das baugerüst 1/07 - Perspektive Evangelische Jugend

Inhalt

  • thema
    Michael Freitag: Im Jahr Eins nach der Studie
    Richard Münchmeier: Die Erforschung eines Jugendverbandes
    Was trägt subjektorientierte Forschung zum Verständnis von Jugendarbeit bei?
  • hintergrund
    Heike Schlottau: Leute treffen. Motive von Jugendlichen für ihre Aktivitäten im Jugendverband
    Eine Anregung zur Praxisentwicklung
    Hermann Hörtling: Ermöglichen statt Leiten
    Die Älteren in der evangelischen Jugendarbeit
    Rolf Ulmer: Auf den Inhalt kommt es an. Oder: "Der Jugendverband funktioniert trotz seiner Themen"
    Benedikt Sturzenhecker: Partizipationsrealität im Jugendverband
  • gespräch
    "Wir müssen viele Themen gleichzeitig im Auge behalten"
    Gespräch mit Florian Hübner, Leena Lindner und Petra Schnabel
  • standpunkt
    Klaus Waldmann: Der Blick auf die Realität
    Ein Kommentar zur Studie "Jugend im Verband"
    Karl Ludwig Ihmels: Der "Jesusfaktor" in Ost und West
    Der kleine Unterschied und die Ursachen
    Tilman Schröder: Perspektivwechsel. "Der Worte sind genug gewechselt ..."
    Thorsten Latzel: Evangelische Jugend "im Spagat"!? Eine Studie der Evangelischen
    Jugend und die Reform-Diskussion der EKD
    Ulrich Schwab: jung - offen - evanglisch: Fünf Thesen zum Forschungsprojekt "Realität und Reichweite von Jugendverbandsarbeit"
    Rainer Brandt: Vom Mond und seinen Vorhöfen: Hauptberufliches Arbeiten und evangelisches Profil
  • forum
    Martin Nörber: PEP-Projekte. Baustellen der Jugendarbeit
    Oliver Dimbath, Michael Ernst, Eva Holzinger, Carola Wankerl: Interpretative Freizeitenevaluation Praxisentwicklung mit Hilfe von Zustimmungsbekundungen auf dem Papier und im Interview

 

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Wolfgang Noack: Mit offenem Visier

Einführung in das Heft

Die Evangelische Jugend ist mutig. Sie hat sich in die Karten schauen lassen. Dieses Wagnis, "nicht über Konzepte zu diskutieren, sondern Jugendliche selbst zu Wort kommen zu lassen", sei einmalig, so der Leiter des Forschungsprojektes Professor Richard Münchmeier von der Freien Universität Berlin.
"Realität und Reichweite in der Jugendverbandsarbeit" kamen zwei Jahre unter die Lupe und wurden Mitte Juli in Berlin mit viel Prominenz der Öffentlichkeit vorgestellt. Es passiert nicht jeden Tag, dass evangelische Jugendarbeit in den Mittelpunkt politischer und kirchlicher Aufmerksamkeit gerät. "Jugendverbandsarbeit", so die Bundesministerin Ursula von der Leyen, sei das "Rückgrat für erfolgreiche Jugendpolitik" und der EKD-Ratsvorsitzende, der Berliner Bischoff Wolfgang Huber, lobte diesen kirchlichen Arbeitsbereich, können sich doch hier Jugendliche "selbstbestimmt den Fragen nach Gott und einer eigenen Glaubenpraxis" stellen.
Das Mutige an dieser Studie ist die Perspektive. Wir haben nun die "Sichtweise von Jugendlichen auf unseren Verband", kommentiert der Generalsekretär der aej, Mike Corsa die Untersuchung. Es wurde nicht gefragt, welche Angebote wollen die Jugendlichen oder was sollen die Verbände ihren Besuchern bieten, vielmehr interessierte, was die jungen Menschen aus dem Verband machen. Lässt man sich auf diese Perspektive ein, so wird schnell deutlich, dass die Jugendlichen nicht nur Konsumenten, sondern Akteure des Verbandes sind. "Sie gestalten ihn aktiv mit, sie nutzen ihn und sie deuten ihn für sich". Und die Zahl dieser Akteure ist nicht gering. In einer repräsentativ angelegten Befragung der Zehn- bis Zwanzig-Jährigen in Deutschland, gaben 10 Prozent der Jugendlichen an, einen Teil ihrer Freizeit bei der evangelischen Jugend zu verbringen. Wohlgemerkt: aller Jugendlichen, nicht nur der evangelischen und erfragt in offenen Interviews, nicht mit einer Liste, auf denen der Jugendverband schon vermerkt war.

