das baugerüst 3/18

Übergänge schaffen

zwischen Konfirmandenarbeit und Jugendarbeit

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Inhalt

  • hintergrund
    Wolfgang Ilg: Konfirmiert - und dann?
    Empirische Erkenntnisse zur Nachhaltigkeit der Konfirmandenzeit

    Thomas Ebinger: Konfi 3
    Lasset die Kinder zu mir kommen und nehmt ihre Eltern ernst

    Herbert Kolb: Nachhaltige Konfi-Arbeit

    Stefan Brüne: "Mit dem heutigen Tag schließe ich mit meiner Kindeheit ab"
    Feier zur Lebenswende


    Sönke von Stemm: Mach mit im Team!
    Beobachtungen aus der Praxis zum Verhältnis von Jugendarbeit und Konfirmandenarbeit

    Ulrike Bruinings: Das YouVent in Baden
    Jugendevent mit Konfis!!


  • gespräch
    Konfirmation: Junge Menschen prüfen, was Kirche ihnen bedeutet
    Ein Gespräch mit Michael Domsgen,
    Professor für Religionspädagogik, über die Motivation junger Menschen, sich konfirmieren zu lassen, über einen Perspektivwechsel bei der Konfirmandenprüfung und über das, was Kirche neu zu lernen hat.

  • standpunkt
    Bernd Wildermuth: Das mehr liegt außerhalb
    ZUm Verhältnis von Konfirmandenarbeit und Jugendarbeit

  • forum
    Michael Hempel und Angelika Pfeiler: "Für Utopie ist´s nie zu früh"

    Heike Siebert: Blickwechsel
    Konfirmandenarbeit - Jugendarbeit in Kontakt bringen und Brücken bauen

    Martin Klein: KABUM
    Konfirmierte am bayerischen Untermain

    Andreas Sommer: Vom Konfiteamer zur Jugendarbeit

    Christian Leibner: Verknüpfungsversuche
    von Konfirmandenarbeit und Jugendarbeit im Evangelischen Dekanat Schotten

    Uwe Stenglein-Hektor: Sehnsucht, die bleibt
    Das Augsburger KonfiCamp ist ein Schrittmacher für die Jugendarbeit

    Cornelia Dassler: TNT: Trust 'n Try
    Konficamps in Wittenberg - Nobelpreisverdächtig oder Sprengstoff für die Jugendarbeit?

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Wolfgang Noack: Anschluss gesucht

In den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts erschien im SPIEGEL ein Artikel über die Konfirmation. Illustriert wurde der Text mit einer Karikatur, in der ein Pfarrer von der Kanzel herab, sich von seinen Konfirmanden (gegendert wurde damals noch nicht) mit den Worten verabschiedete: „Wir sehen uns heute das letzte mal, aber durch die Kirchensteuer sind wir ewig verbunden.“
Viel hat sich seitdem verändert. Die finanzielle Verbundenheit ist nicht mehr garantiert. Aber auch sonst. Aus „Unterricht“  wurde „Arbeit“, nicht mehr gestrenge Theologen, sondern eine große Schar multiprofessioneller Menschen - beruflich und ehrenamtlich - kümmern sich um die jungen Menschen und Luthers Kleiner Katechismus muss auch nicht mehr auswendig gelernt werden (zumindest nicht mehr diese ganzen Zusatzpassagen: Was ist das? Was heißt das? usw.). Die Lebenswelt der Jugendlichen rückte in den Mittelpunkt, aus den wöchentlichen „Konfers“ wurden Wochenende und Camps und wer einmal begeistert dabei war, wollte im nächsten Jahr unbedingt Teamer werden. Konzepte wurden geschrieben, Methoden aus der Jugendarbeit adaptiert, Fortbildungen angeboten - die Religionspädagogik schien die Zeichen der Zeit erkannt zu haben.
Nur mit der anschließenden Jugendarbeit klappte es nicht mehr richtig. Noch einmal ein Griff in das letzte Jahrhundert: Kurz vor der Konfirmandenprüfung ging der „Jugendleiter“ (so hießen die damals noch) mit einer hektographierten Einladung (das war so etwas wie WhatsApp nur auf Papier) in den Konfirmandenunterricht und lud für die Zeit nach Ostern zu einer neuen Jugendgruppe ein. Fast alle kamen. Dass dies heute nicht mehr so funktioniert, hat viele Ursachen.
Seitdem ist von verknüpfen, verbinden, überbrücken, die Ufer wechseln, Anschlüsse schaffen, Übergänge herstellen usw. die Rede. Die Debatte von der Konfi- zur Jugendarbeit und zurück wird je nach Interesse und Herkunft pragmatisch oder ideologisch geführt.

Nach zehn Jahren greift das baugerüst wieder das Thema Konfirmanden- und Jugendarbeit in einem Heft auf (das von 2008 ist vergriffen).
Die Beiträge in dieser Ausgabe beschäftigen sich in erster Linie mit dem Verhältnis von Konfirmanden- und Jugendarbeit. Dabei werden immer wieder fünf Punkte genannt. Der Wunsch sich konfirmieren zu lassen ist zwar nicht mehr selbstverständlich (gerade in den östlichen Bundesländern), aber nach wie vor sehr hoch. Die heutige Konfi-Zeit mit den verschiedenen Erfahrungs- und Erlebniselementen wird überwiegend positiv bewertet. Viele wollen nach der eigenen Konfirmation TeamerIn werden. Bei den Angeboten für Konfirmanden mitzuarbeiten oder Teamer zu begleiten und auszubilden ist ein fester Bestandteil der Arbeit Hauptberuflicher geworden, der viel Zeit in Anspruch nimmt. Der Gruppe der TeamerInnen längerfristig für die Jugendarbeit zu gewinnen ist zwar der Wunsch, gelingt aber nicht immer.

