das baugerüst 3/04 - alt und jung. Konflikt oder Dialog der Generationen

Inhalt

Wolfgang Noack: Das Erbe wird verteilt. Einführung in das Heft

  • JUNG UND ALT
    Yvonne Fritzsche: Forever young. Die Doppelherz-Gesellschaft
    Johannes Taschner: Nicht werden wie die Eltern. Zum Verhältnis der Generationen in der Bibel
    Norbert Blüm: "Du sollst Vater und Mutter ehren..." Ein Gespräch mit Moses über das 4. Gebot und die Alten
    Lebensregeln für ältere Menschen
    Franz Josef Röll: Die Tele-Generation. Jung und Alt vor dem Fernseher und im Fernsehen
  • GENERATIONENKONFLIKT UND GENERATIONENGERECHTIGKEIT
    Stephan Welzk:Demografischer Zangengriff. 2050 – in Deutschland bringt die alternde Gesellschaft neue Herausforderungen
    "Eine Alibidebatte um Generationengerechtigkeit". Ein Gespräch mit Friedhelm Hengsbach
    Harald Klimenta: Die Renten bleiben finanzierbar • wenn alle es wollen
    Warnfried Dettling: Solidarität und Gerechtigkeit in einer veränderten Welt
    Christel Riemann-Hanewinckel: Generationengerechtigkeit als Beteiligungsgerechtigkeit
    Wolfgang Huber: Die Kultur der Anerkennung und die Kraft der Hoffnung. Soziale Veränderungen in Deutschland
  • ZUSAMMEN LEBEN
    Fulbert Steffensky: Überlieferungen und Brüche
    Siegfried von Kortzfleisch: Ohne Erinnern gibt es keine Zukunft. Anmerkungen eines zornigen alten Mannes
    Manfred Kock: Den Glauben weitergeben. Kirche und die nächste Generation
    Gerborg Drescher: Generationen begegnen sich in der Kirchengemeinde
    Rainer Brandt: Jugendliche führen Senioren online

nach oben

Wolfgang Noack: Das Erbe wird verteilt

Einführung in das Heft
Der liebe Opa in der Werbeanzeige, der seinen Enkel mit einem "Werthers Echte" Sahnebonbon von der Beständigkeit des Guten überzeugen will, hat Probleme. Seine Enkel mögen ihn nicht mehr. Es gibt zu viele Omas und Opas, die viel zu lange die mageren Rentenkassen plündern und den Enkeln neben guten Karamellleckereien riesige Finanzlöcher hinterlassen. Jetzt ist Schluss mit lustig. Die Regale in den Buchläden verkünden die wahre Situation: "Die gierige Generation. Wie die Alten auf Kosten der Jungen abkassieren", "Kampf der Generationen", oder "Die deformierte Gesellschaft". Der Spiegel zeigte Anfang des Jahres auf der Titelseite ein Baby in schwarz-rot-goldenen Windeln, das eine Hantel voll älterer Menschen stemmt. Titel: "Der letzte Deutsche".
Deutschland altert. Bis 2020 steigt der Anteil der über 60-Jährigen auf dreißig und mehr Prozent der Gesamtbevölkerung an. Eine dynamische Gesellschaft mit Jugendkult und Jugendwahn verabschiedet sich erst in die Rente und dann ins Pflegeheim. Die heutigen Jugendlichen werden die zwischen 1950 und 1964 geborene Babyboomer-Generation durchfüttern müssen, wenn diese in den nächsten Jahren in den Ruhestand wechselt. Das wird die Gesellschaft nachhaltig verändern. "Die Verteilungskämpfe der Zukunft" schreibt Frank Schirrmacher in seinem Buch "Das Methusalem-Komplott", "werden um Rente und Altenheimplätze ausgetragen".
Erste Proteste kündigen sich schon heute an. So will der Junge-Union-Chef Phillip Mißfelder an der ärztlichen Versorgung von Senioren sparen. Dann begegnen sich wohl zukünftig die zahnlosen 70-Jährigen und die hinkenden 75-Jährigen am Seniorennachmittag um gemeinsam darüber zu klagen, dass die Kasse keine Herzschrittmacher mehr bezahlt. Schirrmacher warnt: "Unsere Gesellschaften können nicht überleben, wenn ihre künftigen Mehrheiten als störend, verbraucht, vergesslich und als Boten des Todes denunziert werden".
Nun haben steigende Lebenserwartung und rückläufige Geburtenraten aus der bekannten Alterspyramide eine Alterspappel werden lassen. Sozialsysteme, allein auf der Grundlage menschlicher Arbeitseinkommen finanziert, stoßen tatsächlich an Grenzen. Nur wird hier der gesellschaftliche Verteilungskampf zum Generationenkonflikt umgedeutet. Entscheidend aber sei, so der Kölner Politikwissenschaftler Professor Christoph Butterwegge, "wie viel Reichtum die Volkswirtschaft erzeugt und auf wen er verteilt wird". (Vergleiche hierzu auch das Gespräch mit Friedhelm Hengsbach auf Seite 38 in diesem Heft).

In seinem Gespräch mit Moses (Seite 20) erkundigt sich der ehemalige Arbeits- und Sozialminister Norbert Blüm warum denn das Volk Israel auf seinem Zug durch die Wüste die Alten und Schwachen so lange mitgeschleppt hat, obwohl sie als Krieger zu schwach und für die Jagd zu unbeweglich waren. Blüm gibt sich selber die Antwort, denn "schon vor zehntausend Jahren wussten die Menschen, dass die Jungen immer für die Alten sorgen". Diese Selbstverständlichkeit gerät ins Wanken. Die Tradition einer solidarischen Gesellschaft passt nicht mehr so recht in eine individualisierte und vom Neo-liberalismus geprägte Gesellschaft. Junge für Alte, Starke für Schwache, Gesunde für Kranke, das alles sind Geschichten aus der guten alten Zeit.

