das baugerüst 2/01 - Wie wollen wir leben?

Inhalt

Wolfgang Noack: Den bunten Bildern glauben wir schon lange nicht mehr. Einführung in das Heft

  • TRÄUME - VISIONEN - SZENARIEN. WOHIN GEHT DIE REISE?
    Dorothee Sölle: ?Ein Volk ohne Vision geht zugrunde? (Sprüche Salomo 29,18)
    Die Zukunft wird .... Eine Anregung zur Diskussion
    Gottfried Schleinitz: Träume, Gedanken, Visionen. Erste Schritte in die Realität
    Gotthard Fermor: "It´s my life" - Die Zukunft des Jetzt. Visionen vom Leben in der Popmusik
    Carl-Ludwig Reichert: mensch, matrix!
  • ZUKUNFT WIRD GEMACHT - ZWISCHEN VISION UND MACHBARKEIT
    Heiner Keupp: Zukunftsängste produktiv nutzen
    "Wir sind eine Bankräubergesellschaft". Ein Gespräch mit Prof. Hans-Peter Dürr
    Claus Petersen: Baustelle Reich Gottes
    Manfred Sippel: Eine nicht enden wollende Perspektive
    Johanna Innerhofer: Gesellschaft braucht Gemeinschaft. In Taizé lief es ganz anders als zu Hause
    Christoph Bizer: Christliche Zeit und christliche Zukunft. Ein Versuch, theologische Gedanken zu fassen
    Eberhard Schäfer: Was hat Brasilien mit Brandenburg zu tun? Süd und Nord, Arm und Reich, sie und wir. Jugendliche diskutieren über die Probleme der armen und reichen Länder - und die eigenen
    Ulrike Miege: Macht sie nicht ärmer als sie sind. Zukunftsvorstellungen von Jugendlichen außerhalb der reichen, weißen Industrienationen
    Karin Kortmann: Zukunft wird gemacht. Wer macht Zukunft? Zukunft ist machbar!
    Johann de Rijke/ Winfried Krüger: Umweltschutz ohne Engagement? Ökologische Orientierung bei 16- bis 29-Jährigen in der Bundesrepublik Deutschland
  • ZUKUNFTSORIENTIERTE JUGENDARBEIT
    Mechthild Bangert: Evangelische Jugendarbeit - der Zukunft zugewandt
    Michael Freitag: Zwischen Allmachtsphantasien und Ohnmachtswahn. Ein kleiner EXPO-Rundgang zu Realität und Utopie
    Matthias Spenn: Wie entsteht Hoffnung?
  • Autorinnen und Autoren des Heftes

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Wolfgang Noack: Den bunten Bildern glauben wir schon lange nicht mehr

Einführung in das Heft

Als Jugendliche lasen wir mit wachsender Begeisterung eine kleine Zeitschrift namens "hobby". Die Geschichten und Artikel erklärten technische Vorgänge, machten komplizierte Sachverhalte verständlich und erklärten uns Jugendlichen vor allem, wie die Zukunft aussehen wird. Ohne Zweifel, die Zukunft kommt als gigantische technische Entwicklung daher. Irgendwann - wir werden es erleben - fahren wir nicht nur mehrere Autos, sondern steuern auch kleine Flugkörper und verbringen unsere Freizeit vielleicht im Orbit. Die Atomenergie hatte noch kein ?nein danke? in ihrer gelben Sonne, die Ressourcen schienen unerschöpflich und die Müllhalden noch aufnahmefähig.
Es war die Zeit als die SPD das moderne Deutschland schaffen wollte, Apollo 11 mit Armstrong und Collins den Mond eroberten und die Naturfreunde sich zu Wanderungen und nicht zu Protestmärschen trafen.
Die Zukunft, so schien es, würde anders, in jedem Fall aber immer besser als die Gegenwart. Zwar hatte Günther Anders ?Die Antiquiertheit des Menschen? schon geschrieben und im Grunde alles schon gesagt, aber das interessierte nicht, wir glaubten noch den bunten Bildern und lockenden Versprechungen, die uns in "hobby" so plastisch vorgeführt wurden.
 Eine Generation später ist alles anders geworden. Der Club of Rome hat seinen Bericht veröffentlicht, die Studie Global 2000 liegt der amerikanischen Regierung vor und Zukunftsforscher von Robert Jungk bis Hans A. Pestalozzi erobern die Bestsellerlisten. Aus der Frage: ?Wie wollen wir leben?? wird zur bangen Frage ?Wie wollen oder dürfen wir nicht leben?? Eine Lähmung macht sich breit.
 Es dauerte einige Zeit, um durch Krisenszenarien und Warnungen hindurch neuen Mut zu schöpfen. Soziale Bewegungen, alternative Forschungen und selbstbewusst entwickelte Konzepte (?Anders leben lernen? war das aej-Thema auf dem Kirchentag 1979 in Frankfurt) kamen aus der Latzhosen- und Müsliecke heraus und mischten sich ein.

