das baugerüst 2/07 - Kulturen

Inhalt

Wolfgang Noack: Der Golfball als Leitkultur. Einführung in das Heft

  • hintergrund
    Heike Abt, Ulrike de Ponte, Astrid Utler: Typisch deutsch?
    Thomas Gensicke: Klimawandel
    Einstellungen Jugendlicher zur Zuwanderung in denShell-Jugendstudien von 2002 und 2006
    Sabine Schiffer: Exotik oder Gefahr. Andere Kulturen im Mediendiskurs
    Die Konstruktion des Fremden und seine Funktion
    Britta Schellenberg: Angst gegenüber dem Fremden. Von Desintegration und Exklusion
    Wolfgang Fänderl: Konfliktvermeidung
  • standpunkt
    Matthias Biber: Respekt - Interreligiöser und Interkultureller Dialog
    Ein Jahresthema der Evangelischen Jugend München
  • forum
    Marina Khanide, Franziska Szoldatits: Lernen für die Einwanderungsgesellschaft
    Interkulturelle Trainings
    Susanne Ulrich: Toleranz lernen
    Marianne Ballé Moudoumbou: Integrationstest für Deutsche ohne afrikanischen Migrationshintergrund (ITDOAM)
    Gesprächsleitfaden für die Einbürgerungsbehörden Baden-Württemberg 2005
    "Ey was guckst du": Interkultureller Dialog und soziale Kompetenz -Möglichkeiten in der evangelischen Jugendarbeit
    Nacht der Religionen
    Standpunkt und Begegnung: Kultur - Eine Übung
    Typisch deutsch? - Eine Übung

 

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Wolfgang Noack: Der Golfball als Leitkultur

Einführung in das Heft

In einer Karikatur von Uli Stein spielen zwei Pinguine auf einer Eisscholle in der Antarktis Golf. Sie benutzen rote Bälle und grübeln darüber, dass anderswo angeblich mit weißen Bällen geschlagen wird. "Keine Ahnung, wie das funktionieren soll", mokiert sich der eine Pinguin. Es gehört zur Kultur der Pinguine und zur Kultur der Antarktis, mit roten Bällen zu spielen. Alles andere wäre dort auch Blödsinn. Das Bild lässt sich weiter denken. In gleicher Weise wundern sich die golfspielenden Schafe in Irland oder die Kojoten in der Wüste Nevadas darüber, dass in anderen Teilen der Welt grüne oder rote Bälle zum Einsatz kommen. Verschlägt es nun die Pinguine in die Wüste, die Schafe in die Antarktis und die Kojoten auf die grüne irische Insel, werden sie neben den unterschiedlichen Schlägern auch die gewohnten Bälle im Golfcaddy mit sich führen. Schon beim ersten Abschlag rufen die einheimischen Pinguine, Schafe und Kojoten den eingereisten Kojoten, Schafen und Pinguinen zu, dass es der Kultur des Golfspielens widerspräche – je nach Land – mit roten, weißen oder grünen Bällen zu schlagen. Der Konflikt ist da. Schließlich wird – je nach Kontrast der Landesgeografie - der Abschlag mit dem roten, grünen oder weißen Golfball zur Leitkultur erklärt. Kluge Golfclubvorstände denken sich aufwändige Fragebögen aus, um die intimen Kenntnisse der farblich-geografischen Golfballordnung abzuprüfen. Es gehe aber nicht darum, wurde immer wieder betont, eine bestimmte Farbe zur höheren Golfspielkultur zu erheben. Nur wer bei uns Golf spielen wolle, der müsse eben .....!

Nun spielen die wenigsten Menschen Golf und haben auch keinen blassen Schimmer - einschließlich des Autors dieser Zeilen - was "handicap", "green" und "bunker" bedeutet. Dennoch beäugt eine ganze Gesellschaft tagtäglich die Fremdheit der anderen Golfspieler, ihre Art sich beim Golfspiel zu kleiden und die Bälle abzuschlagen. Nun aber Schluss mit dieser elitären Sportart.

