das baugerüst 3/05 - Jugendkirchen

Wolfgang Noack: Gott wohnt nicht im Supermarkt. Einführung in das Heft

  • JUGEND UND KIRCHE
    Christoph Bizer: "Wenn Dein Kind dich morgen fragt ...". Phantasien zum Stichwort "Jugendkirchen"
    Rainer Brandt: Kirche ist mehr als ein Gebäude
    Maike Lauther-Pohl / Uta Pohl-Patalong: Kirchliche Jugendarbeit - aber wo? Zum Verhältnis von Jugendkirchen und ortsgemeindlicher Jugendarbeit
    Manfred Josuttis: Spiritualität als Baugerüst
    Thies Gundlach: Ein Versuch über die Zukunft. Jugendkirchen und die Zukunft der Jugendlichen in den Gemeinden
    Martin Reppenhagen: Jugend und Kirche 2020
    Christian Scharnberg: Auf welche Bedingungen reagieren Jugendkirchen?
    Michael Freitag: Zwischen Jugendhaus und Tempel Jugendkirchen als Erfahrungsräume für Spiritualität
  • JUGENDKIRCHEN
    Ulrich Schwab: "Das hier ist meine Kirche!". Zur konzeptionellen Entwicklung von Jugendkirchen und Jugendgemeinden
    Anne Winter: Alles andere als egal
    Cornelya Zemke: Vom charmanten Provisorium zur Jugendkirche mit Charme
    Peter Kolb: Welche Kirche wollen Jugendliche?
    Frank Lederer: Attraktiv und relevant. Wie muss Kirche und christlicher Glaube heutzutage Jugendlichen vermittelt werden?
    Oliver Heck: Brückenschlag zwischen Evangelium und Jugendkultur. TABGHA - Jugendkirche Oberhausen
    Sabine Kappelt / Ricklef Münnich: Kirche wird beweglich Mobile Jugendkirche
    Helmut Saß: Menschen zur Quelle des Lebens führen. Tragwerk - Christus-Gemeinde Berlin
    Rolf Ulmer: Jugendkirche - die bessere Kirche?
    Willi Schönauer: Netzwerk JugendkircheOder: Warum man den Wasserlauf nicht überall neu erfinden muss
    Buchrezensionen

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Wolfgang Noack: Gott wohnt nicht im Supermarkt

"Die Bänke sind raus, da soll jetzt Real rein", erzählt die Nachbarin von Sankt Raphael, einem katholischen Sakralbau im Berliner Stadtteil Spandau. "Find ich richtig, die alten Leute hier wissen ja nicht, wo sie einkaufen sollen. Oben kommt`n Café hin, wird´ne Decke eingezogen. Von außen soll alles so bleiben." Nun werden also da, wo früher das Weihwasserbecken stand und sich Sonntag für Sonntag die Gläubigen beim Betreten der Kirche bekreuzigten vielleicht die Tütensuppen feilgeboten, unter der Kanzel die Frischwurst aufgeschnitten und im Altarraum könnte hochprozentiger Spiritusgeist angeboten werden. Glücklich ist das Berliner Bistum über diese Lösung auch nicht, aber was soll man machen, die Finanzlast drückt und wenn zwei Kirchengemeinden zusammengeschlossen werden, bleibt ein Gebäude über.

Die Zusammenlegung von Kirchengemeinden wird in den nächsten Jahren zunehmen, insbesondere in Großstädten, dies trifft katholische wie evangelische gleichermaßen. Es muss ja nicht immer ein Supermarkt sein, pflastern doch Aldi und Lidl mit ihrer Einheitsarchitektur sowieso schon jedes frei werdende innerstädtische Grundstück zu. Interessierte Investoren für leere Sakralbauten ließen sich schon finden. Diskotheken könnte ein solch postspiritueller Raum den entsprechenden Kick verleihen oder ein Loft im Altarraum wäre etwas für Menschen, die sonst schon alles haben.
Aber vielleicht muss ja trotz leerer Kassen nicht gleich alles verscherbelt werden, obwohl kirchliche Finanzminister hier eine gewisse Entlastung sehen würden. Wie wäre es denn mit einer innerkirchlichen Angebotserweiterung? Wobei wir mitten im Thema dieses Heftes wären.

Jugendkirchen heißt das neue Angebot, über das landauf landab, evangelisch und katholisch, landes- und freikirchlich diskutiert wird. Viele haben längst die Diskussionsphase verlassen, experimentieren und realisieren Jugendkirchen. Die Palette ist bunt und reicht von Kirchen, die Sonntag für Sonntag jugendgemäß fisiert werden bis hin zu komplett umgebauten Dauereinrichtungen mit Café, Skaterbahn und Wohlfühlecken.

So unterschiedlich die Inneneinrichtung, so unterschiedlich auch die Konzepte der Jugendkirchen. Spätestens hier taugten aber die herkömmlichen Konzepte nicht mehr. Hat das missionarisch ausgerichtete Angebot die Jugendkultur nicht im Blick oder vernachlässigt die Jugend-Kultur-Kirche die spirituelle Seite? Wie gesagt, bei aller Unterschiedlichkeit, die alten Kategorien tragen hier nicht mehr. Jugendlichen ein spirituelles Angebot machen, nicht im Jugendkeller oder im Jugendzentrum, nicht hin und wieder mal zu besonderen Anlässen, sondern dauerhaft in ihrer Kirche, mit ihrem Ambiente, mit ihrer Musik und ihrer Sprache – dieses Anliegen ist allen Jugendkirchen gleich.
Die Idee der Jugendkirche hat zwei alte Diskussionen neu in den Mittelpunkt gerückt: den "Haupt"-Gottesdienst am Sonntagvormittag und die Frage wer oder was Gemeinde ist.
Obwohl in Symposien und auf Synoden, von Bischöfen und EKD-Oberkirchenräten eingestanden wird, dass die Kirchenveranstaltung am Sonntag zwischen neun und elf Uhr eigentlich nichts für Jugendliche sei, hält sich dieses Angebot hartnäckig als das zentrale und eigentliche. Jugendliche aber sind längst woanders - manche auch in Jugendkirchen; es könnten mehr werden. Dass Jugendkirche nicht ein Spielwiesenangebot, sondern "vollwertige" Kirche auch im theologischen Sinne ist, vertreten mehrere AutorInnen in diesem Heft.
Verstehen sich Jugendkirchen auch als auf Dauer angelegte Jugendgemeinde? Hier unterscheiden sich die Konzepte (vgl. Beitrag von Ulrich Schwab "Das hier ist meine Kirche" Seite 58).

