das baugerüst 2/05 - Europa

Inhalt

Wolfgang Noack: Europa mitgestalten. Einführung in das Heft

  • ZUGÄNGE ZU EUROPA
    Alfred Grosser: Nicht die Wirtschaft stand am Anfang. Die Grundlagen Europas
    Die wichtigsten Stationen in der europäischen Einigung
    Rüdiger Noll: Ökumenische Wurzeln Europas
    Stefan Rappenglück: Europa und die Lebenswirklichkeit von Jugendlichen Träume, Hoffnungen und Befürchtungen. Was Jugendliche von Europa erwarten
    Magdalena Omlor: EuroClass - die beste Möglichkeit ein Jahr zu verbringen
  • EUROPÄISCHE ZIVILGESELLSCHAFT
    Martin Strecker/Klaus Waldmann: Europa der Bürgerinnen und Bürger
    Die europäische Idee ist bei den Menschen angekommen. Gespräch mit Hans-Gert Pöttering
    Gerhard Engel: Europa - groß und mächtig?
    Stephan Lindner: Der Oberlehrer als Komapatient. Deutsche Wirtschafts- und Sozialpolitik und europäische Integration
    Antje Heider-Rottwilm: Die Kirchen und der europäische Integrationsprozess
  • JUGENDARBEIT UND EUROPA
    Andreas Thimmel: Internationale Jugendarbeit und der europäische Integrationsprozess
    Martin Strecker: Europäische Jugendpolitik - sich einmischen, voneinander lernen, Partizipation einfordern
    Holger-Michael Arndt/ Markus W. Behne: Modulares Lernen zum Thema Europa. Die "Mobile Lernwerkstatt Europa - MobilE"
    Antje Rothemund: Europäische Jugendarbeit
    Daniel Müller: Schillernd wie ein Regenbogen. Kirchliche Jugendarbeit in Europa
    Stefan Rappenglück: Europa - ein Thema bei Jugendlichen?
    Günter Wasserberg: Der Bolognaprozess und mögliche Auswirkungen für die Ausbildung zur evangelischen Jugendarbeit
    Literaturliste zum Thema Europa
    Ausgewählte Internetadressen
    rund um das Thema Jugend und Europa
    Kontaktadressen zun Thema Europa
    Förderung von Europa-Projekten der außerschulischen Jugendarbeit

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Wolfgang Noack: Europa mitgestalten

In dem Rühmann-Film "Der Pauker" bedauert der Oberschulrat Wagner vor der Klasse, dass es nicht jeder Generation vergönnt sei, an einem Krieg teilnehmen zu können und berichtet dann mit Stolz geschwellter Brust von seinem eigenen Erlebnis im "Feldzug gegen Frankreich 1871". Im Reich gedenkt man den Sedantag und kann sich überhaupt nicht vorstellen, 100 Jahre später ohne Grenzkontrollen von Berlin nach Paris zu reisen, die Tasse Kaffee auf den Champs Élysées in gleicher Währung wie daheim auf dem Kudamm zu bezahlen und sich in Frankreich als europäischer Inländer mit eigenen Rechten zu fühlen. Vier Generationen später wissen die Jugendlichen nichts mehr vom Erbfeind, vom Sedantag oder von kriegsbegeisterten Feldzügen. Sie reisen durch den großen europäischen Kontinent, nehmen an schulischen, studentischen und beruflichen Austauschprogrammen teil und nutzen "die Chance der offenen Türen, die das neue Europa bietet". So das Ergebnis einer Studie der Universität Würzburg, die 2004 über 9000 Jugendliche aus neun europäischen Ländern befragte. Grundsätzlich befürworteten die Jugendlichen das wachsende Europa, haben aber gleichzeitig den Eindruck, in der Politik nicht vorzukommen. "Neben der mangelnden Wahrnehmung durch Politiker gibt es einen tiefen Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Personen in der Politik ", heißt es in der Studie. Das gilt national wie europäisch.
Kommt die Politik in Bedrängnis, ändert sich die Strategie. Der französische Staatspräsident Chirac will jetzt sogar Pennälern das Allerheiligste öffnen. Da er bei der Volksabstimmung über die europäische Verfassung am 29. Mai ein "Non" befürchtet, will er vor laufenden Kameras mit Gymnasiasten im Élysée-Palast über die europäische Verfassung debattieren. Warum nicht gleich so. Hochkarätig besetzte europäische Gipfeltreffen ersetzen schließlich keine selbstbewusste Zivilgesellschaft.

Oder: Wie viele Menschen in Europa wussten was sich hinter der Bolkenstein-Direktive der Brüsseler Kommission versteckt, bevor die Franzosen auf die Strasse gingen und drohten die Verfassungsannahme des EU Gründungsmitglieds Frankreich zu kippen? Prompt sprang der deutsche Bundeskanzler Frankreichs Staatspräsident zur Seite und meldete ebenfalls Bedenken bei der Liberalisierung des Dienstleistungsmarktes Europa an. Nun soll es zumindest im Sozial-, Gesundheits- und Bildungswesen nicht mehr so leicht sein, Sozialstandards und Arbeitnehmerrechte zu unterlaufen. Ohne die Angst der französischen Regierung sich (als erste) in Europa zu blamieren, wäre das Thema Dienstleistungsmarkt nie auf die Tagesordnung der großen Politik gekommen. Was mit dem Druck der Bürgerinnen und Bürger so alles geht.
Ein drittes Beispiel: Vor ein paar Tagen raubte der Generalstaatsanwalt des europäischen Gerichtshofs den Finanzministern jegliche Zuversicht für die eigene Staatskasse. Er kündigte an, die nationale Steuergesetzgebung aushebeln zu wollen und es Firmen zukünftig zu ermöglichen, Gewinne im Inland mit Verlusten im europäischen Ausland zu verrechnen. Die Folgen: milliardenschwere Einnahmeausfälle und ein Desaster für die Staatsfinanzen. Da Staaten nun mal auf Finanzmittel angewiesen sind, um ihre Aufgaben finanzieren zu können, bleibt die Frage, warum es nicht längst eine einheitliche europäische Bemessungsgrundlage für Unternehmenssteuern gibt?
Drei Beispiele, die frustrieren und Hoffnung machen zugleich. Frustrieren, da gerade in der europäischen Politik viele Entscheidungen für Menschen undurchschaubar bleiben, die Machtzentren Brüssel oder Straßburg weit entfernt liegen und man glaubt, vieles ginge einen gar nichts an. Aber der europäische Bürgerwille wächst auch, wie an dem jüngsten Beispiel in Frankreich hoffnungsvoll zu beobachten. Dabei sind die Bürgerinnen und Bürger nicht die kleinen Unwissenden, denen z.B. die Segnungen einer Liberalisierung des Dienstleistungsmarktes nur richtig erklärt werden müssen, nein, sie sind die selbstbewussten Mitglieder einer europäischen Bürgergesellschaft, die sich nicht mit einheitlicher Währung und schlagbaumfreiem Reisen zufrieden geben und den Rest Kommission, Ministerrat und Gipfeltreffen überlassen. Europa mitgestalten, denn es gibt keine Alternative.