"Mekka Deutschland" titelte der Spiegel Ende März und ein muslimischer Halbmond steigt in schwarzer Nacht über dem Brandenburger Tor auf. Im Inneren des Blattes fragt dann das Hamburger Nachrichtenmagazin: "Haben wir schon die Scharia?" Da ist der Spiegel dann nicht weit entfernt von "Bild", die nach dem Wirbel um die abgesetzte Mozart-Oper in Berlin besorgt die Frage stellte: "Warum kuschen wir vor dem Islam?" Und da sich der Bildleser in erster Linie von Bildern nährt, zieren die beiden Türme des Reichstags ein Minarett und über der Glaskuppel prangt ein goldener Halbmond. Der Stoff, aus dem Ängste geschürt werden.

"Das Klima für Zuwanderer ist in Deutschland kühler geworden, auch bei Jugendlichen der traditionell tolerantesten Altersgruppe" schreibt Thomas Gensicke in diesem Heft. Er beruft sich dabei auf die beiden Shell-Jugendstudien von 2002 und 2006. 48 Prozent der befragten Jugendlichen sprachen sich 2002 für eine Begrenzung der Zuwanderung nach Deutschland aus. In der Befragung 2006 stieg die Zahl auf 58 Prozent an. Es geht hier nicht um das rassistische Weltbild irgendwelcher rechter Dumpfbacken in fränkischer oder brandenburgischer Provinz. Es geht um die Mitte der Gesellschaft in dem ach so weltoffenen Deutschland, in dem vor einem Jahr sich die Welt in den Fanmeilen umarmte. Von den 80 Millionen Menschen, die hier leben, haben 15 Millionen einen Migrationshintergrund, sind Zuwanderer, Aussiedler und Flüchtlinge. Sind Menschen, die auf Grund wirtschaftlicher Not, politischer Verfolgung oder mangelnder Perspektiven ihr Land verlassen haben und mit ihrer Kultur, mit ihrem Schatz an Lebenseinstellungen, Werten und Traditionen hier angekommen sind. Angekommen bei Menschen, die auch ihre Lebenseinstellungen, ihre Werte und ihre Traditionen schätzen, die aber immer mehr fremde Kulturen nicht als Bereicherung sondern als Bedrohung empfinden. Einer Leitkultur das Wort zu reden ist zwar nicht "politically correct", aber wer hier leben will .... (s.o. bei den Golfspielern).

Zukunftskompetenz
Vor fast 200 Jahren wollte Johann Wolfgang von Goethe mit seiner Gedichtsammlung "Der west-östliche-Diwan" die Aufmerksamkeit der eurozentristischen Belehrungsgesellschaft auf eine kosmopolitische Lerngesellschaft lenken. Dabei kam es ihm sehr wohl auf Herkunftskenntnisse an, die aber zur Zukunftskompetenz geweitet werden müssen.

"Wer sich selbst und andere kennt,
Wird auch hier erkennen:
Orient und Okzident
Sind nicht mehr zu trennen."


Vielleicht ginge es auch anders
Eine Skulptur im New Yorker Battery Park, an der Südspitze Manhattans erinnert an die 20 Millionen Einwanderer, die zwischen 1890 und 1954 in der "Neuen Welt" ankamen. Iren flohen vor dem Bürgerkrieg und der Kartoffelpest, deutsche Handwerker suchten neue Arbeit, Juden flüchteten, Italiener, Chinesen und Russen fanden in ihrer alten Heimat kein Auskommen mehr. Sie kamen mit ihrer Kultur in der neuen Heimat an, lebten in ihr weiter und begaben sich doch in etwas Neues, Gemeinsames.

Noch einmal: Es geht nicht darum, die Farbe des fremden Golfballes zu übernehmen, aber zu fragen, "warum spielt ihr mit einer anderen Farbe" wäre schon der Beginn eines Dialogs.

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Marieluise Beck: Vielfalt ist Zukunft

