zu rechter Gewalt konstruiert („helles und dunkles Deutschland“) mit der Gefahr rassistische Positionen in der „Mitte der Gesellschaft“ zu verdunkeln.

Im Zuge dieser Entwicklung ist eine politische Jugendbildung zur (Mit)Gestaltung eines Gesellschaftsentwurfs, der sich Rassismus entschlossen entgegenstellt, wichtiger denn je! Hierfür ist die Auseinandersetzung mit politischen Einstellungen Jugendlicher sowie gesellschaftlichen Verhältnissen und den daraus entstehenden Herausforderungen unabdingbar, um auf dieser Grundlage Perspektiven einer Kritischen Politischen Bildung gegen Rassismus und für Solidarität abzuleiten.

Was bewegt Jugendliche?
Gesellschaftliche Herausforderungen und Einstellungen


Gegenwärtig zeichnet sich eine zunehmende sozio-ökonomische Ungleichheit in der Gesellschaft ab, die mit unsichereren und/oder prekären Erwerbsverläufen und einer gleichzeitigen Orientierung an Effizienz und Nützlichkeit (3) einhergeht. Junge Menschen sind demnach mit brüchigen und ungewissen Zukunftsperspektiven konfrontiert, die zu einer Angst vor prekären Lebenslagen (als ‚Generationenerfahrung’) führen wie der Jugendforscher Richard Münchmeier in seinem Aufsatz: Jugend im Spiegel der Jugendforschung (2008) erklärt. Gleichzeitig wird diese kollektiv erlebte Angst jedoch individualisiert: Junge Menschen begreifen ihre Situation als persönliche Herausforderung, haben zugleich das Gefühl wenig bewirken zu können und entwickeln infolgedessen eine selbstbezogene und pragmatische Grundhaltung (4) nach dem Motto: „Ich kann eh nix daran ändern, dann versuche ich lieber für mich das Beste rauszuholen“. Hier besteht die Gefahr von (fortschreitenden) Entsolidarisierungsprozessen.

Hinsichtlich der politischen Einstellungen weist die Studie „Deutsche Zustände“ (2006) darauf hin, dass von einer stärkeren Belastung junger Menschen durch rassistische Einstellungen kaum die Rede sein kann. Besonders hoch ist hingegen ein Ungleichwertigkeitsdenken, (z.B. durch Abwertung langzeitarbeitsloser Menschen) (5), welches mitunter der „Illusion der Aufrechterhaltung einer Kontrolle über die Lebensgestaltung“ dient – so die Rheingold-Jugendstudie (2011).Gleichzeitig tragen s.g. „interkulturelle Kontakträume“ (in Schule, Sportverein, Jugendeinrichtung etc.) zu einer interkulturellen Offenheit junger Menschen bei (6). Jugendliche setzen sich zudem intensiv mit dem Thema Flucht auseinander, wollen sich hier engagieren (oder tun es bereits). Hier können sie erleben, dass sie ernst genommen und gebraucht werden und etwas verändern können - auch Vorbehalte können so schneller abgebaut werden (7).

Es zeichnet sich also ein komplexes Spannungsfeld ab: Gegenwärtige gesellschaftliche Verhältnisse und damit verbundene Bewältigungsstrategien junger Menschen bergen die Gefahr von Entsolidarisierungsprozessen. Zugleich fördern viele interkulturelle Kontakträume ein interkulturelles Miteinander. Viele Jugendliche wollen sich außerdem derzeit für Geflüchtete engagieren. Wie kann eine politische Jugendbildung aussehen, die an diese Herausforderungen, aber auch Chancen anknüpft?

Perspektiven einer Kritischen Politischen Bildung gegen Rassismus und für Solidarität

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Autorinnen und Autoren

Isolde Aigner , Solingen
Feferentin Stadt Solingen

Dr. Sina Arnold, Berlin
wissenschaftliche Mitarbeiterin Humold Uni

Hans Hertel,
Nürnberg
Pfarrer

Marina Khanide
, München
Dipl. Soz. Päd, Interkulurelle Trainerin

Sarah Koyyuru
, Stuttgart
Referentin Evang. Jugendwerk Württemberg

Henriette Labsch, Potsdam
Pysikerin

Dr. Astrid Messerschmidt, Darmstadt
Professorin Uni Darmstadt

Dr. Paul Mecheril, Oldenburg
Professor Universität Oldenburg

Bettina Schäfer, Stuttgart
Referentin Stadtjugendring

Dr. Hubertus Schröer, München
Instituts – Interkulturelle Qualitätsentwicklung

Dr. Benjamin Simon, Karlsruhe
Oberkirchenrat

Dr. Maria Stettner, München
Pfarrerin, Referentin für Öumene

Dr. Hartmut Rosa, Jena
Professor Universität Jena und Erfurt

Dr. Kai Unzicker, Gütersloh
Soziologe, Bertelsmann Stiftung

Rudolf Westerheide, Kassel
Pfarrer

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