das baugerüst 3/19

...for future – Aspekte nachhaltiger Bildung

Heft bestellen

nach oben

Podcast zum aktuellen Heft

NEU: Podcast zu den baugerüst-Ausgaben

In Kooperation mit dem Studienzentrum Josefstal erscheint das neue Audiomagazin zum aktuellen Heft zum Thema "...for future. Roger Schmidt spricht mit Veit Laser über seinen Beitrag zum Thema im baugerüst.
Schließlich diskutiert Annika Falk-Claußen, die Redakteurin des baugerüst, wichtige Erkenntnisse aus dem Heft. Hören Sie rein!

nach oben

Inhalt

  • Buch- und Materialhinweise

nach oben

Annika Falk-Claußen: Für eine enkeltaugliche Welt

Nur saisonales Obst und Gemüse essen, das ökologisch in der Region angebaut worden ist, vielleicht sogar ganz auf vegane Ernährung umstellen. Nur noch fair gehandelten Kaffee im eigenen Bambusbecher trinken und keinen Billigkaffee im Mitnehm-Pappbecher. Mehr Bahn und Rad fahren, seltener das Auto nehmen und aufs Flugzeug möglichst ganz verzichten. Mehr Upcyclen oder Second Hand kaufen als günstige Shirts, für die die Näherin in Bangladesch das Leben ihrer Familie nicht finanzieren kann – alles Punkte, die sich relativ leicht umsetzen lassen, um ein nachhaltigeres Leben zu führen. Mahatma Gandhi sagte: „Sei du selbst Teil der Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.” Doch kann ich als Einzelne wirklich etwas bewirken? Kämpft da nicht immer diese Stimme im Kopf, die uns zweifeln lässt, ob das reichen wird?

Muss sich nicht mehr bewegen, damit unsere Welt wirklich enkeltauglich wird? Ein Begriff, der irgendwie eindringlicher und emotionaler klingt als „nachhaltig”. Wir alle müssen etwas ändern, damit diese Welt auch für unsere Enkel noch eine gute Lebensgrundlage bieten kann. In den Anfangsjahren der Umwelterziehung in den 70ern haben Aktivisten Wirtschaft und Politik in Sachen Nachhaltigkeit zur Verantwortung gezogen. Als sie merkten, dass das keinen einschlägigen Erfolg zeigte, gab es einen Wandel hin zur Bildung und zum Individuum: Jeder ist selbst dafür verantwortlich, seinen eigenen Konsum und Lebensstil zu überdenken und zu verändern. Doch welche Last liegt da auf den Schultern der Einzelnen! Wie weit reichen unsere Handlungsmöglichkeiten und können wir einen echten Wandel so wirklich schaffen?

Wenn, dann geht das nur gemeinsam. Dass man gemeinsam eine Stimme hat, die gehört wird, zeigen die Jugendlichen, die aktuell bei den „Fridays for future”-Protesten auf die Straße gehen. Sie fordern die Politik in Sachen Klimaschutz zu einem zügigen Handeln auf. Auch kirchliche Institutionen beziehen klar Stellung, in einem generationenübergreifenden Prozess. So haben die Evangelischen Senioren in Württemburg (LAGES) kürzlich ein Impulspapier veröffentlicht unter der Überschrift „...damit unsere Enkel gut leben können”, in dem sie konkrete Tipps, Anregungen zum Gespräch sowie weiterführende Literatur für Zukunftsperspektiven bieten. Die Vorsitzende der Evangelischen Jugend in Bayern, Paula Tiggemann, und die Vorsitzende des Landesjugendkonvents, Marlene Altenmüller, haben sich zu „Fridays for future” klar positioniert, fordern die Politik auf, die jungen Menschen in Entscheidungen einzubinden: „Wenn junge Menschen für eine lebenswerte Zukunft auf unserem Planeten einstehen, sehen wir uns in der Pflicht, sie zu unterstützen.” Nachhaltigkeitsforscher Johannes Verch freut sich im baugerüst-Interview über das Engagement,  zeigt sich jedoch skeptisch, ob die „Fridays for future“-Bewegung nachhaltig etwas bewegen und verändern wird.

Die Autor*innen in diesem Heft ermahnen, wie Veit Laser, der eine sozial-ökologische Transformation fordert, möglichst zügig; es sei „fünf vor zwölf”. Sie ermutigen, wie Martin Kopp, der von seiner Zeit als Jugenddelegierter beim Lutherischen Weltbund schreibt und wie sich junge Menschen heute einbringen können. Sie kritisieren, wie Matthias Jena, der die ungerechte Vermögensverteilung beschreibt, die fehlenden Wohnungen mit Sozialbindung und das ungerechte Steuersystem.  Sie hinterfragen, wie Gerd Nickoleit, der in seinem Rück- und Ausblick der Frage nachgeht, ob der faire Handel nachhaltig ist. Und sie sind auf der Suche nach Veränderung, wie Gerhard Wegner, der eine erneuerte, junge Kirche fordert. Oder Heiner Keupp, der sich fragt, wie viel Veränderung der Mensch verträgt.

Ändern wir nicht radikal etwas an unseren Lebensgewohnheiten in Deutschland, bräuchte die Menschheit drei Erden, bezogen auf die USA sogar fünf. Nachhaltigkeit ist ein globales Ziel und vor allem außerhalb der Europäischen Union scheint noch viel Potenzial. Immer wieder beschleicht uns diese leise Verzweiflung, ob der Einsatz des Individuums reichen wird. Bevor man aufgibt, sollte man sich die ermutigenden, aufbauenden Zeilen vor Augen zu führen, die Katja Hanning-Fischer aus einem Positionspapier des Landesjugendrings Baden-Württemberg zitiert: „Bildung (für nachhaltige Entwicklung) muss die Dimension Glück beinhalten, also einen deutlichen Fokus darauf legen, dass junge Menschen lernen, ein erfülltes und zufriedenes Leben zu gestalten, in dem Wohlstand jenseits von wirtschaftlichen Kennziffern gedacht wird.”

nach oben

Veit Laser: Es ist fünf vor zwölf! - Von der Notwendigkeit einer sozial-ökologischen Transformation

Ist ein Kühlschrank Luxus? Mit dieser Frage löste eine Sechzehnjährige eine heftige Debatte in ihrer Jugendgruppe aus. Sie stellte die Frage bei der Planung des „youngPOINTreformation“ auf der Weltausstellung „Reformation“ in Wittenberg. Die Gruppe überlegte, was Menschen wirklich brauchen, damit das Leben für alle Menschen auf der Erde gut ist. Während die meisten die vermuteten „richtigen“ Antworten aufschrieben – Freunde, eine intakte Familie, Wohnung, Kleidung, ausreichend gesunde Nahrung, Bildung – notierte sie nur diese einzige Frage: Ist ein Kühlschrank Luxus? Wie kommst du denn darauf, wunderten sich die einen. Das ist doch nun wirklich ziemlich abgefahren! Klar braucht man einen Kühlschrank, wehrten die anderen ab. Doch das Mädchen meinte es ernst. An ihrer Frage entspann sich ein beeindruckendes Gespräch darüber, ob wirklich selbstverständlich ist, was wir hier in Deutschland für nicht hinterfragbar halten. Es gab keine fertigen Antworten. Dafür eine Gruppe Jugendlicher, die nachdachten und dabei entdeckten, dass nachhaltige Entwicklung sich nicht allein mit individuellem Verzicht auf Fleisch, Upcycling, Reduktion des Energieverbrauchs und all den anderen täglichen Schritten zur Verkleinerung des eigenen ökologischen Fußabdrucks verwirklichen lässt. So wichtig dies sein mag. Es braucht mehr, wenn wir die Lebensgrundlagen auf der Erde bewahren und den Zugang dazu gerecht gestalten wollen.Ist ein Kühlschrank Luxus? Unausgesprochen berührte die Frage der Sechzehnjährigen das Stichwort der sozial-ökologischen Transformation, das dieser Beitrag beleuchten will.

