das baugerüst 4/04 - Andere Wege

Inhalt

Wolfgang Noack: Andere Wege. Einführung in das Heft
Gerborg Drescher: Umwege - Auswege. Die Biblische Botschaft als Wegbegleiterin

  • VON PERSPEKTIVEN UND PERSPEKTIVWECHSEL
    Wieland Zademach:
    Eure Rede sei Ja Ja oder Nein Nein..... Kirche in einer kapitalistischen Gesellschaft
    Thomas Pfister: Eine neue Kultur der Beteiligung?
    Veit Laser: Tina, dicke Fische und der Traum von morgen
    Von der Notwendigkeit, visionär denken zu lernen
    Christoph Butterwegge: Reformstau? Wettbewerbswahn! Alternativen zum Neoliberalismus
    Christof Bär: Amos und das neoliberale Wirtschaften
    Sascha Liebermann: Freiheit der Bürger statt Arbeitszwang
    Ilka Quindeau: Produktive Fremdheit
    Ein persönlicher Rückblick auf zehn Jahre evangelische Jugend
  • NEUE WEGE
    Karl Foitzik: Umkehr heißt nicht zurück ins Alte. Biblische Impulse
    Günter Ruddat: Alle Jahre wieder - oder doch einmal anders? Das Gemeindejahr entdecken und gestalten
    Dieter Niermann: Auswege und Auszeiten. Anregungen aus der Praxis
    - Neues wagen im Zeitdorf - Leben am Rande der Zeit
    - Unterwegs - Wanderprojekte mit Kindern und Jugendlichen
    - Klostertage - Leben im Wechsel von Arbeit, Stille und Gebet
    Berthold Frieß: Jugendarbeitslosigkeit - (k)ein Thema für evangelische Jugend?
    Irmela Körner: Das einzige, was bleibt. Ein ungewöhnliches Projekt
    Mounir Zitouni: Der Idealist. Transfair-Chef Dieter Overath lebt für Kleinbauern in den Entwicklungsländern
    Joachim Schmidt: Dem Stern nachgehen

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Wolfgang Noack:Andere Wege.

 Einführung in das Heft
"Ein Volk ohne Vision geht zugrunde", mahnen die Sprüche Salomons. Nun ist das mit den Visionen so eine Sache. Der Brockhaus spricht hier von Halluzinationen, bei "der ein in der Zukunft liegendes Ereignis oder eine außerhalb der räumlichen Wirklichkeit liegende Begebenheit ´gesehen´ wird". Das muss etwas mit Hypnose, Fieberdelirium oder Ekstase zu tun haben. So kommen wir nicht weiter.
Martin Buber übersetzt "Vision" mit "Schauung" und Dorothee Sölle schreibt, dass ein Volk "verwildert", wenn es an "Offenbarung" fehlt. Nun sind dies alles große Worte. Wer traut sich schon eine "Vision", eine "Schauung" oder gar eine "Offenbarung" zu?

Aber vielleicht wäre ja ein Perspektivwechsel schon ein Anfang! Standpunkte verändern, gewohnte Blickwinkel verlassen, sich neuen Perspektiven öffnen - dies könnte der Beginn einer Vision sein. Einer Vision vom Zusammenleben der Menschen in dieser Welt, von anderen, gerechteren Wirtschaftsformen, vom Einklang zwischen Mensch und Natur, vom prophetischen Auftrag der Kirche oder eine Vision von Jugendarbeit, die die Gegenwart und Zukunft von Kindern und Jugendlichen im Blick hat.

"Vertraut den neuen Wegen", singen Kirchengemeinden oft am Ende des Gottesdienstes oder beschließt als Ermutigung eine Veranstaltung der evangelischen Jugendarbeit. Nur wer vertraut den "neuen Wegen"? Als Erhard Eppler sich Anfang der 80er Jahre mit dem Buch "Wege aus der Gefahr" in die friedenspolitische Diskussion einmischte, beteiligten sich viele an der Suche nach den "Trampelpfaden aus der Gefahr". Denn, so schrieb Eppler damals, das Neue trete "nicht in Erscheinung als mitreißendes Programm, als beflügelnde Utopie", sondern schon eher "als Zweifel am Herkömmlichen, als tastendes Suchen nach erfüllterem Leben", als "Streit um bislang Unbestrittenes". Viel weiter sind wir nach 20 Jahren auch nicht. Nur ängstigen uns heute nicht mehr die Mittelstreckenraketen (sind die eigentlich wirklich alle abgezogen?) sondern andere Themen schreien nach "Trampelpfaden" oder nach Menschen, die den "neuen Wegen" trauen: die Dominanz des (anonymen) Kapitals über die Menschen, das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen und Religionen oder wie das wachsende Heer von Arbeitslosen würdevoll leben kann.

