das baugerüst 3/03 Erschütterungen

Wolfgang Noack: Erschütterungen. Einführung in das Heft

  • ... UND PLÖTZLICH IST ALLES ANDERS
    Jeremias Treu: Bilder, die nicht aus dem Kopf gehen
    Renate Schwarzbauer/ Jeanette Kießling: Lebenserschütterungen - Menschen - aus der Bahn geworfen
    Rainer Dollase: Einen zweiten 11. September wird es nicht geben .... Oder: Man ist nur einmal erschüttert
    Kristian Stemmler: Reißen die sozialen Bindungen?

  • UMGANG MIT ERSCHÜTTERUNGEN
    Peter A. Henning:
    Wenn Bagdad brennt und Columbia explodiert
    Almut Koch:
    Traumatisierung der Seele
    Johannes Bach:
    Katastrophentourismus
    Wolf R. Dombrowsky:
    "Wir sind erschüttert ...." Zur Verarbeitung des Nahegehenden in der Gesellschaft
    Steffen Jung:
    Erschütterung - Die Erfahrung des Hiob
    Heiner Keupp:
    Lebensbrüchen Sinn geben
    Rainer Brandt:
    Die Kraft heilsamer Erschütterungen
  • (NICHT) ERSCHÜTTERN LASSEN
    Jürgen Manemann: Wider den Optimismus - oder von der Notwendigkeit der Hoffnung
    Michael Freitag: Gottes - Erschütterungen
    Matthias Spenn: Erschütterungen - ein Thema der Pädagogik?!
    Rainer Brandt:
    Widerstandsnester gegen Erschütterungen - Vom langen Atem der gottesdienstlichen Liturgie
    Waldemar Pisarski: Mitweinen und mitlachen - Erschütterungen verarbeiten helfen
    Carola Wagner: "Passiert schon nichts!" - Auslandseinsätze der Bundeswehr und die Auswirkungen auf Soldaten im Grundwehrdienst
    Roland Gayer: "Ich lernte bewusst zu leben"
    Peter Musall: Kompetent für Krisen? - Anforderungen an hauptberufliche MitarbeiterInnen
    Dagmar Adam: Evangelische Jugendarbeit macht stark

nach oben

Wolfgang Noack: Erschütterungen

Einführung in das Heft
Weinend lagen sich die Fans in den Armen. Wieder ist er abgestiegen, der 1. FC Nürnberg, der legendäre Club aus der Heimatstadt dieser Redaktion. Vor zwei Jahren bei der letzten Aufstiegsfeier sangen sie noch "Nie mehr zweite Liga". Nun hat die Katastrophe die Fangemeinde vom Block 8 in der Nordkurve nachhaltig erschüttert.
"Es gibt Schlimmeres" werden sie zu Hause von denen gehört haben, die nach der Sportschau noch bis zur Tageschau am Fernseher bleiben. Kriege, Zugunglücke, Schießereien an Schulen, Kindesmisshandlungen und und und. Das sind Katastrophen, die erschüttern.
Andere interessiert weder der runde Ball noch das große Weltgeschehen. Sie kommen mit einer schlimmen Nachricht vom Arzt, sind zerstritten oder haben gerade erfahren, dass die große Liebe doch keine Zukunft hat. Nichts mehr erscheint so wie am gestrigen Tag, das Leben gerät aus den Fugen. Ereignisse, die Menschen aus der Bahn werfen.

Wie viel Katastrophe verträgt der Mensch?

Wenn es ihn nicht direkt betrifft, wohl ziemlich viel. Jedem erschütternden Ereignis folgt ein Brennpunkt oder eine Sondersendung. Bilder machen die Katastrophe zur sendefähigen Nachricht. Wie oft sahen wir die einstürzenden Türme nach dem 11. September, die trauernden Schüler von Erfurt, die rasenden Krankenwagen von Tel Aviv, die zerborstenen Waggons von Eschede? Bilder, sagt man, die nicht aus dem Kopf gehen - zumindest nicht bis zur nächsten Katastrophe. Die Bilder kommen fast live, die Halbwertszeiten nehmen ab.