Sozial-ökologische Transformation

Neben die inzwischen reichlich abgenutzte Rede von der nachhaltigen Entwicklung im Sinne sozialer und ökologischer Gerechtigkeit reiht sich mit der sozial-ökologischen Transformation ein weiterer Containerbegriff in die Nachhaltigkeitsdebatte. Ein Wort, das auf den Punkt bringt, was geschehen muss, wenn die Menschheit auf der Erde überleben will. Ein grundlegender gesellschaftlicher Wandel muss her, die sozial-ökologische Transformation. Warum, ist hinlänglich bekannt: Raubbau an den natürlichen Ressourcen, Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase, ungebremster Konsum und Energiehunger auf der einen Seite, Armut, Hunger und Flucht auf der anderen… Man mag sie schon gar nicht mehr aufzählen, all die Krisen, die die Menschheit nicht nur vor einen nahezu unüberschaubaren Berg an Herausforderungen stellen. In ihrer Gleichzeitigkeit bedrohen sie das Zusammenleben und die Zukunft der Menschheit, die sich – vom Wachstumsdogma getrieben – unumkehrbar der eigenen Lebensgrundlagen beraubt und die Zukunft kommender Generationen gefährlich aufs Spiel setzt.All das ist bekannt und wird nach Jahrzehnten non-formaler umwelt- und entwicklungspolitischer Informations- und Bildungsarbeit längst auch in den Schulen gelernt. Die mahnenden Worte sind nicht neu: Vor 47 Jahren beschrieb der Club of Rome die Grenzen des Wachstums. 1992 formulierten die Vereinten Nationen in Rio de Janeiro das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung. Das Pariser Klimaschutzabkommen und die Sustainable Development Goals bestimmen die Agenda 2030. Und bereits 2008 hat die zweite Studie „Zukunftsfähiges Deutschland“ den notwendigen Kurswechsel in Politik, Wirtschaft und Lebensstil überzeugend angemahnt und Handlungsoptionen vor allem für Politik und Wirtschaft aufgezeigt. Die To-Do-Listen stehen, doch die Zeit rennt der Menschheit davon. „Wir wissen immer mehr und hinken den Problemlösungen immer weiter hinterher“, schreiben die Autor*innen der Studie und zeigen, dass der Kurswechsel einen Zivilisationswandel erfordert. (1) Doch trotz politischer Fortschritte wird auf individueller wie politischer Ebene nach wie vor geleugnet, verdrängt und insgeheim wahrscheinlich auch gehofft, dass es so schlimm schon nicht kommen wird. Wird eine sozial-ökologische Transformation richten können, was bislang so schwer gelingt, den grundlegenden Wandel? Auch die Forderung nach einer sozial-ökologischen Transformation ist nicht neu. Bereits 2011 hat der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen den Begriff „Große Transformation zur Nachhaltigkeit“ vorgeschlagen. (2) Der Gedanke der Transformation trägt zum einen der Erfahrung Rechnung, dass Appelle, Informations- und Wissensvermittlung allein nicht dazu führen, dass Menschen gewohnte Pfade verlassen, die Dinge im guten Sinne auf den Kopf stellen und ihr Leben grundlegend verändern. Zum anderen geht Transformation von der Einsicht aus, dass die globalen Herausforderungen in ihrer ökologischen, sozialen, politischen und kulturellen Dimension miteinander verknüpft und bei der Suche nach Antworten und Lösungen nicht länger voneinander isoliert zu betrachten sind. Das Ziel der sozial-ökologischen Transformation ist eine Kultur der Nachhaltigkeit, die „eine Kultur der Achtsamkeit (aus ökologischer Verantwortung) mit einer Kultur der Teilhabe (als demokratische Verantwortung) sowie mit einer Kultur der Verpflichtung gegenüber zukünftigen Generationen“ (Zukunftsverantwortung) verknüpft. (3)Die Wegmarke ist gesetzt. Einen Masterplan, wie die Kultur der Nachhaltigkeit herbeigeführt werden kann, gibt es nicht. Vielmehr ist ein Aufbruch auf allen Ebenen der Gesellschaft erforderlich. Der von einem breit aufgestellten kirchlichen Bündnis initiierte Ökumenische Prozess „Umkehr zum Leben – den Wandel gestalten“ steht dafür und hat 2017 in einem beeindrucken Impulspapier die Notwendigkeit und Möglichkeiten für diesen Weg zur Kultur der Nachhaltigkeit beschrieben und zum Ökumenischen Aufbruch 2030 aufgerufen. (4)

Warum es wirklich fünf vor zwölf ist

Es ist an der Zeit, dass noch mehr Menschen, nicht zuletzt die Evangelische Jugend, diesem Ruf folgen und die Idee von der Kultur der Nachhaltigkeit zu ihrer Sache machen, denn die Uhr tickt. Auch diese Mahnung ist nicht neu. Sie löst Widerstand aus. Skeptiker weisen sie vorschnell als Horrorszenario von Aktivist*innen zurück. Aber der Klimawandel führt uns besonders drastisch vor Augen, dass es tatsächlich fünf vor zwölf ist. Seine beginnenden Auswirkungen wie zunehmende Wetterextreme sind nicht zu übersehen. Der heiße und trockene Sommer im vergangenen Jahr hat dies erfahrbar gemacht. Aber den Klimawandel gab es doch schon immer, monieren die Skeptiker, besonders laut jene von rechts außen. Stimmt, aber die gegenwärtigen klimatischen Veränderungen sind menschengemacht. Der Treibhauseffekt infolge des durch Menschen verursachten Ausstoßes klimaschädlicher Treibhausgase ist wissenschaftlich belegt, mittlerweile fast eine Binsenweisheit.Der Klimawandel ist auch das eindrücklichste Beispiel dafür, wie der Mensch durch sein Einwirken auf das Erdsystem die Grenzen des Planeten verletzt und damit die eigene Lebensgrundlage gefährdet. Er markiert eine von neun so genannten planetaren Grenzen, deren Überschreitung durch den Menschen nicht mehr steuerbare Prozesse auslösen kann. Das im Jahr 2009 von 28 renommierten Wissenschaftler*innen vorgelegte Modell planetarer Grenzen „benennt neun für das Erdsystem zentrale Prozesse und Systeme und weist ihnen Belastbarkeitsgrenzen zu.“ (5) Zu diesen Grenzen gehören: der Klimawandel, die Übersäuerung der Ozeane, der stratosphärische Ozonabbau, die atmosphärische Aerosolbelastung, biogeochemische Kreisläufe (Phosphor- und Stickstoffkreislauf), der Süßwasserverbrauch, Landnutzungsänderung (z.B. Waldrodung für Landbau), der Verlust der Biodiversität und der Eintrag chemischer Stoffe. Wenn es nicht gelingt, diese Prozesse und Systeme innerhalb der Belastbarkeitsgrenzen zu halten, drohen unberechenbare Störungen im Erdsystem. Werden die Grenzen um mehr als 200 Prozent überschritten, lauern Kipppunkte, deren Überschreiten zu nicht mehr durch den Menschen steuerbaren Prozessen führen könnte.“ (6) Vier Grenzen sind bereits überschritten, beim Klimawandel, der Störung des Stickstoffkreislaufs (u. a. infolge von Überdüngung), bei der veränderten Nutzung von Land und beim Verlust von Biodiversität (das Insektensterben ist in aller Munde).Auch hier wird moniert, dass der Mensch doch schon immer in die Natur eingegriffen habe. Richtig, aber seit der Mitte des 20. Jahrhunderts haben diese Eingriffe so stark an Intensität und Quantität zugenommen, dass eine neue Qualität erreicht ist. Die Indikatoren menschlicher Entwicklung, darunter zum Beispiel der Verbrauch an Primärenergie, die CO2-Konzentration in der Atmosphäre und der Düngemittelverbrauch explodierten in einem Maße, das als so genannte große Beschleunigung beschrieben wird. Sie bedroht das Gleichgewicht des Erdsystems. (7) Der Mensch ist zu einem Faktor geworden, der das Erdsystem so stark verändert und beeinflusst, dass Erdsystemforscher*innen mittlerweile von der geologischen Epoche des Anthropozän sprechen (anthropos, griech. Mensch). (8)Vor dem Hintergrund der hier nur angerissenen Erkenntnisse der Erdsystemforschung wird die fatale Wirkungsgeschichte des biblischen Schöpfungsauftrages, die Erde untertan zu machen, in ihrer ungeheuren Tragweite schmerzlich sichtbar. Die Herrschaft des Menschen über die Erde löst unkontrollierbare Prozesse aus. Der Mensch beraubt sich selbst seiner Lebensgrundlage, auch wenn das nicht intendiert sein mag. Stock, der du gewesen, steh doch wieder still, so wimmern wir mit Goethes Zauberlehrling. (9) Nur dass das wundersame und rettende Eingreifen des Meisters ausbleiben wird. Zeit für den Wandel, Zeit zur Umkehr und Besinnung auf die konstruktiven Fähigkeiten des homo sapiens. Noch ist es nicht zu spät.

