das baugerüst 2/02 - Perfektes Leben / Perfektes Sterben

Inhalt

Wolfgang Noack: Schöne gute Welt. Einführung in das Heft

  • PERFEKTES LEBEN
    Siegfried Scharrer: Der Alb-Traum vom perfekten Menschen - Wo geht`s denn hier zur Ethik?
    Ein Gespräch mit der Theologin und Ethikerin Ina Praetorius
    Reinhold Bernhardt: Der perfekte Mensch und sein perfekter Gott
    Uwe Gerber:
    Der perfekte Mensch ist der tote Mensch - der imperfekte Mensch ist der lebendige Mensch
    Carl-Ludwig Reichert: AnyBody Is Perfect - Ein historisch-mythologischer Überflug
    Anja Haniel: Vom Wunsch nach einem gesunden Kind zur Pflicht zum perfekten Nachwuchs?
    Kinder nach Maß - Wenn die Erzeugung eines Babys einem Autokauf zu ähneln beginnt. Ein Interview mit der US-Ethikrechtlerin Lori B. Andrews
    Christa Nickels: Über erste und letzte Fragen
    Mechthild Bangert: Wider den Traum vom perfekten Menschen
    D. Ulrich Bach: Hauptsache gesund?. Warum stört euch mein Satz: "Ich wurde nicht geheilt!"
    Wann ist der Mensch perfekt?
    Der neue Mensch: Klonen, Gentherapie, Stammzellenforschung, Pränataldiagnostik. Methodische Hinweise für die Bildungsarbeit
    Was ist das Leben wert? - Alles was technisch machbar ist?. Eine Umfrage als Einstieg in eine Diskussion
    Rainer Huber: Perfektes Leben - (k)ein Jugendthema - Ein Abendgespräch

  • PERFEKTES STERBEN
    Jörg Zink: Wenn man kurz davor steht
    Klaus Dörner: Euthanasie - ein Tabu in Deutschland?
    Gustava Everding: In Würde sterben - Leben bis zuletzt begleiten
    "Wenn man tot ist, vergammelt der Körper" - Jugendliche zu Abschied und Tod
    Gibt es das Recht auf einen gnädigen Tod? - Tacheles-Talkshow zur aktiven Sterbehilfe

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Wolfgang Noack: Schöne gute Welt

Einführung in das Heft
Ein Artikel der amerikanischen Philosophin Martha Nussbaum in der Wochenzeitung "Die Zeit" eröffnete kürzlich mit folgendem Szenarium:
"Katherine und Bill bewerben sich auf die selbe Stelle im Management eines großen Unternehmens. In Katherines Bewerbung findet sich der Nachweis, dass sie gentechnisch optimiert wurde. Katherine hat ein Paket genetischer Leistungen gekauft, die ihr Gedächtnis verbessern und das Immunsystem stärken. Bill konnte sich diese gentechnische Optimierung nicht leisten und so protestiert er gegen Katherines Anstellung - sie sei ein Verstoß gegen die Chancengleichheit. Bill besteht darauf, dass der Arbeitsplatz leistungsbezogen vergeben wird. Katherine erwidert, Leistung bedeute, dass die Stelle an den besten Kandidaten vergeben wird, und das sei nun mal sie."
Gen-Tuning lautet der Titel eines Bandes, der sich mit den möglichen Anwendungen der Gentechnik befasst. Nicht heute, vielleicht morgen, ganz sicher aber übermorgen. Mit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms ist die Diskussion entbrannt. Die einen versprechen das Ende aller Krankheiten und die Beendigung des Leidens, die anderen vergleichen diese genetische Revolution mit der Erfindung der Atombombe. - "Die Geister, die ich rief ...."

Eine andere Szene: Eine Schwangere entschließt sich trotz eindringlicher Appelle auf eine genetische Vorsorgeuntersuchung zu verzichten. Sie bekommt ein Kind mit Down-Syndrom oder Muskeldystrophie oder Chorea Huntington. Das Leid ist groß, aber es wird noch größer. Die Mutter oder die Eltern finden keine Krankenkasse, die das Kind versichert und die aufwendigen Behandlungen und Pflegeleistungen bezahlt. Durch eine rechtzeitige Vorsorgeuntersuchung hätte dieses Risiko erkannt und vermieden werden können, argumentieren die Kassen. ("Wollen Sie dieses Kind wirklich?") Derartig hohe Kosten seien der Gemeinschaft nicht zuzumuten. Nicht heute, wohl auch nicht morgen, vielleicht aber übermorgen.

In der Gentechnikdebatte ist man sehr schnell bei den Designer-Kindern. Dabei geht es gar nicht (in erster Linie) um die Schaffung von Kindern mit bestimmter Haar- oder Augenfarbe. Es geht um die Definition von normal oder von lebenswert und nicht lebenswert. Und wenn diese ethische Entscheidung nicht bewusst getroffen wird, laufen wir Gefahr, sie - wie im Kapitalismus üblich - fiskalisch zu lösen. Schleichend. Und welche jungen, gesunden und dynamischen Mitglieder einer Krankenkasse wollen schon vermeidbare Risiken mitfinanzieren?

Die Diskussion ist kompliziert
Da ist zum einen die Möglichkeit, Embryonen auf genetische Defekte zu untersuchen, um sich für oder gegen das mögliche Kind zu entscheiden (PID und PND erläutert Anja Haniel in ihrem Beitrag). Zum anderen geht es darum, mit Hilfe von embryonalen Stammzellen Krankheiten zu bekämpfen. In einem (mit Krebs befallenem) Organ könnten kranke, entartete Zellen mit programmierten Stammzellen erneuert werden. Stammzellen lassen sich aus Embryonen gewinnen, die dadurch aber getötet würden. Die Frage, ob ein Embryo mit acht Zellen bereits als menschliches "Leben" bezeichnet werden kann, wird unterschiedlich gesehen. "Programmierbare" Zellen lassen sich auch aus sogenannten "adulten" Stammzellen (aus der Nabelschnur etwa) gewinnen. Dies ist ethisch weniger problematisch, aber auch nicht so erfolgversprechend. Zum dritten leuchtet am Horizont die generelle Trennung von Sexualität und Zeugung (vgl. das Gespräch mit der US Ethikerin Lori B. Andrews). Durch Leihmütter und künstliche Befruchtung, durch Samenspenden und Reproduktionskliniken ähnelt die Erzeugung eines Babys dabei immer mehr einem Autokauf.

Ist das Heilsversprechen der Gentechnik, die Aussicht auf Abschaffung von Krankheit, Alter, Leid und jeglicher Imperfektion, die Einlösung des alten, paradiesischen Glücksversprechens? Wie verändern die gentechnischen Untersuchungsmöglichkeiten die Einstellung zu behinderten Menschen? Können Eltern sich in ein paar Jahren noch darauf verlassen, dass "normal" gezeugte Kinder ihren und den gesellschaftlichen Ansprüchen genügen?

