das baugerüst 4/18

Sehnsucht

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Inhalt

  • hintergrund
    Wolfgang Grodd: Sehnsucht und Gedächtnis
    Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide

    Christiane Thiel: Sehnsucht, die mich im Leben umtreibt

    Sehnsucht: Aussagen Jugendlicher

    Wolfgang Noack: Die Sehnsucht nach Veränderung bleibt


    Gerd Mohr: Die Sehnsucht nach Gemeinschaft

    Sehnsuchtsorte

    Andreas Mertin: Das Paradies als Sehnsuchtsort

    Johannes Luck: Weihnachten - Die Sehnsucht nach Menschheit

    Hans-Jürgen Benedict: Die Sehnsucht nach dem besseren Leben
    Geschichtlich und gegenwärtig

    Michael Freitag: "Bist Du der, auf den wir warten?" (Lk 7, 19)
    Eine biblische geschichte ohne Ende

    Stefan Scheer: Die Sehnsucht nach dem Ich

    Wolfgang Hantel-Quiltmann: Sehnsucht nach guten Liebensbeziehungen

    Klaus Farin: Heimat


  • gespräch
    Viele Kinder und Jugendliche wissen gar nicht, dass sie Sehnsüchte haben
    Ein Gespräch mit Torsten Hebel von der blue:boks Berlin über die Sehnsüchte von Kindern und Jugendlichen, über den Wunsch nach Halt und Orientierung sowie über sein Buch, in dem er sich mit der eigenen Geschichte von Sehnsucht und Glauben auseinandersetzt.

  • standpunkt
    Anna Heinrich: Sehnsucht schafft Perspektive

  • forum
    Tobias Faix: Sehnsucht nach Spiritualität und Jugendarbeit als Resonanzraum

    Sehnsuchtsorte: Ein Poetry-Slam von Anne Stutzer

    Dorothee Petersen, Annette Teich: Jugendarbeiter*innen als Sehnsuchtsbegleiter*innen
    Ein Bericht aus der Offenen Kinder- und Jugendarbeit bei der Evangelischen Jugend Nürnberg

    Rainer Brandt: An einen Gott gleuben, heißt, sehen, dass es mit den Tatsachen der Welt noch nicht abgetan ist

  • Buch und Materialhinweise

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Wolfgang Noack: Der Horizont und was dahinter kommt

Eigentlich ist das mit der Sehnsucht ganz einfach. Man braucht bloß daran zu denken, wie es anders und sehr viel besser sein könnte: Ein entspannter Urlaubsort (meist mit Sonnenuntergang am Meer), weniger Stress und mehr Zeit im Alltag ("eigentlich bin ich ganz anders"), eine gerechtere Welt (man könnte, man sollte ...) und, und, und.

"Sehnsucht ist fast körperlich lokalisierbar", sagt Alexandra Freund, Psychologieprofessorin an der Universität Zürich. Denn Sehnsucht ist auch dieses leichte Ziehen in der Brust, das schmerzhaft an den Unterschied zwischen dem, was ist, und dem, wie wir es uns wünschen, erinnert.

Damit das "Ziehen" noch schmerzhafter wird, befeuern uns unterschiedliche Interessengruppen mit ihren Vorschlägen. "Heute Sehnsucht - morgen Urlaubsfreude" schlägt ein Fremdenverkehrsbüro vor und die Bildsprache dazu löst körperliche Reaktionen aus. "Sehnsucht Natur." , "Die Sehnsucht. Die Weite. Das zärtliche Wagnis" appelliert an uns und die Automarke Fiat bietet ihre Karossen mit dem Satz an: "Geformt von der Sehnsucht nach Perfektion." Ganz zu schweigen von dem Malboro-Mann, der mit der Fluppi im Mund in den Sonnenuntergang reitet. Dagegen verblasst jedes Schockbild auf der Zigarettenschachtel.

