das baugerüst 1/01 - Das Fremde

Inhalt

Wolfgang Noack: Bunter in jedem Fall. Einführung in das Heft

  • FREMDE
    Iring Fetscher: Der, die, das Fremde
    Hanne Chen: Hier ist nichts für dich
    Marianne Hassel: Fremdes darf fremd bleiben?!
    Annika Friese: Albert Camus, Der Fremde. Eine Relektüre
    Ulf Koischwitz: Fremde ist dort, wo ich (nicht) verstehe und wo ich (nicht) verstanden werde. Jugendliche über Fremde - Heimat - verstehen und verstanden werden
  • UMGANG MIT FREMDEN
    Albrecht Grözinger: Plädoyer für eine Kultur der Differenzerfahrungen
    Rolf Hanusch: Liebe den Fremden wie dich selbst. Über die Notwendigkeit des Fremden im christlichen Glauben
    "In ihrer Unterschiedlichkeit können Menschen eine aufregende Welt bauen". Ein Gespräch mit Michel Friedman
    Klaus Wahl: Den tieferen Wurzeln der Fremdenfeindlichkeit auf der Spur
    Stefanie Würtz: Fremdenfeindlichkeit im Schulalltag
    Dieter Harrach: Fremdsein in unserer Gesellschaft
  • ANNÄHERUNG AN DAS FREMDE
    Klaus Ahlheim/Bardo Heger: Fremdenfeindlichkeit - (k)ein Thema der Pädagogik
    Ingrid Riedel: ?Ich bin mir so fremd?
    Christine Tröger: Neugier als Chance, sich Fremden zu nähern
    Marina Khanide: Die Begegnung mit dem unbekannten Fremden
    Stephan Dorgerloh/ Annette Scheunpflug:
    Entfremdung nach der Euphorie? Zwei Briefe
    Gisela Omlor: Vertrautes verfremden - Verfremdeten vertrauen. Verfremdung als Annäherung in der Kunst
    Nur dumme Sprüche?
  • Autorinnen und Autoren des Heftes

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Wolfgang Noack: Bunter in jedem Fall

Einführung in das Heft

In Gerhard Polts Sketch ?Herr Tschabodo? wird der afrikanische Gast, nachdem er den angebotenen Gugelhupf verspeist hat (?Für an Neger muss des doch hochinteressant sein, amal so an Gugelhupf probiern´), gebeten, dem ?Bubi? auf seiner neuen Trommel etwas vorzutrommeln (?Sonst hört mas ja bloß noch im Radio?). Alles Wehren nützt nichts, der Gast erfüllt schließlich etwas unbeholfen dem Bubi den Wunsch und die Familie ist glücklich: ?Sehr gut. Des hams halt im Blut, die Neger?.
Gerhard Polt entlarvt hier in gewohnter Weise gekonnt kleinbürgerliche Vorstellungen. Obwohl der fremde Gast das gute deutsche Kaffeegebäck nicht kennt(?... aber sowas wie a Gebäck, des gibt?s doch sicher auch bei Ihnen da drunten?), ist die Familie doch neugierig auf sein Können ? und wenn es der Wunsch nach der Buschtrommel im heimischen Wohnzimmer ist, die man sonst nur im Radio hört.

Auf einem bayerischen Provinzparteitag der CSU, dem der ehemalige Entwicklungshilfeminister Carl-Dieter Spranger vorsteht ( der soll ja in seinem Amt auch schon etwas in der Welt herumgekommen sein), erklärte der eingeladene Referent, beim Jüngsten Gericht würden die Menschen Volk für Volk antreten, die Deutschen, die Türken und so weiter. Die Delegierten spendeten Ovationen für dieses an Eröffnungen Olympischer Spiele erinnernde Bild. Fragt sich nur in welchem Anzug die Nation an Gott vorbeiziehen darf und wer auserkoren wird, die Fahne zu tragen. Auch König Salomon, so der Referent - übrigens ein evangelischer Theologe ? weiter, sei ins Unglück gestürzt, weil er sich eine ausländische Frau nahm. Ja, wir haben es ja schon immer gewusst: Fremde Frauen bringen Unglück und die Bibel auszulegen ist nicht jeder-Mannes Sache. Jeder blamiert sich eben so gut er kann ? erschreckend bleiben nur die Ovationen der Delegierten.

Der Oppositionsführer im Deutschen Bundestag kündigt an, die Auseinandersetzung um Zuwanderung zum zentralen Thema im Jahr 2002 machen zu wollen, da es sich erfolgreich eignet, Wahlkampf zu führen. Bleibt zu hoffen, dass die Sorge um den heimischen Rinderbraten die Angst vor dem Fremden übertrumpft. (Vielleicht liegt ja im Döner aus Putenfleisch eine gewisse Lösung).