Zum perfekten Leben gehört der perfekte Tod
Interessanterweise läuft die Diskussion um den perfekten Lebensbeginn und um die Beseitigung von Krankheiten parallel mit der Auseinandersetzung um die aktive und passive Sterbehilfe. Das niederländische Sterbehilfegesetz hat auch hierzulande eine breite Diskussion über menschenwürdiges Sterben nach sich gezogen. Fast 80 Prozent der Deutschen sprechen sich in bestimmten Situationen für die Anwendung der Todesspritze bei Schwerstkranken aus. Menschen fürchten sich vor den Apparaten und Schläuchen, vor dem langen qualvollen Siechtum. "Ich möchte nicht so weiterleben", mit den Schmerzen, der Übelkeit, der Atemnot. Trotzdem ist jeder Tag kostbar und der Wunsch zu sterben verschwindet, wenn die Versorgung gut ist. Für wen wird die Situation Schwerstkranker eigentlich unerträglich, für die Betroffenen selber oder für die Angehörigen? Auch hier liefern ernstzunehmende Stimmen gegenteilige Meinungen. Walter Jens etwa, der sich dafür ausspricht, das "geschenkte Leben in die Hände Gottes" zurückzulegen, wenn notwendig auch mit der Todesspritze. Viele andere argumentieren wie Klaus Dörner in diesem Heft dagegen, warnen davor, dass die Ausnahme die Regel werden könnte. Schmerztheraphie, Hospizbetreuung sind hierzulande eher unterentwickelt, könnten dagegen Menschen helfen, würdig zu sterben. Warum eigentlich fließen Millionen von Euro in die gentechnische Forschung und Hospizvereine müssen wegen fehlender Tausender ihre Arbeit einschränken. Ein Missverhältnis, was mit unserer Einstellung zum Leben und zum Sterben zu tun hat.

In diesem Heft ist der Versuch gemacht worden, die Auseinandersetzung um den perfekten Beginn des Lebens und um die perfekte Beendigung des Lebens zusammen zu sehen. Beide ethische Fragen gehören zusammen und sollten nicht nur in den Feuilletons und in den Talkshows diskutiert werden, sondern auch in der Evangelischen Jugendarbeit.

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Wo geht´s denn hier zur Ethik?

Ein Gespräch mit der Theologin und Ethikerin Ina Praetorius

Frau Praetorius, Sie nennen sich "Ethikerin". Was bedeutet das?
Ina Praetorius: Ich habe Theologie und Sprachwissenschaft studiert und mich während des Studiums auf ethische Fragen spezialisiert. Danach habe ich vier Jahre lang am "Institut für Sozialethik der Universität Zürich" als wissenschaftliche Assistentin gearbeitet, zu einem theologisch-ethischen Thema promoviert (1) und etliche einschlägige Texte veröffentlicht. Wer sich "Ethiker" oder "Ethikerin" nennt, hat im allgemeinen eine vergleichbare Laufbahn hinter sich, d.h. ein Studium der Theologie oder der Philosophie und eine Spezialisierung auf ethische Fragen. Ethik ist kein Beruf, den man oder frau erlernen kann, sondern ein Fachgebiet, auf das sich interessierte Menschen allmählich spezialisieren. Im übrigen sind wir alle in unserem Alltag als Ethiker oder Ethikerin tätig, denn niemand kommt darum herum, sich in seinem oder ihrem Leben ethischen Fragen zu stellen.

Was ist eine "ethische Frage?"
Ina Praetorius: Der antike Philosoph Aristoteles hat Ethik als die "Frage nach dem guten Leben" (2) verstanden. Inzwischen gibt es noch eine Menge anderer Definitionen, z.B. "die Lehre vom verantwortlichen Handeln innerhalb des mitmenschlichen Seins" (3) oder auch einfach "die Lehre vom Sittlichen"(4) Es geht darum, sich zu überlegen, wie ich in einer bestimmten Situation gut handeln kann, d.h. so, dass ich das Zusammenleben der Menschen in der Welt fördere oder ihm jedenfalls keinen Schaden zufüge. Ich selbst habe meiner Arbeit vor Jahren folgende Definition zugrunde gelegt: "Ethik ist Nachdenken und Sichverständigen über gutes Überleben und über die Frage, wie Frauen und Männer durch ihr Tun und ihr Lassen zum guten Überleben beitragen können." (5)
Warum "gutes Überleben" und nicht einfach "gutes Leben?"
Ina Praetorius: Ich will mich immer wieder selbst daran erinnern, dass die Menschheit heute die Fähigkeit hat, sich selbst zu zerstören, und zwar genau durch die technischen Mittel, die - andererseits - dazu gut sind, unser Leben zu erleichtern. Beispiel: Die Biotechnologie entwickelt nicht nur Impfstoffe, sondern auch Kampfstoffe. Zu Zeiten der Gründerväter der europäischen Ethik war diese Brisanz noch nicht gegeben. Aristoteles und Platon, auch Kant und Marx mussten ihre Ethik noch nicht an der Möglichkeit der globalen Selbstzerstörung messen. Für mich macht der Übergang vom "guten Leben" zum "guten Überleben" als Orientierungsgröße einen bedeutenden Unterschied. Von Hans Jonas habe ich gelernt, dass ich bei meinen Urteilen realistischerweise immer die schlimmsten Anwendungsmöglichkeiten einer Technik mit im Blick haben muss. (6)


Ethik und Öffentlichkeit

Neuerdings scheinen "Ethikkommissionen" geradezu aus dem Boden zu sprießen. Wie ist die zunehmende Bedeutung der Ethik im öffentlichen Leben zu erklären?
Ina Praetorius: Es stimmt, dass Ethiker und manchmal auch Ethikerinnen heute gefragte Leute sind. Das war nicht immer so. Vor dreißig Jahren führten die philosophische Disziplin Ethik und die Moraltheologie (so nennt sich die Ethik im Katholizismus) noch ein akademisches Mauerblümchendasein. Vor allem die Entwicklungen der modernen Medizin, die entsprechend neuartigen Fragen um den Lebensbeginn und das Lebensende, um Krankheit und Gesundheit haben dazu geführt, dass man neuerdings Fachleute des guten Lebens zu brauchen scheint. Aber auch die "Wirtschaftsethik" hat Konjunktur. Zuweilen habe ich den Eindruck, die Kompetenz, Zukunft zu gestalten, gehe vom demokratisch organisierten Gemeinwesen auf die Ethikkommissionen über, die allerdings häufig hinter verschlossenen Türen, in zweifelhaften Autorisierungsverhältnissen und nach undurchsichtigen Kriterien arbeiten.

