das baugerüst 1/02 - Mobilität

Wolfgang Noack: Mobilität ist alles. Einführung in das Heft

  • DIE (IM)MOBILE GESELLSCHAFT
    Barbara Sichtermann: Immer schneller in den Stillstand
    Nikolaus Sidler: Die mobile Gesellschaft
    Claus J. Tully: Abspacen, Party machen, Drive - Sind Jugendliche kommunikativ und mobil?
    Joachim Sumpf: Woher wir kommen, wie wir vorankamen, wohin wir fahren
    Juliane Krause: Unterwegs in Stadt und Land - Mobilität von Frauen und die Berücksichtigung ihrer Belange in der Stadt- und Verkehrsplanung
    Sibylle Berg: Und in Arizona geht die Sonne auf - Der Asphaltcowboy mit Sporen an den Stiefeln
    Burkhard Strassmann: Mit Tatjana am Stau vorbei - Im Jahr 2010 auf der A 5: Das Autofahren mit dem Joystick wird zum Kinderspiel
  • UNTERWEGS
    Rainer Brandt: Ist Gott mobil?
    Karl Foitzik: Mobile Welt - stabile Kirche?
    Christian Buchholz: Wandern um des Glaubens willen - Anregungen zur Methode des Pilgerwegs
    Beate Frankenberger: Leben auf der Straße - Streifzüge aus St. Lukas in München
    Martin Heinke: Auf der Reise - Vom Leben der Schausteller und Artisten
    Joachim Schmidt: Der Umweg durch die Wüste (2. Mose 13,18) - Ein Thema in drei Variationen
    Heinz Fuchs: Wohin geht die Reise?

  • JUGENDARBEIT IN DER MOBILEN GESELLSCHAFT
    Michael Borger: "Ektschen auf Evangelisch" - Welche Freizeitangebote suchen mobilitätsgewohnte Kinder und Jugendliche?
    Ulrich Wollstadt: Abwanderungen - Folgen für die (kirchliche) Jugendarbeit einer ganzen Region
    Roland Bader: Mobilität und Flexibilität
    Karlheinz A. Geißler: Pünktliche Verspätung
    Klaus Waldmann: Alles in Bewegung - Mobilität ein Thema ökologischer Bildung
    Matthias Spenn: Leben ohne Grenzen - Arbeitsansätze evangelischer Jugendarbeit mit mobilen Menschen
    Karlheinz A. Geißler: Hat Goethe noch Aufstiegschancen?

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Wolfgang Noack: Mobilität

Einführung in das Heft

Wer mit dem Eurocity Verdi von Zürich nach Mailand fährt, kann die Pfarrkirche von Wassen dreimal sehen. In großen Schleifen schraubt sich der Zug in die Schweizer Bergwelt hinauf und entfernt sich sanft von jenem idyllischen Bergdorf. Damit soll 2013 Schluss sein. Der neue Gotthard-Basistunnel unterquert dann die Alpen und verbindet die Schweiz mit Italien. Die rasende Alpen-U-Bahn verlässt dabei niemals die Höhe von Zürich. Steigungen verlangsamen nur die Geschwindigkeit. "Der Mensch schreit nach schnellen Verbindungen", heißt es bei der Vorstellung der zukünftigen Alpenmagistrale. Verständlich. Da hochgerechnet inzwischen jeder Deutsche drei Tage seines jährlichen Daseins im Stillstand auf irgendeiner Fahrbahn fristet, sind Beschleunigungsangebote Lichtblicke für Mobilitätsverliebte.

Staus, Funklöcher und Verspätungen hingegen heißen die Plagen einer atemlosen Gesellschaft. Tag für Tag, wenn sich die Wagenkolonnen auf die Megamärkte und Eventtempel, auf die Bürotürme und Fabrikhallen, auf die Nah- und Fernerholungsrefugien zubewegen, ist Schluss mit versprochener Mobilitätsgarantie. Und Mobilität verschafft Spielräume. Das war bei Goethes Weg nach Italien nicht anders als bei Humboldts Südamerikareise oder Thomas Cooks Weltumseglung.

Schon immer waren Menschen mobil und unterwegs auf der Suche nach Wasser und Weideland, nach besseren Lebens- und Arbeitsbedingungen. Migrationsbewegungen haben eine lange Tradition. Im 17. Jahrhundert wanderten Tausende von Deutschland aus zu den Arbeitsplätzen in die reichen Gegenden Mittelitaliens, im 18. Jahrhundert in die Niederlande und im 19. Jahrhundert in die Neue Welt jenseits des Atlantiks. Ökonomischer Zwang trieb die Menschen zur Bewegung. Heute nennt man sie verächtlich "Wirtschaftsflüchtlinge". Überhaupt legen Pendler täglich weite Strecken zurück, um Arbeitsplätze zu erreichen, zerreißen im Hin und Her ihren Lebensmittelpunkt. Die Ökonomie fordert ihren Tribut.

"In Bewegung setzen", "nicht an einen festen Standort gebunden" überschreiben die Wörterbücher "mobil", ein Begriff lateinischen Ursprungs (mobile).
Längst sind wir auch alle dann unterwegs, wenn wir uns zu Hause wähnen und sind dort zu Hause, wo wir unterwegs sind. Die Nicht-Orte des Transits, der Passage sind lieb gewordene Plätze mobiler Menschen. Nicht-Orte gibt es weltweit: Supermärkte, Shopping-malls, Einkaufsstraßen, Service-Center, Bahnhöfe und Autobahnraststätten. All diese Orte bieten leih- und zeitweise so etwas wie Heimat. Die Sesshaften spüren Beweglichkeit und die Beweglichen Sesshaftigkeit. Die mobile Gesellschaft hält inne, ist zu Hause und unterwegs zugleich. Jugendliche gehen damit viel souveräner und selbstverständlicher um. Am Wochenende mal eben 100 Kilometer zur nächsten Disco oder zum Konzert verschafft ein grenzenloses Lebensgefühl. Dass dabei der Burger und die Pommes bei Mc Drive bestellt und auf vier Rädern verzehrt werden liegt, in der Logik des mobilen Lebensgefühls. Überhaupt: Je verstopfter die Straßen, desto komfortabler richten die Autohersteller die Fahrzeuge ein. Hifi-Anlagen wie im Wohnzimmer, Navigations- und Kommunikationseinrichtungen, Ledersessel für den Fahrer und Playstation für nörgelnde Kinder verschaffen auch im Stillstand ein positives "Fahrgefühl". Wenn es schon nicht vorangeht, soll es wenigstens bequem sein.

Mitleidig betrachtet der Urlauber den Südtiroler Bergbauern, der nie aus seinem Dorf herauskam. Wie kann man nur so leben? Wie kann man nur so leben, fragt der sich vielleicht auch. Ohne den festen Lebensort, die Jahreszeiten, die Feste, die Abhängigkeit von der Natur.
Andererseits: Wer sich bewegt, erfährt das Neue außerhalb seiner selbst. Bewegung vergrößert den eigenen Aktionsradius, lässt unbekannte Dinge aufnehmen, erlaubt Aufbrüche zu neuen Ufern. Menschen sind keine Bäume, sonst hätten sie Wurzeln statt Beine.

