das baugerüst 3/06 - Jugendverbandsarbeit / Jugendsozialarbeit

Inhalt

Wolfgang Noack: Not-wendig. Einführung in das Heft

  • KONZEPTE UND KOOPERATIONEN
    Joachim König: Wir bilden Subjekte. Anmerkungen zum Verständnis und zur Umsetzung von Bildung in der sozialen Jugendarbeit
    Reinhold Ostermann: Öffnung mit Konsequenzen. Wenn Evangelische Jugend Projekte der Jugendsozialarbeit übernimmt - einige konzeptionelle Überlegungen
    Rainer Mattern: Leben braucht Träume, Leben braucht Räume. Evangelische Jugend in Coburg Jugendarbeit wird zum Partner
    Hans Jürgen Fehrmann: Arbeiten im System Schule
    Voraussetzungen für gelingende Schulsozialarbeit
    Patrycja König/ Lars Blechert-Murawski: Von der Lernfabrik zur Lebenswelt. Schulsozialarbeit an der Ludwig-Erhard-Schule in Wiesbaden

nach oben

Wolfgang Noack:Not-wendig

Einführung in das Heft
"Muss evangelische Jugendarbeit (wieder) not-wendiger werden?" Mit dieser Frage lud vor zehn Jahren die aej zu einem Symposium ein. Die in einem Studienband zusammengetragenen Beiträge könnten gestern geschrieben worden sein, nur die Lebenssituation bestimmter Gruppen von Jugendlichen hat sich weiter verschärft und die vorgeschlagenen Konsequenzen erscheinen "notwendiger" als damals. Weil die Zahl der Jugendlichen, die von Problemlagen betroffen sind zunimmt, hieß es damals, "steigt auch die Zahl junger Menschen, die von evangelischer Jugendarbeit Hilfe und Unterstützung erwarten." Viele Konzepte zeigen, "dass evangelische Jugendarbeit versucht, sich der Not solcher Jugendlicher anzunehmen."

Zehn Jahre später. Im Juni dieses Jahres meldete die Bundesagentur für Arbeit, dass noch 354.000 LehrstellenbewerberInnen unversorgt seien. Demgegenüber stünden nur 134.400 freie Ausbildungsplätze zur Verfügung. Diese rechnerische Lücke zwischen BewerberInnen und Angeboten, so die Bundesagentur, sei um 35.100 größer als vor einem Jahr. Immer mehr BewerberInnen versuchen auf einem kleiner werdenden Ausbildungsmarkt einen Platz zu ergattern.

40 Prozent der Jugendlichen, die neu in eine Berufsausbildung einsteigen wollen, halten sich mit steigender Tendenz zunächst in einem Übergangssystem auf. Diese Zahl veröffentlichte kürzlich der erste, gemeinsam von der Kultusministerkonferenz und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung vorgelegte Bericht "Bildung in Deutschland". Die Jugendlichen seien in "berufsvorbereitenden Maßnahmen der Bundesagentur für Arbeit, im Berufsvorbereitungs- und Berufsgrundbildungsjahr" geparkt. Auch beim Übergang von der Berufsausbildung ins Beschäftigungssystem, so der Bericht, haben sich die Schwierigkeiten für die Jugendlichen verschärft.
Weiter analysiert der Bildungsbericht die Situation junger MigrantInnen: "Der Anteil der ausländischen Jugendlichen an der Gesamtheit der Auszubildenden im dualen System liegt deutlich unter ihrem Anteil an der gleichaltrigen Bevölkerung". Ihr Weg in eine qualifizierte Ausbildung weist deutlich höhere Hürden auf als der ihrer Altersgenossen.

