das baugerüst 4/02 - Konsum und Gerechtigkeit

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Inhalt

Wolfgang Noack: "Just do it". Einführung in das Heft

  • DER MARKT
    Birgit Zweigle: Gemachte Gefühle. Was würdest du mit viel Geld anfangen?
    Gerlinde Unverzagt: Wir sind was wir kaufen. Kaufen zwischen Lust und Frust
    Horst W. Opaschowski: Zwischen Lust und Leiden. Die Konsumfixierung des Lebens und ihre Folgen
    Gottfried Schleinitz: Konsum bedeutet Freiheit
    Stefan Schützler: Abhängen, gucken, rauchen, manchmal saufen. Center-Cliquen in Einkaufszentren
  • LUST AUF MEHR GERECHTIGKEIT
    Ulrich Suppus: Shopping for a better world. Ein Ansatz für die Jugendarbeit
    Konsum und Gerechtigkeit
    Gerhard Scherhorn: Lust auf mehr Gerechtigkeit
    Michael Freitag: Der Geschmack der Gerechtigkeit. Oder: Warum Jugendliche entwicklungspolitisch handeln
    Von nix kommt nix - Eine Jugendaktion von aej und BDKJ
    Barbara Asbrand: Jugend und Fairer Handel

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Wolfgang Noack: Just do it

Einführung in das Heft
Ende Mai diesen Jahres berichtete die Münchner Abendzeitung, dass Udo Jürgens wegen des manipulierten Sieges von Michael Schumacher beim Formel-1-Rennen in Zeltweg die Bestellung seines neuen Ferraris "sofort stornierte". "Ich hoffe", so der Schlagerstar, "es denken viele so. Denn nur so kann man die treffen. Ethik und Moral haben sie schließlich nicht". Nun ist der Kauf eines italienischen Sportwagens dieser Preisklasse nicht jedermanns Sache, aber die Konsequenz des Sängers könnte durchaus Schule machen, ist doch Ehtik und Moral nicht nur eine Angelegenheit von Zieleinfahrten bei Autorennen (der Mitkonkurrent Baricchello bremste ab und überließ Schumacher den Sieg), sondern auch von Produktions- und Arbeitsbedingungen unterschiedlichster Konsumgüter. Die kanadische Journalistin Naomi Klein hat in ihrem Buch "No Logo" die Herstellungsbedingungen von Markenklamotten wie Nike, Levis oder Gap aufgedeckt. Stehen doch das Leben der indonesischen oder chinesischen Näherinnen im krassen Gegensatz zu den bunten Werbekampagnen, den tempelartigen Superstores oder den utopisch anmutenden Firmensitzen der wohlklingenden Markennamen. Durchaus auch eine Angelegenheit von Ethik und Moral.
Nicht die Wähler agieren heute politisch, sondern die Konsumenten. So die These der englischen Cambridge-Dozentin Noreena Hertz (Wir lassen uns nicht kaufen! Keine Kapitulation vor der Macht der Wirtschaft, Econ Verlag, München 2001), die neben Naomi Klein zur Kultautorin der Antiglobalisierungsbewegung zählt. Mit der Entscheidung was gekauft oder nicht gekauft wird, können KonsumentInnen die Politik der multinationalen Konzerne beeinflussen. Nun mag dies alles theoretisch klingen und eingewandt werden, was es denn schon ausmache diese oder jene Marke - auf Zeit - zu boykottieren. Vielleicht. Als Mitte der 90er Jahre der Sprithersteller Shell in der Nordsee die Ölplattform "Brent Spar" versenken wollte, ging ein Aufschrei durchs Land und Autofahrer ließen die gelb roten Zapfsäulen links liegen. Das traf. Die Ölplattform wurde dann doch - etwas ökologischer - an Land entsorgt und die Deutsche Shell bemühte sich in ganzseitigen Anzeigen verlorene Kunden zurückzugewinnen. "Wir werden uns ändern" lautete die Botschaft an die abhanden gekommenen Autofahrer und schloss mit dem Eingeständnis: – Auch wenn das Lernen manchmal schmerzt - nur wer lernt, hat Zukunft. Und natürlich wollen wir Zukunft haben. Wir wollen erreichen, dass Sie uns wieder akzeptieren?. Bravo, es geht doch, die Politik mit dem Einkaufskorb.
Auch bei Naomi Klein sind ähnliche Beispiele nachzulesen. Etwa wenn schwarze amerikanische Jugendliche, mit denen der Sportartikelhersteller Nike seine Produkte in der Welt verkauft, plötzlich merken, unter welchen Bedingungen und zu welcher Bezahlung junge asiatische Frauen in den Sweatshops (Produktionsstätten) schuften müssen. "Just do it" hieß nun, Nike die Designerschuhe und
-klamotten wieder zurück zu schicken. Nike reagierte, der Imageverlust wäre zu groß geworden.Oder wenn die kalifornische Stadt Berkeley Pepsi aus den städtischen Getränkeautomaten verbannte, weil der Colaproduzent weiterhin in Burma investiert und die dortigen Menschenrechtsverletzungen nicht zur Kenntnis nehmen wollte. Oder wenn Schüler einer amerikanischen Schule auf einer Modenschau Markenkleidungen präsentierten und dabei Texte über das Leben der Arbeiter vorlasen, die diese in der Dritten Welt herstellen.
Man kann sich kollektiv weigern, Waren und Dienstleistungen bestimmter Unternehmen zu kaufen.

Der etwas andere Test

Wer den Kauf eines Konsumartikels plant, wälzt vorher gerne Testberichte, um sich über Funktionalität, Haltbarkeit oder das Preis-Leistungsverhältnis zu informieren. Darüber hinaus geben Testergebnisse Auskunft über ökologische Beschaffenheit, Giftrückstände oder Umweltverträglichkeit. Man stelle sich vor, zu all den genannten Kriterien kommen noch weitere hinzu: Produktionsbedingungen, Bezahlung der Arbeitnehmer, ob Gewerkschaften zugelassen sind oder nicht, an welchen anderen Produktionen - etwa Rüstungsherstellung - die Firma noch beteiligt ist, die Tatsache, ob das Unternehmen Steuern im Land zahlt und und und.
Naiv? Vielleicht. Aber wenn Politik vor der Macht der Wirtschaft kapituliert, müssen andere Instrumente gefunden werden, um Interessen durchzusetzen. Das verfügbare Haushaltseinkommen beträgt in Deutschland ca. 1.200 Mrd Euro. D.h. jedem Menschen in dieser Republik stehen rein statistisch pro Jahr ca 14. 000 Euro für Konsum und Sparen zur Verfügung. Jeden Morgen stehen Tausende von Menschen auf und hoffen darauf, dass ein Teil dieses Geldes in ihrem Unternehmen oder in ihrer Ladenkasse landet. Mit Werbeanzeigen und Plakatwänden, mit Fernsehspots und Zeitungsbeilagen betteln Unternehmen: Nehmt unsere Produkte und gebt uns euer Geld. Wenn das keine Macht ist. Man muss sie nur erkennen und gebrauchen.

Mit Kaffee fing alles an

Während der vergangenen zehn Jahre wurden fünf Milliarden Tassen Kaffee aus fair gehandelter Produktion getrunken. Anlässlich des zehnjährigen Jubiläums von Transfair (die Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend ist Mitglied dieser Organisation) outete sich Bundespräsident Johannes Rau als bekennender Transfair-Kaffeetrinker und unterstrich: "Wir brauchen weltweit mehr Fairness im Handel und jeder von uns kann etwas tun." Vor 25 Jahren gründeten unter anderen die evangelische und katholische Jugend die Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt (gepa). Als Pionier handelt die gepa mit Kaffee, Tee, Honig, Kakao, Schokolade, Handwerksprodukte und jetzt auch mit fair produzierten Bällen.
Nun hat der gerecht gehandelte Kaffee von gepa oder transfair noch nicht die Frühstückstische und Büropausen in diesem Land erobert und dabei die "Beste Bohne" und die "Krönung" vom Markt vertrieben. Nur ist das kein Argument für Schwäche der Produkte, sondern nur eins für noch nicht ausreichende Werbung, Bekanntheit und Aufklärung.
Wenn Shopping for a better world oder die Politik mit dem Einkaufskorb nicht nur eine Angelegenheit von "Eine-Welt-Protagonisten", sondern der gesamten (evangelischen) Jugendarbeit oder gar der Kirche werden würde, könnte sich schon etwas ändern. Es muss ja nicht gleich die Stornierung des nächsten Ferraris sein.

