das baugerüst 4/07 Heilig

Inhalt

  • hintergrund
    Michael Freitag: Von der Schwierigkeit, ein Wort zu definieren
    Ina Praetorius: Cool, wichtig, heilig. Eine Art Umfrage
    Britta Rensing: Heilige Orte

  • kontrovers
    Gregor Jansen: Jesus in my house. Suche nach dem Heiligen im heiligen Experiment Jugendkirche
    Susanne Schmitt: Spurensuche an einem heiligen Ort
  • standpunkt
    Barbara Hanusa: Fromm, fähig, phantasievoll
  • forum
    Michael Meyer-Blank: Evangelisch und heilig. Fünf Thesen
    Annika Friese: Was uns heilig ist
    Frank W. Löwe: Opas Baum, Neroberg bei Nacht und Pia. Jugendliche begegnen dem Heiligen
    Stefanie Daube: Räume der Stille - was wird hier geheiligt?
    Rainer Brandt: Heiliger Herre Gott. Aufwachsen in unheiligen Zeiten
    Christian Schmidt: Sind Heilige katholisch?
    Uli Geißler: Nordic Walking ins Nirwana. Eine spirituelle Expedition zum heiligsten Berg auf dem Dach der Welt

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Wolfgang Noack: Alles heilig?

Einführung in das Heft

Von den graublauen Bänken blätterte die Farbe. Insbesondere an der Rückwand, dort, wo die kleinen Metallhaken für die Handtaschen das Holz berührten. Während der Gottesdienste vergrößerten wir Konfirmanden mit dem Fingernagel die kleinen Flächen an denen der Lack fehlte – aus Langeweile. Oder weil wir nichts verstanden? "Heilig, heilig, heilig ist der Her?re Ze?ba?oth" sang die Gemeinde. Nein, wir verstanden wirklich nichts. Weder "heilig" noch "Zebaoth". Also mussten wir weiterpulen.
Das aber war schon die zweite Erfahrung mit dem Heiligen. Die erste lag ein paar Jahre davor. Unsere benachbarte Familie war katholisch – "streng katholisch", wie meine Eltern immer hinzufügten. Erste diskriminierende Erfahrungen musste ich machen, als wir im kindlichen Treiben auf die Idee kamen "Heilige Drei Könige" zu spielen. Hier wurden wir - mein Bruder und ich – seitens der katholischen Nachbarskinder vom weiteren Mitspielen ausgeschlossen. Schließlich seien wir evangelisch, lautete die Begründung.

Damals lernte ich, dass heilig irgend etwas mit katholisch zu tun haben muss. Auch beschenkte uns weder der Religionslehrer mit Heiligenbildchen noch durften wir zur Heiligen Kommunion gehen. Nur an Allerheiligen bekamen auch wir Evangelischen schulfrei. Ob unsere katholischen Freunde dies als ungerecht empfanden, erinnere ich nicht mehr.
Dass auch wir irgend etwas mit heilig zu tun haben, bekam ich erst später in der Kirchenbank bei "Heilig, heilig, heilig ist der Herre Zebaoth" mit. Aber wie gesagt, das verstand ich nicht.
Dass das Heilige gefährlich sein kann, da es nicht zu zähmen oder zu organisieren sei, wie der Göttinger Theologe Manfred Josuttis in dem Gespräch mit dem baugerüst äußert, davon ahnten wir Kinder nichts – ob katholisch oder protestantisch.

Natürlich nahmen wir die Hände aus den Taschen, flüsterten, ja duckten uns fast ein bisschen, wenn wir eine Kirche betraten. Oder es schauderte einem, wenn am Heiligen Abend eine Stimmung im Haus entstand, wie sonst das ganze Jahr über nicht. Kerzen, Lametta, Lieder - fast heilig. Oder Kirchentag 1983 in Hannover. Abschlussgottesdienst auf dem Rasen des Niedersachsenstadions. Sonne, lila Tücher und 100.000 Menschen sangen "Herr gib uns deinen Frieden". Eine heilige Stimmung.
Heilig hat immer auch etwas zu tun mit überraschend, mächtig, von einer auf die andere Minute anders, nicht verstehbar eben.