Europa, so ist oft bei Jugendlichen zu hören, sei in erster Linie ein Europa der Wirtschaft. Dieser Gedanke liegt nahe, nannte sich der Zusammenschluss der sechs Gründungsmitglieder Frankreich, Italien, Deutschland und BeNeLux auch EWG, Europäische Wirtschafts-Gemeinschaft. Nur ging es Politikern von damals - und das beschreibt der deutsch französische Publizist Alfred Grosser in seinem Beitrag - um etwas anderes. Ihre europäische Vision wuchs auf den Trümmerfeldern des zweiten Weltkriegs. Rassenhass, Konzentrationslager und Kriege sollten durch die europäische Idee ein für alle Mal - zumindest auf diesem Kontinent - unmöglich werden. Dass dies nicht ganz gelang, wissen wir heute, aber trotz Krieg und "ethnischer Säuberungen" im ehemaligen Jugoslawien, ist Europa eine der friedlichsten Regionen der Erde. Dies gilt umso mehr, da Länder östlich und westlich der jahrzehntelangen Teilungslinie heute gemeinsam die erweiterte Europäische Union bilden.

Dieser europäische Kontinent, schreibt Jacques Le Goff in dem kleinen Bändchen "Die Geschichte Europa" darf nicht ein Europa der Wirtschaft, des Geldes und der materiellen Interessen sein. Es muss ein Europa der "Zivilisation und der Kultur" sein, ein Europa der "Menschenrechte, der Frauen- und Kinderrechte, ein gerechtes Europa gegen Ungleichheit, Arbeitslosigkeit und soziale Ausgrenzung".
Jugendverbandsarbeit kann Jugendliche motivieren Europa nicht nur zu konsumieren, sondern selbstbewusst mitzugestalten. Evangelische Jugendarbeit hat viel Erfahrung in "europäischer Basisarbeit": bei ökumenischen Programmen, in der jahrelangen Ost-West-Arbeit, in der politischen Bildung. Wenn die Mitgestaltung Europas auf allen Ebenen der Jugendarbeit Thema wird, könnten Jugendverbände dazu beitragen, aus dem Europa der Institutionen ein Europa der Bürgerinnen und Bürger zu machen.

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Alfred Grosser: Nicht die Wirtschaft stand am Anfang

Die moralischen Grundlagen
Am Anfang war nicht die Wirtschaft, wenn man den amerikanischen positiven Zwang auf die Westeuropäer ausnimmt, 1947/48 gemeinsam die Verwendung der Gelder zu beraten, die der Marshall-Plan dem verwüsteten Europa zu dessen Wiederaufbau schenken sollte. Damals war Westdeutschland von den drei Oberbefehlshabern der Besatzungsmächte vertreten. Der Anfang war damals bereits gemacht worden und er lag auf einer ganz anderen Ebene.
Der Krieg war noch nicht beendet als am 7. Juli 1944 in Genf eine Erklärung der Europäischen Widerstandsbewegungen verkündet wurde. Unterzeichnet war sie von Vertretern aus Dänemark, Frankreich, Italien Norwegen, Niederlande, Polen, der Tschechoslowakei, Jugoslawien und von deutschen antinazistischen Widerständlern. Es hieß darin: "Nur eine föderale Union wird die Beteiligung des deutschen Volkes an dem europäischen Leben erlauben, ohne dass es eine Gefahr für die anderen Völker darstelle." Das "deutsche Volk" war dabei nicht als eine Einheit zu betrachten, in der jeder eine Kollektivschuld mitzuverantworten hätte.
Persönlich erlebte ich dies folgendermaßen: Im August 1944 war ich "unterirdisch" in Marseille und hörte die BBC. Eines Abends hieß es da, die alten jüdischen Insassen des Lagers Theresienstadt seien nach Auschwitz abtransportiert worden, um dort getötet zu werden. Es war wahrscheinlich (den Beweis erhielt ich erst lange nach dem Krieg), dass die Schwester meines Vaters und ihr Gatte, ein Berliner Arzt, unter den Abtransportierten waren. Nach langem, schmerzhaften Nachdenken war ich am nächsten Morgen sicher, dass es keine Kollektivschuld gibt, seien die Verbrechen noch so furchtbar und die Anzahl der Verbrecher und ihrer Helfershelfer noch so groß.
Damals wusste ich noch nicht, da ich ja achtjährig mit meinen Eltern Frankfurt verlassen hatte, wie Hitler gegen alle Deutsche, die ihn nicht wollten, gewütet hatte und wie nicht wenige versucht hatten, ihm zu widerstehen. Das wussten aber die Verfassungsväter des Nachkriegsfrankreichs. Die Präambel der Verfassung von 1946 - eine Präambel, die heute noch die Charta unseres französischen Verfassungsgerichts ist - beginnt mit der Feststellung, der Sieg sei davongetragen worden "über die Regimes, die versucht haben, die Menschen zu versklaven und zu entwürdigen". 1919 hätte man geschrieben "über Nationen" oder "über Völker". Die Redakteure von 1946 wussten aber, dass einerseits gewiss nicht alle Franzosen dem siegreichen Hitler Widerstand geleistet hatten, andererseits, dass z.B. das Konzentrationslager Dachau zwar von Deutschen, aber für Deutsche geschaffen worden war. Dort oder in Buchenwald hatten bereits die ersten deportierten französischen Häftlinge feststellen können, dass Tausende Deutsche dort bereits litten und viele vor ihrer Ankunft bereits gestorben waren.
Es ist hier leicht zu erklären, warum ich den Ausdruck "deutsch-französische Versöhnung" nie gemocht und kaum verwendet habe. Ich brauchte mich weder mit dem Oberbürgermeister von Frankfurt zu versöhnen, der aus einem KZ kam, noch mit dem von Hamburg, der aus der Emigration zurückkehrte, noch mit Willy Brandt, der bereits 1933, als junger Sozialist, dem Hitlerdeutschland entfliehen konnte. In diesem Sinn waren die geistigen Väter Europas ein Franzose, ein Deutscher und ein Italiener. Nicht die Staatsmänner Robert Schuman, Konrad Adenauer und Alcide de Gasperi, die 1950 zusammen Großes geleistet haben, sondern Henri Frenay, Chef der bedeutendsten französischen Widerstandsbewegung Combat, Eugen Kogon, der die lange Inhaftierung in Buchenwald überlebt hatte und Altiero Spinelli, der aus Mussolinis Gefängnissen kam. Zusammen gründeten sie 1947 die erste europäische föderalistische Bewegung im Namen einer gemeinsamen transnationalen Mitverantwortung für die demokratische, freiheitliche Zukunft aller europäischen Länder, Sieger und Besiegten.