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Horst W. Opaschowski: Zwischen Lust und Leiden

Die Konsumfixierung des Lebens und ihre Folgen

Zeitkriege

Die Verbraucher haben sich ihren Erlebniskonsum bisher auf Kosten von Muße regelrecht &Mac226;erkauft?: Viele können es sich zeitlich nicht mehr leisten, ihr Leben in Ruhe zu genießen. Konsumwohlstand und Zeitwohlstand zugleich sind nicht zu haben: Wer viel konsumiert, leidet schnell unter Zeitnot. Wer viel Zeit hat, hat meist auch wenig Geld.
Die ostdeutsche Bevölkerung konnte sich z.B. 1991 - kurz nach der deutschen Vereinigung - noch den Zeitluxus erlauben, öfter Briefe zu schreiben, sich mit der Familie zu beschäftigen und gemeinsam über wichtige Dinge zu reden. Die westdeutsche Bevölkerung hingegen erledigte vieles über Telefon, ging öfters ins Restaurant, ins Kino oder in die Kneipe und trieb viel Sport. Manche Konsumangebote mussten Westdeutsche fast im Laufschritt wahrnehmen, weil ihnen die Zeit beim Konsumieren davonlief .
2001, ein Jahrzehnt später, wurde die Befragung wiederholt. Das Ergebnis: Mit der Sogkraft des Konsumangebots ist die ostdeutsche Beschaulichkeit verlorengegangen. Immer weniger Ostdeutsche nehmen sich jetzt - anders als 1991 - nicht mehr die Zeit, sich mit der Familie zu beschäftigen. Stattdessen entdecken die Ostdeutschen die Möglichkeiten des Erlebniskonsums - vom Kinobesuch bis zum Opern-, Konzert- und Theaterbesuch, vom hastigen Telefonieren bis zum Zeitaufwand für die eigenen Hobbys. Der westliche Konsumstil setzt sich durch. Die Bürger in den neuen Bundesländern haben ihr Eigenprofil, ihren Zeitwohlstand, verloren.

Die chronische Zeitnot der Erlebniskonsumenten des 21. Jahrhunderts wird zu einem grundlegenden Wettbewerbswandel führen. Zeitkriege ("time wars"), in denen mehr um die Zeit als um das Geld der Verbraucher gekämpft wird, werden Wirtschaft und Handel im 21. Jahrhundert prägen. Der Wandel vom Gelddenken zum Zeitdenken wird folgenreich sein.

Gesellschaft im Überfluss

Die Kommerzialisierung unseres gesamten Lebens wird nicht nur die ökonomischen, sondern gerade auch die sozialen und ökologischen Grenzen des Wachstums spürbar machen. Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler John Kenneth Galbraith muss dies schon vor über vierzig Jahren geahnt haben, als er die "Gesellschaft im Überfluss" wie folgt beschrieb: "Die Familie, die mit ihrem violett-kirschrot abgesetzten Wagen mit Klimaanlage, Automatikgetriebe und Bremskraftverstärker einen Ausflug unternimmt, fährt auf schlecht asphaltierten Straßen durch Städte, die durch Abfälle (...) verunziert sind. Die Ausflügler durchqueren eine Landschaft, die vor lauter Werbeschildern kaum noch zu sehen ist (...) Zum Picknick mit vakuumverpackten Lebensmitteln aus der tragbaren Kühlbox setzen sie sich an einen verdreckten Fluss, und die Nacht verbringen sie in einem Park, der eine Gefährdung für die öffentliche Gesundheit und Moral darstellt. Bevor sie auf ihrer Luftmatratze in einem Nylonzelt mit dem Gestank faulender Abfälle in der Nase einschlummern, wird ihnen vielleicht noch undeutlich die absurde Ungereimtheit ihrer Segnungen bewusst" (Galbraith 1959).

Die Konsumgesellschaft löst offenbar ihre Versprechungen und Verheißungen nicht ein. Produzenten- und Konsumentenethik bleiben vielfach auf der Strecke. Beinahe gilt, was der ehemalige Premierminister Harold Macmillan als Losung ausgab: "Wenn die Leute Moral wollen, so sollen sie sich an ihre Erzbischöfe halten". Der Bedarf an ethischen Konzepten (Hansen 1992, S. 168) für Marketing und Konsum wird immer größer. In Zukunft steht neben der Umwelt- auch die Sozialverantwortlichkeit des Konsums auf dem Spiel. Die Verantwortung gegenüber der Natur und die Achtung vor der Menschenwürde sind unverzichtbare Voraussetzungen einer Konsumethik. Die Konsumgesellschaft kommt in Zukunft ohne eine ethische Komponente nicht mehr aus.

Erich Fromm hat einmal gesagt: "Das Wohl des Menschen ist das einzige Kriterium für ethische Werte" (Fromm 1978, S. 26). Das heißt: Der Mensch ist zwar das Maß aller Dinge, gemeint ist aber doch wohl auch der sozialfähige Mitmensch und nicht nur der genussfähige Egoist. Wir brauchen beides: Sozialorientierung und Genuss-orientierung. Das Nachdenken über die Ethik unseres Tuns dürfen wir nicht aufgeben, sonst geben wir uns selbst und unsere Zukunft auf. Es geht also nicht um Askese und Konsumverzicht, sondern um intensiveres und bewussteres Konsumerleben statt einer bloß konsumistischen Fixierung des gesamten Lebens.

Pflicht zum Konsum?

Besteht nicht die Gefahr, dass wir in Zukunft den Zwang zur Arbeit durch die Pflicht zum Konsum ersetzen? Was wir an Zeitverkürzung in der Produktion gewinnen, verlieren wir wieder an Zeitverlängerung in der Konsumtion - die Fortsetzung der Arbeit mit anderen Mitteln, die den Kampf um Arbeitszeitverkürzung zur Farce macht. Wenn wir so weitermachen wie bisher, setzen wir die Freiheit unserer eigenen Frei-Zeit aufs Spiel. Wirklich frei können wir uns doch dann erst wieder fühlen, wenn wir auch einmal verzichten oder z.B. eine lästige Einladung absagen können - ohne Angabe von Gründen. Noch freier könnten wir allerdings sein, wenn wir eine Einladung absagen können - mit Angabe der wahren Gründe. Nicht das Zusagen-Müssen, sondern das Absagen-Können macht uns frei und der freiwillige Verzicht auf bloßes Dabeisein kann zum ganz persönlichen Zeitgewinn werden. In einer Wohlstandsgesellschaft wird nur die Beherzigung des Grundsatzes "Lerne - zu lassen!" Lebenszufriedenheit gewähren und auf Dauer garantieren können. Für das souveräne Konsumieren gilt nicht das "Je-mehr-desto-besser"-Prinzip, sondern eher das Gegenteil: "Je weniger Du hast, desto freier bist Du". Freiwillig ärmer werden, kann reicher machen.

Noch nie zuvor waren die Menschen einem solchen Angebotsstress ausgesetzt wie heute. Ständig müssen wir uns entscheiden, ob wir etwas machen oder haben, selektiv nutzen oder ganz darauf verzichten wollen:
- Was ist eigentlich für mich wichtig und was nicht?
- Woher nehme ich den Mut, auch nein zu sagen?
- Und wie schaffe ich es, mich zu bescheiden, auch auf die Gefahr hin, etwas zu verpassen?
Früher galt der Grundsatz "Eine Sache zu einer Zeit". Daraus ist heute die Gewohnheit "Mehr tun in gleicher Zeit" geworden.