Irritierend
Rücken die Zahlen die Bedeutung dieser kirchlichen Arbeit in das rechte Licht, irritieren die weiteren Ergebnisse etwas. Der Grund liegt in der Perspektive dieser von der aej gewollten und vom Bundesministerium finanzierten Studie. Einen subjekt-orientierten Ansatz zu wählen, heißt eben auch, das Visier zu öffnen und sich der jugendlichen Interpretation auszusetzen. Um die Realität evangelischer Jugendarbeit aus subjektiver Sicht zu beschreiben, wurden Jugendliche befragt, die den Verband nutzen, Kontakt haben oder hatten. Hier steht eindeutig die Gruppe im Zentrum. Auch wenn es die Repräsentanten der Organisationen nicht so gerne hören, Jugendliche identifizieren sich in erster Linie mit ihren Gruppen, nicht mit dem Verband. Die Gemeinschaft, die Freunde motivieren zum Kommen, nicht so sehr das Programm - manchmal zum Leidwesen der haupt- und ehrenamtlichen MitarbeiterInnen. Daraus lässt sich nun aber nicht der Schluss ziehen, Programme und Angebote spielen keine Rolle. "Gelegenheitsstrukturen" nennt das die Studie und beschreibt die unterschiedlichen Motive Jugendlicher, die zur Beteiligung an Programmen der Evangelischen Jugendarbeit führen.
"Der Wunsch etwas für sich selber" zu tun und etwas "Sinnvolles für andere" machen zu können steht dabei ganz oben und widerspricht sich überhaupt nicht mit dem eigentlichen Motiv "Gemeinschaft haben zu wollen". Ohne ihren Auftrag zu vergessen, muss evangelische Jugendarbeit stärker als bisher die subjektorientierte Perspektive einnehmen. "Statt zu überlegen, was Jugendliche sollen", folgert Mike Corsa, sollten Jugendverbände besser hinhören, "was Jugendliche wollen". Als eine Art "Boxenstopp" wollen die Forscher die Ergebnisse sehen. Es gehe nicht darum, Jugendarbeit neu zu erfinden, sondern an die Wurzeln zu erinnern und einige Kurskorrekturen vorzunehmen.

Um die Diskussion über mögliche und notwendige Kurskorrekturen der Praxis evangelischer Jugendarbeit soll es in diesem Heft gehen. Kommentierende Einschätzungen zu Konzeption und Arbeit des Jugendverbandes nach der Studie "Realität und Reichweite" liefern die Autorinnen und Autoren dieser Ausgabe. Auftraggeber, Forscher und Kommentatoren betonen, dass die eigentliche Arbeit jetzt erst beginnt. Evangelische Jugend diskutiert mit offenem Visier. Welcher kirchliche Arbeitsbereich hatte bisher den Mut, sich so in die Karten schauen zu lassen und sich der Kritik der Teilnehmer zu stellen?

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Wolfgang Neuser: Profil zeigen - was sonst?

Im religiösen Kontext klingt der Befund "Geschlossenheit" alarmierend. Er wird bestenfalls mit "elitär" gleich gesetzt, was natürlich nicht dem Anliegen christlicher Jugendarbeit entsprechen kann. Schlimmer noch, dass "Geschlossenheit" etwas Sektiererisches assoziieren lässt. Insbesondere die Kurzfassung des Forschungsberichtes (1) legt den ("Kurz-") Schluss nahe, als wären gerade die Gruppen, in denen "es auch thematisch um das Religiöse geht", "nur für bestimmte Leute" (S. 11) offen.