Den jungen Deutschen die Türe öffnen
Die Mitverantwortung war besonders groß für Deutschland. Bereits im Oktober 1945 brachte die Pariser Zeitschrift Esprit einen langen Artikel von Joseph Rovan, der im Mai aus Dachau durch die amerikanische Armee befreit worden war. Titel des Beitrags: "L'Allemagne de nos mérites -" "Das Deutschland, das wir uns verdienen werden". Im Oktober 1947 veröffentlichte die Tageszeitung Combat eine Artikelreihe "Jugend in Deutschland", in der ich die Bilanz einer sechswöchigen Reise durch Westdeutschland zog. Man müsse, schrieb ich am Schluss, den jungen Deutschen die Türe öffnen, damit sie nicht in ihrem materiellen und geistigen Elend einem neuen Nationalismus verfallen. Was dies konkret bedeuten mochte, das zeigte das Experiment des Höllhof, heute eine landwirtschaftliche Schule, die ich im Oktober 2003 mit dem dortigen Bundestagsabgeordneten Wolfgang Schäuble wieder besuchte. Ein französischer Besatzungsbeamter hatte den Höllhof für dreiwöchige Seminare eingerichtet. Teilnehmer waren ehemalige Hitler-Jugend-Führer, die keiner persönlichen Verbrechen beschuldigt worden waren; sie sollten nicht "umerzogen" werden. Sie sollten lediglich mit Gewerkschaftlern, Hitleropfern, Geistlichen in Kontakt kommen, um die deutsche und europäische Außenwelt etwas kennen zu lernen. Da ich mit der aufklärerischen Zielsetzung einverstanden war, nahm ich die Einladung an, dort einen Tag zu verbringen. Zunächst war ich etwas beklommen beim Gedanken, dass jeder dieser Zuhörer und Gesprächsteilnehmer sicherlich den Befehl ausgeführt hätte, mich in eine Gaskammer zu schieben, wenn es ihm zwei oder drei Jahre davor befohlen gewesen wäre - aber die Mitverantwortung für die zukünftige deutsche freiheitliche Demokratie war auch hier, gerade hier anzuwenden.
Diese Geschichte erzählte ich Pariser Gymnasiasten, für die ich den Film Der Untergang zu besprechen hatte, der in Frankreich viel diskutiert wird. Mich hat das Werk tief beeindruckt und die Kritik ist im allgemeinen unfair. Das Hauptthema ist der Fanatismus: Der von Hitler, von Martha Goebbels, von den Offizieren, wobei der erschreckendste vielleicht der der Halbwüchsigen ist, denen Hitler einen Orden anhängt und sie in den Tod schickt. Gerade diese Jugendlichen zur Demokratie zu führen, das war die gemeinsame Aufgabe der deutschen und der französischen Demokraten. Anders gesagt: es war eine gemeinsame, transnationale, europäische Zielsetzung - und es kann nicht genug betont werden, dass das Gedeihen der Bundesrepublik gezeigt hat, dass dieses Ziel weitgehend erreicht wurde.
Die Voraussetzung war allerdings, dass die Grundwerte von den "Stützen der Gesellschaft" anerkannt werden. Das war nicht so selbstverständlich, wie es manche dieser Stützen im Rückblick behaupten.

Da das baugerüst in der Evangelischen Kirche beheimatet ist, möchte ich nur das Beispiel der 1945 umbenannten Evangelischen Kirche in Deutschland (vorher Deutsche Evangelische Kirche) nehmen. Heute sagt sie zu Recht, der Kampf für Freiheit und Demokratie und die Bekämpfung des Antisemitismus fuße auf christlichen Werten. Aber am 31. August 1945 hat die neue EKD bei ihrer Zusammenkunft in Treysa mutig zugegeben: "Ein schlecht verstandenes Luthertum hat uns glauben lassen, dass wir dem Staat gegenüber nur eine Verpflichtung haben, nämlich ihm zu gehorchen, die Christenheit zum Gehorsam zu ermahnen..."
Eine ausführliche Schulderklärung wurde ein paar Wochen später in Stuttgart anlässlich des ersten Zusammentreffens mit den Delegierten des ökumenischen Rats der Kirchen abgegeben, in dessen Namen der französische Pfarrer Pierre Maury Verständnis zeigte, als er von gemeinsamen Fehlern und gemeinsamer Verantwortung für die Zukunft sprach. Einer der großen Männer der EKD war Bischof Otto Dibelius, der anscheinend vergessen hatte, was der Inhalt der Predigt gewesen war, die er am 21. März 1933, Hitlers "Tag der nationalen Erhebung" zur Eröffnung des Reichstags hielt: "... Wenn es um Leben und um Sterben der Nation geht, dann muss die staatliche Macht kraftvoll und eingreifend eingesetzt werden, sei es nach außen oder nach innen. Wir haben von Dr. Martin Luther gelernt, dass die Kirche der rechtmäßigen staatlichen Gewalt nicht in den Arm fallen darf, wenn sie hart und rücksichtslos schaltet. Wir kennen die furchtbaren Worte, mit denen Luther im Bauernkrieg die Obrigkeit aufgerufen hat, schonungslos vorzugehen..."
Und wer würde heute leugnen, dass der christliche Antisemitismus eine der Quellen der versuchten Vernichtung gewesen ist • In Wittenberg haben Friedrich Schorlemmer und seine Freunde eine Mahntafel vor der Seite der Kirche auf dem Boden befestigt, wo die Synagoge nach altem Brauch als Sau dargestellt wurde. Bereits 1933 schrieb ein berühmter Tübinger evangelischer Theologieprofessor: "Nicht darum handelt es sich, ob Einzelne Juden anständig oder unanständig sind; auch nicht, ob einzelne Juden ungerecht zugrunde gehen, oder ob einzelnen damit recht geschieht. Die Judenfrage ist überhaupt nicht die Frage der einzelnen Juden, sondern die Frage des Judentums, des jüdischen Volkes. Und darum darf, wer ihr auf den Grund gehen will, nicht zuerst fragen, was aus dem einzelnen Juden, sondern was aus dem Judentum werden soll."
Ich muss gestehen, dass ich diese Zitate mit einem Hintergedanken bringe: Wenn es um Grundwerte in der europäischen Verfassung geht, so sollten die Kirchen sich nur auf die christlichen Werte berufen, wenn sie hinzufügen, sie sehen ein, dass diese Werte von den Kirchen nur allzu oft verkannt worden sind - und dass die Demokratie eigentlich nie dazugehört hat.