Wir wissen zwar mehr, aber schwieriger ist es auch geworden

Anfang der 60er Jahre, als man Katalysator noch im Fremdwörterlexikon suchen musste, schnupperte in einem Werbespot der hilfsbereite Aral-Tankwart genussvoll die Auspuffgase des wegfahrenden Autos ein. Solches passiert heute nicht mehr, wissen doch schon Kinder um die Gefährlichkeit dieser Emission, genauso wie um die Folgen von Ozonloch und Gift in Nahrungsmitteln. Wir wissen heute um die Folgen der Massentierhaltung, um die Ambivalenz der Gentechnik, um die Zusammenhänge von westlichem Lebensstil und ferner Armut, um die tickenden Zeitbomben, die in der Globalisierung, im Börsenfieber oder im Sozialsystem lauern, und, und, und. Wie also wollen wir leben?
Wir sollten diese Frage wieder etwas selbstbewusster aufnehmen. ?Zukunft?, so wirbt ein Mobilfunkanbieter, ?wird aus Ideen gemacht?. Nur welche zukunftsorientierten Ideen auch Leben ermöglichen, Gerechtigkeit schaffen, die Schöpfung mit Mensch und Tier bewahren, Menschen friedlich die Erde bewohnen lassen, diese Ideensammlung kann nicht den Global-Playern überlassen werden.

Utopien zeigen Wege

Evangelische Jugendarbeit hat eine lange Tradition sich in diese Prozesse um Zukunftsfragen einzumischen, hat Ideen und Alternativen zu lebensfeindlichen Strukturen und Entwicklungen: von der Eine-Welt-Arbeit bis zur Friedensbewegung, von Initiativen zur Bewahrung der Schöpfung bis zur Gestaltung der Zivilgesellschaft.

Zukunft hat etwas mit Träumen und Visionen zu tun, mit der Vorstellung, wie das Leben, wie die Menschen eigentlich gedacht waren. Und Utopien zeigen Wege, Auseinandersetzungen machen diese Wege begehbar. Die Beiträge in dem vorliegenden Heft fragen: ?Wie wollen wir leben?? Mischen wir uns ein, denn den bunten Bildern, ob in ?hobby? oder anderswo, trauen wir schon lange nicht mehr.

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Dorothee Sölle:?Ein Volk ohne Vision geht zugrunde

 ?Ein Volk ohne Vision geht zugrunde?, heißt es in der Bibel. ?Ein Volk ohne Vision", ich erinnere mich, wie dieser Ausdruck aus der neuen englischen Bibelübersetzung mich eines Tages traf und zum Nachdenken verlockte. Der Begriff ?Vision? war mir aus dem deutschen Sprachgebrauch eher fremd. Als mich in USA jemand fragte, was denn meine Vision sei, geriet ich ins Stottern. Ich lernte, dass dieses Wort in Nordamerika zum großen Erbe der Befreiungsgeschichte gehört. Die Vision eines anderen Landes war die Antwort auf die geopolitische, konfessionelle und feudalstaatliche Enge und Abhängigkeit des alten Europa. ?Vision? hat mit Freiheit zu tun, ist Vorstellung von größerer Freiheit als der jetzt gegebenen. Visionen sind Bilder ,,von einem Land, in dem es leichter wäre, gut zu sein?, wie eine große pazifistische Visionärin unseres Jahrhunderts, Dorothy Day, zu sagen pflegte.
Meine Vision besteht heute aus drei großen Perspektiven. Sie werden innerhalb der christlichen Bewegung für Befreiung mit drei großen Worten der biblischen Tradition umschrieben. Sie heißen:
- Gerechtigkeit - oder eine andere Wirtschaftsordnung;
- Frieden - oder eine andere Art mit Konflikten umzugehen;
- Bewahrung der Schöpfung.
Hinter diesen großen Zielen stecken handfeste alltagsnahe Fragen, die sich alle stellen müssen, die eine Zukunft auch für Fische und Bäume, ein lebenswertes Leben, sogar für afrikanische Kinder wollen, aber auch alle, die hier bei uns Schul- und Berufsbildung, Arbeit und Wohnung, Krankenversorgung und eine menschenwürdige Arbeit als Menschenrecht ansehen. Ohne diese Fragen nach Gerechtigkeit, Frieden und Schöpfung können wir nicht leben und nicht zu Menschen werden.