Sie sind skeptisch dieser Entwicklung gegenüber?
Ina Praetorius: Ja. Vieles von dem, was uns als ethische Wahrheit verkauft wird, nenne ich "Hofethik" (7). Dem Hofethiker geht es nicht darum, von einem unparteiischen Standpunkt aus darüber nachzudenken, wie eine lebenswerte Zukunft für unseren Globus aussehen könnte, sondern darum, bestimmte faktische Entwicklungen salonfähig zu machen, indem er sie mit wohltönenden Argumenten umgibt. Im Jargon der Manager heißt das "Akzeptanzförderung". Wenn ich mir z.B. ansehe, wie groß das Interesse der Pharmaindustrie an der Vermarktung bestimmter neuer Medikamente ist, dann wird mir klar, dass es dabei oft um sehr viel Geld geht. Hofethik ist ein Bestandteil moderner Marketingstrategien.

Das gilt aber nicht für Ethikkommissionen, die im Dienste des Staates arbeiten?
Ina Praetorius: Ich würde nicht ausschließen, dass auch solchen Kommissionen gegenüber das übliche Lobbying betrieben wird. Aber ich behaupte nicht, dass alles, was sich heute "Ethik" nennt, nichts weiter ist als Hofethik. Sonst würde ich mich selbst nicht mehr Ethikerin nennen. Ethik ist umstritten. Und es ist wichtig, das Wort nicht den Akzeptanzförderern zu überlassen. Dafür ist die facettenreiche Geschichte der Ethik zu wertvoll. Ich glaube, dass sich aus unseren Traditionen durchaus die Kraft schöpfen lässt, eine lebensfreundliche Zukunft zu gestalten, wenn wir uns nicht vor die falschen Karren spannen lassen.


Die Frage nach dem Beginn und dem Ende menschlichen Lebens

Wie stehen Sie zu den umstrittenen Fragen des Lebensbeginns und des Lebensendes?
Ina Praetorius: Auch diese Fragen werden heute so kontrovers diskutiert, weil es um riesige potentielle Märkte und damit um Profitmöglichkeiten geht. Für Leute, die mit menschlichen Organen handeln oder experimentieren wollen, ist es wichtig, diese Organe dem sogenannten "Spender", also dem sterbenden Menschen, möglichst früh entnehmen zu dürfen. Und wer mit embryonalen Stammzellen forschen will, hofft auf gewinnträchtige revolutionäre neue Heilmethoden. Natürlich wird in der öffentlichen Debatte nicht der Aspekt der Gesundheitsvermarktung,, sondern der selbstlose Dienst an kranken Menschen in den Vordergrund gestellt, und ich will den Forscherinnen und Forschern auch keineswegs jegliche menschenfreundliche Motivation absprechen. Ich finde es aber wichtig, sich bei dieser Diskussion zwei Dinge deutlich vor Augen zu stellen: Erstens: Sollte die Stammzellenforschung je Erfolg haben, wird sich damit sehr viel Geld verdienen lassen. Und zweitens: Ob sich mit Stammzellen jemals Menschen heilen lassen werden, steht in den Sternen. Bisher hat die medizinische Genforschung jedenfalls vor allem Misserfolge vorzuweisen. Als Multiple Sklerose-Betroffene weiß ich, wie weit die realen Handlungsmöglichkeiten der Ärzte und Ärztinnen von den Wunschträumen entfernt sind, die sie in der Öffentlichkeit gern als fast schon in Reichweite liegend darstellen.
Was die ethische Beurteilung angeht, scheint es vor allem um die Festlegung exakter Zeitpunkte zu gehen: Beginnt das menschliche Leben mit der Verschmelzung von Ei und Spermium, mit der Einnistung in die Gebärmutter oder noch später? Welche körperlichen Funktionen müssen irreversibel zu Ende gegangen sein, damit man von "Tod" sprechen kann? Mir kommt es bei diesen heißen Debatten um naturwissenschaftlich exakt fixierbare Zeitpunkte oft so vor, als berührten sie das eigentliche Problem gar nicht. Denn für reale Menschen scheint sich die Frage nach Leben oder Tod eines Mitmenschen weniger daran zu entscheiden, ob ein bestimmter Zeitpunkt in einer Entwicklung erreicht ist, sondern eher daran, ob ich zu einem Menschen in Beziehung stehe. Ich kann zu einem Freund oder einer Verwandten noch Jahre nach ihrem Tod eine Beziehung haben. Dann "lebt" sie für mich. Oder wenn ich mir sehnlich ein Kind wünsche, kann ich zu ihm schon in Beziehung treten, bevor es geboren, ja sogar bevor es gezeugt ist. Oder ich kann die Beziehung zu einem geborenen oder ungeborenen Menschen verweigern, dann ist dieser Mensch für mich "gestorben". Es stört mich, dass diese Beziehungshaftigkeit des menschlichen Zusammenlebens in der gängigen ethischen Debatte um Zeitpunkte überhaupt nicht vorkommt. Ich meine, die Ethiker, die sich in diesen Diskurs einspannen lassen, geben einen ganz kleinen Teil der Wirklichkeit als das Ganze aus und passen sich widerstandslos einem durchaus fragwürdigen Weltbild an, das sogar innerhalb der Naturwissenschaften umstritten ist. Außerdem: Jede Festlegung des Beginns und Endes menschlichen Lebens ist willkürlich. Keine ist objektiv als ethisch legitim zu "beweisen". Deshalb hören diese Debatten ja auch nie auf.
Verschiedene Weltbilder

Welches Weltbild ist für Sie maßgebend?
Ina Praetorius: Dass Menschen dadurch lebendig oder tot sind, dass sie zueinander, zur Welt oder zu Gott in Beziehung stehen oder nicht, steht zum Beispiel in der Bibel. In den Psalmen etwa ist oft von "Tod" in diesem metaphorischen Sinn die Rede: Jemand ist tot, weil er oder sie den Kontakt zur menschlichen Gemeinschaft verloren hat, er oder sie wird wieder lebendig, weil die Beziehungen wieder aufleben. Vor allem die christliche und jüdische Feministische Theologie hat in den letzten Jahren dieses beziehungshafte Menschenbild wieder entdeckt. Es ist ein wichtiges Korrektiv zum gängigen naturwissenschaftlichen Verständnis des Lebens. Tatsächlich fühlen sich auch heute viele Menschen geheilt, nicht weil jemand ihnen ein technisches Ersatzteil verpasst hat, sondern weil sie sich in einer Gemeinschaft aufgehoben fühlen. Auch ich selber kann mit den Einschränkungen durch die MS dann gut umgehen, wenn ich merke, dass ich gebraucht werde, dass ich etwas für andere tun kann und andere mir etwas geben können. Auch wenn viele Kranke sich unter "Heilung" spontan die Wiederherstellung ihrer körperlichen Funktionstüchtigkeit vorstellen - in einer leistungsorientierten Gesellschaft ist das nicht erstaunlich - kommen sie bei genauem Zusehen meist schnell darauf zu sprechen, wie sie gern mit anderen zusammenleben wollen.