.....

Weiterlesen in Heft 3/19

 

 

nach oben

Katja Hanning-Fischer: Bildung für nachhaltige Entwicklung - Erläuterungen zu weltweiten Projekten und Zielen - und der Auswirkung auf die außerschulische Bildungsarbeit

Junge Menschen machen sich angesichts der globalen, ökologischen und sozialen Herausforderungen unserer Zeit berechtigte Sorge um die Zukunft der Welt und damit auch um ihre eigene. Für viele Kinder und Jugendliche sind ein sinnvoller Umgang mit Natur und Umwelt sowie ein global gerechtes Miteinander aller Menschen auf dieser Welt sehr wichtig. So ist es kein Wunder, dass Projekte der Jugendverbände sich – wenn auch nicht immer explizit – längst auf die Themen der nachhaltigen Entwicklung bzw. der Zukunftsfähigkeit beziehen.
Um eine nachhaltige Entwicklung zu verwirklichen, müssen wir umfassende und tiefgreifende gesellschaftliche Transformationen anstoßen und umsetzen. Bildung spielt in diesem Prozess eine Schlüsselrolle. Sie ermöglicht ein fundiertes Verständnis der Herausforderungen und eine kritische Diskussion über mögliche Lösungswege. Bildung befähigt Kinder, Jugendliche und Erwachsene im Sinne eines lebenslangen Lernens zur Gestaltung von politischen, wirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Veränderungen.
Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) steht für eine Bildung, die Menschen zu zukunftsfähigem Denken und Handeln befähigt: Wie beeinflussen meine Entscheidungen Menschen nachfolgender Generationen oder in anderen Erdteilen? Welche Auswirkungen hat es beispielsweise, wie ich konsumiere, welche Fortbewegungsmittel ich nutze oder welche und wie viel Energie ich verbrauche? BNE ermöglicht es jedem und jeder Einzelnen, die Auswirkungen des eigenen Handelns auf die Welt zu verstehen, verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen und aktiv und eigenverantwortlich die individuelle sowie gesellschaftliche Zukunft mitzugestalten.
Die Etablierung von BNE als allgemeine Bildungsaufgabe bedarf der Kooperation und der Vernetzung von Politik, Verwaltung, Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft und Kommunen.

Dekade für Bildung für eine nachhaltige Entwicklung (2005 bis 2014)

BNE ist seit Jahren in aller Munde und das ist auch gut so, denn damit ist zumindest ein Ziel der Weltdekade für Bildung für nachhaltige Entwicklung (2005 bis 2014) erreicht. Mit der von den Vereinten Nationen (UN) bereits 2002 beschlossenen Weltdekade soll signalisiert werden, dass Bildung und Lernprozesse die treibende Kraft für Veränderungen sind. Nur mit diesen Veränderungen kann es uns gelingen, eine Annäherung an eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen. Nachhaltige Entwicklung bezeichnet eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der heutigen Generation befriedigt, ohne auf die Ressourcen zukünftiger Generationen zugreifen zu müssen. Dies ist eine der zentralen, globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.

Das UNESCO-Weltaktionsprogramm „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (2015 bis 2019)

Das UNESCO-Weltaktionsprogramm „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ baut auf den Erfolgen der UN-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung auf. Das fünfjährige Programm (2015-2019) zielt darauf ab, langfristig eine systemische Veränderung des Bildungssystems zu bewirken.
Das Weltaktionsprogramm verfolgt eine doppelte Strategie: Einerseits soll nachhaltige Entwicklung in die Bildung integriert werden: „Neuorientierung von Bildung und Lernen, sodass jeder die Möglichkeit hat, sich das Wissen, die Fähigkeiten, Werte und Einstellungen anzueignen, die erforderlich sind, um zu einer nachhaltigen Entwicklung beizutragen“. Und andererseits Bildung in die nachhaltige Entwicklung: „Stärkung der Rolle von Bildung und Lernen in allen Projekten, Programmen und Aktivitäten, die sich für eine nachhaltige Entwicklung einsetzen.“ Hierfür sollen bis Ende 2019 weltweit vor allem die folgenden fünf Handlungsfelder fokussiert werden:
1. Politische Unterstützung: Das BNE-Konzept soll in die einschlägigen Bereiche der Politik integriert werden.
2. Ganzheitliche Transformation von Lern- und Lehrumgebungen: Die Nachhaltigkeitsprinzipien von BNE sollen in sämtlichen Bildungs- und Ausbildungskontexten verankert werden.
3. Kompetenzentwicklung bei Lehrenden und Multiplikatoren: Die Kompetenzen von Erziehern und Multiplikatoren im Bereich BNE sollen gestärkt werden.
4. Stärkung und Mobilisierung der Jugend: Es sollen weitere BNE-Maßnahmen speziell für Jugendliche entwickelt werden.
5. Förderung nachhaltiger Entwicklung auf lokaler Ebene: Die Ausweitung der BNE-Programme und -Netzwerke soll auf der Ebene von Städten, Gemeinden und Regionen erfolgen.

UNESCO beschließt vorläufiges BNE-Programm ab 2020 (bis 2030) – „Global Action Plan 2030 on ESD“

