das baugerüst 1/20

Junge Erwachsene

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Podcast zum aktuellen Heft

NEU: Podcast zu den baugerüst-Ausgaben

In Kooperation mit dem Studienzentrum Josefstal erscheint das neue Audiomagazin zum aktuellen Heft zum Thema "...for future. Roger Schmidt spricht mit Veit Laser über seinen Beitrag zum Thema im baugerüst.
Schließlich diskutiert Annika Falk-Claußen, die Redakteurin des baugerüst, wichtige Erkenntnisse aus dem Heft. Hören Sie rein!

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Inhalt

          Friedrich Schweitzer: Vom Kinder- zum Erwachsenenglauben – immer noch eine Herausforderung?

  • hintergrund

    David Gutmann/Fabian Peters: Warum habt ihr euch nie gemeldet? Über das Austrittsverhalten junger Menschen

    Gert Pickel: Kirchenaustritt bedeutet nicht Abwendung vom Glaubenbg 04/2019

    Tobias Faix/Tobias Künkler: Warum junge Menschen nicht mehr glauben

    Anna Heinrich: Digital Mensch sein

    Michael Freitag: Hochreligiöse Emigrant*innen aus Kirchen und Freikirchen

    Anna Heinrich: Digital Mensch sein

    Tobias Faix/Tobias Künkler: Jung, evangelisch und hochreligiös?

  • standpunkt
    Ursel Braun: Junge Erwachsene in der Jugend- und Gemeindearbeit
  • forum
    Sabine Janssen: Secret Places christliche Kulturveranstaltung für junge Menschen

    Thomas Henning: Religionsunterricht an der Berufsschule – ein (nicht ganz) neuer Weg

    Michael Wolf: Kirche bei Musikfestivals

    Michael Götz: Uni-Y – eine inspirierende Studentenbewegung

    Bernd Offenberger: Immer wieder neue Anknüpfungspunkte schaffen

    Corinna Harms: Gemeinde als Wohlfühl- und Zufluchtsort für Generationen

   Christoph Schneider: Jüngerschaft Jesu gemeinsam leben

  • Buch- und Materialhinweise

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Annika Falk-Claußen: Ihnen steht die Welt offen

Bis zum Schulabschluss haben Jugendliche ihre festen Bezugspersonen, ihre Netzwerke, die teilweise seit Kinder-gartentagen bestehen. Durch die Schule haben alle einen ähnlichen Tagesablauf, sind dadurch eine relativ homogene Zielgruppe. Danach werden die Lebenswege und Interessen differenzierter, zumal diese Generation so mobil ist wie keine zuvor.

Ihr steht die Welt offen – sowohl in Bezug auf Ausbildung und Studium, als auch auf Wohnort und Lebensform. So war es auch bei mir. Ich bin eine Vertreterin dieser jungen Erwachsenen-Generation, zugegeben am oberen Ende der Altersspanne. Nach dem Abitur bin ich zum Studium in eine 250 Kilometer entfernte Stadt gezogen, später noch weiter ins Ausland, habe Familie und Freunde nur noch an den Wochenenden gesehen. Habe die ehrenamtliche Arbeit in der Kirchengemeinde dadurch beenden müssen.

Das Neue war aufregend. Auf eigenen Beinen stehen, einen eigenen Haushalt führen, viele neue Leute kennen lernen, Input durch das Studium und ehrenamtliche Arbeit rund um die Uni bekommen, unzählige Angebote – kulturell, musikalisch, sportlich – in einer Großstadt erleben. In den Ferien habe ich anfangs noch bei der Jugendfreizeit mitgeholfen, die ich seit einigen Jahren begleitet hatte. Meinen Glauben habe ich auch nie verloren, aber den Bezug zu einer Gemein-de oder einem Verband sehr wohl. Zu oft bin ich in den Jahren umgezogen. Immer wenn ich versucht habe, wieder in einer Gemeinde Fuß zu fassen, folgte schon der nächste Umzug. Erst jetzt, als Mama einer kleinen Tochter, zurück in der Heimat, habe ich wieder ans Gemeindeleben angeknüpft.