Gerechtigkeit

Wir brauchen eine neue Vision. Dass der kapitalistische Weg für die Völker der Dritten Welt Hunger, Elend und wachsende Verschuldung bringt, ist schon lange klar und seit der Schuldenkrise auch von den hartnäckigen Verfechtern demokratisch-kapitalistischer Entwicklung nicht mehr zu leugnen. In den letzten Jahren haben die armen Länder mehr Geld an die reichen transferiert, als sie an Entwicklungshilfe erhalten haben. Die Frage, die sich aus der Analyse der Dritten Welt ergibt, heißt, ob es denn unter der Alleinherrschaft des Kapitalismus keinerlei Hoffnung mehr für die Verelendeten gibt. Müssen sie die Rolle der Rohstofflieferanten und billigen Arbeitssklaven für immer spielen, müssen sie ihre Länder für Militärbasen und Giftmülldeponien hergeben und ihre Kinder für Prostitution?
Das demokratische Element, das den Kapitalismus in seinen Zentren erträglich, profitabel und (begrenzt) rechtssicher macht, fällt an der Peripherie aus: Die barbarischsten Militärdiktaturen wurden jahrzehntelang von den Supermächten unterstützt, wenn sie nur dem Kapital genügend Privilegien, Macht, Absatzmärkte und Steuervorteile garantierten. Daran hat sich auch durch den Fetisch der freien Wahlen nichts geändert. Es gehört zum Wesen des Kapitalismus, dass er auf der Ebene der Welthandelsbeziehungen die demokratische Maske nicht oder nur als gelegentliche Verkleidung braucht.
All das, was die sozialistische Bewegung in Europa in einem über 1O0-jährigen Kampf dem Kapitalismus abgerungen hat - die Aufhebung der Kinderarbeit, die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, die Verkürzung der Arbeitszeit vom 14-Stunden-Tag auf die 40-Stunden-Woche, die gewerkschaftliche Organisation und der Schutz, den sie gibt, das Streikrecht und die geringen Formen der Mitbestimmung - all diese längst selbstverständlichen Leistungen des bei uns in seiner Brutalität gezähmten Kapitalismus fallen innerhalb der Dritten Welt fort. Die Verhältnisse sind dort schlimmer als in Manchester oder Wuppertal des Frühkapitalismus. So haben sich die Probleme des auf der Profitgier der Individuen aufgebauten Wirtschaftssystems heute in die Dritte Welt verlagert.
Aber auch hier bei uns wächst die Armut. Wer ernsthaft über die wachsende Zahl der Wohnungslosen redet, sollte aber auch über die wachsende Anzahl der Millionäre in unserem Land reden. Die Bibel sagt, dass ,,auf dem Weg der Gerechtigkeit Leben zu finden sei." Gerechtigkeit ist ein Weg, kein Zustand. Aber als dieses Bibelwort zum Thema des Leipziger Kirchentags von 1997 gewählt wurde, kommentierte ein Vertreter der Regierungsparteien: ?Schon wieder Gerechtigkeit! Das brauchen wir doch hier nicht!?