In dem Gefüge Konfirmandenarbeit und Jugendarbeit sind neben den KonfirmandInnen selbst vier Player bzw. Interessen beteiligt. Die beruflichen MitarbeiterInnen, die Jugendliche für die Angebote der Jugendarbeit gewinnen wollen, die Vorgesetzten der JugendreferentInnen in der Gemeinde und im Dekanat, die diese Beruflichen für die Konfi-Arbeit in die Pflicht nehmen wollen, die Jugendlichen, die von der Teamerarbeit begeistert sind und last but not least, der Jugendverband, der selbstständig agiert und nicht in den Angeboten für Konfis aufgehen (oder sich aufgeben) will. Diese Interessen auszugleichen ist nicht immer konfliktfrei. Die Beiträge in diesem Heft nehmen diese Diskussion auf.

Marcell Saß sieht die beiden kirchlichen Arbeitsbereiche im Spannungsfeld von Institution und Bewegung und Bernd Wildermuth argumentiert in dem standpunkt: „Anders als das Bild von der Verknüpfung, zeigt das Bild der Brücke, dass Konfirmandenarbeit und Jugendarbeit grundsätzlich zwei verschiedene Arbeitsfelder sind und bleiben sollen.“
Die Konfirmandenzeit mit Hilfe der Jugendarbeit interessant, erlebnisreich und mit einem anderen Bild von Kirche zu gestalten, kann also nur eine Seite der Medaille sein. „Freiwilligkeit, Partizipation und Selbstbestimmung, sind eben nicht die Organisationsprinzipien der Konfirmandenarbeit und können es auch nicht sein.“ (Bernd Wildermuth)

Etwas anderes kommt noch hinzu. Von Kirchenleitung - aber nicht nur - wird vom Gesamtkatechumenat gesprochen, wenn die beiden Arbeitsfelder in den Blick genommen werden. Michael Domsgen weitet diesen Blick, wenn er fordert, durch die Konfirmationsgottesdienste (bzw. durch die gesamte Konfirmandenzeit) „kann oft  die ganz andere Lebenswirklichkeit der Jugendlichen in den Blick genommen werden“.  „Kirche muss lernen, dass die Vielfalt, die Menschen mitbringen, sich auch in unseren Gemeinden abbilden muss“. Das kann und muss zu Veränderungen führen.

Jugendarbeit kann beitragen, diesen Blick zu weiten. Das ist mehr als die Mitwirkung bei einer kirchlichen Amtshandlung und mehr als der Versuch, „13 und 14-jährige Mädchen und Jungen bei der „Stange“ zu halten“ (Bernd Wildermuth).
Die Angebote für Jugendliche (und Kinder) bleiben ein eigenständiges Angebot. 

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Oliver Teufel: Übergänge schaffen

Von den Chancen und Schwierigkeiten einer Verknüpfung von Konfirmanden- und Jugendarbeit

Es gab Zeiten, da schauten die Vertreter*innen der Jugendarbeit großenteils kritisch auf die Konfirmandenarbeit: Diese Pflichtveranstaltung mit festem Unterrichtskanon passte so gar nicht zu den Prinzipien der Jugendarbeit: Partizipation, Freiwilligkeit und Selbstbestimmung schienen hier keinen Platz zu haben.

Doch seit einigen Jahren hat sich die Stimmung an vielen Orten gewandelt. Die Verknüpfung von Konfirmanden- und Jugendarbeit ist en vogue:  Übergänge sollen geschaffen und aus Konfirmierten aktive Nutzer*innen und Mitgestalter*innen der Jugendarbeit werden. Dafür werden – ganz entgegen dem allgemeinen Kürzungstrend – Stellen geschaffen oder mit dem Schwerpunkt Konfirmandenarbeit neu profiliert. Kaum ein Jugendarbeitskonzept kommt ohne Bezugnahme auf die Konfirmandenarbeit aus und Konfiteamer-Schulungen sind sehr oft selbstverständlicher Teil der Jugendarbeit.

Gute Gründe für eine Verknüpfung

Aus der Perspektive der Jugendarbeit gibt es auch eine Reihe von guten Gründen für eine Verknüpfung mit der Konfirmandenarbeit:

Nachwuchsgewinnung
Über 90 Prozent der evangelischen Jugendlichen lassen sich konfirmieren. Jedes Jahr feiern rund 230.000 Jungen und Mädchen in Deutschland das Fest der Konfirmation – das sind 230.000 potenzielle Mitarbeiter*innen in der Jugendarbeit und Nutzer*innen ihrer Angebote.
In der Konfirmandenzeit haben die Jugendlichen die Möglichkeit, die Gemeinde und hoffentlich auch die Jugendarbeit kennenzulernen. Die Konfirmandenzeit ist eine einmalige Chance, mit fast allen Jugendlichen aus einem Jahrgang in Kontakt zu kommen und ihnen die Attraktivität der Jugendarbeit näher zu bringen.

Milieuübergreifende Arbeit
Die Tatsache, dass fast alle evangelischen Jugendlichen aus einem Jahrgang an der Konfirmandenarbeit teilnehmen, führt dazu, dass es wahrscheinlich das kirchliche Handlungsfeld mit der größten Milieubreite ist. Während auch die Jugendarbeit oft durch wenige Milieugruppen dominiert ist, können Haupt- und Ehrenamtliche in der Konfirmandenarbeit auch Jugendlichen aus Milieus begegnen, mit denen sie sonst wenig oder gar nichts zu tun haben. Das erweitert den Horizont und kann helfen, die eigene Jugendarbeit auf produktive Weise infrage zu stellen und vielleicht auch entsprechende Konsequenzen zu ziehen.

Kontinuität aus der Kinder- in die Jugendarbeit
Die Jugendarbeit ist oft eng mit der Arbeit mit Kindern verbunden: In der Jugendarbeit aktive Jugendliche haben zum Teil schon eine »Karriere« als Kindergruppen-Kind hinter sich, Hauptberufliche verantworten Kinder- und Jugendarbeit, und ehrenamtliche Jugendliche arbeiten als Betreuer*innen in Kindergruppen mit. Zwischen beiden Arbeitsfeldern liegen aber ein bis zwei Jahre Konfirmandenzeit, die als Übergangszeit zwar einerseits durchaus sinnvoll sein können, aber mitunter auch dazu führen, dass Kontakte verloren gehen. Auf der Grundlage guter Konzepte kann ein Engagement der Jugendarbeit in der Konfirmandenarbeit dazu beitragen, in Kontakt zu bleiben und die Jugendlichen auch in dieser Zeit zu begleiten.