Ohne Bilder keine Erschütterung

Im Kino wollen wir die Welt untergehen sehen. Hochhäuser stürzen ein, Stürme verwüsten das Land, Meteoriten, Vulkane, Amokläufer dringen in die Zentren unserer Zivilisation. Wir werden nicht müde, diese Bilder zu sehen. Vom sicheren Kinosessel aus bewundern wir, wie Bruce Willis in Armageddon den Weltuntergang verhindert oder Schwarzenegger als Terminator gegen die zerstörerische Gewalt der Technik kämpft. Irgendwie kann uns doch nichts mehr erschüttern, wir haben doch schon alle Katastrophen gesehen. Was ist ein um sich ballernder Schüler gegen die Kämpfer in Matrix Reload. Das Immunsystem für Erschütterungen scheint nachhaltig gestört. Nicht die Hemmschwelle, sondern die Sensibilität spielt verrückt. Wer alles schon einmal gesehen hat, gewöhnt sich an Bilder. Gestern Independence Day vermischt mit Bildern aus Bagdad, heute der Terminator und Filme vom Anschlag in Moskau und morgen überlagert ein anderer Kinoheld die Bilder mit Särgen, die aus irgendwelchen Schulen getragen werden.

"Ich kann es nicht mehr sehen".

Wegschauen und Bilderkonsum scheinen irgendwie zusammenzugehören. Bilder, zumal Fernsehbilder, schaffen Distanz. Skinheads, die Asylbewerber jagen, hungernde Flüchtlinge in irgendwelchen Lagern dieser Welt, Kinderarbeiter in asiatischen Textilwerkstätten - alles schlimme Nachrichten. Steigende Arbeitslosenzahlen, Verkehrstote zum Urlaubsbeginn und abschmelzende Gletscher als Folge des Klimawandels verstärken nur die Haltung: Es gibt einfach keine guten Nachrichten mehr. Aus, Schluss, ich kann es nicht mehr sehen!
Und außerdem hat jeder mit sich selber zu tun, erlebt genug private Erschütterungen: Die Schulnoten, Beziehungsknatsch, die eigene Gesundheit, der Vereinsabstieg oder der Tod des geliebten Hamsters.

Nicht alles wird gut

Trotzdem. Sich erschüttern lassen bedeutet, sich anrühren lassen, bedeutet sensibel werden für die großen und kleinen Katastrophen. Weder wird "alles gut" noch hat "alles keinen Zweck". Die Stärken evangelischer Jugendarbeit liegen darin, die persönlichen Katastrophen Jugendlicher ernst zu nehmen, Räume und Rituale anzubieten, um mit erschütternden Ereignissen umzugehen, Menschen zu finden, die zuhören und Wege eröffnen. Aber auch auf die Katastrophen in dieser Gesellschaft, in der Welt und auf ihre Ursachen zu schauen, gehören zum Selbstverständnis kirchlicher Jugendarbeit. Etwas deutlicher, etwas klarer, etwas unnachgiebiger als das andere tun. Deshalb wird nicht alles gut, aber wer hinter die erschütternden Bilder schaut wird Ursachen entdecken und Maßstäbe finden.

nach oben

Rainer Dollase: Einen zweiten 11. September wird es nicht geben ....

Oder: Man ist nur einmal erschüttertLogik scheint die Erschütterung von Menschen nicht zu steuern

Über 3.000 Tote am 11. September war die ganze Welt erschüttert, über eine gleiche Anzahl von jährlichen Verkehrstoten nicht. Erschüttert sind Menschen über den Tod des kleinen Pudels, über den Verlust des Arbeitsplatzes, über die Bombardierung von Dresden und Hamburg, über die KZ`s, über den Umzug in eine andere Stadt, über den Verlust der Geliebten oder über die Thesen eines Konkurrenten, über die sie dann schreiben: "in erschütternd eindeutiger Weise hat er die Konsequenzen aus einem positivistischen Ansatz zu den Unterrichtstechniken vorgelegt"... ,womit der Begriff der Erschütterung zu einem Kampfbegriff, nicht zur Beschreibung eines eigenen seelischen Zustandes verkommt. Erschüttert sind Menschen in der Therapie, wenn ihnen bewusst gemacht wird, dass ihre Eltern sie nicht immer geliebt haben, erschüttert sind sie, wenn ein beliebter Moderator stirbt, erschüttert ist man über den Tod von Jürgen W. Möllemann und über den Tod des Schmucksalmlers im heimischen Aquarium.

Man könnte die Bizarrerien und Paradoxien menschlicher Erschütterungen auf ein schlichtes Vokabelproblem reduzieren: Begriffe geben keine zutreffende Schilderung der inneren Befindlichkeit her. Mit Worten kann man die Wahrheit über das innere Erleben nicht fassen. Ich-Botschaften und Diskussionsrunden, Selbst- und Fremderfahrungsgrüppchen müllen sich gegenseitig mit Vokabeln zu, die wiederum auf unterschiedliche Interpretationen treffen. Ein Verständnis über die wahren psychischen Erschütterungen ist auf diese Weise ein für allemal und grundsätzlich verstellt.