Der Eckstein für die europäische Gemeinschaft
Die Wirtschaft spielte natürlich eine große Rolle in den Überlegungen von Robert Schuman und seinem Berater Jean Monnet, als sie die Erklärung vorbereiteten, die am 9. Mai 1950 vom französischen Außenminister feierlich vorgetragen wurde. Wie konnte man weiterhin die Kohle und den Stahl des Ruhrgebiets kontrollieren, wo es doch seit einem Jahr einen deutschen Staat gab und wo der Kalte Krieg die neugeborene Bundesrepublik zu einem, wenn auch untergeordneten Partner machte? Die Antwort auf die Frage war: indem man sich selbst kontrollieren ließ und die Bundesrepublik zum gleichberechtigten Mitspieler machte. Der 9. Mai bedeutete eine politische Revolution. Konrad Adenauer war sich dessen so bewusst, dass er im September 1962 einen handgeschriebenen Brief an Robert Schuman übermitteln ließ. General de Gaulle war gerade nach einer triumphalen Deutschland-Reise nach Paris zurückgekehrt und sein Freund Adenauer schrieb an Schuman, dass er gerade in diesem Moment voller Dankbarkeit war, weil Schuman am 9. Mai 1950 den Eckstein gelegt habe für die deutsch-französische Freundschaft und die europäische Gemeinschaft.

Was war nun diese Bundesrepublik? Nicht nur das Land des "Wirtschaftswunders" und der 1948 geborenen D-Mark. Sie war und ist heute noch der einzige Staat in Europa, der nicht auf das Prinzip der Nation aufgebaut wurde, sondern auf eine politische Ethik, nämlich die der doppelten Ablehnung des Nationalsozialismus in der Vergangenheit und des stalinistischen Kommunismus in der Nachbarschaft. Geht man von der deutschen Souveränität aus, die die vier Alliierten 1945 gemeinsam beschlagnahmt hatten, so waren 1949 beide deutschen Staaten ebenso legitim oder illegitim. Aber die Bundesrepublik war nach dem Prinzip der pluralistischen Freiheit entstanden, die DDR war das nicht. Dies war auch 1990 der Hauptgrund für die Wiedervereinigung nach Artikel 23 des Grundgesetzes: die bisher unfreien Deutschen wurden Bürger der freien Bundesrepublik. Anders gesagt: die Freiheit ging nun bis zur polnischen Grenze und somit war die Wiedervereinigung Deutschlands die erste Stufe der Osterweiterung des freien Europas.
Schon vorher war die Süderweiterung nach demselben Prinzip vollzogen worden. Durch einen Zufall der Geschichte sind 1974/75 Griechenland, Spanien und Portugal gleichzeitig der Diktatur entkommen. Die griechischen Obristen wurden gestürzt, Franco starb und der Nachfolger von Salazar musste gehen. Die Drei sagten zu den neun Mitgliedern der Europäischen Gemeinschaft: "Lasst uns Mitglied werden zur Erstarkung unserer jungen Demokratie". Die Wirtschaft der Neuen machte Schwierigkeiten. Aber das politisch-moralische Prinzip siegte. Dies ist am 1. Mai 2004 für acht der zehn neuen Mitglieder wieder der Fall gewesen, die alle dem diktatorischen Kommunismus entronnen waren. Lediglich Zypern und Malta konnten sich nicht auf dieses Schicksal berufen.

Sollte der Verfassungsvertrag je in Kraft treten, so hätte die Union eine gemeinsame Ethik, so wie sie in der Präambel, im Art. 2 und in dem ganzen zweiten Teil formuliert wird. Dabei ginge es auch ohne die Verfassung. Seit 1950 sollten alle Mitglieder des Europarats, darunter die Türkei und Russland, die Menschenrechtskonvention vor Augen haben. Die meisten, darunter auch Deutschland und Frankreich, haben sich den Urteilen des Gerichtshofes zu unterwerfen, der seit 1998 Staaten unmittelbar verurteilen darf. Leider unterwirft sich Frankreich immer noch nicht der häufigen Verurteilungen wegen der Menschenunwürdigkeit in seinen Gefängnissen. Man hätte auch bestehende Texte übernehmen und sie in die Präambel einfügen können. Zum Beispiel die 1954 vom Parteitag der SPD verkündete Formulierung: "In Europa sind Christentum, Humanismus und klassische Philosophie die geistigen und sittlichen Wurzeln des sozialistischen Gedankenguts", wobei man das Wort "sozialistisch" hätte streichen mögen. Oder die Präambel der polnischen Verfassung von 1997: "Wir, das polnische Volk - alle Bürger der Republik, sowohl die, die an Gott als Quelle der Wahrheit, Gerechtigkeit, des Guten und Schönen glauben, als auch diejenigen, die diesen Glauben nicht teilen und diese universellen Werte aus anderen Quellen ableiten."

