das baugerüst 4/03 gender mainstreaming

Wolfgang Noack: Zwei plus X. Einführung in das Heft

  • MÄDCHEN JUNGE FRAU MANN - DAS GESCHLECHT UND DIE FOLGEN
    Katrin Rogge: Engel-Wesen - "queer" gelesen
    Barbara Keddi:
    Ist eine junge Frau, ist ein junger Mann, ist eine junge Mann, ist...
    Ulrike Hormel, Albert Scherr: Beobachtungen im Geschlechtertheater
    Franz-Josef Röll:
    Geschlechterbilder der Werbung. Auswirkungen auf das Rollenverhalten
    Carol Hagemann-White: Geschlecht - eine Konstruktion?
    Ursula Kuhnle / Wolfgang Krahl: Geschlechtsentwicklung zwischen Genen und Hormonen. Worin liegt der Unterschied zwischen Mädchen und Jungen, Männern und Frauen?
  • GESCHLECHTERGERECHTIGKEIT
    Peter Döge: Auf der Suche nach Geschlechterdemokratie
    Elke Heldmann-Kiesel: Mainstreaming ja - aber nicht Gender
    Gerd Humbert: Gender Mainstreaming, Wurzeln und Perspektiven
    Elke Tönges: Die Visionen der biblischen Gerechtigkeit und die Geschlechterfrage
    Renate Jost: Geschlechtergerechter Gottesdienst - Einige Anfragen
    Hanne Köhler: Ein spannendes Buch - Bibel in gerechte Sprache übersetzen
    Christine Sippekamp:
    Eine Freizeit mit Konfirmandinnen und Konfirmanden zum Thema Gender
  • GENDERKOMPETENZ
    Birgit Groner-Zilling: Geschlechter-Perspektiven. Konzeptionelle Überlegungen zu Gendertraining
    Heike Schlottau: Gender Mainstreaming in der pädagogischen Arbeit
    Anita Heiliger: Gender Mainstreaming und die geschlechtsspezifische Jugendarbeit
    Matthias Becker: "Wir haben das immer schon so gemacht ..." - Gender Mainstreaming in der Gremienarbeit
    Franz K. Schön: Gender Mainstreaming - Oder: Die Realisierung einer Idee

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Wolfgang Noack: Zwei plus X

 Einführung in das Heft
"Der Schwanz muss ab" entschied Ende September das Oberverwaltungsgericht Koblenz. Geklagt hatte ein 26-jähriger Polizeibeamter aus Speyer, der sich seinen Pferdeschwanz im uniformierten Dienst genehmigen lassen wollte. Die Haare, so die Verordnung des rheinland-pfälzischen Innenministeriums seien bis auf Hemdkragenlänge zu kürzen. Anders bei Polizistinnenhaar. Die weiblichen Kolleginnen dürfen auch weiterhin Pferdeschwänze im Dienst tragen. Einen Verstoß gegen das Gleichbehandlungsverbot sah das Gericht nicht.

Wenn das die Europäische Union wüsste. Haben sich doch bereits 1996 im Amsterdamer Vertrag alle Mitgliedsstaaten verpflichtet, das Prinzip Gender Mainstreaming bei ihrer Politik anzuwenden. Die Geschlechterperspektive, so heißt es dort, solle bei allen Entscheidungen berücksichtigt werden, um so Geschlechtergerechtigkeit zu gewährleisten. Wenn nun ein Polizist darum kämpft einen Pferdeschwanz tragen zu dürfen kommt die eigentliche Diskussion zu Tage. Nicht mehr die Biologie gibt vor, was unter Männlichkeit und was unter Weiblichkeit zu verstehen sei, vielmehr ist dies gesellschaftlich bedingt. Anders als in den 70er Jahren geht es nun nicht mehr um die Beseitigung von Benachteiligungen (insbesondere der Frauen), vielmehr muss immer und überall gefragt werden, was bedeutet diese Entscheidung für Mädchen und Jungen, für Frauen und Männer. Und: wissen wir denn tatsächlich, was in dem vordergründig als Frau oder Mann identifizierten Menschen wirklich steckt?
Die Diskussion hat also zwei Dimensionen. Zum einen die Geschlechtergerechtigkeit und zum anderen die Konstruktion der Geschlechter. Und da wird es interessant.

