das baugerüst 2/03 Glück

Wolfgang Noack: Viel Glück!. Einführung in das Heft

  • VERWEILE DOCH DU BIST SO SCHÖN - GLÜCKSMOMENTE
    "Glück ist ein wahnsinnig geniales Gefühl". Was Jugendliche unter Glück verstehen
    Henning Schröer: Glück
    Monika Klutzny:
    Was ist Glück?
    Michael N. Ebertz: Das ganz gewöhnliche Glück
    Alfred Bellebaum: Glück - gar nicht so einfach
    Daily Soaps - Die tägliche Dosis Glück
    Glücksbringer
    Kirsten Einemann: Glückspillen
  • Glücklich-Sein
    Angeline Bauer: Ein Weg zum Glück - wie Märchen dabei helfen können
    Andrea Heußner: Weniger ist mehr oder Glück durch Entsagung. Ein Weg evangelischer Jugendarbeit?
    Zufalls-Glück - Bausteine für die Jugendarbeit
    Glückliche Augenblicke - ein Schatz in mir - Eine Phantasiereise
    Rüdiger Popp: Auf der Suche nach Glück - Ein Jugendgottesdienst
    Wir wollen alle glücklich sein - Ein Baustein

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Wolfgang Noack: Viel Glück

Einführung in das Heft
"Hast ihn nie verraten, deinen Plan vom Glück", singt Herbert Grönemeyer in dem Lied für seine verstorbene Frau. Offensichtlich hatte sie einen, im Unterschied zu den Vielen, die in den Regalen der Buchhandlungen suchen. Der Markt boomt. Stefan Kleins "Glücksformel" oder der "Weg zum Glück" des Dalai Lama erobern seit Monaten die Bestsellerlisten. Wird doch versprochen, mit den richtigen Übungen die eigene Glücksfähigkeit zu steigern. Für den Dichter Gottfried Benn lag die Sache wesentlich einfacher. Glück, so Benn, stelle sich ein, wenn der Mensch Arbeit habe und dumm sei. Nun ist dies mittlerweilen zu einfach, da immer weniger Menschen über Arbeit verfügen. Auch die EKD mischte vergangenes Jahr in der Glücksfrage mit. "Was ist Glück?" fragte sie in Anzeigen und auf Plakatwänden den flüchtigen Zeitgenossen und gab in zeitgemäßer Quizart auch gleich vier Antwortmöglichkeiten zur Auswahl: "Eine Gehaltserhöhung" Wieder mal bei Oma Erdbeerkuchen essen? Gesundheit? Eine Fahrkarte zur Fußball-WM?" Für andere Glücksvorstellungen lud die EKD zum Dialog ein.

Gar nicht so einfach

Menschen scheinen nicht glücklich zu sein, sonst würden sie nicht so intensiv nach dem Glück suchen, glaubt der Philosoph Gerd Achenbach in einer Hörfunksendung des Hessischen Rundfunks. Wenn aber Glück die "günstige Fügung des Schicksals" sei (Deutsches Wörterbuch), so bleibt die Frage, ob Menschen es überhaupt beeinflussen und herstellen können. Der Dalai Lama ist davon überzeugt. Im katholischen Herder Verlag publiziert er sein Credo: Unser Problem, so der buddhistische Mönch, sei, dass wir bei der Geburt und beim Tod leiden und dazwischen Unzufriedenheit, Alter und Krankheit liegen. "Wir wollen immer mehr, obwohl wir merken, dass Geld, neue Autos und schöne Fertighäuser nicht glücklich machen", und "obwohl wir wissen, dass mehr Wohlstand mehr Leid bringt". Dieses traurige Hamstermühlrad in dem wir uns abarbeiten, so der Dalai Lama, das Essen, das Arbeiten, dies alles sei bedeutungslos. Stattdessen sollen wir unseren Geist schulen und so die schädlichsten Unruhestifter besiegen: Ärger und Egoismus. Wie? Durch Meditation. So lassen sich "Güte, Warmherzigkeit und Freundlichkeit" erreichen. Keine einfache Aufgabe, folgen doch in dem Buch "Der Weg zum Glück" nach 20 Seiten Einführung 120 Seiten Übungen, die Zeit in Anspruch nehmen. Nichts für den schnellen Glückssucher. Die Eroberung des Glücks wird zur echten Arbeit. Dann doch lieber Tiki Küstenmacher "Simplify yor life?" Hier sollen sich Glücksgefühle schon einstellen, wenn Ballast abgeworfen wird oder die Stapel auf dem Schreibtisch schrumpfen. Wem das immer noch zu langsam geht, der kann ja ein paar Antidepressiva einwerfen. Das amerikanische Mittel Prozac liegt hier voll im Trend, 40 Millionen schluckten auf diese Art ihre depressive Stimmung einfach herunter. In Deutschland gibt es diese Pille leider nur auf Rezept. Gar nicht so einfach mit dem Glücklichsein.


Wer ist würdig?