Wenn Gerechtigkeit das Herz der Vision ist, die wir brauchen, dann müssen wir darüber nachdenken, wie - mit welcher zu wählenden Regierung und mit welchen Basisinitiativen - wir die krankhafte Selbstbereicherung der Vermögenden stoppen. Ich nenne nur eine Zahl: Der Siemens-Konzern hatte 1994 einen Umsatz von 83 Milliarden Mark und zahlte 1,6 Milliarden Ertragssteuern an unseren Staat. Im nächsten Jahr hatte er 93 Milliarden Mark Umsatz und zahlte nur noch 720 Millionen Mark Ertragssteuern! Diese Tendenz ist bei allen anderen großen Unternehmen die gleiche. Der Staat wiederum hält sich mit seinen Forderungen dann an diejenigen, die er packen kann, an die Lohn- und Gehaltsempfänger.

Diese Entwicklung unter dem Druck der multinationalen, ?global players? ist menschenfeindlich in jedem Sinn des Wortes. Die Multis sind die eigentlichen Herrscher der Welt, die bestimmen, was, wo, von wem, unter welchen Arbeitsbedingungen produziert wird. Der zweite Faktor ist der nationale Staat, der ?verschlankt? werden soll. Das bedeutet, er gibt seine traditionelle Rolle, die Schwachen, die Alten, die ledigen Mütter, die Behinderten oder Kranken zu schützen, mehr und mehr auf. ?Deregulierung? bedeutet, dass die multinationalen Konzerne nicht durch Steuern, Sozialleistungen oder ökologische Rücksichten gehemmt oder gestört werden.

Der dritte Faktor in diesem düsteren Bild ist der der Hoffnung; es sind die Protestierenden, die genug von der herrschenden Wirtschaftslehre des so genannten Neoliberalismus haben: Nichtregierungsorganisationen wie Amnesty International, Brot für die Welt, terre des hommes, Pro-Asyl und viele andere mehr. Ich denke, dass auch die christlichen Kirchen zu diesen Trägern einer anderen Vision gehören. Eine Vision ohne Trägerinnen und Träger wäre nur ein Traumbild. Aber eine andere Vision zu haben - außer der, dass einige sich bis zum Geht-nicht-mehr bereichern dürfen - ist der Anfang von Veränderung
Ein Volk ohne Vision verliert seine Identität. Aber wer ist der Träger der Vision? Die biblische Tradition gibt darauf Antwort in einem ihrer großen Leitbilder, dem des Propheten, wie alle genannt werden, ,,die für Gott den Mund auftun? - Arme, Ungebildete, Frauen. Es führt eine Linie von Amos, Jesaja und der Prophetin Hannah zu Martin Luther King und Domitila, der Bergarbeiterfrau aus Bolivien. Die Armen, so sagt es die lateinamerikanische Befreiungstheologie, sind die Lehrer. Und wer immer heute kritisch, protestierend oder Widerstand leistend handelt, der muss sich daran messen lassen, wie weit er oder sie die Sache der Armen vertritt. Das biblische Kriterium, das echte von falschen Propheten unterscheidet, ist ihre Nähe zu den Armen. Wer die Armen nicht hört, hört Gott nicht. Man kann das Thema der Gerechtigkeit nicht zu einem neben anderen relativieren - es ist das Thema Gottes, jedenfalls in der jüdischen und christlichen Tradition. ?Weh euch, ihr Reichen?, ist die Konsequenz von , ?Freut euch, ihr Armen?.

Frieden

Gott hat für die Armen optiert. Und damit bin ich schon beim zweiten Punkt meiner Vision, dem Frieden, der nicht auf mehr Rüstungsindustrie und neuen raffinierteren Landminen aufgebaut ist, sondern versucht, Konflikte anders zu regeln. Mir stößt es immer auf bei den Aufrüstungsplänen, wie unsichtbar die Armen in diesen Überlegungen sind. Natürlich beteuern irgendwann auch die Regierenden, dass das Schicksal der Hungernden ihnen sehr am Herzen liege, aber wenn es um die konkreten Fragen geht, ob nun also der Eurofighter oder eine andere Form der Barbarei eingeführt wird, dann sind die Armen unsichtbar. Das sind rein militärimmanente Überlegungen, die auf die Realität unserer Welt, in der zwei Drittel der Menschen zum Verarmen bestimmt sind, überhaupt keinen Bezug nehmen. Die Armen werden unsichtbar gemacht und ein Teil der Aufgabe der Medien unserer Welt besteht genau darin, die Armen zu verleugnen. Die Horizontverengung wird systematisch in die Gehirne gewaschen. Es ist ein System der Apartheid im Denken, das die Satten von den Hungernden trennt, als hätten wir nichts mit der Massenverelendung zu tun, als bräche sie zufällig über die Armen herein. Dass es ihnen so schlecht geht, weil es uns so gut geht, dass die Armen ärmer werden müssen, solange die Reichen die Wirtschaftsbedingungen diktieren, das darf nicht laut gesagt werden.