Vor einigen Wochen wurde eine Rechtsanwältin wegen Beleidigung angezeigt, nachdem sie sich bei einer Zugkontrolle zugunsten eines Ausländers eingemischt hatte. In einem vollbesetzten Interregio hatten sich zwei Beamte des Bundesgrenzschutzes allein an einen fremdländisch aussehenden Reisenden gewandt. Sie fragte nach den Kriterien für die Auswahl der zu kontrollierenden Personen und sagte, sie halte ?solche Kontrollen für rassistisch angehaucht?.
In jedem Großstadtbahnhof lässt sich diese Überprüfungspraxis leicht in Augenschein nehmen. Wer nicht ?deutsch aussieht? läuft Gefahr nach dem Ausweis gefragt zu werden.

Die Beispiele ließen sich fortführen, obwohl Mehmet Scholl (Vater aus der Türkei) für Bayern München kickt und der Deutsch-Mazedonier Zlatko die Big Brother-Familie begeistert, obwohl die Deutsch-Türkin Ceren Dal in die Lindenstraße integriert ist und Milka von den Kapverdischen Inseln Viva moderiert. Vielleicht liegt es daran, dass Ausländer - so Hanne Chen in ihrem Beitrag - immer nur aber nett sind.

Woher kommt diese Reserviertheit gegenüber dem Fremden oder gar die Angst vor Überfremdung , diffus, ohne klar benennen zu können, wer wen überfremdet: Die Buschtrommel den Gugelhupf, der polnische Saisonarbeiter den deutschen Arbeitslosen oder der Muslime den säkularisierten Westen. Liegt es daran, dass Kinder ermahnt werden, nichts von fremden Menschen anzunehmen, oder daran, dass sich keiner etwas dabei denkt, wenn Kinder ?Wer hat Angst vorm schwarzen Mann spielen?? (?Und wenn er aber kommt ....?).
Fremdheit kommt im eigenen Land auf, angesichts der Dünnhäutigkeit toleranter Tugenden.

Margarethe von Trotta wird nach der Verfilmung von Uwe Johnsons ?Jahrestage? gefragt, was das Faszinierende an New York sei. Dieser amerikanische melting pot, so die Regisseurin, sei die ?Heimat der Heimatlosen?. Nun gibt es vielerlei Kritik an der amerikanischen Gesellschaft, aber dennoch bleibt diese Grundstimmung der eingewanderten Fremden: ?this land is your land, this land is my land ..." (Peter, Paul and Mary). Ein deutsches Volkslied, das von Integration türkischer, russischer oder vietnamesischer Einwanderer träumt ist mir nicht bekannt. Die Heimatlosigkeit (?Wir haben hier keine bleibende Stadt ...?) macht den Fremden zum Freund. In einer gartenzwergbestückten Reihenhaussiedlung (auch in einer amerikanischen) kann dieses Gefühl nicht atmen, es fehlt die Lust auf das Fremde.
Das Fremde ist ein schillernder Begriff. Reisende suchen das Fremde und Exotische, die Literatur verzaubert mit der Beschreibung fremder Welten und der Mensch läuft Gefahr sich immer mehr von sich und seinesgleichen zu entfremden. Kleinkinder ?fremdeln? ab dem achten Lebensmonat, wenn ihnen unbekannte Menschen ein Lächeln abtrotzen wollen, Leser beschimpfen Autoren, wenn Texte mit allzuviel Fremdwörtern bestückt sind und Touristen suchen, an Reisezielen angekommen, Fremdenverkehrsbüros auf (diese sind gerade dabei, das Wort ?fremd? zu streichen und sich als ?Tourist-Information? zu positionieren). Wer des faden Lebens Zuhause überdrüssig geworden ist oder auf der Fahndungsliste der Polizei steht, heuert in der Fremdenlegion an und Fremdstoffe (siehe Lebensmittel) oder Fremdkörper (manchmal auch als Bezeichnung für Menschen, vgl. o.) können einem das Leben schwer machen. Verfremdungen (z.B. von bekannten Kunstwerken) erlauben neue Einblicke und Einsichten in Vertrautes und Fußballspiele auf fremdem Platz sind immer schwerer zu gewinnen als auf heimischem Rasen, pfeifen die gegnerischen Fans die auswärtige Mannschaft doch gnadenlos aus.