Einige Fragen bleiben: Wann sind Jugendliche zu alt für Jugendkirchen? Was kommt danach? Und: Gibt es noch Verbindendes der verschiedenen kirchlichen Angebote? Die Autorinnen und Autoren dieses Heftes stellen sich diesen Fragen und die Beiträge bieten eine Grundlage für die weitere Diskussion über Jugendkirchen.

Bei den Diskussionen um Jugendkirchen steht die Frage im Mittelpunkt, wie Kirche zukünftig Jugendliche erreichen kann. Und wenn die Menschen in Spandau bald wissen, dass sie in Sankt Raphael Brot, Butter und Milch kaufen können, ahnen die Jugendlichen der Jugend-kultur-kirche Frankfurt, der Luther-Kirche Hannover oder der VIVAVOX Genthin, dass hier Gott wohnt.

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Christoph Bizer: "Wenn dein Kind dich morgen fragt..."

Phantasien zum Stichwort "Jugendkirchen"

I.
Wenn dich eines Tages dein achtzehnjähriger Sohn fragt: Vater, was sind das für Häuser mit Glockentürmen dran? Kirchen heißen sie; sie stehen leer in der Stadt herum. Manchmal gibt es Konzerte drin und samstags lassen sich Brautpaare hinfahren, nachdem sie geheiratet haben. Nicht wahr? Die Kirchen haben was mit Gott zu tun, den es doch gar nicht gibt. Sag, Vater, Du zahlst doch Kirchensteuer. Glaubst Du an Gott?

Wenn dich dein achtzehnjähriger Sohn so fragen sollte, nachdem er am Sonntag gegen Mittag aus dem Bett gekrochen ist, sich seinen Kaffee gebraut und ein Croissant aufgebacken hat, dann
- fragst du ihn vorsichtig zurück: Wie kommst du denn da drauf?
- oder du hast das ungute Gefühl, du habest etwas an deinem Sohn versäumt?
- oder du sagst leichthin: in der Neustadt machen sie eine Jugendkirche auf, geh doch mal dorthin und sieh dir das an.

II.
In der Bibel läuft diese Geschichte anders: 2. Mose 13,11 ff. und 5. Mose 6, 20 ff. Dort werden nicht passive Väter durch Fragen ihrer erwachsenen Kinder überrascht, sondern aktive Väter führen die Rückfragen der Kids planmäßig herbei. Väter sind eine religiöse Institution. Sie haben die 10 Gebote Gottes und ihre Zusammenfassung, das "Höre Israel ..." (5. Mose 6, 4f.) in ihr Herz aufgenommen und können es auswendig. Wenn sie ins Bett gehen oder aufstehen, sagen sie es ihren Kindern vor; sie haben es gar auf einem Zettel außen an die Hand gebunden und an die Haustür geschrieben (V8 f): wer eintritt, hat es vor Augen. Kinder lernen die heiligen Texte durch Mitsprechen mit dem Vater. So ist er es, der den Anstoß gibt, dass die Kinder fragen, was es mit den Geboten Gottes und dann auch mit Gott auf sich habe.

Die Antwort, die die Väter in Israel geben, stellt die Fragenden in die eigentümliche Welt der Religion, in die drei Weisen, religiös zu leben: Ägypten - Wüste - das verheißene Land. Christliche und jüdische Religion spielen in diesen drei Dimensionen. Gott herrscht über alle drei; aber Israel (und die christliche Kirche) hat er sich eigens erwählt. Israel ist auf der Wanderschaft von dort nach hier. Wo immer es sich befindet, Gott leitet es. Israel wandert hinter Gott und seinem Gebot her. Israel mag sich dabei verändern, sein Gott vielleicht auch; aber die Gebote sind beständig. Das Leben im Land der Verheißung "so wie es heute ist" (V 24), ist Gegenwart und steht gleichwohl in seiner Fülle immer noch aus. Das Leben in der Wüste besteht aus Gefährdungen, aber dort ist auch Gottesnähe im Empfang seiner Gebote und Verheißungen; in der Wüste wird auch gegen Gott gemurrt. Das Leben in der Knechtschaft ist Vergangenheit, aber der Rückfall in sündige Knechtschaft ist immer Realität. Die Entscheidung, ob Israel sich selbst und Gott treu bleibt, fällt an der "Gerechtigkeit"(V 25), die Gott geschuldet ist: Das Alte Testament sagt: sich die Gebote einprägen und sie halten. Die Väter damals wussten, wozu die Gebote nötig sind: "auf dass es uns wohl gehe unser Leben lang" (V 24).

Die Stelle im 5. Buch Mose liest sich wie ein Programm zur religiösen Sozialisation durch die Väter - historisch sicher eine Fiktion. Aber der Gedanke leuchtet ein: religiöses Fragen braucht institutionalisierte Widerständigkeit, an der das Fragen nach Gott entsteht: Feste, Riten wie Rezitieren, Erzählen, gemeinsames Singen und Beten, die in atmosphärische religiöse Räume versetzen und darin produktiv machen.