Ein Heft über mobile Menschen und mobile Orientierungen, über Mobilität und die Folgen dauerhafter Beweglichkeit. Wer unterwegs ist braucht hin und wieder Rastplätze und Oasen, um auftanken zu können. Die Beiträge in diesem Heft beschreiben die bewegte Welt, die Visionen einer mobilen Gesellschaft und die konzeptionellen Überlegungen für Jugendarbeit, die an dem mobilen Lebengefühl Jugendlicher andocken wollen. Vielleicht ist ja Mobilität doch nicht alles!?

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Nikolaus Sidler: Die mobile Gesellschaft

Gesellschaften sind nie mobil

Wenn sich einer bemüht, den Wörtern zuzuhören, dann tut das Reden von der "mobilen Gesellschaft" schon etwas weh in den Ohren - die Gesellschaften sind in der Regel immobil. Gut, wenn man dem Bericht der Bibel wörtlich glauben will, dann war die israelitische Gesellschaft auf dem Weg von Ägypten ins Gelobte Land vierzig erzwungene Jahre mobil. Aber das ist die Ausnahme, die deutsche Gesellschaft beispielsweise ist stabil, ortsfest, bewegt sich nicht vom Fleck (auch wenn sie vor ein paar Jahren durch Fusion sich ausgedehnt hat). Gesellschaften sind fast nie mobil.
Aber das ist mit dem Reden von der "mobilen Gesellschaft" gar nicht gemeint; das Wortgebilde soll, wie so viele Ausdrücke einer soziologisierenden Alltagssprache, etwas ganz anderes sagen als es besagt: Es spricht die Mobilität der Menschen, ihrer Sachen in und zwischen den Gesellschaften an, die Bewegung der Menschen und Dinge im sozial geformten physikalischen Raum. - Das hat dann dieselbe etwas schiefe Logik wie wenn wir sagen: "Der Wasserkessel kocht."

Nichts Neues unter der Sonne

Wir Menschen sind von Natur aus und schon immer hochmobile Tiere. Das dritte, was wir nach Erschaffung und Sündenfall von Adam und Eva erfahren, ist, dass sie aus dem Paradies ausgewandert sind. In der Sicht der Evolutionsbiologie scheint es sehr wahrscheinlich, dass alle heutigen Menschen letztlich einer einzigen Wiege entstammen, die irgendwo an den Küsten des afrikanischen Kontinents stand; von dort breitete sich die Menschheit wandernd über den ganzen Globus aus.
Völkerwanderungen als Flucht- und Eroberungsbewegungen gab es immer und immer wieder; Händler, Missionare, Forscher, Eroberer, Söldner, sie bevölkern die Geschichtsbücher. Mobilität - nichts Neues unter der Sonne.

Flüchtlinge, Pendler, Urlauber

Trotzdem hat die heutige Mobilität, die in ihrer Art und ihrem Ausmaß als typisch modern gilt, ihre eigene sonderbare Ausprägung:
Zum einen hat die moderne Mobilität sehr differenzierte, teilweise neuartige Formen angenommen. Ich möchte sie wie folgt klassifizieren, auch wenn die Übergänge verfließen:
- Wir haben zum einen Migranten; sie wandern, um für lange Zeit oder für
immer den geographischen Bezugspunkt ihres Lebens, die sogenannte Heimat, zu verlagern. Solche Wanderer haben mannigfache Motive für ihr
Tun und entsprechend können wir Untergruppen unterscheiden, insbesondere Auswanderer, (Armuts- und politische) Flüchtlinge und Arbeitsmigranten (teils innerhalb, teils über die Grenzen der eigenen Kultur bzw.
Gesellschaft); nennen kann man auch die Senioren, die für ihren Lebensabend einen Platz an der Sonne aufsuchen.
Zum andern haben wir die Pendler. Sie haben einen geographischen Fixpunkt ihres Lebens, ihren "Wohnort", daneben aber noch einen oder mehrere weitere, für sie momentan oder auf Dauer wichtige örtliche Bezugspunkte ihrer Aktivitäten, zwischen denen sie sich hin- und herbewegen. Je nach Art der relevanten Aktivitäten bzw. nach Motiven der Mobilität können wir wiederum Spielarten identifizieren, so insbesondere die Arbeitspendler - Tagespendler, Wochenendpendler, Dienstreisende, Saisonarbeiter - und die Freizeitpendler in Gestalt von Touristen, Besuchern von Freunden und Verwandten und Konsumenten verschiedenster "Events".

Zum andern ist die Anzahl der von Mobilität erfassten und betroffenen Menschen so groß wie noch nie:
Die Migrationsbewegungen haben eine so große Zahl von Menschen erfasst
wie noch nie zuvor - insbesondere die Flüchtlingsströme haben einen traurigen Rekord erreicht.
Zu Pendlern in der einen oder anderen Form sind fast alle Mitglieder der modernen Industriegesellschaft geworden; zumindest alle "normalen", also voll integrierten Bürger sind Arbeits- oder zumindest Freizeitpendler geworden - nur Inhaftierte und Insassen stationärer Versorgungseinrichtungen sind ortsfest; Sozialhilfeempfänger haben in der Regel kein Auto und "brauchen" keinen Urlaub. Der Erwerb des Führerscheins ist heute für sehr viele 18-Jährige zum Initiationsritus in die Erwachsenengesellschaft geworden. Mobilität ist heute normal, Immobilität Symptom und Folge gesellschaftlicher Ausgrenzung, der "Exklusion", wie man heute sagt, wenn man auf trendkonforme Sprechweise Wert legt.

Zum dritten ist die Länge der von den mobilen Individuen durcheilten Distanzen so groß wie nie zuvor; das gilt für die Wander- wie für die Pendelbewegungen. (Allerdings hat sich wegen der Beschleunigung der Verkehrsmittel die für diese Wege benötigte Zeit nicht gleichsinnig verändert.)
Ferner sind nicht nur Menschen, sondern auch materielle Güter, Energien und Informationen von der Mobilität erfasst; die Mengen der über weiteste Distanzen transportierten Waren und Daten steigen noch täglich an. Schließlich ist auch die moderne Mobilität Bewegung von physikalischen Körpern im physikalischen Raum. Damit ist auch die moderne Mobilität den Gesetzen der Physik unterworfen. Eines dieser Gesetze besagt, dass nicht zwei oder mehr Körper zur selben Zeit am selben Ort sein und sich bewegen können. Das typisch moderne Quantum mobiler Menschen mit mobilen Vehikeln und mobiler Waren führt immer häufiger zu Situationen, dass zwei oder mehr Körper dieses Unmögliche versuchen. Im alltäglich-tragischen Fall kommt es dann zum Verkehrsunfall, im alltäglich-lästigen Fall zum Stau. Das Auto-Mobil, das Goldene Kalb der Hochmobilen, wird bekanntlich immer häufiger zur Immobilie. Je mehr wir uns dem Zustand der totalen Mobilmachung nähern, desto häufiger wird der Zustand einer nervösen Ortsfestigkeit.