Sie meinen also, dass Gesundheit nicht unbedingt von technologischen Fortschritten abhängig ist?
Ina Praetorius: Krankheit und Gesundheit sind ganzheitliche, sehr komplexe Vorgänge, die in jeder einzelnen Biographie eine neue Bedeutung annehmen. Ich plädiere zwar nicht dafür, die technologische Forschung in der Medizin ganz aufzugeben, aber heute scheint sie mir massiv überbewertet zu werden. Außerdem wird in bestimmten Bereichen, z.B. bei der Schmerzlinderung, zu wenig geforscht. Vermutlich ist es weniger profit- und nobelpreisträchtig, kranken Menschen ein schmerzfreies Leben zu ermöglichen, als MS oder Parkinson ursächlich zu "beseitigen". Ganz zu schweigen von den Millionen Menschen, die auf dieser Welt noch immer an harmlosen Krankheiten wie Durchfall oder Masern sterben, weil sich niemand für ihre medizinische Grundversorgung einsetzt. Ich meine, es ist einäugig, sich allzu sehr auf den Hightech-Pfad zu konzentrieren und damit soziale und kulturelle Aspekte von Krank- und Gesundsein aus den Augen zu verlieren. Menschen werden nie technisch so perfektioniert sein, dass wir uns den sorgfältigen Umgang miteinander, gegenseitige Pflege in einem solidarischen Generationen- und Geschlechterverhältnis werden "sparen" können.


Technik als Teil einer umfassenden Kultur der Mitmenschlichkeit

Sie meinen den "Pflegenotstand", der sich gleichzeitig mit den massiven Investitionen in die medizintechnische Forschung ausbreitet?
Ina Praetorius: Es ist logisch, dass eine Gesellschaft, der die technische Perfektionierbarkeit der Menschen vorgegaukelt wird, kein Geld mehr für Pflege ausgeben will. Und es ist logisch, dass Menschen nicht mehr pflegen wollen, wenn Pflege nichts gilt. Es waren ja vor allem wir Frauen, von denen man bis heute erwartet hat, dass wir die notwendige Sorge um menschliche "Schwachheit" - Kindheit, Alter, Krankheit, Behinderung... - möglichst unsichtbar, billig und selbstlos leisten. Diese undankbare Rolle lassen sich heute immer weniger Frauen zuschieben, zu Recht. Die politische Aufgabe im ausgehenden Patriarchat heißt nicht, Menschen so perfekt zu machen, dass sie keine Pflege mehr brauchen. Das ist ein völlig unrealistisches Projekt. Vielmehr sollten wir eine Kultur der sorgsamen Mitmenschlichkeit entwickeln, die die Aufmerksamkeit für unabschaffbare menschliche "Schwächen" nicht einfach einem dienstbaren Geschlecht zuschiebt.

Was sagen Sie, wenn eine Mutter Ihnen erzählt, ihr Kind habe mit Hilfe gentechnischer Medikamente eine Leukämie überlebt?
Ina Praetorius: Dann freue ich mich. Zwar haben auch früher schon immer wieder Menschen schwere Krankheiten überlebt. Aber ich will keineswegs bestreiten, dass Technologie unser Leben erleichtern und verbessern kann. Aber eben nicht Technologie allein. In den gängigen Debatten entsteht immer wieder der Eindruck, technische Problemlösungen seien das Zentrum des guten Lebens der Zukunft. Technische Lösungen sind kein einsamer Königsweg zu Gesundheit und Glück. Sie sind nur als Teil einer umfassenden Kultur sorgsamer Mitmenschlichkeit sinnvoll.

(1) Ina Praetorius, Anthropologie und Frauenbild in der deutschsprachigen protestantischen Ethik seit 1949, Gütersloh 1993, 2. Aufl. 1994.
(2 )Aristoteles, Dinikomachische Ethik.
(3) Die Religion in Geschichte und Gegenwart, 3. Aufl., Tübingen 1958.
(4) Der Volks-Brockhaus 1965. .
(5) Ina Praetorius, Eine feministische Definition von Ethik, in: Ulrich Wickert, Das Buch der Tugenden, Hamburg 1995, 131-138.
(6) Hans Jonas, Das Prinzip Verantwortung, Frankfurt/M. 1979.
(7) Vgl. Ina Praetorius, Biotechnologie und Ethik, in: dies., Skizzen zur feministischen Ethik, Mainz 1995, 142-158.

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Anja Haniel: Vom Wunsch nach einem gesunden Kind zur Pflicht zum perfekten Nachwuchs?

Präimplantationsdiagnostik
Marina und Klaus W. fahren nach Brüssel. Kurzurlaub, haben sie Freunden und Verwandten gesagt, aber tatsächlich haben sie einen Termin in der Brüsseler Uni-Klinik. Nach zwei Fehlgeburten hatten sich Marina und Klaus untersuchen lassen. Dabei war festgestellt worden, dass Marina Überträgerin eines schweren Gendefekts ist. Mit 50prozentiger Wahrscheinlichkeit vererbt sie diesen auf ihr Kind. Marina war ein drittes Mal schwanger geworden und durch Untersuchung des Fruchtwassers bestätigte sich die Befürchtung, dass auch dieses Kind betroffen war. Marina ließ abtreiben. Die Eheleute W. wünschen sich immer noch ein Kind, aber eine weitere Abtreibung kommt für beide nicht in Frage.
Von den Ärzten in der Brüsseler Uni-Klinik erhoffen sie sich Hilfe: Hier wird die so genannte Präimplantationsdiagnostik (PID) durchgeführt, bei der nach künstlicher Befruchtung die gezeugten Embryonen zunächst auf genetische Krankheiten untersucht werden können, ehe sie der Frau in die Gebärmutter eingesetzt werden. So soll eine "Schwangerschaft auf Probe" und eine sich möglicherweise anschließende Abtreibung verhindert werden. Noch haben sich Marina und Klaus nicht endgültig dazu entschieden, eine PID durchführen zu lassen. Die kontroverse Diskussion in Deutschland ebenso wie das Risiko einer Zwillings- oder Drillingsschwangerschaft bei künstlicher Befruchtung haben sie verunsichert. Ein erstes Beratungsgespräch soll ihre Entscheidung erleichtern.
Dass Paare mit solchen Anliegen wie die Ws überhaupt in anderen Ländern Hilfe suchen, liegt daran, dass in Deutschland die PID bisher nicht praktiziert wird und rechtlich umstritten ist. Etwa im 8- bis 10-Zellstadium, also nach circa zwei Tagen der embryonalen Entwicklung, werden bei der PID dem Embryo ein bis zwei Zellen entnommen. Diese werden dann auf eine durch die Eltern vererbbare genetische Erkrankung hin untersucht. Währenddessen wird der Embryo, dem die Entnahme der Zellen normalerweise nicht schadet, weiter im Reagenzglas gehalten. Lässt sich die gesuchte genetische Veranlagung nicht feststellen, so wird der Embryo der jeweiligen Frau eingepflanzt - andernfalls wird er verworfen und stirbt. Und das ist genau das Problem, denn nach dem deutschen Embryonenschutzgesetz dürfen an Embryonen nur Eingriffe vorgenommen werden, die ihrem Erhalt dienen.
Unter Juristen ist dennoch strittig, ob die PID in bestimmten Fällen mit dem deutschen Embryonenschutzgesetz vereinbar sein könnte oder nicht.


