das baugerüst 1/19

Was bedeutet eigentlich Ostern?

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Inhalt

  • Rezensionen und Materialhinweise

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Wolfgang Noack: Ein Heft zu Ostern und ein Abschied

Auf dem Titelbild dieser Ausgabe betrachten zwei Frauen im Museum von Nizza ein Gemälde von Marc Chagall. „Auferstehung“ hat der jüdische Künstler das mittlere Bild des Triptychons genannt. Die beiden Teile links und rechts betitelte er mit „Widerstand“ und „Befreiung“.

Die Auferstehung betrachten - aus verschiedenen Perspektiven und mit unterschiedlichen Erfahrungen und sich das gegenseitig erzählen – das würde bereichern. Nicht so starr: glauben oder nicht glauben; historisch oder unmöglich, nur so und nicht anders. Christologie, Dogmatik, Kreuz, Schuld, Sünde und Sühne - mal einen Schritt zurücktreten und sich fragen, was heißt die Auferstehung für mich.

„Die Verschiedenheit der biblischen Auferstehungserzählungen wurde lange als Problem betrachtet“, schreibt Susanne Platzhoff in ihren Beitrag. „Problematisch ist die Vielzahl nur dann, wenn man die eine historische Wahrheit sucht. Die Erzählungen werden zu einem Schatz, wenn man sie als verschiedene Glaubenszeugnisse liest, die alle auf ihre Weise etwas von der Wahrheit der Auferstehung erzählen."
So setzt sich auch Chagall mit dem Thema auseinander und man erkennt in dem Triptychon eine Entwicklung: vom „Der Widerstand“ (die Nationalsozialisten verbrannten seine Bilder, er selber floh 1941 in die USA) über „Die Auferstehung“ bis zur Darstellung eines Festes in dem Gemälde „Die Befreiung“(von 1952).

In dieser baugerüst-Ausgabe beschreiben Autorinnen und Autoren das Ostergeschehen und die Auferstehung aus ihrer Sicht, manchmal sehr persönlich. Das hilft weiter, um seine eigenen Hoffnungen, Fragen und Zweifel zu artikulieren, um die eigene Perspektive anderen mitteilen zu können.
Kurz nach Weihnachten ein Heft über Ostern, um in der Passionszeit mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. "Ostern – die Wiege evangelischer Freiheit" nennt es Rainer Brandt in dem Standpunkt und sieht evangelische Jugendarbeit als Entdeckungsreise immer wieder Neues zu wagen.


Abschied vom baugerüst

Mit dieser Ausgabe verabschiede ich mich als verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift das baugerüst. Über 30 Jahre habe ich zusammen mit einer sehr engagierten Redaktion Themen diskutiert und Hefte konzipiert, habe mit Autorinnen und Autoren zusammengearbeitet, Artikel redigiert, Gespräche geführt, geschrieben und anschließend Texte in ein Layout gesetzt und mit Fotos ergänzt. Alle drei Monate konnte so ein Heft erscheinen, mit dem Anspruch, ein Thema für die Jugend- und Bildungsarbeit umfassend diskutiert und dargestellt zu haben. Ob es um theologische oder gesellschaftspolitische Themen ging, ob Jugendarbeit konzeptionell diskutiert oder Kirche kritisch begleitet wurde - immer sollten die Artikel, Gespräche, Debatten und Methoden Mitarbeitende persönlich und ihre Arbeit bereichern.
Thematische Angebote sind schon immer ein Schwerpunkt kirchlicher Arbeit mit Jugendlichen. Diese zu unterstützen, fühlte sich das baugerüst von Anbeginn verpflichtet. Dabei hatte die Zeitschrift immer einen kritischen Blick auf die Zeitläufte und Themen. Der scheinbar selbstverständlichen Tagesordnung dieser Welt eine andere hinzuzufügen (ein Satz von Dorothee Sölle), wider den Stachel löcken, hinterfragen und widerständig sein, so habe ich die Arbeit für diese Zeitschrift immer verstanden.

Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist ein besonderer Arbeitsbereich der Kirche, vielleicht sogar der wichtigste. Die Debatte über Konzeptionen hat hier eine viel höhere Bedeutung als woanders. Deshalb braucht es eine Zeitschrift, die Konzeptionen reflektiert und Mitarbeitende über diese Debatten informiert und herausfordert. das baugerüst ist für die evangelische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen die einzige verbleibende Zeitschrift an der Schnittstelle von Theorie und Praxis.

Ab Heft 2 wird Annika Falk-Claußen für das baugerüst als
Redakteurin verantwortlich zeichnen. Ich wüsche ihr eine engagierte Redaktion, schreibfreudige Autorinnen und Autoren, neugierige und aufgeschlossene Leserinnen und Leser und einen Herausgeberkreis, der auch weiterhin Freiheit für Ideen und Weiterentwicklung zulässt.

Wenn ich nun „vom baugerüst steige“ und in den „Ruhestand“ (irgendwie ein komisches Wort) wechsele, so entsteht Raum für mein zweites Standbein, den Fotojournalismus.

Herausgebern, Redaktion, Mitarbeitenden, AutorInnen und LeserInnen sage ich danke. Die Arbeit bei dieser Zeitschrift habe ich gerne und mit sehr viel Freude gemacht.

Wolfgang Noack

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Johanna Haberer: Wie über Ostern sprechen? Gedanken einer Predigerin

Will man Paulus glauben, dann entscheidet die Frage, wie wir über Ostern und die Auferstehung sprechen über das Ganze des christlichen Glaubens.
Wenn wir Prediger sonntags auf die Kanzel steigen, wenn wir ein Mikrophon aufmachen, wenn wir im Namen der Kirche – wo auch immer – die Stimme erheben, spielentscheidend ist die Auferstehung. Wie wir über Ostern reden entscheidet, ob wir Scheiße reden oder Gold. Paulus schreibt in seinem Brief an die Philipper:
Ja, ich erachte noch alles für Schaden gegen die überschwängliche Größe der Erkenntnis Christi Jesu, meines Herren, um welchen willen mir das alles ein Schaden geworden ist, und achte es für Kot – übersetzt Luther etwas vornehmer – auf dass ich Christus gewinne“. (Phil.3,8)


Christus ist der Ehrenname des Auferstandenen Jesus

Und wir lesen in 1. Korinther 15 Vers 14ff: „Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsere Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich.“
Und ein wenig später: „Ist Christus aber nicht auferstanden, so ist euer Glaube nichtig, so seid ihr noch in euren Sünden, so sind auch die, die in Christus entschlafen sind verloren. Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die Elendesten unter allen Menschen“
Paulus meint also, wenn Christus nicht auferstanden ist, ist alles, was wir reden Scheiße und wir machen das Leben der Menschen mit unseren Reden über die Welt nicht besser, sondern nur immer noch schlechter und schwieriger.
Christus ist der Ehrenname des Auferstandenen Jesus. Von ihm bekennen wir, dass er gestorben ist, durch die Hölle gegangen, auferstanden und aufgefahren ist. Und wir bekennen, er sitzt in diesem Augenblick, wie lange vor der Zeit und lange nach der Zeit zur Rechten Gottes und zugleich ist er unter uns - hier und jetzt und heute.
Drunter können wir`s nicht machen.