Die Antworten der Jugendlichen überraschen nicht
Fakt ist, es gibt eine "gefühlte" Geschlossenheit evangelischer Jugendarbeit. Denn immerhin antworten 26 Prozent der befragten Jugendlichen auf die Frage "Kann bei euerer Gruppe jeder Jugendliche hingehen oder ist das nur für ganz bestimmte Leute gedacht?", mit "Nein". Die Ergebnisse der näheren Nachfrage zeigen jedoch, dass die Gründe für diese von den Jugendlichen empfundene Geschlossenheit sehr nahe liegend sind. 42% beziehen ihre Verneinung auf den Konfirmandenunterricht, der selbstverständlich in der Regel nur für Jugendliche offen ist, die getauft oder konfirmiert werden wollen (S. 84). Außerdem zählt der Konfirmandenunterricht nicht zu den originären Jugendverbandsaktivitäten. Dass aus dieser Gruppe wohl alle sagen, dass sie religionsbezogene Aktivitäten ausüben, versteht sich.

Jugendliche geben weitere Gründe für die subjektiv erfahrene Exklusivität an. So erleben sie z. B. einen geschlossenen Kreis derer, die sich kennen (S. 89-93), oder sie werden als Neue mit einem eingespielten Gruppenverhalten konfrontiert, das ja durchaus nicht religiös bedingt sein muss (S. 93). Schließlich kann aus den Ost-West-Unterschieden - im Osten geringere Reichweite und mehr religionsbezogene Aktivitäten (S. 11) - nicht geschlossen werden, dass die christlichen Aktivitäten die größere Geschlossenheit bewirken. Die Abweichungen sind vielmehr Spätwirkungen der DDR-Verhältnisse, unter denen die religiöse Sozialisation zwangsläufig in der Familie und in homogenen Bibelgruppen stattfand, weil vieles andere im öffentlichen Raum untersagt war. Die Kirchen und ihre Jugendarbeit waren zur Konzentration auf ihr Kerngeschäft genötigt.

Die in der Studie vorgelegten Befunde erhärten m. E. nicht den Verdacht, dass mit religiösen Inhalten eine größere Exklusivität der Gruppe verbunden ist als mit anderen Angeboten.

Welche Frage ergibt sich dann?
Entsprechend irritiert mich das Fazit aus den Ergebnissen und Überlegungen zum Thema Offenheit und Geschlossenheit: "Dies wirft wichtige Fragen auf: Wie offen kann ein Verband sein, ohne sein Selbstverständnis zu verraten oder seine konzeptionelle Ausrichtung zu verlieren? Wie offen muss ein Verband sein, damit er auch ausreichend Jugendliche hat, die ihn am Leben und lebendig erhalten?" (S. 11 u. 94)

Diese Fragen suggerieren m. E. neben dem bereits angesprochenen Fehlschluss, Jugendarbeit mit religionsbezogenen Aktivitäten sei nicht so offen wie Angebote ohne diese Inhalte, zwei weitere, nämlich: eine konzeptionelle Ausrichtung fördere die Geschlossenheit und je offener das Angebot sei, desto mehr Jugendliche nähmen es wahr.

Richtig ist sicherlich, dass Offenheit und Geschlossenheit, objektiv gesehen, ein Spannungsverhältnis bilden. Aber sobald statt von "Geschlossenheit" von "konzeptioneller Ausrichtung" gesprochen wird, ist diese Spannung aufgehoben. Ein klares, konzeptionell begründetes Profil und Offenheit sind kein Gegensatz. Gerade wer eine Mitte, eine Identität hat, kann offen sein, ohne seine Identität preiszugeben. Dies gilt für Individuen wie für Gruppen und auch für einen ganzen Verband.

Natürlich ist das Konzept einer Jugendarbeit, die bei den Jugendlichen nicht ankommt Makulatur. Darum ist ja der subjektorientierte Forschungsansatz der Studie so notwendig und aufschlussreich. Wir müssen uns den faktischen Erfahrungen der Jugendlichen stellen. Aber muss sich evangelische Jugendarbeit nicht mit gleichem Ernst ihrem Auftrag stellen? Der Auftrag der Kirche und damit der christlichen Jugendarbeit besteht schlicht darin, die lebenserneuernde Botschaft von Jesus Christus in Wort und Tat weiterzugeben. Dem steht die Forderung nach Selbstgestaltung der Praxis durch die Jugendlichen gegenüber (nicht entgegen!). Die Spannung besteht somit nicht zwischen Offenheit und Geschlossenheit, sondern zwischen Auftragsorientierung und Subjektorientierung.