Oder die Schlagerwelt. Schlager von Sehnsucht und Ferne ("Und das Meer singt sein Lied") werden angeboten, "Die Amigos" trällern von Liebe und Sehnsucht, bei anderen brennt das "Feuer der Sehnsucht" und die Trachtenjungs zupfen das Hackbrett mit Texten zu "Sehnsucht und Heimat". Wenn Alexandra dann noch anstimmt, dass die Sehnsucht ein "altes Lied der Taiga" sei, "das schon damals meine Mutter sang", steigt vor dem inneren Auge der Nebel aus der Weite der russischen Ebene und die Balalaika dringt an das Ohr.

Oder die Sehnsucht von Heidi Klum auch ein Foto zu bekommen um bei Germany´s next Top Model nicht vom Laufsteg zu fallen, um dann anschließend zwar nicht Top Model aber zumindest Influencer auf Instagram zu werden.
("Hallo, Leute, gleich geht es los mit der Hugo-Show! Alle Teile sind erhältlich bei Hugo, Teile davon auch exklusiv bei Zalando." Sie selber trägt weiße Turnschuhe, einen Minirock und eine Jacke mit Leopardenmuster, alles von Hugo Boss, alles von Sponsoren zur Verfügung gestellt." Die Sehnsucht nach dem fremden Blick. in: Zeit online März 2018).

Was ist das nur für ein Gefühl, das sich Sehnsucht nennt? Als Spiegel-online vor einiger Zeit das "schönste deutsche Wort" sucht, brachte es die Sehnsucht immerhin auf Platz drei (nach Lieben und Gemütlichkeit). Sehnsucht ist mehr als ein Wunsch. Es geht um den Horizont und um das, was dahinter kommt. In dem Essay "Uns fehlen die Träume" beschreibt Georg Diez im Spiegel die Vision des Indianerhäuptlings Plenty Coups von einer anderen Welt. Der Häuptling des Stammes der Crow sah das Verschwinden der Büffel und die Eroberung der Prärie durch den weißen Mann. Der Traum so beschreibt es Diez, eröffnete ihm einen Raum, den er sonst nie gekannt und betreten hätte. "Der Traum war das Fundament einer neuen Realität". Der Traum, so heißt es in dem Essay weiter, "war nicht das Gegenteil der Wirklichkeit, sondern eine andere Wirklichkeit. Der Traum" - oder auch die Sehnsucht - "war der Schlüssel zum Neuen".
Damit sind wir beim Kern. Sehnsucht ist nur vordergründig verbunden mit Sonnenuntergängen, Urlaubsparadiesen, Heimatschlagern oder Followerzahlen auf Instagram. Noch einmal: Es geht um den Horizont und was dahinter kommt.

Für Georg Diez ist es die Sehnsucht nach Sinn und er fragt in dem Spiegel-Essay wo der gesellschaftliche Ort für diese Sehnsucht, für diese Suche nach Sinn sei.  Die Kirche, die Synagoge, die Moschee könnte so ein Ort sein, "denn die Suche nach Sinn ist meist eine Suche, die spirituell angetrieben ist". Dabei geht es ihm nicht um Glaubensfragen, sondern um die Herausforderung Antworten zu finden auf das "große Nach uns" (wie dem Häuptling Plenty Coups). Es geht um das Verständnis , "dass es Zusammenhänge gibt, die größer sind als man selbst, es geht um die Einsicht, dass die Erde vor uns war und nach uns hier sein wird", es geht auch um die Zweifel an der eigenen Weltsicht.

Auch die Evangelische Jugend ist so ein Sehnsuchtsort, der die Zusammenhänge, die größer sind als man selbst, in den Blick nimmt. Solche Orte sind notwendiger denn je, wenn populistische Antworten die Tagespolitik beherrschen, Zukunft bis zur nächsten Wahl gedacht wird und die Weltsicht vornehmlich aus der eigenen Filterblase gespeist wird.

In New Orleans gab es eine Straßenbahnlinie, deren Endstation "Sehnsucht" hieß (desire). (Tennessee Williams nannte sein Theaterstück nach dieser Straßenbahnlinie). Steigen wir ein, erzählen wir uns unsere Sehnsüchte und suchen nach tragfähigen Lösungen. 