Ursache und Wirkung

Es drängen sich die Fragen nach den Ursachen und den Wirkungen dieser modernen Mobilität auf. Aber diese Fragen sind trügerisch, sie lenken den Blick in die Irre: Es gibt hier nicht identifizierbare und abgrenzbare Ursachen und Wirkungen, sondern zirkuläre Prozesse, in denen unterschiedliche Gegebenheiten interdependent verbunden sind, sich gegenseitig bedingen und bestimmen und bisweilen nach Art einer Spirale sich gegenseitig sozusagen "hochschrauben". Modellhaft vereinfacht und Zusammenhängendes willkürlich auseinanderreißend und ohne Anspruch auf Vollständigkeit kann man folgende wechselseitig verbundene Faktoren nennen:
Pendlerbewegungen setzen funktional differenzierte Räume bzw. Orte voraus - Wohn-Orte, Arbeits-Orte, Freizeit-Orte, Urlaubs-Orte. Umgekehrt ist die funktionale Differenzierung von Orten und Räumen erst dann sinnvoll und möglich, wenn es mobile Menschen gibt, die willens (subjektive Mobilität) und in der Lage (objektive Mobilität) sind, zu pendeln. Das bedeutet: Eines der zentralen Merkmale der modernen Gesellschaft, nämlich die funktionale Differenzierung ihrer Subsysteme, die sich immer auch räumlich manifestiert, ist untrennbar interdependent verbunden mit der Entwicklung und Steigerung der Mobilität der Menschen.
Mobilität setzt Transport- bzw. Verkehrsmittel und -wege voraus; umgekehrt ist die Entwicklung und ständige Weiterentwicklung dieser Mittel und Wege nur sinnvoll, weil problemlösend, wegen der zunehmenden Mobilität der Leute. Der Ausbau der Verkehrswege - Straßen, Schienen, Fluglinien - und der entsprechenden Vehikel ermöglicht eine weitere Steigerung der Mobilität und erscheint umgekehrt als unausweichlich wegen dieser so ermöglichten bzw. möglich scheinenden Steigerung der Mobilität.
Die "Globalisierung", die weltweite Vernetzung der Interaktionsgeflechte der Menschen, sagt man, ist Ursache der weltweiten Steigerung der Mobilität. Umgekehrt gilt aber auch: Erst die weltweite Mobilität der Menschen (und Güter und Informationen) machte die Globalisierung wünschenswert und möglich.


Mobile Rollen

Es gibt Leute, die meinen, die "mobile" weil differenzierte Gesellschaft falle bald auseinander - die Menschen seien ständig unterwegs zwischen den auseinandergerissenen, funktional differenzierten Welten der Familie, der Arbeit, der organisierten Freizeit, des Urlaubs usw. Diese Angst, so scheint mir, ist unbegründet:
Zum einen ist die Vorstellung von der modernen Gesellschaft als einem System wechselseitig weithin abgeschotteter Subsysteme zum großen Teil falsch, Ergebnis übertreibender und falsch verstandener soziologischer Aussagen über die Differenzierung unterscheidbarer gesellschaftlicher Funktionsbereiche. Selbstverständlich haben wir solche Bereiche: Wirtschaft neben Militär, Bildungsbereich neben
Kirchen, Sozialwesen neben Rechtspflege, organisierte Freizeit neben Familie etc. Aber die Klarheit der Grenzen zwischen diesen Bereichen ist doch mehr theoretischer als empirischer Art, praktisch sind die Grenzen fließend: Wohin gehört der Sozialarbeiter in der Justiz? Gehören die Elternsprecher zum Schul- oder den Familiensystemen? Der organisierte Freizeitbereich ist auch ein Wirtschaftsbereich; Kirchen leisten Bildungs- und Sozialarbeit etc.. Zum andern, und das ist noch viel wichtiger: Diese Subsysteme werden untereinander verlässlich, stabil, unlösbar zusammengehalten durch die konkreten Menschen, die - hochmobil - in ihnen allen teils zeitgleich (Arbeitnehmer sind oft zugleich Eltern, die den Unterhalt ihrer Kinder verdienen), teils nacheinander ver-lässlich agieren; sie spielen viele Rollen, aber als die einen Menschen.


Fremdheit und Heimatlosigkeit

Was passiert mit den hochmobilen Menschen in der modernen Gesellschaft? Was erleben sie, d.h. wir, vielleicht anders und anderes als die Vorfahren? Was ist geblieben?

Was für viele interkulturelle Migranten bleibt, das ist die Erfahrung der Fremdheit, des eigenen (in der Regel lebenslangen) Fremdseins und der Fremdheit der neuen Nicht-Heimat, das Problem der fremden Sprache, die Probleme häufiger sozialer Deklassierung, das Erlebnis des Benutztwerdens und des Unerwünschtseins. Migranten werden oft heimatlos, falls sie nicht den Kontakt zur alten Heimat lebendig halten können.

Ein früher unausweichlicher Begleitumstand der Mobilität war die faktische Beendigung sozialer Beziehungen zu Menschen des Ursprungsortes: Emigranten, die vor 100 oder 150 Jahren nach Amerika zogen, mussten ihre Wurzeln kappen. Heute sieht das anders aus: Viele Migranten halten telefonischen Kontakt zur ursprünglichen Heimat, verbringen ihre Ferien dort und schaffen so ein sehr weiträumiges Netz; Pendler halten selbstverständlich die Bezüge zum Wohnort, wobei sich diese Bezüge allerdings, abhängig von der Dauer der Abwesenheit, modifizieren, und knüpfen zusätzliche Netze zu Menschen des Arbeits-, Erlebnis- und Ferienorts. Eine Folge der modernen Mobilität ist also
eine enorme Ausweitung der Interaktionsnetze nach geographischem Raum und nach der Zahl der involvierten Personen. Allerdings muss dieses Netz "bedient" werden, was weitere Mobilität generiert.
Pendler werden also in der Regel nicht heimatlos, müssen allerdings auch für ihre Verwurzelung in ihrer Heimat etwas tun. Vielleicht erklärt sich daraus auch zum Teil der ungebrochene Drang der mobilen Deutschen zur Immobilie in Gestalt des eigenen Heimes.