Man sollte genau und ehrlich sein, wenn man über Christus redet und man sollte persönlich werden. Denn, wer über das Herz des Glaubens und der Predigt sprechen will, muss über das eigene sprechen. Auch da geht es nicht kleiner.
Die Wahrheit ist immer konkret, heißt ein Satz aus dem Journalismus. Ich denke dies stimmt. So bleibe ich, was die Predigt über Ostern betrifft, erst einmal bei mir.
Ich bin 62 Jahre alt. Ich gehöre zu dieser etwas inhaltsleeren Generation, zwischen den Achtundsechzigern und den Ökos. Wir mussten oder wollten nicht mehr demonstrieren. Uns beschäftigte in den ausgehenden Siebzigern der Terrorismus, den die Achtundsechziger auch hinterlassen hatten. Wir ernteten die Früchte der 68-er, dieser größten Kulturrevolution des 20. Jahrhunderts: Misstrauen gegenüber allen Autoritäten, Sensibilität gegenüber Hierarchien. Distanz zur Macht, gesundes Misstrauen gegenüber der Kirche als Institution. Wir hatten Che Guevara im Mädchenzimmer hängen und liebten neben den Beatles und Co, die linken Liedermacher: Degenhardt und Biermann und Hannes Wader: „Kokain“ oder „Heute hier morgen dort, bin kaum da bin ich fort“ oder „ich bin ein Rohr im Wind, bind dich nicht an an mich...“

Unsere Zeit kennzeichnete die Verflüssigung aller Normen und die Illusion, man könne ohne leben. Wir zelebrierten die Freiheit wovon, und wussten nicht genau wozu. Unsere Lebensrolle suchten wir in der Opposition und hatten noch keine Ahnung, dass wir eines Tages neben dem Nein, das wir trainiert hatten, auch ein Ja würden sagen müssen – unseren Kindern, den Schülern, der Gemeinde, und auf der Kanzel.
Das Analysieren hatten wir in der wissenschaftlichen Theologie – in dieser Hochzeit der Exegese und der Systematik - gelernt, wir hatten gelernt, kühl und rational den wunden Punkt, die Verlegenheit, den Bruch zu finden, aber der Gegenentwurf der eigene und ganz persönliche war eher blass.
Ich wollte eigentlich nicht Pfarrerin werden. Aber es waren die literarischen Dramaturgien des Ersten Testaments, die Familienepen, die Lieder, die Poesie und Prophetie, die meine Leidenschaft für die biblischen Texte entfachten.
Kurz. Ich blieb dort hängen und fand mich unversehens im Pfarramt wieder.
Dort auf der Kanzel genügte es dann nicht, Texte zu interpretieren, sie mussten auf das Leben der kleinen Diasporagemeinde in Goldbach oder Schongau hin gedeutet werden und sie mussten dem Anspruch der Verkündigung des Auferstandenen gerecht werden.


Was habe ich gepredigt?

 

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Fulbert Steffensky: Auferstehung und Aufstand

Die christliche Hoffnung hat ein Urdatum, die Auferstehung Christi.  Man merkt, dass es zur Zeit der neutestamentlichen Erzählungen noch keine zentrale kirchliche Kommission gegeben hat, die die Ostergeschichten geglättet hätte. Sonst wären diese nicht so liebenswürdig bunt und widersprüchlich. Bei Matthäus gibt es ein Erdbeben, ein Engel kommt vom Himmel, dessen Gestalt wie von Blitzen war. Bei Markus kommt der Engel nicht vom Himmel, sondern ein Jüngling in einem weißen Kleid sitzt im Grab und erklärt den entsetzten Frauen die Abwesenheit des Leichnams. Bei Lukas sind es zwei Männer, die kommen und die Auferstehung erklären. Bei Johannes gibt es kein Erdbeben und keine Männer oder Engel. Aber es wird sehr genau berichtet, wo und wie die Tücher lagen, in die Jesu Leichnam gehüllt war. Am meisten verblüfft der ursprüngliche Schluss des Markusevangeliums. Es ist von keinem Osterjubel die Rede. Es heißt: „Sie flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Sie sagten niemanden etwas, denn sie fürchteten sich sehr.“  Kein Wunder, dass es uns gelegentlich geht wie den Aposteln nach dem Bericht der Frauen vom leeren Grab: „Es erschienen ihnen diese Worte, als wär’s Geschwätz, und sie glaubten ihnen nicht.“