Einstellungen haben Ursachen

In die umgekehrte Richtung bleiben aber auch eine Reihe von Fragen offen. Welche Gesellschaft hinterlassen die Älteren eigentlich der jüngeren Generation" Viel würde da in einem Nachlassgericht auf der Tagesordnung stehen: Ökologie, Ressourcenverbrauch, (Un)friedliche Weltordnung und einiges mehr. Auch die Solidarität, die schon mal selbstverständlicher in den Köpfen der Menschen zu Hause war. Nicht erst seit der Geiz geil wurde bekam diese altruistische Haltung so einen Beigeschmack wie von gestern. An dem Niedergang der Solidarität wurde schon etwas früher gefeilt. Jetzt ist der Katzenjammer groß, da alle jungen dynamischen Banker und Broker in die private Krankenversicherung wechseln wollen, weil der kranke Opa in der gesetzlichen Kasse die Beiträge in die Höhe treibt.

Die Forever-young-Gesellschaft erfanden aber nicht Jugendliche sondern Marketingstrategen der Babyboomer-Generation, die heute bauchnabelfrei oder mit schütterem Haar auf Inlinern in Richtung Ruhestand rasen, ohne zu merken, wie lächerlich sie wirken. In Werbung, Mode und Musik dominiert der Jugendkult, gleich ob die Zielgruppe 20 oder 50 Jahre zählt. Der Mensch altert erst, wenn ihn Anzeigen für Viagra, Inkontinenzwindeln oder Treppenlifte ansprechen. Aber dann ist es schon zu spät. Das Alter, so Karl Lagerfeld, sei eine Demütigung vor der wir alle gleich sind. An der Anti-Aging-Haltung hat dieser Modezar ja wohl fleißig mitgestrickt.

Vielleicht hätten Oma und Opa neben "Werthers Echten" auch einige andere Werte ihren Enkeln nachhaltiger mit auf den Weg geben sollen. Haben sie, schreibt der "zornige alte Mann" Siegfried von Kortzfleisch in diesem Heft und fordert einen "sinnvollen Dialog zwischen Senioren und Junioren" über die Erkenntnisse für das Leben. "Eine dumm geschwätzige Ellbogengesellschaft" gipfelt im Stimmengewirr und allgemeinen Nichtverstehen. Nun ist es müßig darüber zu räsonieren, wer für diese Situation mehr Verantwortung übernehmen muss. In diesen Jahren werden nicht nur die riesigen Vermögenswerte der Aufbaugeneration vererbt. Omas Einfamilienhäuschen, Opas Sparbuch und die Aktienpakete des reichen Onkels wechseln in die nächste Generation. Mit welcher Haltung kommen die leistungslosen Geschenke dort an" Mit welchen Einstellungen zur Solidargesellschaft, zu Menschen, die von Hartz IV leben müssen, zur Verantwortung für das Gemeinwesen" Wenn jedes kleine Mädchen, das heute in diesem Land lebt, eine Lebenserwartung von 100 Jahren hat, und jeder zweite Junge aller Voraussicht nach 95 Jahre alt wird, dann brauchen wir heute "Abrüstungskonferenzen", um einen Krieg der Generationen zu vermeiden. Es wird tatsächlich Zeit für einen Dialog.

nach oben

Yvonne Fritzsche: Forever young. Die Doppelherz-Gesellschaft

Alt werden will jeder. Älter werden will keiner

Im Zeitalter von Viagra, Levitra und sonstigen Potenzverstärkern, in der Ära des Fettabsaugens, des Faltenaufspritzens, der Busenstraffungscremes und Antiglatzenmittel grenzt es vermeintlich an narzisstische Fahrlosigkeit, sein gealtertes Selbst nicht ästhetisch aufzupeppen, sondern sich auf seine natürlichen Stärken zu verlassen und gegebenenfalls zu seinen Falten zu stehen. In dem Maße, wie Schönheit und Jugendlichkeit zu käuflichen Gütern werden, gerät Eitelkeit zu einem ernst zu nehmenden Wirtschaftsfaktor. Weil jung und schön nur bleibt, wer sich auch wohlfühlt, gibt es Hochseilakte der Wellnessindustrie, wo mit Verwöhnorgien und Genussarien nicht gespart wird. Viele Grüße aus dem Tepidarium! Der Wellness- und Jugendwahn prägt - wie jedes Kaufkraftphänomen - zunehmend die Massenkultur. Insofern kann sich der alte Marx ("Die Idee wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift") wenigstens einmal in der Praxis bestätigt fühlen.
Denn wer mit der gestrafften und sportiven Nachbarin nicht mithält, gerät in die Endlosschleife der vermeintlichen Kommunikationserfordernisse: sich rechtfertigen (ich weiß, du liebst mich wegen meiner inneren Werte), sich offensiv verteidigen (ich sehe doch, du schielst ihr immerzu aufs Dekolleté!) oder ablenken (Schatz, schau doch mal, der schöne Baum da drüben!). - Soweit die Klischees. Nun wissen wir alle, dass es auch jede Menge anderer Umgangsformen in reifen Partnerschaften gibt, und dennoch: Wo Rauch ist, ist auch Feuer, wenigstens ein kleines. Der Rauch in diesem Falle drückt sich in Zahlen aus: Das Marktvolumen für Sport- und Fitnessangebote, Wellness- und Beauty-Produkte oder -Behandlungen wird Schätzungen zufolge in Deutschland 2006 ca. 50 Milliarden Euro betragen. Das wäre im Vergleich zu heute noch einmal eine Steigerung um etwa 25%.

Wenn sich Alter vor dem Anblick der Immerjungen zunehmend als unerträglich erweist, ist der Weg frei für die Popularisierung von Anti-Aging-Therapien und Wellness-Zeremonien. Da wird gesalbt und gekurt, was das Zeug hält. Da wird mit Algen, Schlick und Meersalzen entschlackt, da werden Kreide-, Heu- und Kleopatrabäder genommen, Kneippkuren und Vinotherapien, Yoga-Kurse, Power-Walking, Hochseilgärten und Abenteuerparcours zur Persönlichkeitsstärkung oder tibetische Klangschalenmassagen ausprobiert. Bei Ayurveda, Thalasso, Functional Food (z.B. vitamin- und ballaststoffhaltige Drinks oder Energieriegel) hört der geile Geiz endgültig auf. Das ist ein Wachstumsmarkt. Und jeder fünfte Beauty-Kunde ist inzwischen ein Mann. Tendenz steigend. Denn angesichts der allgemeinen "Straffungsoffensive" der Co-Enzyme, Hormoncremes und Vitamindragees gelten steifer Rücken, morsche Knochen, schlaffe Haut oder die Abwesenheit des Waschbrettbauchs schnell als individuelles Versagen.