Konsumiere im Augenblick

Wir umgeben uns mit einem dichten Dschungel von Konsumgütern - von Zweitauto und Drittfernseher, Video und Sportgeräten und vergessen dabei oft, dass es Zeit erfordert, davon Gebrauch zu machen. Wir entwickeln uns zu ruhelosen Konsumenten, die für sich selbst, zur Entspannung, zur Selbstbesinnung oder auch zum nachdenklichen Lesen kaum noch Zeit finden. Nur noch neidisch können wir auf frühere Kulturen zurückblicken, die im Zeitwohlstand lebten und sich eine "mañana"-Mentalität leisten konnten: Morgen ist auch noch ein Tag. Wir aber haben heute ständig das Gefühl, morgen könnte es bereits zu spät sein: Konsumiere im Augenblick und genieße das Leben jetzt. Wir nutzen die Zeit mehr, als dass wir sie wirklich verbringen. Das Gefühl für den Wert der Zeit nimmt zu. Mehr Geld allein erscheint wertlos, wenn nicht gleichzeitig auch mehr Zeit "ausgezahlt" wird. Das bekommen viele Manager und Politiker heute schon zu spüren. Zeit ist für sie zum knappsten und wertvollsten Gut geworden.
Wir gehen einer Zukunft entgegen, in der mehr Konsumgüter vorhanden sind als Zeit zum Genießen des Konsums. Das Überangebot macht die Freiheit der Wahl zur Qual der Wahl. Wenn wir beispielsweise heute schon täglich zwischen Dutzenden von TV-Programmen, Hunderten von Zeitschriften und Zeitungen an den Kiosken und Tausenden von Konsumartikeln in den Supermärkten wählen "müssen", dann kosten diese gigantischen Wahlmöglichkeiten ganz einfach Zeit und Nerven.

Der technologische Fortschritt hat dafür gesorgt, Zeit zu sparen. Das Kunststück ist ihm aber nicht gelungen, Zeit gut einzuteilen und zu nutzen. Das müssen wir schon selber tun. Hier zeigen sich die individuellen Grenzen der Konsumzeit: Was nutzt einem Tennisspieler jedes Jahr ein neuer Schläger, wenn er keine Zeit zum Spielen hat? Wir haben Mühsal und Hunger überwunden - aber große Mühe mit dem eigenen Zeithunger. Der Verbraucher von morgen mag materiellen Wohlstandszeiten entgegensehen, er wird dennoch ruhelos bleiben und unter Zeitdruck leben. Der künftige Konsument gleicht einem perpetuum mobile: Ökonomisch schwingt er sich in Spiralen nach oben, psychologisch gesehen aber dreht er sich auf der Stelle. Ein alter Menschheitstraum bleibt - wenn wir uns nicht ändern - auch in Zukunft unerfüllt: Mehr Zeit zum Leben

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Ulrich Duchrow: Globalisierung mit Todesfolgen und die biblische Vision des Lebens

In der Frage der Wirtschaft geht es um Leben. (1) Das ist nicht etwa eine Wertaussage im Sinn einer beliebigen privaten ethischen Entscheidung (Max Weber). Es handelt sich vielmehr um eine Aussage über Sachnotwendigkeit. Wirtschaft ist dafür da, "Lebensmittel" zu produzieren und zu verteilen. Es geht zunächst um die Deckung der Grundbedürfnisse: Essen, Kleidung, Wohnung, Gesundheit und zwar so, dass alle Menschen versorgt sind. Es geht aber auch um Leben in Würde. Alle Menschen müssen sich nach Kräften an ihrer Grundversorgung beteiligen können. Dazu gehört auch die Kooperation untereinander. Menschen sind soziale, politische Wesen, die nur in Beziehungen zueinander überleben können. Zum Leben in Würde gehört auch die Schönheit der Lebenswelt. Ohne Schönheit verkümmern Menschen und ihre Kreativität. Schließlich gehört zum Leben die Erhaltung der natürlichen Bedingungen für zukünftige Generationen. Leben hat immer eine Zukunftsdimension. Es ist auf neues Leben angelegt.

Vom Gebrauchswert zum Tauschwert

Diese ganz einfachen und für jeden Menschen verständlichen Zusammenhänge werden durch die gegenwärtige kapitalistische Weltwirtschaft gefährdet. Schon in der Antike kann man eine Entwicklung beobachten, in der Eigentumsvermehrung durch grenzenlose Akkumulation von Geld die Versorgungswirtschaft zu überlagern und zu gefährden begann. Das heißt, nicht mehr der Gebrauchswert der Güter und Dienstleistungen steuert das Wirtschaften, sondern der Tauschwert, genauer: die Akkumulation von Eigentum, gemessen in Geldvermögen. Rechtlich fixiert wurde dieser Vorrang der Akkumulation von Reichtum vor der Bedürfnisbefriedigung im Recht des Römischen Imperiums. Eigentum wird als absolutes Herrschaftseigentum (dominium) definiert, das der Eigentümer (der pater familias als "Despot") nach Belieben gebrauchen, missbrauchen, verbrauchen und auch zerstören kann. Das hellenistisch-römische Imperium setzt diese Ordnung durch Unterwerfung möglichst vieler Völker militärisch durch. So kann es sich für die Schicht der Eigentümer Land, andere Ressourcen wie Edelmetalle und Sklaven für die notwendige Arbeit sichern.

Seit dem 14. Jahrhundert n. Chr. verschärft sich diese Entwicklung in Europa und der zunehmend von Europa und später den USA eroberten und beherrschten Welt. Neu ist die Ersetzung der Sklaven- durch Lohnarbeit (um die Kosten für die Lebenserhaltung der Sklavenfamilien sparen zu können). Neu ist auch die technologische Entwicklung (um auch auf diesem Weg Kosten für den "Faktor Arbeit" zu reduzieren und den Gewinn für die Kapitaleigentümer zu maximieren). Ideologisch wird seit der klassisch liberalen Phase im 19. Jh. der Zweck des Wirtschaftens umdefiniert von der Befriedigung der Grundbedürfnisse zur Angebotsantwort auf (kaufkräftige) "Präferenzen" in der Nachfrage. Der entscheidende Mechanismus wird der Markt, der diese "wertfreie" Wechselwirkung von Angebot und Nachfrage über den Preis regelt. Er wird von Adam Smith zur "unsichtbaren Hand" mystifiziert, die angeblich die wirtschaftlichen, auf individuellen Reichtum und Macht zielenden Egoismen zum "Reichtum der Nationen" umschmiedet.

Die Wirklichkeit sah bekanntlich anders aus.(2) Die Verelendung der arbeitenden Menschen in den sich industrialisierenden Ländern, die Unterwerfung der Völker in den Kolonien mit den Völkermorden seit der Conquista und die sich anbahnenden zunehmenden Zerstörungen der Natur begrenzten die Wohlstandsentwicklung auf einen kleinen Teil der (besitzenden) Bevölkerungsschichten.

Gegen diese Entwicklung formierte sich die Arbeiterbewegung. Sie erreichte in der westlichen Welt die - in einigen Ländern verfassungsmäßige - Einführung der Sozialpflichtigkeit des Eigentums (z.B. Grundgesetz Art. 14.2). Durch die Katastrophenerfahrung des klassischen Liberalismus in der Weltwirtschaftskrise 1929, die Konkurrenz des sowjetischen Kommunismus und den Druck der Gewerkschaften wurde sie umgesetzt in dem, was wir in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg die "soziale Marktwirtschaft" nannten. In den siebziger Jahren gelang allerdings der sich globalisierenden Wirtschaft zunehmend der Abbau staatlicher Regulierungen. 1973 wurde die Regulierung der Währungen aufgegeben - mit der Folge der spekulativen Loslösung der Finanzsphäre von der realen Wirtschaft. 1979 wurden die Zinssätze auf den transnationalen Geldmärkten dereguliert und Steuerflucht und Steuerdumping durch das mobile Kapital griffen immer mehr um sich - mit der Folge der zunehmenden Überschuldung der Staatshaushalte und daraus abgeleitetem Sozialabbau. Ideologisch legitimierte der Neoliberalismus diese Entwicklung, ja, seit Pinochet in Chile, Thatcher in Großbritannien, Reagan in den USA und Kohl in Deutschland konnte er Regierungen als Agenten der Akkumulationsstrategien des Großkapitals gewinnen. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion nutzt der Westen zusätzlich seine militärische Überlegenheit, die eigenen Wirtschaftsinteressen weltweit militärisch durchzusetzen. Der 11. September 2001 hat diese Tendenz nur verstärkt.
Das Ergebnis dieser skizzierten Entwicklung ist für die zunehmende Zahl der Verlierer der globalisierten Kapitalakkumulation katastrophal. Es geht nicht mehr nur um Ausbeutung, sondern um Ausschluss der Mehrheit der Weltbevölkerung aus der formalen Wirtschaft. 80% der Menschen müssen mit weniger als 20% der Ressourcen, Güter, Einkommen und Dienstleistungen auskommen, ca. 40 Millionen von ihnen sterben jährlich an Hunger und seinen Folgen - d.h. jedes Jahr eine Opferzahl wie im 2. Weltkrieg. Irreversible Zerstörungen in der Natur gefährden das Leben der gegenwärtigen und zukünftigen Generationen. Kurz, statt zum Leben führt unsere globalisierte Wirtschaft zum Tod - und kollektiven Selbstmord.