Arbeitsfeld für Ehrenamtliche
Ehrenamtsausbildungen wie zum Beispiel Juleica und start up! haben für Jugendliche eine hohe Attraktivität. Diese Ausbildungen qualifizieren unter anderem dazu, (Klein-)Gruppen zu moderieren, Spiele anzuleiten und Themen jugendgerecht aufzubereiten. An manchen Orten boomen diese Ausbildungen so, dass es danach gar nicht so einfach ist, für alle zertifizierten Jugendlichen ein geeignetes Betätigungsfeld zu finden. Neben verschiedenen Kindergruppen ist hier die Konfirmandenarbeit ein überall vorhandener Bereich, in dem sich die Jugendlichen als ehrenamtliche Mitarbeiter*innen ausprobieren können. Umgekehrt ist für viele Jugendliche das Ziel, als Teamer*in in der Konfirmandenarbeit dabei zu sein oder als Betreuer*in auf die Konfi-Freizeit mitzufahren, die entscheidende Motivation, sich für eine Teamerschulug anzumelden.

Religionspädagogische Impulse
Religionspädagogische Inhalte spielen in der Konfirmandenarbeit naturgemäß eine große Rolle. In vielen Gemeinden sind innovative Formen entstanden, religiöse Inhalte zu thematisieren und jugendgemäße Spiritualität zu leben. Von der Begegnung damit kann die Jugendarbeit mitunter wertvolle Impulse für die eigene Arbeit mitnehmen.


Wie kann eine Verknüpfung zwischen Konfirmanden- und Jugendarbeit konkret aussehen?

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Marcell Saß: Kirche gestalten im Kontext der Verknüpfung von Konfirmandenzeit und Jugendarbeit

Die Fülle von Materialien (1) dokumentiert: In der intensiven Vernetzung von Konfirmandenzeit und Jugendarbeit wird eine produktive Antwort auf kirchliche Marginalisierungsprozesse unter jungen Menschen gesehen. (2) Grundsätzlich scheinen sowohl Jugendarbeit als auch Konfirmandenzeit davon zu profitieren. Methoden der Jugendarbeit bereichern die Konfirmandenzeit, kirchliche Bindungen junger Menschen werden so gestärkt. Gleichwohl trifft diese enge Kooperationen nicht bei allen Beteiligten auf uneingeschränkte Zustimmung. Spannungen betreffen hier vor allem das evangelische Kirchenverständnis und daraus unmittelbar folgend die Frage einer Neuformatierung kirchlicher Berufstheorien.


Jugendarbeit und Konfirmandenzeit - im Spannungsfeld von
Institution und Bewegung


Auf Seiten der Jugendarbeit wird häufig, eher institutionenkritisch, das Prinzip der Freiwilligkeit gegenüber der „Zwangsveranstaltung“ Konfirmandenzeit betont und Vereinnahmungstendenzen befürchtet. Das erklärt sich auch historisch aus der Genese der Jugendarbeit, deren wesentliche Schwerpunkte im Horizont sozialdiakonischer Bemühungen, (politischer) Impulse der Studenten- bzw. Jugendbewegungen sowie pietistisch-erweckungsbewegter Anregungen ausgeprägt und oftmals im Gegenüber zur verfassten Kirche gestaltet wurden. (3) Dieses Selbst-Bewusstsein eines Gegenübers zur Institution Kirche prägt bis heute organisatorische Struktur und individuellen Habitus vieler in der Jugendarbeit Engagierter. Die Verknüpfung von Konfirmandenzeit und Jugendarbeit reagiert nun auf die auch für die Jugendarbeit unübersehbaren Transformationsprozesse im Zeitalter von Globalisierung, Individualisierung und Digitalisierung. Es ist offenkundig, dass mancherlei überkommene Formen Evang. Jugendarbeit seit den späten 1960er Jahren in einer spätmodernen Gesellschaft an ihre Grenzen geraten. Gleichwohl bleibt ein tendenziell emanzipatorischer Diskurs bedeutsam für potentielle Verknüpfungen der evangelischen Jugendarbeit mit der Konfirmandenzeit. Perspektivisch bedarf es daher auch einer Reflexion der diese Bereiche bestimmenden Diskurse mitsamt ihren jeweiligen Ausschließungspraktiken und Steuerungsmechanismen. (4)

Die Konfirmandenzeit unterliegt nun nach wie vor einer hohen binnenkirchlichen Erwartung, was die erwünschten Formen der Partizipation an kirchengemeindlichen Angeboten nach der Konfirmation betrifft, anders formuliert: Konfirmandenzeit folgt, ungeachtet aller Reformversuche seit den 1960er Jahren, weitgehend einer kerngemeindlichen, parochialen Logik. Diese Logik ist nach wie vor stark am agendarischen Sonntagsgottesdienst ausgerichtet und zudem klar pastoral zentriert.

Dass nun offene, die Parochie überschreitende Formen der Jugendarbeit hierzu in Spannung stehen, ist offenkundig. Damit stellt sich am Ort der Verknüpfung von Konfirmandenzeit und Jugendarbeit paradigmatisch eine kirchentheoretisch wichtige Frage, nämlich die der zukunftsfähigen Gestaltung und Organisation der evangelischen Kirche im Spannungsfeld von „Organisation, Institution, Interaktion und Inszenierung“ (5).