Was bedeutet Integration? Wie viel darf und muss eine aufnehmende Gesellschaft den Neuhinzugekommenen an Anpassung abverlangen? Welche Werte und Normen sind für den Zusammenhalt einer modernen Gesellschaft so unverzichtbar, dass sie nicht zur Disposition gestellt werden? Wie viel Differenz und Verschiedenheit muss den Einwanderern und Einwanderinnen zugestanden werden? Welche Veränderungen und Öffnungen sind seitens der aufnehmenden Gesellschaft nötig? Dies sind nur einige der fundamentalen Fragen, wenn wir uns mit dem Thema Integration beschäftigen. Einig sind wir uns in der Bekämpfung von Fundamentalismen wie dem wahnsinnigen Vorhaben des Metin Kaplan, auf Kölner Boden einen Gottesstaat zu errichten, im Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen wie Zwangsheiraten, so genannten Ehrenmorden oder Genitalverstümmelungen. Für Menschenrechtsverletzungen kann es keinen kulturellen Rabatt geben. Schwieriger zu bewerten ist aber das Verhältnis von unhinterfragten Werten und dem Recht auf Verschiedenheit in vielen Grenzbereichen: Wie sehen wir das Recht auf rituelles Schächten im Verhältnis zum Tierschutz? Wie verhält sich das Recht auf religiöse Freiheit gegenüber emanzipatorischen Werten der Gleichheit von Frau und Mann? Ist das Kopftuch als religiöses oder als politisches Symbol zu sehen? Moderne Gesellschaften sind pluralistisch. Diese Pluralität hat sich durch Einwanderung noch verstärkt. Mit den Menschen aus oft ländlichen, manchmal archaisch geprägten Strukturen wanderten auch Konflikte in die hiesigen städtischen Gesellschaften, die überwunden geglaubt schienen. Die Kluft zwischen Tradition und Moderne stellt auch uns erneut vor Fragen, auf die wir nicht erst angesichts von Einwanderung unterschiedlich nuancierte Antworten haben. Wir sollten uns jedoch vergegenwärtigen, dass sich auch unser Weg in die Moderne nicht ohne Konflikte und Brüche vollzog: noch in den 60iger Jahren war ein unehelich geborenes Kind eine Schande, Homosexualität stigmatisiert, unverheiratetes Zusammenleben als "wilde Ehe" diskriminiert, eine interkonfessionelle Heirat für viele Familien eine Katastrophe und die Jungfräulichkeit der Töchter ein hohes Gut. Bruchlinien zwischen Tradition und Moderne verschärfen nicht nur die Konflikte zwischen Einwanderern und aufnehmender Gesellschaft, sondern auch unter den Migranten. Besonders junge Frauen bekommen dies zu spüren, wenn sie sich aus traditionsgebundenen Familien auf den Weg in die moderne, städtisch geprägte Gesellschaft machen. Bereitschaft zum Aushandeln von Konsensen braucht nicht nur die aufnehmende Gesellschaft. Auch die Migrantencommunities und Familien müssen ihren Mitgliedern ein selbstbestimmtes Leben gestatten.

Leitbilder statt Leitkultur
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Thomas Gensicke: Klimawandel

Einstellungen Jugendlicher zur Zuwanderung
in den Shell Jugendstudien von 2002 und 2006


Die beiden Shell Jugendstudien von 2002 und 2006, die unser Institut durchführte und zu denen der Autor die Hauptkapitel über Wertorientierungen und über Religiosität beitrug, enthalten einige Indikatoren, die etwas über das Verhältnis der Jugend zur Zuwanderung aussagen. Darüber kann der Trend solcher Einstellungen in den letzten Jahren untersucht werden. Befragt wurden jeweils am Jahresbeginn deutschlandweite, repräsentative Quotenstichproben von ca. 2.500 Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 25 Jahren (vgl. Deutsche Shell 2002 und 2006).

Bereits 2002 waren die befragten Jugendlichen mehrheitlich der Meinung, die Zuwanderung nach Deutschland müsse begrenzt werden (48%). Nur 34% meinten, die laufende Zuwanderungspraxis solle beibehalten werden bzw. es sollten sogar mehr Zuwanderer aufgenommen werden. 2006 war diese relative Mehrheit zur absoluten geworden: Nunmehr befürworteten 58% der Jugendlichen eine Begrenzung der Zuwanderung (siehe Grafik 1 und die Anhangtabelle).

Das Klima für Zuwanderer ist in Deutschland kühler geworden, auch bei Jugendlichen, der traditionell tolerantesten Altersgruppe. Parallel dazu berichten uns jugendliche Zuwanderer zunehmend von Benachteiligungen. Inwiefern dabei auch eine zunehmende kulturelle Empfindlichkeit mitspielt, können wir allerdings nicht unterscheiden.