Wenn wir jemandem "viel Glück" wünschen, so verbindet damit jede und jeder eigene Vorstellungen: Eine bestandene Prüfung, Erfolg bei Geldgeschäften oder den guten Ausgang einer ärztlichen Untersuchung. "Glück gehabt" verrät noch nichts darüber, ob jemand zum Erreichen seines Ziels Ellbogen einsetzte oder demütig abwartete. Darum akzeptiert Kant auch nicht das Glück als Motiv des eigenen Handelns, vielmehr komme es darauf an, dass jemand des "Glückes würdig zu sein" habe. Die arme Witwe etwa, die plötzlich mit Reichtum gesegnet wird. Ja, stimmen alle zu, die habe es verdient.
Lässt sich das Glück also doch nicht vom Schmied erweichen und formen" Im Atlas der Erlebniswelten liegt die Stadt "Glück" zwischen den Gebirgszügen "Kreativität" und "Liebe", nordwestlich der Dörfer "Besessenheit" und "Bedingungslos", ganz in der Nähe des Sees "Maßlosigkeit", umschlungen vom Fluss "Unterbewusstsein". Das Glück ragt hier nicht als Berggipfel aus den Wolken sondern lagert in der Ebene, umgeben von mancherlei Untiefen. Die Mühen der Ebene liegen hier näher als der Kick auf dem Hochplateau.


Glück-Seligkeit

In der Bibel macht sich das Wort Glück rar. Gab der Herr Joseph in Ägypten noch Glück zu dem, was er tat (1. Mose 39,23), warnt der Psalmist: "Ein böses Maul wird kein Glück haben auf Erden" (Psalm 140, 12) und der Prediger weiß, dass alles an "Zeit und Glück" liegt (Prediger 9,11).
Das Neue Testament spricht nun von "selig". Vielleicht haben wir deshalb auch beide Wörter zu "Glückseligkeit" als Steigerung des einfachen Glücks zusammengezogen. "Gibt es das himmlische Glück auf Erden?" fragt Hilke Klüver in diesem Heft und antwortet in der Spannung, dass Gott versprochen hat, "abzuwischen alle Tränen" und doch der Himmel der kommt, die Erde schon grüßt (Kurt Marti).
Das verheißene Glück zu erkunden, zu erahnen, zu schmecken war Anlass für dieses Heft. Kein umfassendes Heft zum Jahr der Bibel sollte diese baugerüst-Ausgabe werden, sondern ein Glücksheft aus biblischer Perspektive.


Das Leben soll gelingen

Menschen wollen Leid vermeiden und Glück vermehren. Glücksbotschaften und Glücksversprechen lauern an jeder Ecke. Warum auch nicht? Wer gewinnt nicht gerne im Lotto, hat einfach Glück mit dem Wetter im Urlaub oder freut sich über ein Schnäppchen. Auch das kleine belächelte familiäre Glück, manchmal als Gartenzwergidylle kritisiert, gehört zum Menschsein. Nur: "Das kann doch nicht alles gewesen sein" (Wolf Biermann). Wo also steckt das Glück hinter den Glücksversprechungen? Zu dieser Glückssuche laden die Autorinnen und Autoren des Heftes ein.
Viel Glück beim Suchen, bei Ihnen selbst, in der Jugendarbeit, in der Schulklasse oder wo auch immer. Vielleicht verraten wir uns ja doch unseren Plan vom Glück.

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Marcus A. Friedrich: Glück - erkauft, empfangen, geschenkt?

Ist Glück käuflich?

Glück scheint käuflich zu sein. Wieso sonst, ist zu fragen, lohnt es sich, für Glückslose der ARD-Lotterie zu werben? Die jüngsten Werbespots verschiedener Lotterien zum prominenten Sendetermin um 20.15 Uhr spielen seit einiger Zeit dem Betrachter ein, was Unglück und was Glück sein soll. Sie spiegeln und prägen zugleich die Vorstellungen von Glück und Unglück unter den Betrachtenden, der breiten Zielgruppe des Tagesschau-Publikums:
In einer grauen Fabrikhalle der Stahlindustrie am Fließband zu arbeiten ist, so einer der Werbefilme, Unglück. Stattdessen mit dem Cabriolet zur Villa am Meer zu brausen, auf weißen Terrassen unter Palmen mit Blick in die Weite zu speisen, ist Glück, so ein anderer Werbefilm.
Werbung, in der die finstere Situation eines Arbeiters der exklusiven hellen eines Millionärs gegenüberstellt wird, ist in vielerlei Hinsicht aufschlussreich für die Frage nach den Vorstellungen des Glücks. Die Bilder zeigen zunächst, dass Menschen Glück mit dem verbinden, wovon sie träumen, beziehungsweise was ihnen als kollektiver Traum in Bildern eingespielt wird. Glück hat immer utopische Merkmale. Die Utopie von dem, was Glück vermittelt - zum Beispiel Cabriolet und weiße Villa - reißt heraus aus den Routinen des Alltags, aus den Kraftanstrengungen des Selbsterhalts und verheißt ein sorgloses "Paradies unter Palmen" in Hawaii oder anderswo.


Glück - wo Himmel und Erde sich küssen


Glück braucht aber neben den utopisch transzendenten auch immer immanente Merkmale, um überhaupt erfahrbar zu werden. Glück ist nicht greifbar. Umso mehr treibt der Wunsch, etwas davon in den Händen zu halten. Ein Los zu ziehen, sein Glück zu probieren, scheint bereits etwas von dem Glückszustand abzuwerfen, der mit der Utopie verbunden ist. Nur so kann erklärt werden, dass Zigtausende bereit sind, eine in kommerzieller Hinsicht irrationale und erfolglose Handlung zu vollziehen und immer wieder Lose zu kaufen. Das Los gleicht einem rituellen Opfer, das die Spielenden Anteil haben lässt an der Kraft des Traumes und der Utopie. Lose sind Maschinen für Tagträume vom Glück. Voraussetzung ist allerdings, dass die Glücksszenarien, die Menschen sich erträumen, überhaupt käuflich sind. Das Los gibt die Aussicht frei auf den potenziellen Traumzustand des Glücks. Glück und Glückserfahrungen verbinden damit, mythologisch gesprochen, Himmel und Erde.
Damit schwenke ich wieder über zum transzendenten Merkmal des Glücks. Auf der Suche nach Glück überschreiten Menschen auf der einen Seite eine Schwelle zum Utopischen hin, sie machen sich bereit, Glück zu empfangen: zum Beispiel mit dem Kauf eines Loses. Zugleich bleiben sie darauf angewiesen, dass Glück selbst dem Menschen vom Unbestimmbaren ins Bestimmbare entgegen kommt. Nur ein Los wird gewinnen, nur eine Zahlenkombination wird die richtige sein. Und welche dies sein wird, ist "Schicksal", kann man da hören. Glück ist nicht erzwingbar. Man kann es haben, aber nicht halten. Es stellt sich ein, aber es ist nicht zu beherrschen. Dennoch erfordert es auch menschliche Bereitschaft und Hingabe. Man muss sich ihm überlassen können.

