das baugerüst 2/18

"good news, bad news, fake news -

und wie sich die Kommunikation verändert"

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Inhalt

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Wolfgang Noack: Alexa, wohin gehen wir?

Als die Tagesthemen vor einiger Zeit über den sprachgesteuerten Assistenten Alexa von Amazon berichteten, geschah dies mit einem kleinen Dialog. Ein Ehepaar mittleren Alters unterhält sich darüber, wo sie ihren Hochzeitstag feiern sollen. Einer kam auf die Idee Alexa zu befragen. Über die Antwort der Stimme aus dem Netz gab es dann doch bei beiden lange Gesichter. Statt die Adresse eines romantischen Lokals vorgeschlagen zu bekommen, wartete Alexa mit einem Etablissements im Rotlichtmilieu auf, mit der Begründung: der Mann surfe doch täglich auf Pornoseiten und da wäre diese Location doch genau der richtige Ort. Bums! Nun stand er aber ganz schön im Regen. Dass die künstliche Frauenstimme aus dem Off in der Lage ist, sämtliche angefallenen Daten zu verknüpfen, damit hatte er nicht gerechnet.
3,5 Milliarden Suchanfragen gehen täglich bei Google ein. Dafür interessieren sich aber mittlerweilen nicht nur Werbekunden - die diese Anfragen nach einem bestimmten Algorithmus verbinden - sondern auch Strafverfolgungsbehörden. „Behörden, Gerichte und Parteien in zivilen Gerichtsverfahren fordern regelmäßig Nutzerdaten bei Technologie- und Telekommunikationsunternehmen an“, heißt es bei Google. (Im ersten Halbjahr 2017: in den USA 24.000 Auskunftsersuchen, in Deutschland 7.700. SZ 18.4.18)
Diesem Begehren trägt auch das 2017 in Kraft getretene „Gesetz zur effektiveren und praxistauglichen Ausgestaltung des Strafvollverfahrens“ Rechnung. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis Alexa bei Strafverfahren in den Zeugenstand geladen wird.

Begonnen hat das Ganze vor gut zehn Jahren, als Apple-Chef Steve Jobs vor seine Anhänger trat und eine revolutionäre neue Technik präsentierte: ein Smartphone. Seither sind wir permanent online, wischen auf dem Bildschirm herum, tippen, teilen, liken bis die Augen zufallen. Facebook, Google und Co bauten auf dieser Wundermaschine ihr Geschäftsmodell auf. Dabei ist es doch eigentlich so wunderbar: Von (fast) jedem Fleck der Erde mit anderen in Kontakt zu treten, zu allem etwas sagen zu können und zu jeder Tages- und Nachtzeit sich das Wissen der Welt auf den neun mal fünf Zentimeter großen Bildschirm holen zu können (sorry, ich tippe noch auf einem IPhone 5S herum).

Es könnte alles so schön sein, wenn nicht hinter diesen grenzenlosen Möglichkeiten ein handfestes Geschäftsmodell stecken würde, wenn sich nicht Einfallstore für Kontrolle und Manipulation geöffnet hätten und wenn sich nicht die Informationsbeschaffung und das Kommunikationsverhalten in der Folge verändern würden. Nun ist ja die Kündigung des Accounts, die Anschaffung eines 30-bändigen Lexikons und die Wiederbelebung der Briefkommunikation mit den Freunden auch keine Alternative.
Nur: wenn wir mit Alexa, Facebook und Google unter einem Dach leben, sollten wir auch unsere Feinde kennen.

Carolin Emcke berichtet in einem Essay in der Süddeutschen Zeitung über das Buch von Bernhard E. Harcourt, der an der Columbia University in New York lehrt. Harcourt analysiert drei Trends im amerikanischen Regierungshandeln (denen wir bald folgen könnten). Erstens, das Überwachen und Sammeln persönlicher Informationen und der privaten Kommunikation (durch Geheimdienste und private Firmen); zweitens, eine Minderheit der Bevölkerung als feindlich und nicht dazugehörend zu definieren; und schließlich „winning the hearts and minds of Americans“, also „die Ablenkung und Unterhaltung des Rests der Bevölkerung“.  Aus dieser düsteren Analyse schließt Carolin Emcke, dass „die permanente Kommunikationsdynamik zur Autohypnose einer Bevölkerung“ führe, „die gut gelaunt zuschaut, wie Grundrechte abgebaut werden“. 


Soviel Information war noch nie

Wer will, kann sich heute alle Informationen beschaffen, kann sich von hunderten Fernsehkanälen über alle Ereignisse und Hintergründe berichten lassen, kann sich durch Zeitungen und Magazine quälen, im Netz Analyse finden und sich in den Sozialen Medien von Berufenen und Überzeugten alles kommentieren lassen. Es ist manchmal wie das Trinken aus einem Feuerwehrschlauch: man ist hinterher nass, hat aber immer noch Durst. Nicht die Informationsbeschaffung ist das Problem sondern der ausbleibende Diskurs. Die Krise des Diskurses beginnt aber nicht mit dem Facebook-Algorithmus oder populistischen Störsendern, die falsche Nachrichten verbreiten, sie beginnt, schreibt Anna Sauerbrey im Berliner Tagesspiegel, „in dem Moment, in dem Individualisierung in Entgesellschaftung umschlägt; in dem Moment, in dem wir anfangen, uns und unsere Perspektive als ausreichend zu empfinden, um die Welt in ihrer Gänze zu erfassen (Tagesspiegel 2016). Die Information alleine reicht noch nicht aus. Aber darauf hat Alexa wohl auch keine Antwort.