Ein Stück weit zählt für mich also der alte Grundsatz „Spätestens zur Taufe der Kinder kommen sie schon wieder”. Doch darauf kann man sich heute nicht mehr verlassen, wie Thomas Schlag, Theologieprofessor aus Zürich, im Inter-view erzählt. Mit ihm und meinem Kollegen Michael Freitag habe ich über dieses spannende Alter gesprochen und wie Kirche diese Zielgruppe erreichen kann.

Doch wer sind eigentlich diese „jungen Erwachsenen”? Dieser Frage geht Annika Schreiter in ihrem Beitrag nach. Wa-rum treten so viele von ihnen aus der Kirche aus, wenn sie das erste Mal Steuern zahlen müssen? Auf die Ergebnisse der „Freiburger Studie” blicken die Autoren Fabian Peters und David Gutmann in einem Artikel. Da sind einerseits die, die ihren Glauben in diesem Alter verlieren, aber auch ein gewisser Prozentsatz junger Menschen, die als hochreligiös gelten. Beiden Aspekten gingen Tobias Faix und Tobias Künkler wissenschaftlich nach und haben dazu zwei Beiträge für diese Ausgabe geschrieben.

Während der Vorbereitung auf dieses Heft haben wir im Redaktionskreis gezweifelt, ob es genug gelungene Projekte für diese Zielgruppe gibt. Doch bei der Recherche war schnell klar, dass es zahlreiche spannende Ansätze gibt. Einige Projektverantwortliche schildern ihre positiven Erfahrungen, beschreiben Herausforderungen und Niederschläge. So wie Sabine Janssen, die in Esslingen mit einem Team die christ-liche Kulturveranstaltung „Secret Places” durchführt.

Oder Thomas Henning, der von seinen Erfahrungen vom Religionsunterricht an einer Berufsschule berichtet. Michael Wolf, der mit einem Team zu Musikfestivals fährt, um dort die jungen Menschen zu erreichen. Einen Blick über Deutsch-lands Grenzen hinaus gewährt uns Michael Götz, der von einer inspirierenden Studentenbewegung in Hong Kong be-richtet, die bald in Deutschlands adaptiert werden soll. Wir hoffen, dass wir Ihnen, liebe Leser*innen, mit diesem Heft ein wenig dabei helfen können, diese Zielgruppe besser zu verstehen, dass wir Anregungen geben können, welche Angebote oder welche Räume zur eigenen Gestaltung die jungen Erwachsenen brauchen, damit die Kirche nicht den Kontakt zu ihnen verliert.

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Annika Schreiter: Nicht mehr jugendlich, aber schon gar nicht erwachsen

I ́m not a girl, not yet a woman. All I need is time, a moment that is mine, while I ́m in between...“, trällerte Britney Spears Anfang der 2000er Jahre. Damals war sie Anfang 20 und eine der erfolgreichsten Künstlerinnen der US-Popgeschichte. Dennoch sang sie in diesem Lied, dass sie Zeit braucht, um erwachsen zu werden. Damit beschreibt dieser Song den Kern der Lebensphase der jungen Erwachsenen: Jener Menschen im dritten Lebensjahrzehnt, die „in between“, also dazwischen, hängen zwischen Volljährigkeit auf der einen und Abhängigkeit von der Familie auf der anderen Seite und die sich irgendwie noch nicht erwachsen fühlen. Prägend für diese Phase sind die Suche nach sich selbst, der Karriere und dem richtigen Partner oder der Partnerin.

Die Erfindung der Lebensphasen

Bis vor Kurzem teilte man das Leben gemeinhin in vier Phasen auf: Der Mensch ist erst Kind, dann jugendlich, dann erwachsen und abschließend Senior. Wobei sich diese Phasen alle noch einmal differenzieren lassen, z. B. in Baby, Kleinkind, Vorschulkind usw. Schon diese mögliche Unterteilung macht deutlich, dass die Vierteilung des Lebens so einfach nicht ist. Noch komplizierter wird es, wenn man nach verbindlichen Kriterien oder gar Eintrittsaltern sucht. Nur juristisch wird man schnell fündig: Baby bis zu einem Jahr, dann Kind und ab 12 bis 18 jugendlich, mit dem Schonraum bis 21. Medizinisch wird oft der Eintritt in die Pubertät zur Bestimmung des Übergangs von Kind zu Jugendlichem hergenommen. Der Schulabschluss und Beginn oder Ende des Arbeitslebens sind weitere Markierungen im Lebenslauf, die die Übergänge von Lebensphasen markieren (können).