"Jeder ist seines Glückes Schmied!"

Es ist auffällig, dass Glück in der Gegenwart zumindest an der Oberfläche als ein erwerbbares Gut gilt. Das schnelle Geld und das schnelle Glück liegen in Rede und Vorstellung nicht weit auseinander. Wie konnte es zu einer solchen Engführung von Glücksszenarien kommen? Um die Frage zu beantworten, hole ich etwas weiter aus.
Bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts hinein wurden die immanenten und die transzendenten Merkmale des Glücks tendenziell auseinandergezogen, oder sogar einander gegenübergestellt.(1) Im Milieu der Kirche wurde jedes Streben nach immanentem "irdischen Glück" gegenüber dem "himmlischen ewigen" Glück, auch "Heil" genannt, abgewertet. Dass Menschen, wenn sie Glück suchen, stets auch Anteil nehmen wollen an dem, was sie selbst und ihre Welt transzendiert, dass sie Kontakt suchen zur Utopie eines gelingenden Lebens, geriet in einer solchen Theologie außer Acht. Nachdem im dritten Reich individuelles Glück und gemeinsames, pseudoreligiöses Heil so fatal in eins gesetzt worden waren, hüteten sich die Christen zudem vor allzu deutlichen Identifikationen von Himmlischem und Irdischem.
Erst im Zuge des politischen Aufbruchs in der Nachkriegsgeneration begannen die Auseinandersetzungen über Utopien der Gesellschaft und ihr Verhältnis zum Alltag neu. In den revolutionären siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts schwappten diese Kontroversen auch in die Kirchen. Die Kirchen als Träger einer starken kollektiven Utopie des Glaubens wurden mit ihrer menschlich vielfach unfreien und oft freudlosen Lebenspraxis konfrontiert. "Wir wollen hier auf Erden schon... Das Recht auf Glück" titelte beispielsweise der praktische Theologe G. M. Martin im Widerspruch zu einer jenseitsvertröstenden und lebensfeindlichen christlichen Heilslehre.(2)
Eine ähnliche Stoßrichtung nahm auch die so genannte Theologie des Festes, die der amerikanische Theologe Harvey Cox in jener Zeit entwickelte und die evangelische Theologie und Kirche in Deutschland damit maßgeblich beeinflusste: Ausgangspunkt, gemeinsames menschliches Glück im Fest geistlich neu zu entdecken, war die Erfahrung, dass sich im Fest transzendente und immanente Merkmale vom Glück vorübergehend berühren und treffen können. Eine neue Festkultur sollte Menschen in einem wirklichen und utopischen Raum zugleich zusammenführen und von dort aus schöpferische, ethische Impulse für ein glückliches Leben im Alltag aussenden. (3) Diese Bewegung der alternativen "Realutopisten" stand, gewollt oder ungewollt, in einer u.s.-amerikanischen Tradition, die den individuellen "persuit of happyness" schon in ihr Grundgesetz geschrieben hatte. Der "persuit of happyness" bildete und bildet aber auch die Grundlage für die freie Marktwirtschaft. Allerdings hatte die Theologie des Festes das Verhältnis von Gemeinschaft und Individuum anders bestimmt.

Im Herzen Europas war nach dem Wiederaufbau wirtschaftlich wieder Spielraum entstanden für die Suche nach dem besonderen Glück der individuellen Selbstentfaltung. Die gemeinsame Glückserfahrung der politischen Freiheit verflüchtigte sich. Auch kollektives Glück ist als Gefühl auf Dauer nicht festzuhalten, wenn es selbstverständlich wird. Die großen Utopien politischer und religiöser Prägung traten in Europa den Rückzug an. Im Zuge der Säkularisierung der Gesellschaft traten auch die traditionellen Utopien christlichen Glaubens immer mehr in den Hintergrund. Eine aufgeklärte, überwiegend am Diesseits ausgerichtete Theologie vom Reich Gottes hatte in der evangelischen Kirche selbst zu dieser Erosion des "utopischen Himmels" beigetragen.

Einschneidend für die umfassende Herrschaft vom käuflichen Glück als Ersatz jeglicher gemeinsamer religiösen und politischen Utopie ist die Wiedervereinigung gewesen. Konnte man erträumte und erdichtete Utopie und alltägliche Wirklichkeit im Zeitalter der rivalisierenden politischen Systeme und des so genannten Kräftegleichgewichts gegeneinander abgleichen, so nahm dies abrupt ein Ende, als sich die so genannte soziale Marktwirtschaft nach dem 14. Oktober 1989 durchsetzte. Der Osten wollte die D-Mark, um am Glück des Wohlstands teilhaben zu können. Der Kanzler versprach, den gemeinsamen Traum "blühender Landschaften" Wirklichkeit werden zu lassen. Es dauerte nicht lange, dass immer weniger an die Verwandlung des Ostens in blühende Landschaften glaubten. An die Stelle gemeinsamer gesellschaftlicher Träume vom Glück, die durch Erfahrungen von Sinn und Werten transportiert werden konnten, trat die pragmatische Glücksmaxime der individualisierten Marktwirtschaft: "Jeder ist seines Glückes Schmied", und schlug voll durch. Die Rede von der "Ich-AG" ist trauriger Höhepunkt dieser Ideologie vom Glück der unternehmerischen Selbstverwirklichung als Anspruch an alle.