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Waldemar Pisarski: In der Sehnsucht bleiben

Die Sehnsucht kennen

Nur Kinder kennen sie nicht. Sie kennen sie nicht, weil Sehnsucht erst dort entsteht, wo jemand über sein Leben nachzudenken beginnt. Wo jemand das Gefühl hat: Das kann doch nicht alles gewesen sein. Das Gefühl: Das muss doch noch irgendwo hingehn. Wo jemand die Frage stellen kann: Was wäre wenn...? Erst im Jugendalter wird diese Frage lebendig, sehr lebendig sogar. Ja, oft genug gewinnt sie dann einen drängenden Ton. Vierzehn- und Fünfzehnjährigen fällt es jedenfalls nicht schwer, Sehnsüchte zu benennen. Im Mittelpunkt steht dabei immer die Sehnsucht gesehen, wahrgenommen zu werden. Und fortan geht das Thema mit uns und wandert durch den Lebenszyklus. Bis hin in den Abend. Der Tod taucht am Horizont auf und die Sehnsucht nach einem Sterben in Würde und im Frieden, einem Ende ohne Einsamkeit und ohne Schmerzen und mit dem Gefühl, dass alles geordnet ist.

Ja, die meisten Menschen wissen, was Sehnsucht ist und wie unterschiedlich sie sich äußern kann. Viele unserer Sehnsüchte sind auf die eigene Person  gerichtet. Ich möchte freier sein, geduldiger, gelassener. Möchte mich nicht in jeden Streit hineinziehen lassen. Viele Sehnsüchte haben mit Beziehungen zu tun. In der Partnerschaft, in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Gemeinde. Andere Sehnsüchte reichen darüber hinaus und weisen auf das Ganze hin. Die Sehnsucht nach einer Gesellschaft, in der es gerecht zugeht, nach einer Welt, in der Solidarität und Frieden herrschen. „Ich bin Leben, das leben will, in der Mitte von Leben, das leben will,“ heißt es bei Albert Schweitzer.

Manchmal bringen wir uns ganz bewusst in eine sehnsüchtige Stimmung. Wir wählen eine bestimmte Musik aus, sehen uns bestimmte Filme an, blättern in einschlägigen Magazinen oder surfen gezielt im Netz. Manchmal gehen wir noch einen Schritt weiter. Vor unserem inneren Auge lassen wir dramatische Situationen entstehen, die ein Stück Sehnsuchtserfüllung verheißen. Eine junge Frau stellt sich vor, ernsthaft erkrankt zu sein und malt für sich aus, wie sie von allen Seiten Aufmerksamkeit und Mitgefühl bekommt. Ein Mann in der Lebensmitte sieht sich in einem schlimmen Unfall, und endlich, endlich!, ist er nicht mehr nur einer unter vielen, einer, der nicht zählt, austauschbar und anonym, sondern einer, um den sich alle sorgen und kümmern.

Noch einen Schritt weiter kann es gehen. Manche stellen sich vor, einfach tot umzufallen. Die Sehnsucht, sich nicht durch dieses Leben mühen zu müssen. Mit all seinen Anforderungen und Konflikten und Rivalitäten. Es könnte doch Schluss sein mit dem ständigen Stress, Schluss mit der permanenten Überforderung. Es könnte doch auch ein Ende haben. In der Regel ist dies eine Übergangsvorstellung, Gott sei Dank, die sich wieder auflösen wird.


Die Sehnsucht verstehen

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Wolfgang Grodd: Sehnsucht und Gedächtnis

Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide

Die Sehnsucht beschreibt einen seelischen Vorgang, der mit Leiden einhergehen kann und zugleich als eine Art Sucht verstanden wird. Bemerkenswerterweise gibt es keine adäquate Übersetzung des Begriffs der Sehnsucht im Englischen und auch die Umschreibung mit Nostalgia im Französischen und Italienischen trifft direkt nur auf den zweiten Teil des griechischen Wortes „algia“ als Schmerz, Leid oder Trauer (2) zu. Allerdings handelt es sich bei der Sehnsucht nicht einfach um ein Leiden oder eine Sucht mit einer körperlichen Abhängigkeit, sondern um ein geistig-seelisches Verlangen. Der erste Teil des Wortes, das Sehnen, weist auf eine spezielle Form der Erinnerung hin und ist die eigentliche Quelle der Sehnsucht. Die Erinnerung aber ist eine Leistung unseres Gedächtnisses und speist sich aus bewussten und unbewussten Sinneseindrücken und Empfindungen, die wir in der Auseinandersetzung mit der physischen und sozialen Umwelt seit der frühen Kindheit in uns ansammeln.