Empirische Studien zur Konfirmandenzeit (6) zeigen deutlich eine Ambivalenz zwischen dem organisationssoziologisch nachvollziehbaren Wunsch der Reproduktion der Institution durch die Konfirmandenzeit und der gleichzeitigen Hoffnung auf nachhaltige Erfahrungen sowie die Förderung individueller Spiritualität junger Menschen. (7) Vereinfacht gesagt dominiert nach wie vor ein eher kirchlich-institutioneller Diskurs die Konfirmandenzeit, während die Jugendarbeit zumindest in ihrem Selbstverständnis sich dazu eher abgrenzend verhält.

Durch die in den letzten gut zehn Jahren forcierte Verzahnung der beiden Arbeitsbereiche sind nun zwei über lange Zeiträume unabhängige Bereiche kirchlicher Praxis sukzessive transformiert worden, ohne jedoch – soweit ich sehe – die darin liegenden diskursiven Mechanismen intensiv zu reflektieren.

Die Beteiligung der Jugendarbeit hat den pfarramtlich zentrierten, vornehmlich katechetisch orientierten Konfirmanden-Unterricht zumindest in Ansätzen zu einer die Lebenslagen junger Menschen wahrnehmenden Arbeit mit Konfirmandinnen und Konfirmanden verändert. Gleichzeitig ist damit auch ein Wandel von Grundüberzeugungen evangelischer Jugendarbeiterinnen und -arbeiter gefordert; das wird von manchen durchaus als schmerzlich erlebt, verbunden mit der Frage, wer hier gewinnt, wer verliert. Es geht dabei nicht nur um die Frage, wie Evangelische Jugendarbeit ihr eigenes Profil schärfen könnte. In den skizzierten Diskursen begegnen Ausschließungspraktiken, die den Blick auf die grundlegende, gemeinsam zu bearbeitende Frage nach der zukünftigen Gestalt der evangelischen Kirche bisweilen verstellen können.

Selbstverständlich liegen in einer Vernetzung beider Arbeitsbereiche große Chancen. Partizipationsmöglichkeiten zu eröffnen oder das Engagement junger Menschen durch die Übertragung von Verantwortung zu fördern sind wichtig. Denn eine exklusive Orientierung der Jugendarbeit etwa an sozial-politischen oder diakonischen Paradigmen ist vermutlich kaum mehr plausibel.

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Wolfgang Ilg: Konfirmiert - und dann?

Empirische Erkenntnisse zur Nachhaltigkeit der Konfirmandenzeit

 

Knapp 200.000 Jugendliche lassen sich jedes Jahr in Deutschland konfirmieren. Was aber bleibt bei den Jugendlichen in Erinnerung? Welche Erfahrungen, Inhalte und Einstellungen werden in der Konfi-Zeit geprägt? Die Tübinger Studien zur Konfirmandenarbeit gingen diesen Fragen mit einer Längsschnittuntersuchung auf den Grund.

Über 10.000 Jugendliche aus repräsentativ ausgewählten Kirchengemeinden in ganz Deutschland wurden während ihrer Konfi-Zeit im Jahr 2012/13 mit Fragebögen befragt – einmal zu Beginn der Konfi-Zeit, zum zweiten Mal kurz vor der Konfirmation. Zudem gelang es, einen Teil der Konfirmanden auch zwei bzw. vier Jahre nach ihrer Konfirmation mit einer dritten bzw. vierten Befragung nochmals um Auskünfte zu bitten. Die Antworten aus den Fragebögen wurden durch qualitative Interviews mit jugendlichen Teamern sowie jungen Erwachsenen begleitet.(1) Einige zentrale Erkenntnisse werden vorgestellt und interpretiert.


Rückblick auf den Konfirmationstag

Wie wichtig die Konfirmation für die Jugendlichen ist, war selbst für kirchliche Insider überraschend: Über die Hälfte der befragten 16-Jährigen empfanden die Konfirmation noch zwei Jahre danach als einen „der wichtigsten Tage in meinem bisherigen Leben“ – eine ganz ähnliche Wertschätzung der Konfirmation wie sie von einem Großteil der Eltern bereits in der ersten Konfirmandenstudie berichtet wurde. Bei der Konfirmation spielt der Segen ebenso eine Rolle wie das Familienfest (wann reist schon mal die ganze Verwandtschaft wegen eines Jugendlichen an?) und – natürlich – auch die Geschenke, letztere bei Jungen mehr als bei Mädchen.

Die Zahlen widersprechen manchen im kirchlichen Raum beliebten Selbstmarginalisierungen („die Jugendlichen fangen doch mit Kirche nichts mehr an“): Weitgehend unverändert lassen sich etwa 90% der evangelischen Jugendlichen konfirmieren. Und sie erleben gerade an ihrer Konfirmation einen der wichtigsten Tage überhaupt. Durchaus ein Anlass, das Fest der Konfirmation mit Engagement auch seitens der Kirchengemeinden zu feiern, um Jugendlichen zu verdeutlichen, dass sie in der Kirche willkommen und wertgeschätzt sind!


Einstellungen zu Glaube und Kirche


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Stefan Brüne: "Mit dem heitigen Tag schließe ich mit meiner Kindheit ab"

Feier zur Lebenswende

Seit fast sieben Jahren beschäftige ich mich mit der Entwicklung von religiösen Jugendfeiern wie der Segensfeier und der Feier zur Lebenswende. Immer wieder erlebe ich, wie wichtig und bewegend dieses Angebot für die Jugendlichen, die Eltern, aber auch für die beteiligten Lehrer und Gemeindepädagogen ist. Ich glaube, dass die Kraft von rituellen Handlungen - speziell von Segenshandlungen – so groß ist, weil sie das Herz und den Geist ansprechen. Immer wieder bin ich auch selber von der Wirkung überrascht. Ich erinnere mich gerne an den Moment, bei dem ich für meinen jetzigen Auftrag gesegnet wurde. Ich war da schon mehr als ein halbes Jahr im Amt. Äußerlich hat sich durch die Segnung nichts verändert, trotzdem hatte sie eine große innere Wirkung auf mich. So ähnlich erlebe ich die Wirkung auf die Jugendlichen und deren Eltern bei den religiösen Jugendfeiern, und das, obwohl die teilnehmenden Menschen von sich behaupten, dass sie nicht religiös sind und nicht an Gott glauben. Viele Kinder meiner Freunde sind, so wie meine Töchter, gerade in der Lebensphase, wo es darum geht, sein Leben komplett selbst in die Hand zu nehmen. Ich nehme wahr, dass es für die jungen Menschen alles andere als einfach ist, den Weg in ein selbstbestimmtes Leben zu finden. Es scheint mir, dass der Übergang zwischen Kind und Erwachsenem gerade in unserer Welt mit ihren vielen Möglichkeiten alles andere als einfach ist. Rituale setzen in dem Prozess des Erwachsenwerdens klare Punkte und Schwellen. Der Segen bietet Zuspruch und Vertrauen. Erfolgreiche Jugendweihe 