Darum kann die Frage m. E. nicht lauten "Wie offen muss ein Verband sein, damit er ausreichend Jugendliche hat, die ihn am Leben und lebendig erhalten?" (S.11) Denn die Lebendigkeit des Verbandes erweist sich nur so lange in den real mitmachenden Jugendlichen, wie zugleich der konzeptionelle Kern des Verbandes erkennbar bleibt. Gibt er sein Selbstverständnis auf, kann von Lebendigkeit keine Rede mehr sein. Dies trifft umso mehr für christliche Jugendarbeit zu, die ihre Lebendigkeit nicht einfach in sich selbst findet, sondern aus der Liebe Christi schöpft. Das Proprium evangelischer Jugendarbeit ist das Evangelium. Müsste die Frage demnach nicht vielmehr lauten: Wie deutlich muss ein Verband sein christliches Profil erkennbar machen, damit er auf dem Markt der Sinnanbieter und Freizeitgestalter möglichst viele Jugendliche anspricht? Sind (nur) 10,1 Prozent erreichte Jugendliche im Alter von 10 - 20 Jahren (S. 82) wirklich befriedigend?

"Be different or die!"
Dieser steile Satz stammt aus der Wirtschaft, aber er gilt m. E. ebenso für die Jugendarbeit. Er meint, dass in einer Konkurrenzsituation nur der überlebt, der etwas Einzigartiges zu bieten hat. Anziehend ist das Unverwechselbare, auch auf dem Sinn- und Freizeitmarkt. Mit dem Evangelium von Jesus Christus hat die evangelische Jugendarbeit ein nicht zu überbietendes Alleinstellungsmerkmal, weil es Leben im Vollsinn des Wortes gibt. Offenheit im Sinne inhaltlicher Beliebigkeit ist auf Dauer wenig attraktiv und schließt alle aus, die mehr suchen als "Jetzt müssen wir wieder machen, was wir wollen." Und sei es unbewusst. Die Studie zeigt ja deutlich, dass so etwas wie angeleitete und begleitete Selbstorganisation gefragt ist (z. B. S. 8f.). Auch Selbstgestaltung braucht Leitlinien und Bezugspersonen.

Ich möchte auf zwei Beispiele überaus lebendiger Jugendarbeit hinweisen, die ein klares geistliches Profil und hohe Verbindlichkeit der Mitarbeiterschaft kennzeichnet. Sie unterscheiden sich von neueren erfolgreichen Modellen wie etwa der TEN SING-Arbeit im CVJM oder den Jugendkirchen dadurch, dass sie mit ihrem profilierten Konzept seit vielen Jahrzehnten arbeiten und dabei stetig gewachsen sind.

Was macht zum Beispiel die Anziehungskraft von Taizé aus? Eine Gemeinschaft von Christen lebt ihren Glauben an Jesus Christus hauptsächlich in liturgischen Formen und lässt einfach junge Menschen aus aller Welt daran teilhaben. Und die Jugendlichen kommen zu Abertausenden und kehren inspiriert in ihre Gruppen und Gemeinden zurück. Eine Diskussion über Offenheit und Geschlossenheit erübrigt sich. Die Brüder von Taizé verstehen ihr Leben in der Kommunität und die gemeinschaftliche Gottesdienstfeier als Predigt des Evangeliums. In dieser authentisch gelebten Nachfolge wirken selbst traditionelle gottesdienstliche Formen anziehend auf junge Menschen, und nicht nur auf die Insider evangelischer Jugendarbeit.