Verschleierte neoliberale Wahrheit

Mehr und mehr Menschen in den christlichen Kirchen des Südens vergleichen den Ernst der Situation mit dem Faschismus in Deutschland und der Apartheid in Südafrika. Der Reformierte Weltbund (RWB) und der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) haben ihre Mitgliedskirchen deshalb zu einem "Prozess des Erkennens, Lernens und Bekennens (processus confessionis) gegen wirtschaftliche Ungerechtigkeit und Naturzerstörung" aufgerufen.(3) Warum ist es für die Kirchen und Gemeinden bei uns so schwer, in dieser Situation zu eindeutigem Urteilen und Handeln zu kommen? Ein häufig gehörtes Argument lautet: Bei Hitler und in der Apartheid war die Sache klar, die Weltwirtschaft ist so komplex. Wie soll man da zu einem ebenso klaren Urteil kommen. In der Tat konnte im Prinzip jeder in "Mein Kampf" nachlesen, dass Hitler die Juden vernichten wollte. Auch sagt bereits das Wort "Apartheid", Trennung zwischen herrschenden Weißen und abhängigen Schwarzen, dass die Gleichberechtigung aller Menschen aufgehoben werden soll. Die liberale und neoliberale Ideologie dagegen verschleiert auf eine ganz spezifische Weise die Wahrheit. Nach ihrer ökonomischen Theorie soll die Wirtschaft Reichtum, monetär gemessen, fördern. Und sie tut es auch. Die negativen Auswirkungen auf arbeitende und ausgeschlossene Menschen sowie auf die Natur werden zu nicht beabsichtigten Effekten erklärt - "Kollateralschäden". Diese müssen auch subjektiv gesehen von den handelnden Akteuren in Unternehmen, Banken und Politik gar nicht bewusst gewollt sein. Die Frage darf also auf keinen Fall personalisiert oder moralisiert werden. Es geht vielmehr um ein strukturelles Problem.
Wenn man als Zweck der Wirtschaft monetär gemessenes Wachstum, also geld- und marktvermittelte Kapitalakkumulation ansetzt, klammert man eben die Frage des konkreten Lebens und der Bedürfnisbefriedigung prinzipiell aus. Dies geschieht bewusst oder unbewusst im Interesse der Eigentümer. Bezieht man diese Frage dagegen ein, ist klar, dass eine Form des Wirtschaftens nur dann als erfolgreich gelten kann, wenn sie gleichzeitig auch sozial und ökologisch erfolgreich ist. Der Widerstand der Kirche müsste sich also prinzipiell gegen eine Wirtschaft richten, deren einziger Zweck die auf absolutem Privateigentum aufbauende Kapitalvermehrung ist, während die negativen Wirkungen auf Menschen und Natur als indirekte Effekte ausgeklammert werden. Und sie müsste an Alternativen mitarbeiten, die auf die Förderung des Lebens von Mensch und Natur ausgerichtet sind.

Ein zweites Hindernis über dieses erkenntnistheoretische hinaus ist ein sozio-psychologisches. Darauf hat Geiko Müller-Fahrenholz im Anschluss an den US-Psychologen Lifton hingewiesen.(4) Dieser hat das Phänomen des "numbing" untersucht, das heißt, des durch Überforderung Gelähmtseins - wie eines Kaninchens vor der Schlange. Die globalen Herausforderungen sind so überwältigend, dass Menschen sich tot stellen.

Aus der Lähmung erwachen

Wenn diese Beobachtungen stimmen, stellt sich die Frage, wie Kirchen und Gemeinden und mit ihnen die jungen Christinnen und Christen ihre vordergründige Interessengebundenheit überwinden, ihre Wirklichkeitserkenntnis schärfen und aus der Lähmung erwachen können.
Die Kirche Jesu Christi umspannt den ganzen Erdkreis und ist gleichzeitig verwurzelt in lokalen Kontexten, in denen die konkreten Menschen wohnen. Keine andere menschliche Organisation hat so gute Voraussetzungen wie sie, eine realitätsbezogene Interessenanalyse im Kontext der Globalisierung vorzunehmen. Überall in der Welt beobachten wir die gleiche spaltende und zerstörende Wirkung des globalen Kapitalismus - allerdings je weiter am Rand, desto schärfer. Denn im absoluten Konkurrenzsystem kann der Stärkere sich ungehemmt gegenüber dem Schwächeren durchsetzen. Das heißt, die Gewinner werden immer weniger, die Verlierer immer mehr. Was deshalb heute am Rand geschieht, wächst morgen immer mehr ins Zentrum hinein. Die Gemeinden in Zentrumsländern wie Deutschland können also - wenn sie es denn schon nicht im eigenen Umfeld wahrnehmen - in ihren Schwesterkirchen im Süden wahrnehmen, was morgen auf sie selbst zukommt.
Nehmen wir Argentinien als Beispiel. Dieses Land war eines der reichsten Länder Lateinamerikas. Vor allem hatte es im Unterschied zu vielen anderen Ländern dieser Region eine breite Mittelklasse entwickelt. Die von USA - wie in anderen Ländern der Zweidrittelwelt - eingesetzte Diktatur öffnete dem transnationalen Kapital Tor und Tür, natürlich immer unter Gewinnbeteiligung der nationalen Eigentümereliten. Die Folge waren Verschuldung, Sozialabbau und Ausverkauf des nationalen Tafelsilbers im Sinn der vom Internationalen Währungsfonds (IWF) diktierten Strukturanpassungsprogramme und nun der Staatsbankrott. Für Deutsche und die deutschen Mittelstandsgemeinden und -kirchen ist es besonders wichtig wahrzunehmen, dass die eigentlichen Verlierer dieser Entwicklung Mitglieder des Mittelstands sind. Sie leben in der Illusion, sie könnten Gewinner bleiben in diesem Krieg auf Leben und Tod. Sie täuschen sich. Der Kapitalismus zielt auf immer weniger Gewinner, die Großeigentümer. Zuerst verlieren die Armen in der "Zweidrittelwelt", dann die Erwerbslosen bei uns, dann die Arbeitenden, dann die Kranken, dann die Kinder, weil am Sozial-, Gesundheits- und Schulsystem gespart wird - kurz an allem, was nicht der Kapitalakkumulation dient.

Eine alternative Vision

Wer bei uns mit Jugendlichen in der Kirche arbeitet, kann also auf allen Ebenen Kontakt und Begegnung mit Betroffenen organisieren, um die globalisierte Wirklichkeit zu erfahren. Das schafft erst die Bereitschaft, die Zusammenhänge verstehen zu wollen und aktiv zu werden.(5) Die Kirche hat aber auch für die Gewinnung von alternativen Visionen eine unübertroffene Quelle: die Bibel.

Beim Propheten Jeremia (22,16) steht der Satz über den König Josia: "Er half den Armen und Schwachen zum Recht. Heißt nicht das, mich erkennen, Spruch Jahwes". Die Befreiungstheologie Lateinamerikas und anderer Länder hat uns den Schleier von der Bibel wegnehmen gelehrt, den Jahrhunderte nach-konstantinischer Kirche - dank ihrer Koalition mit den Mächtigen - darüber gelegt hatten. Wir sehen wieder, dass der biblische Gott als Sklavenbefreier in die Geschichte tritt, ständig bemüht, ein Volk dafür zu gewinnen, eine Alternative in der durch Verabsolutierung von Macht und Reichtum gefährdeten Welt aufzurichten. (6)

Es ist allerdings erst eine relativ neue Erkenntnis, dass wir in der Bibel bereits eine Auseinandersetzung mit Vorformen der kapitalistischen Wirtschaft finden. Sie kann unsere Erkenntnis der Wirklichkeit ungemein schärfen. Zumeist wird davon ausgegangen, der biblische Kontext sei von königlich-feudalen Strukturen geprägt. Nimmt man dies an, entsteht der Eindruck, die Bibel sei mit ihren Aussagen doch relativ weit von unserer Wirklichkeit entfernt. Es lässt sich aber zeigen, dass Prophetie und Rechtsreformen seit dem 8. Jh.v.Chr. sehr präzise auf die oben angedeuteten Anfänge der Eigentums-Geld-Wirtschaft reagieren.(7) Theologisches Zentrum der Argumentation ist die Aussage, dass Gott die Erde und die Menschen gehören und dass deshalb kein Mensch absolutes Eigentum an Land und Leuten beanspruchen darf, vielmehr alle ein Recht auf wirtschaftliche Lebenserhaltung haben (vgl. z.B. Lev. 25). Daraus folgen konkret z.B. präventive Maßnahmen wie das Zinsverbot, oder korrigierende wie die periodische Erlassung von Schulden, Freilassung von Schuldsklaven und Neuverteilung des Landes, so dass alle Menschen immer wieder die Voraussetzungen für ihre Selbstversorgung erhalten. Im Fall eines Gold und Macht vergötzenden, totalitären Imperiums ist unzweideutiger Widerstand geboten (Dan 3). Jesus selbst greift zurück auf die Manna-Ökonomie des täglichen Brotes für alle, animiert zu solidarischem Teilen und Schuldenerlass und geht offen in Konflikt mit dem wirtschaftlichen Machtzentrum, dem Tempel.