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Konfirmation: Junge Menschen prüfen, was Kirche ihnen bedeutet

Ein Gespräch mit Michael Domsgen, Professor für Religionspädagogik, über die Motivation, sich konfirmieren zu lassen, über einen Perspektivwechsel bei der Konfirmandenprüfung und über das, was Kirche neu zu lernen hat.

baugerüst: 20.000 Jugendliche lassen sich im Jahr in Deutschland konfirmieren. Welche Bedeutung hat die Konfirmation für Jugendliche?

Domsgen: Diejenigen, die sich konfirmieren lassen, beurteilen dies auch positiv. Das wissen wir aus den bundesweiten Studien zur Konfirmandenarbeit. Für die, die nicht kirchlich sozialisiert wurden, hat die Konfirmation kaum oder gar keine persönliche Bedeutung. Die allermeisten von ihnen, wir reden hier von ungefähr 40 Prozent der Jugendlichen, nehmen an keinem öffentlichen Übergangsritual teil.

baugerüst: Was verbinden Jugendliche, die sich konfirmieren lassen mit diesem kirchlichen Angebot?

Domsgen: Die Konfirmation agiert ja im Fahrwasser familiärer Sozialisation und hat hierfür auch eine grundlegende Bedeutung. Wo diese Prägungen nicht vorhanden sind, hat es die Konfirmation sehr schwer. Die Konfirmation und die Konfirmandenarbeit entsprechen mehrheitlich den Erwartungen der Eltern, die dies gerne für ihre Kinder haben wollen und den Jugendlichen, die daran teilnehmen.
Mehrheitlich ist dieses Angebot positiv besetzt. Gleichzeitig gibt es alarmierende Befunde. Über ein Drittel der Befragten gab an, sie würden sich am liebsten ohne die vorherige Konfi-Arbeit konfirmieren lassen.

baugerüst: Die Konfirmation war früher eine Passage zum Übergang ins Erwachsenenalter. Hat dieser Passageritus noch eine Bedeutung?

Domsgen: Diese Passage in das Erwachsenenleben gibt es ja heute so nicht mehr. Die Feier ist das Entscheidende. Die Konfirmation ist ein Fest, das zum großen Teil familiär bestimmt ist. Wir könnten hier von einer Ritualisierung einer intergenerationalen Praxis sprechen. Wenn man so ein Fest gern haben möchte, nimmt man auch in Kauf, sich vorher eineinhalb Jahre irgendwie in der Vorbereitung abzumühen.

baugerüst: Sind die Familienfeiern auch der Grund, warum viele Jugendliche gerade in Ostdeutschland die Angebote der religiösen Jugendfeiern annehmen?

Domsgen: Das denke ich schon. Obwohl es diese Passage zum Erwachsenwerden so nicht mehr gibt, wird der Übergang von der Kindheit in die Jugend als ein feierwürdiger Anlass gesehen. Das gilt eben nicht nur im Hinblick auf die Konfirmation, sondern, speziell im Osten, auch für die Jugendweihe, an der immer noch 30-40 Prozent eines Jahrgangs teilnehmen. Auch auf die religiösen Jugendfeiern trifft das zu. Eine große Mehrheit hat verinnerlicht: Wenn man 14 ist, feiert man etwas, so wie das die eigenen Eltern auch schon getan haben.

baugerüst: In der Vorbereitung auf die Jugendweihe beschäftigen sich Jugendliche mit Themen des Erwachsenenwerdens.

Domsgen: Ja. Dahinter steht auch, ich werde jetzt ein mündiger Mensch. Für die Konfirmation lässt sich Vergleichbares sagen. Allerdings kommt es nicht immer so stark zum Ausdruck, weil hier neben dem Jugendlichen auch die Kirche mit in den Blick kommt, die als Institution auch eigene Interessen hat. Die Jugendlichen kommen zwar mit ihrer Lebensgeschichte und ihren Interessen vor, sollen aber eben auch kirchlich sozialisiert werden.

baugerüst: Die Konfirmandenzeit ist immer noch geprägt von einer kerngemeindlichen, parochialen Logik.

Domsgen: Zwei Aspekte spielen hier eine Rolle. Innerkirchlich wird kommuniziert, die Jugendlichen bekennen sich mit der Konfirmation zu ihrem Glauben, in den sie getauft wurden. Jetzt sind sie Teil der christlichen Gemeinde. Der andere Schwerpunkt liegt in der Begleitung ihrer Lebensgeschichte. Es kann durchaus beides miteinander vermittelt werden, dazu ist aber ein bestimmtes Bild von Kirche und Gemeinde notwendig.

baugerüst: Welche Bedeutung hat der Segen, der bei der Konfirmation zugesprochen wird für Jugendliche?

Domsgen: Segen heißt, etwas im Namen Gottes gutzuheißen. Es heißt Kraft zu spenden für den weiteren Weg. Das hat eine große Bedeutung und ist ein Pfund, mit dem Kirche wuchern kann. In den Studien sagen die Jugendlichen zuerst, die Konfirmation sei ein Familienfest und dann, ganz knapp noch vor den Geschenken, dies sei ein Segensfest. Also 80 Prozent Zustimmung für das Familienfest, 68 Prozent für den Segen und 64 Prozent für die Geschenke.

baugerüst: Das ist ein hoher Wert für den Segen.