Verständnis für die Leiden der Anderen
Die Kirchen beklagen, dass Gott im Verfassungsvertrag nicht erwähnt wird. Aber um welchen Gott hätte es sich gehandelt? Ich finde, dass sich das Bild Gottes bei den meisten europäischen Christen stark gewandelt hat. Gott ist nicht mehr der zürnende, strafende, der die Feinde vernichtet, der rechtfertigt, dass die Soldaten "Gott mit uns" auf ihrem Gürtel tragen. Dieser Gott ist heute noch der von George W. Bush. Die gläubigen Christen beziehen sich eher auf das, was das Christentum von allen anderen Religionen positiv unterscheidet. Gott hat sich zum leidenden Menschen gemacht. Wenn man Händels Messias hört, so ist die wesentliche Stelle nicht mehr das triumphale "Halleluja", sondern die ergreifende Stelle, wo die Altstimme wiederholt sagt "He was despised" - d.h. wo sie das vierte Lied des Gottesdieners bei Jesaja singt.
Warum ist das für mich so wichtig? Eine deutsche Zeitung definierte mich einmal als "Jüdisch geborener, mit dem Christentum geistig verbundener Atheist". Ich finde, dass diese Definition richtig ist. Nur dass sie in Frankreich andere Konsequenzen hat als in Deutschland. Ich bin seit genau einem halben Jahrhundert ständiger Kolumnist der einzigen großen katholischen Tageszeitung La Croix. Als ich 2002 mein Buch Les fruits de leur arbre. Regard athée sur les chrétiens ("Die Früchte ihres Baums. Atheistischer Blick auf die Christen" - erscheint in deutscher Fassung im Oktober 2005 bei Vandenhoeck & Ruprecht), da brachte die Zeitung eine lange, brüderliche Rezension. Der Autor war ein Erzbischof, der selber in einem seiner Bücher geschrieben hatte, das Wesentliche heute sei nicht ein Kampf der Gläubigen gegen die Ungläubigen, sondern der gemeinsame Blick auf den leidenden Menschen.
2001 hatte ich die Ehre in der Dresdner Frauenkirche die erste Rede einer Reihe zum Thema Europa halten zu dürfen. Ich sprach über "Das Verständnis für das Leiden der Anderen als ethische Grundlage Europas". Eine der schönsten Städtepartnerschaften ist die zwischen Coventry, Opfer des ersten Luftangriffs der deutschen Luftwaffe, und Dresden, im Februar 1945 Opfer eines echten Kriegsverbrechens. Wenn ich mit Erika Steinbach, der Vorsitzenden des Bundes der Vertriebenen diskutiere, versuche ich ihr zu erklären, dass Polen nicht "auch Vertreibungen erlitten" hat, sondern dass das polnische Leid ein Ausmaß gehabt hat, das solche "Ferner liefen"-Formulierungen verbietet. Aber ich habe auch bereits in meinem ersten, im Januar 1953 erschienen Deutschlandbuch L'Allemagne de l'Occident 1945-1952 die deutschen Nächte unter den Bomben und das tragische Schicksal der Vertriebenen geschildert. Wie hätten wir nach dem Krieg von deutschen Jugendlichen verlangen können, das Ausmaß von Hitlers Verbrechen zu begreifen, wenn wir nicht Verständnis und Mitgefühl für das Leiden, das ihren Familien widerfahren war, gezeigt hätten? So versuche ich auch seit einigen Jahren in jüdischen Kreisen für den Gedanken zu werben, dass man von einem jungen Palästinenser nur dann verlangen kann, das Leiden der Opfer schrecklicher Attentate zu verstehen, wenn man zuvor Mitempfinden gezeigt hat für das immense Leiden in Gaza und in den "Gebieten".

Man sollte also oft gegen die Seinen sprechen, damit sie die Anderen, den Anderen als Nächsten begreifen. Man kann auf diesem Weg manches Friedenbringende erreichen. Vorausgesetzt man bedenkt, was Hans Scholl an einen Freund geschrieben hat kurz bevor er verhaftet und hingerichtet wurde: "Ich kann nicht abseits stehen, weil es abseits kein Glück gibt."

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Martin Strecker/ Klaus Waldmann: Europa der Bürgerinnen und Bürger

Skepsis auf der europäischen Bühne
"Das ist doch zuviel, demnächst geht der europäischen Politik die Luft aus!" - Angesichts der Entwicklungen und Ereignisse in der europäischen Politik der letzten Jahre mögen das so manche insgeheim gedacht haben. Allein die von der Allgemeinheit wahrgenommenen Veränderungen der letzten Jahre waren in ihrer Geschwindigkeit atemberaubend: Einführung des Euro als Bargeld; Vorlage des Entwurfs einer Verfassung für die Europäische Union (EU), die ursprünglich nur als Vertragsrevision geplant war; Erweiterung der EU um zehn weitere Staaten, die nächsten beiden Beitritte sind schon fest für 2007 terminiert und schon wird politisch um den Beitritt der Türkei gerungen. Wer etwas näheren Einblick hat weiß, dass andere Prozesse, wie die Modularisierung der Hochschulbildung oder der so genannte Brügge-Prozess in der beruflichen Bildung, in wenigen Jahren z.B. auch die Bildungslandschaft in Europa grundlegend verändert haben werden. - Man könnte aber auch sagen: Die EU ist im Leben ihrer Bürgerinnen und Bürger angekommen.
Über lange Jahrzehnte der europäischen Integration hinweg war das völlig anders. Die Europäische Union war, wie manche boshaft formulieren, ein großer Verwaltungsapparat zur Umverteilung finanzieller Mittel und zur Erleichterung des Handels. Die Norm für Motorradsturzhelme oder die Verteilung von Agrarsubventionen konnte hinter verschlossenen Türen verhandelt werden. Europa war ein "Europa der Regierungen", ein Projekt der politischen Eliten - und im Hinblick auf das ursprüngliche Ziel einer Verhinderung von Krieg in Europa übrigens ein ziemlich erfolgreiches Projekt.
Die Debatten um die Verfassung der Europäischen Union, über eine Stärkung der Kompetenzen des europäischen Parlaments, über die Perspektiven der EU als Bundesstaat oder als Staatenbund zeigen, dass das Projekt der europäischen Integration in eine neue Phase eingetreten ist. Doch sind die Vorbehalte der Bürgerinnen und Bürger gegenüber einer Intensivierung des Integrationsprozesses nicht zu übersehen. Die stetig abnehmende Wahlbeteiligung bei den Europawahlen, auch Umfrageergebnisse des regelmäßigen Eurobarometers zeigen, dass die Menschen mit der beschriebenen Veränderungsgeschwindigkeit nur begrenzt Schritt halten. Zwar halten 60% der Deutschen nach dem Eurobarometer vom Herbst 2004 die Mitgliedschaft in der EU für eine gute Sache, doch bei der Frage, ob Deutschland von der Mitgliedschaft in der EU profitiert, scheiden sich die Geister: 49% sehen in der Mitgliedschaft einen Profit für Deutschland, jedoch auch 42% glauben nicht, dass Deutschland direkt von seiner Mitgliedschaft profitiert. Jedem dritten Deutschen wäre es mehr oder weniger egal, wenn die EU von einem Tag auf den anderen aufhörte zu existieren. Auf der anderen Seite würden jedoch vor allem die besser Qualifizierten die EU vermissen: jeweils mehr als 60% der befragten Manager, Selbstständigen und Studierenden.
Dennoch, die Akzeptanz bröckelt. Sie bröckelt gerade in einer Phase, in der die EU auch durch die Erweiterung kulturell vielfältiger geworden ist und die Unterschiede der Einkommen und im Hinblick auf die Systeme der sozialen Sicherung größer geworden sind. Während auf der Ebene der EU und in der interessierten Öffentlichkeit über eine Vertiefung der politischen Integration und die Intensivierung der kulturellen Integration debattiert wird und neue Programme aufgelegt werden, während also Bürgerinnen und Bürger in der europäischen Politik eigentlich die Bühne betreten sollen, ist bei vielen Skepsis und Zurückhaltung spürbar.
Wie Bürgerinnen und Bürger neu für das Zukunftsprojekt Europa, für eine Weiterentwicklung des europäischen Integrationsprozesses gewinnen? Geht man dieser Frage nach, dann stößt man auf Fragen nach den Ursachen von Skepsis und Distanz gegenüber der europäischen Politik und nach den Voraussetzungen einer deutlicheren Identifikation der Menschen mit Europa. Nun wäre es ein Leichtes das oft all zu bürokratische Gebaren der Brüsseler Verwaltung, die komplizierten europäischen Strukturen oder die mangelnden Möglichkeiten des Europäischen Parlaments für die Vorbehalte gegenüber Europa verantwortlich zu machen. Doch darüber hinaus ist es erforderlich, weiterreichende Antworten zu suchen und nach den Bedingungen und Möglichkeiten einer europäischen Identität, nach gemeinsamen europäischen Werten und nach der Bedeutung der zivilgesellschaftlichen Kräfte für die weitere Entwicklung zu fragen.

