das baugerüst 1/03 - Räume und Orte

Inhalt

Wolfgang Noack: Wüsten und Oasen. Einführung in das Heft

  • RÄUME WAHRNEHMEN
    Dieter Niermann u.a.:
    Besondere Orte in meinem Leben
    Christoph Bizer: Kirchen - leibhaftig
    Klaus Raschzok:
    Evangelische Kirchenräume - spirituelle Potenziale
    Wolfgang Schindler: Multitasking - Leben in virtuellen Räumen
    (Un)gewöhnliche Orte
  • RÄUME ANEIGNEN
    Rolf Hanusch: Öffentlicher Raum - privater Raum. Gedanken beim Blick aus dem Fenster meines Büros
    Denkorte - Lernorte
    Städte sind nicht aus Steinen sondern aus Menschen gebaut
    Martin Lechner: Der Raum färbt ab! - Soziale Räume als Lebens- und Lernorte
    Baldo Blinkert: Topographie der Kindheit - Die Bedeutung von Räumen für den Kinderalltag
    Ulrich Deinet: Der Sozialraum - Aneignungs- und Bildungsraum für Kinder und Jugendliche
    Christiane Kürschner:
    Lernort Kirchenraum - Raum der Begegnung
  • JUGENDRÄUME
    Rainer Brandt: Von Jugendräumen und anderen heiligen Orten
    Susanne Schneider-Riede: Ein Raumkonzept für evangelische Jugendarbeit
    Ulf Koischwitz: Lieblingsorte und Traumräume - Ein Gespräch mit Jugendlichen
    Reinhold Ostermann: Räume bewerten und verändern - Eine Übung
    Jürgen Mattis: Kirche Jugend Kultur - Umbau der St. Peterskirche zur Jugendkulturkirche
    Lothar Jung-Hankel: "Wege zur Stille" - Ein Projekt auf dem Jugendkirchentag in Gießen
    Dieter Niermann: Gastfreundliche Gemeinde - Ein Plädoyer
    Reinhold Ostermann: Erkundung eines Raumes - Eine Übung zur Raumerfahrung und Raumsensibilisierung
    Petra Kretschmer/ Anke Kelling-Nafe: Banken - Scheinheilige Räume?! - Religionspädagogische Annäherungen

nach oben

Wolfgang Noack: Wüsten und Oasen

Einführung in das Heft
Wüsten bestehen aus Sand. Manchmal auch aus Steinen, Autos, Warenangeboten oder anderen endlosen und monotonen Dingen. Wüsten verschlingen Menschen, Wüsten sind Orte, an denen der Mensch unterzugehen droht.
Ganz anders Oasen - Orte der Ruhe, der Einkehr, der Besinnung. Oasen lassen sich suchen oder tauchen urplötzlich im Alltagsgewühl auf: Der Sonnenuntergang am Urlaubsstrand, die Bergwiese oder die Bank mitten in der lauten Stadt. Wer an einem heißem Sommertag die brodelnde Fußgängerzone verlässt und eine ruhige, kühle Kirche betritt, wechselt mit Leib und Seele in eine andere Welt. Die Hitze, die Hektik, die unendlichen Eindrücke prallen ab und Stille, Ruhe, Besinnung ergreifen einen. Orte prägen Befindlichkeiten.
Immer mehr werden Oasen auch angepriesen als Zerstreuungsorte, als Spaß-, Freizeit und Vergnügungsparks. Einmal Wüste - Oase und zurück lockt das Inklusivangebot den gestressten Zeitgenossen. Manchmal entpuppt sich die Oase als Fata Morgana.