Domsgen: Das stimmt. Voraussetzung dafür ist, dass der Segen individuell ausgerichtet ist. In den – ich sage mal – Gruppensegnungen besteht die Gefahr, dass das nicht klar genug zum Ausdruck kommt. Viele Pfarrerinnen und Pfarrer beachten das. Sie sagen dem Einzelnen vor dem Segen noch einmal persönliche Worte, erzählen, wie er oder sie ihn kennengelernt hat, nehmen auf, was sich der Jugendliche für sich selber wünscht. In einer solchen Einbettung kann der Segen seine Bedeutung gut entfalten. Die persönliche Zuwendung ist ein ganz wesentlicher Aspekt.

baugerüst: Die Kirche und die Gemeinden haben auch ein Interesse an der Konfirmation.

Domsgen: Ja, das ist so. Eine Kirche, die ihre Kinder tauft, muss sich Gedanken machen, wie den Heranwachsenden der Glaube vermittelt wird, wie er ihnen wichtig werden kann.

baugerüst: .... damit die Jugendlichen bekräftigen, wir bleiben dabei, was durch unsere Taufe vorgezeichnet wurde.

Domsgen: Das auch, aber wichtig ist doch, dass sich hier eine Kommunikationsmöglichkeit mit einer großen Zahl von Jugendlichen auftut, die sich sonst so nicht ergeben würde. Darin sehe ich die ganz große Bedeutung.

baugerüst: Auch für die Gemeinden?

Domsgen: Auf alle Fälle. Durch die Konfirmationsgottesdienste kann oft  die ganz andere Lebenswirklichkeit der Jugendlichen in den Blick genommen werden. Das ist eine große Bereicherung. Henning Luther hat einmal gesagt: Konfirmation ist Konfirmandenprüfung. Er meinte das in dem Sinne, dass die Konfirmandinnen und Konfirmanden prüfen, ob die Kirche ihnen etwas Relevantes für ihr Leben mitzugeben hat.

baugerüst: Dieser Gedanke dreht die Perspektive um.

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Bernd Wildermuth: Das mehr liegt außerhalb

 

Zum Verhältnis von Konfirmandenarbeit und Jugendarbeit

 

Biographischer Einstieg

Ich erinnere mich noch genau. Es war Mitte der 90er Jahre. Ich war damals Bezirksbeauftragter für die Konfirmandenarbeit im Dekanat Tübingen. Die hauptamtliche Jugendpfarrerin des Kirchenbezirks kam bei einer Dienstbesprechung auf mich zu mit den Worten: „Bernd, wir kommen in der Jugendarbeit an die Jugendlichen nicht mehr ran! Wir müssen jetzt die Konfirmanden …!“ Für mich war das damals der Start einer wechselvollen Beziehung von Konfirmandenarbeit und Jugendarbeit. Denn es geht immer um eine Verhältnisbestimmung und wie in jeder Beziehung geht es auch immer um die Frage: Wer hat das Sagen? Ich selbst war damals eindeutig und zu 100 Prozent „auf der Seite“ der Konfirmandenarbeit. Bei dem Gespräch mit der Jugendpfarrerin aus Tübingen erläuterte sie mir, das bis dato die Konfirmandenarbeit das Gegen-, wenn nicht Feindbild für die Jugendarbeit war. Die Konfirmandenarbeit war für die Jugendarbeit eindeutig im Reich der Finsternis angesiedelt: Zwang des Hingehens, verpflichtende und tödlich langweilige Gottesdienstbesuche am Sonntagmorgen, zäher nicht enden wollender Frontalunterricht – und vor allen Dingen: auswendig lernen! Sicherlich damals vor etwa 25 Jahren schon ein Zerrbild für den real-
existierenden Konfirmandenunterricht (KU). Andere Landeskirchen waren konzeptionell vielleicht weiter als die württembergische. Der Versuch die Konfirmandenarbeit reformpädagogisch gegen Ende der 70er Jahre in Württemberg zu erneuern, war in und an der Landessynode gescheitert. Konfirmandenarbeit sollte weiter in bekannter Weise Glauben vermitteln. Methodisch stand weiter das Auswendiglernen von Katechismustexten ganz oben auf der Agenda. Parallel zu dieser KU-Reform-Debatte boomte die Jugendarbeit in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Das galt für die missionarisch geprägte Jugendarbeit ebenso wie für die an ökologischen und friedensethischen Themen orientierte Jugendarbeit in der evangelischen Kirche.

Konfirmandenunterricht war Aufgabe des Pfarrers - und einiger weniger Pfarrerinnen. Dem KU haftete förmlich der Geruch von Amtskirche und (verstaubter) kirchlicher Tradition an. Dagegen war die Jugendarbeit geprägt von jungen ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen, die kulturell auf der Höhe der Zeit und mit den Jugendlichen auf Augenhöhe unterwegs waren.
Leider ist eine empirische Beurteilung zur Lage der Jugendarbeit in der damaligen Zeit schwierig. Eine Jugendberichterstattung wie sie die badische und die württembergische Landeskirche mit „Jugend zählt!“ vorgelegt haben, war noch  in weiter Ferne.