Und heute? Heute wird bei eBay ein Rasensamen "Fußball WM 2006 – Heiliger Rasen" angeboten. Auch zehn Jahre nach ihrem Tod wird Prinzessin Diana wie eine Heilige verehrt. Tausende pilgerten zur Münchner Maximilianstrasse, um den Modemacher Rudolph Moshammer zu betrauern und der heilige Schauer überkommt die Menschen, wenn Madonna während des Konzerts vom Kreuz steigt. Unter heilig, so erfuhr Ina Praetorius bei der kleinen Umfrage für ihren Artikel, verstehen Menschen heute eher wichtig, unverzichtbar, cool. Der Koblenzer Soziologe Winfried Gebhard geht noch einen Schritt weiter und behauptet, "das Prädikat des Heiligen wird heute in inflationärer Weise fast allem und jedem zugesprochen. Das Profane wird heilig und das Heilige rutscht ins Profane". Einst war die Welt voll mit heiligen Plätzen, Räumen, Bergen, Steinen, Bäumen. Heilige Frauen und Männer wurden verehrt und heilige Nächte gefeiert.

Heute fragt ein Internetforum für Medizinstudenten "Welche Daten sind euch heilig?" Zur Entscheidung standen Handynummer, postalische Adresse, Festnetznummer oder Email -Adresse (am heiligsten wurde mit 22 Prozent die Handynummer eingestuft). Vor der Fußballweltmeisterschaft diskutierten Kommunalpolitiker in Hamburg, an welchen öffentlichen Plätzen der Stadt großflächig geworben werden darf. "Die Binnenalster ist heilig" wandte der Chef der Bezirksregierung ein. Und noch ein drittes Beispiel für die "Heiligung" des Alltäglichen: "Heilige Höschen" titelte der Stern im vergangenen Jahr und berichtete über die Frauen in dem polnischen Karpatendorf, die statt wie in früheren Zeiten Altardecken und Chorhemden nun gemeinsam Tangas und BHs häkeln und weltweit über das Internet vertreiben. Mit großem Erfolg.

Aber nicht nur wenn es um persönliche Daten, Unterwäsche oder innerstädtische Werbeflächen geht, werden Argumente in den heiligen Stand erhoben. Anfang September merkte der Kommentator des Deutschlandfunks zur Auseinandersetzung über den Bau einer Moschee in Köln an, dass die geplanten Minarette den Dom optisch in die Knie zwingen würden und fragt, was eine derartig massive islamische Präsenz in der Mitte des heiligen Köln bedeuten würde.

"Heiligkeit ist zuerst einmal Leere, die man in sich vorfindet, die man akzeptiert und die Gott in eben dem Maße ausfüllt, in dem man sich seiner Fülle öffnet" wusste dagegen Franz von Assisi. Ganz ähnlich beurteilt dies Manfred Josuttis: "Man muss hören können und möglichst absichtsfrei sein. Man muss Gott anrufen, viel mehr braucht man nicht zu tun."

Vielleicht verläuft diese Öffnung für Erfahrungen gerade in der Arbeit mit Jugendlichen auch über die Auseinandersetzung mit dem, was mir persönlich heilig – im Sinne von wichtig – ist: Die Muschel vom Strand des letzten Urlaubs, die Fahne meines Fußballvereins oder die CD mit dem Lied, das schöne Momente erinnert.
"Heilig" war ein Grundwort in seiner Kindheit, schreibt Fulbert Steffensky. "Nicht alles war heilig, es gab heilige Zeiten und andere". Vielleicht sind sie verschüttet heute. Abgestürzt. Abgestürzt, so wie es die Skulptur des Grabenstätter Künstlers Willi Regensburger auf dem Titelbild dieser Ausgabe zeigt. Geblieben ist das (heilige) Goldstück. Der Körper ist in die Tiefe gestürzt. Eingemauert.

Wie Erfahrungen des Heiligen in der Jugendarbeit möglich werden können, dazu wollen die Autorinnen und Autoren in diesem Heft mit Artikeln, kontroversen Diskussionen, klärenden Standpunkten, einem Gespräch und Praxisberichten beitragen.