Diese Vielfalt der Kriterien zeigt, dass Lebensphasen keinen Naturgesetzen folgen, sondern soziale Konstrukte sind. Es lassen sich zwar relativ objektive Kriterien wie Alter, körperliche Merkmale oder erfolgreich bewältigte Entwicklungsauf-gaben finden. Aber diese unterscheiden sich je nach Zugang – z. B. juristisch, pä-dagogisch, medizinisch – und nach der Funktion, die sie erfüllen sollen. Damit unterliegt die Einteilung der Lebensphasen kulturellem und historischem Wandel. (Galuske & Retzke, 2008: 1)

Die Kindheit ist eine Erfindung der Neuzeit. Im Mittelalter gab es nur Säuglinge und Menschen. Das Wort Kind beschrieb ein Verwandtschaftsverhältnis. Erst ab der Neuzeit wird Kindheit als Lebensphase der Abhängigkeit von Erwachsenen in den Blick genommen und ein besonderes Schutz- und Bildungsbedürfnis dafür formuliert. Dadurch erhalten die jüngsten Menschen zwar kindgerechte Aufmerksamkeit, sie werden aber auch zunehmend aus der Welt der Erwachsenen ausgeschlossen und in einen pädagogisierten Schonraum verbannt. (Galuske & Retzke, 2008: 1; Rißmann, 2015: 256f )

Die Jugend wird erst ab Ende des 19. Jahrhunderts als eigene Lebensphase betrachtet. Angestoßen wurde dies vor allem von Bewegungen wie den Bur-schenschaften oder später den Wandervögeln. In engem Zusammenhang steht diese Entwicklung mit der Einführung der Schulpflicht. Assoziationen zur Jugend sind seither Aufbegehren sowie die Suche nach dem Ich und einem Platz in der Welt der Erwachsenen. Daher wird der Jugend ein Bildungsmoratori-um zum Lernen und Ausprobieren u. a. durch die Schulzeit gewährt. (Galuske & Retzke, 2008: 1)In den 1960er Jahren wird erstmals eine weitere Phase erwähnt: die Postadoles-zenz oder die jungen Erwachsenen.

Im englischsprachigen Raum hat sich der Begriff der „emerging adulthood“ (Ar-nett, 2000) etabliert. Gemeint sind jene jungen Menschen, die zwar volljährig sind, sich aber emotional und/oder finanziell noch nicht von ihren Eltern gelöst haben. Während diese anfänglich als problematische Ausnahmefälle betrach-tet wurden, hat sich eine solche Phase in den vergangenen vier Jahrzehnten zum Normalfall entwickelt. Galuske und Retzke (2008) beschreiben das junge Erwachsenenalter folgender-maßen: „Aus dem ‚nicht mehr und noch nicht‘ als Kennzeichen der Jugendpha-se wird das ‚nicht mehr ganz und noch nicht richtig‘ als Lebensgefühl der jun-gen Erwachsenen.“ Damit ist die Posta-doleszenz eine Phase der Vorläufigkeit, in der man sich weitgehend autonom ori-entiert und entwickelt, ohne sich jedoch festlegen zu müs

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Tobias Faix/Tobias Künkler: Warum junge Menschen nicht mehr glauben

Eine Spurensuche sowie erste Konsequenzen für Kirche und kirchliche Jugendarbeit

Eine der großen Herausforderungen kirchlicher Jugendarbeit ist das Alter zwischen 20 und 35 Jahren. Dort ist die Austrittswahrscheinlichkeit aus der Kirche am höchsten. Die Gründe dafür sind vielfältig, ein Auslöser ist dabei die erste Zahlung der Kirchensteuer, der tiefere Grund ist die fehlende Bindung an die Kirche. Keine einfache Frage, die aber noch erweitert werden kann auf die jungen Menschen, die nicht nur die Kirche verlassen haben, sondern ihren Glauben. Warum können oder wollen junge Menschen, die sich einmal selbst als gläubig bezeichnet haben, nicht mehr glauben?