Die Berichte von der Auferweckung Christi sind keine Reportagen. Wir reden in Bildern, wie die Männer und Frauen in Bildern geredet haben, als sie davon erzählten, dass Gott jenen Jesus aus Nazareth und die Sache, für die er stand, nicht der Verwesung überlassen hat. Wir kommen nicht umhin, uns Bilder zu machen von jenem neuen Anfang des Lebens, denn die Hoffnung kommt nicht ohne Bilder aus. Zugleich müssen wir wissen, dass unsere Bilder Bilder sind und wie alle theologischen Aussagen im Bilderverbot gerichtet werden. „Es gilt, alle Aussagen über Gottes neuen Himmel und neue Erde immer wieder hineinfallen zu lassen in die schweigende Unbegreiflichkeit Gottes.“, sagt Karl Rahner.
Auch später versteht sich die Auferstehung für die ersten Zeugen  nicht von selbst, sie müssen die Geschehnisse deuten; sie müssen sie glaubend interpretieren. Den Maria Magdalena im Garten sieht – ist es der Gärtner oder der Herr? Maria muss sich entscheiden. Nichts ist offensichtlich. Der mit den Jüngern nach Emmaus geht – ist es der Wildfremde oder der Herr? Der da in der Dämmerung am See Tiberias steht – ist es irgend einer oder ist es der Herr? Handgreiflich ist da nichts. Handgreiflich geht es nur zu in der plumpen Geschichte vom zweifelnden Thomas, der seine Hand in die Wundmale legen kann. Nur bei ihm wird der Glaube durch die Handgreiflichkeit ersetzt. Alle anderen Ostergeschichten sind Geschichten aus dem Morgengrauen. Man muss Christus in die Figuren hineinglauben, in den Gärtner, in den fremden Wanderer, in den Undeutlichen am See. Gott ist höflich und nicht plump. Er überwältigt uns nicht mit Blitz und Donner. Er lässt unserem Glauben etwas zu tun. Er lässt uns Subjekt sein bei der Osternachricht und nicht nur zusammengedonnerte Objekte.

 

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Susanne Platzhoff: Ostern als höchstes christliches Fest?

Ist eigentlich Ostern der höchste christliche Feiertag oder Karfreitag? Diese Frage hört man gelegentlich. Manchmal wird sie so beantwortet, dass für katholische Christen Ostern der höchste Feiertag sei und für evangelische Karfreitag. In der Tat konnte in der evangelischen Kirche durch die Betonung der theologia crucis und die Praxis in manchen Gemeinden, nur einmal im Jahr – an Karfreitag – Abendmahl zu feiern, lange Zeit der Eindruck entstehen, Karfreitag sei der höchste Feiertag. Dennoch sind beide Feiertage theologisch auf das höchste miteinander verbunden zu denken – und die Frage nach der Rangfolge führt in eine falsche Alternative. Ohne Ostern und die Erscheinungen des Auferstandenen gäbe es kein Christentum. Denn dann wäre der Gekreuzigte einer von vielen tragisch Ermordeten geblieben. Ohne Karfreitag wäre nicht zu verstehen, dass der Rabbi Jesus seine Liebesbotschaft mit einer solchen Konsequenz lebte, dass er dafür den schlimmsten Tod zu sterben bereit war. Historisch ist sicher: Das Christentum verdankt sich den Oster-Erscheinungen vor den Jüngern. An Ostern feiern wir die Überwindung des Todes durch den auferstandenen Gekreuzigten. Das Fest war ursprünglich das einzige und bedeutendste Jahresfest der Christenheit.(1) In liturgischer Perspektive spiegelt sich die Bedeutung der Osterbotschaft darin, dass jeder Sonntagsgottesdienst als das wöchentliche Osterfest der Gemeinde verstanden werden kann.(2) Manfred Josuttis hat die Osterpredigt daher als „Prototyp jeder Predigt schlechthin" bezeichnet.(3) Die Osterbotschaft ist der Grund des Predigens und des Glaubens überhaupt.(4)Krippe statt Kreuz:  »Weihnachts-Christentum«


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Susanne Breit-Keßler: Was wollen wir von Ostern wissen?