Auch der CVJM München bietet in meinen Augen ein überzeugendes Beispiel dafür, wie gerade mit einem klaren geistlichen Profil und den entsprechend offenen Türen viele Jugendliche erreicht werden. Hier ist buchstäblich Geschlossenheit und Offenheit ohne jede Spannung in fruchtbarster Symbiose anzutreffen. Wenn sich nämlich die 600 ehrenamtlich und 30 hauptamtlich Mitarbeitenden des CVJM München einmal im Monat in der Matthäuskirche zur Mitarbeitergemeinschaft treffen, steht tatsächlich an der Tür "Geschlossene Gesellschaft". Denn hier versammeln sich diejenigen, "die mit ganzem Herzen Jesus lieben und gemeinsam dienen" wollen (aus der Mitarbeiterverpflichtung). Sie praktizieren verbindlich Nachfolge im persönlichen Leben, in der Gemeinschaft und als Mitarbeiter in einem Arbeitsbereich des CVJM. Aus der Gemeinschaft und den wöchentlichen Zusammenkünften des Mitarbeiterkreises beziehen die Mitarbeitenden die Impulse, um eine Fülle von Angeboten ganzheitlicher Jugendarbeit bis zum städtischen Jugendzentrum in Schwabing ("JUZE - Missionsstation im Dschungel der Großstadt") durchzuführen, die natürlich für jedermann und jede Frau offen sind. Dies folgt dem genialen CVJM-Prinzip "Christliche Leiterschaft und offene Mitgliedschaft".

Wenn sich Kirche und ihre Jugendarbeit nicht selbst überflüssig machen will, werden sie ihre evangelische (= evangeliumsgemäße) Identität ausbilden und Profil zeigen müssen: "Wo evangelisch draufsteht, muss Evangelium erfahrbar sein." (Wolfgang Huber)

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Rüdiger Breer: Offen und deutlich

Zum Profil evangelischer Jugendarbeit

Evangelische Jugendarbeit ist beteiligt an der Erfüllung des der gesamten Evangelischen Kirche gestellten Auftrags. Der lässt sich unter Bezug auf die sechste These der Theologischen Erklärung der Bekenntnissynode von Barmen etwa so zusammenfassen: Gebunden an Jesus Christus und in der darin begründeten Freiheit kommt es darauf an, im Lehren und Lernen, in Gemeinschaft und Dienst die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk.
Mit anderen Worten: Evangelische Jugendarbeit ist Teil des Programms, missionarisch Volkskirche zu sein unter stets wechselnden Bedingungen. Sie ist Teil einer Kirche in der Öffentlichkeit. Sie nimmt gesellschaftliche Verantwortung wahr und ist zugleich nahe an den Lebenswelten auch einzelner Menschen. Sie ist aus auf weitest gehende Beteiligung - nicht zuletzt am "Streit um die Wahrheit".

Die Studie zur Realität und Reichweite evangelischer Jugendarbeit(1) wurde finanziell und strukturell unabhängig von der Evangelischen Jugend als "Anbieterin" von Jugendarbeit erstellt. Sie folgt einem subjektorientierten - also nicht einem absenderorientierten - Forschungsansatz. Bei einer solchen Studie, die weder eine Auftragsarbeit der Kirche darstellt noch den Jugendlichen mit "geschlossenen" Fragen entgegen- tritt, darf man keine unmittelbaren Antworten erwarten auf die Frage, ob denn der oben formulierte Auftrag erkennbar Gestalt gewinnt, ob er wesentlich das Profil des Angebotes ausmacht. Allerdings lassen sich aus der Zusammenschau einiger Ergebnisse schon entsprechende Schlüsse ziehen.

Als erstes lohnt eine Betrachtung der die für viele überraschend große Reichweite evangelischer Jugendarbeit: 10,1 Prozent aller Jugendlichen in Deutschland im Alter von 10 bis 20 geben - in offener Befragung, nicht etwa an Hand einer vorgelegten Liste aller Möglichkeiten, die vermutlich zu höheren Werten führen würde - an, dass sie zur Zeit oder in jüngster Vergangenheit die regelmäßigen Angebote von Treffs oder Unternehmungen wahrnehmen bzw. wahrgenommen haben. (2) Hier wird also ein beachtlicher Anteil der jugendlichen Bevölkerung erreicht. Bei vielen anderen von der Volkskirche geschaffenen Anlässen freiwilliger personaler Begegnung, das zeigen die aus Listenabfragen generierten kirchlichen Statistiken, kommen prozentual deutlich weniger zusammen.