Landauf landab diskutieren Finanzgremien von Kirchen, Kommunen oder Jugendarbeit, wie sie zukünftig mit wenig Geld auskommen können. Angebote, Einrichtungen oder Häuser stehen auf der Streichliste, weil die Einnahmen wegbrechen und sich eben nicht alles mit Hilfe eines Spendenprojekts kompensieren lässt. Das alles passiert in einem Land mit einem unverschämten privaten Reichtum (täglich wandern in Deutschland 980 Mio Euro Zinsen von Arm zu Reich). Wenn Kommunen wegen klammer Kassen Schwimmbäder oder Büchereien schließen und finanzkräftige Mäzene wie Daimler Chrysler die Deutsche Bank (die großen Gewinne werden nicht im produktiven Gewerbe erwirtschaftet, sondern auf dem Kapitalmarkt) prestigeträchtige (und genehme) Kultur- und Sportveranstaltungen sponsern, so ist das zwar höchst nobel, wird aber die Republik nachhaltig verändern. Welche Vorstandsetage fördert Jugendbildung, alternative Projekte, Partizipation oder kritische Auseinandersetzung mit Globalisierung?


Die Schere im Kopf bremst mehr als der Zensor von außen

Wer neuen Wegen vertrauen will, muss sich erst einmal aufmachen, andere Wege zu suchen. Zu ganz unterschiedlichen Themen fordern die Beiträge in diesem Heft auf, nach Alternativen zu suchen: Zu Wegen der Kirche in einer kapitalistischen Gesellschaft, zur Erweiterung und Rückeroberung der Beteiligung in der Demokratie, zu Möglichkeiten Solidarität neu zu buchstabieren oder zu dem Zwang Freiheit und Würde nur durch (nicht vorhandene) Arbeit zu erlangen. Wer hier neuen Wegen trauen will, muss vertraute Wege oder Denkgewohnheiten verlassen. "Seid realistisch, fordert das Unmögliche" sprühten Jugendliche früher einmal an Hauswände. Es würde heute schon genügen, den scheinbar alternativlosen Wegen einige durchaus realistische, wenn auch unbequeme Überlegungen entgegen zu posaunen (die sollen auch schon Mauern zum Einsturz gebracht haben).
Evangelische Jugend hat mit querliegenden Gedanken und Vorschlägen durchaus eine Tradition. (Ilka Quindeau beschreibt sie in ihrem Rückblick als "Produktive Fremdheit").
Um abseits der gewohnten Straßen Wege zu entdecken beschreibt Günter Ruddat einige Alternativen, das (Kirchen-) Jahr neu zu entdecken und zu bedenken oder fügt Karl Foitzik der bekannten Geschichte vom "Verlorenem Sohn" einige Ausgänge hinzu.
Allen voran aber steht die wohl eindrücklichste biblische Weg-Geschichte. Der Auszug des Volkes Israel aus Ägypten und der Weg durch die Wüste in das gelobte Land. Gerborg Drescher beschreibt diese biblische Botschaft als einen Weg, der sich in die Länge zieht, der Umwege und Sackgassen in sich birgt. Dass es einfach wird, hat ja auch keiner versprochen.
Wobei wir fast schon wieder bei Salomon angekommen wären. Der wusste, dass wir Visionen brauchen, damit wir nicht zugrunde gehen. Visionen, die frei machen für einen Perspektivwechsel, um neue Wege zu finden und ihnen zu vertrauen.

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Gerborg Drescher: Umwege - Auswege

Die biblische Botschaft als Wegbegeleiterin

Das Symbol vom Weg eignet sich wie kein anderes dazu, das menschliche Dasein zu erfassen und zu deuten. Der Weg als Metapher für unser Leben umgreift alles, was uns begegnet und geschieht, was wir erkunden und erleiden, was wir entwerfen und erreichen. Etwas bewegt uns. Wir setzen uns in Bewegung. Gehen unseren Weg. Was andere als rechte Wege oder als Umwege, Irrwege und Sackgassen erkennen mögen, wird für den Einzelnen / die Einzelne der unverwechselbare eigene Weg, neben dem kein anderer mehr denkbar ist. Zum Wesen des Menschen gehört, sich aus dem Gewohnten herauszuwagen, sich zu bewegen und bewegen zu lassen von der Sehnsucht, einmal geborgen und frei am Ziel anzukommen.