Die Verschlechterung der Wirtschafts- und Arbeitsmarktlage bzw. der Finanzlage der öffentlichen Haushalte hat dazu beigetragen, dass Zuwanderer von Jugendlichen zunehmend als Konkurrenten um Arbeitsplätze bzw. um öffentliche Unterstützungsgelder gesehen werden. Beunruhigte es 2002 bereits 55% der Jugendlichen, keinen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu finden bzw. ihren Arbeitsplatz zu verlieren, so waren das 2006 bereits 69%. Diese Zunahme war ganz besonders bei weiblichen Jugendlichen zu erkennen (56% auf 74%). Parallel dazu stieg bei der weiblichen Jugend auch die ablehnende Haltung zur Zuwanderung besonders deutlich (von 44% auf 57%). Damit waren beide Geschlechter 2006 ähnlich ablehnend gegenüber der Zuwanderung eingestellt. ......
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Günther Beckstein: Integration statt Multi-Kulti und Assimilation

Deutschland hat in den letzten Jahrzehnten eindrucksvoll bewiesen, dass es ein ausländerfreundliches Land ist. Kulturelle Vielfalt ist seit jeher eines unserer prägenden Elemente. Unsere Kultur ist ohne mannigfache Einflüsse von außen nicht erklärbar. Die ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger haben beachtliche Beiträge zur Entwicklung Deutschlands geleistet. Gerade in einer Zeit der Globalisierung aller Lebensbereiche, kommt einer ständigen Begegnung von Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern und Kulturkreisen große Bedeutung zu. Ein konstruktives Miteinander weitet auf beiden Seiten den Horizont, fördert das Verständnis für andere Kultur- und Lebensarten und trägt letztlich zu mehr Toleranz bei. Das zeigt sich beim Zusammentreffen mit dem italienischen oder griechischen Gastwirt "um die Ecke" oder mit dem türkischen Obst- und Gemüsehändler ebenso wie beim Dialog mit ukrainischen Wissenschaftlern oder mit indischen Software-Spezialisten.
Allerdings dürfen wir nicht übersehen, dass das Zusammenleben von einheimischer Bevölkerung und Menschen aus völlig unterschiedlichen Kultur- und Religionskreisen im täglichen Leben auch erhebliche Probleme mit sich bringen kann. Denken wir nur an die erschreckende Eskalation der Gewalt in den französischen Banlieues! Auch in Deutschland beobachten wir manche Entwicklungen mit Sorge:

- Gerade in großen Städten konzentrieren sich ausländische Mitbürger auf bestimmte Wohnquartiere, wobei wir starke Tendenzen zur Bildung von Parallelgesellschaften feststellen. Damit geht häufig eine mangelnde Identifizierung mit Deutschland einher.

- Vielerorts ist der islamische Fundamentalismus auf dem Vormarsch. Der geistig-politische Einfluss von Islamisten auf die muslimischen "Communities" in Deutschland ist nicht zu unterschätzen. Islamisten geht es nicht darum, Brücken zwischen Muslimen und Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften zu bauen. Sie vertiefen vielmehr die ohnehin schon vorhandenen Unterschiede. Durch Schriften, Koranschulen und vieles andere mehr dringt die intolerante, mit unserer Rechts- und Werteordnung unvereinbare islamistische Ideologie in die muslimischen Gemeinden ein und wird nicht selten unkritisch absorbiert. Hier tickt eine gefährliche Zeitbombe........

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Hubertus Schröer: Wir und Ihr

Kulturelle Fremdheit und religiöse Bedrohung werden konstruiert

Mehr als 15 Millionen Menschen in unserem Land haben einen Migrationshintergrund. Diese Zahl aus dem Mikrozensus Mitte vergangenen Jahres hat viele verblüfft, bestimmen die öffentliche Diskussion doch ganz andere Daten. "Das zeigt, dass die Integration weitestgehend gelungen ist, da sie unauffällig blieb", resümiert der Migrationsforscher Klaus Bade. Wie verträgt sich diese Feststellung mit den aufgeregten Debatten und medialen Feststellungen, Multikulti sei gescheitert, die Integration misslungen, Parallelgesellschaften gefährdeten den sozialen Zusammenhalt und der Islam bedrohe westliche Welt und Werte? Das verträgt sich gar nicht, aber es lässt sich erklären.