Manche sagen, die modernen Menschen seien aufgrund ihrer Mobilität
in ständiger Hetze, ständig gejagt. Hierbei verwechselt man allerdings Ursache und Wirkung. Weil manche Leute so "gejagt" sind, sind sie notgedrungen so mobil; das heißt, sie sind mobil, weil im Zuge des enthemmten Wirtschaftsliberalismus die durchsetzbaren Werte und Interessen sich gewandelt haben. Jetzt werden, so scheint es, Menschen, ihre Zeit und ihre Arbeitskraft leichter zur Beute; erleichtert ist diese Ausbeutbarkeit allerdings durch unsere gesteigerte subjektive und objektive Mobilität, auch hier also wiederum zirkuläre Prozesse.

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Rainer Brandt: Ist Gott mobil?

Es ist nicht lange her, da lud die Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland zu einer Tagung unter der Überschrift "Ist Gott zukunftsfähig?". Ähnlich provozierend höre ich die Frage: Ist Gott mobil?
Meine erste Antwort zu beiden Einfällen heißt: ACH!
Wie sollte der Allgegenwärtige, der Schöpfer aller Dinge, der, die Einzige, wie sollte ER/SIE nicht zukunftsfähig sein oder gar mobil bzw. nicht mobil?
Es ist also eine Frage, die an sich keinen Sinn macht. Es sei denn, sie will sich kundig machen nach dem biblischen Gott, der sich zu erkennen gibt, als Gott des Mitgehens, der da ist, auch wenn er verborgen ist. Meine Rede von Gott weiß, dass alle Kategorien, Bilder und Vergleiche versagen müssen und deswegen bleibe ich bei dem "ACH" des Anfangs. Aber ohne alle sie würden mir die Worte fehlen, die helfen die biblischen Erinnerungen wachzurufen. Dabei geht es um die Mitteilung vergangener Erfahrungen, die helfen wollen, heute Gott zu "erfahren".

Gott geht mit

Der Gott des Mitgehens ist keine nur vorübergehende Erscheinung. Seine stete Begleitung ist der rote Faden, der die Schriften Israels und die des Neuen Testamentes später durchziehen wird. Die Geschichte Israels bestimmen Menschen, wie Abraham und Sara, die äußerst mobil sind und dabei begleitet werden vom Sternenhimmel in der Nacht und der Sonne am Tag, die Wegweiser, Kompass und Landkarte sind. Gleich den beiden verlassen Jahrhunderte vor und Jahrtausende nach ihnen Menschen ihre Heimat, ziehen umher, um mit ihren Herden neues Land zu erwerben, dabei oft getrieben von der Suche nach Überleben, heute diskriminiert mit dem Wort Wirtschaftsflüchtlinge. Tatsächlich formuliert sich bereits in den ersten Kapiteln der biblischen Geschichten die Frage nach der Mobilität Gottes. Sie setzt ein Denken von verschiedenen Gottheiten voraus, die ihr jeweiliges Territorium besitzen und solange "mein" Gott sind, wie ich mich in ihrem Stammesgebiet aufhalte. Deutlich wird dies an der Geschichte von Jakob und seiner Flucht, die das erste Buch Mose notiert in den Kapiteln 25-28. Wir erinnern uns, Isaak, der Sohn Abrahams und Saras vermählt sich mit Rebekka, die ihm Zwillinge schenkt. Esau wird dabei als erster geboren und Jakob hat das Nachsehen. Das Recht des Erstgeborenen ist unbezahlbar, Jakob wird es seinem Bruder entsprechend mit List und Tücke entreißen. Als der Betrug offenbar wird, d.h. der blindgewordene Vater von Jakob um den Segen getäuscht wurde, verlässt dieser fluchtartig das angetraute Stammesgebiet. Auf dem Weg nach Haran, überfällt Jakob das Gefühl, von allen guten Geistern verlassen zu sein. Niedergeschlagen bettet er seinen Kopf auf einen Stein und schläft ein. In dieser Nacht träumt Jakob den Traum von der Himmelsleiter. Darin verbindet eine überdimensionale Leiter Himmel und Erde und Gott spricht hoch oben auf der Leiter zu Jakob: "Ich bin der Gott deines Vaters Abrahams und Isaaks. Dein Geschlecht ... und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dieses Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe." (1 Mose 28,13-15)
Als Jakob beim Aufgang der Sonne erwacht, wird er den Stein unter seinem Haupt nehmen und zum Altar erklären, indem er ihn mit Öl übergießt und den Ort Bethel – Haus Gottes nennt.
Ein Ort, der also bestätigt und für die Nachkommen festhalten wird: Gott geht mit. Der Gott Abrahams und Isaaks lässt sich nicht eingrenzen auf das vertraute Stammesgebiet. Er überspringt Grenzen, unabhängig von beanspruchten Revieren.

Anfang, Weg und Ziel

Was auf den ersten Seiten der Bibel so beginnt, wird sich fortsetzen in all den Schriften des Alten und Neuen Testamentes. Wie ein roter Faden zieht sich die Leitidee des Aufbruchs, des Unterwegsseins, der Suche nach gelingendem Leben durch. Wer versuchen würde, die Geschichte der Mobilität der biblischen Menschen nachzuzeichnen, würde rasch an seine Grenzen kommen, und jeder Schnittmusterbogen würde zum Kinderspiel werden. Dabei bleibt diese Grundidee, die sich bis in das letzte Buch der biblischen Schriften durchzieht. Die Idee von Aufbruch, die Mobilität verlangt, zu einem Ziel, das letztendlich hinter jedem Horizont liegt. Ein Ort, den die letzten Seiten der Bibel in der Offenbarung des Johannes beschreiben, als Ort eines neuen Himmels und einer neuen Erde, an der Gott aber auch schon längst da ist:
"Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott wird mit ihnen, ihr Gott sein." (Off 21,3)
Die Sehnsucht nach diesem Ort, an dem die Tränen getrocknet werden, der Tod nicht mehr sein wird, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz (Off 21,4) ist die magnetische Kraft, die anzieht, die aufbrechen und hoffen lässt in der Gewissheit, dass Gott nicht nur am Ziel ist, sondern von Anfang an diesen Weg begleitet, mitgeht.

Es ist Paulus, der auf seinen großräumigen Reisen diese Botschaft weiterträgt, auch und gerade in den griechischen Kontext. Auf dem Markt in Athen wird er die Allgegenwärtigkeit Gottes für jeden und jede beschreiben in dem Bild: "In ihm leben, weben und sind wir." (Apg 17,28)