Wenn es heutzutage weder Väter noch Mütter sind, noch Gottesdienste und Unterricht der Gemeinde, die diese Widerständigkeit leisten, dann stirbt die überlieferte Religion ab, das Leben wird heimatlos gelebt, ohne Verheißung und ohne verbindliche Weisung, in schierer Gegenwärtigkeit von Genuss oder Vergeblichkeit: also wie bei uns! Die organisierte Kirche weiß, dass sie diesen Zustand ursächlich mit bewirkt hat. (Wodurch, wäre ein anderes Kapitel). Ob jetzt Jugendkirchen eine Perspektive eröffnen" Eltern, in Religion unerfahren, verweisen ihre Söhne und Töchter dorthin - nicht damit sie die Fragen stellen, die Erwachsene gerne hätten, sondern damit sie dort an gelebter und Form gewordener christlicher Religion eigene Formen religiösen Handelns entwickeln und sich dabei dann zum Nachdenken anstiften lassen.

III.
Soweit das Interesse, das im Folgenden der "Jugendkirche" gilt: Woran wird christliche Religion heute gelernt? Gibt es ein Woran, wahrnehmbare Formen, an denen Mitmenschen, die vom Christlichen keine Ahnung haben, mit ihm in einen ersten Kontakt kommen könnten? Ein Kontakt, aus dem sich dann vielleicht mehr entwickelt: Ahnung vom Christlichen, gar ein produktiver Umgang mit ihm, in dem es ansatzweise zu ihrer jeweils eigenen Religion wird? Das Woran bitte so, dass die christliche Religion ohne Ermäßigungen auf ihre Kernpunkte konzentriert ist. Heißt die Antwort: Jugendkirchen? Ich stochere im Folgenden erwägend und thetisch mal so herum.

Wo finde ich meinen Platz?
Ich stelle mir ein Kirchengebäude vor, nicht groß und protzig, etwa für 200 Leute. Baustil: alles von romanisch bis betoniert; aber die architektonische Form muss in sich klar sein. Die Möbel sind rausgeräumt: Altar, Kanzel, Bänke sowieso; auch Lautsprecher und elektrisches Licht. Sonne und Mond geben das Licht, und offenes Feuer ersatzweise Kerzen. Dem Christlichen angemessen ist heutzutage die Leere.

Aber christlich - Wesentliches muss sein: ein Kruzifix mit Korpus in der Mittelachse der Kirche, ein Holztischchen, das mal hier, mal dort aufgestellt werden kann, des Weiteren ein Taufstein rechts vom Eingang, links davon auf einem tragbaren Lesepult eine abweisend schwarz eingebundene Bibel: das Instrument, um die Kirche zum Klingen zu bringen. Ich persönlich hätte noch gern einen hoch oben aufgehängten geschmiedeten Radleuchter: Ein breites Eisenband, in die Senkrechte gebracht und zum weiten Kreis geschlossen, durchbrochen durch die 12 Tore Jerusalems, von Kerzen erleuchtet. Der Radleuchter zeigt, was auf die Kirche von oben zukommt: das endzeitliche himmlische Jerusalem, in dem Gottes Verheißung zur Fülle kommen wird (Offbg. 21).

Das alles reicht, um christliche Kirche in Gebrauch zu nehmen, das reicht auch als Anlass zum Fragen: "Sag, was soll der gestorbene Nackte da oben?" "Sag, ist das dort ein Tischlein deck dich?" Und: "Wo finde ich meinen Platz in diesem Raum?"

"Ohne Unterlass"
Zur Kirche gehören Personen. Wozu? Sie beten, singen, lesen aus der Bibel vor oder erzählen; und, wie gesagt, sie lassen sich auch fragen! Bitte keinen Hinweis: "Geöffnet von 10 - 17 Uhr". Eine Kirche steht immer offen und immer ist jemand ansprechbar. Drei Personen, jede abwechselnd acht Stunden, auch nachts. Wer nicht gerade dran ist, hält sich dennoch in der Nähe der Kirche auf. Nächste Woche kommen andere drei.

Also braucht es ein Nebengebäude: Toiletten sowieso; drei kleine Zimmerchen für die Ansprechpartner; ein Sprechzimmer für Beratung; eine Tee- und Suppenküche; bescheidene Schlafgelegenheiten, wenn man einen Gast bei Nacht nicht wegschicken kann. Das wär`s. Alles andere spielt sich in der Kirche ab. Vielleicht ist neben der Kirche noch Platz für Zelte.

Jugendkirche ist nicht ein Zentrum für eindrucksvolle Events, sondern der Ort, wo geschehende Kirche Tag und Nacht aufgesucht werden kann, zum Kirchesein. Da ist ein gestandener Christ, der auf Wunsch für oder mit einem, einer betet. Er feiert Gottesdienst, auch wenn er allein ist, indem er ein Stück Bibel laut werden lässt. Er wartet auf niemanden, denn in der Kirche richten sich Christen auf Gott hin aus. Das schließt andere Menschen nicht aus, aber es wird nicht auf sie geschielt.

Eine erste Voraussetzung, um mit Christentum in Berührung zu kommen, sind Menschen, die den christlichen Gott nicht nur als Gedanken ernst nehmen, sondern ihn in geistlicher Konzentration verehren, zu ihm beten, die Heilige Schrift vorlesen und ihre Geschichten erzählen, sich dabei antreffen und alle mittun lassen... Was halten Sie von der These: Evangelische Jugendarbeit fängt damit an, dass an einigen Stellen des Landes für und mit Jugendlichen öffentlich vernehmbar "ohne Unterlass" gebetet wird.

Glauben
Die christliche Religion ist in der heutigen Welt ein Fremdkörper. Ein Fremdkörper stirbt ab, wenn er nicht eine Schale, ein Behausung hat, die ihn von der Umgebung unterscheidet und schützt: daher die große Bedeutung von Kirchengebäuden in unserer Welt. Der christliche Gott ist der Welt entzogen; auch dem geschäftigen Kirchenbetrieb. Die erste Bitte an Gott muss sein, dass er sich, wenn es ihm gefalle, glauben lasse. Diese Bitte gehört vor das Kreuz.