Menschen, die sich von Gott auf den Weg haben rufen lassen, bildeten nicht selten eine unverwechselbare Geschichte mit Gott heraus, die quer zu allen früheren Erwartungen verlief, wie die Lebensgeschichten von Martin Luther King, Mutter Teresa und vielen anderen zeigen. Ihre Wege hätten sie sich selbst so, wie sie dann tatsächlich wurden, nicht ausdenken können und mögen.

Am Beispiel der biblischen Geschichte des Exodus möchte ich aufzeigen, wie diese Geschichte den Weg des Volkes Israel begleitet. Sie wird immer wieder neu aufgegriffen, um in die jeweils aktuelle Situation inkulturiert zu werden. Dadurch bekommen die aktuellen Situationen jeweils eine neue Wendung und ein Neuanfang wird herbeigeführt.

Aufbrechen

Die Erzählung vom Auszug des Volkes Israel aus der Sklaverei in Ägypten, der Exodus, ist die biblische Weggeschichte schlechthin. Jedes Jahr fragt an Passah das jüngste Kind: "Warum ist diese Nacht anders als alle anderen Nächte"? Jedes Jahr hören die Teilnehmenden des Passah-Mahles die Geschichte vom Auszug und jeder und jede von ihnen ist verpflichtet, sich so anzusehen, wie wenn er und sie selbst aus Ägypten ausgezogen wäre. Dabei wurde die Geschichte vom Exodus mit großartigen Bildern verdichtet und zu einem Symbol stilisiert.

Die Herausführung aus dem Sklavenhaus Ägypten bedurfte dabei vieler Aufbrüche. Die dramatische Erzählung von Ex 1-15 macht deutlich, dass Aufbrechen nicht immer eindeutig ist. Es ist die Rede von Zweifeln, dornigen und steinigen Herausforderungen, gescheiterten Versuchen und neuen Anläufen. Ja, das Volk Israel bereut sogar den Aufbruch (Ex 14,1-14; Ex 17,1-7) und wünscht sich zurück zu den "Fleischtöpfen Ägyptens". Auf dem Weg durch die Wüste erscheint die Zukunft ungewiss, unsicher, ja geradezu düster. Der gerade Weg in das "gelobte Land" zieht sich in die Länge, birgt Umwege und Sackgassen. In ihm verdichtet sich die Erfahrung Israels mit der eigenen Unfreiheit und den Zwängen, die es sich selbst im Laufe der späteren Geschichte schuf - und der immer neue Auszug aus dieser Unfreiheit.

Die Wegerfahrung des Volkes Israel verbindet sich untrennbar mit seiner Gotteserfahrung. So ist die israelitische Religion eine Wege-Religion und ihr Gott ein Gott, der mitgeht. Die Geschichte des Volkes Israel ist mit dem Bekenntnis verbunden, dass das befreite Dasein unter der Leitung des stets mitziehenden treuen Gottes sich ereignet. Wolkensäule (Ex 13,21) und Gottes Engel (Ex 23,20) zeigen Gottes Gegenwart. Die Wolkensäule gibt den Takt an für Aufbrechen und Niederlassen (Ex 40,36-38). Das Buch Exodus endet mit dieser andauernden Bewegung des Aufbrechens und Niederlassens.

Überschreitung der Grenze

Dann endlich steht das Volk Israel eines Tages an der Grenze des gelobten Landes. Aber warum gehen sie nicht sogleich hinein, sondern kehren sogar wieder um? Was ist passiert zwischen dem Annähern an die Grenze und dem Überschreiten?
An der Grenze sendet das Volk Israel Kundschafter aus, die das Land erforschen sollen. Ihr Bericht von den gigantischen Riesen, die das Land bevölkern, versetzt das Volk in Angst und Schrecken, so dass es stehenden Fußes wieder zurück nach Ägypten will. Die Hemmschwelle zur Überschreitung der Grenze ist zu groß. Das Neue erscheint zu gewagt. Aus mangelndem Mut wird Unmut. In der darauf folgenden Auseinandersetzung zwischen Gott und dem Volk (Num 14) entlädt sich Gottes Unmut über das ständige Murren seines Volkes. Gott entscheidet, dass die, die sich in die Sklaverei zurücksehnen auch dorthin zurück sollen. Die Sehnsucht lässt dann den Weg zurück in Richtung Schilfmeer zur Realität werden. Erst die Generation der Kinder wird in das gelobte Land einziehen. Dazwischen geht es um das Durchhalten zwischen dem Ort, von dem man ausgezogen ist und dem, an den man gelangen möchte. "Der Herr beschütze deinen Ausgang und Eingang" heißt es in Psalm 121 oder "Ausgang und Eingang ... liegen bei dir, Herr ..." heißt es in einem Kanon. Der Zwischenzeit zwischen Aufbrechen und Ankommen gilt der besondere Segen und Schutz. In der Zeit der nun folgenden Wanderung durch die Wüste werden Regeln und Gesetze gemacht sowie der Kult geordnet. Das Neue beginnt jetzt an Gestalt zu gewinnen, sozusagen in einem Zwischenraum, Stück für Stück, etappenweise.