Drei Viertel der Befragten geben an, dass jede und jeder zu ihrer Gruppe kommen kann. Bei den 26 Prozent, die sich eher in einer geschlossenen Gesellschaft sehen, haben sich mit 42 Prozent Konfirmanden "eingeschlichen". 53 Prozent geben, was nicht weiter überraschen muss, inhaltliche Gründe dafür an, dass eine Teilnahme an Voraussetzungen gebunden sei wie zum Beispiel an das Interesse an "religionsbezogenen Aktivitäten". Die auf Reichweite und Offenheit bezogenen Zahlen darf man wohl so verstehen, dass dem Ansatz nach weite Teile evangelischer Jugendarbeit sich grundsätzlich "an alles Volk" gewiesen sehen, also adressatenoffen sind.

Aus der Untersuchung der Motive zur Teilnahme dann wird ein Eigenschaftenrelief erkennbar, das durchaus evangelische Merkmale trägt. Da ist zum Beispiel der unlösbare Zusammenhang von "egoistischen" und "altruistischen" Motiven zu nennen und deren Bezug zum Motiv, "sich mit Religion zu beschäftigen".
Aber auch die hohen Werte in Sachen Solidarität und die zur Streitkultur sowie die Aussagen zum Erwerb von Sozialkompetenz und nicht zuletzt die Erkenntnisse zur Funktion der Gemeinschaft in der Gruppe für die je persönliche Lebensbewältigung, spiegeln Werthaltungen, für die man nicht nur, aber auch in evangelischen Kreisen uneingeschränkt dankbar sein darf.

Die Ergebnisse zur Bedeutung der für die Angebote der Jugendarbeit (beruflichen) Verantwortlichen mögen irritieren: Ganz andere Menschen rangieren oben auf der Skala, wenn es um die wiederum offen formulierten Fragen nach Vorbildern oder Gespräche über Sorgen und Nöte geht. Enttäuschen dürfte das nur diejenigen, die sich bisher unangemessene Vorstellungen über ihre (berufliche) Rolle gemacht haben. Tatsächlich wäre da nämlich die Aufgabe, Selbstorganisation und Selbstbildung von Jugendlichen zu fördern, Gruppenprozesse zu unterstützen, zu kommunizieren, zu moderieren. Zu erwarten ist ganz viel "Standby-Betrieb": als "andere Erwachsene" ansprechbar und auskunftsfähig sein. In ihrem Dienst, der ohnehin keineswegs in der Präsenz in Gruppen aufgeht, fördern die in dieser Weise leitenden Personen eine "in den Alltag und in die Gemeinschaft eingelagerte Unterstützungskultur, die man in gleicher Weise außerhalb der Jugendarbeit wohl nur selten finden kann".(3)

Offenheit gehört zum Profil
Die wenigen Betrachtungen zeigen, dass der von der Studie eingebrachte Begriff der Offenheit über das "Jeder-kann-kommen" hinaus an Bedeutung gewinnt. Aufmerksamkeit gegenüber lebensweltlichen Herausforderungen, Auseinandersetzung mit anderen Positionen und Widersprüchen, Zutrauen in die Selbstwirksamkeit anderer - auch so etwas macht die Offenheit evangelischer Jugendarbeit aus.

Dabei ist selbstverständlich klar, dass diese weitgehende Offenheit, so sehr sie sich als eine den Jugendlichen freundlich zugewandte versteht, immer auch exklusive, also ausschließende Züge trägt. Ein solches Ensemble von Merkmalen der Offenheit ist Ausweis einer bestimmten Gruppenkultur und wirkt damit selektiv. Wie sehr sich ja nicht nur im Jugendalter unterschiedliche kulturelle Milieus ganz von selbst untereinander abgrenzen, ist hinlänglich bekannt. Man wird das im Einzelnen recht unterschiedlich bewerten. In der evangelischen Jugendarbeit gehören diese Merkmale von Offenheit essentiell zum Profil des Verbandes. In ihnen zeigen sich mehr oder weniger deutlich Aspekte des Auftrags: im Lehren und Lernen, in Gemeinschaft und Dienst die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk:
- Lehren und Lernen in der Freiheit von Christenmenschen: Diskurs und Selbstbildung, kein Fundamentalismus, keine Indoktrination.
- Gemeinschaft und Dienst: keine Herrschaft übereinander, keine Gewalt, stattdessen Kultur des Streitens und der Verständigung als Unterstützung bei der je individuellen Lebensbewältigung.
- Die Botschaft von der freien Gnade Gottes ausrichten allem Volk: jeder kann kommen und kann erleben, dass es ein Versprechen auf Leben und volle Genüge (4) gibt und ein Recht anders zu werden durch neues Denken und Handeln.