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Winfried Gebhardt: Heilige Möpse

Über die Entgrenzung des Heiligen in der Video-Clip-Moderne

Heilig, heilig, heilig - heilig ist der Herr. Heilig, heilig, heilig - heilig ist nur Er." Diese Anfangssätze des Sanctus aus Franz Schuberts berühmter Deutscher Messe beschreiben - denke ich - sehr schön das Selbstverständnis der christlichen Kirchen. Heilig ist eben nur einer, der Herr Gott Zebaoth und niemand sonst. Die Zeiten, in denen diese Aussage unhinterfragt galt und von den Menschen als Selbstverständlichkeit übernommen wurde, sind freilich ein für allemal vorbei. Wie die institutionalisierte Religion insgesamt, so diffundiert auch das Verständnis dessen, was als heilig gilt. Das Prädikat des Heiligen wird heute in inflationärer Weise fast allem und jedem zugesprochen, das oder der auch nur ansatzweise aus dem Rahmen des Normalen fällt. Hollywoodstars und -sternchen á la Brad Pitt oder Angelina Jolie, wie Kometen aufsteigende und wieder verschwindende Popensembles wie die Spice Girls, die No Angels oder die Söhne Mannheims, angesagte Konsumartikel wie Energy-Drinks oder Multifunktions-Handys, luxuriöse Kultartikel wie spartanische Gucci-Täschchen oder knallrote Ferrari-Boliden, Sporthelden wie Tiger Woods, Michael Schumacher oder Jan Ullrich (vor Bekanntwerden seiner Doping-Karriere) - ihnen allen wird attestiert, sie seien etwas Außergewöhnliches, Charismatisches, Heiliges und deshalb Verehrungswürdiges.

Doch damit nicht genug. In den sexistischen Video-Clips insbesondere amerikanischer Hip-Hop-Sänger wird der "Holy Butt" verherrlicht, in pseudointellektuellen Jugend- und Esoterikszenen wird über die mystische Kraft des Bauchnabelpiercings philosophiert und nicht nur pubertierende Bübchen preisen in SMS-Botschaften die "heiligen Möpse" ihrer neueroberten Samstagsabendbekanntschaft. Das Heilige wird aus der Welt des Göttlichen herabgeholt in die körperliche Welt des Alltags, wird eingebettet in die ganz normalen Erlebniswelten einer globalisierten, medial vorproduzierten populären Alltagskultur. Diese alles verschlingende Populärkultur und die sie entweder tragende oder auch nur ausbeutende mediale Kulturindustrie machen selbst nicht Halt vor den Traditionsbeständen der Religionen. Alte religiöse Symbole als sichtbare Zeichen des Heiligen wie das christliche Kreuz, aber auch germanische Runen, römische, keltische oder assyrische Götterbilder tauchen in erlebniszentrierten Kontexten, vor allen in Video-Clips, auf CD-Covern, in der Werbung, auf T-Shirts oder als persönlicher Schmuck wieder auf und werden mit neuem, oftmals diffusem, magischen Sinn belegt. Auch traditionelle "heilige" Autoritäten, wie der Papst oder der Dalai Lama, gewinnen in solchen erlebniszentrierten Kontexten wieder neue Attraktivität - aber nur dann, wenn sie - gewollt oder ungewollt - es schaffen, sich als "authentisch", "echt", "ästhetisch ansprechend" und deshalb "glaubwürdig" zu inszenieren und medial zu präsentieren. Der "Hype", der sich während des Begräbnisses von Johannes Paul II. in Rom, auf dem letzten Weltjugendtag der katholischen Kirche in Köln 2005 oder anlässlich der diesjährigen Deutschland-Tournee des Dalai Lama entfaltete, ist Ausdruck einer solchen mediatisierten Popularisierung und Trivialisierung des traditionell Heiligen.
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Christoph Bizer: Die Pflege des Heiligen

Die Frage, was Menschen "heilig" sei, könnte für Leute, denen das Christentum fremd geworden ist eine Art Schlüssel sein, um sich den geheimnisvollen Bereich der Religion aufzuschließen. Man kommt nicht gleich mit den Fragen: was hältst Du von Gott? ("keine Ahnung!"); was weißt du von der christlichen Lehre ("da hat es mal so einen Jesus gegeben ..."); worin liegt für dich der Sinn des Lebens? ("brauch ich nicht, Hauptsache, die Kohle stimmt!").