Die Sesshaftwerdung

Die Entscheidung, sich im gelobten Land niederzulassen, stellt die größte Krise im frühen Judentum dar. Sesshaftigkeit in ihren mannigfaltigen Formen bildet neue Knechtschaft, die schlimmer ist als Ägypten, weil man sich selbst zu ihr verurteilt. Immer wieder fühlt sich das Volk Israel herausgefordert neu aufzubrechen. Denn jede Rast birgt die Versuchung, sesshaft zu werden, sich wieder gefangen zu setzen und die spirituelle und geistliche Beweglichkeit mit der körperlichen zu verlieren. Anpassung und Neuordnung, Abbau des Alten und der neue Geist. Wie gelingt es, die neu gewordene Gestalt im Alltag zu leben?

Sesshaftigkeit kritisieren die Propheten, und meinen damit bürgerliche Sattheit und Gewöhnung, welche sich unbetroffen von der Not des Nachbarn breit machen (vgl. z.B. Amos). Sie wenden sich gegen Selbstzufriedenheit und Selbstbeschwichtigung, gegen die Blindheit des Volkes im Blick auf seine Berufung. Sie wenden sich vor allem gegen das geschichtslos gewordene Selbstbewusstsein des Volkes, das seine Herkunft und seine Zukunft, seine Erwählung und seinen Auftrag vergessen zu haben scheint - mit der Folge einer Gegenwart, die leer und sinnlos wird.

Irrweg

Das Volk Israel war in die Irre gelaufen. Die Missachtung der Gebote Gottes, das Brechen des Bundes führen zur Katastrophe, in der das "Volk Israel" in die Verbannung nach Babylon geschickt worden ist. Israel hat sich den Zorn Gottes zugezogen. Der Begriff "Zorn Gottes" ist positiv besetzt und meint einen herrschaftlichen Zorn, meint die politische Leidenschaft zur Durchsetzung des Rechts und zur Rettuderungen, gescheiterten Versuchen und neuen Anläufen. Ja, das Volk Israel bereut sogar den Aufbruch (Ex 14,1-14; Ex 17,1-7) und wünscht sich zurück zu den "Fleischtöpfen Ägyptens". Auf dem Weg durch die Wüste erscheint die Zukunft ungewiss, unsicher, ja geradezu düster. Der gerade Weg in das "gelobte Land" zieht sich in die Länge, birgt Umwege und Sackgassen. In ihm verdichtet sich die Erfahrung Israels mit der eigenen Unfreiheit und den Zwängen, die es sich selbst im Laufe der späteren Geschichte schuf - und der immer neue Auszug aus dieser Unfreiheit.

Die Wegerfahrung des Volkes Israel verbindet sich untrennbar mit seiner Gotteserfahrung. So ist die israelitische Religion eine Wege-Religion und ihr Gott ein Gott, der mitgeht. Die Geschichte des Volkes Israel ist mit dem Bekenntnis verbunden, dass das befreite Dasein unter der Leitung des stets mitziehenden treuen Gottes sich ereignet. Wolkensäule (Ex 13,21) und Gottes Engel (Ex 23,20) zeigen Gottes Gegenwart. Die Wolkensäule gibt den Takt an für Aufbrechen und Niederlassen (Ex 40,36-38). Das Buch Exodus endet mit dieser andauernden Bewegung des Aufbrechens und Niederlassens.

Überschreitung der Grenze

Dann endlich steht das Volk Israel eines Tages an der Grenze des gelobten Landes. Aber warum gehen sie nicht sogleich hinein, sondern kehren sogar wieder um? Was ist passiert zwischen dem Annähern an die Grenze und dem Überschreiten?
An der Grenze sendet das Volk Israel Kundschafter aus, die das Land erforschen sollen. Ihr Bericht von den gigantischen Riesen, die das Land bevölkern, versetzt das Volk in Angst und Schrecken, so dass es stehenden Fußes wieder zurück nach Ägypten will. Die Hemmschwelle zur Überschreitung der Grenze ist zu groß. Das Neue erscheint zu gewagt. Aus mangelndem Mut wird Unmut. In der darauf folgenden Auseinandersetzung zwischen Gott und dem Volk (Num 14) entlädt sich Gottes Unmut über das ständige Murren seines Volkes. Gott entscheidet, dass die, die sich in die Sklaverei zurücksehnen auch dorthin zurück sollen. Die Sehnsucht lässt dann den Weg zurück in Richtung Schilfmeer zur Realität werden. Erst die Generation der Kinder wird in das gelobte Land einziehen. Dazwischen geht es um das Durchhalten zwischen dem Ort, von dem man ausgezogen ist und dem, an den man gelangen möchte. "Der Herr beschütze deinen Ausgang und Eingang" heißt es in Psalm 121 oder "Ausgang und Eingang ... liegen bei dir, Herr ..." heißt es in einem Kanon. Der Zwischenzeit zwischen Aufbrechen und Ankommen gilt der besondere Segen und Schutz. In der Zeit der nun folgenden Wanderung durch die Wüste werden Regeln und Gesetze gemacht sowie der Kult geordnet. Das Neue beginnt jetzt an Gestalt zu gewinnen, sozusagen in einem Zwischenraum, Stück für Stück, etappenweise.