"Gerechte Teilhabe", so der Titel der Mitte Juli erschienenen Denkschrift der EKD. Eine gerechte Gesellschaft, so fordert die von der "Kammer für Soziale Ordnung" erarbeitete Schrift, "muss so gestaltet sein, dass möglichst viele Menschen tatsächlich in der Lage sind, ihre jeweiligen Begabungen sowohl zu erkennen, als auch sie auszubilden und schließlich produktiv für sich selbst und andere einsetzen zu können". "Im Mittelpunkt aktivierender und unterstützender Hilfen", so heißt es in der Denkschrift weiter, "steht die auf allen Ebenen, insbesondere aber durch das Bildungssystem zu leistende Vermittlung von Kompetenzen. Diese Kompetenzen zielen vor allem auf die Entwicklung von Eigenverantwortung und Solidarität".
Zehn Jahre, nachdem die Evangelische Jugendarbeit sich fragte, ob sie angesichts der Lebenssituation Jugendlicher not-wendiger werden muss, hat sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt, die Situation für Lehrstellensucher oder die Bildungschancen für weniger Privilegierte eher verschärft als verbessert. Jugendsozialarbeit engagierte sich schon immer in diesen "not-wendigen" Arbeitsfeldern. Berufsbezogene Jugendhilfe, Arbeit mit Migranten, Schulsozialarbeit gehörten zum diakonischen Arm der kirchlichen Jugendarbeit. Klaus Waldmann von der evang. Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung weigerte sich bei dem damaligen aej-Symposium, die Jugendverbandsarbeit und die Jugendsozialarbeit "klischeehaft" gegenüberzustellen. "Die Perspektiven von Lebensbewältigung und sozialer Integration, von Mündigkeit und sozialer Anerkennung sind nicht auf eines der beiden Arbeitsfelder zu begrenzen". Jugendverbandsarbeit, so Waldmann weiter, "kann in ihrem Engagement für Projekte der Jugendsozialarbeit (..) einen Teil des eigenen jugendpolitischen Mandats realisieren.

Hier setzt das vorliegende Heft an. Es ist einiges passiert in den letzten zehn Jahren. Kirchliche Jugendarbeit engagiert sich in vielen Projekten der Jugendsozialarbeit. Schulbezogene Angebote, Gruppen mit arbeitslosen Jugendlichen, MigrantInnenarbeit, Projekte mit rechten Jugendlichen gehören immer mehr zum Repertoire von Verbandsjugendarbeit. Deswegen wird evangelische Jugend nicht zum "Ort für benachteiligte Jugendliche" (Ute Sparschuh in diesem Heft), aber ungenutzte Potenziale (Martin Strecker) der Kooperation gäbe es schon noch. Das unterschiedliche Setting dieser beiden Arbeitsbereiche in Bezug auf Ehrenamtlichkeit, Partizipation und Freiwilligkeit, wird ausführlich in diesem Heft diskutiert.

Die gefährlichste Mine aber liegt auf dem Gebiet der Finanzierung. Solange die Grundförderung für Jugendarbeit ausreichend gegeben ist, um beispielsweise die Rahmenbedingungen zu finanzieren, Mitarbeiterbildungsmaßnahmen anzubieten oder mit jugendpolitischen Aktionen an die Öffentlichkeit gehen zu können, lässt sich gegen weiter gehendes Engagement nichts einwenden. Jugendsozialarbeit arbeitet immer abhängig von Projektmitteln, was kurzfristig schnelles Handeln ermöglicht, wenn Politik wieder ein neues Programm "für" oder "gegen" etwas auflegt. Jugendverbandsarbeit kann sich nicht von Projekt zu Projekt hangeln, Jugendverbandsarbeit braucht Kontinuität. Darum ist es auch sehr zu begrüßen, dass die Bundesministerin Ursula von der Leyen kürzlich bei der Vorstellung der Studie "Realität und Reichweite des Jugendverbandes" die Grundförderung der Jugendarbeit gegenüber der zerstückelten Projektfinanzierung favorisierte.

"Nur durch die Verbesserung der Teilhabegerechtigkeit ist eine dauerhafte Sicherung vor Armut im Sinne von Ausgrenzung möglich." heißt es in der bereits erwähnten EKD Denkschrift. Hier liegt auch die Schnittstelle von Jugendverbandsarbeit und Jugendsozialarbeit. Sowohl in ihrem direktem Handeln mit Jugendlichen, als auch in ihren politischen Forderungen.
"Nur Menschen, die sich ihrer Teilhabe an der Gesellschaft sicher sind, können sie auch in einer demokratischen, solidarischen und nachhaltigen Weise gestalten."(EKD Studie). Dieser Satz könnte genauso in Präambeln und Konzepten von Jugendsozialarbeit und Jugendverbandsarbeit stehen.

nach oben

"Es ist zwar nicht bekannt, was auf dich zukommt, aber bereite dich schon mal darauf vor"

Ein Gespräch mit dem Jugendforscher Arthur Fischer

baugerüst: Laut Prognose der Bundesagentur für Arbeit werden im September über 30.000 Lehrstellen fehlen. Der DGB kommt auf wesentlich höhere Zahlen. 300.000 Schulabgänger, so schätzen Experten, sind derzeit in irgendwelchen Warteschleifen geparkt. Wie kommt das bei Jugendlichen an?