Hierarchie der Erschütterungen

Menschen reagieren im Übrigen auch situationsspezifisch. Sie bringen die albernen und die ernsthaften Anlässe für Erschütterungen nicht in einen Vergleich. Widersprüche können im Psychischen existieren, sie werden von den Widerspruchsträgern manchmal noch nicht einmal als solche erlebt.

Gewiss lassen sich Hierarchisierungen in den menschlichen Erschütterungen vornehmen und man kann Erschütterungsrangreihen auch in die Diskussion einbringen. Jeder wird einsehen, dass manche Vorgänge eher Anlass zu Erschütterungen sind als andere. Selbst Menschen, die über den Tod ihres Pudels erschüttert sind, werden erkennen, dass der 11. September ein unvergleichliches Ereignis mit der eigenen privaten Erschütterung beim Verlust eines Haustieres ist. Generell scheint zu gelten, dass eine private und nicht nur mediale spektatorische Konfrontation mit erschütternden Ereignissen, eine direkte Betroffenheit im Handlungsumfeld des Individuums mit Erschütterungen eher einhergeht als das, was man im Fernsehen tagtäglich sieht. Einen zweiten 11. September wird es deshalb nicht geben können, d.h. nicht, dass ein solch schreckliches Verbrechen wegen der vielen Vorsichtsmaßnahmen, die überall ergriffen werden, nunmehr ausgeschlossen wäre. Nein, eine Wiederholungstat würde nicht dieselbe Erschütterung auslösen, weil das Unerwartete, das Undenkbare, das von niemandem Gedachte das entscheidende Kriterium für die Erschütterung ist. Die Wiederholung erzeugt nur ein schwaches Abbild der ursprünglichen Erschütterung. Man ist nur einmal erschüttert. Das was uns alle aber kalt lässt, etwa Meldungen über die Verkehrstoten, erschüttert uns dann, wenn ein Mensch betroffen ist, den wir kennen, von dem wir nicht erwartet haben, dass er einem Unfall zum Opfer fällt, dessen Ableben wir uns nie und auch nicht in einer einzigen Sekunde vorgestellt haben. Wir sind unvorbereitet, wir haben das Schreckliche nicht erwartet. Unerwartetes bringt Erschütterung.

Wenn es unerwartet Lebensgrundlagen betrifft, z.B.das eigene Haus, die eigene finanzielle Sicherheit, die eigene Gesundheit, wenn der Basis also etwas geschieht, was wir nicht erwartet haben, dann ist die Erschütterung grundlegender Art und hat Langzeitauswirkungen. Ein Beispiel ist die kollektive Erschütterung nach einem angefangenen und verlorenen Weltkrieg. Ich (Jahrgang 1943) erlebte im Jahre 1959, wie alle Schüler meiner Schule in ein Kino geführt wurden und sich dort einen zweistündigen Film über die Nazigreuel bei der Vernichtung der Juden in KZ`s anschauen mussten. Der Film war kaum geschnitten, wenig kommentiert und man konnte sich über zwei Stunden lang die Leichenberge, die Lampenschirme aus Menschenhaut, das Auseinanderbrechen von erstarrten Leichen nach ihrer Vergiftung, die Berge von Zahngold, von Brillen, die Verbrennungen, die Trennung der Kinder von ihren Eltern, die Erschießung an großen Gruben, die Folterei von SS-Chargen und ähnliches ansehen. Unsere Reaktion damals: Erschütterung. Nach dem Film stürmten wir nach Hause, stellten unsere Eltern zur Rede, beschimpften sie und forderten von ihnen das Eingeständnis von Feigheit ein, weil sie sich während des 3. Reiches nicht mit der Waffe in der Hand gegen die Tyrannei gewehrt hätten. Graf Schenk von Stauffenberg war unser Held, derjenige, der die Bombe im Führerbunker postiert hatte. Die Erschütterung über die unglaublichen Verbrechen der Nazis, unserer Vorfahren also, auch wenn wir keine familiale Belastung konstruieren konnten, ist eine der tiefgreifendsten kollektiven Erschütterungen für eine ganze Generation gewesen. Das "USA - SA - SS" der 68er ging uns genauso wenig über die Lippen wie die "Ho, Ho, Hodschimin" -Rufe, keiner beteiligte sich an den Demonstrationen gegen den Golf- oder Irakkrieg. Die Monströsität des Hitlerverbrechens bei der Ausrottung der Juden ist eine Erschütterung, die jegliche Attitüde des moralischen Besserwissens verbietet. In der Hitparade des Terrors gibt es nichts Vergleichbares. Und wir, wir sind die Nachkommen einer solchen Sozietät. Dankbar musste man den Alliierten sein, dass sie die verbrecherischen Vorfahren mit Bomben gestoppt haben.