Dieser wichtigen und selten gestellten Frage sind wir als Forschungsinstitut empirica für Jugendkultur & Religion mit der Studie „Warum ich nicht mehr glaube“ nachgegangen. Darin wurden in einer Online-Befragung über 330 Personen befragt, die einst im christlichen Sinne geglaubt haben und dies nun nicht mehr tun. Deren Angaben wurden ausgewertet und aus ihnen fünfzehn Personen ausgewählt und ausführlich interviewt.

1. „Ich kann an diesen Gott nicht glauben“: Beschreibung von vier Leitmotiven

Keine Lebensgeschichte gleicht der anderen und jeder Mensch ist ein einzigartiges Individuum. Dennoch gibt es in den Biografien unserer Gesprächspartner viele Gemeinsamkeiten. Wir haben beim Studdieren und Auswerten der 15 Interviews einerseits gestaunt, wie unterschiedlich die Lebenswege und Erfahrungen waren. Andererseits war es aber auch auffallend, wie viele ähnliche Situationen, Erfah-rungen und Motive in den Erzählungen vorkamen. Es war sogar möglich, in der Geschichte jeder Person ein Leitmotiv auszumachen, das im Prozess des Glau-bensverlustes die wichtigste Rolle gespie-lt hat. Insgesamt fanden wir vier dieser Leitmotive, (1) Moral, (2) Intellekt, (3) Identität und (4) Gottesbeziehung, von denen es jeweils zwei verschiedene Ausprägungen (Typen) gab.

Dabei ist es wichtig zu bedenken, dass das Leben nicht schematisch ist. Die von uns gefun-denen Leitmotive tauchen so in der Rea-lität fast nie in Reinform auf. Bei jedem Interviewpartner, wie auch bei jedem von uns, ist eine Vielzahl an Einflüssen und Persönlichkeitsfacetten zu beobachten. Doch auch wenn mehrere Aspekte gleichzeitig auftauchten, gab es letztlich immer ein besonders dominantes Mo-tiv, das sich wie ein roter Faden durch die Geschichte zog. Diese Leitmotive sollen nun exemplarisch etwas genauer beleuchtet werden.

a) „Christen sind nicht das, was sie singen“ – das Leitmotiv Moral

Die Moral, also die Frage nach der rich-tigen Lebensführung, ist ein zentrales Motiv in allen Gemeinschaften, die sich auf gemeinsame Werte berufen und in einer mehr oder weniger verbindlichen Form Leben teilen möchten. Gerade in Kreisen, die Wert auf ein bewusstes Leben als Christen legen, wird sie oft zentral betont. Das heißt, dass die Än-derung, die im Leben durch den Glauben angeregt wurde, auch im Handeln sichtbar werden soll. Dies kann sich in bestimmten Verhaltensweisen äußern – sowohl in dem, was man tut, als auch in dem, was man nicht mehr tun sollte. Diese an sich neutrale Tatsache kann in der Praxis immer wieder zu Problemen führen. So werden zum Beispiel Erwartungen nicht klar ausgesprochen, obwohl sie von allen unbewusst wahrgenommen werden.Häufig passen dann Einzelne ihr Verhalten aufgrund der Dynamiken in der Gruppe daran an.

Es kann auch vorkommen, dass von der Leitung oder anderen Personen in Machtpositionen die Maßstäbe für das richtige Verhalten klar kommuniziert werden. In manchen Fällen werden aus diesen Vorstellungen und Leitbildern dann jedoch Gesetze, die als einengend empfunden werden. Zuletzt kann Moral, gerade auch in Verbindung mit Macht, dazu eingesetzt werden, Menschen zu kontrollieren und ihr Verhalten zu manipulieren. Nicht in allen Fällen geschieht dies allerdings be-wusst und mit voller Absicht. In unseren Interviews tauchten im Zusammenhang mit dem Leitmotiv Moral vor allem die moralischen Vorstellungen in ihren christlichen Gemeinden auf.Dies betraf nicht nur das alltägliche Leben mit seinen vielen großen und kleinen Ent-scheidungen, sondern auch den Glauben selbst.