War die Geschlechterwelt vor Gender einigermaßen geordnet, so kommt nun Bewegung in die Szene. Wir kannten Frauen und Männer, Mädchen, die sich wie Jungen benahmen und Jungen, die weinten wie Mädchen, Mannweiber und Memmen, die nie ein richtiger Mann werden wollten. Seit Gender wissen nicht nur die englisch Sprechenden, dass es zwei Begriffe für Geschlecht gibt: Sex und Gender. Meint Sex das biologische Geschlecht, beschreibt Gender das soziale. Dass Mädchen nicht als Mädchen geboren, sondern zu Mädchen gemacht werden, daran erinnern Autorinnen seit Jahren. Aber Jungen? Als Junge wurde man geboren und war damit gemacht. Die Osnabrücker Forscherin Carol Hagemann-White verwirrt, wenn sie die Frage stellt, ob das, was als weiblich gilt, wirklich häufiger von Frauen als von Männern praktiziert wird.

Werbung gelang es schon immer mit neuen Bildern Aufmerksamkeit zu erzeugen und damit bekannte Vorstellungen herauszufordern. Der androgyne Mann der 70er Jahre sorgte zwar in der Parfümwerbung für guten Absatz, aber, so der Berliner Männerforscher Walter Hollstein, verändert habe dies wenig, denn in der traditionellen Männlichkeit dominieren immer noch "Leistung, Härte, Konkurrenz und Pokerface". In diesem Sommer erfanden die Trendforscher den weichgespülten Metrosex-Mann und sahen in dem Fußballstar David Beckham einen würdigen Protagonisten. Beckham creme sich, gehe zur Maniküre und wechsele ständig die Frisur. Wenn das mal ausreicht. Hinter all dem steckt doch eher der Wunsch, postmoderne Lebensstilgruppen zu bilden. Das Gender-Thema sitzt aber tiefer.

Der Mensch, um nochmals Carol Hagemann-Withe zu zitieren, ist "vermischt", existiert nicht in Reinform. "Erst Frauen und Männer zusammen, beide in sich unvollständig und begrenzt, machen Menschheit aus". Sie fordert auf, die Zweiteilung der Welt mit Hilfe von Gegensatzpaaren zu beenden.
Es geht bei dieser Diskussion nicht darum, das Rollenverhalten des anderen Geschlecht zu verstehen, Toleranz zu entwickeln oder eventuell zu kopieren, vielmehr meint "doing gender" als Frau oder als Mann zu entdecken, wann ich weiblich denke, lebe, mich inszeniere und wann männlich.

Nun vertreten auch in diesem Heft die meisten AutorInnen die Ansicht, dass die Menschen so geschaffen sind, in aller Freiheit die eigenen männlichen und weiblichen Anteile entdecken und konstruieren zu können. Etwas Wasser in den Wein der Konstruktions-Positivisten kippt die Kinder- und Jugendärztin Ursula Kuhnle. Wenn auch gerade in der psychischen Entwicklung vieles noch nicht klar ist, spielen für die biologische als auch für die soziale Geschlechtsentwicklung Gene und Hormone eine Rolle.
Also doch als Frau oder Mann geboren und der Natur willenlos ausgeliefert? Das wäre zu einfach. Die Diskussion wird spannend, wenn die Frauen- oder MännerversteherInnen mit der Erforschung des eigenen sozialen Geschlechts beginnen. Und alle zu dem Ergebnis kommen, dass nicht zwei sondern x-verschiedene Geschlechter auf dieser Welt herum laufen und keines Nachteile erleiden darf. Das wäre Geschlechterfreiheit und Geschlechtergerechtigkeit.

Vielleicht hilft ja Pippi Langstrumpf auf diesem langen Weg etwas weiter. Nun schweigen die Bücher von Astrid Lindgren zwar über das sexuelle Geschlecht von Pippi, dafür erfahren wir aber um so mehr über das Gender-Verhalten dieses selbstbewussten Mädchens. Während die braven Nachbarskinder Thomas und Annika ganz in íhren zugedachten Rollen aufgehen, wissen wir bei dem Verhalten der Bewohnerin der Villa Kunterbunt nicht, ob es sich um ein Mädchen oder einen Jungen handelt. Pippi inszeniert sich selber. Und wir sind erstaunt - oder bewundern sie.