Der am Kreuz hängende, gestorbene Christus im dämmerigen Kirchenraum lenkt die Blicke auf sich und sagt schweigend: Gott ist weg! Wer vor dem Gekreuzigten vollmundig sagt, er glaube an Gott, ist ziemlich borniert, kaum christlich gesprächsfähig. Das Christentum fängt damit an, dass Menschen dem Kreuz von Jesus in der Kirche standhalten. Hier nicht weglaufen, auch nicht vor der eigenen Sinnlosigkeit und Endlichkeit, auch nicht vor dem Elend in der Welt. Das ist die halbe Miete für die Teilhabe an der christlichen Religion; die halbe!

Wie gut, wenn ein erfahrener Christ, eine erfahrene Christin sich da schweigend neben mich stellt. Vielleicht sagt er oder sie schließlich einen Spruch: Gott lässt Licht aus der Finsternis hervorleuchten. Er gibt einen hellen Schein in unsere Herzen. Hier, vom Gesicht des Herrn Jesus Christus aus (vgl. 2.Kor. 4, 6). Der Spruch hat an diesem Platz Leuchtkraft - nein, nicht automatisch - doch, eigentlich automatisch! - aber wir sehen das Licht nur in begnadeten Stunden. Das Gesicht des toten Christus wird für uns im Standhalten aufleuchten: Auferweckung! Die Finsternis um ihn, die Gottverlassenheit ist damit nicht aufgehoben. Aber im Segen, nicht wahr, da leuchtet das Angesicht Christi wieder und wieder auf: Bis dann im "himmlischen Jerusalem" alles, alles klar sein wird.

Die Teilhabe am Christentum liegt in einem "Kippeln" der Wahrnehmung: mal ist es der Tote, mal lebt er; mal sind`s bloße Worte, mal tritt himmlische Wirklichkeit aus ihnen heraus; mal ist es ein Schluck Wein, badischer Spätburgunder, mal ist darin die Nähe des Heilandes zu schmecken. Und nicht nur einmal dies und einmal das, sondern im Lauf des Christenlebens immer auch beides zugleich, fern und nah, fremd und meins, himmlisch und irdisch. Die christlichen Symbole lassen meine Sinne "kippeln". Auf alt-evangelisch nenne ich dieses wahrnehmende Hin und Her an biblischen Wörtern, Bildern, Riten und Klängen: "glauben".

Entwickeln lassen
Die Jugendkirche also ein Kirchengebäude, in dem alles drin ist, was man braucht, um mit dem Christlichen in Berührung zu kommen! Das Christliche ist kein Fertigprodukt. Man räumt es sich nicht vom Regal in den Einkaufswagen und fährt es zur Kasse. Es ist zum Erarbeiten da. Es bietet sich in einer besonderen Atmosphäre an; noch nicht greifbar, aber doch schon da. Es lässt den Hereinkommenden viel Zeit und leitet ihre Schritte, wie es für sie hier richtig ist. Es lässt sie reden, wie sie es gewohnt sind, und dämpft doch über kurz oder lang ihre Stimmen. Mit dem Betreten des Raumes sind sie "im" Geheimnis des fremden christlichen Gottes drin, können auch gleich wieder gehen, niemand hält sie fest.

Das Geheimnis bleibt Geheimnis, öffnet sich aber einen Spalt breit, indem Menschen dem Raum ihre Stimmen, Bewegungen, Gesten leihen und probeweise tastend das tun, was der Raum und sein Inventar ihnen eingibt:
- langsam an den Wänden entlang den Raum umschreiten;
- sich irgendwo absichtslos auf den Fußboden setzen, nur so, und da sein.
- zum Radleuchter die Arme hoch ausstrecken und ihn tanzend umkreisen;
- die Bibel in die Hand nehmen, aufschlagen, wo sie aufspringt, und mit immer fester werdender Stimme in einer Ecke ein paar Verse vorlesen, und dann andere an anderer Stelle;
- an einem Pfeiler die Melodie eines Liedes summen, das gerade in den Sinn kommt;
- das Tischchen an einen Platz bringen, wo sich drei Leute drumherum stellen und mitgebrachtes Brot und Käse miteinander teilen.

Das alles ist Anfang. Der Heilige Geist ist mit im Spiel. Geistliches Leben entwickelt sich aus kleinen Gesten der Beheimatung im Fremden.

Auch der erfahrene kirchendienende Christ darf mittun. Er spricht, singt oder tanzt elementare Formen der "Liturgie"; Liturgie: "geschuldeter Tribut" an Gott. Er redet auf hebräisch, altgriechisch oder lateinisch, für den fremden, heiligen Gott zum Entgegennehmen, nicht für Menschen, damit sie eine Inszenierung verstehen. Freilich, gestaltende Übersetzungen müssen folgen. Aus "Kyrie eleison" wird: "Herr, Gott, wer Du auch immer bist, hab jetzt ein Einsehen, und gib der Kathrin hier Freude am Französischen!" - "und dem Mike nimm die Bierflasche aus der Hand; sie tut ihm nicht gut". Und dann wieder zurück zum fremden "Kyrie eleison" und zu weiteren Übersetzungen.

Vielleicht wird der eine oder der andere Gast diese Form aufnehmen und eigene Worte finden. Lernen in Religion vollzieht sich als Gestaltung von Überliefertem mit eigenen Mitteln, in Räumen, die das Gestaltete beisammen halten und davor bewahren, dass es sich verleppert oder vertändelt.

IV.

Noch in eigener Sache: Christliche Erfahrung habe ich ein bisschen. Ich habe gelernt, Kirchen abzulauschen, was sie zu ihrem geistlichen Wohlbefinden gerne hätten. Ich kann biblische Geschichten in Kirchen erzählen und auch Psalmen singen. Ich habe Sinn für Liturgie und weiß, Segen zu spenden. Wenn irgendwo in unserem Land dieser oder ein besserer Vorschlag zu "Jugendkirche" aufgegriffen wird: ich bin, - trotz eines gewissen Alters - dabei und mache mit.