Auch wenn man sich aus dieser Tradition durch allerlei Spitzfindigkeiten der Differenzierung zwischen persönlicher und kollektiver Schuld herausreden kann, so klebt doch Auschwitz an uns und unseren Nachkommen wie ein unauslöschbares Kainsmal. Erschüttert sind Identifikationen mit der eigenen Nation, mit ihrer Geschichte, mit ihren kulturellen Leistungen. Für normale, also nichtdeutsche Menschen eine Hintergrundbanalität, eine Kleinigkeit am Rande, von eigentlicher Unwichtigkeit, für uns aber eine Erschütterung, die niemals zu beruhigen ist.

Die finale Erschütterung erwartet jeden Menschen, wenn er sich mit seinem eigenen Ende konfrontiert sieht. Es wird in kleinen, über das Leben verstreuten Schritten gehen, es wird zu einer immer stärkeren Gewissheit und irgendwann zur finalen Erschütterung: Es geht dem Ende zu. Ich war einmal.

Gesetze der Erschütterung

Erkennt man Gesetzmäßigkeiten in menschlichen Erschütterungen? Aus vielen Forschungen der Entwicklungspsychologie und Sozialisationsforschung kristallisiert sich ein Modell des Menschen heraus, der dann handlungsfähig ist, wenn er ein realistisches Bild von sich selbst und der Umwelt interiorisiert hat, d.h. wenn er für seine Handlungsplanungen, sein Alltagsleben, für seine Aktionen auf ein korrektes Bild der Wirklichkeit rekurrieren kann (Dollase, 1985). Alles was wir lernen, speichern wir. Wir machen uns Gedanken über das Schicksal, über mögliche Berufswege, wir lernen mit der technischen, der kulturellen, der historisch übermittelten Welt hantieren, wir lernen für unser leibliches und seelisches Wohl zu sorgen, wir antizipieren Trennungen, Scheidungen, Partnerverluste, ja, wir antizipieren auch den Tod von älteren Menschen.

Dieses Bild, das der Mensch von sich und der Welt im Kopf hat, kann nun in vielfältiger Weise falsch sein. Wir können dieses Bild der Welt so gestalten, dass alle möglichen Katastrophen darin enthalten sind, mit Sicherheit aber war der Terrorakt am 11. September darin nur bei wenigen Menschen enthalten. Vieles ist einfach so undenkbar und unerwartet, dass es uns deswegen erschüttern muss. Erschüttern tut uns alles, was in diesem internen Welt- und Selbstbild nicht enthalten ist, was nicht vorkommen soll. Die Welt im Kopfe enthält bei uns allen Glättungen, sie wird vielfach rosiger gemacht als die Wirklichkeit ist, sie fängt die Realität nicht richtig ein, der Mensch verdrängt unangenehme Bestandteile, er will sich nicht damit auseinandersetzen, dass z.B. beim Verlassen des Hauses etwas Schlimmes passieren könnte. Er kann nicht immer damit leben, dass dieser heutige Tag sein letzter wäre. Er will von Natur aus unerschütterbar sein. Dabei wäre es zur Vermeidung von Erschütterungen nicht schlecht, wenn man alles, was passieren würde, an Tragischem, an Monströsem, Verbrecherischem, an Unglücken antizipieren könnte und wenn es fester Bestandteil dieses internen Weltbildes wäre. Ein solcher Mensch würde als Schwarzseher, als Pessimist und Cassandra, als jemand, der permanent die Umwelt nach Gefahrensignalen absucht, als hysterisch und paranoisch abgestempelt. Ein unfroher Mensch, der immer mit dem Schlimmsten rechnet. Im anderen entgegengesetzten Fall wird ein rosiges, ein zu schönes, ein idealisiertes Bild der Welt im Kopf gespeichert. Alles geht gut, alles geht voran, es passiert nichts Schlimmes, es passiert immer nur den anderen.