Staatlicher Schutz für den Embryo
Da das Gesetz zur Regelung der künstlichen Befruchtung erlassen wurde, damals aber die PID noch nicht verfügbar war, ist es eine Frage der Gesetzesauslegung, ob die Durchführung einer PID strafbar wäre oder nicht.
Doch worum genau dreht sich eigentlich die Auseinandersetzung? Rein zeitlich betrachtet könnte man ja die PID als eine vorverlagerte Pränataldiagnostik (PND) sehen. Ob die genetische Untersuchung des ungeborenen Kindes nun durch Fruchtwasserentnahme während einer Schwangerschaft oder vor Eintreten einer Schwangerschaft im Reagenzglas stattfindet, ist nun mal eine Frage des Zeitpunkts. Daher sind die Befürworter der PID der Auffassung, PID und die erlaubte PND seien prinzipiell vergleichbar, so dass auch die PID zugelassen werden müsse. Doch die Gegner der PID sehen qualitative Unterschiede zwischen beiden Untersuchungsmethoden, die weit über die Frage des Zeitpunkts hinausgehen.
Während nämlich die Befürworter der PID argumentieren, dass sie die im Vergleich zur Pränataldiagnostik mit möglichem anschließendem Schwangerschaftsabbruch psychisch wie physisch weniger belastende Methode sei, ist gerade dies ein Gegenargument für diejenigen, die sich gegen die PID aussprechen. Gerade weil es für die angehenden Eltern so viel leichter zu verkraften sei, sich von einem genetisch geschädigten Embryo im Reagenzglas zu trennen, die elterliche Fürsorge für das werdende Leben also weitgehend fehle, müsse der Staat den Schutz des Embryos in die Hand nehmen. Da auch schon dem frühen menschlichen Leben Menschenwürde zukomme, sei der Staat grundgesetzlich verpflichtet, den Embryo zu schützen.
Es stellt sich jedoch die Frage, warum dieselbe Verpflichtung des Staates gegenüber dem ungeborenen Leben nicht auch auf die Situation der Pränataldiagnostik angewendet wird. Denn das Argument, im Mutterleib sorge die mütterliche Bindung der Schwangeren zu dem ungeborenen Kind dafür, dass dieses nicht schutzlos sei, kann mit Fug und Recht bestritten werden. So entscheiden sich etwa 90 Prozent der Schwangeren, bei deren Kind eine Trisomie 21 (Down-Syndrom) festgestellt wird, für einen Schwangerschaftsabbruch - allzu weit ist es also offenbar nicht her mit der Schutz bietenden Beziehung zwischen Ungeborenem und Schwangerer.


Eine neue Eugenik?
Doch die Gegner der PID stellen die Vergleichbarkeit der Abtreibung nach PND mit der Durchführung einer PID auch aus anderen Gründen in Frage. Die Situation einer Schwangeren, die plötzlich und unerwartet in den Konflikt gerät, dass das von ihr erwartete Kind eine schwere genetische Erkrankung hat, sei etwas völlig anderes als die planbare Zeugung mehrerer Embryonen, von denen die besten ausgewählt würden. Im Fall der Schwangeren sei es die schwere Entscheidung für oder gegen dieses Kind, bei der PID dagegen handele es sich um gezielte Selektion aus verschiedenen Embryonen. Dies sei ein Schritt in eine neue Eugenik, bei der nur die Stärksten, Gesündesten und Besten leben dürften.
Für diejenigen, die die PID auch in Deutschland befürworten oder sie bei ihren eigenen Embryonen durchführen lassen wollen würden, geht diese Argumentation ins Leere. Ihrer Ansicht nach geht es bei der PID nicht darum, einen "Rundum-Check" der Embryonen durchzuführen und anschließend einen möglichst perfekten Embryo einzupflanzen. Vielmehr geht es darum, den einen befürchteten Gendefekt auszuschließen. Mit Eugenik hat das für sie überhaupt nichts zu tun. Und sie halten es für ethisch jedenfalls weniger problematisch, einen aus wenigen Zellen bestehenden Embryo gegebenenfalls zu verwerfen, und damit dem Tod auszuliefern, als ein bereits viel weiter entwickeltes Ungeborenes durch Abtreibung zu töten.
Doch wird in der Diskussion um die PID immer wieder angezweifelt, dass sie auf Dauer auf den Ausschluss schwerer Gendefekte begrenzt bleiben könne. Einmal eingeführt, werde sie auf immer mehr Indikationen ausgeweitet werden. Schließlich ist das Szenario denkbar, dass Paare gleich fünf oder gar zehn Embryonen zeugen lassen und diese so weit wie machbar genetisch charakterisieren lassen. Und nur der Beste macht schließlich das Rennen.
Das Argumentieren mit solchen "worst case-Szenarien" kann jedoch nicht wirklich überzeugen. Auf der einen Seite erscheint es nicht allzu wahrscheinlich, dass Paare sich aus wenig triftigen Gründen für eine PID entscheiden. Denn die hierfür notwendige künstliche Befruchtung im Reagenzglas erfordert, dass die Frau sich einer nebenwirkungsreichen hormonellen Behandlung unterzieht. Auch die Punktion der Eierstöcke zur Entnahme der Eizellen ist als operativer Eingriff beispielsweise mit Narkose- und Entzündungsrisiken verbunden. Und dann ist die Chance, nach künstlicher Befruchtung wirklich schwanger zu werden, auch gar nicht allzu hoch; sie liegt bei ca. 15 bis 20%. Darüber hinaus gibt es nach künstlicher Befruchtung häufiger Zwillings- oder Drillingsschwangerschaften, weil meist drei Embryonen eingepflanzt werden. Mehrlingsschwangerschaften sind aber ein erhöhtes Risiko für die Kinder und die Schwangere. Aus diesen Gründen sind die psychischen und physischen Belastungen einer künstlichen Befruchtung so hoch, dass Frauen diese wohl nur in nachvollziehbaren Situationen in Kauf nehmen würden. Und auf der anderen Seite sollte es einer demokratischen Gesellschaft möglich sein, Gesetze und Regelungen zu finden, mit denen sich die Anwendung der PID begrenzen und kontrollieren ließe, ohne dass die Horrorszenarien des perfektionierten Nachwuchses eintreten.