PS: Gerade gewinnen die deutschen Frauen die Fußballweltmeisterschaft und überholen Rudi Völlers Buben, die nur die Vizemeisterschaft nach Hause bringen konnten. Nun hat der Sport- und Innenminister Otto Schily ein Gender-Problem. Ob ein Männerförderungsprogramm aufgelegt wird, war noch nicht zu erfahren.
Ein anderer, der Fußballkaiser aus dem Süden der Republik, merkte schon mal eilfertig an, dass man von Frauen viel lernen könne, nicht aber im Fußball.
Aber wie sang die Fangemeinde beim Empfang der Fußballfrauen auf dem Frankfurter Römerberg: "Siehst du Rudi, so wird das gemacht".

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Katrin Rogge: Engel - Wesen "queer" gelesen

Erstes Kapitel: Ein Engel ist ein Engel ist ein Engel (1)

"Was ist ein "Engel?" Diese Frage wird sich nicht eindeutig beantworten lassen - ebensowenig wie die Frage nach der "Frau" oder der "Lesbe?" Vielleicht gibt es da bestimmte gemeinsame Identitätsmerkmale bei den Engeln, jedoch nie wird es gelingen, "den Engel" an sich ausreichend zu benennen. Und doch geschieht genau dies in biblischer und theologischer Literatur: auch ein Engel ist nicht gefeit vor Kategorisierungen und Festschreibungen. Diese betreffen sein Aussehen, sein Geschlecht, sein Wesen und Tun. So beschrieb man schon im frühen Christentum die Beschaffenheit der Engel mal aus Feuer und Geist (Gregor von Nazianz), mal aus Feuer und Luft (Hippolyt von Rom); im Mittelalter spekulierte man über die Anzahl der Engel und war sich sicher, dass Engel, weil körperlos, keine Sexualität besitzen (Thomas von Aquin). Und in neuerer Zeit deklarierte man, der Engel habe "kein eigenes Wollen" (Karl Barth). Sogar ihre Existenz wurde ihnen schließlich völlig abgesprochen in der Aufklärung und durch das Entmythologisierungsprogramm Rudolf Bultmanns. Je mehr solcher Art Aussagen ich lese, desto skeptischer werde ich. Hat man nicht auch Frauen lange Zeit eine eigene Sexualität abgesprochen oder aus ihrer "Beschaffenheit" versucht, Wesenszüge zu erklären. Und hat es nicht auch Lesben und Schwule in den christlichen Kirchen offiziell realexistent lange nicht gegeben. Die Vielfalt, die uns in den Engelwesen begegnet, verbietet jede Art von verallgemeinernden Zuschreibungen. So will ich auf die Frage, was ein Engel sei, zunächst nicht weitergehen als zu sagen: "Ein Engel ist ein Engel ist ein Engel".

Zweites Kapitel: Das Dilemma der Engel: "angel trouble" (2)

Damit aber stecken wir mitten im Dilemma, bzw. die Engel stecken in einem uns gut bekannten Dilemma: "angel trouble". Wir erkennen "den Engel" als konstruierte Größe. Wir sehen ihn gefangen in dichotomen Strukturen, etwa Wesen zwischen Himmel und Erde - einmal mehr der himmlischen (weil nur geistigen Existenz), einmal mehr der irdischen (weil geschaffen) Sphäre zugedacht. Auch geschlechtlich bewegen sie sich ausschließlich im binären System der Zweigeschlechtlichkeit: mal männlich, mal weiblich, mal androgyn, mal ohne - doch stets in den altbekannten Kategorien. Hier bleiben sie nicht einmal vor typisch sozialen Zuschreibungen verschont: "Wir dürfen nicht unsere menschliche Geschlechtlichkeit in die geistige Welt hineinprojizieren. Vorstellbar ist vielmehr das Umgekehrte: dass unsere Geschlechterpolarität Abbild und Gleichnis einer viel subtileren und zugleich noch faszinierenderen Polarität in der unsichtbaren Welt ist. So darf man den weiblichen Typus des Schutzengels in der Kunst als Darstellung seines mütterlichen Dienstes verstehen. Es gibt andere Engel, die mehr die väterliche oder die brüderliche Liebe Gottes, auch die göttliche Gerechtigkeit und Allmacht repräsentieren - und die deshalb - wie Michael - als gewappnete Krieger in Erscheinung treten."(3) Die Konstruktion ist erkannt, "es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel"(4), und doch ist es schwer, aus bestimmten Vorstellungen auszubrechen - Engel ohne Flügel?