Die Stärke von (Jugend-) Bildungsarbeit war es schon immer, Debatten zu führen, sich in den gesellschaftlichen Diskurs einzumischen, zu streiten, hart nachzufragen und Widersprüche aufzudecken. Diese Kompetenz muss neu belebt werden. Dabei wird es nicht ausreichend sein, likes und dislikes zu vergeben oder online-Petitionen zu unterzeichnen.
„Das Skandalöse an einem Skandal“, schrieb Simone de Beauvoir einmal, „ist, dass man sich daran gewöhnt.“ 

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Johanna Haberer: Die Kommunikation steht Kopf

Zwischen Heilsversprechen und Untergangsszenarien

Der Facebook Mitbegründer Sean Parker sagte Ende des Jahres 2017auf einer Veranstaltung der Webseite Axios über sein ehemaliges Unternehmen: Er könne die Social-Media-Nutzung mittlerweile nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren. Bei Facebook sei die Überlegung immer gewesen, wie es die Menschen dazu bringen könne, der Seite möglichst viel ihrer Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen: „Das heißt, wir müssen den Menschen ab und zu einen kleinen Dopaminschub geben, das passiert, wenn jemand Sachen von dir liked oder ein Foto kommentiert. Es ist ein Feedback Loop, der auf dem Drang der Menschen nach sozialer Bestätigung basiert. (...) Wir haben eine Schwachstelle in der Psychologie der Menschen ausgenutzt. Die Erfinder, also ich und Mark (Zuckerberg) und Kevin Systrom (Instagram) wussten das. Und wir haben es trotzdem gemacht.“ (1)Damals – so sagt er weiter - sei allerdings noch nicht absehbar gewesen, wie groß der Einfluss eines Netzwerks von zwei Milliarden Menschen auf die Gesellschaft sein würde. Parker geht davon aus, dass Facebook inzwischen die Beziehungen zwischen Gesellschaft und den Menschen und den Menschen untereinander beeinflusst. Und zwar zum Negativen. Digitale Medien oder besser Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) verbinden Menschen zwischen allen Kontinenten, lassen die Zwischenräume schrumpfen – global und personal. Sie verändern unseren Alltag allmählich, durchdringen unser Alltagsleben unser gesamtes Informations- und Kommunikationsverhalten. Sie sind unwiderstehlich, weil sie in ihrer Anwendung unglaublich wirkmächtig sind. Sie machen abhängig durch diese unabweisbare Geschwindigkeit und Effektivität. Es gelingt uns durch sie blitzschnell an Informationen zu kommen, für die wir früher Tage, Wochen und Monate brauchten. Unser Informations- und Wissensmanagement hat sich total verändert:  das Denken, das vormals in die Tiefe ging, bleibt an der Oberfläche und geht sozusagen in die Breite. Die neuen Technologien haben auch neue Machtzentren hervorgebracht, die nicht nur unsere Daten sammeln und uns bestimmten Konsumententypen zuordnen, sondern die inzwischen auch in der Lage sind, uns zu manipulieren, unsere politischen Systeme zu unterwandern und maßgeblich die Meinungsbildungsprozesse zu beeinflussen. Die neuen Technologien entgrenzen unsere menschliche Existenz.Entgrenzung und SelbstoptimierungMit dieser Technologie können Menschen ihr „Ich“ bis ins Unendliche erweitern oder dehnen, mit der Folge, dass ihre Begrenzungen wie auch ihre unterschiedlichen Rollen in der Welt zusammenfließen. In der digitalen Welt ist es schwer, dienstlich und privat, Arbeit und Familie zu trennen. Grenzen, die die Leibhaftigkeit vorgab – am Arbeitsplatz oder auf dem Spielplatz – spielen nun keine Rolle mehr. Wir sind für alle immer und in jeder Situation erreichbar, ortbar, ansprechbar.Wird uns diese Technologie zu einer Entwertung des Körpers führen oder im Gegenteil, wird sie uns zu einer Bewegung der körperlichen und mentalen Selbstoptimierung führen? Immer neue digitale Selbstüberwachungsmöglichkeiten können Schlafphasen und Kalorien, Schritte und Arbeitszeiten dokumentieren und dem Einzelnen so Ziele zur Selbstoptimierung anbieten. Im Augenblick beginnen auch schon die ersten Kunden einer Versicherung ihre Fitnessdaten – gegen einen kleinen Rabatt auf die Versicherungsprämie – anzubieten. Die Selbstoptimierung, die unter der persönlichen Navigation stand, mündet dann in einen Selbstoptimierungszwang durch interessierte Unternehmen, die sich perspektivisch umgekehrt dann vorbehalten im Krankheitsfalle Zahlungen zu abzulehnen, wenn die entsprechenden Daten nicht vorliegen.Unser Umgang mit dieser neuen Technologie vollzieht sich also in einer Dialektik der Entgrenzung einerseits und der zunehmenden Kontrolle und Einschränkung von bürgerlichen Freiheiten andererseits.Beschleunigung

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Roland Bader: Fake News oder "Ich mach mir die Welt, widewidewie sie mir gefällt"