Krisen des Glückstraums

Kommen wir zur Generation der heutigen Jugendlichen. Wie ist ihre Situation? Womit werden sie groß? Zwei Krisen beherrschen die Lebenswelten der Eltern und betreffen die Jugendlichen unmittelbar.
Erstens die Krise der Arbeit. Jugendliche nehmen wahr, wie selbst ihre Elterngeneration am Zwang, glücklich zu sein mittels materiellen Wohlstands und durch wirtschaftliche Selbstverwirklichung scheitern. Dieses letzte Ideal der Selbstentfaltung über die Anteilnahme am Markt der Möglichkeiten wird Mitgliedern der Gesellschaft immer öfter genommen. Das setzt auch Jugendliche unter Erfolgsdruck. Sie erleben die Entwertung ihrer Arbeitskraft, weil sie sie überwiegend nur noch über ihre monetäre Bewertung schätzen können. Die Jugendlichen erleben die Entwertung ihrer Arbeitskraft aber auch darüber, dass sie gesellschaftlich überflüssig erscheint. Entsprechend ist der erste Job die Initiationserfahrung für Jugendliche.(4 ) Sie ermöglicht schließlich den Konsum, das wörtliche Mit-, das Dabei-Sein.(5) Was für eine Arbeit es ist, spielt dabei eine zweitrangige Rolle.
Zweitens die Krise des individuell freiheitlichen Fortschritts. Diese Krise ist noch umfassender. Nach einer Zeit großen menschlichen Selbstbewusstseins im Hinblick auf die Beherrschung des Weltgeschicks sehen sich die Menschen in der Postmoderne verstärkt mit ihren Grenzen und den Schäden konfrontiert, die sie im Lebenssystem Schöpfung verursacht haben. Sie sind zögerlich geworden im Hinblick auf den Wachstumsgedanken und spüren das Aufkommen großer Verteilungskämpfe in der Menschheit. Die gegenwärtige weltpolitische Situation gibt genügend Anzeichen dafür. Viele Erwachsene haben ihre Werte und Träume von einem glücklichen Leben, eines Welt-Glücks über den Gartenzaun hinaus schulterzuckend und hoffnungslos begraben. Wachsende Existenzängste rauben innere und äußere Freiheiten. (6)
Mit diesen beiden Krisen sind ein Teil jener kollektiven Glücksvorstellungen begraben, die das Selbstverständnis des modernen Menschen ausmachten, und mit denen er ohne religiöse Vorstellungen vom großen weltübersteigenden Heil auszukommen schien.
Trotzdem scheint der Imperativ: "Sei glücklich und sorge selbst dafür!" fast uneingeschränkt zu gelten. Der Zwang zum Glücklichsein in einer hedonistischen Gesellschaft hat zusätzlich den Effekt, dass, wer nicht glücklich ist, weiteres Unglück dafür empfindet, dass er nicht am Los der Glücklichen Teil hat. (7) Der Grund wird im Selbst gesucht, wo auch sonst: "Ich habe mein Glück nicht genug geschmiedet", eine ausweglose Situation.
"Glücklich ist, wer vergisst, dass er nicht zu retten ist!"

Es ist vor dem Hintergrund der Krisen und des Verlustes der Träume umfassenden Glücks nicht verwunderlich, dass sich eine ganz andere Definition von Glück in der Jugendkultur der Neunziger verselbständigen konnte. Der Sponti-Spruch "Glücklich ist, wer vergisst, dass er nicht zu retten ist!" trifft diese Glücksvorstellung. Es ist das Glück der Zerstreuung, die fröhliche Depression. Sie nimmt den Druck heraus aus demjenigen, der alltäglich ringt mit Ansprüchen, die er an die Wirklichkeit und die Wirklichkeit an ihn selbst stellt. In einer solchen Glücksvorstellung sind die immanenten Merkmale des Glücks kaum positiv in den Tätigkeiten des Alltags zu verankern. Es ist das ekstatische Glück, das der Moderator verheißt, wenn er im Radio fröhlich ausruft: "Noch zwei Tage bis zum Wochenende!"
Wie machen sich Menschen vergess-lich gegenüber der Angst, dass sie nicht zu retten sind? Indem sie kleine Transzendenzen gestalten, Gipfelerfahrungen, die ihr Alltagsbewusstsein unterbrechen, indem sie Grenzgänge zelebrieren, die die Qualität von Exzessen haben, indem sie Gegenwelten entwerfen, deren Wirklichkeit Einfachheit erlaubt gegenüber der Schwierigkeit des Lebens.
Der Imperativ "Volle Dröhnung!" beschreibt diese Form von Festkultur, von Glückskultur treffend und ist zugleich Abschein alltäglicher Lebenserfahrung. Dieses Glück wird stark vermarktet. Der Bedarf zu vergessen ist groß. Nichtkommerzielle Techniken des Feierns sind abhanden gekommen. Der Markt frisst sich in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Deswegen sind Inszenierungen solcher kleiner Transzendenzen einzeln gut zu verkaufen. Und weil dieses Glück keine Hoffnung ins Leben transportiert, ist es oft verknüpft mit Selbstverleugnung, Selbstgefährdung und sogar Todesverachtung. (8) Sehnsucht nach einem möglichen jenseitigen Glück kommt darin allerdings nur sehr subtil zum Ausdruck. Dieses Glück ist nicht getragen von einer Hoffnung auf jenseitiges Heil.