Was ist besser für den Menschen?

Die entsprechenden Psychologien haben zwei Typen des Reagierens auf bedrohliche Zustände ausgemacht: den "represser"(Unterdrücker) und den "sensitizer"(Lazarus, 1966). Represser unterdrücken die Gedanken an belastende Krisen, Unfälle und Konflikte, Sensitizer beschäftigen sich mit dem angstauslösenden Ereignis und denken oft darüber nach und setzen sich damit auseinander. Eine betulich fürsorgliche Sozialpädagogik müsste nun fragen: Was ist besser für den Menschen? Die Frage ist nicht zu beantworten. Das Frischhalten des Katastrophismus im eigenen Kopfe, die Erwartung, dass immer das Schlimmste passieren könnte, führt nun keinesfalls dazu, dass man immer auf das Unglück vorbereitet ist, sondern der Katastrophismus führt geradewegs in die Abstumpfung. Deswegen gibt es auch keinen zweiten 11. September, weil die Abstumpfung mit der Wiederholung beginnt. Der Mensch ist so konstruiert, dass er mit der Abstumpfung sein Gleichgewicht wieder findet. Und wird dann wieder erschütterbar.

Der Mensch ist ein kompliziert ausgerüstetes Lebewesen, das mit den schlimmsten Wechselfällen des Lebens zurechtkommen kann. Er ist darauf programmiert, ein widriges Leben zu meistern. Wenn er keine Stressoren erlebt, nichts Unerwartetes, keine Katastrophen, so passt er sich dem Wohlstand an, er wird verwöhnt und leidet unter den allerkleinsten Abweichungen von seinem Normalbild. Im Phänomen der relativen Deprivation zeigt sich auch: Wem es zu gut geht, wem Katastrophen und schwierige Lebenssituationen erspart werden, der wird keineswegs glücklicher, sondern Erschütterungen treffen ihn bei lächerlichen Luxusproblemen, die man sich nicht traut, hinzuschreiben, etwa wenn die Rollladenautomatik versagt, oder wenn ein Streit das 5.000 – Bankett für das Abitur der Tochter irritiert.

Der Therapeut wäre verpflichtet, das subjektiv erschütterte Individuum ernst zu nehmen, gleich, wie lächerlich der objektive Erschütterungsanlass auch sein sollte. Aber es schwant uns, dass wir nicht zulassen sollten, dass einige wegen Kleinigkeiten und andere wegen monströsen Gewalttaten erschüttert sein sollten. Politische und soziale Gerechtigkeit, die Vorbereitung auf eine erwartbare Menge von Lebenskrisen, eine sog. antizipatorische Sozialisation, das sollten wir leisten, auch wenn wir es nicht erreichen werden. Eine Idee davon zu haben, dass jenseits der normativen Lebenskrisen von Krankheit, Trennung, Tod auch noch anderes Katastrophales die Lebensgrundlagen zerstören könnte und zu Erschütterungen führt, das erfordert mehr als Psychologie, das erfordert einen Standort jenseits von repressing und sensitizing. Es erfordert die Vereinbarung von Zutrauen, Optimismus, Handlungsstärke und das Eingestehen der Tatsache, dass das Schicksal in jedem Fall den menschlichen Kräften überlegen ist.

Literatur
Dollase, R. (1985). Entwicklung und Erziehung. Angewandte Entwicklungspsychologie für Pädagogen. Stuttgart: Klett.
Lazarus, R. S. (1966). Psychological Stress and the Coping Process. New York: McGraw-Hill.

nach oben

Steffen Jung: Erschütterung

Die Erfahrung des Hiob

Aus einem Lexikon der Pathologie: Commotio (lat.): Durch ein schmerzlich empfundenes Ereignis ausgelöste depressive Reaktion.

Erschütterung. Ein Schlag. Das Äußere um uns herum löst sich auf, der Schutzschild ist zerstört, nur der Kern bleibt bestehen. Die mühsam aufgerichteten Fassaden fallen in sich zusammen, nur das Unerschütterliche bleibt. Der Wein wird trübe im Becher, das Ende aller Lebensfreude. Müdigkeit, das Herz steht still, das Haar ergraut, Tränen.

Das biblische Erschütterungsbuch heißt Hiob. Es ist das Buch von den Hiobsbotschaften, die von Ereignissen künden, die als schmerzlich empfunden werden und depressive Reaktionen auslösen. Es zeigt exemplarisch die Folgen der Erschütterung.