Orte öffnen oder engen ein. Der großzügige Renaissanceplatz lässt Menschen anders atmen als gedrungene Gassen einer Rokoko-Stadt, das überschaubare Dorf bringt andere Menschen hervor als die globale Megacity. Stadtluft mache frei hieß es einmal, aber die Luft ist heute dort schon verpestet. Städte verlieren ihr Gesicht; einige Sehenswürdigkeiten und ansonsten alles eingeebnet: Mac Donalds, Karstadt, Douglas, Müller Markt, Kamps-Bäckerei. Die Räume dazwischen mit Kleinpflaster, Ruhebänken und rekonstruierten Kandelabern stammen aus dem Katalog für Fußgängerzonenästhetik. Gleich aussehende Orte richten das Denken aus.
Orte werden zu Nicht-Orten. Flughäfen und Bahnhöfe lassen Menschen nicht mehr hier und noch nicht dort sein. Der Raum spielt keine Rolle, wird zur Zwischenwelt, zur Passage ohne Bedeutung. Bahnhöfe sind heute Orte für gehetzte Reisende. Heimatlose, Einsame, zeitlose Müßiggänger haben keinen Platz mehr in den Durchgangsstationen mit eigenem Design. Wohnungslose die Wärme suchen stören die Funktion und werden des Platzes verwiesen.
Die Bedeutung der öffentlichen Räume hat abgenommen. Die Straße, der Bahnhof, die U-Bahn, das Café, das Kaufhaus sind Orte des Schauens geworden, nicht mehr der Begegnung und Unterhaltung. Der öffentliche Raum wird zur Bühne der Selbstdarstellung von Lebensstilen und Moden. Man lässt die Welt an sich vorüberziehen. "Im Zeitalter der Globalisierung, so die Prophezeiungen der Urbanisten, werden die öffentlichen Räume nicht mehr benötigt. Die Öffentlichkeit der Straßen und Plätze wird von riesigen Einkaufsmalls geschluckt oder vom Verkehr. So entstehen Nichtorte - Transiträume ohne Identität und Geschichte: Schnellstraßen, Flughäfen, Hotelketten, Freizeitparks oder Einkaufszentren". (Robert Brammer in "Die Zukunft des Bürgersteigs", Deutschlandfunk).

Menschen ziehen sich in Räume zurück. Standen jedem Bundesbürger Anfang der siebziger Jahre noch durchschnittlich 26 qm zur Verfügung, so sind es heute fast 40 qm (West 40,8qm, Ost 32,8 qm). Der postmodern nüchtern, "ikealike" oder in Gelsenkirchner Barockgemütlichkeit gestylte, privat genutzte Raum wird zum Rückzugsort. Dank Schall- und Vollwärmeschutz dringt nichts hinein in die individuelle Insel - und Premiere erspart sogar bei Kino- oder Stadionbesuch einen Ortswechsel.

Mit der Bedeutung von Räumen befasst sich dieses Heft, mit den öffentlichen und den privaten Räumen, mit den alltäglichen und den heiligen Orten, mit den Lern- und den Zerstreuungsorten. In welchen Räumen fühlen sich Menschen, insbesondere Jugendliche wohl und was sind die besonderen Orte im Leben?
Sind Kirchen für Jugendliche noch besondere Räume? Die großen Kathedralen prägen nach wie vor die Stadtbilder, jedes Kind malt einen Kirchturm in die Dorfmitte. Kirchen gehören dazu - als architektonischer Kunstraum oder als heiliger Ort? Die auratischen Orte suchen und finden Jugendliche heute oft woanders als Erwachsene oder kirchliche Mitarbeiter vermuten. Das Heft lädt ein, sich mit Räumen und Orten auseinander zu setzen, die eigene Wahrnehmung für öffentliche Orte, für Frei-Räume und Flucht-Orte, für vertraute und ungewohnte Plätze zu erforschen. Und es lädt ein, dies zum Thema in der Arbeit mit Jugendlichen, Schülern und Erwachsenen zu machen, um so eigene Wüsten und Oasen neu zu finden.

nach oben

Rolf Hanusch: Öffentlicher Raum - privater Raum

Gedanken beim Blick aus dem Fenster meines Büros

Offene Kirche

Beim Blick aus dem Fenster meines Büros schaue ich auf den Berliner Gendarmenmarkt in seiner ganzen Pracht. Vor mir sein ältestes Gebäude, die Französische Kirche. Immer noch als Gottesdienstraum genutzt von den Hugenotten für die es erbaut wurde von der evangelischen Gemeinde in der Friedrichstadt und von der Evangelischen Akademie als Ort großer Reden und Podien.
Ein öffentlicher Raum?