"Altenwahn – statt "Jugendwahn"

Was also ist dran am "Jugendwahn"? Eigentlich müsste der Artikel nicht von Jugend, sondern vom Alter handeln. Denn an der Jugend geht das Thema der Alten im Wesentlichen vorbei. Zwar gibt es im jugendlichen Wertekosmos tatsächlich eine Wertedimension, die auf den biografischen Erfolg abzielt und sowohl materielle Attraktivität als auch ein angenehmes Äußeres als wünschenswert erachtet und die bei den weiblichen Jugendlichen auf größere Zustimmung stößt als bei den männlichen.

Es handelt sich dabei nicht etwa um die hedonistischen Wünschträume einer Jeunesse Dorée, die sonst keine Sorgen hat, als um die Spiegelung einer gesellschaftlich vorgegebenen biografischen Erfolgsdimension: mit der ästhetischen Verpackung des eigenen Selbst, die durchaus einigen Aufwand abverlangen kann ("das eigene Äußere", "auch in 20 oder 30 Jahren noch gut aussehen", "sich auch mit 30 oder 40 Jahren noch jugendlich anziehen können") und andererseits mit dem materiellen Vorsorge- und Absicherungsaspekt ("viel Geld verdienen" und "viel Geld auf der hohen Kante" als Basis für ein gelingendes Leben, in dem man "vor allem Spaß haben und viel erleben" kann). Eine ansprechende Form der Selbstpräsentation sichert Aufmerksamkeit für den Inhalt, zumal im Zeitalter der Beschleunigung und Flexibilisierung: Wenn der erste Eindruck bei der Bewerbung nicht stimmt, wird man weggezappt, beruflich wie privat.

Dennoch, "Jugendwahn" ist vor allem ein Thema der inline-skatenden Alten oder der Personalchefs. Vielleicht sollte man den "Jugendwahn" daher besser "Altenwahn" nennen. Denn für Jugend ist Jugend kein Thema, sondern eine Selbstverständlichkeit. Dass es für Erwachsene ein Thema ist, und zwar nicht nur eines, über das man in den Feuilletons theoretisiert, sondern von dem man betroffen ist, kann man heute beinahe in jedem Medium verfolgen, selbst im Managermagazin (4/04). Dort wird die Geschichte eines Porschehändlers um die 60 kolportiert, der sich von seiner Frau getrennt hatte und eine umfassende Verjüngungs-OP wünschte. Der Arzt wollte sich auf die richtige Beratung einstimmen und fragte nach dem Alter der Freundin, worauf er zur Antwort erhielt: "Alle drei zusammengenommen sind jünger als meine Ex". Der Porsche-Händler sei nach dem Eingriff nicht wieder bei seinem Chirurgen aufgetaucht. Die Kolportage endet daher mit der Überlegung, dass er inzwischen womöglich gar nicht mehr lebt: "Denn unter der verjüngten Silhouette des Mannes schlug ein normal gealtertes Herz. Und ob das den Stress der neuen Lebensumstände ausgehalten hat, dafür möchte kein Mediziner garantieren." Zwar kann man sich die Fassade tünchen, aber die körperliche, geistige, seelische Unversehrtheit lässt sich eben nicht operativ reanimieren.

Die Generalisierung von "Jugend"

Wenn der Porsche-Händler sich verjüngen lässt, um mit einem (oder wie in dem erwähnten Falle: mehreren) Mädchen abzuziehen, die nicht einmal halb so alt sind wie er selbst, haben dagegen vor allem seine Altersgenossen etwas einzuwenden. An den meisten Jugendlichen gehen solche Dinge vorbei, denn hier scheint inzwischen noch viel stärker als bei den Erwachsenen zu gelten, dass jeder nach seiner Fasson leben soll. Wenn Erwachsene etwas Besonderes tun oder etwas Auffälliges anziehen wollen, um individuell zu wirken, ist das allenfalls "typisch". Und wenn die Mutti jung aussieht und sich geschmackvoll und nicht altbacken kleidet, obwohl sie schon knapp fünfzig ist, hat das nichts wirklich Kritikwürdiges an sich. Im Gegenteil, es lohnt sich eher, dem nachzueifern - siehe oben. Wer wollte schon eine dreißigjährige Mutter, die aussieht wie fünfzig? Insofern sind die Erwachsenen, sofern sie es nicht übertreiben, eher auf einem so richtigen Weg, dass es für die Jungen schon fast niederschmetternd ist. Denn woher sollen junge Menschen angesichts dieser "Verallgemeinerung von Jugend", der typischen Besonderheit understatement-geübter jugendlich oder schrill gekleideter Eltern, ausgefeilter Anti-Aging-Therapien und verständnisvoller inline-skatender Großväter und inmitten all der Porsche-Händler-Beliebigkeit dann eigentlich die Überzeugung hernehmen, dass sie sich von Erwachsenen unterscheiden können, sollen, müssen, wollen?

Die Kaufkraft der 6-19jährigen im Jahr 2002 betrug in Deutschland um die 20 Milliarden Euro. Kaufentscheidungen, erweiterte Zeitbudgets und Handlungsradien - Erwachsenenprivilegien fressen sich notgedrungen immer tiefer in die Kindheit hinein. Übrigens auch die Erwachsenenprobleme. Wir haben es mit einer "Infantilisierung der Armut" zu tun. 1,1 Millionen Kinder erhalten Sozialhilfe, besonders betroffen sind Kinder in kinderreichen und in Ein-Eltern-Familien. Hingegen beobachten wir die "Gerontologisierung des Reichtums", unter den 12% der Westdeutschen und den 22% der Ostdeutschen, die als arm gelten, sind überproportional viele Kinder und Jugendliche. Da mangelt es an materiellen, räumlichen, zeitlichen, kulturellen Ressourcen für die Lebensgestaltung. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass ein armer Junger mit einem armen Alten mehr gemein hat als ein armer Junger mit einem reichen Altersgleichen.