Aus diesen Erfahrungen kristallisierte sich bei der Analyse der Gespräche der Typ der Eingeengten heraus. Beispielsweise berichtete Claudia: „Christen reden von Freiheit. Gott und Glaube machen frei, aber gleichzeitig stellen sie so viele Regeln und Gesetze auf, die man alle einhalten muss, weil man sonst nicht mehr bei Gott ist.“ Beim zweiten Typ, den Verletzten, kam die Moral – und mit ihr häufig auch Macht – nicht nur einengend an die Persönlichkeit heran, sondern überschritten diese Grenzen sogar. In den Interviews tauchten alle möglichen Formen von Übergriffen und Verletzungen in Gemeinden und durch Christen auf. Diese waren teils geistlich, teils psychisch, aber auch körperlich und sexuell. Letztlich kann man zum Leit-motiv Moral festhalten, dass immer das Verhalten von anderen Christen und der jeweiligen Gruppe oder Gemeinde einen entscheidenden Einfluss darauf hatte, dass die betreffenden Personen nicht mehr glauben (können).

Der Verlust bzw. das Ablegen des Glaubens geht einher mit einem Bruch mit den betreffenden Personen und dient auch dazu, wieder die Souveränität über das eigene Leben zu erlangen.

b) „Ich habe viel gekämpft und lang-sam merkte ich: Das passt alles nicht zusammen.“ Das Leitmotiv Intellekt

Das zweite Leitmotiv hat weniger mit anderen Christen als mit einer inneren Auseinandersetzung zu tun. Die Betroffenen zweifeln an der christlichen Lehre, an einzelnen Glaubensaussagen, ihr christliches Weltbild gerät in Konflikt mit natur- oder geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen. Mit der Zeit gelangen sie an einen Punkt, an dem sie den Glauben nicht mehr mit ihrem Denken in Übereinstimmung bringen, ja nicht einmal als getrennte Systeme nebeneinander stehenlassen können. Die beiden Gruppen, die sich bei diesem Leitmotiv herausschälten, sind die Zweifelnden und die Grübelnden.

Während die Zweifelnden in einem gedanklichen Konflikt stehen, wie sie die christliche mit einer zweiten Weltsicht in Verbindung bringen sollen, sind die Grübelnden in ihrem Zweifel eher auf sich selbst bezogen und hinterfragen stärker ihre Erfahrungen und Erkenntnismöglichkeiten und wie diese mit bestimmten Lehraussagen zusammenpassen. So hat es zum Beispiel Nicolo erlebt. Er hat sich mit dem Thema Glaube und Atheismus auseinandergesetzt und kam zu dem Schluss: „Ich habe weiter als Christ gelebt und habe eigentlich mit niemandem darüber geredet. Ich wollte das mit mir und mit Gott ausmachen. Ich habe viele Bücher gelesen und viel in der Bibel gelesen, über Monate ging das so. Und ich habe viel gekämpft und langsam, langsam merkte ich: Das passt hier nicht. Hier ist was falsch. Und dann habe ich gesagt: Ich glaube nicht mehr an Gott.“

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„Freikirchliche Gemeinschaften stellen eine familienähnliche Verbindlichkeit her. ”

Ein Gespräch mit dem Züricher Theologieprofessor Thomas Schlag über ICF, die Bedeu-tung der Konfirmandenarbeit, strategisch denkende Jugendliche und warum angehende Pfarrer unbedingt Begeisterungsfähigkeit mitbringen müssen.