Drittes Kapitel: "Doing Angel" (5)

Judith Butlers Erkenntnis, dass Geschlecht das ist, was wir tun, nicht das, was wir sind, will ich versuchen, auf die Engel anzuwenden. Es ist ein erster Schritt, sie in ihrer Eigentlichkeit deutlicher wahrzunehmen. Nicht, was ein Engel ist, ist von Bedeutung, nicht sein Sein, schon gar nicht seine biologische Herkunft, sondern das, was ihn zum "Engel" macht, seine Sendung, sein Auftrag, sein Tun - "doing angel" also. Tatsächlich befinden wir uns damit dicht am biblischen Befund der Engel und sind sogar theologisch völlig political correct. So schreibt schon der Theologe Claus Westermann: "Der Engel kommt ins Sein mit seinem Auftrag, er vergeht mit der Erfüllung seines Auftrages, denn seine Existenz ist die Botschaft."(6) Beinahe unendlich geben sich nun die Möglichkeiten der Engel zu Veränderung, zu De- und Rekonstruktion ihrer Identitäten. Als Geisteswesen sind sie nicht an die Naturgesetze gebunden und überschreiten Raum und Zeit.

Viertes Kapitel: Performance of Angel

Die Befreiung der Engel aus ihren Festschreibungen könnte mit dem altbekannten subversiven Mittel der Performance, der Verkehrung oder der Parodie geschehen. "Was ist das echte Geschlecht eines biologischen Mannes in Frauenkleidern, der Männer begehrt?"(7) Fragen wir doch: Was ist der Engel eines Schutzengels in Gestalt eines barocken Puttchens mit einer großen Stimme wie ein brüllender Löwe (Offbg. 10,2), dessen Sendung es ist, Veränderung zu verkünden? Der Weihnachtsmarkt mit der Flut an pausbäckigen Goldrauschengeln erinnert schon stark an Selbststigmatisierung der Engelwesen. Nun liegt ein Problem darin, dass der wesentliche Punkt der Performance die Selbstinszenierung ist. Bei den Engeln droht die Gefahr, dass sie bei diesem Vorgang von uns erneut objekthaft konstruiert und inszeniert werden. Dennoch sehe ich eine doppelte Chance in diesem Prozess: Zum einen werden wir ihnen sicher in ihrer Vielfalt und Eigenständigkeit gerechter, wenn wir aufmerksam und immer wieder neu sehen und wahrnehmen, wie sie sich uns zeigen. Wir schaffen ihnen einen Raum für ihre Inszenierung. Zum anderen können wir uns selbst verändern durch neue Zugänge zu den Engelwesen, zu denen wir uns in Beziehung setzen. Die Vielfalt der Möglichkeit eröffnet die Vielfalt der Realitäten. Vielleicht schaffen wir es, in einem Prozess durch die Veränderung ihrer Identitäten und unserer Vorstellung davon, ihre und unsere Wirklichkeit zu verändern.

Anmerkungen
(1) Angelehnt an Sabine Harks "Eine Lesbe ist eine Lesbe ist eine Lesbe"...
(2) Angelehnt an Judith Butlers "gender trouble"
(3) Dr. Johannes Holdt, Das Reich der Engel, catholic-church.org/ps/Angeli.html
(4) Gedicht v. Rudolf Otto Wiemer, in Marie-Luise Dulige, Tür an Tür wohne ich mit Euch 39.
(5) Angelehnt an Judith Butlers "doing gender"
(6) C. Westermann, Gottes Engel brauchen keine Flügel, 7.
(7) Judith Butler, zitiert in: GEO WISSEN Nr. 26/2000, 43.
Dieser Artikel entstand im Rahmen einer
Bibelarbeit auf der Tagung der AG Queer (ESG) "Engel unterm Regenbogen - Engel und Dämonen"

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Ulrike Hormel, Albert Scherr: Beobachtungen im Geschlechtertheater