Wer aber neugierig auf Fremdes wird, kleinkindliches Fremdeln hinter sich lässt, kann Türen öffnen. Neugierig werden heißt die Botschaft vieler Beiträge in dem vorliegenden Heft. ?Sei neugierig?, auf deine eigene Fähigkeit zu trommeln und auf den afrikanischen Gugelhupf (s.o.), dann wird das Leben aufregender und anstrengender, heimatloser und offener, exotischer und unbequemer, in jedem Fall aber ? bunter.
Denn: ?Ich bin verantwortlich für das, was ich mir vertraut gemacht habe?, sagte der Kleine Prinz.

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Albrecht Grötzinger: Plädoyer für eine Kultur der Differenzerfahrungen

Neue Unübersichtlichkeit

Der in der DDR aufgewachsene und gegenwärtige Basler Theaterdirektor Michael Schindhelm hat kürzlich seine Erfahrungen in und mit dieser Stadt so beschrieben: ?In der Stadt, in der ich heute lebe, sind 37 Prozent der Bevölkerung Ausländer. Da sind die Tausenden von Grenzgängern, die aus Frankreich und Deutschland kommen, noch nicht mitgezählt. 1910 übrigens waren es 47 Prozent. Es gibt Schulklassen, in denen nur noch ein Kind aus der Schweiz kommt, und das hat dunkle Hautfarbe. Die 37 Prozent Ausländer wohnen nicht alle in einem Stadtbezirk und bilden dort 95 Prozent der Population, während in den anderen Stadtteilen die Schweizer unter sich sind. Längst hat eine großräumige Durchmischung begonnen. Das ist zurzeit meine Heimat. Heimat, habe ich hier bestätigt gefunden, ist ortsunabhängig. Heimat entwickelt sich, wo der Koffer nicht nur ausgepackt wird, sondern auch weggeräumt. Vertraute Fremde stellt sich ein. Fremd sind mir die Ausländer und die Schweizer, vertraut inzwischen auch.? (1) Ja - so ist es, kann ich aus meinen Erfahrungen heraus sagen. Erfahrungen, die die alten Grenzen von fremd und vertraut, von nah und fern, von Mehrheit und Minderheit offensichtlich zum Einsturz bringen. Von der ?neuen Unübersichtlichkeit? hat Jürgen Habermas schon vor Jahren gesprochen. (2)

Fremdheitserfahrungen

Wie wird man einer solchen Situation gerecht? Ich möchte darauf antworten: mit einer Kultur der Differenzerfahrungen. Doch was ist das? Wo gibt es das? Nun zunächst begegnet mir ?Differenz? so persönlich wie unerwartet. Im Fremden, in der Fremden, die plötzlich neben mir auftauchen. Vielleicht werden wir das 21. Jahrhundert einmal das ?Jahrhundert der Fremden? nennen. Die Globalisierung lässt Grenzen und Distanzen schmelzen und lässt doch das Fremde nicht verschwinden. Die weltweiten Migrationsbewegungen werden zunehmen. Sei es auf der Suche nach einem Stückchen Wohlstand, sei es arbeitsbedingt, oder sei es durch die Wahl des Alterssitzes in klimatisch angenehmen Regionen. Migration ist heute weder allein ein Armutsproblem noch ein Luxus der Reichen. Migration überwindet Distanzen und schafft zugleich neue Fremdheiten. Plötzlich taucht neben mir einer oder eine auf, die mir fremd sind. Oder plötzlich werde ich selbst für andere zu einem Fremden. Der oder die Fremde bringen jedoch immer gewohnte Ordnungen durcheinander: das Innen und das Außen, das Hier und Dort, und vor allem spricht er dem angeblichen Erfahrungs-Satz Hohn: ?Das war doch immer schon so und das wird auch so bleiben?. Deshalb erscheint uns das Fremde oft als anziehend und bedrohlich zugleich.

Touristen und Vagabunden

Der jüdisch-polnisch-englische Sozialphilosoph Zygmunt Baumann hat mit Recht von den Touristen und Vagabunden als den Helden und Opfern der Postmoderne gesprochen.(3) ?Die Touristen werden zu Wanderern und stellen ihre Heimwehträume über die Realität des Zuhauses - weil sie es so wollen, weil sie es ?in Anbetracht der Umstände? für die vernünftigste Lebensstrategie halten, oder weil sie von den echten oder eingebildeten Freuden des Lebens eines Gefühlesammlers verführt worden sind. Doch nicht alle Wanderer sind unterwegs, weil sie das Umherziehen von Ort zu Ort dem Bleiben vorzögen. Viele würden es ablehnen, zu einem Wanderleben aufzubrechen, wenn sie gefragt würden ?doch sie wurden nicht gefragt. Sie sind unterwegs, weil man sie von hinten gestoßen hat... Diese Wanderer betrachten ihr Los in keiner Weise als Ausdruck von Freiheit.? (4) Wir sollten uns also davor hüten, Fremdheitserfahrungen einseitig zu verherrlichen oder zu verteufeln. Fremd-Sein, Fremd-Werden - es lohnt sich das genaue Hinsehen.