Fischer: Jugendliche entwickeln nicht die Einstellung: die Gesellschaft will uns nicht. Sie haben sich damit abgefunden, dass der Übergang in den Beruf eine sehr schwierige Angelegenheit wird. Jugendliche sagen zwar, es ist schwer eine Lehrstelle zu bekommen, aber sie ziehen daraus die Konsequenz, Ressourcen zu bilden, die ihnen in dieser Situation helfen.

baugerüst: Verändert sich dadurch der Blick der Jugendlichen auf die Gesellschaft?

Fischer: Ja, natürlich. Jugendliche haben nicht mehr das Bild einer Gesellschaft vor Augen, die sich mehr oder weniger automatisch zum Positiven weiterentwickelt. Insbesondere Jugendliche, die an ihrer biografischen Einmündung in den Beruf stehen, haben ein skeptisches Bild von Gesellschaft. Zudem sinkt das Zutrauen in Gesellschaft und Politik, da diese offenbar mit diesen Problemen nicht zurecht kommen.

baugerüst: Aber trotz der Schwierigkeiten bei dem Übergang von Schule in den Beruf, haben Jugendliche in der Regel ein positives Bild von der eigenen Zukunft.

Fischer:
Das muss man differenzierter sehen. Noch in den siebziger bis in die achtziger Jahre hinein, gab es quasi Autobahnen in die berufliche und damit in die biografische Zukunft. Es war klar, wenn ich eine Ausbildung habe und einen Beruf ergreife, dann kann ich erst mal relativ sicher sein, dass ich auch einen Job bekomme. Und ich kann sicher sein, dass ich ein Leben lang in diesem Beruf tatsächlich arbeiten kann. Eine Ausbildung versprach zwar nicht den automatischen, aber doch einen bequemem Übertritt in den Beruf.
Dieses Gefühl ist heute nicht mehr da. Heute erfahren Jugendliche: du kannst dich nicht darauf verlassen, dein Leben lang in dem gleichen Beruf zu arbeiten; du kannst dich nicht einmal darauf verlassen, dass du immer den gleichen Berufsstatus haben wirst. Es wird Zeiten geben, da hast du einen Job, mal wirst du arbeitslos sein, eine Zeit lang vielleicht selbständig. Auch kannst du nicht darauf verlassen, an einem ganz bestimmen Ort zu bleiben und dort in einer Familie zusammen zu leben.

baugerüst: Kommen Jugendliche mit dieser Situation zurecht oder schauen sie neidisch auf die vielfältigen Chancen früherer Generationen?

Fischer: Jeder würde gerne im Lotto gewinnen. Erst mal gehen Jugendliche gehen davon aus, dass die Situation so ist wie sie ist. Die Frage ist, wie reagieren sie darauf? Wir haben bei einer Untersuchung mal die subjektive Zukunftskompetenz Jugendlicher untersucht. Über welche Kompetenzen und Ressourcen muss ich verfügen, wenn ich in bestimmte Situationen komme, und Probleme zu bewältigen habe. Glaube ich, dass es mir gelingt, schwierige Situationen zu meistern oder glaube ich, dass mir das nicht gelingt. Hier zeigt sich, ob Menschen über eine hohe oder über eine niedrige subjektive Zukunftskompetenz verfügen.

baugerüst: Welche Folgen hat dies?

Fischer: Jugendliche mit einer hohen Zukunftskompetenz sagen z.B. bei der Ausweitung von Europa: toll, da habe ich mehr Möglichkeiten und kann in anderen Ländern arbeiten. Jugendliche mit einer niedrigen Zukunftskompetenz sagen: um Gottes willen, jetzt gibt es noch mehr Kampf um die wenigen Ressourcen.

baugerüst:
Springen Jugendliche wie ein Eichhörnchen herum und sammeln Kompetenzen für den harten Winter?