Europäische Identität
Nach einem Jahr in den Vereinigten Staaten von Amerika schreibt die kroatische Schriftstellerin Slavenka Draculic: "Es schien so natürlich "Europa" zu antworten, wenn ich gefragt wurde, wohin ich gehe. Auch reichte es, dort zu sagen, ich komme aus Europa, einfach Europa.? Dann beschreibt sie ihre frustrierenden Erfahrungen nach dem Rückflug und der Landung in Frankfurt. Dort existierte dieser Begriff nicht mehr, es gab bei der Passkontrolle lediglich EU-Bürger(innen) und Nicht-EU-Bürger(innen). - In dieser kurzen Begebenheit sind ein paar wesentliche Aspekte der Diskussion um eine europäische Identität angesprochen. Zunächst lassen sich mit dem Blick von außen allemal leichter Gemeinsamkeiten als Bestandteile einer gemeinsamen europäischen Identität wahrnehmen und beschreiben, als dies mit dem Blick aus der Mitte der Gemeinschaft möglich ist. In der Binnenperspektive treten die Unterschiede in den Mittelpunkt, die Sprache, die jeweilige nationale Geschichte oder die unterschiedlichen kulturellen Traditionen. Für Portugiesen oder Rumänen bedeutet z.B. Europa etwas anderes als für Dänen oder Niederländer.

In der kurzen Begebenheit steckt aber auch die (bittere) Erkenntnis, dass Identität Differenz voraussetzt. Zur Entwicklung einer Identität ist es nötig zu wissen, wo außen und wo innen ist; wer und was zum "Wir" dazugehört und wer oder was nicht. Gerade die heftige Debatte um einen möglichen EU-Beitritt der Türkei zeigt in diesem Zusammenhang deutlich, dass es nicht mehr nur um die (harten) Kriterien des "Aquis Communitaire", der gemeinsamen Rechtsgrundlagen der EU, als Voraussetzung für einen Beitritt geht. Im Kern geht es in dieser Debatte um die Frage nach einer europäischen Identität, die sich langsam formiert.

Europa ist mehr als ein mehr oder weniger genau abgegrenzter geografischer Raum. Was können bzw. was sind Grundlagen für die Entwicklung einer europäischen Identität? Für einige sind es die gemeinsamen Wurzeln der europäischen Geschichte seit der Antike, die Errungenschaften der Aufklärung, des wissenschaftlichen Fortschritts und die Leistungen einer gewachsenen, gemeinsamen Kultur. Für Andere ist die als Ergebnis der jüngsten Erfahrungen des 20. Jahrhunderts in Ost- und in Westeuropa gewachsene Distanz zu militaristischen, fundamentalistischen und imperialistischen Vorstellungen der Bezugspunkt. Diese Distanz resultiert aus der Verarbeitung bitterer historisch-gesellschaftlicher Lernprozesse in diesem Zeitalter der Extreme in ganz Europa.
Für die zukünftige Debatte könnte als Leitfrage formuliert werden: "Was hat unsere Nationalgeschichte oder Kultur zur Entwicklung des geeinten Europas beigetragen?" Ein positiver Ansatz hierzu ist, wenn Schulgeschichtsbücher nicht mehr nur die eigene Nationalgeschichte vermitteln, sondern auch die Erfahrungen anderer Nationen mitteilen.
Allerdings: Eine europäische Identität wird lediglich zur historisch gewachsenen nationalen Identität hinzutreten. Sie wird diese auf absehbare Zeit sicher nicht ersetzen. So verstehen sich nach dem Eurobarometer vom Herbst 2004 53% der Deutschen erst als Deutsche und dann als Europäer.