Ende 2019 läuft das aktuelle UNESCO-Weltaktionsprogramm Bildung für nachhaltige Entwicklung aus. Doch es steht bereits fest, dass es weitergehen wird: Der UNESCO-Exekutivrat hat dem Positionspapier (1) für die inhaltliche Ausgestaltung des Nachfolgeprogramms jetzt zugestimmt.In Abstimmung mit Regierungen, Expertinnen und Experten sowie der Öffentlichkeit hat die UNESCO ein Positionspapier für die inhaltliche Ausgestaltung des Nachfolgeprogramms des Weltaktionsprogramms Bildung für nachhaltige Entwicklung (WAP BNE) erstellt. Wissenschaft, Politik, Zivilgesellschaft, Lehrkräfte, Schüler*innen und Bürger*innen waren eingeladen, ihre Ideen und Erfahrungen in die Erarbeitung des Positionspapiers einzubringen.
Die UNESCO hatte dazu im November 2018 eine Online-Konsultation gestartet. Mindestens 30 Akteure aus Deutschland haben sich beteiligt. Außerdem fanden vier Tagungen zur Zukunft von BNE in Deutschland, Japan, Südafrika und Brasilien statt, mit insgesamt über 250 Teilnehmenden. Auch beim dritten Key-Partner-Treffen der fünf internationalen Partnernetzwerke des Weltaktionsprogramms wurde das Nachfolgeprogramm diskutiert. Im Juli 2018 hatten sich 270 Delegierte aus 116 UNESCO-Mitgliedsstaaten in Bangkok getroffen, um den damaligen Entwurf des Positionspapiers weiterzuentwickeln.
Der UNESCO-Exekutivrat hat diesem Vorschlag im April 2019 zugestimmt und zur formalen Verabschiedung an die UNESCO-Generalkonferenz im November verwiesen. Das Nachfolgeprogramm wird bis 2030 laufen, ebenso wie die Agenda 2030 und die globalen Nachhaltigkeitsziele (SDGs). Die SDGs und auch die Zielkonflikte zwischen ihnen rücken im Nachfolgeprogramm inhaltlich stärker in den Mittelpunkt. Das Nachfolgeprogramm behält zahlreiche bewährte Instrumente bei, doch es gibt auch Erweiterungen wie etwa den verstärkten Fokus auf psychologische und soziale Voraussetzung von Transformation und die Übersetzung von BNE in politische Mobilisierung. Die UNESCO wird dieses Positionspapier weiter ergänzen und schließlich in ähnlicher Form wie die „Roadmap“ des Weltaktionsprogramms als verbindlichen Rahmen für das Programm ab 2020 veröffentlichen.

.....

Weiterlesen in Heft 3/19

 

 

nach oben

Matthias Jena: Die Reichen werden reicher, die Armen immer ärmer - Eine Kritik am Steuersystem, an der ungerechten Vermögensverteilung und eine Forderung nach mehr sozialer Infrastruktur

Trotz hervorragender wirtschaftlicher Lage sind nach Schätzungen des Deutschen Kinderschutzbundes etwa 4,4 Millionen Kinder in Deutschland von Armut betroffen. Armut bedeutet: beengtes Wohnen, wenig Geld für gesunde Ernährung, Bildung und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Die existierenden Maßnahmen reichen nicht aus, um Kinderarmut zu vermeiden, und Armutsfolgen werden bisher nur lückenhaft erforscht.
Der Gesundheitsminister Jens Spahn behauptet, wer von Hartz IV lebe, sei nicht arm. Er verdient das 37-fache dessen, was Hartz-IV-Empfängerinnen und -Empfänger als Regelsatz bekommen. Das ist unerträglich. Das ist zynisch und schwer erträglich.
Hartz IV ist ein Unglück. Essen und Trinken für 4,85 Euro am Tag – da muss man kein Mathematiker sein, um zu erkennen, dass das mit vernünftiger Ernährung nichts zu tun hat. Die Millionen Menschen, die in Deutschland von Hartz IV leben müssen, werden oft als „sozial schwach“ bezeichnet. Das ist eine Beleidigung! Jemand, der keine Arbeit hat, oder keine, von der er und seine Familie leben können, der ist arm, nicht sozial schwach. Sozial schwach ist ein Staat, der so etwas zulässt; ein Staat, der nicht alles tut, um Menschen aus dieser Armut herauszuholen. Und sozial schwach ist ein Gesundheitsminister, der nicht weiß, was Armut ist. Diese Armut darf es in einem so reichen Land nicht geben. Knapp 1,6 Millionen Menschen gelten allein in Bayern als armutsgefährdet (Stand 2016, neuere Zahlen gibt es nicht). Damit ist die Armutsgefährdung zwischen 2006 und 2016 von 10,9 auf 12,1 Prozent der Bevölkerung gewachsen.
Mehr als 200.000 Menschen in Bayern sind regelmäßig auf die Essensspenden der Tafeln angewiesen. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich finde, die Tafeln und die vielen dort engagierten Ehrenamtlichen machen tolle Arbeit, ihnen gebührt unser großer Dank. Mit ihrer wunderbaren Arbeit sorgen sie dafür, dass in Bayern niemand hungern muss. Aber dass es in Bayern immer mehr Menschen gibt, bei denen das Geld nicht einmal mehr fürs Essen langt, das ist eine Schande in so einem reichen Land. Die Staatsregierung hat beschlossen, die Tafeln besser zu unterstützen. Aber angesichts der ausufernden prekären Beschäftigungsverhältnisse und des wachsenden Niedriglohnsektors wäre es sinnvoller, endlich für auskömmliche Löhne auf dem bayerischen Arbeitsmarkt zu sorgen.


Du sollst Vater und Mutter ehren

Das vierte Gebot ist kein Gebot für Kinder, es wendet sich an Erwachsene. Sie sollen die ältere Generation schützen vor Not und Einsamkeit. Dieses Gebot muss Maßstab sein für unser politisches Handeln bei der Gestaltung der Rentenversicherung. Ich bin mir sicher: Dieses Gebot fordert einen ganz neuen Generationenvertrag. Altersarmut darf nicht sein! Wir alle kennen die Bilder von Rentnerinnen und Rentnern, die Pfandflaschen sammeln und bei den Tafeln anstehen. Das ist würdelos und ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft.

Das Rentenniveau sinkt ständig. Und Menschen, die jahrelang in schlecht bezahlten Jobs gearbeitet haben, bekommen später eine Rente, die vorn und hinten nicht langt. Alle zwei Jahre legt der DGB Bayern seinen Rentenreport vor – mit den offiziellen Zahlen der Deutschen Rentenversicherung. Dieser Report zeigt deutlich, dass viel zu viele Menschen in Bayern über eine ungenügende soziale Absicherung im Alter verfügen.
Männer, die im Jahr 2017 in Bayern in Rente gegangen sind, erhalten im Durchschnitt 1.081 Euro Altersrente. Frauen im Durchschnitt sogar nur 684 Euro. Als „gut“ gelten Renten von mehr als 1.500 Euro. Eine solche Rentenhöhe erreichen in Bayern allerdings nur etwa ein Viertel aller Männer und sogar nur vier Prozent der Frauen. Das sind Durchschnittszahlen. Durchschnitt heißt immer es gibt auch viele, die mehr bekommen. Das heißt aber eben auch: Es gibt viele, die noch weniger Rente erhalten.

Und das sind die Zahlen der Rentenversicherung. Ob daneben jemand privat vorgesorgt hat, oder geerbt hat, wissen wir nicht. Aber gerade Menschen, die im Berufsleben wenig verdienen und damit auch später nur sehr niedrige gesetzliche Renten bekommen, können es sich oft nicht leisten, privat vorzusorgen. Niedrige Löhne und private Vorsorge schließen sich faktisch aus. Auch betriebliche Altersvorsorge gibt es im unteren Lohnsegment kaum. Politiker wie Friedrich Merz fordern mit Penetranz die private Vorsorge, am besten über Aktien. Das sind Luftnummern. Wie soll jemand privat vorsorgen, der schon im Berufsleben zu wenig Geld hat?

Armut im Alter ist längst Realität. Rentnerinnen und Rentner in Bayern müssen mit ihrer gesetzlichen Rente oft nahe oder gar unter der Armutsgefährdungsschwelle leben. Insgesamt landen mehr als 70 Prozent der Frauen mit ihren gesetzlichen Altersrenten unterhalb der Armutsgefährdungsschwelle. Bei den Männern ist dies „nur“ bei etwas mehr als einem Drittel der Fall.
Es ist ein Skandal in so einem reichen Land, wenn die Rente nicht zum Leben reicht.
Die Daten und Fakten unseres Rentenreports zeigen, dass wir nach wie vor einen erheblichen Handlungsbedarf in der Rentenpolitik haben. Ja, es ist ein guter Anfang, dass die Bundesregierung mit ihrem Rentenpakt 2018 Leistungsverbesserungen auf den Weg gebracht hat. 2019 soll es weitere Verbesserungen geben. Und ich bin dankbar, dass durch den Vorschlag von Bundesarbeitsmister Hubertus Heil zur Grundrente jetzt endlich Bewegung in die Debatte kommt. Wir kämpfen für beides: für anständige Löhne und für eine Rente, die ein Leben in Würde auch im Alter möglich macht.