Fischer: Ja, nur wissen sie nicht, welche Nüsse taub sind und welche nicht. Und wenn sie der Meinung sind, genügend gesammelt zu haben, wissen sie ja immer noch nicht, was auf sie zu kommt. Die Gesellschaft ist heute zu den Jugendlichen sehr zynisch. Sie signalisiert: es ist zwar nicht bekannt, was auf dich zukommt, aber bereite dich schon mal darauf vor. Jugendliche haben die Botschaft aber akzeptiert, sie sagen, das ist eben so, folglich muss ich versuchen, Ressourcen zu sammeln in der Hoffnung, dass ich diese einmal gebrauchen kann.
Es ist schon eigenartig, worüber Jugendliche heute reden: "Hast du schon gehört, der hat ein Praktikum gemacht, das soll da gut sein. Hier hast du eine Telefonnummer, da kann man sich möglicherweise bewerben." Über so etwas hätten wir uns früher nie unterhalten.

baugerüst:
Bei den gewalttätigen Auseinandersetzungen an den Berliner Schulen im Frühjahr diesen Jahres äußerten die Jugendlichen, sie seien die Außenseiter, der Abschaum der Gesellschaft.

Fischer: Ja, das sind aber eher die Sprüche von Erwachsenen, die gab es zu jeder Zeit. Jugend wird immer mit einem Etikett gekennzeichnet. Bei Erwachsenen käme man gar nicht auf die Idee. Dabei haben solche Typisierungen eigentlich nie etwas mit der Beschreibung von Jugendlichen zu tun, vielmehr sind sie der Ausdruck der Sorgen von Erwachsenen.

baugerüst:
Aber Tatsache ist doch auch, dass kein einziger Jugendlicher von der genannten Berliner Schule im letzten Jahr eine Lehrstelle bekommen hat.

Fischer: Ja, das wissen die von vorneherein. Die gehen davon aus, dass sie keine Lehrstelle bekommen. Das sind die Jugendlichen mit einer relativ niedrigen subjektiven Zukunftskompetenz. Die wissen das auch und versuchen sich in Parallelgesellschaften einzunisten. Sie haben ein Handicap, ohne dass sie das der Gesellschaft zum Vorwurf machen, sie haben Pech gehabt und müssen sich ihre Erfolgserlebnisse auf anderen Gebieten suchen.

baugerüst:
Wer hat versagt? Die Erziehung?

Fischer:
Wer erzieht denn heute? Die Eltern? Die Schule? Das Fernsehen? Wenn ich aber nicht weiß, wohin sich die Gesellschaft entwickelt, ich also nicht weiß, was Jugendliche als Erwachsene können sollen, wohin soll ich erziehen?

baugerüst: Ist die Illusion der Chancengleichheit zerplatzt?

...............

Das Gespräch mit Arthur Fischer führte Wolfgang Noack

nach oben

Martin Strecker: Ungenutzte Potenziale

15 Thesen zum Verhältnis von Jugendverbandsarbeit und Jugendsozialarbeit

Ein schwieriges Verhältnis

Eigentlich hätte es doch mit Einführung des "neuen" Kinder- und Jugendhilfegesetzes 1990 viel einfacher werden müssen: Die ehemals getrennten Bereiche der Jugendpflege und der Jugendfürsorge wurden in einem Gesetz zusammengefasst. Folglich müssten Kooperationen zwischen der Jugend(verbands)arbeit und der Jugendsozialarbeit viel leichter zu organisieren und zu finanzieren sein. Aber es gibt immer wieder Berichte aus der Praxis, die von Problemen sprechen: "Seitdem unser neues "diakonisches" Arbeitsfeld der Evangelischen Jugend als Angebot der Jugendsozialarbeit anerkannt ist und entsprechend finanziert und mit Hauptberuflichen versehen ist, bewegt es sich stetig von uns weg." - Oder: "Trotz aller Bemühungen, wir finden nicht zueinander. Die andere Seite tickt einfach anders, die haben einen anderen Arbeitsansatz. Die verstehen uns nicht."