Nun ja, Gottesdienste sind prinzipiell öffentlich. Stimmt das wirklich? Gibt es nicht so viele Schwellen davor, dass es normalerweise recht privat zugeht in unseren Gottesdiensten und jeder fast jeden kennt, zu schweigen von speziellen Trauungs- oder Taufgottesdiensten im Kreise der Familien?
Richtig öffentlich wird es erst an Weihnachten oder bei großen Anlässen.
"Große" Akademievorträge oder Foren und Konferenzen mit einigen Hundert Menschen erscheinen da schon öffentlicher, selbst wenn mit dem Eintrittsgeld eine ziemlich hohe Schwelle aufgerichtet ist. Ist dann noch das Fernsehen anwesend, scheint die Öffentlichkeit geradezu grenzenlos.
Das Fernsehen kommt allerdings fast nur, wenn alles gut inszeniert ist, Prominente auftreten, interessante Menschen im Publikum sitzen. Bei den Vorgesprächen fallen dann anerkennende Worte: "In Ihrer irren location, was für ein event!"
Ist das ein öffentlicher Raum?
Wähle ich einen anderen Ausgangspunkt, dann sieht es wieder anders aus: Seit langem kämpfen die Gemeinden darum, dass dieses Kirchengebäude möglichst offen ist und damit öffentlich zugänglich. Das geht nicht mehr ehrenamtlich. Ein kleines Serviceunternehmen, durchaus kirchlich orientiert, managt die "Offene Kirche" mit Büchertisch, Führungen und zusammen mit dem Kirchenmusiker und den Pfarrern mittäglich Orgelandachten und Kirchenkonzerten.
Bei den Andachten kommen manchmal nur zwei oder drei. Dazwischen oft nur ein, zwei stille Besucher, die einfach einen anderen Raum suchen im Getriebe der Stadt.
Ist das nun öffentlicher Raum? Oder nicht viel mehr ein Gegenraum, der sich gegen einen kommerzialisierten öffentlichen Raum wendet. "Ich finde dieser Kirchenraum protestiert gegen die vom Kommerz unterjochte Stadt" sagte ein Besucher, der mit einer größeren Gruppe in die Französische Kirche "geflüchtet" war. Er wusste nicht, dass auch dieser Kirchenraum unter strengen Auflagen zu mieten ist. Dazu gibt es auch die anderen Tagungsräume im Angebot und das Restaurant, das eine ordentliche Pacht zahlt. Gäbe es diese Einnahmen nicht, wären viel mehr Kirchensteuermittel nötig zum "baulichen Unterhalt" und den Gehältern der Mitarbeiter.


Frei und aufrecht im öffentlichen Raum

Es gibt offensichtlich schon in diesem einen Gebäude sehr viele Räume mit unterschiedlicher Öffentlichkeit und Privatheit.

Blicke ich aber nun auf den ganzen Platz, so scheint er zumindest in seiner freien Fläche öffentlicher Raum schlechthin zu sein. In der 1848er Revolution standen Barrikaden auf ihm. Kleine Tafeln im Boden weisen darauf hin. Die "Märzgefallenen" wurden am Deutschen Dom aufgebahrt und Adolph Menzel hat sie gemalt. E. T. A. Hoffmann und Sören Kierkegaard wohnten am Rande des Platzes, Fontane ging ins Kaffee Steheley zum Zeitung lesen und diskutieren. Öffentliche Nutzung - na ja. Alte Bilder zeigen immer auch ausgegrenzte Bezirke, Verkaufsstände und andere Attraktionen, die etwas kosteten.
Und heute? Die vielen Tische und Stühle der Lokale um den Platz mit dem teuersten Pflaumenkuchen der Stadt zahlen ganz schön viel für die "temporäre Nutzung". Wer da sitzt, wird von allen gesehen, die vorbeilaufen, aber er muss es sich auch was kosten lassen. Und der arme Bezirk Mitte nimmt viel Geld ein von den Veranstaltungen auf dem Platz: Classic Open Air, Oktoberfestzelt der Bayrischen Vertretung, Kundgebung von Scientology, Jubiläum des Handwerkerbundes, Auftakt zum SPD-Wahlkampf mit dem Kanzler. Immer wieder im öffentlichen Raum Aufbauten, Absperrungen, nicht selten Lärmbelästigung, für die, die rund um den Platz arbeiten "dürfen" z. B. in Büros wie dem meinem.

Der öffentliche Raum wird zu einem schönen Traum. Ich möchte ihn gerne mit Freiheit und Demokratie verbinden, ein Raum in dem sich Bürgerinnen und Bürger frei und aufrecht bewegen können.
Daraus scheint ein Raum der wirtschaftlichen Zwänge und der pluralen Konsumangebote geworden zu sein zu dem - auch wenn´s weh tut - längst auch Kirchenräume gehören.
Vieles von dem, was ich für den öffentlichen Raum erträumt habe, gibt es heute im Privaten. In meinen eigenen vier Wänden, da bin ich frei, kann reden, was ich will, mich an- und ausziehen wie ich will, einladen wen ich will, Feste feiern (wenn´s nicht zu laut wird) oder zumindest Menschen suchen, deren privater Raum ein ganzes Haus ist samt Garten oder Park. Ist solch ein Traum nicht wesentlich realistischer, als diese Fama vom öffentlichen Raum?
Privatbesitz als letzter öffentlicher Raum?