"Wo evangelisch drin sein soll ..."
Solche Erlebnisse können Jugendliche in evangelischer Jugendarbeit sammeln. Aber werden diese Erlebnisse auch zu Erfahrung? Erfahrung meint, dass das Erlebte zugeordnet werden kann, dass Gründe für das Sosein, das Wertesystem evangelischer Jugendarbeit, ihr "roter Faden" transparent und bekannt sind und bewusst abgelehnt bzw. natürlich am liebsten angenommen werden können. Hier scheint es allerdings gelegentlich an Deutlichkeit zu mangeln.

In der Studie wird "ein Extrembeispiel für Offenheit der Evangelischen Jugend" angeführt. Dies kann man auch ein Musterbeispiel mangelnder Signifikanz nennen. Wir lesen da von zwei jungen Menschen, die täglich eine Einrichtung besuchen und das Angebot überhaupt nicht als eines der Evangelischen Jugend identifizieren und das, obwohl es in einem erkennbar kirchlichen Gebäudekomplex stattfindet.(5) Vorabfragen zur Studie ergaben, dass durchaus unter Labels wie "Gummizelle", "Markusmäuse", "Zera+", "Boxenstopp" oder auch "Sophie Scholl" oder "Anne Frank" zu evangelischer Jugendarbeit eingeladen wird. Viele Angebote scheinen von außen betrachtet - wie auch bei regelmäßiger Nutzung von innen - nicht wirklich erkennbar zu sein. Weder allgemein als kirchliche noch insbesondere als evangelische. Dagegen ist - durchaus im übertragenen Sinne - zu fordern: Wo evangelisch drin sein soll, soll auch evangelisch draufstehen. Die Angebote und die Akteurinnen und Akteure evangelischer Jugendarbeit weisen über sich hinaus auf den die Arbeit begründenden Zusammenhang, oder sie bleiben den Jugendlichen das notwendige Maß an Deutlichkeit schuldig.

Zu reden wäre in diesem Zusammenhang von den Gründen, aus denen sich christliche Gemeinden und Verbände für Jugendarbeit entscheiden. Mit denen muss man nicht verschämt hinter dem Berg halten und seine Hoffnung darauf setzen, dass "nonverbale Verkündigung" hier Klarheit schafft. Hinter dem Konzept einer akzeptierenden Jugendarbeit mit ihrer "Annahme einfach so" steht für evangelische Jugendarbeit eine reformatorische Entdeckung einer biblisch dokumentierten Glaubenserfahrung mit immensen geschichtlichen und kulturellen Auswirkungen - bis heute. Dies muss auch zur Sprache kommen. Es gibt keinen vernünftigen Grund, die Basis evangelischer Überzeugung einer Auseinandersetzung, dem Denken und Verstehen, vielleicht der Ablehnung, hoffentlich aber der Aneignung von Jugendlichen in der evangelischen Jugendarbeit vorzuenthalten. Dass der Adressat bzw. die Adressatin in der jeweiligen eigenen Situation Form und Inhalt der Botschaft mitbestimmt, versteht sich dabei von selbst. Die Mitarbeitenden evangelischer Jugendarbeit müssen wissen, dass sie anderen einen Gefallen tun, wenn sie zur Verfügung stehen, um verständlich Auskunft zu geben über das, was ihnen selbst an der christlichen Botschaft hilft, mit den Widersprüchen ihres Alltags zu leben. An welchen Symbolen, welchen Worten und Geschichten aus der christlichen Überlieferung orientieren sich die Mitarbeitenden selbst, und welche Erfahrungen haben sie damit gemacht?