Vermögen sind ungleich verteilt

Das Vermögen in Deutschland ist extrem ungleich verteilt. Ein Prozent der Bevölkerung verfügt über 32 Prozent des Gesamtvermögens. Am anderen Ende der Vermögensverteilung besitzen 50 Prozent der Bevölkerung gerade einmal 2,4 Prozent des Gesamtvermögens. Etwa 30 Prozent der Erwachsenen haben so gut wie kein Vermögen oder gar Schulden.
Jeder zweite deutsche Arbeitnehmer verdient heute nicht mehr als vor 20 Jahren. Die unteren 20 Prozent der Einkommensskala mussten seit Anfang der 1990er Jahre sogar reale Einkommensverluste hinnehmen, während das reichste Zehntel reale Einkommenszuwächse von 30 Prozent erzielte.

Schon in der Bibel ist der Schutz des Eigentums mehr als das Verbot des Diebstahls. Die Propheten der hebräischen Bibel und die Schriften des Neuen Testamentes nennen ungerechte Löhne Diebstahl. Ihr habt den Arbeitern, die euer Land abgeerntet haben, den Lohn vorenthalten. Siehe, das schreit zum Himmel. (Brief des Jakobus 5,4)


Immer weniger Menschen können etwas zurücklegen

In Deutschland liegen etwa sechs Billionen Euro auf der hohen Kante. Aber das Geld ist ungleich verteilt. 31 Prozent und damit fast jeder dritte Haushalt verfügt über keinerlei finanzielle Reserven. Das ist im internationalen Vergleich der zweithöchste Wert an Nichtsparern hinter Rumänien. In Bayern verfügt ein Haushalt im Durchschnitt über 213.000 Euro Bruttovermögen. Aber die Ungleichheit der Vermögensverteilung hat auch in Bayern weiter zugenommen. Gemessen wird die Verteilung des Vermögens mit dem sogenannten Gini-Koeffizient. Auf das Einkommen bezogen würde ein Gini-Koeffizient von 0 bedeuten, alle verdienen das Gleiche, der Wert 1 würde bedeuten, einer verdient alles. Je höher also der Gini-Koeffizient, desto ungerechter die Verteilung. In Bayern hat der Gini-Koeffizient in den Jahren 2003 bis 2013 von 0,62 auf 0,66 zugelegt. Auch in Bayern sind also Einkommen und Vermögen immer ungerechter verteilt.


Immer weniger Wohnungen mit Sozialbindung


Auch der Anteil der Menschen ohne Vermögen hat in Bayern weiter zugenommen. Lag der Anteil 2003 noch bei 6,5 Prozent, so lag er 2013 bereits bei 8,6 Prozent. Ein Grund dafür, dass immer weniger Menschen am Monatsende etwas zurücklegen können, sind die dramatisch steigenden Mieten, die erheblich schneller steigen als die Löhne und Gehälter. Allein in Bayern fehlen etwa 192.000 bezahlbare Wohnungen. Mieterinnen und Mieter müssen vor allem in den Ballungszentren horrende Mietpreise bezahlen.

Dabei steht im Artikel 106 der Bayerischen Verfassung: „Jeder Bewohner Bayerns hat Anspruch auf eine angemessene Wohnung“. Ich würde mir wünschen, dass die verantwortlichen Politikerinnen und Politiker wenigstens hin und wieder mal einen Blick in die Verfassung werfen. Einer der Hauptgründe für die Wohnungsnot im Freistaat ist der permanente Rückgang von Wohnungen mit Sozialbindung. Im Jahr 1988 gab es in Bayern 495.240 Sozialwohnungen. Bis zum Jahr 2014 ist die Zahl auf 147.078 Sozialwohnungen gesunken. Im Jahr 2018 waren es sogar nur noch 103.000 Sozialwohnungen in Bayern. Und die Zahl sinkt weiter, da immer mehr Wohnungen aus der Sozialbindung herausfallen.

Seit 2014 sind die Mieten in Großstädten wie München und Nürnberg um 25,4 bzw. 26,5 Prozent gestiegen. Aber auch in kleineren Städten und Gemeinden sind die Mieten – wenn auch auf einem anderen Mietniveau – teilweise explodiert. Etwa 40 Prozent der Haushalte in Bayern müssen mehr als 30 Prozent ihres Einkommens für die Miete aufwenden, fast 20 Prozent zahlen mehr als 40 Prozent ihres Einkommens für die Miete. Auf Dauer führt das zu einer finanziellen Überlastung.

Papst Franziskus hat es im Herbst 2013 in seinem Apostolischen Sendeschreiben auf den Punkt gebracht:
„Ebenso wie das Gebot ,du sollst nicht töten‘ eine deutliche Grenze setzt, um den Wert des menschlichen Lebens zu sichern, müssen wir heute ein ,Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen‘ sagen. Diese Wirtschaft tötet. Es ist unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht. Es ist nicht mehr zu tolerieren, dass Nahrungsmittel weggeworfen werden, während es Menschen gibt, die Hunger leiden. Das ist soziale Ungleichheit.“


„Manager to Worker Pay Ratio" wächst ständig weiter

Die Zahl der Menschen in Deutschland mit einem Vermögen von mehr als einer Million US-Dollar (wegen des internationalen Vergleichs wird das in Dollar gerechnet), ist von 2010 bis 2017 um 48 Prozent gestiegen. 2010 hatten 924.000 Menschen ein Vermögen von mehr als einer Million US-Dollar, 2017 waren es bereits 1.365.000 Menschen.

Viele ausgebildete Facharbeiter erhalten 3.000 Euro im Monat. Damit etwa genauso viel, wie ein ehemaliges Vorstandsmitglied eines Automobilkonzerns als Rente am Tag. 2005 „verdiente“ ein Manager eines DAX-Unternehmens im Durchschnitt 42-mal so viel wie der Durchschnitt seiner Belegschaft. Keine Arbeit irgendeines Menschen kann 42-mal so viel wert sein wie die Arbeit der Beschäftigten. Aber innerhalb von sechs Jahren bis zum Jahr 2011 stieg der Abstand bereits auf das 62-fache an. Erneut sechs Jahre später, 2017, war es im Durchschnitt sogar schon 71-mal so viel. Und diese sogenannte „Manager to Worker Pay Ratio“ wächst ständig weiter. Hier ist vom Durchschnittsgehalt der Manager die Rede. Betrachtet man nur die CEOs, die Chief Executive Officer, also die geschäftsführenden Vorstandsmitglieder, ist der Abstand sogar noch viel größer.
Der Chef der Deutschen Post bekam 2017 das 232-fache des durchschnittlichen Gehalts seiner Mitarbeitenden. Martin Luther kritisiert schon 1524 die unverhältnismäßig hohen Einkommen in der Wirtschaft. Mit Blick auf die in kürzester Zeit zu Reichtum gekommenen Unternehmer des Frühkapitalismus stellt er fest: „Wie sollt das immer mögen göttlich und recht zugehen, dass ein Mann in so kurzer Zeit so reich werde, dass er Könige und Kaiser aufkaufen möchte?“
Und der bayerische Landesbischof, Heinrich Bedford-Strohm, sagt bei der DGB-Kundgebung am 1. Mai 2016 in Ingolstadt mit Bezug auf dieses Luther-Wort: „Wer sich das Auseinanderfallen zwischen Spitzeneinkommen in der Wirtschaft und durchschnittlichen Arbeitnehmereinkommen heute anschaut, sieht schnell, wie aktuell diese Worte sind. Es muss nicht jeder das Gleiche kriegen, aber Einkommensunterschiede dürfen nicht aus den Fugen geraten. Sie müssen immer auch vor den Schwächsten gerechtfertigt werden können.“