„Es war einmal …“

Eines schönen Morgens schlagen Sie Ihre Zeitung auf, es ist die Wochenzeitung DIE ZEIT. Dort lesen Sie: „Klimasünder werden zur Kasse gebeten, Finanzmarktregulierungen greifen, globale Strukturen werden neu gestaltet. (…) Opel in Belegschaftshand, Banken verstaatlicht“ und viele andere positive Nachrichten mehr. Die Politik sei „am Ende des Tunnels“ angelangt, so titelt der Aufmacher.
Lassen Sie sich einen Moment Zeit, diese Nachrichten sacken zu lassen. Empfinden Sie womöglich ein Gefühl der Erleichterung, dass Gerechtigkeit und Ausgleich wiederhergestellt sind? Dass es sich lohnt, etwas gegen die Ungerechtigkeit zu tun, dass Gutes und Anstand doch am Ende siegen? Dann wären Sie nicht allein. Menschen haben das Bedürfnis, sich in einer anständigen und rechtschaffenen Welt zu wähnen (Aronson, Wilson & Akert, 2004, Kap. 6 zum Thema Selbstrechtfertigung). Da dieser ein zentraler Gedanke des folgenden Artikels ist, behalten Sie ihn zumindest so lange im Gedächtnis, bis Sie diesen Artikel zu Ende gelesen haben.
An den Themen des ZEIT-Fake können Sie erkennen, dass diese Ausgabe von 2010 stammt, vom 1.Mai. Gestaltet und verteilt wurde dieses Fake von Attac. Es gibt eine ganze Reihe weiterer Fakeprojekte. Am bekanntesten sind die YES-Men, die immer wieder mit humorvollen und spektakulären Aktionen auf Missstände aufmerksam machen. Und damit den Möglichkeitsraum des Märchens offenhalten. Ja, eine gute, anständige und gerechte Welt ist möglich, in der Gerechtigkeit und Solidarität wiedergeherstellt sind. Wenn Ihnen vor lauter Bad News Angst, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Depression durch die Knochen kriechen, erinnern Sie sich daran, dass es wichtig und möglich ist, Zuversicht mit Mut und Realitätssinn zu verbinden.
Bis vor kurzem noch verstand man unter Fake diese witzigen, satirischen und kritischen Kommentare à la Attac. Ein Beispiel dafür ist Jan Böhmermanns Videomontage zum Stinkefinger von Jannis Varoufakis. Den meisten bleibt allerdings der Humor im Hals stecken, seit Trump mit dem Ruf „Haltet den Dieb!“ alles als Fake News diskreditiert, was nicht von ihm selbst in die Welt gesetzt ist. Seither meint „Fake News“ nicht mehr die satirisch-kritischen Kommentare zum politischen Geschehen, sondern die mit Absicht verbreiteten Falschnachrichten, um die Glaubwürdigkeit seriöser Informationen zu erschüttern und das Vertrauen in die journalistische Berichterstattung zu untergraben.
Halten wir als erste Erkenntnisse fest: Der Humor stirbt zuerst. Zweitens: Fake News sind Bad News. Sie skandalisieren, schüren Empörung, machen Angst, klagen an. Und drittens: Mit dem Humor stirbt auch das Vertrauen.


Die Saat des Zweifels

Einzelne Nachrichten haben kaum eine Chance, grundsätzliche Meinungsänderungen herbeizuführen. Es werden Nachrichten bevorzugt rezipiert, um die eigene vorgefasste Sichtweise („Meinung“, „Einstellung“) der Rezipienten („Publikum“ oder „Wählerschaft“) zu bestätigen. Diese Erkenntnis, dass Menschen ihre einmal gefasste Meinung nicht einfach ins Gegenteil verkehren, wurde schon bei den ersten Forschungen zur Wirksamkeit von Nachrichten und Kampagnen im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf gewonnen. In den vergangenen 70 Jahren wurden sie vielfach bestätigt („Bestätigungsfehler“, Kahnemann, 2012). Die Konsequenzen, die „Spin doctors“ (Meinungsmacher) aus dieser Erkenntnis zogen, wurden bis zu Obamas Wahlkämpfen immer raffinierter. Ab den 2000er Jahren bedienten sie sich – zum Ziel des effizienten Einsatzes der begrenzten Wahlkampfmittel – vor allem der Big Data, die aus der Internetnutzung und der Kommunikation in Sozialen Netzwerken gewonnen waren. Big Data geben einen fast totalen Einblick in die Einstellungen und Lebensgewohnheiten der meisten Menschen und ermöglichen so den gezielten Einsatz von Wahlwerbungsmaßnahmen (Haustürbesuche, Spendenkampagnen, Transportdienste, Aktivierung von Senioren durch ihre Enkel etc.) dort, wo sie sich wirklich lohnen (ausführlich dargestellt in Kucklick, 2014, im Kapitel: Wie Obama sein Volk auflöste). Strategisch waren diese Möglichkeiten von den beiden Parteien im jüngsten US-Wahlkampf 2016 vermutlich weitgehend ausgeschöpft. Trump sah sich deshalb gezwungen, in seinem Wahlkampf einen Schritt weiter zu gehen. Durch gezielte Desinformation (Verleumdung, Streuen von Gerüchten und Falschmeldungen) sollten die Anhänger der gegnerischen Kandidatin davon abgehalten werden, überhaupt zur Wahl zu gehen. Die entsprechenden Kampagnen müssen natürlich nicht flächendeckend gestreut werden (zu teuer wegen Streuverlusten), sondern können unter Einbezug von Big Data und den Eigenheiten des US-amerikanischen Wahlsystems punktgenau in den Bezirken und bei exakt den Menschen ansetzen, die am meisten schwanken und wo darum die  größten Erfolgsaussichten für das Endergebnis zu erwarten sind. Diese – bekanntlich erfolgreiche - Strategie war eine Überraschung für alle, die in Bezug auf Fake News vor allem den Wahrheitsgehalt der politischen Kommunikation einklagen und an moralische Maßstäbe appellieren. Der gezielte strategische Einsatz geriet dabei aus dem Blick.
Fake News machen sich Eigenarten (oder „Verzerrungen“ oder „Fehler“) unseres Wahrnehmungs- und Denkapparats zunutze, die vor allem von Daniel Kahnemann (2012) und Aaron Twersky in ihrem Lebenswerk untersucht wurden. Unsere Wahrnehmung der Welt, unsere Informationsverarbeitung und unser Gedächtnis (unsere „Kognitionen“) sind nicht in erster Linie auf „Wahrheit“ hin angelegt, sondern auf wirkungsvolles Handeln und Entscheiden.  So sind wir etwa lausige Statistiker, d. h. wir unterscheiden nicht, ob eine Aussage auf statistisch seriösen Erhebungen (z. B. „47% der Deutschen halten eine Große Koalition für die beste Lösung“) oder auf Einzelaussagen z. B. aus Straßeninterviews beruht, oder gar aus der Meinung der engsten Bekannten.