"Trautes Heim, Glück allein!"

Wo ist das Glück, wo sind die Träume, die auch im Alltag tragen können? "Geld oder Liebe" heißt die Show, heißt die Alternative. Liebe ist die kleine große Utopie, das immanente Glück, das mit dem käuflichen Glück der Zerstreuung gesellschaftlich mithalten kann und gegenüber der Wertlosigkeit ein Gegengewicht bildet.(9) Die Liebe in der Paarbeziehung katapultiert Jugendliche in den Himmel und verbindet sie zugleich mit der Erde. Sie ist wie Freundschaft angelegt auf Alltagstauglichkeit und birgt in der Unübersichtlichkeit der Welt die Chance einer immanenten Glückserfahrung, die ein transzendentes Merkmal, den Traum von der Ewigkeit einer Beziehung beispielsweise, behält. Liebe in der Partnerschaft ist einer der wenigen anerkannten Orte, die sich beharrlich der Vermarktung entzieht - bei allen Versuchen, Liebe medial auszuschlachten.
"Glück umsonst geschenkt!" - ein evangelisches Echo in vier Punkten

In diese ganzen Kontexte hat der Text der christlichen Religion hinein zu sprechen und sich mit ihm auseinander zu setzen. In diesem Erfahrungsfeld des Glücks bewegen sich Theologie und Kirche. Was haben sie zu sagen zur Beschränkung auf Glück als immanenter Selbstauflösung, zur Beschränkung auf das Glück als ökonomische Selbstverwirklichung und zur Beschränkung auf das Glück in der verewigten Zweisamkeit?
Es ist m. E. erstens in evangelischer Perspektive entscheidend, die Wahrnehmung des Glücks "konterkulturell"(10) von der Transzendenz her zu pflegen. Das könnte im Sprachspiel des Glaubens zum Beispiel heißen: Gott will menschliches Glück, deswegen spendet er seinen Segen. Im Segen ist das transzendente Merkmal des Glücks theologisch gekennzeichnet. Glück und Segen sind in diesem Horizont ineinander verwoben. Deswegen können Christen Segen entdecken und erfahren, wenn er auf ihrem Handeln und Erleben liegt, im Moment, in dem sie glücklich sind. Der Segen besticht durch seine Orientierung am Alltäglichen, die biblische Überlieferung stellt aber auch Zugänge zu einem Glück der Leichtigkeit, der Zerstreuung und des Entzückens bereit, oft auf der Spur der Seinsweise Gottes, die wir den heiligen Geist nennen. Grundlegend ist allerdings auch für diese Erfahrungen der "Glückseligkeit", dass sie auf die Utopie des Reiches Gottes hin orientiert sind. Darin unterscheiden sie sich grundlegend vom Glück des Vergessens von Ohnmacht und Scheitern.
Betrachtet man Glück theologisch von diesem transzendenten wirklichkeitssprengenden und erweiternden Merkmal her, so wird es sich zweitens der Kontrolle durch Kaufhandlungen entziehen. Mehr noch, weil ein transzendent/immanentes Glück in diesem Sinne wesentlich den Charakter der Gabe, des Geschenkes hat, durchkreuzt es die Logik des Opfers. Jenes konsumentische Opfer, das die Teilhabe am Glück eines bestimmten Lifestyles, einer bestimmten Szene oder einer anderen käuflichen Glücksvorstellung verheißt, ist seines Zwangscharakters enthoben. Im evangelischen Horizont ist Glück nicht zu erwerben, sondern nur zu verschenken! "Nehmet hin und kostet das Wasser des Lebens umsonst!" heißt es über dieses von Gott freigestellte Glück in der Offenbarung des Johannes 22,17. Subversiv wirbt dieser Ausruf für ein Glück, das ohne ein Opfer der Anteilnahme durch Konsum auskommt, das keine Vorleistung erfordert. Die Glücksgabe, das Elixier des Lebens ist von der Seite der Trans-zendenz Gottes her ausgeschüttet, lautet die gute Nachricht.