Es scheint ein schwieriges Verhältnis zu sein, zwischen der evangelischen Jugendarbeit mit ihren vielfältigen Arbeitsformen und den Angeboten und Einrichtungen der Jugendsozialarbeit mit ihren ebenso ausdifferenzierten Hilfeformen von der Mobilen Arbeit über die Jugendmigrationsdienste bis hin zu Jugendberufshilfeeinrichtungen. Dabei haben sie in der Mitte des 19. Jahrhunderts gemeinsame Wurzeln in den Rettungshäusern und den Sonntagssälen. Dennoch entwickelten sich schnell verschiedene Schwerpunktziele der Arbeit (tendenziell eher soziale Hilfe oder eher religiöse Unterweisung/Bildung) und mit zunehmender Professionalisierung der sozialen Arbeit und damit auch der Jugendhilfe in Deutschland wurde diese Tendenz weiter verfestigt. Die Jugendsozialarbeit hat sich zu einem weitgehend professionalisierten Arbeitzweig der Jugendhilfe entwickelt, während Hauptberufliche in der Jugendverbandsarbeit eine eher untergeordnete Rolle spielen. Ehrenamtliche stehen nicht nur zahlenmäßig im Mittelpunkt. Hinzu kommen unterschiedliche Rechts- (KJHG §§11/12 und 13) und damit Finanzierungsgrundlagen und das heißt wiederum Zuständigkeiten in der Verwaltung und unterschiedliche Zielgruppen und Arbeitsansätze.

Auf der anderen Seite will (und muss) die evangelische Jugendarbeit mit dem lebensweltorientierten Ansatz ihrer Arbeit den tief gehenden Strukturwandel unserer Gesellschaft und seine Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche wahrnehmen. Es gibt immer mehr Jugendliche, die Schwierigkeiten in der Schule oder beim Übergang Schule-Beruf oder bei ihrer sozialen Integration (mit einem Migrationshintergrund) haben. In dieser Situation muss evangelische Jugendverbandsarbeit als Selbstorganisation ihre Arbeitsformen und Ansätze, sowie ihre Programme auf ihre Relevanz für heute drängende Probleme kritisch überprüfen.

An verschiedenen Stellen reagiert Evangelische Jugendarbeit darauf und entwickelt entsprechende Projekte oder Angebote, ohne dass sie von den Verantwortlichen als "Jugendsozialarbeit" bezeichnet werden. Sie nimmt darüber hinaus ihr anwaltschaftliches Mandat für alle Kinder und Jugendlichen wahr und bezieht jugendpolitisch Stellung zu relevanten sozialpolitischen Fragen.
Aber: Die Potenziale Evangelischer Jugendarbeit sind im Interesse der Zielgruppe der sozial oder individuell benachteiligten Kinder und Jugendlichen bei weitem noch nicht ausgereizt. Ihre jugendverbandlichen Prinzipien Offenheit, Freiwilligkeit oder auch Ehrenamtlichkeit bieten beste Voraussetzungen, um ihnen Hilfen zur sozialen Integration zu bieten. In der Praxis vor Ort ist es nach wie vor schwierig. Etablierte Einrichtungen der Jugendsozialarbeit in evangelischer Trägerschaft und evangelische Jugend(verbands)arbeit existieren häufig nebeneinander, ohne an eine Kooperation zu denken oder gar ohne voneinander zu wissen. Die Zusammenarbeit gelingt, wenn Mitarbeitende zufällig persönliche Kontakte in die Gemeinde/Jugendverband bzw. die Einrichtung der Jugendsozialarbeit haben oder wenn sie "zufällig" Stellenanteile aus beiden Bereichen in ihrer Person miteinander verbinden (50%/50%-Auftrag).- Worin liegt das Problem?
Die folgenden Thesen wurden auf der Grundlage eigener Erfahrungen und Berichte aus der Praxis entwickelt. Sie beschreiben Schwierigkeiten, beleuchten ihre Hintergründe und zeigen einige Ansätze zur Überwindung auf. Ausgangspunkt ist jeweils die lokale Ebene.