"Kleine Brötchen" statt "großer Entwürfe"

Jugendliche sehen in Erwachsenen schon längst keine richtigen "Gegner" mehr (was Joschka Fischer wohl zu der vorschnellen Behauptung geführt haben könnte, es handle sich um eine "Heia-Popeia Jugend"), an denen man sich reiben, gegen die man aufbegehren könnte. Wo keine Grenzen gesetzt sind, können sie nicht überschritten werden. Wo kein Entwurf ist, da wird es keine "Gegenentwürfe" geben. Auch wenn der Ruf nach einem jugendlichen Engagement und neuen Visionen noch so laut ist: Im Reflex worauf eigentlich sollten sich etwa in den Jugendkulturen die angemahnten "Gegen(!)-Entwürfe" derzeit konstituieren?

Woran sollen sie sich festmachen, wenn sich die Formen alltäglicher Lebensführung kontinuierlich an veränderte Anforderungen anpassen und einen eher situativen und reagiblen Charakter bekommen (müssen)? Woran sollen sie sich festmachen, wenn das Bestehende in seiner Schnelllebigkeit und Komplexität unscharf wirkt und in seinen porösen Grenzen kaum noch zu bestimmen ist? Jeder junge Mensch muss heute an seinem eigenen Lebenslauf eigenverantwortlich basteln und viel Kraft in seine Ausbildung und die Anhäufung von Ressourcen und Optionen investieren, damit seine Biografie überhaupt gelingen kann. Er wird zum Künstler an einem Werk, dessen Inhalt er selbst ist. Es gibt keine lebenslangen Anstellungen, keine Beschäftigungs- und Aufstiegsgarantien, keine klassischen "Leitern" mehr. Eine Karriere für den einzelnen ist immer weniger vorgezeichnet oder wird gar selbstverständlich geebnet - nicht einmal mehr nach jahrelanger "Ochsentour" durch eine Institution, etwa bis an deren Spitze. Buckeln bedeutet nicht mehr automatisch Erfolg. Die Biografiebewältigung in eigener Regie absorbiert zunehmend Kraft.

Zwar haben es die Vorgängergenerationen geschafft, die Risiken ihres verantwortungslosen und expansiven Lebensstils in die nachfolgenden Generationen zu verlagern, etwa bei der Kernenergienutzung oder bei der Rentenformel. Jahrzehntelange Linearitätserwartungen (immer mehr Geld, mehr Gesundheit, mehr Erfolg, mehr Zeit, mehr Straffheit, mehr Spaß...) sind an ein Ende gekommen. Was bleibt, ist der Katzenjammer nach Pillenknick und demografischem Desaster: Kumulierte Rentenansprüche kippen die sozialen Sicherungssysteme, die Immobilienmärkte brechen weg, bis Mitte des Jahrhunderts wird sich die Zahl der 80jährigen bei uns fast verdreifacht haben. Aber warum sollte man es sich als Jugendlicher ohne Not deshalb mit der gütigen Oma, von der sich womöglich gar noch ein Erbe erwarten lässt, oder den Eltern verscherzen um jeden Preis, wo es doch heutzutage viel wichtiger ist, dass man im Zweifelsfall Unterstützung finden kann? Warum sollte man seine Kraft verbrauchen, um etwa gegen den blassen Politiker anzugehen, der bloß "Platzhalter" ist und hilflos selbst betont, dass er im Sog der Globalisierung nur das Notwendige tut? Woher soll eine junge Generation denn, nachdem die verantwortlichen und mutwilligen Gestalter tot sind und nun die Verwalter à la Schröder, Eichel & Co in der "Sachzwang-Opferrolle" regieren, eigentlich noch das positive "Wir-Gefühl" beziehen, dass nur sie es sein kann, die eine schlechte Welt mit schlechten Erwachsenen noch zum Guten wenden kann? Die Erwachsenen wirken ebenso beliebig wie man selbst und auch noch entsetzlich ratlos und verständnisvoll. So erscheint denn auch der Generationenkonflikt sozusagen "weichgespült": Mindestens im konkreten Alltag erfolgt doch heute die Ablösung vom Elternhaus meist nicht durch aggressives Opponieren und Sich-Abgrenzen, sondern nachgerade in Absprache mit den Eltern.

Und der latente Verteilungskonflikt zwischen den Generationen, die politische Sorge um die Aushöhlung der sozialen Sicherungssysteme ist momentan den meisten Jugendlichen noch viel zu abstrakt, er hat sich gerade mal bei einigen Höhergebildeten und politisch (sehr) Interessierten zu einem Thema ausgewachsen. Wer um das Gelingen des eigenen Lebens ringt, wird zudem nicht viel Energie frei haben, um an abstrakten Gesellschaftsfragen zu basteln. Jemand, der gerade die 43. Ablehnung auf seine Bewerbungen bekommen hat, wird mindestens in dem Moment kaum über den Generationen-Konflikt räsonieren. Wer sich nach der Decke zu strecken hat, um den Ansprüchen des Laufrades gerecht zu werden und im Kampf um die Zertifikate und um die Pole-positions beim Erwerbseinstieg mitzuhalten, hat andere, unmittelbarere Sorgen. Von wegen also Spaßgesellschaft. Entspannung, Musik hören, Sport, Wohlfühl-Zuhause, ungezwungen und harmonisch Zeit verbringen mit Freunden oder in der Familie, Kino, Partys, Comedy, Starkult, Glitzerwelt, spielerische jugendkulturelle Selbstinszenierungen, all dies sind Dinge, mittels derer die meisten kontrolliert aus dem Stress des Laufrads aussteigen. Ein Ausstieg auf Zeit, will man nicht biografisches Scheitern riskieren. Anstelle großer Entwürfe oder Generations-Abgrenzungs-Debatten sind heute also flexible Gegengewichte, Harmonie, Kuscheln und "Nesting" angesagt.

Alt werden will jeder. Älter werden soll keiner?