Mitleid kann wie jedes starke unmittelbare Gefühl zwei Wege einschlagen: Es kann sich von Analyse, Verstand, Sachkenntnis abspalten und sozusagen kindisch bleiben und daher auch schnell wieder vergessen werden. Oder es kann bohrend, fragend, selbstkritisch werden und sich mit analytischen Fähigkeiten verbinden. Unsere Medien haben zum größten Teil auf das kindische Mitleid gesetzt und das echte Mitleiden, das an die Wurzel geht, ausgeschaltet. Wenn Entmündigung bedeutet, dass wir nicht mehr den Mut haben, uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen, dann entmündigen die Medien die Bürgerinnen und Bürger immer mehr. Die Hauptverschwendung, der absolut irrationale Luxus, den wir uns leisten, wird kaum erwähnt: Von den Militärausgaben ist in diesem Zusammenhang so gut wie gar nicht die Rede, der Zusammenhang von Hunger und Überrüstung wird konsequent verdrängt. Wir brauchen den Eurofighter, das neueste Milliardenspielzeug. Er wird gerechtfertigt mit den Arbeitsplätzen, die die Daimler-Tochter DASA zu schaffen verspricht. Im Sozial-, Pflege-, Kultur- und Umweltbereich, im Bildungs- und Gesundheitswesen sowie im Bereich ziviler Zukunftstechnologien lassen sich jedoch mit den Eurofighter-Geldern das 1,5- bis 4-fache an dringend benötigten Arbeitsplätzen schaffen.