Wir blicken auf mehr als ein halbes Jahrhundert Einwanderung zurück - und zugleich auf 50 Jahre missglückte Migrations- und Integrationspolitik. Mag in der Wirtschaftswunderzeit der 1950er und 60er Jahre eine zukunftsorientierte Migrationspolitik noch nicht auf der Agenda gestanden haben, spätestens mit dem Anwerbestopp 1973 hätte diese Notwendigkeit bestanden. Forderungen, Vorschläge und mahnende Stimmen hat es schon damals in Deutschland genug gegeben. Statt dessen war deutsche Politik bestimmt von rein ökonomischen Machbarkeitserwägungen (Gastarbeiteranwerbung), die Zugewanderten waren Objekte staatlicher Abwehr und Ausgrenzung (Ausländergesetzgebung), im Kampf um parlamentarische Mehrheiten wurden Ausländer - insbesondere in Bayern - regelmäßig zu Sündenböcken (Instrumentalisierung). Kurz: staatliche Politik hat beigetragen zur Ent-Würdigung von Menschen, die Arbeit und Schutz vor Verfolgung suchten. Das war keine Grundlage für gegenseitige Verständigungsprozesse, Deutsche wie Zugewanderte blieben in Distanz zueinander. Die Angebote gesellschaftlicher Integration waren zaghaft und im Wesentlichen von Verbänden, Kirchen, Stiftungen, bürgerschaftlichen Initiativen und von den Kommunen bestimmt. Trotz dieser schwierigen Rahmenbedingungen und entgegen staatlicher Intention haben die Zugewanderten und ihre Nachkommen enorme Anpassungsleistungen erbracht. Die überwiegende Mehrheit - schlimm, dieses immer wieder betonen zu müssen! - ist friedlich, arbeitet, lebt und wohnt bürgerlich, pflegt familiäre und freundschaftliche Kontakte. Sie ist integriert. Jetzt keimt erstmals Hoffnung auf eine politische Wende, die die Einwanderungssituation konstruktiv aufnimmt. Die vergangene Regierung hat mit dem neuen Staatsangehörigkeits- und Zuwanderungsrecht die faktische Anerkennung als Einwanderungsgesellschaft vollzogen. Die derzeitige Regierung scheint Migration und Integration einen hohen Stellenwert einzuräumen. Integrationsgipfel und Islamkonferenz bringen Bewegung in ein verbarrikadiertes Feld.

In der Mitte der Gesellschaft
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"Fremdenfeindlichkeit ist Zeichen einer misslungenen Erziehung"

Gespräch mit Prof. Jutta Limbach

baugerüst: In der Shell Jugendstudie waren 2002 48 Prozent der Jugendlichen der Meinung, dass Zuwanderung begrenzt werden müsse. 2006 bekannten sich 58 Prozent zu dieser Meinung. Wird das Klima für Ausländer schlechter in Deutschland?

Limbach: Seit den Terroranschlägen, beginnend mit dem 11. September 2001, ist das Klima für Ausländer in Deutschland schlechter geworden. Die Furcht vor islamischer Überfremdung geht seitdem um und wird - nicht nur in den Boulevardmedien - geschürt.

baugerüst: Woher kommt die Abwehr gegenüber Fremden? Fehlt es an Beheimatung?

Limbach: Ein Gemisch aus Unwissenheit und Vorurteilen ist hier am Werke. Fremdenfeindlichkeit ist Zeichen einer misslungenen Erziehung, die die Vielfalt der Kulturen ausblendet und die Illusion nährt, dass wir in einer geschlossenen Welt lebten. Das führt zur Engstirnigkeit und zur Unfähigkeit, sich in andere hinein zu versetzen. Je größer die Unkenntnis von den Lebensweisen und Erfahrung der mit uns lebenden Fremden ist, desto geringer ist die Chance, sich in deren Vorstellungswelt hineinzufühlen und sich die Frage zu stellen, wie man sich selbst in deren Lage verhalten würde. Würde ich nicht auch aus einer Weltgegend herausstreben, in der Gewalt und Hunger herrschen, und Zuflucht in einem Land suchen, das Brot und Bürgerlichkeit verspricht? Auf der anderen Seite darf nicht verschwiegen werden, dass die bisher weitgehend missglückte Integration der mit uns lebenden Menschen anderer Kultur und Herkunft in der jungen Generation zu Aggressionen führt, die die Abwehr Fremder bestärken.

baugerüst: Kultur wird häufig als Block gesehen – die Türken, die Polen etc. Wie wird es möglich, dass Menschen kulturelle Vielfalt als Bereicherung der Kultur verstehen?