Unser Steuersystem ist ungerecht

Das Problem wäre kleiner, wenn große Vermögen und gigantische Einkommen adäquat zur Finanzierung unseres Sozialsystems herangezogen würden. Aber das Steueraufkommen aus vermögensbezogenen Steuern ist in der Bundesrepublik sehr gering. Lediglich 2,9 Prozent des Gesamtsteueraufkommens wird aus vermögensbezogenen Steuerarten generiert. Deutschland ist damit im internationalen Ranking Schlusslicht. Würde Deutschland ein Aufkommen aus vermögensbezogener Besteuerung nach OECD-Durschnitt generieren, gäbe es für den Fiskus jährliche Steuermehreinnahmen von 33 Milliarden Euro. Unser Steuersystem ist ungerecht. Die reichsten 30 Prozent der Bevölkerung zahlen heute weniger als vor 20 Jahren, die unteren 70 Prozent mehr Steuern.
Und dann sind die ganz Reichen auch noch besonders kreativ, wenn es darum geht, den Staat zu betrügen und Steuern zu hinterziehen. Beim Handel von Aktien mit (Cum) und ohne (Ex) Dividende ließen sie sich eine nur einmal gezahlte Kapitalertragssteuer gleich mehrmals erstatten.
Durch diese sogenannte Cum-Ex- und Cum-Cum-Geschäfte sind dem Staat enorme Summen entgangen. Europaweit etwa 55 Milliarden Euro. Allein der deutsche Staat wurde um mindestens 31,8 Milliarden Euro betrogen. Mit mehr als 30 Milliarden Euro hätten eine Menge Schulen und Brücken saniert und die Hilfe für die Ärmsten der Armen kräftig aufgestockt werden können. Doch stattdessen kassierten Banken, Börsenmakler und Anwälte das Geld, das dem Fiskus zugestanden hätte. „Es ist der größte Steuerskandal in der Geschichte der Bundesrepublik", sagt der Finanzwissenschaftler Christoph Spengel. Mehr als 100 Banken stehen im Verdacht, solche Geschäfte zulasten des Steuerzahlers getätigt zu haben. Spätestens ab dem Jahr 2002 wusste die Regierung Bescheid, passiert ist jahrelang nichts. Und jetzt gerät die Aufarbeitung des Skandals ins Stocken, viele Fälle könnten verjähren. Offenbar wurden viel zu wenige Ermittler eingesetzt, um dem Umfang und der Komplexität der Cum-Ex-Fälle gerecht zu werden.
Siehe, das schreit zum Himmel. (Brief des Jakobus 5,4)

Deutschland ist ein reiches Land. Umso skandalöser ist es, dass so viele Menschen in Deutschland abgehängt sind, weil sie arm sind. Der Reichtum in Deutschland muss umverteilt werden. Wir brauchen höhere Regelsätze für das Arbeitslosengeld II, wir brauchen einen deutlich höheren Mindestlohn, wir brauchen bessere und sichere Betreuungsmöglichkeiten für Kinder, wir brauchen eine soziale Infrastruktur, wir brauchen wir viel mehr günstigen Wohnraum und um das alles finanzieren zu können brauchen wir höhere Steuern auf große Einkommen und Vermögen.

......

Weiterlesen in Heft 3/19

nach oben

„Ich sehe in der Breite nicht den ganz großen Aufbruch."

Ein Gespräch mit dem Berliner Nachhaltigkeitsforscher Dr. Johannes Verch über einen nachhaltigen Lebensstil, die Faszination an Greta Thunberg und seine skeptische Haltung zu "Fridays for future".

 

baugerüst: Was verstehen Sie konkret unter Bildung für nachhaltige Entwicklung?

Johannes Verch: Das betrifft eine gewisse Haltung bei denen, die bilden und sich selbst bilden wollen. Eine Haltung, die soziale, ökonomische, ökologische Aspekte berücksichtigt, die sich Gerechtigkeitsfragen stellt. Außerdem ist Bildung für nachhaltige Entwicklung ein Suchprozess, keine fertige Antwort. Man sucht nach neuen Bedürfnisstilen, neuen Kulturen, nach lebbareren Varianten. Es ist prozessorientiert: Man will alte Pfade irgendwie verlassen, hat aber noch keine Antwort dahingehend, wo es hingehen kann. Das sind zwei Hauptcharaktere. Es ist eine begriffliche Offenheit des Systems, in der ein Suchbegriff, ein Prozess drinstecken.

baugerüst: Und was sind die konkreten Ziele?

Verch: Man sollte sowohl intra- als auch intergenerational gucken, für Gerechtigkeit zu sorgen mit einem  vergleichbaren Lebensstil, entsprechend ökologische Regeln einhalten, anhand derer man Nachhaltigkeit auch festmachen kann: Belastung mit Müll, Emissionen oder verantwortungsvolle Nutzung von Ressourcen, da gibt es ja etliche Indizes, die aufgestellt worden sind. Die geben eine grobe Orientierung. Außerdem haben wir den Kompetenzbegriff in der Nachhaltigkeitsbildung. Es ist auch ein Ziel, die Menschen mit Kompetenzen auszustatten und dann diese Aspekte im eigenen, institutionellen oder kulturellen Handeln zu berücksichtigen. Das ist ein hehrer, großer Anspruch, ein allumfassendes Weltziel, das dann aufs Individuum projiziert wird.

baugerüst: Die Bildung für nachhaltige Erziehung wurde in den vergangenen Jahren durch UN-Weltdekade und Unesco-Weltaktionsprogramm in den Mittelpunkt gerückt. Die Unesco hat bereits signalisiert, auch ein Nachfolgeprogramm auf den Weg zu bringen, das bis 2030 gehen soll. Wo sehen Sie nach all den Jahren des Engagements den größten Handlungsbedarf?

Verch: Das Problem ist, dass alles irgendwie zusammenhängt: Klimaflüchtlinge, Klimaveränderung, Zerstörung von Lebensgrundlagen, soziale Polarisation, Kinderarmut. Eigentlich müssen wir besser gestern als morgen komplett umstellen – auf was auch immer. Bildung ist ein Aspekt, der wirksam wird, aber in einem längeren Zeitraum. Guckt man auf das Individuum, dann braucht die Umstellung vielleicht zwei, drei Jahrzehnte oder sogar mehrere Generationen. Bildung für nachhaltige Entwicklung müsste auf der Seite des Individuums sehr schnell in die habituellen Routinen der Personen eindringen und etwas verändern. Und gleichzeitig sofort etwas an Verhältnissen verändern, wenn nicht sogar diese umstürzen. Dieser Doppelfokus ist das Besondere an der Bildung für nachhaltige Entwicklung, dass auch die Verhältnisse mit in den Blick geraten. Das sind die beiden Ziele. Da steckt die größte Herausforderung drin, weil das überhaupt nicht absehbar ist.

baugerüst: Es gibt ja auch die 17 globalen Nachhaltigkeitsziele (sustainable development goals der UN –sdg). Was halten Sie davon?