"In einer Gesellschaft, die geprägt wurde durch die Politik der Achtziger mit ihren betrieblichen Abfindungen für 50-jährige und durch die Werbung, in der die Älteren nur in Verbindung mit Potenz- und Blasenschwäche eine Stimme haben, sehen wir Jungen in der Tat mittlerweile ganz schön alt aus!" Die das schreibt und sich zu den "Jungen" zählt, befindet sich "als Studienabgängerin über den zweiten Bildungsweg (also als so genannte Ältere) inmitten der heißen Bewerbungsphase". Sie gibt im Leserbrief an den SPIEGEL 14/2004 in Reaktion auf den Vorabdruck von Schirrmachers "Methusalem-Komplott" ("Die Revolution der Hundertjährigen", SPIEGEL 12/04) zu Protokoll, dass sie sich eigentlich "jung" fühlt - und als "Alte" von Personalern unglaublich diskriminiert wird.

Nun muss man es nicht gleich so ideologisch und alarmistisch sehen wie Schirrmacher und andere Alphatierchen ("Was uns bevorsteht, kommt mit der Wucht einer Naturgewalt." "Die Kultur, die wir geschaffen haben, nimmt den Alternden alles: Das Selbstbewusstsein, den Arbeitsplatz, die Biografie und manchmal sogar das Leben."). Schirrmacher gibt an anderer Stelle selbst die Antwort, warum es zu einer Umdeutung des Alterns in dieser Gesellschaft kommen wird, ja kommen muss: "Altern, diese angstbesetzte und zutiefst verleumdete Lebenserfahrung des Menschen wird zum ersten Mal zum Massenphänomen".

Eben weil das so ist und weil Masse in der Demokratie und in der Marktwirtschaft zum Machtfaktor wird, werden die "Babyboomer" das Altern revolutionieren. Sie werden sich, narzisstisch wie sie sind, als ernstzunehmende "Masse" weder von Politikern noch von Markenartiklern bieten lassen, dass Altern als chronische Krankheit gedeutet wird, die uns bis zum Tode begleitet und der Therapie bedarf. Vielleicht kommen sie zu einem Punkt, der besagt: Altern macht Sinn. Jugendlich wirken ist kein Ziel. Jugendliche Unversehrtheit ist auch Abwesenheit von Veränderung, Erfahrung, Nachdenken. Es ist Abwesenheit des Besonderen. Altern hingegen ist das wirklich Individuelle am Menschen, das ihn unverwechselbar und reich macht, weil er im Altern Intimität mit sich selbst erlebt und Weisheit erringt. All dieser Ressourcen beraubt sich eine Gesellschaftskultur, die Jugend - mithin Stagnation - zum Idol erklärt und Altern für inakzeptabel

nach oben

"Eine Alibidebatte um Generationengerechtigkeit"

Gespräch mit Prof. Friedhelm Hengsbach SJ

Die Alten plündern das Sozialsystem und die Jungen haben Angst im Alter zu verarmen. Gibt es keine Gerechtigkeit mehr zwischen den Generationen?
Hengsbach: Ich kann mit dem Wort Generationengerechtigkeit nichts anfangen. Um Gerechtigkeit wirksam werden zu lassen, muss es lebende Partner geben, denn Gerechtigkeit ist eine normative Beziehung zwischen real existierenden Personen und Gruppen. Es gibt keine Gerechtigkeit zwischen der jetzt lebenden und der noch nicht geborenen Generation.

Aber der Anteil der alten Menschen nimmt zu.
Hengsbach:: Die rein biologischen Faktoren werden in der Debatte überschätzt. Die Lebenserwartung hat sich in den letzten 100 Jahren verdoppelt. Trotzdem wurde dies durch die Produktivität neutralisiert. Oder die Geburtenrate der Frauen geht seit 150 Jahren zurück. Durch Wachstum, Beschäftigung, hohe Erwerbsquoten und Produktivität ist der demografische Faktor entschärft worden. Das wird auch in Zukunft so sein.

Müssen dann alle mehr arbeiten?
Hengsbach:: Die Erwerbsarbeitsgesellschaft kennt nur eine Gruppe von Erwerbstätigen, die Produkte herstellt und eine Gruppe, die nicht erwerbstätig ist. Es kommt nicht auf die Zahl der Erwerbstätigen an, sondern auf das, was diese mit hoher Produktivität an Leistungen erbringen. Die Gruppe der Erwerbstätigen muss ein Volkseinkommen, ein Bruttosozialprodukt erstellen, das sowohl für sie selber, als auch für die Nichterwerbstätigen zum Leben reicht.

Also einschliesslich der Kinder und Rentner.
Hengsbach: Ja, aber es spielt keine Rolle, wie alt oder jung die Mitglieder der Gruppe der Erwerbstätigen, und wie alt oder jung die Mitglieder der Gruppe der Nicht-Erwerbstätigen sind.

Sind wir in der Lage, immer mehr alte Menschen zu finanzieren?
Hengsbach: Ja, wenn die Wirtschaft produktiver wird. Wir haben Probleme der Finanzierung, weil wir die mögliche Wertschöpfung unterlassen. Ein Viertel des vorhandenen Arbeitspotenzials bleibt ungenutzt.

Warum wird es nicht ausgenutzt?
Hengsbach:: Die politisch-ökonomische und monetäre Organisation versagt. Würden Sie einem Bürgermeister die nötigen Finanzmittel zur Verfügung stellen, er könnte genügend Aufgaben nennen, die dringend zu erledigen sind, und privaten Unternehmen die Aufträge erteilen. Diese stellen dann die Arbeitskräfte ein. Es ist eine Frage, wie die Finanzmittel verteilt werden und wofür sie verfügbar sind.

Die Kommunen sind aber pleite.
Hengsbach: Warum bloß? Weil das gesamte Finanzregime zwischen Bund, Ländern und Gemeinden aus dem Lot ist. Die Kommunen wurden auf dem Altar der Steuerreform geopfert. Genug Geld ist da - bei den reich gemachten Privaten, nicht beim arm gemachten Staat.

Warum hat der Staat sich arm gemacht?
Hengsbach: Das marktradikale Dogma lautet: Ein armer Staat ist ein leistungsfähiger, guter Staat. Also haben die Regierungen unter Kohl und Schröder die höheren Einkommensschichten steuerlich begünstigt - eine Fehlentscheidung. Aus dieser miserablen Lage kommt man nicht heraus, indem man nun ruckartig die Steuern erhöht. Das würde einen allgemeinen Aufschrei auslösen. Man muss den Kommunen Kredite, also durch Geldschöpfung finanzierte Mittel zur Verfügung stellen, damit sie ihre Aufgaben leisten und Aufträge erteilen können. Dann kommt eine wirtschaftliche Aufwärtsspirale in Gang.