Genaues Hinsehen

Für dieses genaue Hin-Sehen auf das Fremde hat uns unsere abendländische Kulturgeschichte jedoch nicht sehr gut vorbereitet. Die abendländische Kultur kennt für den oder die Fremden in der Regel nur zwei Alternativen: entweder das Fremde ist bereit, sich in angestammte Vertrautheiten zu integrieren, oder es wird rigoros ausgeschlossen. Die Kultur, aus der wir herkommen, ist im Grunde eine Kultur der Vereinheitlichung, eine Kultur der Differenz-Aufhebung. Dies gilt gerade auch für kulturelle Traditionen, denen wir in unserer Geschichte eher eine emanzipatorisch-fortschrittliche Wirkung einzuräumen bereit sind. So hat die Französische Revolution, der wir die Formulierung der Menschenrechte verdanken, die meisten kulturell abweichenden Traditionen zu unterdrücken versucht. Alles sollte der neuen revolutionären Kultur gleichgeschaltet werden. ?Dem Vergessen geweiht waren nun, was zunächst die Topographie betrifft, alle ?Gedächtnisorte? (lieux de mémoire) der vorrevolutionären Zeit und mit ihnen die traditionsreichen Geschichtslandschaften Frankreichs (Champagne, Burgund, Provence...) zugunsten der neueingeführten, geometrisch geordneten Departements. Es ist bezeichnend für die damit verbundene Gedächtnisstrategie, dass es bis in unser Jahrhundert hinein zu den anerkanntesten Gedächtnisleistungen des republikanischen Schulwesens in Frankreich gehörte, die Namen der [durch die Revolution neu geschaffenen und die alten Kulturregionen ersetzenden] Départements in der richtigen Abfolge, am besten sowohl vorwärts wie rückwärts, auswendig hersagen zu können.
Weniger dauerhaft als in der politischen Raumordnung war die Revolution des Gedächtnisses in der Ordnung der Zeit. Hier reichten die Ambitionen zunächst besonders weit. Der 1792 eingeführte republikanische Kalender, der die Jahre nicht mehr von Christi Geburt, sondern vom Jahr Eins der Republik an zählte, sollte insbesondere die Erinnerung an die christlichen Festtage aus den Köpfen vertreiben und zugleich die neuen republikanischen Feste ins kollektive Gedächtnis einpflanzen. Doch auch die mythologisch-historisch verwurzelten Wochentags- und Monatsnamen fanden keine Gnade vor den Augen der Revolutionäre. So war nun in der Zeit des terreur nicht der Sonntag, sondern der décadi (?Zehnttag? in der zeitweise geltenden Dezimaländerung der Wochentage) hinrichtungsfrei, und nicht am 28. Juli, sondern am 10. Thermidor wurde Robespierre selber hingerichtet.? (5)
Heute sind wir in Europa aufs Neue dabei, unsere lokalen und regionalen Kulturen neu zu entdecken. Das genaue Hinsehen lohnt sich. Eine Kultur der Differenzerfahrungen steht vor aufregenden Entdeckungen - in der Nähe und in der Ferne und meist dort, wo wir es am wenigsten erwarten.


Lern-Ort ?Kunst?