Auf den ersten Blick ist es eine recht plausible Vorstellung, unterschiedliche Verhaltensweisen von Mädchen und Jungen, Frauen und Männern als Ausdruck erlernter Geschlechterrollen zu betrachten. Denn Geschlechterrollen, also auf das Geschlecht bezogene Erwartungsbündel sind alltäglich erfahrbar und haben eine Verankerung in gesellschaftlich einflussreichen Werten, Normen, Stereotypen, Vorurteilen usw. Wenn also Jungen/Männer sich etwa mit Sportwagen oder Fußball beschäftigen und sich gegenseitig ihre körperliche Stärke beweisen, Mädchen/Frauen zum Shopping gehen und sich anschließend mit ihrer besten Freundin zum Kaffeetrinken zusammensetzen, dann tun sie etwas, was niemanden verwundert oder gar irritiert. Sie bleiben innerhalb der vorgesehenen Geschlechterrolle. D.h.: im Rahmen derjenigen sozial geteilten Erwartungen, die festlegen, was man als Frau/Mann tun und lassen kann, sollte oder muss. Eine inzwischen schon recht alt-ehrwürdige, aber immer noch verbreitete Erklärung von Geschlechterunterschieden lautet entsprechend: Für Mädchen/Frauen und Jungen/Männer gibt es in unserer Gesellschaft so etwas wie ein Drehbuch, in dem festgeschrieben ist, wie wir uns beim Spielen der Geschlechterrolle in unterschiedlichen Situationen zu verhalten haben, was jeweils typisch weiblich und typisch männlich ist.

Wie lernt mann/frau die Geschlechterrolle?

Offensichtlich wird geschlechtertypisches Denken und Handeln aber nicht zuerst und vorrangig durch eine bewusste Auseinandersetzung mit solchen Erwartungen gelernt, die ausdrücklich als Normen formuliert sind. Zwar kann man Mädchen- und Frauenzeitschriften, Jungenzeitschriften und Männermagazine, aber auch zahlreiche Romane, Krimis, Spielfilme und Sportsendungen als Darstellung geschlechtstypischer Verhaltensmuster verstehen, die wie ein Drehbuch "gelesen" werden und die jeweils gültige Normen inszenieren und zur Nachahmung empfehlen. Die Drehbuch-Metapher ist dennoch schief. Denn die Einübung in geschlechtstypische Verhaltensweisen beginnt früh und immer wieder in den alltäglichen Beziehungen. Mädchen und Jungen lernen bereits in der frühen Kindheit durch die Identifikation, Beobachtung und die Nachahmung von Eltern, Verwandten, ErzieherInnen, Geschwistern und FreundInnen, wie man sich geschlechtskonform verhält. Es handelt sich dabei in aller Regel nicht um einen bewussten Lernprozess, sondern um einen Aneignungsprozess, der sich unbemerkt vollzieht. Und die Rolle bleibt den Spielern nicht äußerlich: Gewöhnlich spielen wir nicht die Rolle der Frau bzw. des Mannes, sondern sind diejenigen Frauen und Männer, zu denen wir sozial geworden sind.

Ungleiche Rollenverteilungen

Das Einüben von Geschlechterrollen ist auch das Einüben in soziale Ungleichheit, jedenfalls soweit die alte Ordnung der Geschlechterverhältnisse noch wirksam ist. "Wie hoch der soziale Status einer Familie auch sein mag", formuliert Erving Goffman (1994: 130), "ihre Töchter können lernen, dass sie anders als Söhne und ihnen ein wenig untergeordnet sind". Entsprechend erfahren Söhne ihre tendenzielle Überlegenheit, wenn ihnen mehr Rechte und Freiheiten zustehen, weniger Pflichten und Einschränkungen auferlegt werden. Daraus folgert Goffman weiter: "Das Geschlecht, nicht die Religion, ist das Opium des Volkes." (ebd.: 131). D.h.: Der Erwerb traditioneller Geschlechterrollen ist zugleich der Erwerb des Glaubens an die vermeintliche natürliche Ungleichheit von Menschengruppen.