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Ulrich Schwab: "Das hier ist meine Kirche!"

Zur konzeptionellen Entwicklung von Jugendkirchen und Jugendgemeinden

Jugendkirchen-Projekte gehören zweifellos gegenwärtig zu den "Rennern" im Feld kirchlicher Jugendarbeit. Waren sie noch vor einigen Jahren nur wenigen bekannt, so entstehen inzwischen an vielen Orten Jugendkirchen und Jugendgemeinden. (1) Dabei ist dies keine Entwicklung, die nur auf den deutschen Sprachraum begrenzt wäre. Im Gegenteil, die ersten "Youth Churches" entstanden im Rahmen der "Anglican Church Planting Initiative" (2) in Großbritannien in der ersten Hälfte der 90er Jahre . Jugendkirchen waren hier Teil einer Bewegung, die neben den großen und unübersichtlichen Kirchengemeinden kleine Gemeindezellen gründen wollte, damit Menschen gemäß ihrem Lebensstil in der Kirche wieder eine soziale Heimat finden. Ein eigenes Gebäude war nicht immer mit der "Youth Church" verbunden. Manchmal waren es einfach nur kleinere Gruppen, die sich regelmäßig im Gemeindehaus trafen. Diese Bewegung war und ist durchaus nicht auf Jugendliche beschränkt, aber die Youth Churches sind aus diesem Kontext als ein speziell auf Jugendliche abzielendes soziales Netz der Kirche hervorgegangen. Seit etwa fünf Jahren entwickeln sich nun auch in Deutschland - hier anfänglich im katholischen Umfeld - Jugendkirchen (mit einem eigenen Kirchenraum) und Jugendgemeinden (als selbständige Gemeinschaft, aber ohne eigenen Kirchenraum).
Wie bei anderen neuen Projekten auch, ist nicht von einer einheitlichen Konzeption auszugehen. Vielmehr entwickeln sich an verschiedenen Stellen bei unterschiedlichen Herausforderungen unterschiedliche Konzepte. Ich möchte im Folgenden einige Projekte vorstellen, um daran die unterschiedliche konzeptionelle Vorgehensweise von Jugendkirchen und Jugendgemeinden zu verdeutlichen.

Die Martinskirche in Stuttgart
Die Jugendkirche in der Martinskirche in Stuttgart verdankt sich einer Initiative, die auf einem Treffen der Haupt- und Ehrenamtlichen der Evangelischen Jugend 1999 entstanden war. Der Arbeitsauftrag an eine Projektgruppe sah vor, gemeinsam mit Jugendlichen eine Konzeption für eine solche Jugendkirche zu erarbeiten. Es wurde betont, dass heute nicht mehr eine in sich konsistente Jugendkultur einer in sich konsistenten Erwachsenenwelt gegenüberstehe, sondern dass auf beiden Seiten eher von vielen kleinen milieuartigen Szenen auszugehen sei. Diese Vielfalt an Lebensstilen könne in herkömmlichen Gemeindemodellen aber nicht mehr aufgefangen werden. Die Jugendkirche sollte nun ein Raum sein, in dem sich vor allem diejenigen Jugendlichen treffen könnten, die von Ortsgemeinden und traditionellen kirchlichen Angeboten nicht erreicht werden. Insofern verstand sich das Projekt als zielgruppenspezifisches Angebot der Gesamtkirchengemeinde Stuttgart. Ausgestattet mit einem umgebauten Kirchengebäude und zwei halben Referentenstellen nebst Zivi kann die Jugendkirche heute erste Erfolge verbuchen. Es gibt verschiedene Jugendliche (und junge Erwachsene), die diese Kirche als ihren Treffpunkt angenommen haben, es gibt Einzelangebote, manchmal mit großer Außenwirkung, und es gibt eher kleine Gruppenangebote wie z. B. einen Gitarrekurs. Eine wichtige Rolle spielt dabei der schon seit vielen Jahren existierende Jesus-Treff, der sich nun regelmäßig in der Jugendkirche trifft, um hier Jugendgottesdienste abzuhalten. Daneben gibt es Konfi-Gruppen, Jugendliche aus dem Kirchenkreis und Stadtteil-Jugendliche, die mal vorbeischauen, sich ins Café setzen und die Jugendkirche eher als eine Art Jugendhaus nutzen. Die meisten der Jugendlichen, die hierher kommen, sind eher Konsumenten des Programms als eigene Programmgestalter. Das religiöse Profil, auf das man hier trifft, reicht von charismatischen und evangelikalen bis diffus-religiösen Milieus. Eine gemeinsame Gemeindevorstellung gibt es bei diesen Jugendlichen - mit Ausnahme des Jesus-Treffs - bisher nicht. Dieses Projekt lebt geradezu davon, nur wenige institutionelle Strukturen ausgebaut zu haben. Eine eigene Gemeindebildung ist nicht im Blick. Die Kooperation mit den Nachbargemeinden ist angelaufen: die Jugendkirche ist z. B. inzwischen ein beliebter Ausflugspunkt für Konfirmandengruppen geworden. Die anfänglichen Bedenken mancher Gemeinden, dass die Jugendkirche die Jugendlichen von der Gemeindearbeit abzieht, haben sich gelegt.