Doch wo können wir dieses genaue Hinsehen lernen? Ich möchte hier auf einen Ort verweisen, der uns im Zusammenhang des Nachdenkens über Differenz vielleicht nicht an erster Stelle einfällt - nämlich die Kunst. Die Kunst gestaltet Differenzen. Eine Sinfonie lebt von der feinen Unterscheidung und Zuordnung von klanglichen Differenzen. Ein Bild von Cézanne besteht aus dem gekonnten Arrangement farblicher Nuancen. Die Sprache der Poesie erwächst aus der bewussten Differenz zur Alltagssprache. Ästhetisch gilt der Grundsatz: Differenzen sind nicht dazu da, sie zu überwinden. Denn die Kunst lebt von der Differenz. Unter den Bedingungen der Postmoderne wird diese ästhetische Wahrheit zugleich zu einer politischen Weisheit. Politik wird heute zur Kunst der Gestaltung, nicht der Nivellierung von Differenzen. Es stimmt nachdenklich, wenn in der politischen Diskussion der Begriff der ?Durchmischung? eher als ein negativer Begriff erscheint. Politik der Differenz ist heute die Kunst der gestalteten Durchmischung. Auch dazu hat der Basler Theaterdirektor Michael Schindhelm Nachdenkenswertes geäußert: ?Ich rede keiner sozialromantischen Einwanderungspolitik das Wort. Obwohl Deutschland sachte, sachte noch weitere Ausländer aufnehmen wird. Es geht nicht um Quantität, sondern um Qualität, es geht nicht so sehr um mehr Aufnahme, sondern um mehr Durchmischung. Wer Ausländer aufnimmt kann nicht das Land öffnen und zugleich die Gesellschaft verschließen. Durchmischung heißt gleiche Chancen für den Fremden: zu studieren, Geschäfte zu machen, zu beten, mitzubestimmen. Das Andere muss anders bleiben dürfen und sich doch einmischen. Es geht nicht darum, Integrationsprozesse zu lösen, es geht darum, sie zu ermöglichen. Anpassung und Souveränität werden ständig neu definiert. Darf eine türkische Lehrerin ein Kopftuch tragen und eine muslimische Schülerin einen Schleier? Muss ein Häftling mosaischen Glaubens die allgemeine Gefängniskost essen, muss ein Sikh einen Helm beim Motorradfahren tragen,.obwohl ihm seine Kultur den Turban vorschreibt, darf ein Arbeiter entlassen werden, weil er an seinem religiösen Feiertag der Arbeit fernbleibt? Was ist mit dem Vater, der seinem krebskranken Kind aus religiösen Gründen eine Heilbehandlung verwehrt? Es gibt keine universalen Antworten in unserer komplizierten Welt. Trotzdem muss diese Welt zu integrieren versuchen, was in der galoppierenden Differenzierung auseinander schießt.?(6)

Unterscheidungs-Kunst

Diese letzten Sätze Michael Schindhelms verweisen uns auf ein weiteres Problem einer Kultur der Differenzerfahrungen. Wir sollten uns hüten, jede Differenz ohne genaues Hin-Sehen gutzuheißen. Differenz ist kein Wert an sich. So hat das südafrikanische Apartheid-System über Jahrzehnte hinweg den Gedanken der kulturellen Differenz zwischen Weißen und Schwarzen in ein politisches Herrschaftssystem umgegossen und damit pervertiert. Auch die Neonazis berufen sich heute gerne auf kulturelle Unterschiede und spielen sich als deren eigentlichen Wahrer auf. Nein - es gilt zu unterscheiden. Es gibt nicht nur produktive Differenz-Erfahrungen, sondern durchaus auch destruktive Differenz-Erfahrungen. Soziale Ungerechtigkeiten, sexuelle Aggressionen, illegitime Machtgefälle können solche destruktiven Differenz-Erfahrungen freisetzen. Zu den Erfordernissen der Postmoderne gehört die Fähigkeit unterscheiden zu lernen. Nämlich zu unterscheiden zwischen destruktiven Differenz-Erfahrungen, die es zu überwinden gilt, und produktiven Differenz-Erfahrungen, die es zu bewahren gilt. Dazu bedarf es - wenn ich so sagen darf - einer Unterscheidungskompetenz für Differenzen. Gerade weil uns keine universalen Antworten mehr möglich sind, bedarf es der geduldigen und ständigen Unterscheidung. So kompliziert ist das Leben heute geworden. Wer produktive Differenzen aushalten und bewahren will, braucht vor allem eines - Geduld. Wer sie aufbringt, wird jedoch reich belohnt: mit der Entdeckung all der Vertrautheiten und Fremdheiten, die uns heute umgeben - in unserer allernächsten Umgebung, ja in uns selbst, und in der äußersten Ferne.


Anmerkungen
1) Michael Schindhelm, Melting Pot Deutschland, in: DIE ZEIT Nr. 33 vom 19.8.2000, S.35.
2) Jürgen Habermas, Die neue Unübersichtlichkeit, Frankfurt am Main 1985.
3) Vgl. dazu Zygmunt Bauman, Unbehagen in der Postmoderne, Hamburg, 1999, S.149-168.
4) A.a.O., S.164.
5) Harald Weinrich, Lethe. Kunst und Kritik des Vergessens, 2. Auflage Stuttgart 1997, S.144f.
6) Schindhelm, a.a.O.

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Ingrid Riedel: "Ich bin mir so fremd"

?Erkenne dich selbst?