Ostern, Auferstehung der Toten: Wollen wir und unsere Zeitgenossen wirklich etwas davon wissen? Eigentlich leben wir gerne und gut hier auf Erden - trotz mancher Krankheiten, diverser Enttäuschungen und herber Lebenserfahrungen, die alle Menschen irgendwann machen. Wir verwirklichen uns selbst, reisen durch die Welt, hausen in netten Wohnungen oder Häusern mit Wintergarten, vergnügen uns in Discos, auf Schützenfesten, beim Yoga oder im Fitnesstudio. Wir haben reichlich zu essen und zu trinken. 

Wir leben so gut, dass wir auf eine bessere Welt nicht mehr zu hoffen brauchen und darauf auch nicht unbedingt hoffen wollen. Die, denen es nicht gut geht, erwarten eine Verbesserung ihrer Situation, ihre individuelle Auferstehung eher hier und jetzt, als am Ende der Tage. In einer thüringischen  Kirche  gibt es ein Bild, auf dem eine junge Frau in wehendem Kleid auf eine mit Stadtmauern bewehrte Stadt - das himmlische Jerusalem - zurennt. Der Text darunter lautet: „Je eher davon, je eher die Kron´.“

Diese Lebenshaltung haben viele Menschen nicht mehr. Sie möchten ihr Leben hier auf dieser Erde so lange wie möglich auskosten. Bitte nicht früh sterben. Aber es macht einen Unterschied für das Erleben, ob einer, eine daran glauben kann, dass dieses Dasein nicht alles ist. Herr, lehre uns bedenken, dass wir auferstehen, auf dass wir klug werden. Denn nur so gibt man dieser materiellen Welt ihren richtigen, einen begrenzten Stellenwert. Man setzt sie nicht absolut, sondern sieht sie in leichter Distanz.
An die Auferstehung glauben heißt auch: Man kann manche Ängste und Sorgen sein lassen - wohl wissend, dass am Ende der Tage individuelle Existenz von Gott liebevoll besehen und zurecht gebracht wird. Ostern ist Lebenswirklichkeit. Gott will, dass Menschen etwas von dem haben, was er tut. Christus ist auferstanden. Diese Aussicht haben wir genau so. Uns steht unsere persönliche Auferweckung bevor, wenn wir das Zeitliche gesegnet haben.


Stille Tage

 

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„Wage es, mit der Gewissheit der Auferstehung zu leben."

Ein Gespräch mit dem Tübinger Theologieprofessor Dr. Jürgen Moltmann über die Auferstehung, die zweite Gegenwart, über die Aufrichtung des Lebens, den rar gewordenen Vorstellungen vom ewigen Leben und der Auferstehungsbotschaft "We shall overcome"..

baugerüst: Herr Moltmann, was ist für Sie damals an Ostern in Palästina geschehen?

Moltmann: Die Jünger waren vom Kreuz geflohen, weil sie enttäuscht waren. Für sie hing Jesus ohnmächtig am Römerkreuz. Und die Frauen waren erschrocken und entsetzt, weil sie den Toten nicht mehr fanden. Damit ist ihr Weltbild von Leben und Tod erschüttert worden. Fünfzig Tage nach Ostern sind die Jünger dann wieder in Jerusalem und verkünden die Auferstehung Jesu Christi. Das war mit Todesgefahr verbunden, da sie in den Augen der Römer ja einem Terroristen nachgefolgt waren.

baugerüst: Ist Jesus an Ostern wirklich auferstanden?

Moltmann: Ja, ganz wirklich. Wirklicher, als wir die Wirklichkeit der Welt sehen.

baugerüst: Zweidrittel der Menschen in diesem Land glauben aber nicht an die Auferstehung, eher vielleicht noch an eine Reinkarnation. Sie aber sagen, Jesus ist leiblich auferstanden.