Auf dieser hier nur kurz angedeuteten biblischen Basis können Gemeinden und Kirchen unzweideutig erkennen, dass eine Wirtschaft, die ausschließlich auf die Reichtumsvermehrung der Eigentümer ausgerichtet ist, unmöglich mit der Nachfolge Jesu vereinbar sein kann. Gleichzeitig können sie eigene, alternative Handlungsmöglichkeiten wahrnehmen, z. B. bei der Anlage kirchlicher Gelder, sowie politische Forderungen entwickeln und versuchen, diese zusammen mit sozialen Bewegungen wie z. B. Kairos Europa oder Attac durchzusetzen.

Wie aber ist die Lähmung zu überwinden, die Kirchen und Gemeinden sowie viele Menschen befallen hat? Heiko Müller-Fahrenholz verweist hier auf eine neue Erfahrung des heiligen Geistes. Sie ist möglich, wenn wir unsere Individualisierung des Glaubens aufgeben und mit anderen zusammen nach der Geisteskraft fragen, die uns in alle Wahrheit führt, die uns tröstet und die uns hartnäckig ("geduldig") bei Widerstand und alternativem Handeln macht. Bildung von Gruppen zur Bearbeitung beispielhafter Probleme und die Vernetzung dieser Gruppen ist das Geheimnis, das uns die neuen globalisierungskritischen Bewegungen vorleben. Nach der Flaute der Spaßgesellschaft in den neunziger Jahren nehmen daran endlich wieder junge Menschen in großer Zahl teil. Um ihr zukünftiges Leben geht es schließlich.

Anmerkungen
(1) Zum Folgenden vgl. U. Duchrow/F.J. Hinkelammert, Leben ist mehr als Kapital. Alternativen zur globalen Diktatur des Eigentums, Publik-Forum Buch, Oberursel 2002.
(2) Vgl. das noch immer unübertroffene Buch von Karl Polanyi, The Great Transformation, Frankfurt 1978.
(3) Vgl. U. Duchrow/L. Diez (Hg.), "Processus confessionis", epd-Dokumentation, Nr. 22, 27.5.2002.
(4) Vgl. G. Müller-Fahrenholz, 1993, Erwecke die Welt. Unser Glaube an Gottes Geist in dieser bedrohten Zeit, Gütersloh
(5) Ich habe mit internationalen Jugendworkshops im Rahmen von Drillings-Gemeindepartnerschaften (z.B. Deutschland, Südafrika, Polen) gute Erfahrungen gemacht.
(6) Dazu ausführlich U. Duchrow, Alternativen zur kapitalistischen Weltwirtschaft. Biblische Erinnerung und politische Ansätze zur Überwindung einer lebensbedrohenden Ökonomie, Gütersloh 1994 (19972), Teil II.
(7) Vgl. U. Duchrow/F.J. Hinkelammert, aaO., 22ff.

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Arne Manzeschke: Christsein in der Marktgesellschaft

Unvermeidbare Ambivalenzen

Die Kirche geht auf den Markt

"Wohin wollen Sie eigentlich?", fragte die EKD in diesem Sommer in einer großen Plakataktion und bot in der Unterzeile gleich an: "Lassen Sie uns gemeinsam Antworten finden." Fragte man die Evangelische Kirche, wohin sie eigentlich wolle, so böte die Imagekampagne der EKD eine indirekte Antwort. Die Kirche versucht, sich auf dem Markt zu positionieren. Die Kirche - ich erlaube mir diese vereinfachende Redeweise - will mittendrin sein im Leben der Menschen. Da die Menschen - auch einmal so allgemein gesprochen - immer weniger die Kirche aufsuchen, geht die Kirche dorthin, wo die Menschen anzutreffen sind: auf den Markt. "Markt" steht hierbei für einen Ort, um den wir praktisch alle unser Leben organisieren, und für eine Macht, die zunehmend unsere gesellschaftliche Gesamtorganisation, unsere sozialen Beziehungen, wie unser individuelles Selbstverhältnis bestimmt: "Wir leben nach der unsichtbaren Macht des Marktes nach dessen Regeln und richten unser Leben nach der Maxime, billig zu kaufen und teuer zu verkaufen. Wir lernen, dass Erwerb und Akkumulation von Besitz ganz wesentlich zu unserem Dasein gehören, lernen, dass das, was wir sind, zu einem guten Teil Spiegelbild dessen ist, was wir besitzen. Unsere Vorstellungen davon, wie die Welt funktioniert, beruhen größtenteils darauf, was wir als quasi natürlichen Drang betrachten, nämlich Güter miteinander auszutauschen und wohlhabende Mitglieder der Gesellschaft zu werden." (1)
Natürlich entfaltet der Markt auch eine ungeheuer produktive Kraft, die dem Menschen wichtige Elemente der sozialen Begegnung, des materiellen und geistigen Austauschs, der materiellen und geistigen Wertschöpfung vermittelt. Und er ist in einer globalisierenden Gesellschaft ein zentrales Instrument, um weniger entwickelten Gesellschaften Zugang zu Wohlstand, Bildung und demokratischen Rechten zu verschaffen - oder ihn zu versperren. Diese Seite will ich nicht unterschlagen in meiner Darstellung, aber besonders auf die deformierenden Aspekte der gegenwärtigen Marktwirtschaft hinweisen, weil ich der Meinung bin, dass sie gegenwärtig zu leicht ausgeblendet werden. Mein Thema ist es, die Ambivalenz auszuloten, in der wir Christinnen und Christen uns individuell wie als Kirche bewegen: Zum einen ist eine Gegenüberstellung hier gute Kirche, dort böser Markt zu schlicht und wird der Tatsache nicht gerecht, dass wir alle als Marktteilnehmer agieren (müssen). Der Totalitätsanspruch des Marktes wäre allerdings schon der Kritik wert. Zum anderen stellt sich die Frage, wie wir uns auf dem Markt bewegen mit seinen Strategien der Verführung, Zurichtung und Verblendung, aber auch der Chancen des freien Austauschs, der Begegnung und gegenseitigen Bereicherung. Wie kann in dieser ambivalenten Situation eine christliche Perspektive vom guten Handel, vom guten Wirtschaften zur Geltung gebracht werden, die sich aus biblischen Worten, Erfahrungen und Lernprozessen wie z.B. der Befreiungstheologie, der politischen Theologie, dem konziliaren Prozess speist und auf Nachhaltigkeit, Umweltverträglichkeit und Gemeinsinn setzt? Wie kann umgekehrt das kritische Potential dieser Traditionen und Erfahrungen gegenüber einem Kapitalismus - als der treibenden Kraft der Marktwirtschaft - eingesetzt werden, der dabei ist, unsere sozialen Beziehungen, unser Welt- und Selbstverhältnis immer mehr auf ein Kosten-Nutzen-Kalkül, auf Dividenden und messbare Größen zu reduzieren?
Die Kirche als menschliche Organisation ist von solchen Zwiespältigkeiten nicht ausgenommen. Sie kritisiert einerseits die Auswüchse des sogenannten Raubtierkapitalismus und fordert eine menschen- und umweltverträgliche, nachhaltige Wirtschaftsweise ein.(2) Andererseits ist sie als Arbeitgeberin und "Unternehmen" von den Zwängen des Marktes nicht ausgenommen.(3) Schließlich erwartet sie sich von bestimmten Konzepten und Strategien der Marktwirtschaft Vorteile für die eigene Position in der Marktgesellschaft. Sie sucht den Ort des Marktes auf, um Anteil an dessen Macht zu gewinnen. Denn sie erfährt schmerzlich, dass Menschen sie nicht mehr selbstverständlich als erste Adresse in Sachen Sinnstiftung und Lebensbegleitung ansehen. Und weil ihr Menschen, Einfluss und Gelder knapp werden, tut sie das, was in der Marktgesellschaft vernünftigerweise zu tun ist: sie fängt an zu rechnen und - zu werben.