Die Sesshaftwerdung

Die Entscheidung, sich im gelobten Land niederzulassen, stellt die größte Krise im frühen Judentum dar. Sesshaftigkeit in ihren mannigfaltigen Formen bildet neue Knechtschaft, die schlimmer ist als Ägypten, weil man sich selbst zu ihr verurteilt. Immer wieder fühlt sich das Volk Israel herausgefordert neu aufzubrechen. Denn jede Rast birgt die Versuchung, sesshaft zu werden, sich wieder gefangen zu setzen und die spirituelle und geistliche Beweglichkeit mit der körperlichen zu verlieren. Anpassung und Neuordnung, Abbau des Alten und der neue Geist. Wie gelingt es, die neu gewordene Gestalt im Alltag zu leben?

Sesshaftigkeit kritisieren die Propheten, und meinen damit bürgerliche Sattheit und Gewöhnung, welche sich unbetroffen von der Not des Nachbarn breit machen (vgl. z.B. Amos). Sie wenden sich gegen Selbstzufriedenheit und Selbstbeschwichtigung, gegen die Blindheit des Volkes im Blick auf seine Berufung. Sie wenden sich vor allem gegen das geschichtslos gewordene Selbstbewusstsein des Volkes, das seine Herkunft und seine Zukunft, seine Erwählung und seinen Auftrag vergessen zu haben scheint - mit der Folge einer Gegenwart, die leer und sinnlos wird.

Irrweg

Das Volk Israel war in die Irre gelaufen. Die Missachtung der Gebote Gottes, das Brechen des Bundes führen zur Katastrophe, in der das "Volk Israel" in die Verbannung nach Babylon geschickt worden ist. Israel hat sich den Zorn Gottes zugezogen. ng der Unterdrückten. In der Zeit der Ferne von dem Land, das Gott verheißen hat, bekommen die alten Geschichten eine neue Bedeutung. Das Nachdenken über die Ursache der Katastrophe führt dazu, dass der Nachweis sowohl des eigenen Versagens als auch der Treue Gottes zur Warnung für die Zukunft wird und zur Einladung, auf Gottes Wort zu hören und auf Gottes Wegen zu gehen. Gott steht zu seinen Verheißungen, die gebunden sind an den Gehorsam gegenüber Gottes Wort. Sich an sie zu halten und zur Grundlage des eigenen Lebens zu wählen ist Garant für ein gelingendes Leben unter Schutz und Schirm Gottes. Aus dieser Rückbindung kann die Kraft wachsen, neue Aufbrüche zu wagen.

Neuanfang

Und so geht Johannes der Täufer hinaus in die Wüste und tauft am Jordan, womöglich genau dort, wo den Erzählungen zufolge Josua die Kinder der Wüstengeneration durch den Fluss hindurch in das gelobte Land führte (vgl. Lohfink S.88). Johannes will das Volk wieder zurückversetzen in die Wüstensituation Israels, damit es dort wieder lernt, seinem Gott zu vertrauen. Er will es von der Wüste durch das Wasser des Jordans neu an die Grenze des verheißenen Landes bringen. Die Situation des Anfangs wird dadurch erinnert und wiederhergestellt - die Situation einer neuen Generation, die nicht mehr murrt, sondern der Verheißung Gottes glaubt. Ein völliger Neuanfang wird dadurch symbolisiert. Das wirft ein Licht auch auf unser Taufverständnis. Die Taufe führt zum Bruch mit allem, was vorher war. Sie rettet so aus von Generation zu Generation weitergegebenen Zwängen, sie ermöglicht so den Einzug in das neue Land der Verheißung.