Moltmann: Ja, und das ist der Anfang der Totenauferstehung. Die Jünger hatten nur die Erinnerung an sein Sterben und aus den Erscheinungen danach zogen sie den Schluss, dass Jesus von den Toten auferweckt sei. Auferweckung geht vor Auferstehung.

baugerüst: Was ist Auferweckung und was ist Auferstehung?

Moltmann: Wenn Sie morgens aufgeweckt werden, ist die Reaktion dann die Auferstehung. Auf Gottes Auferweckung hin, steht Jesus auf. Erstaunlich ist, dass dies schon bei den Propheten Israels so steht. Am Tag Gottes werden die Toten lebendig gemacht heißt es in Hesekiel 37. Jesus wurde von den Toten auferweckt, nicht als Ausnahme, sondern als Anfang. Er ist der Erstling der Entschlafenen, sagt Paulus.

baugerüst: Die Auferstehung Jesu wird ja in der Theologie durchaus kontrovers diskutiert. Die Hamburger Bischöfin Fehrs schrieb im vergangenen Jahr: „Er ist wahrhaftig auferstanden. Und wahrhaftig meint: ganz und gar, mit Leib und Seele, mit Stimme und Kleidern, Wunden und Gefühlen“. Weil Gott Mensch geworden sei, gehöre der Körper unabdingbar dazu. Andere widersprachen ihr und sagten, dies sei  eine oberflächliche Betrachtung biblischer Texte.
Ist die leibliche Auferstehung eine oberflächliche Betrachtung von Ostern?

Moltmann: Nein, das ist die wirkliche Betrachtung, sonst wüssten wir von Jesus nichts und ohne die Auferstehung gäbe es kein Christentum.

baugerüst: Deswegen ist das Grab leer.

Moltmann: Das Grab war leer, sonst hätten die Jünger die Auferstehung Jesu Christi nicht verkündigen können. In Jerusalem hätten die Juden darauf verwiesen: Da liegt er doch im Grab, er ist nicht auferstanden.

baugerüst: Jesus ist als Mensch mit Fleisch und Körper auferstanden? Oder wie können wir uns das vorstellen?

Moltmann: Der Leichnam wurde auferweckt und ist wieder lebendig geworden.

baugerüst: Jesus ist also der gleiche Mensch, der er vorher war.

Moltmann: Ja. Sonst hätten die Jünger ihn nicht erkannt. Und sie erkennen ihn an seiner Stimme und an den Wundmalen.

baugerüst: Sie schrieben einmal, dass Verstorbene nicht in ein jenseitiges Todesreich eingehen, sondern in einer zweiten Gegenwart gegenwärtig sind. Trifft das so auch für Jesus zu?

Moltmann: Jesus ist in der ersten Gegenwart den Jüngern erschienen und in der zweiten Gegenwart uns. Im Wort der Verkündigung und im Sakrament ist er gegenwärtig.

baugerüst: Warum ist das für Menschen heute alles so schwer nachvollziehbar?

Moltmann: Das kann ich schwer sagen. Für mich bedeutet dies: im Ende der Anfang. Christi Ende war sein wahrer Anfang. Das erlebe ich mit meinen 92 Jahren immer wieder: Im Ende der Anfang. 

baugerüst: Haben Sie das immer so gesehen oder hat sich das entwickelt?

Moltmann: Das hab ich erlebt, als ich ohne Hoffnung war, in dem ersten Jahr meiner Gefangenschaft nach dem 2. Weltkrieg. Da habe ich in meinem Ende den Anfang mit Christus erlebt.

baugerüst: Führt der Glaube an die Auferstehung aus der Welt hinaus oder in die Welt hinein? Anders gefragt: Wird diese große Hoffnung umgemünzt mit der Vertröstung auf den St.-Nimmerleins-Tag?