Widerspruch braucht Räume

Von meinem Fenster im fünften Stock sehe ich auch das Figurenprogramm der Plastiken auf der französischen und deutschen Kirche und ihre schmucken Türme, die beiden "Dome", wie die Berliner sagen. Der König, es war der Alte Fritz, wollte auf den Kuppeln ganz oben in Gold die Figuren von Glauben und Vernunft und entwarf ein Programm für die Figuren und Reliefe weiter unten. Motive der Antike sollten des Königs Visionen von Aufklärung darstellen. Nach einigem Protest überließ er schließlich die Figuren darunter der Kirchenleitung der Hugenotten. Diese wehrten sich intelligent und bibelkundig (von wegen Glaube und Vernunft!): In Richtung Schloss stellten sie alle königskritischen Propheten auf und wählten für das Relief im Giebelfeld zum Platze die Rede des Paulus auf dem Areopag in Athen. "Ihr Männer von Athen....ich bin umhergegangen und fand einen Altar mit der Aufschrift: Dem unbekannten Gott. Nun verkündige ich euch diesen Gott..."
Da wurde öffentlich widersprochen, die Wunschbilder des Königs aus selbstbewusstem Glauben heraus entlarvt und zugleich eigensinnig gedeutet.
Die DDR-Oberen haben zum Stadtjubiläum 1985 dies alles korrekt rekonstruiert und dabei gewiss noch weniger verstanden als der kluge König.

Öffentlichkeit entstand und entsteht hier durch Kritik, durch Widerspruch. Menschen wollen sich emanzipieren von Vorschriften und Herrschaftsansprüchen.
Mir scheint, die am Gendarmenmarkt exemplarisch sichtbare Funktionalisierung von öffentlichem Raum durch Kommerz und Konsum heute, führt über den überkommenen Gegensatz von öffentlich und privat hinaus. Öffentlichkeit hängt immer weniger von Besitz und Herrschaft ab, sondern von den Inhalten und Intentionen bei der Nutzung von Räumen. Noch so öffentliche Kultur "umsonst und draußen" kann inhaltlich banal sein, Kultur ohne Stachel, die sich wie ein Schaumteppich über die Risikogesellschaft legt.
Andererseits kann eine äußerlich völlig gleiche Veranstaltung in hohem Maße "öffentlich" sein, wenn in ihr Menschen sich emanzipieren können, in Texten, in Bildern, in Musik Erfahrungen machen, die aufklären, die ihnen eine andere Sicht der Dinge geben, die motivieren für ein richtigeres Leben.
Dies kann allerdings auch in Räumen geschehen, für die Eintritt verlangt wird, zu denen nicht alle Zutritt haben.
Dies gilt auch für Kirchenräume. Die Revolution von 1989 kannte in der DDR Kirchen, die umstellt waren von den Sicherheitsorganen, in die manchmal niemand mehr rein oder raus kam und die doch ganz und gar eindeutig öffentlich waren. Auch die Französische Kirche in der Friedrichstadt auf dem Gendarmenmarkt hat dies erlebt.
Auch ganz private Räume, wie die "Küchensalons" im Prenzlauer Berg der DDR-Oppostionellen gehören hier genannt mit Lesungen und Diskussion in Küchen und Wohnzimmern. Und wer hier vom Salon spricht, weiß auch um die Kultur der Salons in Berlin, deren bekanntester am Rande des Gendarmenmarktes in der Jägerstraße lag, "gehalten" von Rahel Varnhagen.
Die Gedanken beim Blick aus meine Bürofenster führen mich zu einem Plädoyer für eine Öffentlichkeit als Ausdruck einer Kultur, die das Triviale eines an die Hauptströmungen der Gesellschaft angepassten Betriebs immer wieder übersteigt. Es geht ihr um Transzendenz, die allen Schaum, alle Lüge, allen Nebel durchdringt. Eine Kultur, die offen ist für das Fremde, das Unheimliche, das ganz andere der Religion. Nicht in unreflektierter Übernahme, sondern in kritischer Auseinandersetzung, im Gespräch, im Streit und im Fest.
Solche Öffentlichkeit braucht Räume, sie kann sie sich fast überall erkämpfen. Es ist aber nicht schlecht, wenn geeignete Räume mit Geschichte, zu denen gewiss viele Kirchen, Plätze und Straßen gehören, dafür offen sind. Oder ganz praktisch, von Menschen wie Du und Ich, offengehalten werden.