Basis und Selbstverständnis

1. Das Selbstverständnis der Hauptberuflichen der beiden Arbeitsfelder unterscheidet sich wesentlich und bildet eine Ursache für Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit. Es ist im einen Fall eher sozialanwaltschaftlich und im anderen eher religions- bzw. sozialpädagogisch geprägt. Davon leitet sich die Verortung der eigenen Arbeit ab: Tendenziell eher im Bereich Sozialarbeit oder Bildung. Ist die zentrale Aufgabenstellung des Arbeitsfeldes also in erster Linie eher fürsorgliche Anwaltschaft oder die bildende Katechese?! Zu diesem unterschiedlichen Selbstverständnis trägt der Ausbildungshintergrund wesentlich bei.

2. Sowohl die evangelische Jugendsozialarbeit, als auch die evangelische Jugendverbandsarbeit sind Teil der Kirche vor Ort und arbeiten letztlich am gemeinsamen Ziel: Dem Aufbau des Reiches Gottes, in dem alle Teil haben am Leben in Fülle und bei dessen Bau die Teilhabe an der Gerechtigkeit ein zentrales Anliegen ist. Die "große Baustelle" ist dieselbe. Diese Gemeinsamkeit ist häufig nicht oder zu wenig im Blick, bzw. sie ist nicht Teil des beruflichen Selbstverständnisses, oder wird gar abgelehnt. Die diakonische Arbeit wird viel zu häufig nicht als Teil der Gemeinde vor Ort betrachtet - von beiden Seiten! So prägen Unterschiede und Misstrauen das Bild des Gegenübers, wo ein gemeinsames Menschenbild die Grundlage der Arbeit bilden könnten. - Vorhandene Potenziale, wie räumliche oder personale Ressourcen bleiben so für soziale Integration ungenutzt.

Organisationsstruktur und Arbeitsweisen

3. Ohne die Beteiligung an Stadtteilrunden und losen Netzwerken im Sozialraum haben die Mitarbeitenden der beiden Arbeitsfelder strukturell häufig wenig regelmäßige Berührungspunkte. Strukturell sind sie, etwa durch Mitwirkung in Gremien, trotz gleicher Trägerschaft kaum miteinander verbunden.

4. Jugendverbandsarbeit und Jugendsozialarbeit werden im Spannungsfeld zwischen Selbstorganisation/Partizipation und öffentlicher Beauftragung organisiert. Die beiden Arbeitsfelder tendieren allerdings zu unterschiedlichen Polen dieses Spannungsfeldes. Auf beiden Seiten droht tendenziell der jeweils entgegengesetzte Pol aus dem Blick zu geraten.

5. Vermutung: Die Zielgruppe der Evangelischen Jugendarbeit wird häufig von der Grundorientierung bzw. vom handlungsleitenden Grundkonzept des jeweils zuständigen Hauptberuflichen geprägt. Die dahinter liegende Frage lautet: Von wo aus baue ich die Jugendarbeit in meinem Zuständigkeitsbereich auf? - Stellt hierbei tendenziell das Gemeinwesen oder die Kerngemeinde den Ausgangspunkt.
Anders im Arbeitfeld Jugendsozialarbeit: Für die Mitarbeiter(innen) der Jugendsozialarbeit ist die Zielgruppe qua Konzeption bzw. Finanzierungsgrundlage genau beschrieben und damit detailliert vorgegeben.
Pädagogisches Grundverständnis und Zielgruppen

6. In beiden Feldern stellt sich bei den Hauptberuflichen mit der Zeit eine "Blickfeldverengung" ein. Die Mitarbeitenden konstruieren sich ihre "Lebenswelt"-Wirklichkeit, in der dann andere Gruppen/Szenen Jugendlicher nicht mehr wahrgenommen werden und für die eigene Arbeit bzw. Kooperationsmöglichkeiten nicht in den Blick geraten.

7. In beiden Arbeitsfeldern werden auf dem Hintergrund eines ganzheitlichen Ansatzes der Arbeit einzelne Aspekte der Zielgruppe "unterbelichtet". Steht in der Jugendsozialarbeit die konkrete Hilfe zur Lebensbewältigung ("zum Ausgleich sozialer/individueller Benachteiligung) im Mittelpunkt, so tritt die Suche nach Sinn, Orientierung und Selbstentfaltung eher in den Hintergrund - und umgekehrt. Das schafft einerseits wenig Gemeinsamkeit, andererseits macht dies im Interesse der Jugendlichen die ideale Ergänzung der beiden Arbeitsfelder deutlich.