Es war einmal ein Mann im Lande Uz, der hieß Hiob. Dieser Mann war absolut untadelig und rechtschaffen, grenzenlos fromm. Ein Vorbild des Glaubens, gottesfürchtig, er vermied das Böse in all seinen Taten.
Hiob hatte sieben Söhne und drei Töchter. Er besaß siebentausend Schafe, dreitausend Kamele, fünfhundert Joch Rinder und fünfhundert Eselinnen. Eine große Zahl von Knechten und Mägden diente ihm. Er war reicher als alle anderen Menschen auf der Erde.
Wenn seine Kinder feierten und ein Festmahl veranstalteten, so opferte er das Brandopfer schon am frühen Morgen, denn er dachte, es könnte ja gesündigt werden bei einem solchen Festmahl. Das Opfer sollte den Schutz seiner Kinder garantieren.
Aber dieser ideale, fromme Mann gerät in die Mühlen des Bösen. Satan kommt zu Gott und berichtet ihm: "Ich bin über die ganze Erde gewandert und kenne alle Lebensverhältnisse der Menschen." Die Gegenfrage Gottes voller Stolz: "Hast du auch meinen Knecht Hiob gesehen" Er ist wie kein anderer auf der Erde, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und er vermeidet das Böse." Die Replik des Satans: "Glaubst du Gott, dass Hiob das alles umsonst tut" Du hast ihm doch soviel gegeben, einen riesigen Besitz, Söhne und Töchter und die nötigen Frauen dazu. Hiob hat alles was er braucht, er ist grenzenlos reich. In einer solchen Lebenssituation fällt das Gotteslob leicht."
"Aber", fügt der Satan hinzu: "Nimm ihm doch seinen Reichtum weg und er wird dir absagen, sein Glauben wird zerstört."
Gott gibt Satan die Erlaubnis, Hiob zu versuchen. Der Satan nimmt Hiob alles: Seinen Besitz, seinen Reichtum, ja letztlich seine Söhne und Töchter. In den Hiobsbotschaften erfährt das Opfer die grausame Wahrheit.
Er zerreißt sein Kleid, wirft sich verzweifelt zu Boden und trauert. Aber er hält an seinem Glauben fest: "Ich bin nackt von meiner Mutter Leib gekommen, nackt werde ich wieder zurückgehen. Der Herr hat`s gegeben, der Herr hat`s genommen, gelobt sei der Name des Herrn."
Hiobs Gottesvertrauen ist unerschütterlich. Deshalb redet Satan erneut mit Gott: "Hiob ist zwar ein frommer Mann und er ist selbst jetzt gottesfürchtig geblieben. Aber er wird seinen Glauben verlieren, wenn er krank wird, wenn ich ihm die Gesundheit nehme."
Auch das erlaubt Gott.
Hiob wird mit einer bösen Krankheit geschlagen, er bekommt Geschwüre von der Fußsohle bis an den Scheitel. Und er nimmt eine Scherbe und liegt in einer Ecke und schabt sich seine Wunden. Seine Frau verzweifelt und klagt an: "Hältst du immer noch fest am Glauben an diesen Gott" Sag Gott ab und stirb!" Sie verlässt ihn. Aber Hiob entgegnet: "Du redest wie die törichten Weiber. Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?" Sein Glaube bleibt unerschütterlich.

Soweit der erste Teil der Geschichte von den Hiobsbotschaften, von den erschütternden Wahrheiten und dem Verlust von allen liebgewordenen Dingen. Aber es ist auch die Geschichte von dem unerschütterlichen Glauben des Hiob, der selbst in diesen Situationen die Bindung an Gott, an die Transzendenz, an den Urgrund nicht verliert.
Seine Reaktionen werden uns in den weiteren Kapiteln erzählt. Wut und Trauer, Klagen und Fluchen: "Ach wäre ich doch nicht geboren. Ich, derjenige, der diese furchtbaren Lebensrealitäten ertragen muss."