Schwierigkeiten beim Rollen-Spielen

Die Realität ist jedoch komplizierter als dieses einfache Modell unterstellt. Denn wir leben nicht in einer Gesellschaft, in der die Geschlechterrollen für alle Frauen/Männer in der gleichen Weise, umfassend und widerspruchsfrei festgelegt sind. Schon beim Gang durch die Fußgängerzone einer Kleinstadt wird sichtbar, dass es recht unterschiedliche Geschlechterrollen sind, die dort von Paaren und PassantInnen aufgeführt werden. Die Inszenierung des Körpers reicht vom mehr oder weniger lasziv vorgezeigten Bauchnabel bis zur weitgehenden Verhüllung, vom sportlich gestylten Muskeltyp bis zum gelassen getragenen Bierbauch, und spätestens das händchenhaltende homosexuelle Paar fügt sich nicht mehr in die Vorstellungswelt einer eindeutigen Ordnung der heterosexuellen Zweigeschlechtlichkeit. Die Kultur der modernen Gesellschaft enthält also kein Drehbuch mit eindeutigen Vorschriften für zwei und nur zwei Geschlechterrollen mehr, sondern vielfältige Vorschläge und Modelle für das Spiel der Geschlechter.
Um eine Geschlechterrolle erfolgreich spielen zu können, gilt es also erst einmal herauszufinden, an welcher der sichtbaren und denkmöglichen Varianten man sich orientieren will. Dies geschieht zweifellos wesentlich vor dem Hintergrund der Erfahrungen, die Kinder und Jugendliche in ihrer Herkunftsfamilie gemacht haben, etwa als kreative Neuinszenierung der elterlichen Rollen oder aber gerade als Versuch, dem Modell der eigenen Herkunftsfamilie zu entfliehen. Die Aneignung einer Geschlechterrolle kann man sich bei Jugendlichen aber durchaus auch als einen experimentellen und kreativen Prozess vorstellen: Die unterschiedlichen Jugendszenen und Cliquen sind je eigene Bühnen, auf denen je spezifische Varianten von Frauen- und Männerrollen in Szene gesetzt und darauf hin überprüft werden, wie sie sich anfühlen und ob sie zur eigenen Person passen. Skinheads inszenieren unterschiedliche Varianten des Mannes als Kämpfer (und gelegentlich auch der Frau als Kampfgefährtin), Alt- und Neohippies bis in das Haarstyling reichende Verwischungen der Geschlechterunterschiede, usw.

Risiken

Allerdings ist ein spielerisch-experimenteller Umgang mit dem eigenen Geschlecht immer noch eine riskante Angelegenheit. Man muss damit rechnen, von anderen auf eine bestimmte Variante festgelegt zu werden, insbesondere dann, wenn man sich in den Grauzonen derjenigen Geschlechterrollen bewegt, die sozial zwar gerade noch toleriert werden, aber keineswegs als gleichberechtigt anerkannt werden. Denn die traditionelle Ordnung der Geschlechter hat zwar Brüche und Risse bekommen, sie ist aber längst noch nicht bedeutungslos geworden. Homosexuelle Interpretationen der Geschlechterrollen sind auch gegenwärtig noch keineswegs gleichermaßen akzeptiert wie heterosexuelle, und wer sich auf das Terrain andersgeschlechtlich codierter Berufe bewegt, muss immer noch mit einigen Widerständen rechnen.
Zudem darf man sich auf der Geschlechterbühne nicht beim Spielen erwischen lassen, denn in der Regel wird ernsthafte Identifikation mit der Rolle verlangt. Geschlechterrollen verlangen den Rollenspielern ab, dass sie sich zu der Rolle bekennen, dass sie - zumindest in sozialen Ernstsituationen - auf ein ironisch-distanziertes Verhältnis dazu verzichten. Denn die Geschlechterrollen sind eng mit den privat-intimen Beziehungen verknüpft, in denen emotionale Sicherheit und Stabilität gesucht wird. Das aber gelingt nur, wenn wechselseitige Verlässlichkeit angenommen werden kann.

Gott schuf sie nicht als Frau und Mann

Schon das bislang knapp skizzierte soziologische Konzept, das Ausprägungen von Männlichkeit und Weiblichkeit als Folge sozial hergestellter und individuell angeeigneter Erwartungen sieht, stellt die Vorstellung in Frage, dass es sich bei der Ordnung der Geschlechter um eine irgendwie natürliche und unveränderliche oder gar gottgegebene handelt. Denn Rollenerwartungen haben keine andere Grundlage als soziale Festlegungen, die durch Tradierungen, Auseinandersetzungen und Aushandlungsprozesse hervorgebracht werden. Diese können in Frage gestellt, kritisiert und verändert werden. Die neuere sozialhistorische und sozialwissenschaftliche Forschung zwingt jedoch zu einer radikaleren Verabschiedung von naturalistischen Vorstellungen. Denn es ist nicht einfach nur so, dass soziale Erwartungen und Normen das biologische gegebene Geschlecht von Frauen und Männer überformen. Vielmehr ist schon die biologische Geschlechtsidentität bei einer bedeutsamen Zahl von Neugeborenen nicht eindeutig weiblich oder männlich, sondern uneindeutig. Es sind dann gezielte medizinische Eingriffe, durch die Kleinkinder erst zu eindeutigen Mädchen und Jungen gemacht werden. Aber auch dann, wenn der Körper selbst keinen Zweifel aufkommen lässt, gilt: Wie Mädchen/Frauen und Jungen/Männer ihren Körper erleben, was sie an körperlichen Bedürfnissen und Verletzlichkeiten empfinden, ist nicht einfach naturgegeben, sondern wird sozial gelernt. Und die weiblichen und männlichen Körper von Jugendlichen und Erwachsenen sind nicht einfach ein "Naturprodukt", sondern durch vielfältige Praktiken erzeugt: Jungen tun manches, um das Wachstum eines Bartes zu fördern, Mädchen vieles, um dies zu vermeiden, frau rasiert sich die Beine und mann kultiviert seine Brustbehaarung, weibliche und männliche Körperhaltungen und Bewegungsmuster werden eingeübt, Stimmlagen und Sprechweisen werden an geltende Konventionen angepasst, usw.
Zu Frauen und Männern werden Menschen also gemacht und machen sie sich selbst durch das Praktizieren des "doing gender", der Herstellung und Darstellung von Geschlecht, die bis in die Körperlichkeit hineinwirken.