Nun gibt es aber nicht nur ein Gedächtnis, sondern eine Reihe unterschiedlicher Gedächtnissysteme, von denen das semantische Gedächtnis (Wissensgedächtnis) und das episodische Gedächtnis (biografische Gedächtnis) als Teile des deklarativen Gedächtnisses von besonderer Bedeutung sind, da ihre Inhalte langfristig aufbewahrt werden und sie dem Bewusstsein zugänglich sind (3). Hierbei speichert das semantische Gedächtnis Tatsachen und Ereignisse, während im episodischen Gedächtnis Episoden, Ereignisse und Tatsachen aus dem eigenen Leben angesammelt werden. Daher wird Letzteres auch als autobiografisches Gedächtnis bezeichnet (4). Das Besondere am autobiografischen Gedächtnis ist, dass es nur dem Menschen zu Eigen zu sein scheint! Damit unterscheidet das autobiografische Gedächtnis den menschlichen Geist von dem anderer Primaten und Säugetieren: Es ist die zentrale Instanz, die zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unterscheiden kann und das Vermögen besitzt „'Ich' sagen zu können und damit eine einzigartige Person zu meinen, die eine besondere Lebensgeschichte, eine bewusste Gegenwart und eine erwartbare Zukunft hat" (5).

Fühlen und Gefühle

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Andreas Mertin: Das Paradies als Sehnsuchtsort - Eine Recherche

Ausgangsfragen

„Der Mensch ist zwar aus dem Paradies vertrieben worden, sucht aber von den Ferienparadiesen über die Einkaufsparadiese fortlaufend wiederum diese Orte. Ist es ein Geschäft mit der Sehnsucht? Woher kommt die Sehnsucht nach diesen Paradiesen? Vielleicht überhaupt nach dem Paradies?“

Mit diesen Worten begann das Schreiben der Redaktion, in dem sie mich zu einem Beitrag zum Paradies als Sehnsuchtsort einlud. Wie also steht es um die Sehnsucht des Menschen, der ja immer noch „Jenseits von Eden“ lebt, irgendwann oder vielleicht auch sofort wieder in das Paradies zurückzukehren? Natürlich: die Werbung, deren Lieblingssymbol nicht umsonst der Apfel ist, umgarnt uns wie früher die sagenhafte biblische Schlange mit dem Versprechen, jederzeit sei die Rückkehr in paradiesische Verhältnisse möglich – ganz ohne eschatologische Vorbehalte oder gar ein Jüngstes Gericht, schlicht durch Konsum. Kauf oder buch Dir Dein Paradies! Aber was ist das eigentlich – das Paradies? Offenbar ist es nicht ein Schlaraffenland (Wohlstand für alle), offenbar ist es auch nicht einfach das himmlische Jerusalem (das die Offenbarung verspricht). Was ist es aber dann? Ist es nur der regressive Wunsch, wenigstens für kurze Zeit aus allen Zwängen und Belastungen des Alltags entfliehen zu können? Das würde zwar Begriffe wie Urlaubsparadies erklären, keinesfalls aber solche wie Einkaufsparadies, die ja eher neue (Entscheidungs-) Zwänge auftun. Was also können wir uns heute unter Paradies vorstellen? Es könnte ja sein, dass das, was die biblischen Autoren etwa des 6. Jahrhunderts vor Christus in ihren beiden Paradieserzählungen geschildert haben, mit unseren heutigen Vorstellungen eines Paradieses überhaupt nicht mehr in Übereinstimmung zu bringen ist. Dass wir also nur noch ganz entfernt vom Ursprung und in einem ganz anderen Sinn das Wort „Paradies“ verwenden. Ich begebe mich also auf eine Recherche.