Mit der Entdeckung, dass Glück wesentlich in Beziehungserfahrung von Gott und Mensch wurzelt, - jener Beziehung, die von der Logik der Anteilnahme am transzendenten Glück durch Opfer "erlöst" ist durch das Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi -, sind drittens andere Formen der Beziehungsaufnahme zu entfalten. Diese Kontaktaufnahmen können der Erfahrung geschenkten Glücks jenseits des Opferzwangs Tor und Tür öffnen.
Sicherlich ist im Spektrum der glücklichen Begegnung mit dem und den anderen die Zweierbeziehung ein Stück Reflexion desjenigen Glücks, das sich als Segen in der Beziehung zwischen Gott und Mensch immer wieder anbahnt. Das begründet den quasi-sakramentalen Charakter, den die Liebesbeziehung für viele Menschen immer noch und immer wieder hat. Gerade aber in der langfristigen Beziehung von Menschen bleibt es eine große Herausforderung, nicht ebenfalls einer Kultur wechselseitiger Selbstaufopferung zu verfallen, die utopischen transzendenten Potenziale der Liebe aufzugeben zum Erhalt des immanenten, "lieben Friedens". Das Glück der Liebe lässt sich weder in der Gottesbeziehung noch in der Menschenbeziehung konservieren. Durch persönliche Opfer ist Liebe, die als wörtliche Zuneigung selbst Transzendenz in sich trägt, nicht wirklich zu erkaufen. Glück fällt dort hin, wo die Liebe hinfällt. Beziehung und Freundschaft werden vor diesem Hintergrund im besten Sinne unberechenbar. Und Glückserfahrungen sind aufzuspüren in vielschichtigen und verschiedengestaltigen Beziehungs- und Freundschaftsformen. Unterbrechungen des Glücks sind dabei unausweichlich.
Die Unterbrechung, das Ausbleiben des Glücks aber muss viertens nicht schrecken. Eine evangelische Wahrnehmung des Glücks schafft insofern Freiheit für Augenblicke und Momente des gegenwärtigen Glücks, als der christliche Seinshorizont vom Zwang zum ununterbrochenen immanenten Glücklichsein befreit beziehungsweise andere Erfahrungen des Glücklichseins integriert, jene Momente, in denen immanente Wirklichkeit und transzendente Utopie partout, d. h. überall, nicht zusammenkommen wollen. In den Seligpreisungen der Bergpredigt bringt Jesus von Nazareth etwas von diesem Glück zum Ausdruck, das sich selbst in Schwermut einer belasteten Existenz äußern kann. Es ist das Glück jener Schwermütigen, die trotzdem oder gerade deshalb "Wand an Wand mit Gott" wohnen.(11)

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Michael Domsgen: Ist jeder seines Glückes Schmied?

"Geschenktes und erarbeitetes Glück im christlichen Glauben
und im esoterischen Denken"


Glücklich sein möchte jeder und jede

Denn glückliche Menschen sind mit ihrem Leben zufrieden. Die zermartern keine Sorgen, vielleicht, weil sie auf der Sonnenseite des Lebens stehen, vielleicht aber auch, weil sie die Dinge nicht so schwer nehmen und deshalb sorglos und erfolgreich sein können.
Glücklich sein möchte jeder und jede. Deshalb verwundert es auch nicht, dass der Markt an sogenannter Ratgeberliteratur dazu boomt. Der Bedarf an Orientierung ist immens in unserer modernen Gesellschaft. Noch nie waren die Spielräume so groß, die der Einzelne zur Verfügung hatte. Deswegen gerät der heutige Mensch in einen permanenten Entscheidungszwang(1). Er kann nicht nur wählen, er muss es.
Dabei steht er vor nicht geringen Herausforderungen. Zum einem wird das Angebot an Möglichkeiten immer unüberschaubarer. Zum anderen werden traditionelle gemeinschaftliche Werte immer schwächer. Deshalb führt der Freiheitsgewinn auch zu einer tiefen Verunsicherung.
Erschwert wird diese Situation noch durch eine völlig neue Dimension auftretender Risiken. Die zukünftigen Folgen heutigen Tuns sind schwer abschätzbar. Die Gefahren sind global und betreffen alle Menschen. In dieser "Risikogesellschaft"(2)nimmt das Bedürfnis nach Sicherheit zu. Man möchte die Unabwägbarkeiten in den Griff bekommen.
Wer über die Suche nach dem Glück nachdenkt, muss also auch über die Sehnsucht nach Sicherheit und das Bedürfnis nach Orientierung nachdenken. Das ist schon deshalb wichtig, weil die "traditionale(n) und institutionelle(n) Formen der Angst- und Unsicherheitsbewältigung"(3) an Bedeutung verlieren. Die Kirchen mit ihrem jahrhundertealten Glaubensgut sind davon stark betroffen. Auch darum stoßen esoterische Angebote als neue und unverbrauchte Hilfen zur Lebensbewältigung auf den Markt.
Die Esoterik ist inzwischen zu einem beachtlichen Geschäftszweig auch in Deutschland geworden. Hier geht es um Milliarden-Summen, die umgesetzt werden.
Der Markt der religiös-esoterischen Möglichkeiten ist dabei geradezu unübersehbar geworden. Da finden sich "Symposien und Seminare mit esoterischen Bewusstseinserweiterungsprogrammen, Workshops und Therapieangebote sogenannter "transpersonaler Psychologie", ein esoterisch mythologisch sich begründender Feminismus, magisch-okkulte Praktiken, Feuerlauf, indianische Schwitzhütten und bei all dem der Glaube an die Wendezeit hin zum neuen Zeitalter des "Wassermanns?"(4). Hier vermischen sich unterschiedliche Religionen und Traditionen. Esoterik allgemeingültig zu definieren ist deshalb geradezu unmöglich. "Das Wort wird zum "Container-Begriff",... zum Ausdruck für den Trend: "Ich suche mir meine eigene Religion!".(5) Der Einzelne steht hier im Mittelpunkt, so dass man von einem Heils-Individualismus sprechen kann. Ein Esoterik-Organ brachte das auf die einfache Formel: "Es ist das Recht jedes Menschen, sein Heil auf seine ganz individuelle Art zu suchen und zu finden". (6)