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Annika Gramoll/Michael Grunewald: Aufwachsen in der Medienwelt

Sieben Thesen - nicht nur für Kinder und Jugendliche

Sind Daten das Öl des 21. Jahrhunderts, wie Malte Spitz (Bundestagsabgeordneter B90/G) in seinem gleichnamigen Buch fragt? Es wird wohl noch eine Zeit vergehen, bis diese Frage uneingeschränkt bejaht werden wird, wobei die Tendenz absehbar ist. Begriffe wie „Datenspuren“ oder „Datenkrake“ haben sich in den Sprachgebrauch eingebrannt. Auch in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist vor allem der Umgang mit neuen digitalen Möglichkeiten  der Kommunikation, Information oder Freizeitgestaltung immer wieder Thema. „Ohne WhatsApp erreiche ich die Jugendlichen gar nicht mehr“, heißt es aus jugendnahen Kreisen. Die Frage ist meist nicht „ob“, sondern „wie“ es gelingen kann, in den Kommunikationskanälen wahrgenommen zu werden.
Als Mitarbeiter*innen in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen haben wir dabei eine große Verantwortung und Vorbildfunktion. Unser Medienhandeln wird wahrgenommen und kann zur Nachahmung führen. Daher ist es unsere Aufgabe, unser eigenes Medienhandeln kritisch zu reflektieren. Das in den Thesen Beschriebene gilt gleichermaßen für uns Erwachsene.
In der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen haben wir auch einen expliziten Bildungsauftrag, der die „einfache“ Begleitung übersteigt. Angebote, die die Möglichkeit bieten, Medienhandeln zu reflektieren, sind für die Kinder und Jugendlichen wünschenswert und notwendig. Dabei ist es wichtig, den Schwerpunkt auf eine angemessene Begleitung zu richten. Darüber hinaus bleibt noch ein dritter, ebenso wichtiger Auftrag: Fürsprecher*in zu sein für diejenigen, die noch nicht für sich selbst sprechen können. In der Mischung dieser drei Aufgaben liegt es an uns festzustellen, worin die Kernaufgabe der Arbeit besteht. Das Aufwachsen in einer mediatisierten Welt hat sich in den letzten 20 Jahren stark verändert. Als Mitarbeiter*innen in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen haben wir diesen Wandel professionell zu betrachten. Im folgenden Beitrag haben wir sieben Thesen formuliert, die wir in die Diskussion einbringen möchten. Wenn nicht anders angegeben, stammen die Zahlen aus der aktuellen JIM Studie 2017 des medienpädagogischen Forschungsverbandes Südwest. In der aktuellen JIM-Studie wurde das Informationsverhalten der 12-19-jähirgen untersucht.


1. Kinder und Jugendliche besorgen sich die Informationen und nutzen die Unterhaltungsangebote, die ihr Interesse wiederspiegeln.

Kinder und Jugendliche waren schon immer pragmatisch. Sie besorgen sich die Informationen und nutzen die Angebote, die ihr Interesse wiederspiegeln. Jugendliche verbringen heute zu 89% täglich Zeit im Internet und informieren sich entsprechend auch über das Medium. So besteht das „größte Informationsbedürfnis der Jugendlichen an Themen, die sie selbst betreffen: 62 Prozent finden es sehr wichtig, bei Problemen, die für sie gerade bedeutsam sind, schnell Bescheid zu wissen. Für mehr als jeden Zweiten ist es sehr wichtig schnell über das aktuelle Weltgeschehen (56%) informiert zu sein.“
Kinder und Jugendliche zeigen je nach Lebens-/ Entwicklungsphase eine Interessenverschiebung. Ältere Jugendliche interessieren sich stärker für Themen wie Beruf, Ausbildung oder Politik, wohingegen Jüngere sich stärker über Sport, Games und Stars informieren. Bemerkenswert  ist, dass Jugendliche, die sich für das aktuelle Weltgeschehen interessieren, ihre Informationen hauptsächlich (53%) aus den Fernsehnachrichten bzw. dem Fernsehen besorgen. 41% nutzen das Internet um informiert zu sein, 19% die gedruckte Tageszeitung und 18% Facebook. Je älter die Jugendlichen werden, desto häufiger verwenden sie das Internet (45%), noch häufiger jedoch das Radio mit 60% (Mehrfachnennungen möglich).
Oftmals gibt es aus Kreisen der Erwachsenen die Klage, dass sich Jugendliche nicht die „für sie wichtigen Informationen“ beschaffen. Hier kommt zum Ausdruck, dass es zum Teil große Differenzen zwischen Informationsbedarfen („darüber müsstet ihr euch informieren“) und Bedürfnissen („das interessiert mich“) gibt, die häufig zu Konflikten, meist im Kontext schulischen oder familiären Lebens, führen.


2. Die Zugänge zu Information haben sich mit der Entwicklung digitaler Medien stark verändert.


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Steffen Jung: Wie kommuniziert Gott?