8. Unterschiedliche Arbeitsansätze und Grundsätze erzeugen bei Unkenntnis das Gefühl von Unsicherheit. Der Kontakt mit den Mitarbeitenden des jeweils anderen Arbeitsfeldes wird daher eher gemieden, zu groß ist die Unkenntnis des anderen Arbeitsfeldes. Bei Hauptberuflichen der Jugend(verbands)arbeit kommt manchmal das Gefühl der "Minderwertigkeit" durch das Gegenüber aus der Jugendsozialarbeit hinzu. "Ich arbeite ja nur mit den ?"Normalos". Oder: Die Hauptberuflichen der Jugendarbeit unterschätzen die Bedeutung der Arbeit mit "nur" 15 Jugendlichen einer Clique des Streetworkerkollegen. Der ungewohnte Umgang mit kirchlichen Strukturen und Gepflogenheiten hält demgegenüber die Mitarbeitenden der Jugendsozialarbeit von einer Kontaktaufnahme ab.

Perspektiven und Ansätze

9. Als Voraussetzung von gelingender Kooperation sind gegenseitige Wahrnehmung und Wertschätzung gefragt. Idealerweise verstehen sich beide Arbeitsfelder als ergänzend und gleichwertig. Auf dieser Grundlage müssen sich die beiden Arbeitsfelder zunächst gegenseitig kennen lernen, um Missverständnisse zu vermeiden und um die Kooperation nicht auf Vermutungen zu stützen.

10. Die oben beschriebene Unsicherheit und die damit verbundenen Befürchtungen und Ängste vor der jeweils anderen Seite, sind Hindernisse für eine Kooperation. Sie müssen offen gelegt und angegangen werden. Auf beiden Seiten sollte dabei eine Grundhaltung der "Neugier" und der Offenheit für den Anderen zu einer gemeinsamen Basis umgewandelt werden.

11. Eine strukturelle Verbindung der beiden Arbeitsfelder stellt einen wesentlichen Schlüssel zur gelingenden Kooperation dar. Die gegenseitige Einladung zu Dienstbesprechungen etwa oder die Einbindung in Gremien sind Voraussetzungen für sorgsam aufeinander bezogene Konzepte und Planungen.

12. Ein Vergleich der Programme von Seminaren/Kursen und anderen Bildungsangeboten für Jugendliche wird an manchen Stellen ungeahnte Synergieeffekte und Kooperationsmöglichkeiten eröffnen. Damit einher geht eine gegenseitige Entlastung und Bereicherung der Hauptberuflichen, in der Jugendarbeit nicht selten Einzelkämpfer(innen).

13. Ehrenamtliches, bürgerschaftliches Engagement stellt eine wichtige Stütze und gleichzeitig ein bedeutsames Medium zur sozialen Integration dar. Jugendsozialarbeit kann in diesem Sinne in der Kooperation mit der Jugend(verbands)arbeit wesentlich zu einer vertieften Integration etwa von jugendlichen Aussiedlern beitragen. Die Vielfalt an Möglichkeiten zum ehrenamtlichen Engagement in der Jugendsozialarbeit ist andererseits bei weitem noch nicht ausgereizt. Im europäischen Vergleich lässt sich im Sinne eines "voneinander Lernens" manch interessanter Ansatz in das deutsche, "versäulte" Jugendhilfesystem integrieren. (vgl. England)

14. Verwaltung und Politik müssen ihren Beitrag zur allseits geforderten Vernetzung leisten. Eine all zu enge Auslegung von Förderrichtlinien und Zielgruppen sind im Sinne einer sozialintegrativen Arbeit aus Sicht der benachteiligten Kinder und Jugendlichen kontraproduktiv.