baugerüst: Wie definieren Sie die Gruppe „junge Erwachsene“?
Thomas Schlag: Altersmäßig liegt der Standard bei empirischen Untersuchungen zwischen 18 und 35 Jahren. Aber das ist nur die statistische Seite der Medaille. Was dieses junge Erwachsenenenalter ausmacht, sind die wachsende Mobilität, aber auch individuelle Erfahrungen von Destabilisierung. Weil sich Netze und Beziehungen erwei-tern, kann man hier auch von einer Phase des dynamischen Sondierens sprechen. Diese Sondierungsprozesse sind verbunden mit viel Freude und positiven Spannungspotenzialen, aber eben auch mit Unsicherheit, etwa finanzieller Art. Ökonomisch ist es für viele eher eine prekäre Zeit. Und dann gewinnt man den Eindruck, dass es in dieser Generation eine Spannung gibt zwischen individuelle Hoffnung und der Zuversicht, was einem gelingen wird einerseits, aber angesichts der globalen Zusammenhänge auch eine gewisse Drucksituation andererseits. Insofern ist es aus meiner Wahrneh-mung eine sehr intensive Zeit, die durchaus mit einer Reihe von sehr herausfordernden Spannungen verbunden ist, beruflich und familiär, mit lokalen und globalen Faktoren.

baugerüst: Würden Sie neben dem Alter auch einen sozialen Status mit einbeziehen, also zählt man noch zur Zielgruppe, wenn man eine Familie gegründet hat, sich ökonomisch vom Elternhaus gelöst hat?
Schlag: Die Frage ist, wann junge Erwachsene ihre Abnabelung vom Elternhaus voll-ziehen. Mein Eindruck ist eher, dass die finanzielle Abhängigkeit noch sehr lange Bestand hat. Ich bin mir bei dieser Generation nicht sicher, ob und wann überhaupt eine komplette Unabhängigkeit in Blick auf den eigenen Haushalt und die Lebensführung stattfindet. Das sind sehr unterschiedliche Indikatoren, die da eine Rolle spielen. Ich würde es stark begreifen über die Ansprüche und Verpflichtungen, in denen diese Altersgruppe steht und sich dann auch sozial verortet.

baugerüst: Viele der kirchlichen Angebote für diese Zielgruppe richten sich an Studierende. Ist das auch Ihre Wahrnehmung?
Schlag: Wenn man auf die dezidierte junge Erwachsenenarbeit blickt, die Kirche anbie-tet, scheint sie erst einmal nicht spezifisch auf ein bestimmtes Lebensalter abzuzielen. Vielmehr zieht man eher Milieus an, die Zeit und auch einen gewissen intellektuellen Anspruch haben. Man muss deshalb immer fragen: Gibt es kirchliche Präsenzen, die nicht in klassischer Verbands- oder Kirchen-gemeindearbeit stehen. Orte und Gelegen-heiten, bei denen diese Gruppe dann doch da ist. Es fällt einem natürlich die Hoch-schule und eine entsprechende Hochschul-arbeit ein. Das andere, an das man oft gar nicht denkt, sind Militärseelsorge oder auch Gefängnisseelsorge. Das ist keine Bildungsarbeit im engeren Sinne, aber ich denke, es gibt eine Reihe an Orten, an denen junge Erwachsene immer schon präsent sind ohne dass man eigens um sie werben muss. Die-se kirchlichen Orte hat man oft nicht so im Blick, aber hier sind junge Erwachsene vorhanden und hier sollte Kirche eben auch präsent sein.

 

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Sabine Janssen: Christliche Kulturveranstaltung für junge Menschen

Vom Erfolg und den Erfahrungen mit dem Format „Secret Places“

Unbekannte Orte der Stadt kennen lernen, einen inspirierenden, abwechslungs-reichen Abend erleben, jungen Erwach-senen in lockerer Atmosphäre begegnen. All das wird bei der christlichen Kultur-veranstaltung „Secret Places“ miteinander verbunden. Das Besondere? Erst wenige Stunden vor der Veranstaltung erfahren diejenigen, die sich auf der Webseite registriert haben, per SMS oder WhatsApp den Ort, wo man sich trifft. Davor werden nur das Datum und die Uhrzeit bekannt gegeben.

Auch die Beteiligten des Bühnenprogramms (Musiker, Moderatoren, Verkündiger) werden im Vorfeld nicht verraten. Dadurch werden die Neugier und die Lust auf Unbekanntes junger Erwachsener ge-weckt. Zudem entspricht es der Lebenswelt der jungen Erwachsenen, dass die Infos direkt an ihre Smartphones/Handys verschickt werden.