Moltmann: Wenn ich gewiss bin, dass ich vom Tode auferweckt werde in das ewige Leben, dann kann ich mich hier in diesem Leben voll ausleben. Ich muss nicht meine Seele festhalten und muss mich nicht an irgendwelche Dinge klammern. Ich bin gewiss, wie Paulus sagt, das Korn muss in die Erde und muss sterben, dann wird es viel Frucht bringen.

baugerüst: Es ist so schwierig sich die Auferstehung vorzustellen. Kommen dann alle Menschen, die jemals auf der Erde gelebt haben aus den Gräbern heraus? Das Gedränge könnte groß werden.

Moltmann: Wie viel Endlichkeit hat Platz in der Unendlichkeit? Das ist kein Problem.

baugerüst: Das heißt, wir können uns das nur nicht so richtig vorstellen?

Moltmann: Nein, wir werden nicht aus den Gräbern kommen. Die Auferstehung geschieht unmittelbar nach dem Tod.

baugerüst: Das müssen Sie erklären.

Moltmann: Christoph Blumhardt hat Sterbende getröstet und ihnen gesagt: es dauert nur eine Sekunde bis du auferweckt wirst.

baugerüst: Wo sind die Menschen dann, die auferweckt wurden?

Moltmann: Im ewigen Leben.

baugerüst: Ist das eine Parallelwelt? Sind das gleichzeitige Welten, sichtbare und unsichtbare, die wir nur nicht sehen?

Moltmann: Ja.

baugerüst: Wir haben keinen Zugang in diese Parallelwelt oder in diese Unendlichkeit.

Moltmann: Luther sagte einmal, der letzte Mensch, der gestorben ist, ist Gott genauso nah, wie der erste Mensch, der gestorben ist. Ewigkeit ist an jedem Todesende, es gibt keine Dimension der Zeit.

baugerüst: Sie sagen, die Auferstehung tritt unmittelbar nach dem leiblichen Tod ein. Was ist  dann mit dem jüngsten Tag, an dem Gott richtet, die Lebenden und die Toten?

Moltmann: Das Gericht ist die Aufrichtung, die Aufrichtung des Lebens. Auferstehung der Toten hieß früher im Glaubensbekenntnis Auferstehung des Fleisches. Fleisch ist aber nicht nur körperlich gemeint, basar heißt es im Hebräischen und das meint alles Lebendige. Auferstehung bedeutet dann Auferstehung des ganzen Lebens, alles Lebendigen.

baugerüst: Als was oder wie existieren die auferweckten Menschen dann?

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Autorinnen und Autoren

Dr. Horst Klaus Berg, Weingarten
Theologe, Professor em.

Rainer Brandt, Castell
Theologe

Susanne Breit-Keßler,
München
Theologin und Jurnalistin, Oberkirchenrätin

Dr. Werner Dalheim,
Berlin
Althistoriker, Professor em.

Andrea Felsenstein-Roßberg, Nürnberg
Diplom-Sozialpädagogin, Bibliologtrainerin

Michael Freitag, Hannover
Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend aej

Johanna Haberer, Erlangen
Theologin, Journalistin, Professorin

Dr. Barbara Hanusa, Lüneburg
Theologin

Dr. Ingo Holzapfel, Kaiserslautern
Theologe

Serafim Joanta, Nürnberg
Rumänisch-Orthodoxer Erzbischof und Metropolit

Ulrike Martin, Wetterau
Religionspädagogin, Dekanatsjugendreferentin

Tobias Petzold, Moritzburg
Diakon, Dozent für Jugend- und Erwachsenenbildung

Dr. Susanne Platzhoff, Burg auf Fehmarn
Pastorin

Dr. Christoph Schneider-Harpprecht, Heidelberg
Oberkirchenrat der Evangelsichen Landeskirche Baden

Fulbert Steffensky, Luzern
Theologe, Professor

Dr. Michael Welker, Heidelberg
Theologe, Professor

Sr. Magdalena Winghofer, Nürnberg
Stadtjugendseelsorgerin

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