Alles nur Theater?

Damit verschiebt sich der Blick auf die gegenwärtige Geschlechterordnung. Es kann nicht davon ausgegangen werden, dass es eine natürliche Zweigeschlechtlichkeit, d.h. biologische Körper in gesellschaftlich voraussetzungsloser Form gibt, die dann lediglich nachträglich in spezifischer Weise sozial überformt werden.
Mit der Konzeption des "doing gender" wird die Darstellung und Herstellung von Geschlecht und die Geschlechtsidentifikation als eine alltägliche Praxis, als ein sich wiederholender Prozess gefasst, der sich auch in die Körper "einschreibt". Selbst der Körper ist nicht als männlicher und weiblicher einfach gegeben, sondern Individuen machen sich in sozialen Praktiken zu Frauen und Männern. Sie setzen sich und bewegen sich zum Beispiel in einer bestimmten Weise, werden dabei von anderen als Frauen und Männern beobachtet, sie wissen, dass dies geschieht, richten sich danach aus oder ziehen skeptische Blicke und Bemerkungen auf sich, wenn sie es nicht tun, usw.
Der leicht beobachtbare Vorgang der Herstellung von "Geschlecht" durch alltägliche Praktiken, Selbstinszenierungen, die Teilnahme an Gesprächen, die Wahrnehmung medialer Bilder usw. verschwindet jedoch im Ergebnis - wir sind alltäglich Männer und Frauen und verhalten uns entsprechend - und dies bestätigt die Alltagsgewissheit in Bezug auf eine scheinbare Natürlichkeit einer gegebenen Zweigeschlechtlichkeit: Wir sehen jeden Tag, wie Frauen und Männer eben so sind.

Bleibt alles, wie es war?

Vor dem Hintergrund der skizzierten Perspektive ist die relative Stabilität einer gesellschaftlichen Ordnung, die zwei und nur zwei Geschlechter unterscheidet, erklärungsbedürftig. Denn die Bewertung von Tätigkeiten und Verhaltensweisen als spezifisch männliche oder weibliche wird im Rahmen einer in sich zunehmend widersprüchlicher werdenden Geschlechterordnung ersichtlich nicht ungebrochen tradiert. Der Mann mit traditionellem Dominanzverhalten ist aus der Mode gekommen, die Versorgerehe hat ihre ökonomische Grundlage verloren, die Gleichstellung von Frauen und Männern in Ausbildung und Beruf ist politisches Programm und selbst in den christlichen Religionen wird nicht mehr gepredigt, dass die Frau dem Mann untertan sein soll. Individuelle Prozesse der Herausbildung von Geschlechtszugehörigkeiten und Geschlechtsidentitäten finden gegenwärtig also in Auseinandersetzung mit erheblichen Veränderungen statt und tragen selbst zu solchen Veränderungen bei. Es herrscht Aufbruchstimmung und etwas Unordnung im Geschlechtertheater.
Dies bedeutet aber gerade nicht, dass die Frage der Geschlechtszugehörigkeit und -identifikation nunmehr beliebig und völlig freigegeben wäre oder etwa die Geschlechtsidentität situativ ohne Irritationen zu wechseln ist. Denn die Kategorie Geschlecht ist für die Strukturierung von Gesellschaft und für die subjektiven Zuordnungen und Identifikationen keineswegs bedeutungslos geworden. Zwar haben sich Frauen mehrheitlich von Heim und Herd zur eigenen Arbeit hin emanzipiert, aber eine Befreiung der Männer vom Zwang zur arbeitszentrierten Lebensführung steht noch aus und wird durch die Strukturen der Gesellschaft blockiert.
Es handelt sich bei der Herstellung der Geschlechterordnungen, auf denen die Geschlechterrollen basieren, also um ein flexibles und dynamisches Verfahren, dem gesellschaftliche Strukturen zu Grunde liegen und das als in sich widersprüchliches sozio-kulturelles Ordnungssystem wirksam wird. Eigene Auseinandersetzungen mit Fragen von Geschlechtszugehörigkeit und Geschlechtsidentität, des sexuellen Begehrens und der Gestaltung von Beziehungen sind unweigerlich hierauf bezogen - auch dann, wenn dies in bewusster Abgrenzung und Eigensinnigkeit geschieht. Auch wenn man sich selbst von sozialen Konventionen abgrenzt, sind es bestimmte Konventionen, von denen man sich in bestimmter Weise abgrenzt. Frauen und Männer fertigen ihre Geschlechterrollen an, aber unter vorgefundenen, nicht selbst gewählten Bedingungen.