Zur Theologie des Heiligen Geistes

Wie kommuniziert Gott? Eine interessante Frage, die sich mir, so muss ich gestehen, in dieser Form und Zuspitzung lange nicht stellte. In der Regel sprechen wir, Theologinnen und Theologen, in diesem Zusammenhang über religiöse Erfahrungen von Menschen und schließen induktiv auf die Kommunikation Gottes zurück. In den Blick kommen Erfahrungen vielfältiger Art, die von Menschen als religiös gedeutet werden. Theologisch gilt der Satz: Von Gott reden heißt vom Menschen reden.
Jetzt lautet die Frage an mich, „wie kommuniziert Gott?“, umgekehrt also, ich mache mich auf die Suche nach Antworten.
Auf den ersten Blick erscheint die Antwort recht einfach. Gott kommuniziert auf vielfältige Art und Weise mit Menschen in weiten Teilen der Welt. Weltweit zeigt sich ein Boom der Religionen. Die Weltreligionen wachsen mit der Weltbevölkerung. Grenzt man die Fragestellung auf den nordatlantischen Raum ein und bezieht sich auf Gesellschaften, für die die philosophische Aufklärung von weltdeutender Bedeutung ist, zeigt sich ein differenzierteres Bild. Die Religionen verlieren an Deutungskraft. Postmoderne Theoretiker sprechen von dem Ende der großen Erzählungen.
Philosophisch feiern Konzepte eines naiven Realismus – verbunden mit einfachen religionskritischen  Einlassungen – ihre Wiedergeburt. So diagnostiziert der Naturwissenschaftler Richard Dawkins im Rahmen seines rein naturalistischen Denkens bei religiösen Menschen einen „Gotteswahn“. Der Philosoph Peter Sloterdijk hält Religionen für Trainingssysteme mit dem Ziel der Immunisierung des in Vertikalspannung versetzten Menschen. Die westliche Welt lebt „Nach Gott“ stellt er zeitdiagnostisch fest.
Doch nicht alle lassen sich auf diese Reduktionen ein.


Ich suche nach Menschen mit denen Gott kommuniziert


Zuerst begegnet mir Hartmut Rosa, der gegenwärtig meist diskutierte deutsche Soziologe. Hartmut Rosa ist Resonanzforscher. Ich erinnere mich an seinen Vortrag beim Kirchentag 2017 in Berlin, Gethsemanekirche. Rosa erzählte sinngemäß folgende Geschichte. „Ich hatte ein wichtiges Problem zu lösen, eine biografische Entscheidung zu treffen. Im Gebet wandte ich mich an Gott und bat um einen Hinweis Gottes zur Lösung meines Problems. Aber ich bekam in den darauf folgenden Tagen kein Zeichen Gottes. Zuerst war ich enttäuscht, aber dann dachte ich; Gott nimmt mein Problem sehr ernst und er nimmt sich Zeit für eine Antwort. So wartete ich Tage und Wochen. Die Frage blieb, Gottes Antwort blieb aus. Er kommunizierte einfach nicht. Oder doch? Die Lösung entdeckte ich später. Gott antwortet nicht, weil er mich unendlich ernst nimmt. Er erwartet von mir, dass ich dieses Problem selbst löse. Gott hat mich als freien Menschen erschaffen. Meine Freiheit ist ihm wichtig.“

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit meinem Vater. Ein Freund hatte ihn angerufen und dringend gebeten, mit mir zu sprechen. Der ältere Mann klagte über Visionen. Gott erscheine ihm täglich und spreche zu ihm. Vor allem abends vernehme er die Stimme Gottes deutlich. Gott kommuniziere mit ihm und das mache ihm Angst. Er brauche den Rat eines Pfarrers.
Ich empfehle ein Gespräch mit dem Ortspfarrer. Dieser empfahl schließlich einen Psychiater. Wie kommuniziert Gott?

Lara steht der Kirche und vor allem der Evangelischen Jugend sehr nahe. Sie ist Schülerin unserer Schule. Im Religionsunterricht sprechen wir über das Thema Gebet. Lara sagt: „Ich bete täglich. Manchmal denke ich, die Kommunikation ist einseitig und ich führe Selbstgespräche. Aber das Gebet tut mir gut.“
Im Vorstellungsgottesdienst der Konfirmandinnen und Konfirmanden unserer Gemeinde formuliert ein Teenager: „Gott gibt mir jeden Tag ein Stück Schokolade.“
Weitere Gespräche zeigen trotz philosophischer Unkenrufe: Menschen erfahren Gottes Ansprache auf unterschiedliche Weise, z.B. im Gebet, im Nachdenken, im Traum, durch Heilige Schriften, durch andere Menschen, durch Rituale, durch Natur, u.a.m.. Somit ist diese Ansprache letztlich immer etwas Subjektives, das anderen nur bedingt vermittelt werden kann. Wir sind in der Postmoderne angekommen. Diese markiert einen Paradigmenwechsel.

In der Theologie ging es über Jahrhunderte gerade nicht um subjektive religiöse Erfahrungen sondern um Konzepte und Theorien. Im christlichen Bereich in Deutschland unterschieden sich katholische Theologie, lutherische Theologie und reformierte Theologie. Die Theorieinhalte wurden von Theologen aus der Bibel und der Tradition entwickelt und von Kirchenleitungen in Katechismen zusammengefasst. So sollten Glaubende lernen, wie Gott mit ihnen oder mit Vertretern der Tradition kommuniziert hat. Sie sollten verstehen, wie ihre Religion als einzig wahre Weltdeutung aus der Kommunikation Gottes entsteht und in ihr den Wahrheitsgehalt findet. Gott wurde religiös normiert. Leonardo Boff, ein katholischer Theologe, schrieb: „Jahrhunderte hindurch war die Theologie argumentativ. Sie richtete sich an den Verstand der Menschen und wollte sie von der religiösen Wahrheit überzeugen.... Dabei vergaß man, dass religiöse Wahrheit niemals abstrakte Formel und Ausdruck eines logischen Gedankenschlusses ist. Zunächst und grundlegend ist sie gelebte Erfahrung: Der Mensch begegnet dem letztgültigen Sinn.“ (1) Aber in der Moderne waren die Religionen „Große Erzählungen“, die die Wahrheit verbürgten. Sie waren Deutungsmuster für jede Kommunikation, auch für die Kommunikation Gottes.