Weil nichts bleibt wie es war

Ganz offensichtlich muss sich in den 90ern etwas verändert haben. Der Übergang in die Jugendarbeit nach der Konfirmation, das Zusammenfinden und die Vergemeinschaftung in einer Jugendgruppe für eine signifikante Anzahl von Jugendlichen eines Jahrgangs, war offensichtlich nicht mehr selbstverständlich. Die „Akquise“ von 14jährigen Jungen und Mädchen wurde in der Breite deutlich schwieriger. Das hatte keine demographischen Gründe! Denn ab den 90ern feierten die Kinder der Babyboomer-Generation (1955-1965) ihre Konfirmation. Auch wenn die Geburtenrate seit den 70er Jahren in Deutschland zu den niedrigsten in der Welt gehörte, so gab es doch viele Eltern, wenn auch mit wenigen Kindern. Dennoch ist die Zahl der Jugendlichen damals und heute nicht vergleichbar – es gibt heute mehr als ein Drittel weniger evangelische Jugendliche als Mitte der neunziger Jahre.
Über die Gründe, wenn sie denn nicht demografisch sind, lässt sich viel spekulieren. Fakt ist, dass in den 90er Jahren ein Wertewandel im Jugendalter einsetzt, der bis heute andauert. Eltern werden zu Vorbildern und das kapitalistische Prinzip des Wettbewerbs wird internalisiert. Vermutlich sind es diese Entwicklungen einer sich ausdifferenzierenden und einer als alternativlos erlebten kapitalistischen Gesellschaft, die für eine Teilnahme oder gar ein Engagement in der evangelischen Jugendarbeit alles andere als förderlich sind. Was liegt da näher als sich den Konfirmand*innen zuzuwenden, die jahrgangsweise nahezu komplett in jeder Kirchengemeinde erreichbar sind.


Motivlagen

Das Interesse der Jugendarbeit an der Konfirmandenarbeit liegt vor allem daran, an die Jugendlichen „heran zu kommen“. Es war offensichtlich: in der Konfirmandenzeit waren nahezu alle evangelischen 13 und 14 jährigen „verfügbar“.  

Auf der anderen Seite entwickelte die Konfirmandenarbeit ein Interesse an der Jugendarbeit, nicht als Organisationsform, sondern an ihren Methoden und Arbeitsweisen. Klassischer Konfirmandenunterricht wurde immer schwieriger zu halten. Wie kann man 13 und 14-jährige Mädchen und Jungen bei der „Stange“ halten? Wie kann die Konfirmandenzeit für alle zufriedenstellend bewältigt werden? Was lag da näher nicht nur „Sport, Spiel, Spannung“ und die Kategorie „Spaß“, in die Konfirmandenarbeit zu holen, sondern sämtliche Methoden kreativen Arbeitens. Beispielhaft sei das Buch von Günter Törner „KU mit Hand und Fuß – kreative Methoden zur Gestaltung der Konfirmandinnen und Konfirmandenarbeit“ von 1998 und die Reihe „Knockin‘ on Heaven‘s Door“, ebenfalls aus dem Gütersloher Verlagshaus, erwähnt. Die Reihe startete 1997  und hat den programmatischen Untertitel „mit Jugendlichen die Religion ihrer Lebenswelt entdecken – Praxismodelle für KU – RU - Jugendarbeit“. Was lag also näher als sich dort zu bedienen?  


Bilder, Missverständnisse und ein drohendes Dilemma


Damit liegt der Beziehung von Konfirmandenarbeit und Jugendarbeit von Anfang an ein großes Missverständnis zugrunde. Die Konfirmandenarbeit wollte das know how der Jugendarbeit und Jugendarbeit wollte die Konfirmandinnen und Konfirmanden als Jugendliche für die Jugendarbeit. Was lag da näher als ein Deal, der zudem eine win-win-Situation verheißt! „Verknüpfung“ wurde nicht nur in der württembergischen Landeskirche das Zauberwort um diese Beziehung zu beschreiben. „Gut verknüpft!“ ist auch der Titel des Praxis-Leitfadens der Kirche von Kurhessen-Waldeck (1). In diesem Begriff bündeln sich alle Interessen und Visionen. Eindrücklich das Bild wie die Haare einer blonden und einer schwarzhaarigen jungen Frau zu einem Zopf geflochten werden. Es scheint zusammengebunden zu werden, was zusammengehört. Im Leitfaden der Kirche aus Kurhessen-Waldeck wird aber interessanterweise – und vollkommen zu Recht - genau dieses Bild nicht aufgegriffen, sondern das der Brücke und des Brückenbaus.

Anders als das Bild von der Verknüpfung, zeigt das Bild der Brücke und des Brückenbaus, dass Konfirmandenarbeit und Jugendarbeit grundsätzlich zwei verschiedene Arbeitsfelder sind und bleiben sollen. Beide wenden sich zwar grundsätzlich an die gleichen Jugendlichen, aber aus ganz unterschiedlichen Perspektiven heraus. Konfirmandinnen und Konfirmanden wollen konfirmiert werden. Das ist ihr Interesse. Das ist das Interesse ihrer Eltern und der Familie. Deshalb sind sie da. Natürlich kann sich in der Konfirmandenzeit eine Perspektive zur Jugendarbeit hin entwickeln, aber das ist in der Konfirmandenarbeit selbst nicht angelegt. Dieses Missverständnis - „es sind ja dieselben Jugendlichen“ - wird in der Praxis häufig sehr schnell aufgedeckt. Mir ist der Bericht eines hauptamtlichen Jugendpfarrers noch sehr gut in Erinnerung. Er erzählte, dass die, den Jugendkreuzweg vorbereitenden ehrenamtlich engagierten Jugendlichen ihm sagten, dass sie den Jugendkreuzweg nicht weiter durchführen werden, wenn wieder Konfirmandengruppen verpflichtend darin teilnehmen, weil sie einfach nur stören und sich auf nichts einlassen. Was in der Jugendarbeit schnell vergessen wird: Aus der Perspektive der Konfirmand*innen sind Veranstaltungen der Jugendarbeit im Rahmen des Konfis, eben auch nur Konfis. Die Grundprinzipien der evangelischen Jugendarbeit wie sie auch das KJHG in den Paragraphen 10 und 11 beschrieben werden, nämlich - Freiwilligkeit, Partizipation und Selbstbestimmung, sind eben nicht die Organisationsprinzipien der Konfirmandenarbeit und können es auch nicht sein. Wenn die Konfirmandenarbeit die Prinzipien der Jugendarbeit übernehmen wollte, dann müsste sie selbst dafür sorgen, dass die gesellschaftliche Wahrnehmung für Konfirmandenarbeit und der Konfirmation noch schneller marginalisiert wird und aus dem öffentlichen Raum gedrängt wird als dies ohnehin der Fall ist. Dann wären Konfirmandenarbeit und Konfirmation endgültig privatisiert und im Freizeitbereich angekommen. Noch ist die Konfirmation für die Mehrheit der Konfirmand*innen und ihrer Familien ein zentrales Fest im Lebenslauf. Das hier eine große Diskrepanz zwischen den westlichen und östlichen Landeskirchen besteht ist offensichtlich.
Auch für die Jugendarbeit birgt das Engagement in der Konfirmandenarbeit Gefahren. Sie wird schnell von ihr abhängig. Jugendcamps, die eigentlich zu Konfirmandencamps mutiert sind, lassen sich nur noch durchführen wenn auch die Konfirmandengruppen kommen und das Campgelände füllen. Man kann dann zwar große Zahlen vorweisen, aber sie entspringen nur sehr eingeschränkt der Jugendarbeit, sind in einem gewissen Sinne geschönt.