Verch: Man kann die so formulieren. Die ergeben sich natürlich aus dem Handlungsbedarf, aber im Prinzip ist es, wenn man es historisch sieht, das Weltprogramm einer sorgentreibenden Weltaufklärung, wo eigentlich alle großen Probleme auf den Nachhaltigkeitsbegriff niederprasseln. Und ich glaube auch zu Recht, weil alles mit allem zusammenhängt. Und damit hat man einen Fokus, den man seit spätestens 1992 mit dem Nachhaltigkeitsbegriff verbindet, und auf den man dann runtergebrochen operationalisiert gucken kann, um anhand von Indizes ein Stück weiter zu kommen. Aber das Problem ist bildungstheoretisch, einem Individuum einen Bildungskanton aufzulasten und damit sozusagen die Welt systemisch retten zu wollen.

baugerüst: War das vorher, als von dem Nachhaltigkeitsbegriff noch nicht die Rede war, anders?

Verch: Als es den Begriff noch nicht gab, sprach man von Umwelterziehung. Man hat versucht, noch in den 70er Jahren nach dem Verursacher- und Kausalprinzip Unternehmen und Politik in die Verantwortung zu nehmen und nachdem das mehr oder weniger gescheitert ist, hat man irgendwann 1977 in Tiflis umgeschaltet und bei Bildung und dem Individuum angefangen. Es hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden, weil man es kollektiv-systemisch nicht hinbekommen hat und dann beim Bildungsbegriff angefangen hat und damit dem Individuum eine gigantische Verantwortung aufgelastet hat für die ganze Welt. Und wenn man sich die Gestaltungskompetenzen anguckt oder die 17 Ziele: Wenn ich das alles auf meinen schmalen Schultern tragen soll oder wir alle, dann können wir nur zusammenbrechen. Das ist ein grundsätzliches erziehungstheoretisches Dilemma.

baugerüst: Aber ist es deshalb umso wichtiger, möglichst bald anzufangen? Sie engagieren sich ja zum Beispiel auch beim Haus der kleinen Forscher.

Verch: Meine Haltung dazu ist: Ja, weitermachen auf allen Ebenen, auch bei frühkindlicher Bildung, aber bitte nicht die Kindheit mit einem Weltinnenministerium überfrachten. Dranbleiben, eine Chance geben. Aber gleichzeitig sage ich, diese Spur der Bildung zu verfolgen, wird nicht ausreichen. Meine Stimmung, wenn ich rausgucke, ist eher resignativ. Obwohl ich beruflich und vom Ethos her weitermache.

baugerüst: Weil es nicht schnell genug geht?

Verch: Ja, aber auch widersprüchlich. Der große Zug in der Welt fährt auf einer ganz anderen Spur und da mit unserem kleinen Bildungsanspruch gegen zu halten, das zerreißt mich manchmal selbst.


baugerüst: Sie haben gesagt, dass das Individuum die ganze Last auf den Schultern trägt. Ist es für Jugendliche eine Hürde, da es sich um ein globales Ziel handelt und man denken könnte „Ich als Einzelner kann ja gar nichts ausrichten“?

Verch: Ja, und es gibt immer einen Unterschied zwischen der Merk- und der Wirkwelt. Das, was ich um mich herum spüre an Problemen, ist ja noch nicht so groß, jedenfalls bei uns nicht. Anderswo sieht es anders, viel dramatischer aus. Sich den Weltproblemen zu stellen und dabei der Gesamtkomplexität der Welt zu begegnen, das macht Angst. Das schlägt oft um in die Einstellung: Dann mache ich meinen Lebensstil so weiter, im Großen und Ganzen bin ich ja auch nicht verantwortlich für das, was mich in dieser Gesamtheit überfordert. Allen Entwicklungen wie „Climate for future“ zum Trotz, wo jetzt eine Gefühls- und Bewusstseinslage ein Stück zum Ausdruck kommt – jedenfalls zur Zeit. Mal sehen, ob es eine Epoche wird – erstmal würde ich es nur als Episode benennen, die aber doch schon etwas anhält. Ein Stück Protestkultur, die sich umfassender versteht. Aber daraus jetzt den ganz großen Hoffnungsfunken abzuleiten, da bin ich vorsichtig, da habe ich in den vergangenen 35 Jahren zu viel Aufs und Abs erlebt.

.....

Weiterlesen in Heft 3/19

nach oben

Florian Eutebach: Gemeinsam die Welt "fair"ändern - Ein aufsuchendes Bildungsangebot

Die Schülerstreiks der „Fridays for Future“-Bewegung tragen aktuell das Thema Nachhaltigkeit in die breite Öffentlichkeit. Das aufsuchende Bildungsangebot „werde WELTfairÄNDERER“ besucht schon seit 2010 weiterführende und berufsbildende Schulen in Süddeutschland. Unter dem Motto „Das Wenige, das du tun kannst, ist viel“ (Schweitzer 1919) möchten die WELTfairÄNDERER Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene für das wichtige Thema der Schöpfungsbewahrung und der sozialen Gerechtigkeit in ihrer eigenen Lebenswelt sensibilisieren und Zugangswege aufzeigen, selbst aktiv zu werden. So ermutigt das bisher mehrmals, unter anderem von der UNESCO ausgezeichnete Bildungsangebot Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene unmittelbar in ihrer eigenen Lebenswelt gestalterisch aktiv zu werden und „nicht nur zu hören und zu reden, sondern auch zu handeln“ und somit selbst zum WELTfairÄNDERER zu werden. Das Angebot, welches von kirchlichen Jugendämtern und Diözesanverbänden des BDKJ (Bund der Deutschen Katholischen Jugend; als Dachverband seiner Mitgliedsverbände und ihrer regionalen Zusammenschlüsse vertritt der BDKJ die Interessen von ca. 660.000 Mitglieder im Alter zwischen sieben und 28 Jahren in Kirche, Politik und Gesellschaft) getragen wird, konnte schon über 40.000 Schüler*innen an mehr als 50 Schulen erreichen.
In Workshops, mobilen Ausstellungen und Unterrichtseinheiten werden dabei die verschiedenen Aspekte der Bildung nachhaltiger Entwicklung (BNE) passgenau auf die jeweilige Altersgruppe zugeschnitten und prozessorientiert am jeweiligen Wissensstand der Schüler*innen ausgerichtet, spielerisch, erlebnis- und erfahrungsorientiert vermittelt. So können z. B. Schüler*innen als Umweltdetektive auf die Spurensuche in ihrer eigenen Schule gehen und Energie- und Ressourcenverschwendung in ihrem direkten Umfeld aufdecken.
Durch vielfältige Kooperationsübungen wird das Thema des sozialen und fairen Umgangs miteinander direkt in der eigenen Klasse thematisiert und für die Schüler*innen erfahrbar gemacht. Dass die Themen soziale Fairness und Gerechtigkeit nicht an der Tür der eigenen Klasse haltmachen, wird unter anderem in einem Workshop zum Thema Schokolade deutlich. Anhand der Produktionskette von Schokolade zeigen die WELTfairÄNDERER auf, dass der günstige Preis für eine Tafel Schokolade im Supermarkt zur Folge haben kann, dass Kinder von Kakao-Bauern in den Anbaugebieten nicht zur Schule gehen können, da ihre Eltern nicht gerecht an dem Verkaufserlös beteiligt werden und diese somit zum Familienunterhalt schon in jungen Jahren mit beitragen müssen. Hier zeigt sich für die Schüler*innen, dass sie selbst durch ihr Einkaufsverhalten eine wirtschaftliche Marktmacht haben und durch den Konsum von z.B. fairen Produkten einen Beitrag zur globalen Gerechtigkeit im Alltäglichen leisten können.
Fragestellungen rund um den Themenkomplex Nachhaltigkeit stellen nicht erst seit den „Fridays for Future“-Demonstrationen von Schüler*innen eine zentrale Herausforderung unserer heutigen Zeit dar, werden aber von diesen aktuell ins kollektive Bewusstsein geholt. Vor über 30 Jahren haben sich die Vereinten Nationen im „Brundtland-Bericht“ von 1987 (WCED 1987) mit Themen nachhaltiger Entwicklung befasst. Schon damals wurden diese als zentrale Aufgabe beschrieben, welche alle derzeitigen und zukünftigen Generationen in der Verantwortung sieht, nachhaltig ökologisch und sozial zu handeln, damit den nachfolgenden Generationen weiterhin ein selbstbestimmtes Leben auf unserem Planeten Erde ermöglicht wird.
Unter anderem durch die von Papst Franziskus im Jahr 2015 verfassten Enzyklika „Laudato si – Über die Sorge um das gemeinsame Haus“ (Franziskus 2015) ist das Thema der Nachhaltigkeit auch im katholischen Kontext (wieder) aktuell. Papst Franziskus widmet sich der Frage, wie es möglich sein kann, so zu leben, dass es den Menschen und der gesamten Schöpfung gut geht und behandelt Themen des Umwelt- und Klimaschutzes. Dabei betont er, dass die ökologische Frage eine Gerechtigkeitsfrage ist und daher der Zugang zu Ressourcen zu einer ethischen Frage des 21. Jahrhunderts wird. Er schreibt: „Wir kommen heute nicht umhin anzuerkennen, dass ein wirklich ökologischer Ansatz sich immer in einen sozialen Ansatz verwandelt, der die Gerechtigkeit in die Umweltdiskussionen aufnehmen muss, um die Klage der Armen ebenso zu hören wie die Klage der Erde“ (Franziskus 2015, LS 49). Für diese Bewahrung der Schöpfung und der Herstellung von sozialer Gerechtigkeit steht das Bildungsangebot „Werde WELTfairÄNDERER“.