Gott der Allmächtige?

 

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Erik Flügge: "Kommunikation muss irritieren"

Ein Gespräch mit Erik Flügge, Autor des Buches "Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt."

baugerüst: „Es hört ja sowieso keiner zu“, schreiben Sie in ihrem Buch „ Der Jargon der Betroffenheit“. Wer hört noch zu?

Flügge: Die Menschen sind selber Produzenten von Kommunikation. Wer dabei heute professionell als Kommunikationsanbieter noch mitspielen will, muss, um gehört zu werden, wesentlich besser werden. Während sich Medien tatsächlich professionalisiert haben, ist das bei Predigten und Verkündigung so nicht eingetreten. Hier ist man noch genauso gut oder genauso schlecht wie vor 40 oder 50 Jahre. Das reicht heute nicht mehr.

baugerüst: Die Rede von den Kanzeln geschehe mit verschrobenen und gefühlsduselnden Wortbildern. Was stimmt nicht an der Kommunikation?

Flügge: Theologinnen und Theologen predigen mit kleinen Geschichten und Anekdoten. Alle wissen um eine historisch kritische Analyse der biblischen Inhalte und nun stehen die Theologen da und sollen die Geschichten trotzdem erzählen. Dann wird von Weihnachten wieder so berichtet, wie es nie stattgefunden hat.

baugerüst: Liegt das an den Predigern oder an den Hörern, die die Geschichten genau so hören wollen?

Flügge: In der evangelischen Kirche besuchen nur fünf Prozent der Gemeindemitglieder die Gottesdienste, bei den Katholiken sind es immerhin noch zehn Prozent. Offensichtlich interessiert sich der überwiegende Teil der Mitglieder der Kirche nicht für das, was dort gesagt wird. Diese fünf Prozent wollen die Predigten so hören, für die anderen ist aber nichts dabei.

baugerüst: Was ist eigentlich schlecht daran, Gefühle zu transportieren?

Flügge: Es ist gar nichts schlecht daran, Gefühle zu transportieren. Gefühle bauen Spannung auf. Peinlich sind die Pseudo-
inszenierungen von Gefühlen, mit so kleinen Geschichten über Spuren im Sand oder mit Tüchern und Kerzen in die Mitte. Es ist der Versuch, ein Gefühl zu erzwingen, wo die Botschaft von sich aus keines erzeugt. Stattdessen sollte man mitteilen, welche eigenen Gefühle bei dem Text, bei der Botschaft entstehen. Also nicht etwas erzwingen, sondern authentisch erzählen, um das Gegenüber dafür zu gewinnen, sich zu mir zu positionieren. Dafür oder dagegen, dann hat man Erfolg.

baugerüst: Kommunikation muss verwundern, irritieren oder erschrecken, um zu jemanden durchzudringen. Hat das nicht auch etwas von Endzeitpropheten?

Flügge: Schauen wir doch mal auf Jesus, wie ging der vor. Der irritierte, der eckte an, der erzürnte die Machthaber, der suchte sich Gegner bis sie ihn totschlugen. Das ist sein Kommunikationsmodus. Dasselbe finden wir auch bei seinen frühen Nachfolgern.
Und heute? Gerade in der evangelischen Kirche merke ich immer wieder, dass Botschaften mehrheitsfähig sein müssen. Es gibt keine Thesen, über die es sich zu streiten lohnt.

baugerüst: Was wäre ein Thema, bei dem Sie Streit vermissen?

Flügge: Zum Beispiel die Flüchtlingsfrage. Hier hat sich Kardinal Marx viel klarer positioniert, auch gegen die CSU, ohne darauf zu achten, dass unbedingt ein Konsens hergestellt werden muss.
Auch Luther war eine Figur, die provozierte und radikalisierte, der beleidigte und um sich schlug. Das Sprachniveau von Martin Luther, würde heute in der evangelischen Kirche allerorts kritisiert werden.

baugerüst: „Einer hat sauer den Raum verlassen. Immerhin hat er ihn mit der Predigt erreicht“, sagen Sie. Genügt das?

Flügge: Erfolgreiche Kommunikation spaltet immer, sie hat immer Anhänger und Ablehner zur Folge. Deutlich lässt sich das bei den evangelikalen Freikirchen mit ihrer „Jesus liebt dich Botschaft“ beobachten. Begeisterte Anhänger aber auch Menschen, die dies voller Überzeugung ablehnen.

baugerüst: Worin sehen sie hier die erfolgreiche Kommunikation?

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In welcher Gesellschaft wollen wir leben?

Ein Gespräch mit Benno Hafeneger, Professor an der Universität Marburg mit dem Schwerpunkt Außerschulische Jugendbildung, Jugendarbeit, Medien- und Kulturarbeit über den Wandel der Kommunikation, die Notwendigkeit diskursiver Debatten und über die Herausforderungen für die Bildungsarbeit.

baugerüst: Es gab noch nie so umfangreiche Möglichkeiten, sich zu informieren. Zeitungen, Radio, Fernsehprogramme, Internet und soziale Medien stehen zur Verfügung. Sind Jugendliche trotz dieser vielfältigen Quellen ausreichend informiert über politische und gesellschaftliche Entwicklungen?

Hafeneger: Man darf nicht aus einer erwachsenen Perspektive auf die junge Generation blicken und urteilen. Junge Menschen sind heute anders informiert als die Generationen vorher. Sie wachsen mit allen Facetten der Medienwelt selbstverständlich auf, eignen sie sich an und basteln sich auf ihre Art und Weise Informationen zusammen, die für sie notwendig sind. Das muss man zunächst einmal feststellen, da gibt es gar nichts zu bewerten.

baugerüst: Sie gehören also nicht zu denen, die über zurückgehendes Leseverhalten lamentieren und sich über mangelnde Informationsbereitschaft beklagen.