Anmerkung: Die meisten dieser Gedanken verdanke ich meinem Lehrer Christof Bäumler, dessen letztes Buch: "Menschlich leben in der verstädterten Gesellschaft. Kirchliche Praxis zwischen Öffentlichkeit und Privatheit", Gütersloh 1993, weiterhin sehr lesenswert ist.

nach oben

Rainer Brandt: Von Jugendräumen und anderen heiligen Orten

"Unsere Räume"

Kaltes Neonlicht gleitet über die rauverputzten Wände unseres Besprechungsraumes. Der neu erstellte nüchterne Zweckbau der frühen 60iger Jahre bildet den Rahmen für meine ersten ehrenamtlichen Erfahrungen in der Jugendarbeit. Unser quadratisch-praktisches Zimmer steht allen (Leitungs)-Gremien der Gemeinde zur Verfügung, entsprechend sind die Wände neutral gestaltet. Den kalten Stahlträgern der Tischgestelle entsprechen die abwaschbaren, hellbraun gemaserten Kunststoffplatten. Die Stühle sind hart und unbequem. Ich entsinne mich gut an die ewig wiederkehrende Diskussion, dass in solchen Räumen Jugendarbeit einfach nicht möglich sei. Schon damals wurde diese Beschwerde abgetan mit dem Hinweis, wem die Themen ausgehen, der widmet sich der Raumfrage. Ich will es anders sagen. Trotz der äußeren räumlichen Bedingungen, eröffnete sich mir damals ein Raum, ja viele Räume für Begegnungen, die ohne diesen örtlichen Kristallisationspunkt so nicht möglich gewesen wären. Gemeinsame Wochenenden in Freizeithäusern, thematische Ausflüge in mir neue Welten, Begegnungen mit fremden Gedanken, erste Freundschaften, Frei-räume, Lern-räume außerschulischer Bildung - hier lernte ich Gruppen zu leiten, öffentlich zu reden, Macht zu erlangen und sie wieder abzugeben, das Aushandeln von Kompromissen und vieles mehr. Mit dem Eintritt in diesen nüchternen äußeren Raum, erschlossen sich mir so Räume, die ich nicht missen will. Hier erlebte ich wahr- und ernstgenommen zu werden, konnte ungezwungen Gleichaltrigen begegnen und Menschen, die mir Vorbild waren im Sinne von Zuspruch und Widerspruch.
Und dann war`s soweit. Einmal im Jahr war vieles anders. Plötzlich verwandelte sich das kühle Haus in eine große Partyzone. Die überdimensionierte Garderobe vor der obligatorischen Kegelbahn im Keller wurde zur Thekenzone und in diversen Räumen des Untergeschosses - den strengen Blicken entzogen - durfte all das versucht werden, was ich als damalige Jugendkultur bezeichnen will. Am Ende der 70iger Jahre kommt der Drang aus den Kellern, Jugendarbeit kehrt ans Licht zurück.
Jahre später werde ich, jetzt hauptamtlich, feuchte Räume vorfinden und manchmal gar keine und dann wieder richtig edle, in denen fast alles verboten ist. Die offene Jugendarbeit zieht bisweilen die Konsequenz und sucht in Bauwägen oder anderen kleinräumlichen Alternativen das Weite. Zur allgemeinen Zufriedenheit, weil so der Beobachtung, der Auseinandersetzung aber auch der Begegnung entrückt zu sein. Wo Veränderungen nicht vorgesehen sind, wird es schwer bis unmöglich sich zu verständigen. Ein bestimmendes Thema der Jugendarbeit bleibt entsprechend die Raumgestaltung. Mit dem Problem, dass wir gerne in der Kirche auch Gemeindehäuser für die Ewigkeit