Sylke Nissen (2004) kommt in ihrer Analyse verschiedener Fragen der Eurobarometer-Umfragen vergangener Jahre zu dem Ergebnis, dass sich europäische Identität bisher aus einer affektiven und einer utilitaristischen Dimension zusammensetzt. Die nutzenorientierte Dimension wurde von der Politik in der Vergangenheit regelmäßig bedient. Solange dargestellt werden konnte, dass die europäische Politik dem nationalen und auch dem individuellen Nutzen förderlich ist, konnte Unterstützung für die europäische Politik gewonnen werden. So lange stand aber auch eine affektive Identifikation mit dem europäischen Großprojekt im Hintergrund. Es mussten dafür auch keine Mechanismen und partizipativen Voraussetzungen geschaffen werden.
Die Erweiterung der EU und auch alle weiteren diskutierten Schritte zur Vertiefung der europäischen Integration sind allerdings langfristig nicht ohne eine Identifikation der Bürgerinnen und Bürger mit diesem Projekt und der Entwicklung einer innereuropäischen Solidarität erreichbar. Hinzu kommt die wachsende Notwendigkeit einer weltweiten Solidarität, um Gerechtigkeit und damit auch ein gewisses Maß an Sicherheit zu erreichen. Dieser Blick über den Tellerrand hinaus muss deutlich machen, dass sich bei aller Eigenständigkeit Europa als Teil der "Einen Welt" begreift.
Für die Stärkung dieser affektiven Dimension europäischer Identität ist eine "Politisierung europäischer Politik" erforderlich. Nur durch eine politische Auseinandersetzung über die Ziele, die Grenzen und die gemeinsamen Grundlagen und Werte, die von der Breite der Bürgerinnen und Bürger und deren zivilgesellschaftlicher Organisationen getragen wird, kann sich in den nächsten Jahren eine europäische Identität entwickeln. Dazu bedarf es jenseits aller Veränderungsnotwendigkeiten der europäischen Institutionen einer Öffnung der nationalen Debatten für die Sichtweisen von Nachbarn - kurz: einer Europäisierung. Die EU-Verfassung mit der integrierten Grundrechte-Charta sollte dafür in der nächsten Zeit bei allen Schwächen als Anlass und Anknüpfungspunkt für durchaus kontroverse Diskussionen auch in der Jugendarbeit genutzt werden.

Die Europäische Union als Wertegemeinschaft
Die Europäische Union stellt sich zunächst "als ein kontinentaler Großraum dar, der über den Markt horizontal dicht vernetzt ist, aber vertikal durch mittelbar legitimierte Behörden vergleichsweise schwach politisch reguliert wird." (Habermas 2001, S. 98) Gleichzeitig zeichnet sie von sich das Bild eines friedlichen, kooperativen, gegenüber anderen Kulturen offenen und dialogfähigen Europas.
In der aktuellen Debatte um die Erweiterung der EU bzw. um die Vertiefung der europäischen Integration spielt der Begriff von Europa als Wertegemeinschaft eine wichtige Rolle. Welche gemeinsamen Werte prägen Europa? In welchen Wurzeln ist das Gefühl verankert zusammenzugehören? Was sind die Voraussetzungen einer Einheit, die mehr ist als mit der Formel &Mac226;Einheit in der Vielfalt? ausgedrückt werden kann?
Zu diesen Voraussetzungen gehören gemeinsame Wertvorstellungen, kulturelle und geschichtliche Gemeinsamkeiten ebenso wie gemeinsame Interessen, Aufgaben und Herausforderungen. Vor allem durch diese Eigenschaften konstituiert sich ein Gemeinwesen und es wird durch sie zusammengehalten (vgl. Biedenkopf 2003, S. 30). Vor dem Hintergrund wachsender Wohlstands- oder Armutsdifferenzen und zunehmender kultureller Differenzen sind im europäischen Integrationsprozess künftig stärker die Kohäsionskräfte zu mobilisieren und das Bewusstsein einer kulturellen und politischen Identität der Europäer zu schaffen. Soll ein Europa der Bürgerinnen und Bürger eine Perspektive haben, sind die Fähigkeiten der Solidarität mit den Fremden auszubauen.

Der Beginn der europäischen Integration ist geprägt von der Sehnsucht nach Frieden in Europa und nach einem menschenwürdigen Leben, der Abwehr einer gemeinsamen Bedrohung sowie dem Willen zum Wiederaufbau und durch das Wohlstandsversprechen. In diesem Prozess ist ein multilaterales Netzwerk zwischen Nationalstaaten entstanden, das auf wechselseitigem Respekt aller Beteiligten und gleichberechtigter Partizipation aufbaut.
Jenseits der Kräfte des Wirtschaftsliberalismus, die diesen Prozess vorangetrieben haben, hat sich dabei die Anerkennung und Realisierung einer freiheitlichen, auf der Anerkennung der Menschenrechte beruhenden demokratischen und rechtsstaatlichen politischen Ordnung und Lebensform als tragfähige und grundlegende Werteorientierung erwiesen. Die im Rahmen einer Debatte um Europa als Wertegemeinschaft notwendige Suche nach darüber hinausgehenden gemeinsam geteilten Erfahrungen soll jedoch kulturell unterschiedliche Ausprägungen, nationale und regionale Besonderheiten nicht einebnen. Vielmehr geht es darum, die vorhandene Vielfalt und Diversität nach dem Gemeinsamen zu befragen. Solche Traditionen sind in der griechisch-römischen Geschichte, im Christentum, im Fortschritt von Naturwissenschaften und Technik, in der Aufklärung, im Humanismus und seiner Betonung der Freiheit der Person, in der Säkularisierung von Staat und Kirche, in den europäischen Wohlfahrtsregimes aber auch im Leid, das durch nationalistische Exzesse und kriegerische Katastrophen hervorgerufen wurde, zu suchen. Vor diesem Hintergrund lässt sich ein Muster von Normen und Prinzipien bestimmen: Die Ablehnung von Gewalt, Respekt und Toleranz gegenüber den Anderen, die Anerkennung kultureller, religiöser und ethnischer Differenzen, die Solidarität mit den Schwächeren, die Betonung individueller Freiheit und Chancengleichheit, die Kritik an Obskurantismus, dumpfen Vorurteilen und Gruppenzwang. Dieser Wertekanon knüpft an die Traditionen der europäischen Aufklärung an und erhält seine emotionale Kraft aus den Erfahrungen von Armut, Unterdrückung und Krieg (vgl. Frevert 2003).
Er könnte die Grundlage einer zukunftsfähigen Vision von Europa sein, in der die Begriffe Solidarität, Verantwortung und Respekt vor dem jeweils Fremden eine herausragende Rolle spielen. Aus protestantischer Sicht sind in diesen Diskurs insbesondere die Bedeutung der Freiheit der Person und das Bewusstsein der Verantwortung für das Ganze einzubringen, was auch im Begriff der verantworteten Freiheit zum Ausdruck kommt.
Ute Frevert bezeichnet das gegenwärtige Europa als ein Laboratorium, in dem gleichzeitig an verschiedenen Aufgaben gearbeitet wird: an der Überwindung nationalistischer und rassistischer Vorurteile, an der Herstellung annähernd gleicher Lebensverhältnisse, an der Anerkennung von Diversität bei gleichzeitiger Betonung verbindlicher Grundwerte und Rechtsordnungen. Um diese Projekte zu unterstützen, bedarf es einer aktiven und engagierten Bürgergesellschaft.