Die "Jugend-kultur-kirche St. Peter" in Frankfurt
Vom Ansatz her nicht unähnlich, aber doch gegenüber der Stuttgarter Jugendkirche mit einem völlig anderen Profil ist das Vorhaben der "Jugend-kultur-kirche St. Peter" in Frankfurt a. M., welches kurz vor der Startphase steht. Auch hier gibt es in Zentrumsnähe ein umgebautes Kirchengebäude, dessen Herzstück ein bis zu 1.000 Personen fassender Konzertraum sein wird. Geplant sind pro Jahr ca. 100 Partys und Konzerte. Dazu kommen noch weitere Performances und Theateraufführungen. Mit dem Projekt sollen ebenfalls Jugendliche angesprochen werden, die sich außerhalb der Reichweite traditioneller Angebote kirchlicher Jugendarbeit befinden. Jugendliche sollen hier agieren, nicht konsumieren, sollen die Räumlichkeiten für eigene Interessen v. a. im kulturellen Bereich nutzen. Religiöse Angebote sind dem locker eingeordnet, stellen aber nicht - wie derzeit in Stuttgart - das Herzstück der Programmpalette dar. Eine Kapelle steht als Ort der Besinnung zur Verfügung. Es ist beabsichtigt, vor allem Jugendlichen aus den jugendkulturellen Szenen der Großstadt Frankfurt a. M. hier einen Treffpunkt anzubieten, an dem sich dann Kirche "ganz anders" präsentieren kann. Es soll eine Veranstaltungskirche für Jugendliche werden, eine "Event-Agentur", der aber auch Workshops, ein Restaurant und Cafè, das Angebot der Jugendseelsorge sowie gottesdienstliche Feiern zugeordnet sind. Der Aufbau fester Strukturen einer Jugendgemeinde ist auch hier nicht geplant und wäre ein Fremdkörper im Konzept einer solchen Jugend-Kultur-Kirche. Eine engere Kooperation mit der Gemeindearbeit der umliegenden Gemeinden ist bisher, soweit ich sehe, nicht angedacht. Eher versteht man sich als ein Angebot, welches die Gemeinden so nie machen könnten und insofern als einen eigenständigen, relativ unverbundenen Zweig neben der Gemeindearbeit.

Die Chemnitzer Jugendkirche
Das dritte Modell bietet uns die Evangelische Kinder- und Jugendarbeit im Kirchenbezirk Chemnitz/Sachsen. Die Evangelische Jugend will hier unter den spezifischen Herausforderungen der neuen Bundesländer ein Angebot sein, das Jugendliche in einer säkularisierten Umwelt mit dem christlichen Glauben konfrontiert und sie auf ihrem Weg zu einer freien und eigenständigen Persönlichkeit unterstützt. Hierzu gehört eine altersspezifische Lebenshilfe im Kontext christlicher Orientierungsmodelle, die Auseinandersetzung mit anderen Religionen und Weltanschauungen sowie die kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und ethischen Problemen. Kirche soll dabei als experimentell erscheinen, d. h. unterwegs sein zu neuen Wegen der Vermittlung von Glaubensinhalten. Schon seit 1997 steht dafür ein eigenes Kirchengebäude (St. Johannis) zur Verfügung, in dem ausschließlich Veranstaltungen für Jugendliche stattfinden. Die Jugendkirche hat zwei Schwerpunkte: Erstens beinhaltet sie eine offene sozialdiakonische Kinder- und Jugendarbeit, zu der das "Café zur coolen Kirche" in der Jugendkirche St. Johannis gehört. Hier bietet die Kirche Kindern und Jugendlichen aus einem sozialen Brennpunktgebiet Hilfe und Begleitung an. In Zusammenarbeit mit der Chemnitzer Tafel wird - vor allem von Kindern genutzt - täglich ein Abendbrot angeboten. Zweitens findet hier eine an den Angeboten der Jungen Gemeinde orientierte Kinder- und Jugendarbeit statt. Hierzu gehören neben den regelmäßigen Jugendgottesdiensten, die alle zwei Monate stattfinden, auch Workshops, Mitarbeiterschulungen und Ausstellungen für Schulklassen, z. B. zum Thema Auschwitz. Die Angebote der Jungen Gemeinde werden vor allem von solchen Jugendlichen wahrgenommen, die auch sonst in einer Kirchengemeinde angetroffen werden. Die Chemnitzer Jugendkirche versteht sich insgesamt als Teil einer überparochialen Gemeindejugendarbeit. Es gibt einen Jugendbeirat, der sich aus haupt- und ehrenamtlichen MitarbeiterInnen zusammensetzt. An eine eigenständige Gemeindeform im Sinne einer autonomen Jugendgemeinde ist nicht gedacht, die Kooperation mit den Gemeinden ist hier besonders wichtig in der Gestalt, dass die umliegenden Kirchengemeinden ihre Jugendarbeit an die Chemnitzer Jugendkirche delegiert haben.
Drei Beispiele einer Jugendkirche in Stuttgart, Frankfurt a. M. und Chemnitz und zugleich drei völlig unterschiedliche Konzeptionen. Während das Modell in Stuttgart sich als zusätzliches Angebot zur Gemeindejugend versteht mit Blick auf die Jugendlichen, die bisher nicht erreicht werden, zielt das Chemnitzer Angebot als gemeindeorientierte Jugendkirche gerade auch (freilich nicht nur) auf die klassische Gemeindejugend. Die Jugend-kultur-kirche in Frankfurt dagegen hat sich konzeptionell am stärksten von der Gemeindearbeit gelöst und zielt auf einen eigenständigen, an kulturellen Events orientierten Bereich.