Recherche I: Die Bibel

Mein erster Schritt führt mich zum Wissenschaftlichen Bibellexikon im Internet (WiBiLex) und dort zum Stichwort Paradies (http://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/29971/). Was mich interessiert ist, ob wir nach Ansicht der biblischen Schriftsteller jemals im Paradies waren oder ob die Vorstellung vom Paradies immer nur theologischer Gegenentwurf zu einer Realität war, die ganz und gar nicht paradiesisch ist.

Das Paradies, so erfahre ich, bezieht sich zunächst auf die Gartenanlagen des Großkönigs. Erst die Septuaginta überträgt das dann auf den Gottesgarten bzw. den Garten Eden. „Die biblische Paradiesvorstellung knüpft an die Vorstellungen, die sich mit den Tempel- und Königsgärten im Alten Orient verbanden, an. Zugleich gehört sie in das Umfeld von Konzeptionen, mittels derer die Ambivalenz der gegenwärtigen Welt im Interesse einer gedanklichen und ethischen Lebensorientierung zugunsten räumlich oder zeitlich getrennter Gegenwelten aufgelöst wird.“  Am Anfang, so lässt sich knapp zusammenfassen, erschafft Gott den Menschen aus Ton und damit als Naturwesen, den Tieren ähnlich. Erst durch das Essen vom Paradiesbaum wird er zum Kulturwesen und muss den Garten verlassen, „denn die erworbene Kulturfähigkeit zielt auf Bewährung in einer Welt außerhalb des wundersamen Gartens“. Freilich beurteilen die biblischen Autoren, das wird mit Genesis 4 deutlich, die faktischen menschlichen Kulturleistungen außerordentlich skeptisch. Zwar schildert die biblisch überlieferte Geschichte die Entwicklung von der Natur zur Kultur, aber die fortdauernde Sehnsucht nach dem Paradies wird dann als „Das Unbehagen an der Kultur“ deutbar: „man möchte sagen, die Absicht, dass der Mensch glücklich sei, ist im Plan der ‚Schöpfung‘ nicht enthalten“ (Sigmund Freud). Dieser Zustand des menschlichen Glücks wird erst einer Endzeit zugeschrieben: Völkerfriede, Tiefriede, Friede zwischen Mensch und Tier, hohes Alter und Überwindung des Todes. Das Paradies steht unter einem endzeitlichen Vorbehalt.


Recherche II: Die Sprache


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Viele Kinder und Jugendliche wissen gar nicht, dass sie Sehnsüchte haben.

Ein Gespräch mit Torsten Hebel von der blue:boks Berlin über die Sehnsüchte von Kindern und Jugendlichen, über den Wunsch nach Halt und Orientierung sowie über sein Buch, in dem er sich mit der eigenen Geschichte von Sehnsucht und Glauben auseinandersetzt.

 

baugerüst: Selbstwertmanufaktur nennt sich die blu:boks. Zur eigenen Identität gehört auch die Suche nach Sinn?  Wie wachsen Jugendliche heute auf?

Hebel: Wir in Kirche meinen immer, dass die Jugendlichen nach einem tieferen spirituellen Lebenssinn suchen – teilweise stimmt das schon – aber die vordergründigen Sehnsüchte sind ganz elementar. So erfahre ich das immer wieder hier bei der Arbeit in der blu:boks. Kürzlich haben Kinder für eine Theaterproduktion ein Stück zum Thema Phantasie und Sehnsucht geschrieben. Dort wurden als die zwei häufigsten Bedürfnisse, nach denen sich Kinder sehnen, schlafen und essen genannt. Das hat mir nochmal gezeigt, dass mein Wunsch, bestimmte Werte zu vermitteln erst möglich wird, wenn die Grundbedürfnisse der Kinder und Jugendlichen gedeckt sind.

baugerüst: Gilt das allgemein oder speziell für Brennpunktgebiete wie hier in Lichtenberg?