Mit der Frage nach dem Heiligen bewegt sich der Fragende auf einem Boden der Alltagskultur: "heilig?" - das ist für Tante Erna das Tässchen Kaffee zu Beginn des Nachmittags: "Das ist mir heilig!" sagt sie. Für ihren Neffen sind es die Spiele von Borussia Dortmund. Es kann auch ein Popkonzert sein, das so mitreißt, dass sich die Zuhörer in eine Kultgemeinde verwandeln. Zugleich berührt die Frage nach dem Heiligen den Bereich des Religiösen. Für einen Altreligiösen - wie ich einer bin - kann ein Glücksgefühl, von göttlicher Schöpferkraft umgeben und getragen, das Heilige widerspiegeln. Die Frage, was mir persönlich heilig sei, respektiert den individuellen Lebensstil. Sie will nicht missionieren, sondern ein Gespräch, in dem es wirklich um mich geht. Was mir heilig ist, das macht mich im Innersten aus. Dafür setze ich mich voll ein. Da steh´ ich wie eine Eins. - Das Dumme ist nur, dass ein modern verfasster Mensch immer auch anders kann. Wenn mir mein Freundeskreis heilig ist, heißt das noch lange nicht, dass ich ihn nicht früher oder später
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"Das Heilige ist nicht organisierbar"

Gespräch mit dem Göttinger Professor für praktische Theologie Manfred Josuttis über die Zugänge zum Heilige

baugerüst: Herr Josuttis, was ist mit heilig eigentlich gemeint?

Josuttis: Das kommt darauf an, wie man diese Frage stellt. Man kann heilig sozialpsychologisch definieren: was den Deutschen heilig ist, was den Frauen heilig ist, was der Jugend heilig ist. Heilig meint dann, was für Menschen besonders wichtig erscheint. Der andere Ansatz meint die Wirklichkeit aller Wirklichkeiten, die unabhängig von der Einstellung und von der Wahrnehmung der Menschen eine Realität ist. Ich gehe von diesem zweiten, von diesem phänomenologischen Ansatz aus, um mit diesem Thema umzugehen.

baugerüst: Spüren die Menschen eine Sehnsucht nach dem Heiligen?

Josuttis: Das ist unvermeidlich, weil das Heilige die Quelle dessen ist, was in der Welt vorhanden ist. Es besteht eine archaische, elementare Beziehung zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen. Augustin beschreibt dies: "Unser Herz ist unruhig, o Herr, bis es Ruhe findet in dir".

baugerüst: In welcher Beziehung stehen Gott und das Heilige?
Josuttis: In den Religionen wird diese Wirklichkeit aufgrund ihrer Offenbarung als der Gott, als die Gottheit, als das Göttliche bezeichnet. Diese Geschlechterdifferenzierung ist wichtig, weil wir in der deutschen Sprache einfach Gott oder Allah sagen. Im Neuen Testament ist nie von Gott die Rede, sondern da heißt es immer "der Gott".

baugerüst: Im Gegensatz zu dem, was Sie als sozialpsychologisch bezeichnen, entsteht dieser Raum des Heiligen oder die Atmosphäre des Heiligen nicht durch Zuschreibungen. Hier betreten Menschen einen anderen Wirklichkeitsbereich.

Josuttis: Das Heilige ist verborgen. Während wir jetzt miteinander sprechen, können wir vieles sehen und wahrnehmen, aber die Präsenz des Göttlichen können wir nicht direkt erfassen. Aber das Göttliche ist überall, auch hier. Jedoch ist es nicht fassbar, wie empirische Dinge fassbar sind.

baugerüst: Sie sprechen nicht nur von den verborgenen, sondern auch von den verbotenen Zonen des Heiligen. Ist das Heilige auch gefährlich?