Die Ergebnisse der Studie legen den Schluss nahe, dass, so unterschiedlich die Angebote an den verschiedensten Orten ausfallen mögen, doch große Gemeinsamkeiten in Form und Inhalt auszumachen sind. Warum bei aller Vielfalt nicht an ein gemeinsames Markenzeichen denken?
Junge Menschen wachsen heran in einer Gesellschaft mit hohen Ansprüchen an Mobilität und Flexibilität. Warum sollen sie die von ihnen in der Filiale am Ort entdeckte und geschätzte Kultur evangelischer Jugendarbeit nicht in einem größeren Zusammenhang sehen und verstehen, an anderen Orten suchen und finden oder auch vermissen können? Evangelisch als Markenzeichen, das weit verbreitet für eine Vielfalt von werthaltigen Produkten steht.
Die Gruppe am Ort scheint unverzichtbar, wenn wirklich viele erleben sollen, was evangelische Freiheit praktisch bedeutet. Aber evangelisch reicht weiter und ist mehr als diese Keimzelle, die an ihre Grenzen kommt, wo Aufbruch zu neuen Orten oder einfach nur ein Wechsel in neue wie auch immer bedinget kulturelle Milieus anstehen. Da wäre es gut, wenn es ein Bewusstsein von einer Marke gäbe, mit der sich mehr verbindet als der Treff mit netten Menschen in etwa fünfzehn Minuten erreichbar von der elterlichen Wohnung. Die Marke evangelisch könnte stehen für in christlicher Freiheit begründete Offenheit und die Vielfalt gemeinsamen Lehrens, Lernens und Lebens in jugendgemäßem Gewand.

Vorgefundene Realität und Reichweite evangelischer Jugendarbeit als einer wichtigen Gelegenheitsstruktur für junge Menschen geben Anlass zu "unverschämter" Deutlichkeit gegenüber Jugendlichen und insgesamt in Kirche und Gesellschaft. Diese Gelegenheit gilt es zu nutzen.

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Autorinnen und Autoren des Heftes

  • Rainer Brandt, Josefstal
    Pfarrer und Leiter des Studienzentrums
  • Rüdiger Breer, Düsseldorf
    Landesjugendpfarrer
  • Dr. Oliver Dimbath, Augsburg
    Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Soziologie an der Universität Augsburg
  • Michael Ernst, Augsburg
    Student der Soziologie, studentische Hilfskraft im PEP Konfetzival
  • Michael Freitag, Hannover
    Referent für Theologie, Bildung und Jugendsoziologie bei der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend Deutschland (aej)
  • Eva Holzinger, Augsburg
    Studentin der Soziologie, studentische Hilfskraft im PEP Konfetzival
  • Hermann Hörtling, Stuttgart
    Fachlicher Leiter des Evangelischen Jugendwerkes
  • Florian Hübner, Braunschweig
    Student, Delegierter in die aej MV
  • Carl Ludwig Ihmels, Dresden
    Landesjugendpfarrer
  • Dr. Thorsten Latzel, Hannover
    Oberkirchenrat im Kirchenamt der EKD
  • Leena Lindner, Hamburg
    Studentin, Delegierte in die aej MV
  • Dr. Richard Münchmeier, Berlin
    Professor an der Freien Universität Berlin, Fachbereich Erziehungswissenschaften
  • Dr. Wolfgang Neuser, Kassel
    Pfarrer, Generalsekretär des CVJM Gesamtverbandes
  • Dr. Martin Nörber, Wiesbaden
    Referent für politische Bildung beim Hessischen Jugendring
  • Heike Schlottau, Plön
    Referentin für gesellschaftspolitische Jugendbildung im Nordelbischen Jugendpfarramt
  • Petra Schnabel, Frankfurt
    Studentin, Delegierte in die aej MV
  • Dr. Ulrich Schwab, Bernau
    Professor an der Evang.-Theol. Fakultät der Ludwig Maximilians Universität München
  • Tilman Schröder, Berlin
    Geschäftsführer des Landesjugendringes Berlin
  • Dr. Benedikt Sturzenhecker, Kiel
    Professor, Diplompädagoge, Supervisor, Mediator an der Fachhochschule Kiel
  • Rolf Ulmer, Stuttgart
    Landesjugendpfarrer
  • Carola Wankerl, Augsburg
    Studentin der Soziologie, studentische Hilfskraft im PEP Konfetzival
  • Klaus Waldmann, Berlin
    Dipl.-Pädagoge, Bundestutor der EvangelischenTrägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung

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