Hafeneger: Das Leseverhalten hat sich schon verändert, aber wir leben auch in einer Umbruchszeit und wissen nicht genau, wie wir alle diese Veränderungen in der Medienwelt im Nachhinein zu bewerten haben. Ich will die ganze Entwicklung nicht mit einem kulturpessimistischen Blick betrachten. Auch die Jugendstudien zeigen ja, dass das Interesse an politischen Fragen nicht zurückgegangen ist, lediglich die Zugänge haben sich verändert.

baugerüst: Mit jedem neuen Medium hat sich auch die Kommunikation verändert. Wie nehmen sie diese Veränderungen bei Jugendlichen wahr?

Hafeneger: Die gravierendste Veränderung ist wohl die, dass Jugendliche und überhaupt wir alle ständig einen Zugang zur Welt haben. Wir können Tag und Nacht an allem, was in der Welt passiert teilnehmen. Trotzdem bezieht sich die Informationsbereitschaft zunächst auf die eigene Umwelt. Jugendliche sind ständig in Kommunikation über ihre Lebensthemen, in ihren Peer-Zusammenhängen, bei ihrer Organisation von Leben, Freizeit und Kultur. Dabei sind sie ständig eingebunden in die sozialen Medien.

baugerüst: Zunächst geht es also um Kommunikation der eigenen Themen, der eigenen Lebenswelt.

Hafeneger: Ja, der Blick in die Welt, auf die politischen Probleme, in die Gesellschaft, das ist zunächst nicht das zentrale Kommunikationsanliegen junger Menschen, aber auch nicht der Erwachsenen. Alle kommunizieren zuerst einmal darüber, was sie unmittelbar interessiert. Nun gab es vor der jüngsten Medienentwicklung zwar einen Filter zwischen der eigenen Lebenswelt und der großen Welt, der einiges sortierte, aber mit zwei Fernsehprogrammen und eventuell einer Tageszeitung war man trotzdem nicht verbunden mit den Lebensthemen der Welt.
Heute können wir jeden Tag wahrnehmen was in Afrika, Syrien, in der Türkei geschieht. Alle Themen der Welt sind ständig präsent und es gibt keine Tabus. Jugendliche haben einen ständigen unmittelbaren Zugang, sind aber auch nicht mehr geschützt vor dem, was ständig auf sie einprasselt. Das ist historisch gesehen eine ganz neue Situation.

baugerüst: Bei vielen Themen haben wir heute eine Vermischung von Information und Unterhaltung.

Hafeneger: Das ist der zentrale Wandel in der Mediengesellschaft. Informationen werden mit Unterhaltung vermischt, es wird personalisiert und skandalisiert, vieles ohne ausreichende Recherche. Die schnelle, zugespitzte, betroffen machende Information ist angesagt. Das ist nicht nur ein Medienphänomen, sondern ein Kulturphänomen mit dem die junge Generation ganz neu konfrontiert wird.

baugerüst: Medien produzieren heute permanent Nachrichten, auch aus wirtschaftlichen Gründen.

Hafeneger: In unserer Beschleunigungs-, Ereignis-, Dramatisierungs- und Personalisierungsgesellschaft  müssen wir alle ständig prüfen und sortieren, was ist Wahrheit, welche Relevanz hat die Information, handelt es sich um Fake news, welchen Interessen dienen sie, sind es vorgeschobene Argumente u.v.a.m. Das ist die Herausforderung. Entweder man fällt auf gemachte Informationen herein oder man entwickelt die Fähigkeit kritisch zu sein und nicht alles zu glauben. Das ist der Preis der Beschleunigungs- und Ereigniskultur.

baugerüst: Wo lernen Jugendliche diskursiv zu diskutieren?

Hafeneger: Hier sind alle bildenden und erziehenden Institutionen vom Kindergarten bis zur Hochschule herausgefordert, Kompetenzen für den Umgang mit Medien zu vermitteln. Natürlich auch das Elternhaus. Insbesondere aber müssen Kulturarbeit, Jugendarbeit, politische Bildung Gegenmodelle zur marktinduzierten Alltagswelt anbieten. Notwendig ist: noch einmal recherchieren, noch einmal nachfragen, sich selbst eine Meinung bilden, nicht vermeintlich Autoritäten folgen. Das gehört alles in den Bereich von Erziehung und Bildung der Institutionen und Organisationen.

baugerüst: Sind die Institutionen hierzu in der Lage?

Hafeneger: Obwohl die Institutionen oft selber getrieben von Beschleunigung sind, müssen sie ein Gegenmodell anbieten, müssen Bildungsgelegenheit schaffen und auf das Widerspenstige bestehen, auch in der politischen Kultur.

baugerüst: Wie beurteilen Sie die Situation der außerschulischen Jugendbildung?

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Nikola Poitzmann: Kommunikation von Mensch zu Mensch

 

Gewaltfreie Kommunikation als Türöffner in der Jugendarbeit

Jeder Mensch hat aus seiner Sicht seine guten Gründe, dass er so reagiert, wie er im Moment reagiert, lautet die Annahme von Vertretern des Konstruktivismus. Marshall B. Rosenberg, Begründer der Gewaltfreien Kommunikation (1), führt diese These sogar noch weiter, denn er ist davon überzeugt, dass jede menschliche Handlung ein Versuch sei, eigene Bedürfnisse zu erfüllen. Im ersten Moment klingt diese Annahme einleuchtend. Doch dann denke ich an meine Gruppe geflüchteter Jugendlicher, die ich gerade betreue und die zu jedem Start eines neuen Programmpunkts zehn bis zwanzig Minuten zu spät kommen. Das ärgert mich, weil mir Zuverlässigkeit und Struktur wichtig sind. Ich nehme mir vor, beim nächsten Treffen diesen Punkt mit den Jugendlichen noch mal anzusprechen und herauszufinden, welche Motivationen dahinterstecken.