Josuttis: Das Heilige ist gefährlich, weil es nicht zähmbar ist. "Der Herr tötet und macht lebendig, er führt in die Hölle und wieder heraus". Gott schlägt zu. "Dekade der Gewaltfreiheit?" Das ist ein einziger Witz, wenn man an Gott denkt. Wenn er nicht zugeschlagen hätte, gäbe es keine Hinrichtung Jesu, gäbe es keine Bekehrung des Paulus, gäbe es keine Menschen, die durch Unglück ins Nachdenken kommen. Aber dies ist kein Plädoyer für Gewalt, sondern nur gegen eine etwas naive und idealistische Wahrnehmung vom lieben Gott gerichtet.

baugerüst: Das Heilige ist also nicht einfach nur lieb und nett?

Josuttis: Gott ist gefährlich. Er verändert das Leben. Menschen, die sich nicht darauf einlassen, die nicht in den Gottesdienst gehen, die ahnen viel mehr von Gott. In meinen Augen ist durch den Kapitalismus das Heilige in eine verbotene Zone geraten, weil es den freien Markt stören würde. Der Gott Mammon verträgt keine Alternative und braucht auch keine höhere Begründung.
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Annika Friese: Was uns heilig ist ...?

"Diese Kiste ist mit Dingen gefüllt, die für mich persönlich heilig sind und deshalb einen ganz besonderen Wert für mich haben. Die meisten Gegenstände begleiten meinen Alltag oder sind Teil besonderer Situationen. Auf jeden Fall gibt es einen guten Grund dafür, dass sie sich gerade in meiner Kiste befinden." (Anne)

Die so beschriebene Holzkiste ist Teil der Ausstellung "Was uns heilig ist...", die zum ersten Mal auf dem 31. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Köln gezeigt wurde. Entstanden sind die siebzehn dort ausgestellten Holzkisten während eines Schulprojektes. Von außen sehen alle gleich aus, in ihrem Inneren gestatten sie aber einen Blick auf Gegenstände, die Jugendlichen heilig sein können.


Ein Schulprojekt - das didaktische Konzept der Ausstellung
"In der Kirche hatte ich ein Gespräch mit dem Pastor, der mir näher bringen konnte, was die Menschen in dieser Kirche als heilig ansehen. Er sagte, dass ich ein Stück Stein des sich dort befindenden Altars nehmen könne. Bei meiner weiteren Suche gab mir dieser Stein den Anreiz, mit offenen Augen durch meinen Alltag zu gehen." (Andreas)