Die Jugendgemeinde in Leonberg
Auch das letzte hier vorzustellende Beispiel geht noch einmal ganz eigene Wege. In Leonberg (Württemberg) gibt es ein Projekt, das sich dezidiert als eigenständige Jugendgemeinde begreift und darin dann auch keiner speziellen Kirchengemeinde zuzuordnen ist. Entstanden aus einer gut laufenden Reihe von Jugendgottesdiensten, die monatlich von ca. 100 Jugendlichen besucht wurden, steht hier das Bedürfnis nach einer dichteren Vernetzung der Jugendlichen im Hintergrund. Der Jugendgottesdienst, der in freier Form inzwischen 14-tägig so gestaltet wird, wie es Jugendlichen gefällt - also mit einer freien Liturgie, guter Musik, Aktionsräumen etc. - bildet das Zentrum dieses Projekts. Inzwischen hat er einen festen Ort in einem Gemeindehaus, das die Jugendgemeinde jedoch nicht alleine nutzen kann, sondern auch anderen Zwecken dient. Ein eigenes Gebäude hat diese Jugendgemeinde bisher nicht. Der Jugendgottesdienst spricht v. a. Jugendliche zwischen 15 und 22 Jahren aus Realschule und Gymnasium an, die aus dem umliegenden kleinstädtischen Bereich stammen. Der Frömmigkeitsstil, der sich hier entwickelt, ist getragen vom Wunsch nach einer größeren Verbindlichkeit, der über das hinausgeht, was volkskirchliche Kirchengemeinden in der Regel bieten können - und nimmt damit Anleihen an freikirchliche Frömmigkeitsstile. Das Leonberger Projekt war deshalb in den letzten zwei Jahren erfolgreich darum bemüht, aus dem Kreis der Gottesdienstbesucherinnen und -besucher eine Jugendgemeinde mit eigener verbindlicher Gemeinschaftsstruktur zu entwickeln. Es entwickelten sich Leitungsstrukturen und verschiedene Arbeitskreisangebote zur Mitarbeit. Inzwischen ist auch schon der Wunsch nach Kasualien in der Jugendgemeinde geäußert und realisiert worden: ein junger Pfarrer hat in einem Gottesdienst der Jugendgemeinde ein Ehepaar getraut, und auch die ersten Taufen stehen schon an. Das junge Paar wollte unbedingt in "ihrem" Gottesdienst getraut werden. Der Wunsch, auch Kasualgemeinde sein zu können, ist Folge des Verbindlichkeitspostulats, welches diese Jugendgemeinde zusammenhält. Gemeinde wird hier verstanden als gemeinsame spirituelle Lebensform, die sich auch eine auf Dauer tragfähige Struktur wünscht. Dazu gehört zum Beispiel auch, eine eigene Pfarrstelle zugesprochen zu bekommen. Die Jugendgemeinde erlebt sich als eine eigenständige spezifische Form von Kirche-Sein, die sich äußerlich durch das Kriterium Alter und innerlich durch einen spezifischen Frömmigkeitsstil profiliert. Es ist ein landeskirchliches Angebot neben den klassischen Gemeinden, das bewusst für sich stehen will. Es war nicht immer einfach, den umliegenden Kirchengemeinden zu verdeutlichen, dass auch darin keine Rivalität zur klassischen Jugendarbeit gesehen werden muss. Die Jugendgemeinde hat eine ganz spezielle Zielgruppe, die mehr will, als herkömmliche Gemeindearbeit bieten kann. Trotzdem gibt es hier doch zumindest phasenweise Bedenken seitens der umliegenden Gemeinden.
Das, was die Jugendgemeinde in Leonberg in besonderer Weise auszeichnet, macht auch ihr Problem aus: einer auf ein bestimmtes Alter bezogenen Jugendgemeinde kann man nicht ewig angehören. Es entsteht die Frage nach den altersgemäßen Grenzen dieser Gemeindestruktur: Ab wann ist man für diese Jugendgemeinde eigentlich "zu alt" und wie gestaltet sich der Übergang in andere (und welche?) Gemeindeformen? Das wird gerade im Mitarbeiterkreis der Jugendgemeinde diskutiert, ohne dass bisher eine praktikable Lösung in Sicht ist. Hier wäre vielleicht doch eine mögliche Vernetzung mit umliegenden Gemeinden denkbar - vor allem dann, wenn man berücksichtigt, dass sich die Bedürfnisse an eine solche Lebensgemeinschaft vielleicht im fortgeschrittenen Alter und mit dem Aufbau einer eigenen Familie auch wieder ändern können.

Spirituelle Szene oder Kirche
Sowohl die drei vorgestellten Formen von Jugendkirchen als auch diese Jugendgemeinde erleben sich als spirituelle Zentren im Kontext jugendkultureller Szenen. Sind sie damit auch Kirche im theologischen Sinne? Im protestantischen Bereich bezieht man sich für das theologische Verständnis von Kirche gerne auf die Confessio Augustana aus dem Jahre 1530. Demnach ist die Kirche die Versammlung aller Gläubigen, in der das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente evangeliumsgemäß gereicht werden. Es ist vielleicht in unserem Zusammenhang hilfreich, CA VII noch über diese klassische Formulierung hinaus zu zitieren. Hier heißt es nämlich in der deutschen Fassung: "Und ist nicht not zur wahren Einigkeit der christlichen Kirche, dass allenthalben gleichformige Ceremonien, von den Menschen eingesetzt, gehalten werden..." (3). Die protestantische Tradition kennt hier also eine große Freiheit im Bereich des Kultus, solange die Anbindung an das Evangelium gewährleistet ist. Auch wenn man aus heutiger Sicht diese Definition in institutioneller Hinsicht als etwas mager bezeichnen würde und zur Profilierung einer Großorganisation manches zu ergänzen wäre, so lehrt uns der Blick auf die CA doch, dass Kirchen im Dienst der Kommunikation des Evangeliums stehen. An diesem Merkmal gemessen, sind sowohl unsere drei Jugendkirchen als auch die Jugendgemeinde durchaus als Kirche verstehbar. Freilich unterscheiden sie sich in ihrem Bezug auf eine bestimmte Altersgruppe von herkömmlichen Gemeinden. Dafür gibt es aber auch andere Beispiele. So sind auch die Evangelischen Studierendengemeinden (ESG) mit einem gesonderten Dienstauftrag einer Pfarrstelle auf eine bestimmte Zielgruppe bezogen und - etwas weiter davon entfernt - ähnliche Parallelen ließen sich zu Gemeindeformen herstellen, die mit einem Funktionspfarramt in Verbindung stehen (Industriepfarramt, Krankenhausseelsorge, Gefängnisseelsorge). Es gibt also im landeskirchlichen Bereich schon lange neben der herkömmlichen Parochie auch andere, legitime Formen von Gemeinde. Die Idee einer Jugendgemeinde ist dabei übrigens so neu nicht: zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte der Hamburger Pfarrer Clemens Schultz in St. Pauli seine Lehrlingsvereine gegründet, die er sehr wohl als eine eigene Form der Jugendgemeinde ansah (4), und in den 20er Jahren hat der der Jugendbewegung nahe stehende Pfarrer Wilhelm Stählin in Nürnberg eine eigenständige Jugendgemeinde gefordert, der die Jugendlichen nach der Konfirmation angehören sollten. Dabei dachten weder Schultz noch Stählin nur an die Jugendlichen einer Gemeinde, sondern - so Stählin - die Jugendgemeinde sollte eine "Wahlgemeinde" sein, der sich Jugendliche aus beliebigen Gemeinden nach der Konfirmation anschließen konnten. (5) Die bayerische Kirchenleitung hatte die Idee einer solchen "zufälligen Jugendgemeinde" übrigens mit Vehemenz abgelehnt.
Auch heute wird man sicherlich zu weit gehen, wenn man formuliert, Jugendkirchen und Jugendgemeinden wären das einzige in Zukunft tragfähige Konzept. Sie sind aber eine Möglichkeit, neben einem die Generationen verbindenden Angebot der Jugendarbeit in den Gemeinden, ein auf spezifische jugendkulturelle Milieus abzielendes Programm zu entfalten. Denn eines zeigt sich deutlich: die Jugendkirchen und Jugendgemeinden haben ihre spezifischen Zielgruppen und erreichen nicht die gesamte Palette heutiger Jugendlicher. Die bisherigen Erfahrungswerte lassen dabei vermuten, dass es die eher kirchlich und religiös interessierten Jugendlichen sind, die diese Angebote nutzen. Jugendkirchen und Jugendgemeinden sprechen - so zeigt es sich bisher - die Jugendlichen an, die offen sind für ein kirchliches Angebot. Wer von ihnen gerade in volksmissionarischer Hinsicht mehr erwartet, könnte enttäuscht werden. Gegenüber dem "normalen Angebot" liegt der Reiz hier im "eigenen" Raum, der im Falle einer Jugendkirche natürlich ganz andere Möglichkeiten bereithält als ein Jugendraum in einem Gemeindehaus. Und andererseits liegt der Reiz in der größeren Gestaltungsfreiheit, die Jugendliche mit einer Jugendkirche oder -gemeinde verbinden.