Do-it-yourself-Philosophie

Die esoterische Sicht auf die Welt und den Menschen ist vom Bemühen um Ganzheitlichkeit gekennzeichnet. Der Mensch wird als Teil des ewigen göttlichen Kosmos verstanden. Diese ursprüngliche Einheit ist aber aufgespalten worden. Indem man zu ihr durch spirituelle Techniken und Methoden der Bewusstseinserweiterung zurückkehrt, kann die "Lebensenergie" wieder fließen, und erfährt der Mensch Heilung von konkreten Leiden.
Das Bewusstsein spielt eine entscheidende Rolle. Falsches Denken, ein falsches Bewusstsein, führt zur Entstehung von Krankheiten, weil das die ursprüngliche Harmonie stört und das Fließen der Lebenskräfte verhindert. "Die Heilung von Krankheit besteht ... in der Wiederherstellung des "Gleichgewichts" von Mensch und Natur, der Aktivierung der harmonischen "Schwingungen" oder des Mensch und Kosmos durchströmenden "Energieflusses"."(7) Aktiv werden muss hier der Mensch selbst.
Ist jeder seines Glückes Schmied? Die Esoterik sagt: "Ja". Dabei geht es nicht nur um die Heilung einiger Gebrechen und das Gelingen von Bewerbungsgesprächen, sondern um die Verwirklichung des Heils schlechthin. Esoterisches Denken ist Machbarkeitsdenken. Hier lebt der Fortschrittsglaube weiter. Insofern ist es durchaus gerechtfertigt von einer Do-it-yourself-Philosophie zu sprechen.
Genau an dieser Stelle jedoch liegt ein entscheidender Unterschied im Selbstverständnis des christlichen Glaubens. Nach biblischem Verständnis ist es gerade nicht der Mensch, der die Erlösung schaffen kann, sondern Gott selbst. Der Mensch bedarf der Gnade Gottes, um das Heil zu erlangen. Von selbst ist das nicht zu schaffen.

Das Heil wird uns zuteil

Auf den Punkt gebracht wird das in der reformatorischen Lehre von der Rechtfertigung des Gottlosen. Um zu beschreiben, wie der Mensch Anteil am Heil bekommt, bedient man sich der sogenannten vier Exklusivpartikel, dem vierfachen "allein": "allein Christus", "allein aus Gnade", "allein durch das Wort", "allein im Glauben". Wer "allein" sagt, schließt etwas aus. Ausgeschlossen werden soll der Mensch, um in rechter Weise einbezogen werden zu können. (8) Klargestellt werden soll, dass der Mensch sich durch seine Leistungen kein Heil verdienen kann. Es ist allein Gottes Werk, das offenbar wird im Leben und Sterben Jesu.
Und doch ist der Mensch am Erlangen des Heils beteiligt. Aber nicht als einer, der etwas zu leisten hat, sondern als einer, der sich von Gott beschenken lassen will. Als Glaubender, nur als Glaubender ist er daran beteiligt. Er hat "Ja" zu sagen zu Gottes Gnade.
Der Unterschied zwischen esoterischem Denken und christlichem Glauben liegt - stark verallgemeinert - an diesem Punkt: Christlicher Glaube weiß darum, dass gelingendes Leben letztlich nicht durch eigenes Tun erreichbar ist. Es ist Geschenk. Das Heil schlummert nicht in uns, sondern liegt "extra nos", außerhalb unserer selbst. So hat es Martin Luther immer wieder betont. Das Heil wird uns zuteil. Wir können es uns nicht verdienen, sondern wir empfangen es als Glaubende.

Doch genau an dieser Stelle liegt für viele ein Problem. Das Heil, das der Glaubende empfängt, scheint nichts mit unserem Streben nach Glück zu tun zu haben, obwohl beides durchaus zusammen gehört.
Ich habe bisher die Begriffe Glück und Heil abwechselnd gebraucht, was nicht unproblematisch ist. Glück und Heil gehören zusammen, doch nicht jeder, der heute das Glück sucht, würde sagen, er suche das Heil. Nach heutigem Verständnis ist die Suche nach Glück eine ganz und gar diesseitige Angelegenheit. Mit Religion scheint das nichts zu tun zu haben. Deshalb haben sich auch unsere Vorstellungen vom Heil in aller Regel von den Erfahrungen des Glücks getrennt.. (9) Die wenigsten schließen von Glücksmomenten hier auf das Heil, das Gott für uns bereit hält. Auch umgekehrt ist es so: Die biblischen Bilder vom Heil verkümmern, weil sie nicht mehr mit dem alltäglichen Leben zusammenzubringen sind.
Es reicht also nicht vom christlichen Standpunkt aus lediglich eine ablehnende Position zu den esoterischen Selbsterlösungskonzepten einzunehmen. Was die Esoterik für viele so attraktiv macht, sind die vermeintlich klaren Orientierungen im "persönlich-individuellen Bezug"(10). Das gibt die erhoffte Sicherheit in der Unübersichtlichkeit unserer Gesellschaft.
Genau diese Orientierungskraft im Leben scheint dem christlichen Glauben zum großen Teil abhanden gekommen zu sein. Es ist wohl nicht zufällig, dass ungefähr ein Drittel der Mitglieder und Sympathisanten okkulter und esoterischer Gruppen Kirchgänger sind.(11)
Hinter der Frage nach dem Glück steckt die Sehnsucht nach gelingendem Leben. Nach biblischem Verständnis kann (und braucht) sie nicht getrennt werden von der Hoffnung auf das Heil Gottes. Denn Gott ist die "Quelle des Lebens" (Ps 36,10). Heil ist deshalb "die Summe aller menschlichen Hoffnungen auf Gott und zugleich deren endgültige Erfüllung". (12).