Von diesem neuen Format für junge Erwachsene, das im EJW im Bereich Jugend-evangelisation entwickelt wurde und das in einigen Bezirksjugendwerken in Baden-Württemberg schon umgesetzt worden waren, haben wir vor zwei Jahren gehört und uns gefragt, ob diese Idee auch bei uns in Esslingen umgesetzt werden kann. Wir waren auf der Suche nach einem Anlaufpunkt für viele unterschiedliche junge Erwachsene, bei dem sie sich gemeinsam treffen und einander begegnen können, vernetzt werden, von der Liebe Jesu hören und sie erleben und uns und unsere Ange-bote kennenlernen.

Wir entschieden uns, es einfach auszuprobieren und ab dem Moment waren die Rückmeldungen von allen Seiten überwältigend: Schnell war ein hochmotiviertes Team junger Erwachsener gefunden, die das Ganze zu ihrer Sache machte. Ein grafik- und technikbegabter Mitarbeiter entwickelte einen ansprechenden Flyer, eine Webseite, über die man sich registrieren kann und eine Umsetzung, wie die potentiellen Gäste am Tag der Veranstaltung per WhatsApp informiert werden können. Leute, denen wir von Secret Places erzählten, fanden die Idee klasse und machten gern Werbung dafür.

Die Fahrzeughalle der Esslinger Feuerwehr wurde unser erster Veranstaltungsort. Zwei unserer Mitarbeiter waren bei der freiwilligen Feuerwehr aktiv und ebneten die Wege für uns. Am Veranstaltungstag wurde ein Teil der Halle für uns frei geräumt. Zwei VW-Busse voll mit Material verwandelten die kalte Fahrzeughalle dann innerhalb kurzer Zeit in einen gemütlichen Ort mit Atmosphäre. Baustrahler und bunte Lichter ließen die Fahrzeuge in neuem Licht erstrahlen, Papphocker, Buffet, Stehtische und Infowände machten das Ganze zu einem Ort, wo man sich wohlfühlen konnte. Wir verzichteten auf aufwendige Dekoration, damit der Raum in seiner Ursprünglichkeit erhalten blieb.

Schon vor 19.30 Uhr trudelten die ersten jungen Erwachsenen ein und wir staunten über die große Menge an Leuten, die aus ganz unterschiedlichen Ecken zusammenkam. Rund 80 junge Leute aus unseren Gruppen und Kreisen, Neuzugezogene, Studierende, Leute aus anderen Gemeinden, Geflüchtete und viele Esslinger, mit denen wir bisher nicht in Kontakt waren. Sie alle wurden von freundlichen Mitarbeitern begrüßt, erste Gespräche entstanden, es wurde geredet, gelacht. Man kam sich eher vor wie in einer Kneipe als in einer Feuerwehrhalle.

Um 20 Uhr eröffnete eine Liveband den Abend, fetzige Moderatoren nahmen die Gäste in den Abend hinein, interaktive Elemente schafften Beziehung unter den Gästen. Ein Schwerpunkt jeden Abends ist das Interview mit Menschen, die vor Ort arbeiten. In einer ersten Runde lockten die Moderatoren aus den Interviewgästen lustige und tiefsinnige Geschichten aus ihrem Berufsleben als Feuerwehrleute heraus. Im zweiten Teil stellten die Gäste ihre Fragen, wodurch das Ganze lebendig und interessant blieb.