Nähe und Ferne

Wie ambivalent die Erfahrung der Nähe und Begleitung Gottes für Menschen aber auch sein kann, soll hier nicht verschwiegen werden. Eindrücklich schildert das Buch Jona die Flucht des Propheten vor Gott und wiederum seine wunderbare Bewahrung in höchster Not. Andere Beispiele lassen sich nennen, wo die Begleitung Gottes zum Beäugen wird, das selbst im Dunkeln mich nicht loslässt. Es sind diese verkehrten Bilder, die immer wieder die Nähe Gottes, sein - biblisch gesprochen - zugewendetes Angesicht, zur persönlichen Bedrohung werden lassen. Aus dem Beschützer wird dann der Verfolger, aus dem Beistand mein Kontrolleur.
Ein Gott, der mir auf den Fersen ist, ist die eine Erfahrung, eine andere, wenn Gottes Mobilität zur Erfahrung des Nichtdaseins führt. Die Erfahrung, dass Gott sich vor mir verbirgt, vor seinem ganzen Volk, steht im Widerspruch zu seiner Allgegenwärtigkeit. Es sind die überlieferten Trümmergeschichten, die Notgeschichten, Ketten- und Fesselgeschichten, die Krankheits- und Todesnachrichten, die hier Raum greifen. Wer sich verbergen kann, muss doch mobil sein? Die Erfahrung der Gottesferne, wie es beim Propheten Jeremia heißt: "Bin ich denn nur ein Gott der Nähe, bin ich nicht auch ein Gott der Ferne." (Jer 23,23), greift existenzielle Fragen auf, nach Gott, nach seiner Nähe und Distanz, nach seinem Bund und nach seiner Unverfügbarkeit, sprich Freiheit, die uns gewiss sein lassen kann, dass wenn Gott da ist, er wirklich unseretwegen da ist.

Man fragte Rabbi Bunam: "Es steht geschrieben: Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten führte. Warum heißt es nicht: Ich bin der Herr, dein Gott, der Himmel und Erde schuf?"
Rabbi Bunam erklärte: "Himmel und Erde - dann hätte der Mensch gesagt: Das ist mir zu groß, da traue ich mich nicht hin. Gott aber sprach zu ihm: Ich bin`s, der ich dich aus dem Dreck geholt habe, nun komm heran und hör!" (aus Martin Buber "Die Erzählungen der Chassidim" 1949, S.761)
Über die Frage der Nähe und Ferne Gottes, bin ich angelangt bei seiner Liebe zu uns. Sie setzt Gott in Bewegung. So antwortet Rabbi Bunam in Martin Bubers Geschichten der Chassidim aus Liebe setzt sich Gott in Bewegung um uns aus dem Dreck zu holen. Aus Liebe, so die Botschaft der neutestamentlichen Schriften, wird Gott Mensch. "Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm die Gestalt eines Knechtes an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich bis zum Tod am Kreuz ... ." So beginnt der Hymnus im zweiten Kapitel des Philipperbriefes. Ein Glaubensbekenntnis, das seine Hörerinnen und Hörer in Bewegung setzen will. Die aufgeworfene Frage nach der Nähe und Ferne Gottes findet hier eine Antwort, die nichts anderes heißt wie: Gott selbst treibt sich auf den Straßen dieser Erde herum, wir finden ihn draußen vor der Stadt bei den Hirten, er berührt Ausgesetzte, Aussätzige, er sucht das Gespräch mit (heidnischen) Frauen und Kindern, er greift ein in die Geschäfte der Händler im Tempelbezirk, er überschreitet wohlgesetzte Grenzen beim Sabbatgebot. Die Entäußerung Gottes in der Menschwerdung Jesu Christi zeigt Gottes äußerste Mobilität auf den Menschen zu. Seine aufsuchende Liebesbewegung in Jesus verbindet sich mit der Einladung, nun sich selbst auf den Weg zu machen. Die Hinwendung Jesu zu ausgegrenzten Menschen, die Einladung ihn zu entdecken unter den Geringsten (Mt 25,31 ff) entspricht dem Leitmotiv, das Matthäus der jungen Kirche mit auf den Weg gibt: "Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene ..." (Mt 20,28) und dies bis zur letzten Konsequenz.
Diese Haltung verlangt kritische Distanz zu allen Bewegungen, die Menschen aus dem Lebensfluss herausfallen lassen, sie abschneiden von der Zukunft. Tatsächlich bilden sich in der Nachfolge Jesu so immer wieder Kontrastgesellschaften, die sich an Jesu Weg messen lassen wollen. Dieser Weg ist ohne die Frage der Verheißung von Zukunft nicht verstehbar.
Für Ernst Käsemann ist das Bild vom wandernden Gottesvolk die gültige Definition der Christenheit. "Der dauernde Exodus ist die Kehrseite christlicher Freiheit. Frei ist nur, wer das Alte aufzugeben vermag, um Gottes Willen heute und morgen zu begegnen. Dabei geht es wohl stets in die Wüste. Es gibt das verheißene Land nicht ohne Wüstenzug." (Ernst Käsemann "Das wandernde Gottesvolk", Göttingen 1939, S. 155)
Um so wichtiger bleibt die Erfahrung eines Gottes, der mitgeht.

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Matthias Spenn: Leben ohne Grenzen

Arbeitsansätze evangelischer Jugendarbeit mit mobilen Menschen

Wurzeln
Mobilität, mobile Menschen, wandernde Lebenssucher - das sind ur-christliche, ja ur-biblische Motive. Die Frage nach Mobilität ist nichts wirklich Neues, ganz im Gegenteil, wie ein Blick in die Anfänge der Christenheit verdeutlicht:
Die Antike war - bei aller Verwurzelung der einfachen, meist ländlichen Bevölkerung - eine ungemein mobile Gesellschaft. Die eigentlich fruchtbaren Biotope zur Entstehung christlicher Gemeinden waren Verkehrs- und Handelszentren, Marktplätze und Handelsstraßen. Religion und Gemeinschaft, Information, Meinungsbildung und eine Vielfalt von Orientierungsangeboten ereigneten sich auf öffentlichen Plätzen und Straßen, in Theatern, auf Volksversammlungen, in öffentlichen Inszenierungen des Heiligen, den Spielen der Antike.
Es ist wichtig, sich gerade in heutigen bürgerlich-christlichen Bezügen daran zu erinnern, begegnet man doch allzu oft einer Mobilitätsskepsis als einem vermeintlichen neuzeitlichen Sündenfall schlechthin. Diese Form der oberflächlichen Kulturkritik ist einfach unhistorisch und darüber hinaus aufgrund der jesuanischen Nachfolgetradition auch theologisch fragwürdig. Denn ohne Zweifel erhält das Mobilitätsmotiv eine besondere Schärfe in der jesuanischen Tradition. Jesus ruft Menschen aus der Verwurzelung in die Mobilität. Mobilität meint hier zum einen eine geistlich-geistige Mobilität. Jesu Ruf in die Nachfolge ergreift Menschen innerhalb ihres Lebenssystems und lässt sie ihr überkommenes Sinn- und Orientierungssystem fundamental hinterfragen, wiewohl sie räumlich dort sesshaft bleiben, wo sie sind. Gleichfalls schwingt für eine Reihe von Menschen im Ruf Jesu der Ruf zum Verlassen des angestammten Ortes unweigerlich mit. Menschen werden räumlich mobil. Sie machen sich auf den Weg ins Ungewisse. Jesus geht gewissermaßen gabenorientiert vor: Er braucht die räumlich und zeitlich Mobilen, und er lässt Gemeinden entstehen als Verortungen und Verwurzelungen des neuen Glaubens.
Die ersten christlichen Gemeinden sind gleichermaßen durchdrungen durch ein (konspiratives) Netzwerk von Informationsweitergabe in Form von Erzählungen, Berichten und Briefen sowie durch gegenseitige Unterstützung und Hilfe in der Spannbreite von geistlicher Teilhabe (Gebet) bis zur Geldsammlung für die Bedürftigen. Schnell bildet sich ein gemeinsames Zeichensystem heraus (vergleichbare Liturgien bei der Tischgemeinschaft, im Gottesdienst), das es Wandernden ermöglicht, sich gewissermaßen an Vertrautes anzudocken.