Kirchenmarketing - konsequent und problematisch

Die Kirche wirbt primär nicht für sich selbst, sondern für das Evangelium als einem besonderen religiösen Gut, auf dessen Vermittlung sie sich spezialisiert hat.(4) Mit Evangelium ist hier das umfassende und vielfältige Verkündigungshandeln der Kirche gemeint. Der Gottesdienst, aber auch Lebensberatung und -begleitung, Hospizbewegung, Freizeitangebote, Jugendarbeit, diakonische Tätigkeiten - kurz alle Formen sozialer Begegnung und Begleitung, mit denen die Menschenfreundlichkeit Gottes bezeugt und menschliche Wirklichkeit auf Gottes schöpferisches, bewahrendes und erlösendes Handeln hin gedeutet werden soll. Inhaltlich ist diese Zuwendung Gottes als Befreiung aus nicht mehr durchschauten und nicht mehr beherrschten Zwängen, Prägungen und Unterdrückungsverhältnissen qualifiziert.
Solche Werbung für das Evangelium erscheint schlüssig in einer Gesellschaft, in der jedes Quäntchen Aufmerksamkeit auf Marken und damit zum Konsum gelenkt werden soll. Eine Marke, die nicht beworben wird, ist schon vom Markt verschwunden. Marketing, das heißt: Markenmanagement, ist das Instrument in einer ökonomisierten und medialisierten Gesellschaft. Die Kirche handelt also konsequent, wenn sie offensiv auf ihre Vermittlungskompetenz(5) (im Fall der EKD-Kampagne sind das die signalisierte Offenheit und Gesprächsbereitschaft sowie die Fähigkeit, die wichtigen Fragen zu formulieren) und - zumindest implizit - auf das Evangelium hinweist.
Naheliegend erscheint es, unter den Bedingungen des Marktes die Regeln des Marktes zu beherzigen und für das eigene Anliegen werbend einzutreten und so Menschen für die "eigene" Sache gewinnen zu wollen. Marketing ist nicht nur ein Mittel zur Absatzsteigerung von Konsumartikeln, sondern wird eben auch eingesetzt, um Information, Aufklärung, Bewusstseinswandel und gemeinwohlorientiertes Engagement zu fördern; so etwa bei Aids- und Verhütungskampagnen, Imagekampagnen zur Gleichstellung von Frauen, Behinderten, Ausländern, Spendenaufrufe für Hilfswerke, Informationen über Programme gegen Jugendarbeitslosigkeit etc. Das sind Marketingstrategien mit eindeutig positiv besetzten politischen oder sozialen Zielen.
Auf einer vergleichbaren Ebene wäre auch das kirchliche Marketing zu verorten, bei dem sich die Kirche der neuen Medien (Fernsehen, Plakate, Internet, SMS) bedient und so den gewandelten Kommunikationsgewohnheiten in unserer ausdifferenzierten Gesellschaft zu entsprechen sucht.
Was auf einen Blick so unproblematisch, ja zeitgemäß erscheint, erweist sich bei näherem Blick als heftig umstritten. Die EKD-Kampagne wurde in den eigenen Reihen massiv kritisiert. Der Theologe Klaus Bukowski warf den Verantwortlichen "Selbstbanalisierung" vor. Die Modernisierungsdebatte um Kirchenmarketing hat in der Süddeutschen Zeitung in diesem Frühjahr eine wochenlange Kontroverse hervorgebracht, die weit über den Kirchenraum hinaus Aufmerksamkeit erregte. Anhand von zwei zentralen Punkten will ich die Strittigkeit der aktuellen Modernisierungsbemühungen in der Kirche skizzieren.

Das Evangelium im Verwertungszusammenhang

Das Problem besteht weniger in dem differenzierenden und werbenden Handeln als vielmehr darin, dass das marktwirtschaftliche Instrument Marketing leicht und sozusagen unter der Hand die vermittelte Botschaft, das Evangelium, in ein Produkt auf dem Markt der Sinnstiftung verwandelt. Nicht von ungefähr bedient sich das Kirchenmarketing ökonomischer Vokabeln wie "Kunde", "Unternehmen", "Angebot", "Nachfrage" oder "christlicher Glaube als religiöses Transaktionsgut auf dem Markt der Sinnorientierung".(6) Das Medium verändert die Botschaft, lautet die Grundbotschaft des Kommunikationsforschers Marshall McLuhan. Das gilt auch, wenn der Vorgang der Evangeliumsverkündigung aus marktstrategischen Überlegungen mit neuen Begriffen und Perspektiven effizienter organisiert werden soll. Mit seiner Vermarktung wird das Evangelium einem ganz bestimmten Wahrnehmungs- und Verwertungszusammenhang unterworfen. Es wird zu einer Marke. Eine Marke ist eine Marke und steht für eine abgeleitete Realität. Sie hat immer etwas Irreales, Uneigentliches, ja vielleicht sogar Mythisches. Eine Marke soll ein Gefühl vermitteln, eine Geschichte erzählen, die im besten Fall zwar eine Wahrheit auszudrücken vermag, aber von dieser Wahrheit selbst eindeutig verschieden ist. Jeder und jede kennt das bei der allgegenwärtigen Werbung. Deshalb behalten wir uns eine Distanz zu diesen Botschaften vor. Marken sind so konzipiert, dass sie ein Lebensgefühl oder einen Wert transportieren, die begehrenswert erscheinen, aber in einem menschengemachten Produkt nie und nimmer Erfüllung finden können. Genau auf dieser Unerfüllbarkeit des Begehrens beruht der Kreislauf einer auf beständiges Wachstum angelegten Produktion von Waren und Gütern. Wenn nun das Evangelium via Marketing an den Mann oder die Frau gebracht wird, würde es genau in diesen Verwertungszusammenhang aus Anreiz - Begehren - Bedürfnisbefriedigung - Leere eingefügt werden. Es würde zu einer heillosen Fiktion, so wie es alle anderen Marken auch sind. Es würde als Marke wahrgenommen und entsprechend gehandelt werden. Das heißt, die Konsumenten der Marke erwarten einen gewissen Markenstandard und einen persönlichen Gewinn für sich, darin erschöpfte sich aber auch die Leistung des vermarkteten Evangeliums. Es bietet unter dieser Perspektive keine befreiende Sicht auf das Leben, sondern bleibt in immanenter Bedürfnisbefriedigung stecken. Die Marke Evangelium reduzierte sich auf ein menschengemachtes Ding, das dem Menschen nicht mehr die Kraft verleiht, sich selbst zu transzendieren. Es wäre letztlich das, was die Theologie Vergötzung nennt: der Mensch schafft sich ein Symbol, von dem er erwartet, dass es ihn über sich selbst hinaus hebt und ihm das vermittelt, was er ersehnt, aber selbst nicht machen kann. Und er müsste die Erfahrung machen, das er in der Selbstanbetung und schließlich Leere steckenbleibt.
Ich unterstelle niemandem, dass er Interesse an solcher Form der Evangeliumsverkündigung hat. Aber ich fürchte, dass ein stratifiziertes, den Marktbedingungen angepasstes Evangelium einer fremden Logik unterworfen wird und danach funktionieren muss. So verliert es seine kritische Kraft, uns daran zu erinnern, dass das, was ist, nicht alles ist und bleiben muss. Und diese kritische Kraft der Erinnerung ist allemal nötig angesichts von Verhältnissen, die allzu unkritisch oder als leider notwendiges Durchgangsstadium zu einer besseren Welt hingenommen werden.
Ein anschauliches Beispiel ist die Deformation der christlichen Caritas im Rahmen der gesetzlichen Pflegeversicherung. Die dem ganzen Menschen geltende Sorge korrodiert unter den Bedingungen des Marktes zu einer minutiös getakteten und tarifierten Dienstleistung.