Vielleicht sind es nicht einmal so sehr die tatsächlich größeren Gestaltungsfreiräume gegenüber einer Kirchengemeinde, in vielen Fällen ist in Kirchengemeinden heute ja auch Vielfältiges möglich, sondern eher das Gefühl, in den "eigenen vier Kirchen-Wänden" zu sein. Insofern wären Jugendkirchen und -gemeinden dann ein neues Angebot einer Beheimatung im kirchlichen Feld - und das könnte die Jugendarbeit nun wahrlich gut gebrauchen.

Anmerkungen
(1) Klickt man die website des Jugendkirchen-Netzwerks in Deutschland (www.jugendkirchen.org) an, so lässt sich feststellen, dass sich hier in den letzten zwei Jahren bereits über 40 Projekte angesammelt haben.
(2) www.acpi.org.uk/index2.htm
(3) Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche, Göttingen 1979, 61.
(4) Vgl. Schultz, Clemens: Die Vereinigung St. Paulianer Lehrlinge in Hamburg-St. Pauli. Schriften der Zentralstelle für Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen: Jugendklubs, Berlin 1902, 1-18.
(5) Vgl. hierzu meine Ausführungen in Schwab, Ulrich: Evangelische Jugendarbeit in Bayern 1800-1933, München 1992, 331 ff.

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Autorinnen und Autoren des Heftes

  • Dr. Christoph Bizer, Heidelberg
    Professor
  • Rainer Brandt, Josefstal
    Pfarrer und Leiter des Studienzentrums für evangelische Jugendarbeit Josefstal
  • Michael Freitag, Hannover
    Grundsatzreferent der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland (aej)
  • Dr. Thies Gundlach, Hannover
    Oberkirchenrat, EKD, Leiter der Abt. Verkündigung, kirchl. Dienste und Werke
  • Oliver Heck, Oberhausen
    Stadtjugendreferent, Jugendkirche TABGHA
  • Dr. Manfred Josuttis, Friedland
    Professor
  • Sabine Kappelt, Erfurt
    Kinder- und Jugendpfarramt
  • Peter Kolb, Frankfurt/Main
    Pfarrer, Geschäftsführer der Jugend-kultur-kirche sankt peter in Frankfurt
  • Maike Lauther-Pohl, Eckernförde
    Pastorin, Kirchenkreisjugendwerk Eckernförde
  • Frank Lederer, Genthin
    Kreisjugendreferent, Leiter der VIVAVOX Jugendkirche
  • Ricklef Münnich, Eisenach
    Landesjugendpfarrer
  • Dr. Uta Pohl-Patalong, Hamburg
    Pfarrerin und Privatdozentin für Praktische Theologie an der Universität Bonn; z.Zt. Lehrstuhl-Vertretung an der Universität Jena
  • Martin Reppenhagen, Greifswald
    Pfarrer, Universität Greifswald, Institut zur Erforschung von Evangelisation u. Gemeindeentwicklung
  • Helmut Saß, Berlin
    Christus-Gemeinde Berlin
  • Christian Scharnberg, Düsseldorf
    Referent für jugendpastorale Bildung bei der Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz
  • Willi Schönauer, Kuppenheim
    Jugendkirchen - Netzwerk e.V.
  • Dr. Ulrich Schwab, München
    Professor an der LMU München, Lehrstul für praktische Theologie
  • Rolf Ulmer, Stuttgart
    Landesjugendpfarrer
  • Anne Winter, Hessigheim
    Landesjugendreferentin im Evang. Jugendwerk Württemberg, Gesamtleitung des Projekts Jugendkirche
  • Cornelya Zemke, Hannover
    Stadtjugendwartin, Evangelischer Stadtjugenddienst Hannover

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