Wo ist für Sie die Gerechtigkeit zwischen den Generationen verletzt?
Hengsbach: Sie wird verletzt innerhalb derselben Generation - zwischen denen, die arbeiten wollen, und denen, die zur Mehrarbeit gegen ihren Willen genötigt werden. Zwischen den Haushalten ohne Kinder und den Haushalten mit Kindern, zwischen den Wohlhabenden und den Armen.

Nun sollen wir aber bald wieder bis 70 Jahre arbeiten und das 40 oder gar 42 Stunden pro Woche.
Hengsbach: Arbeitszeitverlängerung in einer Phase der Wachstumsschwäche und hoher Arbeitslosigkeit ist widersinnig. Das würde die Arbeitslosigkeit erhöhen. Man denkt vielleicht an ein Zukunftsszenario, da der Arbeitsmarkt total geräumt und die Nachfrage extrem stark ist.

Von Reformen und Umbau ist fast tagtäglich die Rede. Mit der Vollkaskomentalität könne es so nicht weitergehen, heißt es. Ist der Sozialstaat Ihrer Meinung nach am Ende?
Hengsbach: Der Sozialstaat steht hoch im Kurs bei denen, die wissen, dass er ihnen etwas kostet, aber auch nützt. Er wird schlecht geredet von denen, die auf ihn nicht angewiesen sind. Die sind es, die nicht mehr an ihn glauben und die solidarischen Sicherungssysteme gegenüber privater kapitalgedeckter Vorsorge abwerten. Dieser Diskurs wird überwiegend unter den ökonomischen und politischen Eliten geführt, die auf sichere Gewinne oder Beamtengehälter vertrauen können. Die Ihnen vorrechnen, dass es für sie rentabler und billiger sein würde, wenn sie nicht gesetzlich, sondern privat versichert wären.

Lassen sich gesellschaftliche Risiken individuell absichern?
Hengsbach: Nein, zumindest nicht für die breite Bevölkerungsschicht. Der rot-grüne Faden der Agenda 2010 besteht meinem Eindruck nach darin, dass unter dem Zauberwort "Reform" gesellschaftliche Risiken zunehmend individualisiert werden, d.h. man sieht im persönlichen Versagen die Ursache für den Risikofall und sagt dann, dafür müsst ihr privat vorsorgen. Die Grundrechtsansprüche, das Recht auf Arbeit, auf Lebensunterhalt, auf Sicherheit werden in private Vertragsverhältnisse überführt.
(........)

Das Gespräch mit Prof. Hengsbach führte Wolfgang Noack

nach oben

Manfred Kock: Den Glauben weitergeben

Kirche und die nächste Generation

Die Bibel ist voller Geschichten, die vom Suchen erzählen: Die Geschichte vom verlorenen Sohn, der geradewegs in die geöffneten Arme seines Vaters läuft; vom Hirten, der nicht ruht, bis er das verlorene Schaf wieder gefunden hat; von der Frau, die eine verlorene Münze wieder findet und davon voller Freude allen Nachbarinnen erzählt. Solche Geschichten beschreiben anschaulich, wie Gott uns Menschen sucht.
Gott hat uns längst gefunden. Darum ist unser Suchen nicht vergeblich. Gott von ganzem Herzen suchen, das öffnet die Augen für die Wege, die wir Menschen gehen sollen. Diese Erfahrung gilt es, auch in die kommende Generation weiterzugeben.

"Generationenvertrag"

Unsere Gesellschaft ist dringend auf Orientierung angewiesen. Sie scheint keinen anerkannten Wertekanon mehr zu haben. Daher verstärkt sich das Bedürfnis nach Orientierung. Gerade wenn es nur wenige Grundüberzeugungen gibt, die als nötig für gelingendes Zusammenleben gelten wie der Schutz des Lebens und der Würde, die Verlässlichkeit von Bindungen, das Vertrauen in Verträge, das Einhalten von gesetzlichen Regeln - gerade dann wirkt die Überschreitung solcher Normen umso schmerzlicher und wird die Einübung dieser Regeln von einer Generation zur nächsten um so dringlicher. Verantwortung füreinander zu tragen, gehört zu den Existenzgrundlagen unserer Gesellschaft.
Die Verantwortung für die soziale Sicherung der kommenden Generationen zu erkennen und anzuerkennen, erfordert eine hohe geistige Leistung. Die lässt sich nur erreichen mit verlässlichen Maßstäben zur Bewertung unseres Lebensstils, unserer Bildung und unserer sozialen Verantwortung, auf dass wir lange leben und es uns wohlgehe auf dieser Welt, die uns Gott geschenkt hat (5. Mose 5, 16).
Welcher Maßstab wird an unsere Kirche gelegt, die Maßstäbe vermitteln soll, und an die Menschen: Väter und Mütter, Lehrerinnen und Lehrer, Frauen und Männer im Pfarramt und solche in politischer Verantwortung? Welchen Bildern sollen sie entsprechen? Nach dem Maß welcher Erwartungen sollen sie handeln? Und welche Brüche entstehen, wenn die Erwartungen enttäuscht werden?

Bei der Taufe ihrer Kinder versprechen Eltern und Paten, ihren Kindern zu helfen, "dem in Jesus Christus gegenwärtigen, handelnden und offenbaren Gott zu begegnen" (Karl Barth). Die Kirche verspricht, die Eltern dabei zu unterstützen. Unabhängig davon, ob Eltern ihr Kind haben taufen lassen oder nicht, - wenn sie die geistige Entwicklung ihrer Kinder fördern wollen, müssen sie ihnen auch die kulturelle Überlieferung nahe bringen, die unser Land geprägt hat; das ist für unseren Kulturkreis vor allem die jüdisch-christliche. So wie eine Gesellschaft dafür Sorge zu tragen hat, dass kommende Generationen saubere Erde und reines Wasser und den Artenreichtum von Fauna und Flora hinterlassen bekommen, so sind auch die geistigen und religiösen Traditionen zu bewahren.