Neue Beziehungsstrukturen

Auf der Beziehungsebene wird die deformierende Kraft des Marketings besonders augenfällig: Es macht aus einer Kirche von Schwestern und Brüdern eine Anbieterin (Kirche) und einen Konsumenten oder eine Nachfragende (Christin/Christ bzw. am christlichen Glauben Interessierte). Diese Perspektive mag mal ganz erhellend sein, um das kirchliche Handeln kritisch zu hinterfragen. Systematisch eingeführt unterläuft sie aber die Beziehungsstrukturen des Evangeliums und die Konstitutionsbedingungen der Kirche.
Das Evangelium ist keine Ware oder Dienstleistung, über die zwischen Anbietenden und Nachfragenden verhandelt werden könnte, sondern es entfaltet sich dort, wo Menschen gleichwertig - und gleich bedürftig - zusammen kommen und von Gott erwarten, dass er ihnen auf vielfältige Weise begegnet und sie so begeistert, dass sie das Leben, das sie jetzt leben, getrost annehmen und aus Trost und Annahme die Kraft schöpfen, sich für den Frieden Gottes, d.h. für ein umfassend heiles Leben der ganzen Schöpfung einzusetzen. Und wo das geschieht, da ist Kirche.
Natürlich gibt es schon immer solche in der Kirche, die mit ihren Gaben den anderen dienen. Das könnte man jetzt einfach "Dienstleistung" nennen, die von Nachfragenden mehr oder weniger dankbar angenommen wird. Ich meine aber, dass es sich um mehr als eine terminologische Verschiebung handelt. Evangelium ist nicht der Besitz einiger, der Nichtbesitzenden, Suchenden oder Zweifelnden einfach als Besitz, Fund oder objektive Gewiss-heit weitergegeben werden könnte. Die aus der Sicht des Markts gedeutete Konstellation - hier die eine, die etwas hat, was der andere sucht oder braucht - würde aber aus der gemeinsamen Frage, was denn in der jeweiligen Situation Evangelium ist, und dem gemeinsamen Bemühen, das dann konkret werden zu lassen, eine Dienstleistung des einen am anderen machen und damit sowohl den Charakter des Evangeliums als auch die Struktur der Kirche massiv verändern.
Die Kirche würde das reproduzieren, was derzeit in allen Sphären gesellschaftlichen Lebens (Politik, Kultur, Soziales, Wissenschaft) anzutreffen ist: Soziale Beziehungen werden auf ökonomische reduziert oder durch ökonomische Bedingungen so stark dominiert, dass sich ihr Charakter grundlegend verändert. Kollektive Güter wie Gemeinwohl, öffentlicher Nahverkehr, Energieversorgung, Schwimmbäder, öffentliche Bibliotheken, Bildung aber auch Gottesdienste werden zunehmend individualisiert und privatisiert nach der Devise: Wer das will, soll dafür zahlen. Umgekehrt heißt das: Wer es sich nicht leisten kann, wird diese Güter nicht mehr erstehen können.
Natürlich lassen sich Politik, Soziales, Kultur, Wissenschaft und wohl auch das Evangelium vermarkten, aber das verändert völlig den Charakter des vermarkteten Gutes wie der daran hängenden menschlichen Beziehung. Was der Markt in die Finger bekommt, wird zur Ware, und die menschliche Beziehung wird zu dem, was Karl Marx den Warenfetischismus genannt hat. Will heißen: Die Logik des Marktes läuft darauf hinaus, den Menschen auf seine ökonomische Effizienz als Produzent oder Verbraucher zu reduzieren. Irgendwann wird der Druck des ökonomischen Systems und sein Rollenzwang so stark, dass der Mensch sich nur noch als homo oeconomicus kennt, als kalkulierender, Kosten und Nutzen abwägender Investor und Konsument. Noch einmal Jeremy Rifkin, der die Linie der Gesellschaftsanalyse von der frühen Neuzeit bis in unsere Tage ausgezogen hat: "Die Entwicklung des Kapitalismus, die mit der Vermarktung von Raum und Material begann, endet mit der Vermarktung der Zeit und der Lebensdauer von Menschen. Wird Kultur zunehmend als zu vergütende menschliche Aktivität kommerzialisiert, führt das rasch in eine Welt, in der Geld bestimmte Formen menschlicher Beziehungen, nämlich die traditionellen sozialen Beziehungen ersetzt. Wir müssen uns eine Welt vorstellen, in der praktisch jede Aktivität außerhalb der Familie zum bezahlten Erlebnis wird, eine Welt, in der gegenseitige Verpflichtungen und Erwartungen - vermittelt durch Vertrauen, Empathie und Solidarität - durch Vertragsbeziehungen ersetzt werden, durch Mitgliedschaften, Abonnements, Eintrittsgebühren, Vorauszahlungen und Beiträge."(7)

Der Markt formt die Kirche

Wer die aktuellen Auseinandersetzungen um Globalisierung, nachhaltiges Wirtschaften, Schuldenerlass oder die ökonomische Verwertung von Genen verfolgt, kommt nicht umhin, an der Sinnhaftigkeit der einzig verbliebenen Wirtschaftsordnung zu zweifeln. Es regen sich ganz einfach Fragen: Wie verhält sich der "Erfolg" des Marktes zu seinen politischen, sozialen, moralischen und ökologischen Folgen? Warum funktioniert das "System Marktwirtschaft" überhaupt? Wieso machen praktisch alle mit, wenn dieses System nachweislich so viele negative Folgen hat für die Mehrheit der gegenwärtigen, zukünftigen Menschheit, der Mitkreatur sowie der unbelebten Schöpfung? (8)
Von den Befürwortern der kapitalistischen Marktwirtschaft werden solche Begleiterscheinungen des Systems gar nicht bestritten, sondern schlicht auf die Alternativen verwiesen. Danach ist die Marktwirtschaft, zumal die sich globalisierende, unter den gegebenen Umständen immer noch die beste aller Wirtschaftsordnungen und schafft doch überwiegend positive Werte: Hebung des allgemeinen Wohlstands, Förderung demokratischer Rechte und Freiheiten, Förderung des kreativen Eigensinns zum Nutzen aller.(9) Ebenso wird auf den Erfolg des Marketings verwiesen, das ja nicht nur der Ankurbelung eines blinden Konsumwahns, sondern neben der Befriedigung von Kundenbedürfnissen auch der Erfüllung von Unternehmenszielen dient. Wie beschrieben erfüllt das Marketing in kommunalen, staatlichen oder kirchlichen Institutionen eine wichtige Funktion. Auch für die vielen Ich-AGs, die nicht erst mit dem Hartz-Papier Gestalt gewinnen, wird Marketing, das heißt: Selbstdarstellung und Selbst-Vermarktung zum zentralen Moment des Unternehmenserfolgs.
Es ist hier nicht der Ort, um eine grundlegende Auseinandersetzung um Nutzen und Schaden der neoliberalen Marktwirtschaft zu führen. Wesentlich erscheint mir, dass wir im Raum der Kirche wach werden für die ungeheure Dynamik des Kapitalismus und seine deformierenden Kräfte bezüglich personaler Beziehungen (das gilt für individuelle Beziehungen wie auch für die Kirche insgesamt) und so sensibler "Güter" wie dem Evangelium. Wer Konzepte des Marktes für nachahmenswert hält, der darf diese Dynamik nicht ausblenden.
Wachheit und Ehrlichkeit gilt auch gegenüber der eigenen Verwicklung in dieses System; denn wir sind - vor allem im reichen Westen - im Großen und Ganzen doch seine Nutznießer. Diese Verwicklung erinnert mich bisweilen an einen ratlosen Paulus in einer scheinbar ausweglosen Situation: "Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht, das Böse, das ich nicht will, das tue ich ... Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen"? Betrachte ich meine eigenen Konsumgewohnheiten selbstkritisch, dann scheint darin etwas auf von diesem paulinischen Dilemma. Verfolge ich die Bemühungen um ein gerechtes nachhaltiges und ökologisches Wirtschaften oder die Zockermentalität, die in den letzten beiden Jahren an der Börse herrschte, dann wird mir zweierlei deutlich. Eigensinn und Gewinnsucht einerseits, Engagement für das Gemeinwohl andererseits sind nicht schichtenspezifisch verteilt. Da lässt sich nicht schiedlich friedlich zwischen Kapitalisten und Ausgebeuteten, oder zwischen Kirche und Welt unterscheiden. Der Markt aber scheint eine Dynamik zu entfalten, die jenseits menschlicher Beherrschbarkeit liegt und mich an Paulus Rede von den Mächten und Gewalten erinnert. Doch haben diese Mächte und Gewalten einen Namen. Welthandelsorganisation (WTO), Internationaler Währungsfonds (IWF) und Weltbank heißt die mächtige Dreieinigkeit der globalisierten Marktgesellschaft, die praktisch jenseits demokratischer Legitimierung eine bald weltweit gültige Wirtschaftsordnung dekretiert, und die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinander zu treiben droht. Auf dieser Grundlage steht nicht zu erwarten, dass der Markt die Probleme lösen wird, die er zu einem Großteil selbst erzeugt hat.(10)
Wer diese Mächte ignoriert und sich blind den Kräften des Marktes anvertraut, der wird sehr schnell von diesen beherrscht werden, statt von seiner Macht zu profitieren. Die kirchliche Rede von den Segnungen der Marktwirtschaft und die eher unkritische Übernahme ihr entlehnter Konzepte empfinde ich deswegen als geradezu fahrlässig. Die Übernahme marktwirtschaftlicher Denkweisen auf der nationalen Ebene der EKD und der Landeskirchen bringt die Kirche, so fürchte ich, im schlimmsten Fall um ihre eigene Substanz. Mindestens ebenso problematisch empfinde ich aber, dass sie sich mit dieser Allianz um eine dringend nötige Kritik an der globalen Marktwirtschaft bringt. Sie verlöre jegliche Legitimation und Fähigkeit, den Kapitalismus und seine problematischen Auswirkungen zu kritisieren.
Wie dringend die gegenwärtigen Verhältnisse einer Kritik bedürfen, dürfte einer Kirche - und ich zähle mich in aller Zerrissenheit dazu -, die sich als eine weltumspannende versteht, gerade angesichts der weltweit zunehmenden Armut schmerzhaft ins Bewusstsein treten. Gerade die Theologie könnte von dem Motiv der übermenschlichen Mächte und Gewalten aus die pseudoreligiöse Struktur des Kapitalismus analysieren und kritisieren.