Die Propheten der Bibel erzählen immer und immer wieder die Geschichte des Volkes Gottes mit seinem Volk, erzählen vor allem die Geschichten des Auszuges aus Ägypten und die Geschichten der Wüstenwanderung. Das heilspädagogische Geschick der Propheten zu beobachten ist spannend. Sie erzählen sie als Fallgeschichten mit offenem Ausgang, so dass die Hörer und Hörerinnen selbst weiterdenken müssen. Sie erzählen die Geschichte des Volkes Gottes als eine Liebesgeschichte, für die das ständige Umwerben, das sich Nahen und sich Entziehen der Liebenden charakteristisch ist. Sie beschreiben die gegenwärtige weglose Situation mit dem immer noch vertrauten Bild des Exodus und entwerfen daraus einen neuen Aufbruch, verkünden neue Wege Gottes mit seinem Volk.

Literatur
Albertz, Rainer: Religionsgeschichte Israels in alttestamentlicher Zeit. Band 1. Göttingen 1996 2. Auflage
Biehl, Peter u.a.: Symbole geben zu lernen. Einführung in die Symboldidaktik anhand der Symbole Hand, Haus und Weg. Neukirchen-Vluyn 1989
Lohfink, Gerhard: Braucht Gott die Kirche? Zur Theologie des Volkes Gottes. Freiburg 1998
Von Rad, Gerhard: Theologie des Alten Testamentes. Band 1. Die Theologie der geschichtlichen Überlieferungen Israels. München 1987
Von Rad, Gerhard: Theologie des Alten Testamentes. Band 2. Die Theologie der prophetischen Überlieferungen Israels. München 1987

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Karl Foitzik: Umkekr heißt nicht zurück ins Alte. Biblische Impulse

"Ein Mensch hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sprach zum Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Ich will nicht länger hier bleiben. Ich will hinaus in die Welt." Mit dieser Situationsbeschreibung beginnt eines der bekanntesten Gleichnisse Jesu. (Lukas 15, 11ff) Weil es vertraut ist, wissen oder ahnen die meisten, die diese Worte lesen oder hören, das Ende: Ein Gescheiterter kehrt reumütig zurück ins Vaterhaus. Jesus erzählt dieses Gleichnis denen, die sich darüber ärgern, dass der Gott Gestrauchelte nicht abstraft, sondern ihnen seine besondere Zuwendung zuteil werden lässt. Lukas hat dieses Motiv so eindrucksvoll in mehreren Gleichnissen erzählt, dass der Eindruck entstehen konnte: Wer aufbricht, wird scheitern. Bestenfalls kehrt er wieder zurück ins Vaterhaus. Doch darum geht es nicht.
Es lohnt sich, den Ablauf der Ereignisse zu verlangsamen. Warum will der jüngere Sohn weg? Wie hat der Vater reagiert? Wie die Mutter? Die Freunde? Was hat sich nach der Umkehr geändert?

Erste Szene

15 Ehrenamtliche suchen nach Antworten. In drei Kleingruppen konzentrieren sie sich auf die ersten Sätze des Gleichnisses und versuchen, den vertrauten Fortgang zunächst möglichst auszublenden: "Ein Mensch hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen bittet seinen Vater: Gib mir mein Erbteil. Ich will nicht länger hier bleiben. Ich will hinaus in die Welt."
Die Kleingruppen haben 30 Minuten Zeit, um diese Sätze in eine Spielszene umzusetzen. Sie können sich auf einen Dialog zwischen dem Sohn und dem Vater beschränken, können die Mutter, den älteren Bruder, Freunde oder auch den personifizierten Besitz des Vaters oder die personifizierte Arbeit am elterlichen Hof ins Spiel einbeziehen.

Ich habe diese Szene schon mit verschiedenen Gruppen gespielt, mit Ehrenamtlichen, Studierenden, Kirchenvorsteherinnen und -vorstehern und mit Sozialpädagoginnen in der Jugendarbeit. Die kreativen Ergebnisse boten eine erstaunliche Variationsbreite. In der Regel musste sich der jüngere Sohn rechtfertigen. Vater und Mutter versuchten häufig, ihn von seinem Plan abzubringen. Manchmal war der Vater bereit, das Erbe zu teilen, doch die Mutter klammerte und wollte den Sohn nicht ziehen lassen. Nicht selten endete die Szene damit, dass der Vater widerwillig das Erbteil auszahlte und der Sohn trotzig oder mit schlechtem Gewissen das Elternhaus verließ.

Das nochmalige aufmerksame Lesen der lukanischen Sätze erstaunte: Der Sohn bittet um sein Erbteil - und der Vater gibt es ihm. (Lukas 15,12) Kein Tadel, kein Versuch, den Sohn umzustimmen. Nicht einmal mahnende Worte.