planen, einschließlich mit milieubesetztem Zugangscode. Immer wieder musste ich schlichtend eingreifen, wo die Initiative Jugendlicher an Beschlüssen des Kirchenvorstandes scheiterte. Dies betraf ästhetische, finanzielle und baurechtliche Grenzsetzungen, die zumindest immer in der Gefahr waren durch einseitige Inanspruchnahme der Definitionsmacht, das berechtigte Anliegen der Jugendlichen abzuwerten. Das besitzergreifende Fürwort in der Rede von "unseren Räumen" erinnert an die Chance der Identifikation, der Beheimatung. "Durch die zunehmende Individualisierung unserer Gesellschaft gewinnen Gruppen und Räume, in denen man sich - in aller Unverbindlichkeit - als Person ernst- und angenommen fühlt, ernorme Bedeutung" (1), weil sie Sehnsüchte und Wünsche bewusst machen und zu ihrer Verwirklichung beitragen können. Auch die 90iger Jahre bleiben nicht ohne Herausforderungen. Jetzt heißt es, seinen jugendkulturellen Ort zu behaupten zwischen den Bobbycars und dem Plastikspielzeug der entstehenden Eltern-Kind-Gruppen. Wenn Gemeindehäuser milieubedingt immer schon jeweilige hier vorherrschende Lebensgefühle widerspiegeln, bleibt der Auftrag auch heute Freiräume zu schaffen, die Veränderungen zu lassen, weil diese öffentlichen Räume nicht das Wohnzimmer von denen sind, die diese jeweils besetzen. Dies gilt natürlich auch für Besetzungen seitens der Jugendarbeit, wobei hier zu bedenken ist, dass der starke Wunsch Jugendlicher sich zu gesellen "in Schule, Ausbildung und Studium und in ihrer Freizeit weit entfernt von der Familienplanungsphase" (2) räumliche Voraussetzungen braucht, die sich unterscheiden von denen anderer Lebensphasen. Entsprechend fordert die Erklärung für eine kinder- und jugendfreundliche Kirche der Landesjugendkammer der Evangelischen Jugend in Bayern, unterstützt durch den Beschluss der Landessynode, die Gemeinden auf, in ihrem räumlichen und personalen Angebot, in ihren strukturellen und materiellen Rahmenbedingungen jungen Menschen Raum, Einfluss und Gestaltungsmöglichkeiten zu geben. Der dazugehörende Katalog zur Orientierung und Weiterarbeit stellt die Frage: Stehen Kindern und Jugendlichen geeignete Räumlichkeiten zur Verfügung, die sie selbst gestalten und verwalten können? Ebenso, ob und wie diese in Beratungen, Planungen und Entscheidungen miteinbezogen werden? (3) Ob diese Erklärung etwas zur positiven Gestaltung des Miteinanders und das Öffnen von neuen Räumen bewirken konnte, wage ich abschließend nicht zu beurteilen. Angesichts des finanziellen Spielraumes und anderer Prioritätensetzung könnte hier zukünftig wieder mehr Eigeninitiative gefragt sein, die Mut macht Lösungen zu suchen, die nicht für die Ewigkeit bestimmt sind. Jugendlichen könnte dies entgegenkommen und ihrer Kompetenz, Räume und Plätze von und für Jugendliche so zu gestalten, dass sie anregend, einladend und auffordernd wirken auch mit vergleichsweise geringeren Mitteln. Voraussetzung bleibt allerdings, dass Verantwortliche in den Gemeinden sie ernst nehmen und personell unterstützen im Verhandeln um Gestaltungsfreiheit und notwendige Mittel.