Wer hätte diesen Ausspruch, der meist etwas gequält herauskommt, noch nie getan, oder wäre nicht zumindest versucht gewesen, ihn zu tun: ?ich bin mir so fremd!?
Was meinen wir damit?
Manchmal heißt es, dass wir den Kontakt zu uns selber ganz verloren haben, unter dem Stress und den Ablenkungen des Alltags, manchmal haben wir schon allzulange keinen Gesprächstermin mit uns selber mehr gehabt und müssten uns fragen: ?Wann habe ich mich denn bloß zum letzten Mal selber getroffen??
Oft zeigt sich dann, dass dies schon sehr lange her ist, und dass es sich vielleicht wirklich lohnte, in meinem Terminkalender einen Treffpunkt mit mir selbst auszumachen. Denn es lebt sich nicht gut, wenn ich mir selber fremd bin, ich habe dann keinen Bezugspunkt, keinen Standpunkt in mir selbst, keine Vertrautheit mit mir, weiß nicht recht, was für mich stimmt, was für mich passt. Auch bin ich dann kein rechtes Gegenüber für einen anderen Menschen, der oder die sich auf mich beziehen, vielleicht sogar eine Beziehung mit mir eingehen wollen. Ohne zuvor eine Beziehung zu mir selbst zu haben, kann ich auch schwerlich eine wirkliche Beziehung zu einem Partner, einer Partnerin eingehen. Ich würde mich in Kürze bei diesem Versuch, mich auf einen Partner zu beziehen, selber ganz verlieren, wenn ich nicht zugleich eine Basis in mir selber hätte. Bei solcher berechtigten Angst, sich selbst im anderen zu verlieren, kommt es dann oft zur unvermittelten Flucht aus der Beziehung oder zu abruptem Beziehungsabbruch. Oder der Partner, an den sich solch ein Mensch, der sich selber fremd ist, anzulehnen versucht, fühlt sich überfordert und irritiert, da er den Menschen, der sich selber fremd ist, doch verstehen und erkennen soll.
Das Gefühl zu haben ?ich bin mir so fremd?, ist also wahrhaftig einen Seufzer wert!
Es gibt eine tiefgehende Übung, die wohl aus dem fernen Osten stammt: nämlich, einander gegenüber zu sitzen, zu zweit, wobei einer den anderen, eine die andere fragt, abwechselnd: ?wer bist Du?? - Und dies stundenlang. Zuerst kommen meist Antworten, die noch mehr an der Oberfläche bleiben. Ich nenne zum Beispiel meinen Beruf, meinen Wohnort, meinen Familienstand. In den nächsten Runden geht es tiefer und tiefer. Fast immer geraten die beiden zuletzt ins Schweigen. Wer bin ich wirklich? So fragen sie zuletzt sich selbst. Und auch, wenn sie sich selbst nun schon nicht mehr ganz so fremd wären, hier stießen sie auf ein Geheimnis, auf das Geheimnis unserer Person, unseres eigentlichen Selbst, das unser kleineres bewusstes Ich bei weitem übersteigt. Hier mündet die Fremdheit, das Unbekanntsein mit sich selber, das wir als Mangel empfinden, in eine andere Qualität: in die eines Geheimnisses, das fasziniert, das mich anzieht. Eckhart Wiesenhütter hat vom Geheimnisstand einer jeden Person gesprochen, einem Geheimnisstand, den wir selber nur erahnen. Dies wäre unsere potenzielle Ganzheit, das was Gott mit uns gemeint hat, das was wir selber nur ersehnen, unser eigentliches Selbst, das unser kleines Ich übersteigt, dem fast immer ein Stück von sich selber fremd ist, unbewusst, unentdeckt oder gar abgelehnt. Dieser Unbewusstheit aber gilt auch in der westlichen Kultur seit der Antike die Aufforderung: ?Erkenne Dich selbst!?