"Wenn dich dein Sohn morgen fragen wird"? (5. Mose 6, 20), so wird in der jüdischen Tradition das Entscheidende eingeleitet, das die Generationenverpflichtung ausmacht. An Kind und Kindeskinder soll es weitergegeben werden. "Höre, Israel! ER ist unser Gott, ER allein.
Du sollst IHN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von all deiner Kraft.", lautet das Glaubensbekenntnis Israels – faszinierend und eindrücklich. Von einer Generation zur anderen soll es getragen werden. - &Mac226;Du sollst diese Worte zu Herzen nehmen, den Kindern einschärfen. Wo du stehst und gehst, zu Hause und in der Fremde.?

Was ist so faszinierend an diesem Bekenntnis? Warum gilt es als so wichtig? Und warum hören Menschen heute so schwer, wenn es um das Absolute geht? Es sind nicht nur die Jugendlichen, denen die Nachricht von Gottes Annahme und Rettung eine fremde Größe ist. Auch ein großer Teil der erwachsenen Generation hat sich von der Botschaft nicht erreichen lassen. Umso wichtiger muss es für unsere Kirche sein, alles daran zu setzen, dass die Leben rettende Botschaft ausgerichtet wird.

Der Herr, euer Gott, ist Einer. Dieses lebenswichtige Bekenntnis ist nicht ein Satz theoretischer Erwägungen und logischer Ableitung. Es ist die gesammelte Erfahrung einer gelebten Geschichte. Ein Volk wurde zum Zeichen der Völker herausgerufen aus der gestaltlosen Babelwelt, die ihren Turm, das Symbol der Selbstüberhebung, zu bauen trachtet; eine Menschheit, die zerstreut wird unter dem Fluch der Verwirrung ihrer Sprache; angesichts dessen sind Grammatik- und Vokabelkenntnisse zwar nützlich, aber die Erlösung bringen sie nicht. Nur ein neuer Geist kann Verstehen lehren: "Ich habe dich erwählt – du bist mein."

Das Bekenntnis Israels ist nicht vorrational unaufgeklärt. Es ist erlebte Geschichte, religiöse Erfahrung, die nicht verfliegt, weder in den dunklen Phasen einer Jahrhunderte langen Verfolgungsgeschichte noch dann, wenn kühle Rationalität sich über die Erlebnisse hermacht und sie zu pathologisieren trachtet.
Gerade wenn menschlich nichts mehr zu gehen scheint, gerade wenn rationale Konstrukte zu größenwahnsinnigen Staats- und Gesellschaftskonzepten gewuchert sind, gerade wenn terroristischer Irrsinn die Ratlosigkeit auf die Spitze treibt, erweist sich die Gotteserfahrung als Halt und als Gegengewicht. Wo diese Gotteserfahrungen in religiöse Beliebigkeit privatisiert oder ideologisch-propagandistisch verspottet werden, da brechen sie sich neu ihre Bahn.

"Höre, Menschheit", so dürfen wir das Bekenntnis Israels abwandeln. Denn wir Christen haben es von Jesus, dem Juden, der uns und alle Völker einbezieht in die Erfahrung und die Geschichte seines Volkes. Ihm glauben wir Christen seinen Gott. Von ihm wissen wir, dass dieser Gott die Verlorenen sucht und die Kleinen erwählt hat. Von ihm wissen wir, wie riskant das Leben in der Gottesmissachtung ist, das Leben der brutalen Ellenbogen-Gesellschaft und des Zynismus, das Leben des Brudermordes, der Frauenunterdrückung und der Kinderausnutzung.

Junge Menschen – Chance für die Kirche

Vor allem junge Menschen machen heute in der Begegnung mit evangelischer Jugendarbeit in vielen Gemeinden die Erfahrung, dass die Wirklichkeit nicht aufgeht in dem, was einer zahlen und berechnen kann. Immer mehr von ihnen entdecken: Wo Gott abgeschafft oder verdrängt wird, entsteht ein Vakuum, in das neue Mächte einströmen, keine klaren rationalen, sondern verführerische: Mammon nennt das Jesus in der Bibel. Die Jagd nach Geld und Macht zerstört das Zusammenleben, drückt Schwache an die Seite, geht über Leichen.
In der Stille, im Gottesdienst, im Gebet wird Gott auch den jungen Menschen begegnen. Bevor wir den Mangel an neuen Impulsen und heute zeitgemäßen Formen der Sendung zu den Menschen beklagen, tun wir gut daran, auf die hoffnungsvollen Schritte zu achten, die in vielen Gemeinden längst getan werden. Sehr viel Ermutigendes ist zu entdecken. Mit viel Phantasie sind Gemeinden längst dabei, um die gute Nachricht von Jesus Christus in Formen weiterzusagen, die verständlich sind.
Elementarisierung ist nicht nur eine Frage der Methode. Sie wächst jedem von uns in einem individuellen Reifeprozess zu, bei dem Lebens- und Glaubenserfahrungen, Wissen und Sprachvermögen ineinander verwoben sind. Theologinnen und Theologen sollten sich fragen, ob sie die biblische Botschaft nicht oft genug verkompliziert und problematisiert haben und damit das Verstehen und die Sprachfähigkeit der jungen Leute blockieren.
Es geht nicht nur um die Neuausrichtung der Gemeindearbeit, sondern auch um die Teilhabe der Jugendlichen an der Mission Christi. Denn die Jugend ist nicht - wie es oft heißt - die Zukunft, sondern Gegenwart der Kirche. Um selbst eine Zukunft zu haben, muss Kirche die der Jugend innewohnende Kraft zur Innovation nutzen. Die Gemeinde der Erwachsenen kann sich an jungen Menschen orientieren und "suchend bleiben", um einen Suchprozess in partnerschaftlicher Beziehung zwischen den Generationen einzugehen. Die Menschen brauchen beides, die elementaren Grundlagen unseres Glaubens und Glaubenszeugen, die sie mit ihren Fragen und Zweifeln nicht allein lassen.
Wenn unsere Kirche mit ihren jungen Gliedern im Dialog steht, gewinnt sie ihnen gegenüber an Glaubwürdigkeit. Dann kann sie bei ihnen das leidenschaftliche Interesse wecken an den Menschen unserer Zeit, an ihrer Verlorenheit und an ihrer von Gott verheißenen Zukunft. Dabei geht es nicht darum, Jugendliche für eine auf die Lebenseinstellungen von Erwachsenen geprägten Kirche zu erziehen. Vielmehr müssen die in den Gemeinden Verantwortlichen gemeinsam mit den jungen Menschen fragen, welche Kirche diese brauchen, um bei der Bewältigung des Heranwachsens zu helfen.
Man kann den Gemeinden und Kirchenkreisen nur empfehlen, nicht zu belehren, sondern gemeinsam zu lernen, sich regelmäßig Zeit zu nehmen und in einem generationenübergreifenden Dialog Herausforderungen zu benennen und gemeinsame Antworten zu suchen. Auch den Verhandlungen über rechtliche Voraussetzungen zur Beteiligung von mehr Jugendlichen an den Beratungen und Entscheidungen über den zukünftigen Weg unserer Kirche ist zu wünschen, dass jugendliche Ungeduld und das Engagement einzelner Personen und Gemeinden die Phantasie beflügeln. Wenn Jugendliche in der innerkirchlichen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit Gehör erhalten, kann man das Risiko des Anderen und Neuen, das sie vermitteln, als Bereicherung empfinden. Wir sollten jedenfalls vor allem den jungen Leuten, die sich mit uns auf den langen Weg der Beratungen in der Institution gemacht haben, die Erfahrung ersparen, dass sie auf Interesselosigkeit, Ablehnung, Schwerfälligkeit stoßen.