Bewahrung der SchöpfungDas dritte Thema der Vision ist vielleicht das, das junge Menschen vor allem angeht. Sie werden ja das Wasser auch in 20 oder 30 Jahren trinken, die Luft atmen, die Haut vor Krebs schützen müssen. Ohne ein anderes Verhältnis zur Schöpfung ist heute keine Vision denkbar. Ich will dazu eine alte Sage aus der Antike erzählen. Sie handelt von Midas, dem König von Phrygien. Ihm wurde vom Gott Bacchus ein Geschenk gewährt, das er sich selbst wählen durfte. Midas sprach: ?Mache, dass alles, was mit dem Leib ich berühre, in rotes Gold sich verwandelt". (Ovid: Metamorphosen XI, 100 ff.) Bacchus nickt Gewährung, wenn auch voller Sorge. Midas geht glücklich los. Zuerst traut er sich nicht so recht, aber dann bricht er einen grünen Zweig von einem Eichenbaum. Sogleich verwandelt der Zweig sich in Gold. Nun hastet er los: Er hebt einen Stein auf, er berührt die Erde. Alles wird zu Gold. Endlich servieren ihm die Diener ein wunderbares Essen, der Tisch ist gedeckt mit den herrlichsten Früchten und Speisen. Und Midas merkt reichlich spät, dass man Gold nicht essen kann! Wir Deutschen verwandeln unsere Wälder in Straßen, damit das Geld fließt, wir exportieren Giftmüll, Kernkraftwerke, Waffen und nochmals Waffen, alles tun wir fürs Geld. Unter unseren tüchtigen Händen verwandelt sich der Wald in Wüste und das Wasser in Kloaken. Geld, Geld, Wachstum, Aufschwung. Die am Wege liegen bleiben, die arbeitslosen Frauen und Männer, sind selbst schuld. Die Endlosigkeit der Geldvermehrung und des Wachstums ist das Prinzip unserer Wirtschaft, und sie ist eine gefährliche Illusion. Das Ende ist absehbar. Die so genannten kleinen Inselstaaten fürchten in der Folge der Klimaerwärmung in den Fluten unterzugehen. Hamburg ist dabei, seine Deiche zu erhöhen, Schreckensszenarien von Orkanen, die eine ganze Großstadt in kürzester Zeit dem Erdboden gleichmachen, werden uns von nüchternden Klimaforscherlnnen vor Augen gestellt. Ein weltweiter Zusammenbruch der Geldwirtschaft wird von Realisten befürchtet. Jede aufgeklärte Hausfrau führt heute bereits den Kampf gegen die Verseuchung: Viele Lebensmittel sind mit Giften belastet, sehen schön aus, halten lange, schmecken aber nach nichts oder nach Chemie. Skrupellos wird Gentechnologie und Radioaktivität bei Lebensmitteln eingesetzt, ohne dass die Folgen für die menschliche Gesundheit erforscht sind. Die Endlosigkeit der Geldvermehrung ist eine gefährliche Illusion. Das Ende ist absehbar.Alternativen sind lebbarWir können heute wissen, was zu tun ist. Es gibt eine Fülle von ausgezeichneten Vorschlägen, wie wir nicht dem König-Midas-Prinzip folgen, sondern anders leben können. Es gibt große und kleine Schritte, um aus der falschen Ökonomie von Geiz, Wucher, Liebe zum Geld und Zerstörung der Erde herauszukommen. Nichts wäre falscher, als die großen weltwirtschaftlichen Notwendigkeiten und die kleinen im alltäglichen Konsum möglichen Veränderungen gegeneinander auszuspielen! Kleine Schritte und großes Bewusstsein für die notwendigen politischen Veränderungen gehören zusammen. Wie wir in der Friedensbewegung sowohl die falschen Spielzeuge der Kinder als auch die der Generale entlarvt und bekämpft haben, so ist es auch heute, wo wir eine breite radikale, privat und öffentlich verpflichtende Bewegung für das Leben der Kinder und die Pensionierung der Generale und Großbanker brauchen. Das Wichtigste scheint mir, klar zu sehen, dass es Alternativen gibt. Es gibt durchdachte, technisch machbare und finanzpolitisch erreichbare Veränderungsvorschläge, die unser aller Leben, unsere Urlaubsreisen, unseren Energieverbrauch, unsere Essgewohnheiten und Lebensprioritäten betreffen. Je mehr Menschen sich sichtbar und öffentlich abkoppeln - von den Äpfeln aus Australien, dem Inlandflug und dem überheizten Büro - desto berechtigter werden unsere noch oft als spinnert verlachten Forderungen an die Großen. Ich nenne einige Fragen, die wir laut und öffentlich stellen sollten. Warum gibt es das 2,5-l-Auto noch nicht? Wer braucht die neueste Autobahn, wenn der öffentliche Nahverkehr funktioniert? Weswegen muss mein Joghurt 1000 km fahren, ehe es zu mir auf den Tisch kommt? Wann werden die Preise für Energie und Transport sich dem Schaden angleichen, den sie verursachen? Diese Liste von Fragen lässt sich leicht verlängern - und das ist eine unserer Aufgaben. Sagen wir uns los von den falschen Bedürfnissen, die unsere Wirtschaft weckt und schürt, lernen wir das deutliche Nein zu dem globalen Markt, der uns kaputt macht.Ich will noch zwei Beispiele zum Nachdenken aus