Meine bisherige Engführung auf Räume im nahen Wohnumfeld vergisst nicht den besonderen Stellenwert von Jugendfreizeithäusern. Für viele sind sie, nicht nur in der Vergangenheit, ein wichtiger Ort für Beheimatung geworden. Auch dann noch, wenn vor Ort diese nicht mehr stattfand. Insofern gilt auch hier die Notwendigkeit der Ausgewogenheit zwischen örtlichen und überörtlichen Angeboten. Letztere haben dann eine Chance, wenn sich Verantwortliche erinnern an die hohe Bedeutung dieser Orte für ihre Persönlichkeitsentwicklung. Vielleicht geht ihnen dann, wie mir ein Licht auf, wie sehr der Eintritt in einen Raum, andere Türen in diese Kirche und Gesellschaft öffnen konnte, die ansonsten verschlossen geblieben wären.

Holy Place

"Holy Place" so verheißt die Tafel am Eingang der alt-ehrwürdigen Kathedrale. Sortierten noch in früheren Jahren Männerhände fünf Finger breit den Besucherstrom auf Sitte und Anstand, so sind es heute Schilder, die den Verzicht fordern vor Betreten des heiligen Ortes: No Shorts, no Decollete, no Pommes, no Flash. Grenzsetzungen, die das Vertrauen verloren haben, dass der Ort selbst Kraft genug hat, eine Angemessenheit im Verhalten hervorzurufen. Wobei für mich weder Shorts noch ein Dekolleté im Widerspruch stehen zum Erleben dessen, was offensichtlich Kirchenräume bis heute ausstrahlen können. Im Sinne von Räumen, die mich erinnern an Dimensionen im Leben, die in der Unübersichtlichkeit abhanden gekommen sind. Es sind nicht nur die Ereignisse der letzten Jahre, ob in New York, Erfurt oder an anderen Schreckensorten, wo Kirchen neu zum Schutzraum wurden, einem Hort für Fragen, einem für Bilder und ihren Antworten, einem Ort, um Kerzen und Gebete zu pflanzen in eine Tradition, die mir dort entgegentritt. Zu den Erlebnisqualitäten des Kirchenraumes gehören Ruhe und Stille, die Chance des Abschaltenkönnens, des Rückzugs, aber auch die Vermittlung des Gefühls von Erhabenheit, Geheimnisvollem und Unerklärlichem. Sie lassen den Einzelnen aufgehoben sein, auch in der Erfahrung von Gemeinschaft. Das hier Beschriebene begrenzt sich nicht nur auf Kirchenräume. Ich denke an Orte in der Natur zu Tag- und Nachtzeiten, an Süd- oder Nordkurven in Stadien, das Bad in der Menge im Konzert, die Begegnung mit der Ruine auf der Waldlichtung, die heimatliche Küche und das Bett. Es sind besondere Orte mit Erlebnisqualität, gerne beschrieben auch mit der berühmten Gänsehaut-Erfahrung. Umso mehr will ich sprechen für die Befreiung von Kirchenräumen aus der Hand von Museumswächterinnen und -wächtern oder falsch verstandener protestantischer Nichtbeachtung des Raumes durch Hinweis auf CAVII 4. "Schleiermachers These, dass das Wesen des Kultes von kultischen Räumen unabhängig ist"(5) schließt ja eine Beachtung des Raumes nicht aus. Tatsächlich entdecken Jugendliche Kirchen als Räume, die eine Botschaft hinterlassen, wie Winfried Gross, ehemaliger Nordelbischer Jugendpastor im Vorwort zu der wichtigen Materialsammlung "gänsehaut - wenn mir heilig wird" (6) schreibt. Nach seiner Beobachtung sind es eher altehrwürdige Kathedralen als die Mehrzweckkirchen der 60er Jahre, die Jugendliche vorziehen. Ich entsinne mich gut über das Kopfschütteln in einer Kirchengemeinde, die so stolz darauf war, einen Kirchenbau zu besitzen, der keinen großen Unterschied zwischen innen und außen aufwies. Das Straßenpflaster war bewusst bis zum Altar durchgezogen und die Innenwände des Sakralbaus waren so trist wie die der sie umgebenden Satellitenstadt. Welch ein Wunder, wenn Jugendliche diesen Raum nicht anders betraten als ihren Marktplatz. So nutzten sie das Gefälle zum Altar für ihre Skateboards. Zugleich erlebe ich anderes. Konfirmandinnen und Konfirmanden, die aus alltäglichen, auch tristen Räumen, Festsäle für Gottesdienste verwandeln, mit Inseln und Oasen, mit Lichtern und Wasserecken, Blumen und Symbolen ihrer Welt. Junge Erwachsene, die mit Begeisterung die Besonderheit alter Kirchenräume zum Leben erwecken, ihre Welt inszenieren in Zwiesprache mit der vorgegebenen Tradition des Raumes. Sie verstehen nicht, wenn ihnen die Aneignung von diesen auch altehrwürdigen Räumen auf eben ihre Weise verwehrt wird mit dem strengen Hinweis: Ja nichts zu berühren und schon gar nichts zu verändern. Verständlicherweise setzt der kunsthistorisch bedeutsame Raum denkmalpflegerische Grenzen, mehr als ein sehr frei zu gestaltender Sakralbau heutiger Zeit. Umso mehr besteht die Herausforderung, den jeweils vorhandenen Raum zu befragen auf seine Möglichkeiten, die in der Begegnung mit ihm über ihn hinausweisen. Die Entdeckung von Kirchen-Räumen als Orte von Selbstexpression und Stilisierung des Glaubens, sehe ich als wichtige Aufgabe, ohne die "tiefe Kluft" zwischen Jugendkultur und kirchlicher "Durchschnittskultur" übersehen zu wollen, auf die eindrücklich Martin Lechner hinweist.(7)