"...dieses Übel wäre doch vermeidbar gewesen"
Doch selbst gegen die Anwendung der PID in begrenzten Fällen gibt es viele Stimmen. Insbesondere Behindertenverbände befürchten, dass die Einführung der PID zu einer verstärkten Diskriminierung Behinderter führen könnte. Wenn sich in der Gesellschaft erst einmal das Wissen durchgesetzt habe, dass genetisch bedingte Behinderungen mittels Auswahl durch PID verhindert werden können, so werde es einen sozialen Druck auf Frauen geben, diese Möglichkeit auch zu nutzen. Dennoch geborene Menschen mit derselben genetisch verursachten Behinderung würden dann ebenso wie ihre Eltern verstärkt diskriminiert werden - denn "dieses Übel wäre doch vermeidbar gewesen!" Vermutlich ist das Argument auch nicht gänzlich abwegig. Schon mit der Verfügbarkeit der PND berichten betroffene Frauen immer wieder, dass sich Verwandte und Freunde beeinflussend in die Entscheidung für oder gegen eine genetische Untersuchung des ungeborenen Kindes oder gar in Richtung auf eine Abtreibung bei krankhaftem Befund eingemischt hätten, nach dem Motto "Tu Dir das bloß nicht an mit einem behinderten Kind!"
Behindertenverbände vermuten nun, dass sich die angeblich durch PND in Gang gesetzte Tendenz zur Diskriminierung Behinderter verstärken könnte, wenn als zusätzliche Methode zur Vermeidung der Geburt behinderter Menschen auch die PID eingeführt würde. Entsprechende Erfahrungen gibt es allerdings aus den PID praktizierenden Ländern bislang nicht, da ihre Durchführung derzeit doch eher den Ausnahmefall als die Regel darstellt. Schätzungen zufolge könnte die PID in Deutschland jährlich für vielleicht hundert Paare in Betracht kommen. Auch angesichts der Tatsache, dass nur ein Bruchteil der Behinderungen genetischer Natur ist, der überwiegende Rest aber auf Sauerstoffmangel bei der Geburt, Infektionen während der Schwangerschaft, Unfälle oder Vergiftungen zurückzuführen ist, müsste sich der gesellschaftliche Umgang mit Behinderten an anderen Kriterien festmachen lassen, als an der potentiellen Vermeidbarkeit der Behinderung.
Unbehagen bleibt

Betrachtet man nun das Für und Wider, Chancen und Risiken so zeigt sich wohl kein definitives Ergebnis hinsichtlich der PID. Die derzeitige Situation, dass ein sowieso wegen Unfruchtbarkeit der Mutter künstlich gezeugter Embryo im Reagenzglas nicht untersucht werden darf, derselbe Embryo aber nach genetischer Untersuchung durch Pränataldiagnostik abgetrieben werden darf, bleibt in gewisser Weise widersprüchlich und unbefriedigend. Die Tatsache, dass deutsche Paare angesichts dieser Rechtslage ins Ausland fahren, um PID in Anspruch zu nehmen, ist offenkundig. Dass die PID in vielen Einzelfällen schweres Leid, das durch Fehlgeburten und/oder Abtreibungen ausgelöst wird, verhindern könnte, ist nachvollziehbar. Und dennoch: Ein Unbehagen bleibt angesichts der Erfahrungen aus der Pränataldiagnostik. Diese ist auch eine Methode, die auf den Einzelfall bezogen große Belastungen vermeiden kann, die mit der Geburt eines schwer behinderten Kindes einhergehen. Ebenfalls kann sie auch zum Lebensschutz beitragen, wenn eine "Abtreibung auf Verdacht" unterbleiben kann, weil die Mutter, die befürchtet hatte, das Kind werde behindert sein, durch die vorgeburtliche Untersuchung beruhigt werden kann. Aber unreflektiert und ohne eingehende Beratung angewendet, fast schon als Routineuntersuchung Schwangeren empfohlen, kann sie mehr Verunsicherung und Leid bewirken als sie zu vermeiden geeignet wäre.
Deshalb ist klar, dass auch hinsichtlich der PID eine sensible Diskussion geführt werden muss, die einen möglichst breiten gesellschaftlichen Konsens fördert. Und sollte dieser Konsens schließlich auf Zulassung der PID gerichtet sein, so müsste sichergestellt werden, dass Regelungen und Kontrollinstanzen einen missbräuchlichen Einsatz der Technik verhindern. Schon an dieser Stelle wäre auch zu diskutieren, wie mit Fällen umzugehen sei, bei denen die PID nicht dem Ausschluss einer genetischen Behinderung des Embryos dient, sondern in denen mittels PID ein Embryo gefunden werden soll, der genetisch möglichst gut mit einem bereits geborenen Geschwisterkind übereinstimmt. Wäre dies ethisch zu vertreten, wenn der Bruder oder die Schwester beispielsweise an Leukämie leidet und das mittels PID ausgesuchte Kind zu seiner/ihrer Rettung Knochenmark spenden soll? Oder wäre es eine der Menschenwürde widersprechende Instrumentalisierung dieses Kindes? Mancher mag einwenden, dass dies Spezialfälle seien, die sowieso nie vorkämen. In PID praktizierenden Ländern sind solche Fälle jedoch schon von Ethik-Kommissionen beraten und teilweise genehmigt worden. Ähnlich wie Ende Januar 2002 die Frage der Forschung an embryonalen Stammzellen wird wohl auch die Präimplantationsdiagnostik den Deutschen Bundestag bald beschäftigen müssen.

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Jörg Zink: Wenn man kurz davor steht

Wenn dieses Heft erscheint, bin ich achtzig Jahre alt. Das heißt, ich kann immer weniger so über das Sterben reden, wie mancher aus sicherem Abstand redet. Das war mir freilich nie vergönnt. Ich habe zwischen meinem 18. und meinem 23. Lebensjahr das Sterben hunderter von Kameraden erlebt. Mir war damals, im Kriege, bewusst, dass meine Chance, lebendig davonzukommen, sehr gering war. Und ich habe dem Tod seither aus der Unmittelbarkeit, die mein Beruf mit sich brachte, immer wieder bei seiner Arbeit zugesehen. Niemals aber war er für mich das "Aus", immer habe ich ihn gesehen als einen Schritt in eine andere Wirklichkeit. Als ich vor einiger Zeit mit plötzlichen Herzbeschwerden zu Boden ging, schoss mir durch den Kopf: Jetzt bin ich gespannt, wie es auf der anderen Seite aussieht! Ich hatte dann keine Gelegenheit, es festzustellen. Die Sache erwies sich als harmlos. Aber was meine ich mit der "anderen Wirklichkeit" oder der "anderen Seite"?