Wenn wir nach neuen Arbeitsansätzen für evangelische Jugendarbeit in der erhöhten Mobilität der modernen Kommunikations- und Dienstleistungsgesellschaft fragen, sind wir mit unseren Fragestellungen also nahe an den Anfängen der christlichen Bewegung. Vieles ist uns näher als spätere Zeiten, dazu gehören vor allem eine relative weltanschauliche Pluralität und eine klare missionarische Herausforderung in einer nichtchristlichen Umwelt.

Neue Bedingungen - neue Herausforderungen
Gewendet auf unsere Zeit: Viele sind unterwegs. Nicht nur Flüchtlingsströme aus Krisenregionen in Städte und fruchtbare oder friedlichere Gegenden. Sondern auch bei uns: Durch die Veränderung der Arbeitswelt; durch die Revolution in der Fortbewegung; die Demokratisierung der Kommunikation, die Dynamik der medialen Welt, das Fallen von Grenzen. Die Mobilität hat alle Bereiche und Schichten des Lebens in bisher nicht gekanntem Maß erfasst. Die moderne Mobilität ist im Unterschied zu früheren Bewegungen gekennzeichnet durch ein sehr hohes Tempo und durch eine ausgeprägte Individualität: Viel mehr Menschen als früher sind als Einzelne unterwegs, verdammt zur individuellen Suche des je eigenen Weges. Und die Fortbewegung erfolgt mit Verkehrsmitteln, die immer schneller geworden sind. Aber das hohe Tempo betrifft bei weitem nicht nur die räumliche Fortbewegung, auch Lebensabschnitte wechseln häufiger und schneller und damit Lebenskonzepte und soziale Beziehungen. Ein Drittes kommt hinzu: Heutige Mobilität ist eingebunden in ein dichtes Netzwerk von Kommunikation und Absicherung. Auch wenn Menschen einzeln unterwegs sind und sehr schnell Orte, Berufe und Beziehungen wechseln, im Unterschied zu früher gibt es eine ständige Kommunikation mit denen, die einem menschlich nahe stehen. Per Handy und Internet ist jede und jeder zu jeder Zeit an jedem Ort erreichbar.

Dazu gehört ein dichtes Netzwerk von Absicherungen. Mobilitätsgarantien von Automobilfirmen, Rücktrittsversicherungen bei Reiseunternehmen, internationale Krankenversicherungen mit Rücktransportgarantien im Krankheits- oder gar Todesfall sind die Norm.
Ein Letztes scheint mir wichtig: Eine ganze Reihe junger Menschen ist weit weniger mobil, als angenommen wird. Familiale Bindungen, frühe feste Partnerbeziehungen, Heimatverbundenheit und praktische wie mentale Schwerfälligkeiten sind ebenso Ursachen dafür wie objektiv bedingte Handicaps, zu denen auch das weder geistige noch körperliche noch materielle "Mithalten-Können" in unterschiedlichen Facetten gehört. Dies ist gerade in den neuen Bundesländern ein nicht zu vernachlässigender Faktor.

Konzeptionelle Folgerungen für evangelische Jugendarbeit

Evangelische Jugend - ihr guter Partner für unterwegs
Jugendarbeit sollte da vorkommen, wo Menschen ohnehin kommunizieren - in der Öffentlichkeit und in den Medien unterwegs. In meiner eigenen Mobilität habe ich viele Informations- und Orientierungsangebote (vom Autoradio bis zum Navigationssystem). Evangelische Kirche oder gar Evangelische Jugendarbeit nehmen mit mir (außer durch manche abgestanden wirkende Radio-Morgenandacht) keinen Kontakt auf. Warum überlassen wir das Feld fast komplett Anderen? Haben wir den vielen Fahrenden nicht Entscheidendes mit auf den Weg zu geben - in den Medien, die gebräuchlich sind, im Autoradio, im mobilen Internet, an Straßenrändern, im Mobiltelefon (WAP, SMS etc), im Fernsehen?
In einer Konzeptionsgruppe für Jugendarbeit eines Kirchenkreises beklagten Jugendmitarbeiter, dass insbesondere in ländlichen Gebieten die Jugendlichen ab 16/17 Jahren nicht mehr anwesend sind. Gleichzeitig erzählten sie, dass allenfalls per E-Mail und SMS immer mal wieder Kontakte bestünden. Wir kamen darauf, dass das ja tatsächlich für eine bestimmte (große) Gruppe Jugendlicher längst eine wichtige Arbeitsform evangelischer Jugendarbeit sein könnte: Ein evangelisch geprägtes Informations- und Beziehungsnetzwerk aufzubauen und zu unterhalten. Und in dieses dann den Mobilen auch immer wieder Anknüpfungspunkte, Veranstaltungen und Treffen anzukünden und zu organisieren.
Vorrangige Frage an evangelische Jugendarbeit sollte also nicht lauten: "Wie können wir Jugendliche sess-haft machen?" sondern: "Was bieten wir jugendlichen Lebenssuchern auf dem Weg ihrer Suche an"? An welcher Stelle können sie durch uns dem Leben ein Stück näher kommen? Es gibt längst eine Reihe von Modellen für SMS-Arbeit: Infosysteme, Segenssprüche, Adventskalender, Gottesdienste und Fastenaktionen. Evangelische Jugendarbeit ist hier gefordert, solche Ansätze zu stärken und auszubauen und ein professionelles Konzept auszuarbeiten zur Arbeit mit denen, die räumlich und zeitlich mobil sind.