Mit dem Eintritt in die gymnasiale Oberstufe werden in Nordrhein-Westfalen alle Lerngruppen neu zusammengesetzt, da die Jugendlichen in das Kurssystem eintreten. Für die Unterrichtenden bedeutet diese Situation, dass sie auf Heranwachsende treffen, die sich in ihren Lerngruppen neu positionieren müssen. Für die Lehrenden des Faches Religion, das vom Großteil der Schülerinnen und Schüler nicht gerade zu den interessantesten gezählt wird, heißt das weiter, dass Jugendliche mit unterschiedlichen religiösen Erfahrungen und mit eigen zusammengestellten "Patchwork-Religionen" zu festgelegten Zeiten in der Woche aufeinander treffen und - in einer Idealvorstellung - mit wenig vertrauten Personen über das sprechen, was sie "unmittelbar angeht".
Um als Unterrichtende den schwierigen Balanceakt zwischen Selbstbehauptung, Verschiedenheit und Privatsphäre von allen Beteiligten begleiten zu können, bin ich in meiner Vorbereitung auf die Arbeit mit dem Kurs der 11. Jahrgangsstufe von drei Grundsätzen ausgegangen:
Erstens sollte im Zentrum des Kurses die Bedeutung von Religion für Menschen unterschiedlicher religiöser und kultureller Herkunft stehen. Denn nur wer neugierig ist auf die Weltsicht anderer, lässt sich auf Gedanken ein, die die Welt mittels religiösen Wissens erklären möchten.
Dabei sollten die Schülerinnen und Schüler zweitens dazu angeregt werden, über ihre eigene Position zum Thema Religion nachzudenken. Dazu ist es auch notwendig, dass die Jugendlichen ihre Wahrnehmung schärfen, denn Religion kann da sein, wo man sie gerade nicht erwartet.
Für mich war es drittens wichtig, eine Möglichkeit zu finden, die es für die Jugendlichen handlungsorientiert zulässt, den eigenen Blick auf ein Thema aus der Religion umzusetzen.
Um die drei Gedanken verwirklichen zu können, habe ich nach geeigneten methodischen Verfahren in den Ansätzen der ästhetischen Bildung gesucht. In der Kunstpädagogik hat sich beispielsweise die Überzeugung durchgesetzt, dass die Rezeption von Kunstwerken mit eigenem künstlerischem Handeln verbunden sein sollte. Dem Erleben von Kunstwerken folgt die Umsetzung einer eigenen künstlerischen Idee. Diesen didaktischen Ansatz auf das Fach Religion, das für mich einen Beitrag zur ästhetischen Bildung in der Schule leistet, zu übertragen, heißt, für die Jugendlichen eine Möglichkeit zu finden, in der sie in symbolischer Sprache zu einem Thema reden können.
Diesen theoretischen Ansatz umzusetzen, ist in dem Projekt gelungen, das vor großem Publikum mit der Ausstellung "Was uns heilig ist ..." auf dem Kirchentag abgeschlossen wurde: Dafür bekamen die Schülerinnen und Schüler den Auftrag, alles zu sammeln, was für sie für etwas Heiliges steht. Mit den gefundenen Gegenständen sollten sie jeweils eine Sammlung erstellen, die den Begriff "heilig" durch die Art und Weise, wie sie präsentiert wird, für ihren Betrachter erläutert.
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Autorinnen und Autoren des Heftes

  • Dr. Christoph Bizer, Heidelberg
    Professor
  • Rainer Brandt, Josefstal
    Pfarrer und Studienleiter des Studienzentrums für Evang. Jugendarbeit Josefstal
  • Stefanie Daube, Darmstadt
    Landesschülerpfarrerin der Evang. Kinder- und Jugendarbeit in der EKHN
  • Michael Freitag, Hannover
    Grundsatzreferent der aej
  • Annika Friese, Aachen
    Lehrerin für Deutsch und Religion
  • Dr. Winfried Gebhardt, Koblenz
    Professor an der Universität Koblenz, Institut für Soziologie
  • Ulrich Geißler, Nürnberg
    Diakon, Spiel- und Kulturpädagoge, Referent für die Arbeit mit Kindern, Kinder- und Jugendkulturarbeit im Amt für evang. Jugendarbeit in Bayern
  • Dr. Barbara Hanusa, Bad Bederkesa
    Pfarrerin; Pädagogin, (M.A.), Päd. Mitarbeiterin, Evangelisches Bildungszentrum Bad Bederkesa
  • Dr. Gregor Jansen, Wien
    Vikariats-Jugendseelsorger Wien-Stadt, Seelsorge der Jugendkirche Wien
  • Dr. Manfred Josuttis, Friedland
    Professor
  • Dr. Frank W. Loewe, Wiesbaden
  • Stadtjugendpfarrer der Evang. Kirche in Hessen und Nassau für die Region Wiesbaden
  • Dr. Michael Meyer-Blanck, Bonn
    Prodekan an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn
  • Dr. Ina Praetorius, CH Krinau
    Ethikerin
  • Dr. Britta Rensing, Düsseldorf
    Wissenschaftl. Mitarbeiterin an der Universität Jena, Theologische Fakultät, Lehrstuhl für Religionswissenschaft
  • Chistian Schmidt, Nürnberg
    Pfarrer am Gottesdienstinstitut der Evang.-Luth. Kirche in Bayern
  • Sr. Susanne Schmitt, Springe
    Mitglied der ev. Communität Christusbruderschaft Kloster Wülfinghausen
  • Dr. Fulbert Steffensky, Hamburg
    Professor
  • Dr. Stephan Weyer-Menkhoff, Schwäb. Gmünd
    Professor an der PH Schwäb. Gmünd, Evang. Theologie, Religionspädagogik

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