Nicht verdummen lassen

Christen und Christinnen leben ihren Glauben nicht jenseits des Marktes und der Macht des Kapitalismus, sondern mittendrin. Sie sind verwickelt, so dass vielleicht von unserer Kirche ehrlicherweise als von einer "Kirche im Kapitalismus" gesprochen werden sollte. Die Existenz in, mit und unter dem Kapitalismus ist ein problematisches Verhältnis, aber kein unumstößliches Verhängnis. Christ und Kirche zu sein in der Marktwirtschaft bedeutet mit Uneindeutigkeiten, ja mit Unvereinbarkeitenen zu leben, jedoch nicht im Sinne von Gleichgültigkeit und Ignoranz, sondern so, dass die Realität der Verhältnisse kritisch angenommen wird und ihnen beharrlich die Verheißung einer anderen, einer besseren Welt entgegengehalten wird. Das schließt Ohnmacht und Ratlosigkeit nicht aus, aber hier gilt die Devise der kritischen Theorie, dass man sich von der eigenen Ohnmacht nicht verdummen lassen soll.

Anmerkungen
(1) Jeremy Rifkin, Access. Das Verschwinden des Eigentums. Warum wir weniger besitzen und mehr ausgeben werden, Frankfurt am Main (Campus) 2000, S.9f.
(2) So in besonders prominenter Weise in dem sogenannten "Sozialwort der Kirchen" von 1997.
(3) Das Ansinnen, die unteren Lohngruppen in der Diakonie aus dem für kirchliche Angestellte geltenden Tarifsystem auszugliedern, macht deutlich, wie viel stärker sich die Diakonie/Kirche als Arbeitgeberin von marktwirtschaftlichen als von sozialen Kategorien leiten lässt - leiten lassen muss(?).
(4) In diesem Satz lässt sich grob das Selbstverständnis des Kirchenmarketings zusammenfassen. Die Diskussion darum füllt mittlerweile etliche Regalmeter Bibliothek und hat bisweilen die Formen eines neuen Kirchenkampfes angenommen.
(5) Der Begriff der Kompetenz wird derzeit zu einem Leitbegriff in der kirchlichen Personalführung. Er bedürfte einer ganz eigenen kritischen Analyse - was auch für andere Begriffe gilt, die im Zuge des Kirchenmarketings die Sprache zu kolonisieren drohen: Erfolg, Zielorientierung, Wert, Fortschritt, Produkt, Kunde, Unternehmen. Kritik meint in diesem Zusammenhang nicht einfach die Negation der Begriffe, sondern zielt auf Selbstaufklärung und genaue Analyse der Verhältnisse, deren Ausdruck die Begriffe sind.
(6) Die hier in Anführungszeichen gesetzten Begriffe sind keine Ironie meinerseits, sondern durchaus gängige Formulierungen derer, die sich von Marketing, Management und Ökonomik wesentliche Impulse für das kirchliche Handeln erwarten. .
(7) Jeremy Rifkin, Access. Das Verschwinden des Eigentums. Warum wir weniger besitzen und mehr ausgeben werden, Frankfurt am Main (Campus) 2000,17.
(8) Zum Problem nachhaltigen Wirtschaftens und dem Widerspruch zwischen theoretischem Umweltbewusstsein und tatsächlichem Lebensstil vgl. Hans Diefenbacher, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit. Zum Verhältnis von Ethik und Ökonomie, Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 2001.
(9) Vgl. Steve Hilton, The corporatist manifesto, in Financial Times vom 20/21 April 2002. Hilton beansprucht die "Mythen" der Globalisierungsgegner zu widerlegen und plädiert für eine weitgehend ungeregelte Globalisierung, weil das von allen je eigennützig verfolgte Interesse den maximalen Nutzen für die Gesamtheit schaffen würde.
(10) Vgl. Michel Chossudovsky, Global brutal. Der entfesselte Welthandel, die Armut, der Krieg, Frankfurt am Main 2002. Jerry Mander, Edward Goldsmith (Hg.), Schwarzbuch Globalisierung. Eine fatale Entwicklung mit vielen Verlierern und wenigen Gewinnern, München (Riemann) 2002, Robert Kurz, Schwarzbuch Kapitalismus. Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft, Frankfurt am Main (Eichborn) 1999.

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Autorinnen und Autoren des Heftes

  • Dr. Barbara Asbrand, Gießen
    Erziehungswissenschaftlerin, Wiss. Mitarbeiterin an der Uni Erlangen-Nürnberg, langj. Mitarbeiterin im Fairen Handel
  • Dr. Ulrich Duchrow, Heidelberg
    Professor für Systematische Theologie.
  • Michael Freitag, Hannover
    Pastor, Grundsatzreferent der aej
  • Dr. Arne Manzeschke, Nürnberg
    Theologe, Wissenschaftl. Mitarbeiter der Universität Erlangen
  • Prof. Dr. Horst W. Opaschowski, Hamburg
    Zukunftswissenschaftler, Universität Hamburg
  • Dr. Gerhard Scherhorn, Wuppertal
    Professor am Institut für Klima, Umwelt, Energie, AG Neue Wohlstandsmodelle, Volkswirtschaftler und Konsumforscher
  • Dr. Gottfried Schleinitz, Leipzig
    Pfarrer
  • Stefan Schützler, Berlin
    Straßensozialarbeiter
  • Dr. Fulbert Steffensky, Hamburg
    Professor
  • Johano Strasser, Berg
    Schriftsteller, Generalsekretär des PEN-Zentrums
  • Ulrich Suppus, Koblenz
    Jugendbildungsreferent der EKiR
  • Gerlinde Unverzagt, Berlin
    Journalistin
  • Prof. Dr. Norbert Walter, Frankfurt/M
    Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Research, Economics
  • Mareike Zettel, Osnabrück
    Diplom-Volkswirtin, wissenschaftl. Mitarbeiterin der Universität Osnabrück
  • Dr. Birgit Zweigle, Sindelfingen
    Uni Halle Wittenberg, Institut für Praktische Theologie und Religionspädagogik

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