Evangelische Jugend: Da muss ich unbedingt hin!
Großveranstaltungen haben eine eigene Anziehungskraft. Und sie haben eine große Bedeutung für Jugendliche. Das zeigt sich an der Fußballkultur ebenso wie an Popkonzerten und nicht zuletzt am Kirchentag. Wie bescheiden sind wir in der evangelischen Jugendarbeit doch, wenn wir stolz von 2000-5000 Teilnehmerinnen bei landeskirchlichen Jugendcamps berichten. Ist da der Begriff Großveranstaltung schon sachgemäß?
Jugendliche Mobile brauchen Ziele. Mobilität lebt davon, dass Menschen Ziele haben, zu denen sie unterwegs sind. Evangelische Jugendarbeit sollte derartige Ziele nicht nur Anderen überlassen, sondern selbst welche inszenieren. Das erfordert freilich ein professionelles Management und ein Vorgehen mit höchsten Qualitätsansprüchen. Und es erfordert die theologische Einsicht, dass auch einmalige, punktuelle Verkündigungsevents ganz Gemeinde sind neben überzeitlichen Gemeindemodellen. Events, Großveranstaltungen und Highlights zu inszenieren als Begegnung mit dem Evangelium, das unter die Haut geht, ist eine Frage an unsere Qualitätsansprüche. Der mobile Mensch lebt jetzt ganz, und entscheidet danach, was sich Neues ergibt, wohin er sich auf den Weg begibt, was er dann ganz macht. Wir sollten Ziele anbieten: Kultstätten, Stätten des Events, der exstatischen, identitätsbezogenen Erfahrung und Begegnung im Rückbezug auf das Evangelium Jesu Christi, damit nicht nur die Stamm-Jugendlichen sagen: "Da muss ich hin, dahin bin ich unterwegs, weil ich mich da selbst ein Stück weit finden kann." Evangelische Jugendarbeit gehört mitten hinein in öffentliche Feste, Events, Highlights und muss selbst viel mehr solche Anziehungspunkte inszenieren.

Evangelische Jugendarbeit als Dockingstation, Tankstelle, Rastplatz, Pilgerherberge
Wer selbst unterwegs ist, hat viele Chancen Jugendliche wahrzunehmen. Vor allem in den dunkleren Stunden des Tages geschieht das ziemlich wahrscheinlich an Bushaltestellen, Tankstellen, Rastplätzen, Autohöfen oder in Lokalen der großen Fastfood-Ketten. Wer mobil ist, muss auch mal anhalten: muss tanken, sich über den Weg informieren, muss essen und trinken und sucht Gemeinschaft unter Gleichgesinnten. Im übertragenen Sinn heißt das für Konzepte evangelischer Jugendarbeit in der neuen Mobilität: Rastplätze, Tankstellen, Orte und Räume zeit- und kurzweiliger Begegnung und zum Ausruhen anzubieten, als "Göttliche Kneipen" (1) sozusagen - das wäre doch auch unsere Sache. So wie die Handykarte und das Auto aufgetankt werden müssen, verlangen auch Leib und Seele danach. Und wer fern ist von Zuhause, sucht in der Kneipe Ersatz dafür. Pilger finden seit jeher in Pilgerherbergen Unterkunft. Gruppenkirchen, die sich um Kommunitäten wie um missionarische Jugendkirchen bilden, sind Beleg für den großen Bedarf solcher Oasen. Wichtig wäre dabei allerdings ein abgestimmtes Gesamtkonzept derartiger Dockingstationen. Die Fastfood-Ketten machen es uns vor: In mir unbekanntem Gebiet treffe ich auf Bekanntes und habe das Gefühl der Sicherheit - nahezu weltweit. Kirchen und Jugendarbeit sind flächendeckend vertreten und haben zudem unerschöpfliche räumliche Schätze. Sind wir als Marke erkennbar für uns und andere mit einem Netzwerk von offenen Türen, die zum Eintreten und Verweilen einladen?

Evangelische Jugend: ein Flicken im bunten Teppich der Angebote
Mobile Menschen haben wenig vor mit überkommenen Ideologien. Sie haben einfach keinen Bock auf ideologische Grundsatzdebatten (es sei denn die Ideologie heißt "Mobilität"...): "Ich mache, was mir Spaß macht, und das mache ich jetzt und jetzt ganz. Aber daneben mache ich auch noch ganz andere Sachen ganz, weil sie mir ebenso Spaß machen." Wir beobachten längst wenig Neigung zu ganzheitlicher (2) Bindung, zum totalen Sich-In-Besitz-Nehmen-Lassen durch einzelne Institutionen, Parteien, Kirchen, Ideenträger. Das heißt konkret: Ein und derselbe Mensch kann sich total engagieren parallel in unterschiedlichen Themenbereichen, Gruppen, Initiativen, die inhaltlich und personal nichts miteinander zu tun haben: missionarische Jugendarbeit und Theaterzirkel einer freien Kulturscheune, Computer-Chaosclub und Bayern-München Fanclub, CVJM, Feuerwehr und als Honorarmitarbeiter bei einer Softwareentwicklungsfirma, Abenteuersport im Grenzbereich, Meditationszirkel und "Jugend musiziert". Alles in der Freizeit, alles ganz und doch patchworkhaft konzeptionell nicht aufeinander bezogen - außer durch die Person, durch das Subjekt, das Individuum selbst. Verbunden als Identitätsflickenteppich. Alles zusammen herrlich bunt und einmalig. Der mobile Jugendliche ist mobil in der Wahl der Angebote, die er wahrnimmt. Kirchliche Jugendarbeit hat es also mit Menschen zu tun, die Angebote vergleichen (können). Und bewusst entscheiden, warum sie für diesen zeitlichen Abschnitt das Angebot wahrnehmen, das ihnen gerade jetzt etwas Bestimmtes bringt oder eben auch nicht (mehr) bringt. Mobilität zwingt uns so zum "Total Quality Management", denn es muss allen Teilnehmenden von Angeboten sofort nachvollziehbar sein, was der emotionale, praktische, intellektuelle, materielle Gewinn des Engagements ist, und warum es sich für den einzelnen Menschen lohnt, dabei zu sein. Das heißt: Mobilität zwingt uns zu klar erkennbaren inhaltlichen Profilen - unverbindliche Angebote sind uninteressant. Insofern stellt uns die neue Mobilität auch an dieser Stelle vor neue Herausforderungen, nämlich zu akzeptieren, dass jeder Mensch fragmentarisch lebt, mehrere Identitäten hat und diese in unterschiedlichen Bezügen auslebt. Gleichfalls heißt das für uns, ganz pragmatisch wie visionär über gezielte Arbeitsansätze zu entscheiden und nicht alles für alle machen zu wollen.

Evangelische Jugendarbeit: das Angebot der kurzen Wege
Ein weiterer Themenbereich: Das Thema der modernen Mobilität stellt eine ohnehin lange bestehende Anfrage an Arbeitsformen klassischer verorteter, verbandlicher und gemeindlicher Jugendarbeit. Sind unsere oft langen und mühsamen verbandlichen Instanzenwege zur Entscheidungsfindung und politischen Meinungsbildung zeitgemäß?
Mobile Menschen sind geprägt von ergebnisorientierten kurzem Weg der Information wie der Abstimmung. Von der Idee über Absprachen bis zur Umsetzung sind heute keine langen Instanzenwege mehr üblich, per Handy und SMS werden Treffpunkt oder Ziel vereinbart, und los geht`s.
Mobile Menschen fahren mitunter voll das Risiko. Sie organisieren sich sehr kurz in Initiativgruppen und Projekten als ziel- und zeitbezogenen Arbeitsformen. Insofern steht die überkommene Jugendverbandsarbeit mit Dachverband, Mitglieder- und Delegiertenversammlungen, Arbeitsgruppen und quotierter Rednerliste vor der existenziellen Herausforderung, dass sie einfach nicht (mehr) jugendgemäß ist. Sie wird von mobilen, flexiblen Jugendlichen schlichtweg als völlig überflüssig missachtet. Wohin entwickelt sich unsere politische Kultur? Wir müssen den Entwicklungen der mobilen Kommunikationskultur folgen und einsehen, dass vieles Überkommene tatsächlich von der modernen Zivilgesellschaft überholt ist. Die modernen Kommunikationsmittel bergen dagegen eine solche Fülle von kreativen Möglichkeiten in sich, die es für Politik und Verwaltung erst noch zu entdecken und zu nutzen gilt. Evangelische Jugend könnte hier im Kontext zur Kirche eine Vorreiterin mobiler Selbstorganisation sein.