Wir haben die Übung, von einem Diesseits und von einem Jenseits zu reden. Das ist richtig, solange wir uns dabei nicht vorstellen, es gebe zwei Welten. Was wir das Diesseits nennen, das ist der enge Raum, den unsere Sinnesorgane erfassen und unser Verstand versteht. Was darüber hinaus liegt, gehört zur selben Welt, der einen, die es gibt, aber es ist unserer Wahrnehmung verschlossen. "Jenseits" heißt einfach: Alles, was wir nicht erfassen können. Alles, was uns entzogen ist, wie einem Hund ein Rilke-Gedicht verschlossen ist, obwohl beides derselben Welt angehört, der Hund und das Gedicht. Und es ist wahrscheinlich, dass uns kleinen Menschen mit unseren bescheidenen Köpfen mehr entzogen als zugänglich ist. Wenn ich sterbe, so stelle ich mir vor, betrete ich einen Raum, der mir bis dahin fremd war. Er war jenseitig und wird nach meinem Tod zu meinem Diesseits. Im Tode also geschieht nichts anderes als hier schon bei jeder neuen Einsicht: Meine Welt wird weiter. Größer. Vieles wird mir auch dann noch verborgen sein, aber mein Blick wird tiefer in die Geheimnisse dieser Welt eindringen, in das Geheimnis Gottes auch und vor allem in das Geheimnis, das ich mir selbst bin. Und diesen Überschritt übe ich jeden Morgen ein, ehe ich anfange zu arbeiten, und stelle mir vor, wie Christus, der Vorausgänger, wie Lukas ihn nennt, mir dabei vorausgeht.

Das bedeutet ganz allgemein, dass die Zeit der letzten Jahre oder die einer zum Tod führenden Krankheit keineswegs Zeit eines bloßen Abnehmens zu sein braucht. Die geistige Kraft wendet sich lediglich anderen Erfahrungen zu. Der eigene Mensch, über den viele über Jahrzehnte hinwegzuleben gewöhnt waren, meldet sich zu Wort. Die Reifung des inneren Menschen wird plötzlich zur Hauptaufgabe, und zwar nicht in einem düsteren, zwanghaften Sinn, sondern im Sinn einer neuen, guten Erfahrung. Die Annäherung an die dunkle Tür, die wir den Tod nennen, gewinnt eine nie gekannte Selbstverständlichkeit. Dazu kommt eins: Ich habe immer wieder, durch mein ganzes Leben hin, Erfahrungen gemacht an der Grenze zwischen unserer Welt und einer anderen, unbekannten, aber realen Wirklichkeit. Etwa, dass ein Mensch vorausweiß, was er nicht wissen kann. Dass er über Kontinente hinwegsieht, was in großer Ferne geschieht. Dass er Verbindungen erlebt mit längst Verstorbenen. Und vieles andere, das es mir unbestreitbar gemacht hat, dass diese unsere Welt mit ihren sparsamen vier Dimensionen in keinem Sinn das Ganze sein kann. Dass die Toten nicht in einer anderen Welt leben, sondern in der unseren, nur in einer Dimension, von denen es sechzehn geben mag oder auch fünfundzwanzig. Dass die Wände dünn sind, dass also auch Gott nicht nur jenseitig zu denken ist, sondern konkret diesseitig, dass mir Gott zugleich unendlich fern und unendlich nahe ist, näher als ich mir selbst. Auferstehung heißt dann, hindurchtreten durch die Grenze zwischen hier und dort. Es heißt neuen Herausforderungen begegnen, eine neue Wirkungsweise einüben und neuen Gemeinschaften angehören.


Ein bestimmtes Bild aus der Tätigkeit Jesu in Galiläa wird mir immer wichtiger, ja, es rückt geradezu in die Mitte all meines geistlichen Nachdenkens. Das Bild, wie Jesus vor einem Haus steht und die Menschen, vor allem die Ausgegrenzten, einlädt, im Haus mit ihm zu essen. Wie er sagt: Komm! Du! Und du! Ihr seid mir recht. Ich möchte euch bei mir haben an meinem Tisch. Und wie sie, einer nach dem anderen, zögernd vielleicht, der merkwürdigen Einladung folgen. Wie ihr Lebensgefühl sich wandelt am Tisch mit diesem Menschen. Wie sich ihr Bild von Gott zurechtrückt. Wie sie sich angenommen wissen. Aufgenommen. Vor allem wie sie vor der Tür liegen lassen, was sie bedrückt, was sie belastet. Ihre Vergangenheit, ihren fragwürdigen Zustand, alle ihre Gemeinheiten und einfach eintreten.


Wir sprechen von "Rechtfertigung" und fangen im allgemeinen nicht so schrecklich viel damit an. Aber was ist denn Rechtfertigung? Es ist das, was am Eingang zu dem Haus geschieht, in das Jesus einlädt. Man legt ab, was man kann, was man leistet, auch was man leider ist. Man bringt keine eigene Suppenschüssel mit, sondern tritt mit leeren Händen ein. Man lässt die Spieße, mit denen man sich gegen die Menschen gewehrt hat, vor der Tür stehen. Man lässt alle seine Rechthaberei und seinen Durchsetzungswillen vor der Tür. Man tritt ein als der eingeladene Mensch mit seinen leeren Händen. Die Tür ist die Rechtfertigungslehre. Und innen sitzt man mit Jesus zu Tisch. Und was ist Sündenvergebung? Die Einladung ist es, nichts anderes. "Du bist mir als Tischgenosse recht", sagt Jesus. Das ist die Vergebung der Sünden. Danach aber folgt bei Paulus auf die Rechtfertigungslehre die Mystik des "Seins in Christus". Es folgt das fröhliche Essen mit Jesus. Aber bitte: Nicht die Tür ist das wichtige. Nicht die Rechtfertigungslehre. Sondern das Essen. Das Sein in Christus. Und im Grunde sind die Gastmahle Jesu mit den ausgegrenzten Menschen von Galiläa ein Bild für das ganze Evangelium. Wenn aber nun die Gäste wieder Abschied nehmen, dann nehmen sie neue Aufträge mit. Neue Chancen. Neue Perspektiven. Sie nehmen das Evangelium mit sich hinaus. Und wenn ich hier vom Sterben rede, dann steht mir die Tür vor Augen, vor der Christus steht und die Leute von der Straße einlädt, und ich darf kommen und eintreten und zu Hause sein.