Weitere massive Erschütterungen folgen

Hiobs Freunde klagen ihn an, verhaftet im alttestamentlichen Tun-Ergehen-Zusammenhang.: So wie der Mensch sich verhält, so ergeht es ihm. Menschen, die Gutes tun, werden von Gott belohnt und Menschen, die Böses tun, werden von Gott bestraft.
Hiobs Freunde fragen ihn: "Was hast du eigentlich getan, Hiob, dass du ein solches Schicksal erleidest" Was hast du Gott angetan, dass er dich in dieser Weise straft?"
Hiob verliert nicht nur seinen gesamten Besitz und seine Gesundheit, sondern er verliert auch seine Freunde, die in festen Denkkategorien verharren und darüber nachsinnen, was die Verfehlung des Hiobs gewesen sein könnte, die zu solchen katastrophalen Ereignissen geführt hat.
Die Freunde verteidigen Gott. Hiob wehrt sich verzweifelt, weil er weiß, dass er schuldlos ist. Der rebellische Hiob tritt auf, er erkennt die Schuldstrafkorrespondenz nicht an. Er fordert einen Dialog mit Gott ein. Er erfährt aber auch, dass es aussichtslos ist, von Gott Rechtfertigung zu erwarten. Trotzdem bleibt es unfassbar, "warum straft mich Gott in blinder Wut?"
Letztlich hören wir von der Entgegnung Gottes im Wettersturm: "Wer ist`s, der meinen Ratschluss verdunkelt mit Worten ohne Verstand? Gürte deine Lenden, Hiob, wie ein Mann! Ich will dich fragen, lehre mich? Wo warst du, als ich die Erde gründete? Sage mir`s, wenn du so klug bist! Weißt du, wer ihr das Maß gesetzt oder wer über sie die Richtschnur gezogen hat? Worauf sind ihre Pfeiler eingesenkt, oder wer hat ihren Eckstein gelegt, als mich die Morgensterne miteinander lobten und jauchzten alle Gottessöhne? Wer hat das Meer geschaffen ...?
Die Antwort des Hiob: "Siehe, ich bin zu gering. Ich will meine Hand auf meinen Mund legen und schweigen." "Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen hast, ist dir zu schwer."
Der Schluss des Hiobbuches. Völlig überraschend bekommt Hiob vieles zurück und zwar doppelt soviel wie er besessen hat. Fortan hatte er vierzehntausend Schafe und sechstausend Kamele und tausend Joch Rinder und tausend Eselinnen. Sieben neue Söhne und drei Töchter wurden geboren. Und er lebte noch hundertvierzig Jahre und sah Kinder und Kindeskinder und starb alt und lebenssatt.

Das Hiobbuch, eine Lehrerzählung

Wie leben Menschen mit Erschütterungen, mit dem Verlust all dessen, was sie besitzen? Was passiert, wenn Menschen schwer krank werden? Wird Leid dadurch erträglich, dass Hoffnung auf Schadensausgleich besteht, (aber die ersten Söhne und Töchter sind gestorben und kein Gott macht sie wieder lebendig!). Wie ist das Verhältnis von Gott und Leiden? Wie verhält sich der allmächtige zum barmherzigen Gott?
Ist das Hiobbuch ein diskutabler Antwortversuch oder muss es andere Antworten aus der Tradition auf die Frage von Gott und dem Leiden geben?

Ich sehe im Hiobbuch für die Frage des Lebens mit Erschütterungen drei hilfreiche Gedankengänge.

1. Es gibt keine Antwort auf die Frage: Wie kann Gott das zulassen? Hiob überlebt, weil er in langen Lebensjahren Gutes von Gott erfahren hat und sich dadurch ein inniges Vertrauensverhältnis bildete. Jetzt kann er in der Zeit der Erschütterung auf diese Glaubensbasis bauen. Modern würden wir sagen, er hat einen hohen Kohärenzsinn und eine ausgeprägte Ambiguitätstoleranz. Im Hiobbuch lernen wir, dass Antworten auf Erschütterungen nur aus der eigenen Lebenserfahrung heraus gegeben werden können. Es sind letztlich Hiobs eigene Antworten, grundgelegt in seiner Geschichte.

2. Auf die Theodizeefrage gibt es keine plausiblen Antworten von außen. Religion und Ideologie scheitern letztlich an dieser Herausforderung. Deshalb klingen die Reden der Freunde Hiobs so furchtbar. Sie bleiben verhaftet in ihrer Ideologie und stellen ihr Erklärungsmuster, den Tun-Ergehen-Zusammenhang, über die Erfahrung des Hiob. Somit werden sie der Realität des Lebens und der Realität Gottes nicht gerecht. Sie bestrafen Hiob durch Liebes- und Solidaritätsentzug.

3. Trauer braucht Zeit zur Verarbeitung der Erschütterung. Trauer braucht Raum für Emotionen: Tränen, Depression, Verzweiflung und Wut. Es geht um das Verfluchen der eigenen Geburt, aber auch um depressives Weinen und wütende Kämpfe mit dem verborgenen Gott. Trauer braucht offene Emotionen, knallharte Auseinandersetzung und Räume, in denen diese erlaubt und möglich ist.