Evangelische Jugend: Pannenhilfe und Notfallseelsorge
Bei aller Begeisterung: Evangelische Jugendarbeit in der Mobilität muss auch die Menschen in ihr Konzept mit einbeziehen, die momentan steckenbleiben. Mobilität hat ein hohes Risiko; das Risiko der Panne, des Defekts an Leib, Maschine und Seele. Auf einmal geht nichts mehr. Die Maschine streikt, oder meine Seele kommt nicht mehr mit auf den Weg. Oder ein Unfall zwingt mich zum urplötzlichen Innehalten. Oder der tödliche Unfall einer Freundin lässt mich inmitten der Raserei nach dem grundsätzlichen Sinn des Ganzen fragen. Das alles lässt sich nicht planen. Es gehört aber ebenso zum Wesen der Mobilität. Als religiöse Menschen wissen wir schon immer auch um diese Seiten des bewegten Lebens. Und wir haben Riten und Symbole, die uns in der ungewollten Entschleunigung eine Sprache geben. Evangelische Jugendarbeit steht also konzeptionell auch vor der Herausforderung, Verunglückten und Trauernden, Depressiven und Langsamen, Opfern von Pannen und Missgeschicken Partner zu sein. Ihnen die Zeit zu vertreiben helfen, Angebote zu Reflexion und Selbstreflexion zu machen und ihnen den Anschluss an den Strom der Zeit quasi auf einer besonderen Beschleunigungsspur wieder zu ermöglichen. Den Traurigen ein Mittrauernder zu sein (Pannenhilfe für die Seele) ist ebenso Thema evangelischer Jugendarbeit wie das jugendgemäße Entwickeln und Anbieten von Trennungs- und Beerdigungsritualen.
Evangelische Jugend:
Vorhalten von Heimat

Ein Letztes ist mir wichtig: Mobilität bringt mobile Lebenskonzepte hervor. Als Kontrapunkt zu ihnen gehört auch die Möglichkeit des Rückbezugs zur manchmal recht fernen und zeitweilig verschmähten Heimat. Der Mobilität in der Jugendphase ist wohl in besonderer Weise eigen, dass sie sich biographisch auch wieder relativiert, und Heimat und Verwurzelung irgendwann positiv besetzt sein werden. Aufgabe evangelischer Jugendarbeit ist, so paradox das klingen mag, ein Vorhalten von Heimat über die Tagesaktualität hinaus. Eine der wesentlichen Eigenschaften von Kirche ist (noch), dass sie zeitlich und personell übergreifend präsent ist.
Wenn Kirche und evangelische Jugendarbeit auf der einen Seite den mobilen Sinn-, Arbeits- und Lebenssuchenden Partnerin sein soll, ist gleichfalls der hohe Stellenwert, den alle zeitlich überdauernden Konzepte haben, nicht zu vernachlässigen. Denn jeder Mobile bekommt doch auch Momente der Behinderung und Einschränkung von Mobilität zu spüren.
Auch der mobile Mensch will irgendwann wieder heimkehren: heim in das mitunter romantisierte Heim. Und dazu gehören dann die Kirche des Ortes, Orte und Personen, die in der Kindheit und Jugend geprägt haben, Riten und Symbole, die in der Erinnerung verschüttet schienen und auf einmal wieder aktiviert werden. Dazu gehören auch Orientierungssysteme und Beziehungen, die zurückgelassen wurden.
Evangelische Jugendarbeit im Zeitalter der modernen Mobilität steht konzeptionell in der sehr kreativen Spannung zwischen flexiblen, mobilitätsgerechten Arbeitsansätzen auf der einen und der Erfordernis, Kontinuität zu wahren und Heimat vorhalten zu müssen, auf der anderen Seite.
Denn alle Mobilität ist doch wohl letztlich der lange Weg zu sich selbst. Hier am Menschen dran zu sein im Rückbezug auf das Unverfügbare allen Lebens, ist eine großartige Aufgabe evangelischer Jugendarbeit.

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Autorinnen und Autoren

  • Dr. Roland Bader, Freiburg
    Diplompsychologe
  • Sibylle Berg, Zürich
    Schriftstellerin
  • Michael Borger, Kaiserslautern
    Referent für Freizeiten und internationale Jugendarbeit im Landesjugendpfarramt
  • Rainer Brandt, Nürnberg
    Landesjugendpfarrer
  • Christian Buchholz, Kirchheim/Teck
    Pfarrer
  • Dr. Karl Foitzik, Neuendettelsau
    Professor an der Evang. Fachhochschule Nürnberg
  • Beate Frankenberger, München
    Pfarrerin
  • Heinz Fuchs, Bonn
    Mitarbeiter im Evang. Entwicklungsdienst "TOURISM WATCH"
  • Dr. Karlheinz A. Geißler, Neubiberg
    Professor an der Universität der Bundeswehr München, Fakultät für Pädagogik
  • Martin Heinke, Apolda
    Pfarrer, Circus- und Schaustellerseelsorge der EKD
  • Juliane Krause, Braunschweig
    Dipl.Ing. bei plan & rat für kommunale Planung und Beratung
  • Joachim Schmidt, Herbrechtingen
    M.A., Direktor der Evang. Fachschule für Sozialpädagogik
  • Barbara Sichtermann, Berlin
    Schriftstellerin
  • Dr. Nikolaus Sidler, Freiburg
    Prof. an der Kath. Fachhochschule
  • Matthias Spenn, Magdeburg
    Provinzialpfarrer für Kinder und Jugendarbeit der Kirchenprovinz Sachsen
  • Burkhard Strassmann, Bremen
    Freier Journalist
  • Joachim Sumpf, München
    Mitarbeiter im Bereich Verkehr und Umwelt der BMW-Group
  • Dr. Claus J. Tully, München
    Mitarbeiter im Deutschen Jugendinstitut
  • Dr. Klaus Waldmann, Hamburg
    Bundestutor der evangelischen Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung
  • Ulrich Wollstadt, Görlitz
    Landesjugendpfarrer

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