Was erwartet uns? Man spricht von der "ewigen Ruhe", und ich verstehe wohl, dass das "Zur Ruhe kommen" für viele müde, abgekämpfte, über die Grenzen ihrer Kräfte hinaus leidende Menschen ein hilfreiches, ein erlösendes Zukunftsbild ist. Aber ich kann mir nicht denken, wir brauchten eine Ewigkeit, um unsere Müdigkeit auszuschlafen. Die Begegnung mit Gott dürfte eine ungeheure, eine atemberaubende Erfahrung sein, ein bewegendes Schauen, ein Eintauchen in ein Meer von Kraft. Seit die Welt besteht, hat es noch keinen Augenblick gegeben, in dem alles ruhte. Durch die Weltentwicklung geht eine ungeheure Dynamik, und kein Tag auf unserer Erde verläuft wie der vorige. Ich denke mir, wenn sich mir andere Dimensionen dieser Welt öffnen, dann werden auch sie von der unerhörten bewegenden Kraft erfüllt sein, die ihr Schöpfer in sie hineingelegt hat. Ich werde anders sein. Ich werde andere Aufgaben haben und andere Kräfte. Aber dass ich irgendwo herumliegen und ruhen werde, das erschiene mir absurd. Wir sprechen von "ewigem Leben". Was kann denn in der anderen Welt Leben sein, Lebendigkeit, Lebenswille, Lebensfreude, Lebenskraft? Wenn ich Jesus zuhöre, dann sagt er mir: Du musst nicht bleiben, was und wie du bist. Du kannst dich dehnen. Du kannst dich weiten. Aus deiner kleinen Zeit in eine große Zukunft. Aus dem engen Umkreis deines Lebens in das Gottesreich. Dehne dich schon hier. Maure dich nicht ein. Du wirst eines Tages Bürger einer größeren Wirklichkeit sein. Wenn du nicht weißt, was du tun sollst, dann tu etwas, durch das dein innerer Mensch an Raum gewinnt. Du wirst erkennen, dass du mehr kannst, als du bislang meintest. Dass du Kräfte hast, die du noch nicht kanntest. Und du wirst überwältigt sein von der Schönheit, der Lebenskraft und Lebensfülle, die dich und alle in Gottes Reich beglücken und erfüllen werden.


Die Bibel kennt zwei verschiedene Lebensläufe, die ineinander spielen. Da ist einmal das normale Menschenleben, das mit der Geburt beginnt und mit dem Tode endet. Da ist aber zum anderen das Leben des inneren Menschen. Es beginnt erst im Laufe der Jahre und durchdringt und durchformt das Leben des äußeren. Es endet nicht, sondern reicht über den Tod hinweg in die Auferstehung und bestimmt die neue Gestalt des Menschen in seinem neuen Dasein in der anderen Welt. Die Bibel sagt: Irgendwann im Lauf dieses Lebens muss dieser neue Mensch in uns geboren werden, entstehen und wachsen, und sei es in den letzten Jahren, wenn wir alt werden und äußerlich nur noch abnehmen. Dann muss etwas anderes wachsen und reifen und die Gestalt formen, in der wir unseren Schritt in die Ewigkeit tun: In dir, du Mensch, sagt Paulus, muss Christus zur Welt kommen, der christusförmige Mensch, der Sohn Gottes, die Tochter Gottes. Wenn man mich fragt, was der Sinn des Lebens sei, antworte ich: unsere Verwandlung in den neuen, inneren Menschen und der Beginn des bleibenden Menschen mitten in diesem begrenzten Leben.


Nein, ich empfinde den Tod nicht als meinen Feind. Ich gehe ihm entgegen wie einem Gastgeber, der mich an seiner Tür empfängt. Und wenn ich genau zusehe, dann trägt er das Gesicht des Christus, der mich zu sich einlädt. Und ich bin gespannt, wohin er mich führen wird. Ich habe aber einen Wunsch. Ich möchte bei meinem Tod noch dabei sein. Ich möchte nicht mit abgedunkeltem Bewusstsein sterben. Ich möchte noch ein Wort sagen können zu den Menschen, die ich geliebt habe. Ich möchte jedem meiner Kinder und Enkel noch etwas mitgeben für seinen weiteren Weg, und ich möchte meiner Frau danken für fast sechzig schöne und reiche Jahre und ihr sagen, dass unsere Verbundenheit mit dem Tod nicht endet. Und ich möchte es hören, wenn jemand über mir einen Reisesegen spricht. Etwas den: Gott behüte dich. Er behüte deinen Ausgang und Eingang bis in Ewigkeit.
Der alte Mose bestieg noch einen Berg und schaute hinüber in die Freiheit, wie sich in uns allen etwas nach Freiheit sehnt. Und wie wir vielleicht dabei erkennen: Was uns Mühe war, das war in Wahrheit die Güte Gottes. Was da Erfolg war oder Misserfolg, das war in Wirklichkeit das stille, leise Werk Gottes durch unsere Hände. Was wir am Ende sind, das hat Gott in langen Jahren aus uns gemacht, wir aber nehmen, was da war und wurde, an und versuchen, dafür zu danken. Das ist uns zugedacht, dass wir auf der Höhe unserer späten Jahre über die Grenze hinübersehen. Wach. Wissend. Frei. Wir spüren, wie eine große andere Wirklichkeit auf uns zuströmt. Ein grenzenloser Strom aus Erkenntnissen und Erfahrungen. Gott selbst kommt uns entgegen. Denn das Alter ist nicht das Ende von allem, sondern nur der letzte Takt einer Ouvertüre, und die eigentliche, die wunderbare Musik der Freiheit fängt erst an. Benjamin Franklin (1706-1790), der große amerikanische Politiker, ließ auf seinen Grabstein einmeißeln:

"Hier liegt der Leib Benjamin Franklins, eines Buchdruckers,
gleich dem Deckel eines alten Buches,
aus welchem der Inhalt
herausgenommen
und der seiner Inschrift und
Vergoldung beraubt ist,
eine Speise für die Würmer.
Doch wird das Werk selbst nicht verloren sein,
sondern, wie er glaubt, dermaleinst erscheinen
in einer neuen, schöneren Ausgabe,
durchgesehen und verbessert vom Verfasser."

Ich habe genug Bücher gemacht und bin mit dem Kollegen Franklin und mit der Neufassung, die dem Buch meines Lebens bevorsteht, gerne einverstanden.

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Autorinnen und Autoren des Heftes

  • D. Ulrich Bach, Kierspe-Rönsahl
    Pastor i.R.
  • Mechthild Bangert, Tegernsee
    Pfarrerin und Diplom-Psychologin
  • Dr. Reinhold Bernhardt, Basel
    Professor am Theologischen Seminar der Universität Basel und Studienleiter am Ökumenischen Institut der Universität Heidelberg
  • Dr. med., Dr. phil Klaus Dörner
    Hamburg, Professor
  • Dr. Gustava Everding, München
    Ärztin, Vorsitzende des Christophorus Hospiz Vereins in München
  • Dr. Uwe Gerber, Darmstadt
    Professor am Institut für Theologie und Sozialethik der Universität Darmstadt
  • Dr. Anja Haniel, München
    Dipl. Biologin, Institut Technik-Theologie-Naturwissenschaften (TTN) an der Ludwig-Maximilians-Universität München
  • Rainer Huber, Wernigerode
    Referent für Jugendarbeit
  • Christa Nickels, Berlin, MdB
    Kirchenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90 / Die Grünen. Vorsitzende des Bundestags-Ausschusses für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe
  • Dr. Ina Praetorius, CH Krinau
    Ethikerin
  • Carl Ludwig Reichert, München
    Publizist
  • Dr. Siegfried Scharrer, Nürnberg
    Professor an der Evang. Fachhochschule Fachbereich Sozialwesen, Mitglied der Akademie für Ethik in der Medizin
  • Dr. Jörg Zink, Stuttgart
    Theologe und Publizist

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