In unserem Lande ist Christsein nicht mit Risiken verbunden. Hier machen wir uns eher gegenseitig das Leben schwer – durch Abgrenzungen und Rechthaberei, durch konfessionalistische Engführung und durch das Verteilen von Ketzerhüten und Ähnliches. All das ist für Jugendliche eher abschreckend als hilfreich. Bei allem Eifer für die Sache Jesu brauchen wir Gelassenheit. Es wird sich schon herausstellen, was vom Geist Jesu Christi getrieben ist und was nicht.

Kommunikation verbessern

Freilich ist der Weg nicht leicht, wenn es gilt, die Kommunikation untereinander zu verbessern. Vor allem finden wir nur schwer eine angemessene Sprache und Feier unseres Glaubens. Alle Befragungen unter jungen Leuten spiegeln die große Distanz zu den überkommenen Formen unserer Gottesdienste. Ernst und steif, unverständlich und langweilig lautet das gängige Urteil. Für viele Jugendliche ist die gottesdienstliche Verkündigung nicht die Quelle ihres Glaubens, sondern die Ursache der gängigen Klischees von Kirche. Der Wunsch nach altersgemäßen Gottesdiensten ist nicht Ausdruck von Gemeinschaftsverweigerung. Gottesdienste müssen den altersgemäßen Lebensstilen und Gesellungsformen entsprechen. Dafür gibt es wirklich gelungene Modelle, die gemeinsam mit Jugendlichen oder von ihnen allein entwickelt wurden. Sie sind übertragbar auf viele Gemeinde-situationen. Noch längst nicht ausgeschöpft sind die in der erneuerten Agende aufgezeigten Möglichkeiten, Jugendlichen spirituelle Erfahrungsräume und Möglichkeiten zur eigenen Ausgestaltung zur Verfügung zu stellen.

Die Welt ist schon gerettet, glauben wir Christen. Darum können sich unsere Kirche und die in ihr Tätigen auch in der Jugendarbeit getrost auf die Kunst des Möglichen konzentrieren. Gott sei Dank müssen wir Gerechtigkeit nicht erfinden. Sie ist uns wie so vieles andere, was wir zum Leben und zum Gelingen unseres Zusammenlebens brauchen, in der jüdisch-christlichen Überlieferung vorgegeben.

Gelingende Kinder- und Jugendarbeit ist ein entscheidender Faktor für die zukünftige Gestalt der Kirche. Als Oase in einer Welt, die ihnen wie eine Wüste vorkommen kann, in der sie daran gemessen werden, was sie leisten und was sie haben, kann die Evangelische Jugend ein Haltepunkt für junge Menschen sein. Darum sollten die Kirchengemeinden einen Resonanzboden bilden für die Interessen von jungen Menschen. Dann werden sie authentisch und qualifiziert arbeiten können und ein Sprachrohr der jungen Generation im gesellschaftlichen Geflecht von Interessengegensätzen bleiben.

nach oben

Autorinnen und Autoren des Heftes

  • Dr. Norbert Blüm, Bonn
    Bundesminister a.D.
  • Rainer Brandt, Josefstal
    Pfarrer und Leiter des Studienzentrums für evangelische Jugendarbeit Josefstal
  • Dr. Warnfried Dettling, Berlin
    Freier Publizist
  • Gerborg Drescher, Josefstal
    Pfarrerin
  • Dr. phil. Yvonne Fritzsche, Frankfurt/M.
    Projektleiterin
  • Dr. Friedhelm Hengsbach SJ, Frankfurt/M.
    Professor, St. Georgen Hochschule, Leiter des Oswald-von-Nell-Breuning-Instituts für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik in Frankfurt am Main
  • Dr. Wolfgang Huber, Berlin
    Bischof von Berlin-Brandenburg, Ratsvorsitzender der EKD
  • Dr. Harald Klimenta, Regensburg
    Volkswirt, Physiker
  • Manfred Kock, Köln
    Ehem. Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland und ehem. Ratsvorsitzender der EKD
  • Dr. Siegfried von Kortzfleisch, Hamburg
    Pfarrer und Publizist
  • Christel Riemann-Hanewinckel, Berlin
    Pfarrerin, Parlamentarische Staatssekretärin im Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
  • Dr. Franz Josef Röll, Maintal
    Professor an der Fachhochschule Darmstadt, Schwerpunkt Medienpädagogik
  • Dr. Fulbert Steffensky, Hamburg
    Professor
  • Dr. Johannes Taschner, Düsseldorf
    Theologe
  • Dr. Stephan Welzk, Berlin
    Referent für Wirtschaft an der Vertretung der Landesregierung Schleswig Holstein

nach oben