Neugierig auf mich selbst

?Ich bin mir so fremd" kann aber auch etwas anderes meinen. Ich kann es auch dann sagen, wenn ich mit einer Seite meiner selbst, einer Seite meines Wesens in Kontakt gekommen bin, die ich bisher noch gar nicht kannte. Vielleicht ist es eine leidenschaftliche Seite: dass ich so wild getanzt, mich so bedingungslos verliebt habe wie bisher noch nie in meinem Leben. Ich merke es vielleicht erst dann, wenn ich einen Traum träume wie den, den eine 19-Jährige von einem Wochenende aus Paris mitbrachte: ?ich begegne einem französischen Piloten, der mich irgendwie an Saint-Exupéry erinnert, in einem Pariser Café. Wir kommen miteinander ins Gespräch und ich kann mich überhaupt nicht mehr von ihm losreißen. Ich könnte mit ihm bis ans Ende der Welt gehen.? Hier endet der Traum. Wie auch immer die Geschichte dieser Begegnung in der Realität weitergehen mag - vielleicht hat sie ja überhaupt nur im Traum stattgefunden! - für die Frau, die den Traum geträumt hat, kommt eine Seite ihres Wesens zum Vorschein, die sie bisher nicht für möglich gehalten hätte, eine Stärke, eine Bedingungslosigkeit ihres Gefühls, die sie bis dahin nie an sich gekannt hat. Hatte sie sich doch bisher noch nie tiefer auf eine Beziehung eingelassen und war stolz darauf gewesen, bisher immer ihre Autonomie, wie sie es nannte, bewahrt zu haben! Kopflos verliebt zu sein, hatte sie bisher einfach abgelehnt. Eine unbekannte Seite ihrer selbst wird in ihr wach, eine Möglichkeit, bisher ungelebtes Leben zu wagen. Angesichts solcher neuer Gefühle stöhnte sie auf: ?ich bin mir auf einmal ganz fremd geworden!?
Wir spüren aber, dass dieses Fremde, das hier auftaucht, in Wirklichkeit ein Wesensanteil von ihr selber ist, der endlich von ihr zugelassen und anerkannt werden möchte, der zu ihrer vollständigen Person gehört. In der Tiefenpsychologie von C. G. Jung nennen wir eine solche innere Gestalt des Geliebten, die im Traum begegnen kann, den Archetyp des ?faszinierenden Fremden?. Die Faszination geht in diesem Fall deutlich von innen aus, nicht von den äußeren Verführungskünsten eines französischen Mannes. Und sie meint auch mehr als erotische Anziehung: was dieser Frau in dem ?Traummann? begegnet, der dem französischen Dichter und Flieger Saint-Exupéry gleicht, ist auch ihre eigene Lust, künftig zu fliegen und zu schreiben. Auch diese Lust und Begabung, die zweifellos in ihr steckte, wurde jener Frau erst durch den genannten Traum bewusst. War nun der besagte Flieger und Dichter eine positiv besetzte Animusfigur, die nur bisher bei jener Frau, die sich sehr rational und nüchtern gab im Schatten gestanden hatte, so können doch, nach Jung-scher Perspektive, auch andere, schwierigere Schattenfiguren auftauchen und auf bisher unbeachtete und sogar negativ besetzte Seiten hinweisen: so brachte der Traum von einer Seeräuberin, die sich alles zusammenraubte, was sie brauchte, einer völlig gehemmten Frau ihre Fähigkeit nahe, sich endlich vom Leben auch einmal etwas zu nehmen. Wäre sie nicht so gehemmt gewesen, mausgrau und überängstlich, hätte der Traum als Kompensation ihrer bewussten Einstellung nicht gar so grelle Töne anschlagen müssen. Ihr, die sich so gar nichts zu nehmen wagte, musste er sogar das Rauben nahelegen!
In dem Schatten, den der Traum, aber auch unsere Wunschphantasien im Alltag uns aufweisen können, stecken immer auch verborgene Werte, ungelebtes Leben, subversive Lebenskraft. Zunächst fühlen wir uns jedesmal fremd uns selbst gegenüber, wenn wir etwas von unserem Schatten plötzlich entdecken, sei dies nun im Traum oder auch im wirklichen Leben, wenn wir z.B. wahrnehmen, dass wir anderen etwas neiden oder uns vielleicht wirklich etwas angeeignet haben, das uns nicht zusteht. Wir wagen es uns dann gar nicht einzugestehen und schämen uns dessen. Es ginge aber gerade darum, auch mit unserer Schattenseite vertraut zu werden. Zur Vollständigkeit eines jeden Menschen gehört - jedenfalls in der Perspektive der Tiefenpsychologie - auch seinen Schatten, den sein Licht wirft, wahrzunehmen, es ist die Kehrseite gerade seines besonderen Lichtes, seiner bewussten Lebenseinstellung, seiner persönlichen Ethik. Seinen Schatten zu akzeptieren, hieße gerade nicht, dem Schatten zu verfallen, sondern begründete nach Carl Gustav Jung und Erich Neumann sogar eine ?neue Ethik?. Keine Über-ich-Ethik freilich, in der eine überlegene Instanz von oben herab geböte, sondern eine neue Gewissensethik, die den eigenen Schatten nicht nur eingesteht, sondern annimmt im Sinne einer inneren Feindesliebe.
In dieser Vorstellung von der möglichen, ja nötigen Akzeptanz des eigenen Schattens liegt eine der wertvollsten ethischen Implikationen des tiefenpsychologischen Menschenbildes, einer Vorstellung, die zugleich eine wichtige sozialethische Konsequenz für die multikulturell zusammenwachsende Gesellschaft ist: wer den Schatten, das bisher Fremde, Unbekannte, Abgelehnte auch in sich selber kennenlernt und anerkennt, der wird seinen Schatten, sein eigenes Fremdes, nicht auf die Fremden in unserem Land projizieren müssen, wird in der Begegnung mit ihnen nicht zu Fremdenfeindlichkeit tendieren, sondern in Kontakt mit andersfarbigen, andersrassigen Menschen, im Zusammenleben mit ihnen die neuen Lebenswerte entdecken, die bisher Ungelebtes, Ungewagtes ermöglichen.
Was wären wir in Deutschland schon seit meiner Jugend ohne italienische Eisdielen, ohne afroamerikanische und lateinamerikanische Musik und Tänze, ohne indischen Yoga, japanisches Zen, ohne chinesische Akupunktur! Wie könnte man nur die Fremdenfeindlichkeit unserer rechtsradikalen Jugendlichen in Neugier auf diese aufregenden Anderen in unserem Land verwandeln! Ginge es vielleicht über deren Tänze, deren Feste und Musik, über deren delikate Speisen? Vielleicht wäre dies ein Anfang... die Fremdenfeindlichkeit aber ließe sich letztlich nur von innen her überwinden, von allen, die vor ihrer eigenen inneren Fremdheit sich selbst gegenüber nicht davonlaufen, indem sie diese von sich abspalten und sie in Angst und Ablehnung gegenüber den Fremden draußen in unseren Straßen verwandeln, sondern sich dem zuwenden, was uns in uns selber, an uns selber fremd ist. Lernen wir uns kennen, auch mit Neugier auf das, was bisher nicht mitleben durfte - Leidenschaft z.B., aber vielleicht auch Langsamkeit, Sehnsucht und Traurigkeit - beginnen wir es in uns selber zu bejahen und damit vielleicht auch in den anderen, die es stärker verkörpern als wir - so dass wir künftig nicht mehr sagen müssen: ?Ich bin mir so fremd?, sondern sagen können: ?es gibt nichts Menschliches, das mir fremd ist.?