15. Jugendliche sind heute mehr denn je auf der Suche nach Sinn und tragfähigen Lebenszielen und -modellen. Das betrifft Benachteiligte in gleicher Weise, wie alle anderen, wenngleich sie angesichts von drohendem Scheitern noch stärker nach überzeugender Orientierung und Zuversicht suchen. In der Kooperation von Jugendsozialarbeit und Jugend(verbands)arbeit bestehen gute Chancen, die befreienden und heilsamen Perspektiven des christlichen Glaubens und den damit verbundenen Lebensmut weiterzugeben. "Diakonia" wird so zusammengeführt mit den anderen Wesensäußerungen der Kirche, "Koinonia" (Gemeinschaft) und "kerygma" (Zeugnis). Sie sind untrennbar miteinander verbunden.

Müssen sich die Träger die Vernetzung in Zukunft vor allem von Politik und Verwaltung erst vorschreiben lassen? Sie wird in absehbarer Zeit mit dem Ziel der Verbesserung der sozialen Integration eingefordert werden. Mit der rechtzeitigen Bearbeitung des Themas besteht die Chance, politisch die Rahmenbedingungen mitgestalten zu können. Dazu bedarf es auch der engen Verbindung der unterschiedlichen Ebenen, von der lokalen bis zur nationalen Ebene, um politische Rahmenbedingungen entsprechend mitgestalten zu können.

Es ist unbestritten, dass das Rad der Geschichte nicht zurückgedreht werden kann. Die beiden Arbeitsfelder haben sich unterschiedlich entwickelt. Mit den vorliegenden Gedanken soll weder für die Aufgabe von professionellen, fachlichen Standards, noch für die Hinnahme des Finanzierungsabbaus in wirtschaftlich schwierigen Zeiten plädiert werden. Vielmehr könnten mit den angedeuteten Kooperationsinitiativen eine neue Qualität der Leistungen Evangelischer Jugend - in beiden Arbeitsfeldern - beschrieben werden. Durch neue Formen diakonischer Ansätze Evangelischer Jugend kann sie zukünftig noch stärker einen not-wendigen Beitrag leisten zur Förderung von Solidarität und Gerechtigkeit. Dazu bedarf es in Zukunft weniger ein Nebeneinander oder gar Gegeneinander, als vielmehr ein aufeinander bezogenes Konzept, das arbeitsteilig und mit gegenseitiger Unterstützung umgesetzt wird.

nach oben

Autorinnen und Autoren des Heftes

  • Dr. Helmut Arnold, Dresden
    IRIS - Institut für regionale Innovation und Sozialforschung e.V.
  • Lars Blechert-Murawski, Wiesbaden
    Dipl. Sozialpädagoge (FH), Schulsozialarbeit und Offene Jugendarbeit in Wiesbaden
  • Kurt F. Braml, München
    Geschäftsführer der Evang. Jugendsozialarbeit Bayern e.V.
  • Michael Fähndrich, Leonberg
    Diplompädagoge, Geschäftsführer der BAG EJSA Stuttgart
  • Hans-Jürgen Fehrmann, Regensburg
    Dipl. Sozialpädagoge (FH), Leiter der Evangelischen Jugendsozialarbeit Regensburg
  • Arthur Fischer, Frankfurt/M.
    Markt und Sozialforschung, Mitautor der Shell Jugendstudie
  • Michael Freitag, Hannover
    Grundsatzreferent der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland (aej)
  • Martin Hampel, Frankfurt/M
    Journalist
  • Dr. Joachim König, Nürnberg
    Professor an der Evang. Fachhochschule Nürnberg
  • Patrycja König, Wiesbaden
    Pädagogin M.A., Schulsozialarbeit und Offene Jugendarbeit in Wiesbaden
  • Rainer Mattern, Coburg
    Diakon, Dekanatsjugendreferent und Leiter der Projekte Xenos, entimon, basic
  • Reinhold Ostermann, Nürnberg
    Dipl. Sozialpädagoge (FH), Referent im Amt für Jugendarbeit der Evang.-Luth. Kirche in Bayern
  • Dr. Ute Sparschuh, Düsseldorf
    Diplompädagogin, Referentin im Amt für Jugendarbeit der Evang. Kirche im Rheinland
  • Martin Strecker, Hannover
    Referent für Europäische Jugendpolitik bei der Arbeitsgemeinschaft der Evang. Jugend in der Bundesrepublik Deutschland (aej)

nach oben