Zwischenbesinnung

Welche Erfahrungen in der eigenen Familie und welche Vorstellungen von Gott haben das Spiel der Kleingruppen jeweils geprägt? Selbst Jugendliche, die mit 16 oder 17 problemlos aus dem Elternhaus auszogen, spielten zögernde, tadelnde und nachdrücklich warnende Eltern. Die Vorstellungen über Gott sind in der Regel von Erfahrungen mit dem eigenen Vater geprägt. Ein Gott, der freizügig austeilt und Menschen ziehen lässt, ohne ihnen ein schlechtes Gewissen zu machen, ist den meisten fremd.
Wie könnte diese veränderte Sichtweise den Umgang mit jungen Menschen bestimmen? Einen Versuch erlebte ich vor einigen Jahren bei einer Konfirmation. Der Konfirmator gab die Konfirmandinnen und Konfirmanden im Konfirmationsgottesdienst frei. "Wir haben intensive gemeinsame Erfahrungen hinter uns. Ich habe versucht, euch zu verdeutlichen, was es bedeutet, Jesus an seiner Seite zu wissen. Heute werdet ihr gesegnet. Einige von euch werden in einer Jugendgruppe bleiben. Andere werde ich lange nicht mehr sehen. Ihr alle wisst, dass meine Tür für euch offen steht...." Keine warnenden Mahnungen. Kein heimlicher Tadel. Niemand musste ein schlechtes Gewissen haben, der Konfirmator nicht, aber auch nicht diejenigen Konfirmierten, die nicht vor hatten, Mitglied einer Jugendgruppe zu werden oder weiter regelmäßig Gottesdienste zu besuchen. Die Tür steht offen. Das Angebot gilt.

Zweite Szene

Der Sohn, der mit seinem Erbteil das Elternhaus verließ, zieht nach zwei Jahren eine Zwischenbilanz. Er schreibt einen Brief an seine Eltern und erzählt von seinen Erfolgen und Enttäuschungen.
Je nach der zur Verfügung stehenden Zeit und der Zusammensetzung der Gruppe habe ich diese Szene unterschiedlich gestaltet. Manchmal haben alle Beteiligten tatsächlich einen Brief geschrieben und - wenn sie wollten - auch vorgelesen. Andere hatten 15 Minuten Zeit, sich über einen zu schreibenden Brief Gedanken zu machen. Ziel dieser Einheit ist es zum einen, zu erkennen, dass der Aufbruch des Sohnes nicht zwangsweise zum Scheitern verurteilt ist, und zum anderen, sich bewusst zu werden, welche Erwartungen an gewonnene Freiheit die Einzelnen haben und welche Gefahren sie mit der Freiheit verbinden.
Steht wenig Zeit zur Verfügung, ist nach einer kurzen Einzelbesinnung auch gleich der Übergang zur dritten Szene möglich.

Dritte Szene

Der Sohn besucht nach geraumer Zeit seine Eltern und seinen Bruder. Die gleichen Kleingruppen von haben 15 Minuten Zeit, diese Szene vorzubereiten. Sie erzählen den Daheimgebliebenen von ihren Erfahrungen und antworten auf die Frage, ob und unter welchen Bedingungen sie zuhause bleiben wollen.

Zwischenbesinnung

Erst auf dem Hintergrund geglückter Erfahrungen der Ausgezogenen wird bewusst, was es bedeutet, dass der Vater den Sohn, der als Gestrauchelter zurückkommt, einen besonders herzlichen Empfang bereitet. Nur wenige konnten sich im Spiel übrigens vorstellen, wieder für immer daheim zu bleiben. Zu viel war geschehen. Allen ist bewusst, dass die Rückkehr keine Heimkehr in die alten Verhältnisse bedeuten kann. Auch nicht für den "verlorenen Sohn" im Gleichnis bei Lukas.