Hebel: Zumindest in Großstädten hat sich vieles verschoben. Die Sehnsucht nach Sicherheit und Geborgenheit, nach ausreichend Schlaf und Essen, nach Lob und Anerkennung, steht ganz oben auf der Wunschliste. Wenn wir das erfüllt haben, dann können wir gerne über einen höheren Sinn reden. Erst aber müssen diese grundlegenden Bedürfnisse gedeckt werden. In den unteren Einkommensschichten gilt das durchwegs, weiter oben ist eher die emotionale Armut ein Thema.

baugerüst: Gibt es so etwas wie den Durst nach Leben, nach Halt, nach Orientierung?

Hebel: Das kommt später. Die soziale Lebenslage von Kindern ist deutlich nach unten gesackt. Das war vor ein paar Jahren noch anders. Inzwischen können wir in weiten Teilen Deutschlands von Kinderarmut sprechen.

baugerüst:
Trotzdem stellen Sie den Selbstwert in den Mittelpunkt.

Hebel: Vor Jahren war auch bei Kindern der unteren Einkommensschichten noch präsenter: Wo bekomme ich Halt? Wo bekomme ich meine Streicheleinheiten? Wo sagt mir jemand, dass ich gut und wertvoll bin. Das ist hier inzwischen nicht mehr der Fall – es kommen die grundlegenden Bedürfnisse verstärkt hinzu!

baugerüst: Wo führt das Ihrer Meinung nach hin?

Hebel: Weite Teile der Bevölkerung fühlen sich abgehängt. Wenn wir so weitermachen und Menschen ohne Lobby in unserer Gesellschaft nicht aktiv unterstützen und beteiligen, dann verraten wir unsere Kultur und es wird bald richtig knallen.

baugerüst: Sie nehmen die jüngsten Entwicklungen in den Blick?

Hebel: Was derzeit an vielen Orten passiert, sind ja nur die Symptome. Die Ursache liegt auch nicht in der Migrationspolitik, vielmehr haben Politik und Gesellschaft die Schwachen aus dem Blickfeld verloren. Das gilt für junge und für alte Menschen gleichermaßen. Zumindest in den Großstädten wächst zur Zeit eine Generation heran, bei der ich mich schon frage, was vermitteln wir als Erwachsene diesen jungen Menschen und was geben die dann wieder an ihre Kinder weiter?
Nehmen wir als Kirche oder als gut situierte Bildungsbürger die Situation in der Gesellschaft wirklich wahr? Mit ein paar zusätzlichen Sozialleistungen wird das Gefühl des Abgehängtseins jedenfalls nicht verschwinden.

baugerüst: Menschen glauben nicht mehr an Recht und Gerechtigkeit?

Hebel: Die Basis eines Staates sind die gemeinsamen Werte. Wenn aber immer mehr Menschen den Eindruck haben, Recht und Gerechtigkeit zählt nicht für alle gleichermaßen, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn sich diese Bürger abgehängt fühlen.

baugerüst: Was wären die Konsequenzen?

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Tobias Faix: Sehnsucht nach Spiritualität und Jugendarbeit als Resonanzraum