Stärkung einer europäischen Bürgergesellschaft
Die Ablösung des "Europa der Bürokraten" oder des "Europa der Regierungen" durch ein "Europa der Bürger" ist erklärtes Ziel des europäischen Integrationsprozesses. Diskutiert wird über eine europäische Staatsbürgerschaft und die Stärkung einer Europäischen Bürgergesellschaft nach dem Prinzip "Europa gibt es schon, jetzt braucht es nur noch den europäischen Bürger, die europäische Bürgerin". Vor allem geht es darum, den Mangel an demokratischer Legitimation zu überwinden und die Identifikation mit der Europäischen Union zu erhöhen. Dieses Ziel wird im vorliegenden Entwurf der EU-Verfassung dadurch verfolgt, dass u.a. die Grundrechte-Charta in die Verfassung aufgenommen sowie der Dialog mit der organisierten Zivilgesellschaft in der Verfassung verankert worden ist. Als Zivilgesellschaft wird allgemein eine eigenständige Sphäre von Öffentlichkeit, der Selbstorganisation und des politischen Handelns bezeichnet, die sich gegenüber dem Bereich des Staates und dem der Wirtschaft als relativ unabhängig begreift. Sie als ein dynamischer Prozess zu begreifen, der durch selbstbestimmtes Engagement, Wahrnehmung von Verantwortung, Mitwirkung und Gestaltung geprägt ist. Seine historische Wurzel hat der Begriff in der Entstehungsperiode bürgerlicher Gesellschaften und in den Bestrebungen, demokratische Gesellschaften aufzubauen und auf die Gestaltung der Gesellschaft Einfluss zu nehmen. In der jüngeren Vergangenheit haben oppositionelle Bewegungen in Osteuropa, die in staatssozialistischen Gesellschaften Menschen- und Freiheitsrechte erkämpft haben, den Begriff populär gemacht. In Westeuropa und den USA sind in den 70er/80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine Vielzahl an Bürgerinitiativen entstanden, neue soziale Bewegungen, die für eine lebendige und aktive Zivilgesellschaft stehen. Der Begriff Zivilgesellschaft ist Synonym für das Projekt einer fortschreitenden Demokratisierung. Als organisierte Zivilgesellschaft ist dann die Gesamtheit der auf privater Initiative beruhenden nicht-staatlichen Organisationen gemeint, die durch ihre Aktivitäten an der Gestaltung öffentlicher Angelegenheiten mitwirken. Die organisierte Zivilgesellschaft ist ein Element einer partizipativen Demokratie, durch das die repräsentative Demokratie ergänzt wird. Ob eine breite Beteiligung der Akteure der Zivilgesellschaft auf europäischer Ebene gelingt, wird die weitere Entwicklung zeigen. Zunächst sind einige Schritte unternommen worden, Strukturen und Prozesse europäischer Politik demokratischer zu gestalten. Sicher ist jedoch, die Herausforderungen einer weiteren europäischen Integration können nur dann bewältigt werden, wenn es gelingt, die "Bürgergesellschaft" zu stärken und durch eine fortschreitende Demokratisierung der EU-Institutionen die Idee von Europa besser in den Köpfen und Herzen der Menschen zu verankern.

Literatur:
Biedenkopf, Kurt (2003): In Vielfalt geeint: Was hält Europa zusammen" In: Transit: europäische Revue, Nr. 26, S. 29 - 47 Frevert, Ute (2003): Eurovisionen. Ansichten guter Europäer im 19. und 20. Jahrhundert. Frankfurt am Main Habermas, Jürgen (2001): Zeit der Übergänge. Frankfurt am Main Nissen, Sylke (2004): Europäische Identität und die Zukunft Europas, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 38/2004, S. 21 - 29 Eurobarometer 62, Herbst 2004: Nationaler Bericht Deutschland, herausgegeben von der Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland

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Autorinnen und Autoren des Heftes

  • Holger Michael Arndt, Düsseldorf
    Rechtsanwalt und Mediator, von 1996 bis 2002 Mitglied im Vorstand der aej
  • Markus W. Behne, Oldenburg
    Politikwissenschaftler am Institut für Politikwissenschaft der Universität Oldenburg und Lehrbeauftragter für Europäische Integration und Politikdidaktik
  • Gerhard Engel, Hösbach-Rottenberg
    Wirtschafts- und Organisationsberater, ehem. Präsident des Bay. Jugendrings
  • Dr. Alfred Grosser, Paris
    Prof. em. am Institut d'études politiques, Präisdent des CIRAC, politischer Kolumnist, Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels
  • Antje Heider-Rottwilm, Hannover
    Oberkirchenrätin, Leiterin der Abteilung "Europa" im Kirchenamt der EKD
  • Stephan Lindner, Berlin
    Diplom-Politologe, Mitglied im Koordinierungskreis von Attac Deutschland
  • Daniel Müller, Brüssel
    Generalsekretär des Ecumenical Youth Council in Europe
  • Rüdiger Noll, Brüssel
    Pfarrer, Direktor der Kommission für Kirche und Gesellschaft der Konferenz Europäischer Kirchen in Brüssel
  • Magdalena Omlor, Homburg
    Studentin
  • Dr. Hans-Gert Pöttering, Brüssel
    Professor, Vorsitzender der Fraktion der Europäischen Volkspartei (Christdemokraten) und europäischer Demokraten im Europäischen Parlament
  • Stefan Rappenglück, München
    Politikwissenschaftler, wissenschaftl. Mitarbeiter der Forschungsgruppe Jugend und Europa
  • Antje Rothemund, Budapest
    Direktorin am Europäischen Jugendzentrum Budapest, Europarat
  • Martin Strecker, Hannover
    Referent für Europäische Jugendpolitik bei der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in der Bundesrepublik Deutschland (aej)
  • Dr. Andreas Thimmel, Köln
    Professor an der FHS Köln
  • Dr. Klaus Waldmann, Hamburg
    Bundestutor der evangelischen Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung
  • Dr. Günther Wasserberg, Hannover
    Referent für Theologische und kirchliche Ausbildungen, Studierendenarbeit im Kirchenamt der EKD

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