Wenn der Jugendarbeit nach wie vor die Aufgabe zukommt, "Räume anzubieten", in denen Jugendliche sich zu anderen in Beziehung setzten können, wo sie "erkennbar" werden, sich "bemerkbar machen können", ihr Leben "zeigen können" (8), dann muss es kirchlicher Jugendarbeit darum gehen, auch Räume zu öffnen, die mich selbst in Beziehung setzen mit den Dimensionen, die über mich hinausweisen. Das räumliche Potenzial dazu ist groß, leider wird es immer noch zu oft museal verwaltet. Dennoch will ich die Aufbrüche nicht übersehen, die versuchen Räume neu zu besetzen, indem sie sich auch von deren Fremdheit inspirieren lassen. Hier sehe ich eine Aufgabe für die Aus-, Fort- und Weiterbildung von ehrenamtlich und hauptberuflich Mitarbeitenden, mit dem Ziel der Sensibilisierung für raum-pädagogische und -theologische Fragen.

Anmerkungen:
(1) W.Engeler, Mehr als ein Spiel Bibliodrama in der Jugendarbeit, in: E.Naurath/U.Pohl-Patalong(Hg.) Bibliodrama. Stuttgart 2002,87
(2) S.14. Shell-Jugendstudie Frankfurt/M. 2002,146
(3) S. Erklärung für eine kinder- und jugendfreundliche Kirche. Landesjugendkammer der Ev. Jugend in Bayern Nürnberg 1999.
(4) Der Artikel 7 des Augsburger Bekenntnisses von 1530 betont in seiner Zeitgebundenheit sinnvoll die Bedeutung bzw. die Nichtbedeutung, der von Menschen eingesetzten Zeremonien im Vergleich zur Bedeutung der Predigt des Evangeliums und der Spendung der Sakramente gemäß dem göttlichen Wort.
(5) S. C. Albrecht, Schleiermachers Liturgik, Göttingen 1963, 41
(6) Jugendpfarramt der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche, Koppelsberg 12 24306 Plön, Materialsammlung zum Jugendsonntag 2001
(7) Leben- und Glaubensräume junger Menschen, Raumpädagogische Perspektiven für die kirchliche Jugendarbeit in: H. Amann G. Kruip, M. Lechner (Hg). Kundschafter des Volkes Gottes, München 1998, 311-330, 329
(8) Vgl. ebd 323

nach oben

Autorinnen und Autoren des Heftes

  • Christoph Bizer, Heidelberg
    Professor
  • Dr. Baldo Blinkert, Freiburg
    Professor an der Universität Freiburg, Institut für Soziologie
  • Rainer Brandt, Josefstal
    Pfarrer, Leiter des Studienzentrums für evangelische Jugendarbeit
  • Dr. Ulrich Deinet, Münster
    Diplompädagoge, Referent im Landesjugendamt Westfalen-Lippe
  • Dr. Rolf Hanusch, Berlin
    Pfarrer, Direktor der Evang. Akademie zu Berlin
  • Lothar Jung-Hankel, Darmstadt
    Landesschülerpfarrer der Evang. Kirche Hessen-Nassau
  • Anke Kelling-Nafe, Göttingen
    Studienrätin
  • Ulf Koischwitz, Potsdam
    Referent für Schulprojekte
  • Petra Kretschmer, Göttingen
    Studierendepastorin
  • Christiane Kürschner, Hannover
    Kirchenpädagogin an der Marktkirche, Dozentin für Kirchenpädagogik, Vorsitzende des Bundesverbands Kirchenpädagogik
  • Dr. Martin Lechner, Benediktbeuern
    Professor am Institut für praktische Theologie mit Schwerpunkt Jugendpastoral
  • Jürgen Mattis, Frankfurt
    Stadtjugendpfarrer
  • Dieter Niermann, Bremen
    Diakon und Diplomsozialpädagoge
  • Reinnhold Ostermann, Nürnberg
    Dipl. Sozialpädagoge, Konzeptionsreferent im Amt für evang. Jugendarbeit
  • Dr. Klaus Raschzok, Jena
    Universitätsprofessor
  • Susanne Schneider-Riede, Karlsruhe
    Landesjugendpfarrerin
  • Wolfgang Schindler, Josefstal
    Dipl. Pädagoge, Dozent am Studienzentrum für evang. Jugendarbeit

nach oben