Mich überzeugt die Deutung des Geschehens durch Hiob. Er verzweifelt letztlich nicht, weil er Gott als Geheimnis des Lebens stehen lässt. Letztlich geht es um zwei widersprechende Erfahrungen der Liebe und der Verborgenheit, die beide Gott sind.
Wir werden später im Neuen Testament von einem anderen Umgang mit Erschütterungen lesen und wir werden viele Deutungen des Theodizeegeschehens in der Geschichte des Glaubens und der Kirche finden. Im 20. Jahrhundert wurde vor allem die Erfahrung des im Leiden mit dem Menschen solidarischen Gottes relevant. Gott, der das Leiden nicht verursacht, sondern mit den Menschen mitleidet. Dietrich Ritschl hat einmal geschrieben, es gibt nur einen falschen Satz in der Theologie: "Gott will das Böse". Dies lässt sich mit dem Hiobbuch nicht begründen.
Ritschls Überzeugung orientiert sich an der Erfahrung des Glaubens an Jesus Christus, der Gott allein als die Liebe definiert hat. Im Neuen Testament heißt es: Gott ist Liebe. Gott als Liebe kann letztlich nicht wollen, dass das menschliche Gegenüber leidet. Aus dieser Deutung des Neuen Testaments erwachsen andere Antwortversuche auf den Umgang mit Erschütterungen. Solange Gott nicht "alles in allem" ist, solange das Reich Gottes nicht umfassend verwirklicht ist, gibt es in unserer Welt unerlöste Strukturen - Leiden und Tod. Nur in der Hoffnung auf die Auferstehung und Vollendung dieser Welt, ist das Leben "erträglich". Bis dahin ist es die Nähe des leidenden Gottes, die in den Erschütterungserfahrungen tröstet. Dietrich Bonhoeffer ist das überzeugendste Beispiel für diese Theologie. "Nur ein leidender Gott kann helfen", schreibt er in Widerstand und Ergebung und kontrastiert die Erfahrung des Hiob.
Müde saß ich und musste zu Boden schauen. Fühlte mein Herz stillstehen und mein Haar ergrauen. Lärmend lachten im Saal meine Freunde, die Zecher.

nach oben

Autorinnen und Autoren des Heftes

  • Dagmar Adam, München
  • Sozialwissenschaftlerin M.A.
  • Dr. Johannes Bach, Augsburg
    Dipl. Theologe und Dipl. Psychologe
  • Rainer Brandt, Josefstal
    Pfarrer, Leiter des Studienzentrums für evangelische Jugendarbeit in Josefstal
  • Dr. Rainer Dollase, Steinhagen
    Professor an der Universität Bielefeld, Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft
  • Dr. Wolf R. Dombrowsky, Kiel
    Universität Kiel, Katastrophenforschungsstelle
  • Michael Freitag, Hannover
    Grundsatzreferent der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in der Bundesrepublik Deutschland (aej)
  • Dr. Roland Gayer, Kassel
    Freiwilliges Soziales und Ökologisches Jahr der EKKW
  • Dr. Peter A. Henning, Karlsruhe
    Professor, Leiter MediaLab FH Karlsruhe
  • Steffen Jung, Kaiserslautern
    Landesjugendpfarrer, Vors. der aej
  • Dr. Heiner Keupp, München
    Professor an der LMU München
  • Jeanette Kießling, Hannover
    Redakteurin beim Hannoverschen Straßenmagazin Asphalt
  • Almut Koch, Dresden
    Dipl. Psychologin
  • Dr. Jürgen Manemann, Münster
    Katholisch-Theologische Fakultät/Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Seminar für Fundamentaltheologie
  • Peter Musall, Gelnhausen
    Direktor des Burckhardthauses, Theologe, Therapeut, Supervisor
  • Waldemar Pisarski, Augsburg
    Kirchenrat
  • Renate Schwarzbauer, Hannover
    Redaktionsleiterin des Hannoverschen Straßenmagazins Asphalt
  • Kristian Stemmler, Frankfurt
    Journalist
  • Matthias Spenn, Münster
    Pfarrer, wissenschaftl. Mitarbeiter am Comenius Institut
  • Jeremias Treu, Erfurt
    Kreisjugendpfarrer
  • Carola Wagner, Lagerlechfeld
    Standortpfarrerin

nach oben