Umrahmt von weiteren Musikeinlagen gab es im hinteren Teil des Abends einen zur Feuerwehr passenden christlichen Input zum Psalmvers: Rufe mich an in der Not! Durch dieses Umfeld wurden die Worte auf ganz neue, tiefe Weise anschaulich und boten die Möglichkeit, das Evangelium einmal in einem ganz anderen Rahmen aufleuchten zu lassen.Währenddessen gab es plötzlich eine Unterbrechung: Feueralarm! Das Programm wurde sofort unterbrochen, alle Lichter angemacht und wir warteten gespannt, was als nächstes passiert. Wenige Minuten später wurden die Neonlichter wieder ausgemacht, das Programm ging weiter – Fehlalarm!Nach einigen weiteren Liedern und einem kurzen Infoblock war Zeit zur Begegnung – das Buffet wurde eröffnet. Getränke konnten gekauft werden, in lockerer Atmosphäre kam man leicht ins Gespräch und ein Großteil der Gäste ließ den Abend gemeinsam mit uns gemütlich ausklingen.Nach den guten Erfahrungen unseres ersten Secret-Places-Abends entschieden wir uns, im nächsten Jahr eine Vierer-Staffel anzubieten. Wir luden an Donnerstagen bzw. Freitagen innerhalb von vier Wochen ein. Im Jahr drauf ent-schieden wir uns für eine Dreier-Staffel in 14-tägigem Abstand, da der wöchentliche Rhythmus doch viel Kraft- und Zeitaufwand für das Mitarbeiterteam gewesen war. Die 14-tägige Staffel war entspannter, aber weniger dynamisch. Dieses Jahr versuchen wir eine Mischung aus beidem.Man kann Secret Places mit unterschied-lich großem Aufwand vorbereiten. Es können z.B. entweder eine oder zwei Personen alle Abende moderieren. Wir entschieden uns für mehrere Moderatorenpaare.

Durch die unterschiedliche Art der ausschließlich jungen Moderatoren kam dadurch mehr Abwechslung in den Abende, die vom Ablauf her ja immer ähnlich sind. Zudem spielen bei uns immer unterschiedliche Musiker. Es ist natürlich auch möglich mit einem Musiker, der an allen Abenden spielt. Für uns ist Secret Places eine christliche Kulturveranstaltung, zu der nieder-schwellig eingeladen werden kann und bei der sich auch Menschen ohne christ-lichen Hintergrund wohlfühlen können und wenig „frommes Insidervokabular“ hören. Deshalb suchen wir gute, in der Regel christliche Musiker, die einen modernen Musikstil haben, der vielen gefällt. In der Moderation und bei der Verkündigung achten wir sehr auf die Wortwahl und versuchen, christliche Floskeln zu vermeiden, die nur Insider verstehen.

 

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Autorinnen und Autoren

Ursel Braun, Stuttgart

Diakonin, Landesreferentin für Junge Erwachsene und Freiwilligendienste beim Evangelischen Jugendwerk in Württemberg

David Gutmann, Freiburg
wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungszentrum Generationenverträge der Universität Freiburg

Dr. Tobias Faix, Kassel
Professor für Praktische Theologie, Leiter des Instituts empirica für Jugendkultur & Religion der CVJM-Hochschule

Michael Freitag, Hannover
ehemaliger Referent für Theologie, Bildung und Jugend bei deraej, Pastor der Hoffnungsgemeinde Barsinghausen-Kirchdorf

Michael Götz, Nürnberg
Generalsekretär des CVJM-Landesverbandes Bayern

Corinna Harms, HamburgDiakonin Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Bergedorfer Marschen

Anna Heinrich, Regensburg
Vorstandsmitglied der aej und Jugenddelegierte der 12. Synode der EKD

Thomas Henning, Reutlingen
Bezirksjugendpaffer beim Evangelischen Jugendwerk ReutlingenSabine Janssen, EsslingenReferentin für Junge Erwachsene und neue Leute im CVJM Esslingen

Dr. Tobias Künkler, Kassel
Professor für interdisziplinäre Grundlagen der Sozialen Arbeit, Leiter Institut empirica für Jugendkultur & Religion der CVJM-Hochschule

Fabian Peters, Freiburg
wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungszentrum Generationenverträge der Universität Freiburg Bernd Offenberger, AugsburgPfarrer

Dr. Gert Pickel, Leipzig
Soziologe, Politikwissenschaftler, Professor für Kirchen- und Religionssoziologie an der Theologischen Fakultät Christoph Schneider, StuttgartLandesjugendreferent für die „Young Life Beziehungsinitiative” im Evangelischen Jugendwerk in Württemberg

Dr. Annika Schreiter, Erfurt
Studienleiterin für politische Jugendbildung an der Evangelischen Akademie Thüringen

Dr. Dr. Friedrich Schweitzer, Tübingen
Professpr für Praktiksche Theologie/Religionspädagogik

Michael Wolf, München
Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Kirchenrat im Landeskirchenrat und Referent für Gemeindeentwicklung

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