Eine „Schandtat“ aus der Jugend

Wer zurück an seine eigene Jugendzeit denkt, dem fällt es sicher leichter, die Beweggründe hinter dem eigenen nicht immer regelkonformen Verhalten zu erkennen. Ich erinnere mich an einen lauen Sommerabend im Frühjahr 1995. Ich war 16, sehr verliebt und wollte mit meinem neuen Freund auf eine Party gehen. Da ich am nächsten Tag früh Schule hatte, verboten mir meine Eltern den Ausgang. Ich war wütend und fest entschlossen, dieses Verbot nicht zu akzeptieren. Also tat ich so, als ob ich schliefe, machte mich dann klammheimlich fertig für den Abend und plante, über den Balkon nach draußen zu klettern, wo mein Freund bereits mit seinem Auto wartete. Doch der Ausstieg endete so, dass ich beim Überklettern der Balustrade einen Blumenkasten mitriss, der lautstark auf der Terrasse aufschlug und meine Eltern samt Nachbarn weckte. Mein Freund fuhr ohne mich auf eine legendäre Party, über die noch wochenlang gesprochen wurde.

Ich war wütend auf meine Eltern, sie auf mich und die Folge waren zwei Wochen Hausarrest. Unsere Beziehung war wochenlang gestört. Meine Eltern hielten mich für einen pubertierenden Teenager, der sich an keine Regeln halten konnte; ich fühlte mich missverstanden und in meiner Freiheit und Autonomie beraubt. Dadurch dass keine*r der Beteiligten mit seinen eigenen Gefühlen und Bedürfnissen verbunden war und wir uns nicht ineinander einfühlen konnten, führte der Konflikt zu einer noch angespannteren Beziehung, die erst langsam wieder gekittet werden konnte.


Grundlagen der GFK

Doch nicht nur Eltern, auch Menschen in pädagogischen Berufen neigen bei Konflikten mit Kindern und Jugendlichen zu Strafen und Maßnahmen „ohne Diskussion“ oder dazu, mit den ihnen anvertrauten jungen Menschen über Schuld und Unrecht zu diskutieren.
GFK hingegen versucht, die destruktive Spirale von direkten oder impliziten Vorwürfen und Schuldzuweisungen durch ein strukturiertes Vier-Schritte-Modell zu durchbrechen und damit eine Kommunikation auf Augenhöhe zu ermöglichen, die dann wieder Verbindung zulässt. Gefühle und Bedürfnisse (2) hinter Handlungen und Reaktionen erkennen zu können, kommt eine zentrale Rolle zu.

Das Vier-Schritte-Modell der GFK:
1. Wahrnehmung: Eine konkrete Handlung wird beschrieben, ohne zu werten oder zu interpretieren.
2. Gefühle: Das Gefühl, das mit der Wahrnehmung in Verbindung steht, wird formuliert.
3. Bedürfnis: Das hinter dem Gefühl stehende Bedürfnis wird ausgedrückt.
4. Bitte oder Frage: Eine Bitte um eine konkrete Handlung oder eine Frage wird geäußert.

Marshall Rosenberg entwickelte die GFK – auch oft Wertschätzende Kommunikation genannt – in den 60er Jahren zu Zeiten der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Als Schüler Carl Rogers entwickelte er die Konzepte der Gesprächsführung in der Humanistischen Psychologie (Aktives Zuhören und das Mitteilen von Ich-Botschaften) um die Perspektive der Bedürfnisorientierung weiter. Beeinflusst wurde er zudem von Thomas Gordon und Mahatma Ghandi.

Macht mit statt Macht über Menschen

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Weiterlesen in Heft 2/18

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Autorinnen und Autoren

Dr. Roland Bader, Hildesheim
Professor für Medienpädagogik

Ingo Dachwitz, Berlin
Redakteur bei netzpolitik.org

Dr. Sven Evers,
Oldenburg
Landesjugendpfarrer, Vors. aej

Sabine Feierabend,
Stuttgart
SWR, Medienwissenschaftlerin

Erik Flügge, Köln
Germanist

Michael Freitag, Hannover
Grundsatzreferent der aej

Annika Gramoll, Mainz
Referentin für gesellschaftspolitische Jugendbildung

Michael Grunewald, Mainz
Soziologe

Dr. Benno Hafeneger, Frankfurt
Professor, Erziehungswissenschaften Uni Marburg

Johanna Haberer, Erlangen
Professorin für Theologie

Steffen Jung, Anweiler
Pfarrer und Schulleiter

Winni Kitzmann, Heidelberg
Student, Vorstand von 3ALOG

Felix Neumann, Bonn
Social-Media-Redakteur

Kathrin Oxen, Wittenberg
Pfarrerin

Theresa Plankenhorn, Stuttgart
Landesanstalt für Kommunikation Badeb Württemberg

Nikola Poitzmann, Darmstadt
Trainerin für gewaltfreie Kommunikation

Thomas Rathgeb, Stuttgart
Landesanstalt für Kommunikation Badeb Württemberg

Lucas Scheel, Oldenburg
Referent für Öffentlichkeitsarbeit

Björn Schreiber, Berlin
Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia

Aylin Ürüncü, Heidelberg
Studientin, Workshop-Teamerin

Florian Wenzel, München
Akademie Führung & Kompetenz am Centrum
für angewandte Politikforschung (CAP)

Max Zeterberg, Kassel
Mitarbeiter beim VCP

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