Der Wert der Spontaneität

Ein letztes Beispiel: Es kann mir passieren, dass mich z.B. die sprichwörtliche Unpünktlichkeit mancher Südländer bei allen Verabredungen mit ihnen stört. Als Entschuldigung wird, wenn überhaupt etwas, mit unschuldigen Augen oft dies vorgetragen: man habe doch einen alten Freund getroffen, den man so lange nicht gesehen hatte. Man musste doch miteinander reden! ?Gewiss doch! Aber was geht mich das an?, möchte man erwidern. Solange ich mir fremd bin ärgere ich mich einfach darüber und halte die Südländer für unmöglich! Über dieser unreflektierten Art, mich zu ärgern aber könnte ich mich kennenlernen. Dieser unpünktliche Mensch, dieser Südländer erlaubt sich also etwas was ich mir selber oft versage: einen alten Freund wiederzutreffen, eine Stunde mit ihm zu verplaudern, auch wenn ich einen anderweitigen Termin hätte. Es macht mich wütend, dass dieser südliche Mensch sich etwas erlaubt, was ich mir niemals erlauben würde. Und so projiziere ich etwas auf ihn, was eigentlich mich angeht: projiziere meinen Schatten auf ihn und lehne meinen Schatten in ihm dann ab; eine Wurzel der Ausländerfeindlichkeit liegt in unserer Bereitschaft, eigenen Schatten auf die Ausländer zu projizieren. Es gibt so manche Kulturen und Völker auf der Welt, bei denen die Gesprächskultur, die Kommunikation über dem formalen Prinzip der Pünktlichkeit steht. Dabei würde es mir selber guttun, mir ein Gespräch mit einem alten Freund zu erlauben, trotz vielfachen Termindrucks. Es müsste ja nicht gerade dann sein, wenn ich bereits anderweitig verabredet bin: aber grundsätzlich würde es mir guttun, Termine zu verschieben oder gleich von vornherein freizuhalten, damit solche langen Gespräche mit alten Freunden wieder stattfinden könnten - oder gar längere Zwiegespräche mit mir selber! Es gelte, diesen Schatten der Unpünktlichkeit, der ja den Wert der Spontaneität der inneren Uhr und der Kontaktbereitschaft in sich enthält, anzuerkennen, seinen inneren Frieden mit ihm zu machen, indem wir ihn mitleben lassen, wie auch die äußeren Mitmenschen in unserer Kultur, die das formale Prinzip der Pünktlichkeit nicht über alles andere stellen! Auch ich selber wäre mir da nicht mehr so fremd, wenn ich mich plötzlich bei einer Unpünktlichkeit ertappte, ich würde meine Sehnsucht nach freier Zeit für Kontakte darin wiedererkennen, auch hier wäre mir auf einmal nichts Menschliches mehr fremd!

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