Auf einer gemeinsamen Tagung der Jugendpfarrerinnen und der Bezirksbeauftragen für Konfirmandenarbeit in der württembergischen Landeskirche vor knapp 20 Jahren hat Prof. Karl-Ernst Nipkow in einem sehr engagierten Gespräch konstatiert,  dass bei allen gewünschten und auch von ihm unterstützen Adaptionen aus der Jugendarbeit in die Konfirmandenarbeit hinein, die Konfirmandenarbeit immer auch Unterricht bleiben wird. Unterricht meint nicht nur, dass es etwas zu lernen gibt - auch und gerade in der Jugendarbeit werden intensive Lernerfahrungen gemacht - sondern dass das, was gelernt wird auch gesetzt ist. Es geht nicht nur um Themen, es geht auch um Inhalte. „Im KU geht es um eine didaktisch und methodisch gute Elementarisierung und Vermittlung von Glaubensinhalten.“ (2) Das ist auch bitter nötig. Schon 1992 stellte Heiner Barz in einem von der aej beauftragten Forschungsbericht fest: „Mit Ausnahme der Kirchennahen läßt sich feststellen, dass die Bezugnahme auf übergeordnete Sinnhorizonte so gut wie verschwunden ist: Leben als Erfüllung von Pflichten gegenüber Gott (gottgefälliges Leben) oder gegenüber der Gesellschaft (Eintreten für eine menschlichere Welt) wie auch das Schaffen bleibender (materieller  oder ideeller) Werte, - diese traditionellen Grundorientierungen trifft man nicht mehr an.“ (3) Vor diesem Befund wird klar, dass evangelische Jugendverbandsarbeit nur einen Ausschnitt von Jugendlichen und Konfirmand*innen erreichen wird und kann, denn ihr erstes und hervorstechendes Merkmal ist Freiwilligkeit und Selbstorganisation. Sie kann in Kooperationen mit der Konfirmandenarbeit Konfirmand*innen Lust und Geschmack auf mehr machen. Aber dieses „mehr“ muss außerhalb der Konfirmandenarbeit liegen, sonst gibt es keine Brücke, sondern nur eine gute an der Jugendarbeit orientierte Konfirmandenarbeit. Eine Jugendarbeit, die sich in der Ausbildung und Begleitung von Teamer*innen der Konfirmandenarbeit erschöpft, erreicht zwar viele Jugendliche, steht aber nicht vor der Lösung, sondern vor einem Dilemma, denn Konfirmandenarbeit ist Arbeit mit jungen Menschen, aber nicht unsere Jugendarbeit. 

 
Anmerkungen
(1) Der Leitfaden ist als PDF downloadbar: https://www.ekkw.de/media_ekkw/service_lka/Gut_verknuepft(1).pdf
(2) Michael Freitag, Konfi-Arbeit durch den Jugendverband?, in: baugerüst 2/2008, S. 62
(3) Heiner Barz, Jugend und Religion 2: Postmoderne Religion – Die junge Generation in den alten Bundesländern, Leske+Budrich 1992

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Autorinnen und Autoren

Stefan Brüne, Magdeburg
Referent der Evang. Jugend der Evang. Kirche in Mitteldeutschland

Ulrike Bruinings, Karlsruhe
Landesjugendpfarrerin Baden

Cornelia Dassler, Hannover
Landesjugendpastorin, Leiterin des Landesjugendpfarramts

Dr. Michael Domsgen, Halle
Professor für Religionspädagogik

Dr. Thomas Ebinger, Stuttgart
Pfarrer, Dozent am Päd.-Theol. Zentrum Stuttgart

Matthias Hempel, Oldenburg
Pfarrer im Landesjugendpfarramt der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg

Dr. Wolfgang Ilg, Stuttgart
Pfarrer, Dipl. Psychologe, Professor an der Evang. Hochschule Ludwigsburg

Martin Klein, Aschaffenburg
Diakon, geschäftsführender Dekanatsjugendreferent

Herbert Kolb, Heilsbronn
Pfarrer, Referent für Konfirmandenarbeot im Rel.-Pädag. Institut

Christian Leibner, Schotten
Dekanatsjugendreferent

Angelika Pfeiler, Oldenburg
Bildungsreferentin im Landesjuendpfarramt der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg

Dr. Marcell Saß, Marburg
Professor für Praktische Theologie

Heike Siebert, Dresden
Referentin für Mädchenarbeit, Kinder- und Konfirmandenarbeit,
Genderbeauftragte im Landesjugendamt Sachsen

Andreas Sommer, Mannheim
Diakon

Dr. Sönke von Stemm, Hannover
Pfarrer

Dr. Uwe Stenglein-Hektor, Augsburg
Pfarrer

Oliver Teufel, Kassel
Pfarrer und Referent im Landeskirchenamt der EKKW

Bernd Wildermuth, Stuttgart
Landesjugendpfarrer

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