Dabei zeigt das Hiobbuch deutlich, dass der Glaube das Glück nicht garantiert. Selbst der Frömmste hat keinen Anspruch auf glückliche Lebensumstände. Und doch gehören Gottes Heil und unser Glücksstreben aufs Engste zusammen, weil der Glaube neue Dimensionen im Leben offenbart. Die neutestamentlichen Wundergeschichten machen eindrucksvoll deutlich, wie Glück und Heil zusammengeführt werden.
Vertrauen zum Leben

Wie steht es nun mit unserer Sehnsucht nach Glück? Die Suche nach Gott und die Sehnsucht nach Glück gehören durchaus zusammen. Gott hält sein Heil bereit. Und das ist hier und jetzt schon erfahrbar.
Das Glück zu finden, schließt die Bereitschaft ein, sich die Augen für die Wirklichkeit Gottes öffnen zu lassen. Dabei spielt der Einzelne eine wichtige Rolle - als Glaubender, der auf die Menschenliebe Gottes vertraut. Aber er erlangt das Heil nicht wegen seines Glaubens, sondern durch seinen Glauben. Seines Glückes Schmied ist er dadurch, dass er sich als von Gott durch und durch Bejahter nicht ständig überfordern muss. Der Glaubende darf sein Leben genießen, weil er weiß, Gott schenkt es mir und will, dass es gelingt. Das gilt im Letzten wie im Vorletzten.
Das Vertrauen auf Gott schafft eine Gewissheit, die sich deutlich vom Verlangen nach Sicherheit unterscheidet. Die Reformatoren haben das mit den Begriffen der Glaubensgewissheit (certitudo fidei) und des menschlichen Sicherheitsstrebens (securitas) zu beschreiben versucht. Während der nach Sicherheit verlangende Mensch eine Situation beherrschen und bestimmen will, ohne verwundbar zu sein, wird der des Glaubens Gewisse dies nicht verlangen, sondern bereit sein, sich von Gott bestimmen zu lassen. Das schließt das Wissen um die eigene Verwundbarkeit mit ein. Das schließt auch das Wissen ein, dass Tiefen und Höhen zum Leben gehören.
Gewissheit im Letzten schenkt Gelassenheit im Vorletzten. Sie schafft die Bereitschaft, das Leben entdecken zu können, ohne alles selbst in die Hand nehmen zu müssen. Sie schafft die Freiheit, die mir gegebenen Möglichkeiten mit Freude und Elan auszuschöpfen in der Gewissheit, ich muss nicht alles allein bewerkstelligen.
Glücklich sein möchte jeder. Die Sehnsucht nach Glück und Gottes Heilsangebot gehören zusammen. Der Glaube an Gott kann zum Glück heranwachsen, als Vertrauen zum Schöpfer meines Lebens und daraus resultierend als Vertrauen zu mir selbst und zum Leben insgesamt.

Anmerkungen
(1) Peter L. Berger spricht hier prägnant vom "Zwang zur Häresie". Vgl. Ders., Der Zwang zur Häresie. Religion in der pluralistischen Gesellschaft, Frankfurt 1980.
(2) Vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt a.M.1986.
(3) Beck, a.a.O., 101.
(4))Gottfried Küenzlen, Die New Age-Botschaft im Gegenüber zum Gottes- und Menschenbild des Christentums, EZW-Texte, Information Nr. 124, II/1994, 11.
(5)Hans-Jürgen Ruppert, Esoterik heute, in: Materialdienst der EZW, Sonderdruck, Nr. 23, 1998, 1-17, 9.
(6 )Zit. n. ebd.
(7) Hans-Jürgen Rupppert, Heilung im Heilsstrom. Totalitäre Ganzheitlichkeit in der Esoterik, in: EK 10/97, 572-576, 574.
(8) Vgl. Eberhard Jüngel, Das Evangelium von der Rechtfertigung des Gottlosen als Zentrum des christlichen Glaubens. Eine theologische Studie in ökumenischer Absicht, Tübingen 1999, 127.
(9) Gottfried Bitter, Art. Glück, Heil, in: LexRP Band 1, Sp. 726-733, Sp. 726.
(10) Hartmut Rosenau, Zum Verhältnis von Esoterik und Mystik, in: EZW-Texte 2002, Nr. 165, 14-26, 26.
(11) Vgl. Ruppert, Esoterik heute (Anm. 5), 11.
(12) Gottfried Bitter, Art. Glück - Sinn - Heil, in: Ders. u.a. (Hg.), Neues Handbuch religionspädagogischer Grundbegriffe, München 2002, 102-106, 103.

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Autorinnen und Autoren des Heftes

  • Angeline Bauer, Karlskron
    Autorin, Praxis für psychologische Beratung
  • Dr. A Bellebaum, Vallendar
    Vorsitz. Univ. Professor, Institut für Glücksforschung e.V.
  • Dr. Michael Domsgen, Münster
    Wissenschaftl. Assistent. Seminar für prakt. Theologie und Religionspädagogik
  • Dr. Michael Ebertz, Emmendingen
    Professor
  • Katharina Friebe, Paderborn
    Wissenschaftl. Hilfskraft an der Theologischen Fakultät der Universität Paderborn
  • Dr. Marcus A. Friedrich, Amrum
    Pastor
  • Alexander Garth, Berlin
    Pfarrer "Junge Kirche Berlin" der Stadtmission
  • Pater D. Anselm Grün OSB, Münsterschwarzach
    Verwalter der Abtei
  • Andrea Heußner, Bayreuth
    Jugendreferentin
  • Monika Klutzny, Frankfurt/M.
    Journalistin
  • Hilke Klüver, Leer
    Landesjugendpfarrerin der Ev.-Ref. Kirche
  • Rüdiger Popp, Unterlautern
    Pfarrer
  • Henning Schröer (2002 gestorben)
    zuletzt Professor an der Universität Bonn
  • Uli Willmer, Veitshöchheim
    Pfarrer

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