Der gesellschaftliche Blick: Sehnsucht SpiritualitätWährend die großen Kirchen jedes Jahr hunderttausende Mitglieder verlieren und wir eine Debatte über die fortschreitende Säkularisierung führen, entwickelt sich parallel dazu eine neue Generation an spirituell suchenden jungen Menschen, die weder an konfessionelle Grenzen, noch an Dogmatiken gebunden sind, sondern bestimmt sind von einer Sehnsucht nach erfahrbarer Spiritualität. Was auf den ersten Blick wie ein Widerspruch aussieht, ist recht einfach zu erklären. Jugendliche suchen in einer immer individualisierteren, pluralistischer und technischer werdenden Welt Halt, Orientierung und das übernatürliche Erlebnis. Dies finden sie immer weniger in den traditionellen Kirchen und Jugendarbeitsangeboten, sondern häufig in einer subjektiven Suche nach dem Sinn des eigenen Lebens. Viele Jugendliche gleichen dabei eher religiösen Touristen (1), die sporadisch in spirituell erfahrbare Kontexte eintauchen und die Angebote mitnehmen, die ihnen derzeit bei der Lebensbewältigung am nützlichsten erscheinen. Fast alle großen empirischen Studien der letzten Jahre bestätigen diese Entwicklung (bspw. sind 60% der Deutschen nach Zulehner ‚spirituell Suchende‘ - in: GottesSehnsucht - oder der Bertelsmann Religionsmonitor, der die Jugendlichen in Deutschland in zwei Gruppen einteilt: 11% Hochreligiöse & 41% Religiöse). Dass sich dabei auch das Gottesbild verändert, zeigen die Ergebnisse der letzten Shell Studie, die feststellt, dass noch 26% der Jugendlichen an einen persönlichen Gott, 21% an eine göttliche Macht, nur 27% an keinerlei Gott glauben und 24% nicht so recht wissen, was sie glauben (sollen?). So wie Nathalie, die sagt: „Doch, es gibt auf alle Fälle einen übernatürlichen Gott, der irgendwie da ist. Den kann ich auch spüren, obwohl ich nicht weiß, wie er genau ist.“ Dieser privatisierte Glaube nährt sich aus den subjektiv biographischen Erfahrungen der Jugendlichen, der auch als „religiöse bricolage“ oder „multireferentielle Collage“ bezeichnet wird. Auch wenn ein Großteil der Jugendlichen nach wie vor die kirchlichen Stationen von der Taufe bis zur Konfirmation durchläuft, kommt es zunehmend zu einer Verschiebung von der inhaltlichen Ausgestaltung des Glaubens hin zu einer ganz eigenen Glaubensbedeutung, wie bspw. bei Janine, die sagt: „Ich bin gerne evangelisch, da es eine Konfession der Freiheit ist, in der sich Yin und Yang das Gleichgewicht halten.“ Dabei ist diese spirituelle Suche indifferent, was schon daran sichtbar wird, dass es nicht nur um eine religiöse Sehnsucht geht. (2) Junge Menschen suchen oftmals das optimale Glück (3), um durch Liebe, Arbeit und Vergnügen das Leben sinnvoll zu gestalten. Zusammenfassend könnte man festhalten, dass jungen Erwachsenen die Frage „Was glaube ich?“ nicht mehr so wichtig ist, sondern eher die Frage „Wie glaube ich?“. Die Sehnsucht nach Spiritualität muss individuell erlebbar sein, subjektiv nachempfunden werden und für die eigene Lebenssituation im wahrsten Sinn des Wortes: Sinn machen. Der biblisch-theologische Blick: Der Mensch als Sehnsuchtswesen

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Autorinnen und Autoren

 

Dr. Hans-Jürgen Benedict, Hamburg
Theologe, Professor em.

Rainer Brandt, Josefstal
Theologe, Leiter Studienzentrum Josefstal

Tobias Faix, Kassel
Professor an der CVJM-Hochschule Kassel

Klaus Farin, Berlin
Autor und Verleger

Michael Freitag, Hannover
Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend aej 

Dr. Wolfgang Grodd, Tübingen
em. Professor, Neuroradiologe

Dr. Wolfgang Hantel-Quiltmann, Hamburg
Professor für Klinische und Familienpsychologie 

Torsten Hebel, Berlin 
Schauspieler und Theologe

Anna Heinrich
Studentin, Vorstand aej 

Johannes Luck, Hannover
Pastor, Dipl.-Theologe

Andreas Mertin, Hagen
Publizist, Ausstellungskurator, Medienpädagoge

Wolfgang Noack, Nürnberg
Redakteur der Zeitschrift das baugerüst

Dorothee Petersen, Nürnberg
Jugendbildungsreferentin ejn

Waldemar Pisarski, Augsburg
evang. Theologe und Gestalttherapeut 

Stefan Scheer, Düsseldorf
Designer und Autor

Annette Teich, Nürnberg
Jugendreferentin ejn 

Christiane Thiel, Leipzig
Pfarrerin und Autorin

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