Limbach: Durch Aufklärung, die deutlich macht, in welchem Maße unsere Kultur schon seit Jahrhunderten durch andere Kulturen mitgeprägt worden ist. Von Kindesbeinen an sollten die Menschen damit vertraut gemacht werden, dass es viele Kulturen und Religionen gibt, deren Gläubige sich in ihren Denk- und Verhaltensmustern voneinander unterscheiden. Auch hier gilt: früh übt sich, wer als Weltbürger und Weltbürgerin die Zukunft meistern will.

baugerüst: Was wäre die Voraussetzung dafür, dass Menschen neugierig werden auf andere Kulturen, dass sie Lust bekommen, die Welt auch anders zu sehen?

Limbach: Reisen bildet, heißt es so hübsch. Aber geographische Umtriebigkeit für sich allein weitet noch nicht den geistigen Horizont. Denken Sie an die Deutschen auf Mallorca, die gern unter sich bleiben und ihr selbst gewähltes Ghetto kaum verlassen.
Ein Schlüssel ist das Erlernen fremder Sprachen. Sprache ist nicht nur ein Mittel der Kommunikation. Sprache ist Kultur. Allein schon die Frage, für welche Befindlichkeiten, Eigenschaften und Sachverhalte eine Sprache Worte besitzt oder nicht besitzt, teilt etwas über kulturelle Eigenheiten mit. Sprache ist - so hat es Wilhelm von Humboldt treffend gesagt - auch Ausdruck der Verschiedenheit des Denkens, jede Sprache ist "auch eine Ansicht von der Welt". Eine fremde Sprache ist gleichsam ein Fenster in eine andere Welt und befördert die Lust, sich auf diese einzulassen. Das Erlernen einer Fremdsprache trägt auch mit dazu bei, dass man über die Eigenheiten der eigenen Sprache nachzudenken beginnt. Wer fremde Sprachen nicht lernt, so Goethe, kennt seine eigene nicht.

baugerüst: Wie könnte ein kultureller Dialog auf der Basis der kulturellen Unterschiede aussehen?

Limbach: .................

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Autorinnen und Autoren des Heftes

  • Heike Abt, Regensburg
    Diplom-Psychologin, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Regensburg, Trainerin für Interkulturelle Handlungskompetenz
  • Marieluise Beck, Berlin
    MdB, Parlamentarische Staatssekretärin a.D., Bündnis 90/Die Grünen; ehemalige Ausländerbeauftragte der Bundesregierung
  • Dr. Günther Beckstein, München
    Bayerischer Staatsminister des Inneren
  • Matthias Biber, München
    Stadtjugendpfarrer der Evangelischen Jugend München
  • Wolfgang Fänderl, München
    Centrum für angewandte Politikforschung (C·A·P), Wissenschaftlicher Mitarbeiter der "Akademie Führung & Kompetenz"
  • Dr. Thomas Gensicke, München
    Dr. rer, pol. bei TNS Infratest Sozialforschung
  • Dr. Stefan Heuser, Erlangen
    Universität Erlangen, Theologische Fakultät, Institut für Systematische Theologie
  • Marina Khanide, München
    Diplomsozialpädagogin (FH), Projektleiterin FSD in der Ausländerinnenarbeit, Interkulturelle Trainerin
  • Dr. Jutta Limbach, Berlin
    Professorin, Präsidentin des Goethe-Instituts
  • Marianne Ballé Moudoumbou, Berlin
    Dolmetscherin und Publizistin
  • Ulrike de Ponte, Regensburg
    Diplompsychologin
  • Britta Schellenberg, München
    Centrum für angewandte Politikforschung (C·A·P), Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Bertelsmann Forschungsgruppe Politik
  • Dr. Sabine Schiffer, Erlangen
    Institut für Medienverantwortung
  • Dr. Hubertus Schröer, München
    Geschäftsführer beim Institut für interkulturelle Qualitätsentwicklung
  • Franziska Szoldatits, München
    Dipl. Sozialpädagogin, pädagogische Referentin bei LIDIA. Interkulturelle und Betzavta -Trainerin
  • Susanne Ulrich, München
    Centrum für angewandte Politikforschung (C·A·P), Leiterin der Akademie Führung & Kompetenz
  • Astrid Utler, Regensburg
    Diplompsychologin, Projektmitarbeiterin im Institut für Kooperationsmanagement (IKO) an der Universität Regensburg

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