Szenenwechsel

Lukas erzählt unmittelbar vor dem Gleichnis vom barmherzigen Vater das Gleichnis vom verlorenen Schaf. Seit einiger Zeit beschäftigt mich eine Verfremdung dieses Gleichnisses, die ein mennonitischer Pfarrer bei der Verabschiedung eines befreundeten lutherischen Pfarrers erzählte. Die verkürzte Wiedergabe soll anregen, das gestellte Thema gedanklich zu umspielen: Umkehr heißt nicht zurück ins Alte!
"Ein Hirte hatte 100 Schafe. Da er ein guter Hirte war, lenkte er ihre Wege und versorgte sie mit allem, was sie brauchten. Die Schafe folgten ihm gern.
Eines Morgens, der Nebel lag noch tief über dem Tal, entdeckte der Hirte ein Loch im Gatter. Er war beunruhigt. Die Schafe spürten dies und kauerten sich enger zusammen. Schnell hatte er das Loch repariert und zählte seine Schafe: 1,2,3 ....97, 98, 99. Eines fehlte. Seine Unruhe wandelte sich in Betroffenheit und Sorge. Was sollte er tun? Er überlegte und entschied sich: Ich bleibe bei den 99. Sie brauchen mich. Die Schafe waren glücklich darüber. Gegen Mittag war eigentlich alles wie bisher. Es vergingen Tage.
Eines Morgens entdeckte er ein neues Loch im Gatter. Im Hirten bohrte die Frage: Warum laufen mir die Schafe weg. Bin ich ein schlechter Hirte? Resigniert reparierte er das Gatter und zählte wieder: 1, 2, 3 .... 97. 98, 99, 100. Auch beim zweiten Zählen waren es 100. Richtig glücklich war er darüber nicht. Zu sehr beschäftigte ihn die Frage, was das alles zu bedeuten hat. Die Schafe erlebten ihn an den folgenden Tagen wie abwesend. Sie hockten zusammen und hörten oft bis tief in die Nacht interessiert den Erzählungen des zurückgekehrten Ausbrechers zu. Das verunsicherte den Hirten noch mehr. Er ahnte eine tiefgreifende Veränderung.
In den folgenden Wochen fand er immer häufiger Löcher im Gatter. Doch keines der Schafe blieb ganz fort. Sie kamen zurück, manche glücklich, manche verunsichert, alle angestrengt, doch keines entmutigt.
Das ständige Ausbessern des Gatters war das wenigste, was den Hirten zu schaffen machte. Was ihn umtrieb, war der veränderte Umgang der Schafe miteinander und mit ihm. Sie waren selbstbewusster, selbständiger, unabhängiger geworden. Bis auf einige, die das alles für sehr gefährlich hielten und sich im hintersten Winkel zusammenkauerten und vom Hirten erwarteten, dass er endlich mit eiserner Hand durchgreift. Manchmal war ihm auch danach, doch es wurde ihm immer klarer, dass das alles für ihn etwas zu bedeuten hatte.
Er durchlebte eine tiefe Krise, litt an der Situation und vor allem an sich selbst, bis er in sich eine Lösung fand: Er riss das Gatter ab.
Während er das unter den irritierten, erstaunten und ängstlichen Blicken der Schafe tat, wuchs in ihm eine große Zufriedenheit. In ihm breitete sich das Gefühl und die Überzeugung aus, das einzig Richtige zu tun.
Die neue Freiheit war ungewohnt und anfangs auch schwierig. Das Vertrauen jedoch und die Achtung, die vom Handeln des Hirten ausgingen, weckte in den Schafen ganz neue Kräfte. Vieles regelten sie jetzt selbstverantwortlich und umsichtig. Aus dem Herrn der Herde war ein Freund geworden. Nicht das Gatter hielt von nun an die Herde zusammen, sondern wechselseitige Verantwortung und ein tiefes Zusammengehörigkeitsgefühl. Angefangen hatte alles mit einem Aussteiger. Ein neues Leben hatte begonnen.?

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Autorinnen und Autoren des Heftes

  • Christof Bär, Nürnberg
    Referent im Amt für evang. Jugendarbeit Bayern
  • Dr. Christoph Butterwegge, Köln
    Professor an der Universität Köln
  • Gerborg Drescher, Josefstal
    Pfarrerin, Supervisorin, Referentin für Schulseelsorge am Religionspädagogischen Zentrum Heilsbronn
  • Dr. Karl Foitzik, Neuendettelsau
    Professor i. R.
  • Berthold Frieß, Stuttgart
    Landesreferent für Jugendpolitik
  • Irmela Körner, Dresden
    Journalistin
  • Dr. Veit Laser, Hannover
    Referent für Entwicklungsbezogene Bildung bei der aej
  • Dr. Sascha Liebermann, Dortmund
    Wirtschafts- und Sozialwissenschaftl. Fakultät, Lehrstuhl Arbeitssoziologie
  • Dieter Niermann, Bremen
    Diakon und Diplomsozialpädagoge
  • Thomas Pfister, Belfast
    Queen`s University
  • Dr. Ilka Quindeau, Frankfurt/Main
    Professorin für Klinische Psychologie an der FH Frankfurt
  • Dr. Günter Ruddat, Bochum
    Professor für prakt. Theologie an der FH Bochum und kirchlichen Hochschule Wuppertal
  • Joachim Schmidt M.A., Herbrechtingen
    Direktor der Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik
  • Dr. Wieland Zademach, Schwaig
    Pfarrer
  • Mounir Zitouni, Königstein
    Journalist

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