Zusammen sind wir stark und können etwas fairändern


Das Besondere an der Bildungsarbeit der WELTfairÄNDERER ist dabei nicht nur, die Problemlagen unserer Welt aufzuzeigen, sondern auch zusammen mit den Schüler*innen exemplarisch konkrete Lösungsansätze zu erarbeiten, die sie in ihren Alltag integrieren können. Durch einen lebensweltlichen und personenorientierten Ansatz werden die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit ihren Fähigkeiten und Handlungsmöglichkeiten in den Mittelpunkt gestellt, so dass die Teilnehmer*innen Handlungsoptionen entwickeln können, die sich dann im Alltag auf der individuellen Subjektebene auch wirklich mit wenig Aufwand umsetzen lassen. Dabei wird verdeutlicht, dass zwar jeder persönlich gefordert ist, etwas zu verändern, aber nicht dabei allein sein muss. Da die WELTfairÄNDERER mit ihrem Bildungsangebot für jeweils eine ganze Aktionswoche an einer Schule gastieren, können sich die Teilnehmer*innen als einen Teil der ganzen Schulgemeinschaft erleben, die sich zusammen den Herausforderungen der Schöpfungsbewahrung und sozialen Gerechtigkeit widmen.


Vernetzung als Schlüssel für einen nachhaltigen Erfolg


Die Aktionswoche an einer Schule versteht sich darüber hinaus bewusst als Impulsgeber und Initiator, um das Thema Nachhaltigkeit in die Lebenswelten der Schüler*innen und Lehrer*innen zu tragen. Um die Auseinandersetzung mit den Themen auch nach der Aktionswoche im Bewusstsein zu halten und somit nachhaltig zu wirken, setzt das Bildungs-
angebot bewusst auf die Vernetzung der lokalen Akteure vor Ort, damit diese die Möglichkeit haben nach der Aktionswoche eigenständig weiter zu arbeiten.
Das Bildungsangebot versteht sich daher neben der inhaltlichen Bildungsarbeit auch als Initiator für die Vernetzung von schulischer und außerschulischer Bildungsarbeit auf der lokalen Ebene. Die hauptamtlichen Mitarbeiter*innen des Bildungsangebots stehen den lokalen Akteuren und den Schulen hier beratend zur Seite.

 
Kirchliche Jugendarbeit und Schule


Die Vernetzung von außerschulischer und schulischer Bildungsarbeit stellt, neben der direkten Bildungsarbeit mit den Schüler*innen für die WELTfairÄNDERER durchführenden Diözesen, einen Mehrwert an sich dar. Denn die Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. So haben gesellschaftliche und politische Prozesse dazu geführt, dass Schule als Lebens- und Erfahrungsraum stärker im Leben junger Menschen präsent ist.
Durch die Zentrierung auf den Lebensraum Schule wird diese als formale Bildungseinrichtung mit Aufgaben konfrontiert, die zuvor stärker im familiären Umfeld und in der non-formalen Bildung ihren Platz hatten. Durch eine Kooperation mit Akteuren der außerschulischen Jugend(verbands)arbeit und Jugendbildung kann Schule für den Bereich der non-formalen Bildung von den Stärken und Zugangswegen dieser profitieren, die sie aus systemimmanenten Gründen selbst häufig nur schwer leisten kann.
Aus der Kooperation erwächst nicht nur für Schule als Bildungsinstitution ein Vorteil, sondern auch die non-formale Jugendbildung kann über und mit Schule den Kindern und Jugendlichen in ihre veränderten Lebenswirklichkeiten folgen und holt sie in diesen ab. Dabei ergibt sich der positive Effekt, dass auch Kinder und Jugendliche in Schule erreicht werden können, die zuvor in der klassischen Jugend(verbands)arbeit und Jugendbildung mit seinen eigenen systemischen Bedingungen keinen Zugangsweg finden konnten. So zeigt die Sinus-Jugendstudie 2012 (Calmbach u.a. 2012) für die kirchliche Jugend(verbands)arbeit in Deutschland deutlich auf, dass in der Regel vorrangig nur bildungsnahe Kinder und Jugendliche in der eigenen Arbeit erreicht werden und nach der Sinus-Jugendstudie 2016 (Calmbach u.a. 2016) findet eine Deinstitutionalisierugn von Glauben statt. Eine kirchliche Jugend(verbands)arbeit, die jedoch grundsätzlich für alle Kinder und Jugendliche offen stehen will, muss daher neue Zugangswege zu denen finden, die sie noch nicht oder nicht mehr erreicht. Jugendarbeit und Schule können sich dabei gegenseitig mit ihren Stärken und unterschiedlichen Bildungsansätzen bereichern.

 

...

 

Weiterlesen in Heft 3/19

nach oben

Autorinnen und Autoren

Dr. Julika Bake, Josefstal
Referentin am Studienzentrum für evangelische Jugendarbeit

Mechthild Belz, Stuttgart
Landesreferentin am Evangelischen Jugendwerk Württemberg (EJW)

Rainer Brandt,
Castell
Pfarrer

Florian Eutebach,
Mainz
Referent im Bischöflichen Jugendamt der Diözese Mainz

Katja Hanning-Fischer, Stuttgart
Referentin beim Landesjugendring Baden-Württemberg

Friedemann Hennings, Nürnberg
Referent FÖJ, Evangelische Jugend in Bayern (ejb)

Matthias Jena, München
Landessynodaler, Vorsitzender DGB Bayern

Dr. Heiner Keupp, Unterschleißheim
em. Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Dr. Martin Kopp, Gries (Frankreich)
Theologe

Dr. Veit Laser, Hannover
Referent Arbeitsgemeinschaft der Ev. Jugend in Deutschland (aej)

Dr.Arne Manzeschke, Nürnberg
Theologe, Professor an der Evangelischen Hochschule

Gerd Nickoleit, Wuppertal
ehemaliger Grundsatzreferent bei der GEPA

Jessica Schleinkofer, München
Projektkoordinatorin Evangelische Jugendsozialarbeit Bayern e.V.

Dr. Joachim Twisselmann, Bad Alexandersbad
Diplom-Pädagoge, Politologe

Dr. gerhard Wegner, Hannover
Theologe, ehemaliger Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD



nach oben