Literatur
Erving Goffman: Interaktion und Geschlecht. Frankfurt/New York 1994
Gabriele v. Ginsheim/Dorit Meyer (Hrsg.): Gender Mainstreaming. Neue Perspektiven für die Jugendhilfe. Berlin (Stiftung SPI) 2001

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Autorinnen und Autoren des Heftes

  • Matthias Becker, Nürnberg
    Dipl. Sozialpädagoge, Referent im Amt für evang. Jugendarbeit in Bayern
  • Dr. Peter Döge, Berlin
    Mitarbeiter am Institut für anwendungsorientierte Innovations- und Zukunftsforschung e.V.
  • Birgit Groner-Zilling, Rottenburg
    M.A., Diplom Sozialpädagogin, Coach nach EAC
  • Dr. Carol Hagemann-White, Osnabrück
    Professorin an der Universität Osnabrück, Fachbereich Erziehungs- und Kulturwissenschaft
  • Elke Heldmann-Kiesel , Darmstadt
    Öffentlichkeitsreferentin im Amt für Jugendarbeit der EKHN
  • Dr. Anita Heiliger, München
    Soziologin, Sozialwissenschaftlerin am Deutschen Jugendinstitut, Abt. Geschlechterforschung und Frauenpolitik
  • Ulrike Hormel, Freiburg
    Universität Freiburg
  • Gerd Humbert, Speyer
    Dipl. Religionspädagoge, Dipl. Sozialtherapeut bei der Landesstelle für Gleichstellung der Evang. Kirche in der Pfalz
  • Dr. Renate Jost, Neuendettelsau
    Pfarrerin, Dozentin für Theologische Frauenforschung/Feministische Theologie an der Augustana Hochschule in Neuendettelsau
  • Dr. Barbara Keddi, München
    Dipl.-Soziologin, Dr. phil., Analytische Imaginationstherapeutin wissenschaftliche Referentin am Deutschen Jugendinstitut
  • Hanne Köhler, Schmitten
    Pfarrerin an der Evang. Akademie Arnoldshain, Projektstelle "Bibel für das neue Jahrtausend - die Testamente in gerechter Sprache"
  • Dr. Wolfgang Krahl, München
    Facharzt f. Kinder- und Jugendmedizin
  • Dr. Ursula Kuhnle, München
    Professorin an der Universität München, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin
  • Dr. Franz Josef Röll, Maintal
    Dipl. Soziologe, Professor an der FH Darmstadt
  • Katrin Rogge, Berlin
    Theologische Referentin der Evang. StudentInnengemeinde in Deutschland (ESG)
  • Dr. Albert Scherr, Freiburg
    Professor an der Pädagogischen Hochschule Freiburg
  • Heike Schlottau, Plön
    Studienleiterin an der evangelischen Akademie Nordelbien, Jugendbildungsreferat
  • Franz K. Schön, Hannover
    Diakon, Hauptgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft der Evang. Jugend i. d. Bundesrepublik Deutschland (aej)
  • Christine Sippekamp, München
    Pfarrerin
  • Dr. Elke Tönges, Bochum
    Wissenschaftliche Assistentin für Neues Testament an der Universität Bochum

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