der großen ökonomisch-politischen Kiste ziehen. Könnte man, so ein Vorschlag des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP), die Devisenspekulationen nicht besteuern? Ein Steuersatz von nur 0,05 % würde 150 Milliarden im Jahr einbringen, die gegen Hunger und Verarmung und für die Erhaltung der Schöpfung eingesetzt werden könnten. Die Idee stammt von dem hoch geschätzten Nobelpreisträger für Ökonomie, James Tobin. Diese und andere Ideen hätten den Vorteil, dass sie globale und nicht nationale Quellen anzapften. Aber würde damit nicht die Freiheit des Marktes, vor allem des allerfreiesten Devisenmarktes eingegrenzt? Noch sind wir weit entfernt davon, Regeln für die soziale und ökologische Verantwortung multinationaler Konzerne aufzustellen. Aber der Ruf danach wird immer lauter.Das zweite Beispiel betrifft ein anderes, gerechteres Verständnis von Arbeit. Alle sollten weniger Erwerbsarbeit leisten müssen, um freier für die vielen Formen unbezahlter Arbeit, die bei uns im Wesentlichen von Frauen getragen wird, zu sein. Wir müssen die knappe Ware ,,Arbeit? gerechter verteilen. In unserem System ist es zur Zeit für die Unternehmen am besten, wenn sie mit immer weniger Beschäftigten und immer mehr kostspieliger und oft umweltschädigender Technologie arbeiten. Die Rund-um-die-Uhr-Produktion ist erwünscht, nicht nur für die Werkstatt, auch im Büro! Die Rationalisierung wird wirtschaftlich und steuerlich belohnt, die Schaffung von Arbeitsplätzen bestraft. Vorschläge zu einer sozialverträglichen und umweltfreundlichen Veränderung brauchen andere Steuerungsmechanismen. Ein Grundeinkommen sollte für alle garantiert sein und zugleich sollte die Wertschätzung - nicht die hohe Bezahlung! - von Teilzeitarbeit gefördert werden. Es mangelt ja nicht an notwendiger sozialer, erzieherischer, handwerklicher, ökologischer Arbeit. Es sind nur die verdrehten Begriffe des Industriepartriarchats, die uns weismachen, Arbeit sei das wert, was sie finanziell einbringt. Der neue Mensch wird sich in unserer Situation freuen über die Befreiung von Erwerbsarbeit, auch wenn sie mit einer Begrenzung des materiellen Konsums einhergeht. Er oder sie feiert die gewonnene Verfügungsgewalt über die eigene Existenz, die Lebensumstände, sein Umfeld als einzelner und in der Gemeinschaft. Der homo communis wird den homo oeconomicus ablösen und alle Bestrebungen unterstützen, die ein neues Gleichgewicht zwischen entlohnter Arbeit und nicht-entlohnten produktiven Tätigkeiten herstellen. Die gegenseitige Nachbarschaftshilfe, die eigenverantwortlich organisierten Solidarnetze, die Tauschringe und die kulturellen Vereine tauschen Arbeit aus, ohne sich dem König Midas zu unterwerfen. Wir müssen nicht für immer in einer sanften Diktatur leben.Der große Wirtschaftswissenschaftler John Mainard Keynes (1883-1946), einer der Väter des Liberalismus, hat über die Spannung zwischen Religion und Wirtschaft skeptisch und selbstkritisch nachgedacht. Er meinte, wirtschaftlicher Fortschritt sei ,,nur dann erreichbar, wenn wir uns die menschlichen Antriebe der Selbstsucht zunutze machen, denen zu widerstehen Religion und überlieferte Weisheit uns allgemein raten.? Er schrieb in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, ,,dass die Zeit für eine Rückkehr zu einigen der gesichertsten und fundamentalsten Grundsätze der Religion, dass Geiz ein Laster, Wucher ein Vergehen und Liebe zum Geld abscheulich ist?, noch nicht gekommen sei. Heute, angesichts der ökologischen Katastrophe, ist diese Zeit da. Wir brauchen ein anderes Verhältnis zu diesen beiden Realitäten, der Schöpfung und dem Geld. In diesem Kampf gewinnen wir auch ein anderes Verhältnis zu diesem unkäuflichen Ding, das wir mit einem alten Wort ?Glück? nennen.

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"Wir sind eine Bankräubergesellschaft"

Gespräch mit dem Physiker und Träger des alternativen Nobelpreises Prof. Hans-Peter Dürr

baugerüst: Eines Ihrer Bücher trägt den Titel: "Die Zukunft ist ein unbetretener Pfad". Wohin führt dieser Pfad?
Dürr: Die Wirklichkeit ist nicht eine Realität, die nach festen Gesetzen organisiert ist, sondern etwas Offenes, und sie erscheint nur zum Teil als das, was wir die materielle Welt nennen. Es ist nicht so, dass die Zukunft sozusagen schon existiert und wir wissen nur nichts über sie, sondern sie ist wirklich offen. Menschen haben im Prinzip gewisse Gestaltungsfähigkeit und können sich nicht darauf herausreden, dass alles festgelegte Natur sei.

baugerüst: "Visionen brauchen Fahrplän", hat Ernst Bloch einmal gesagt. Wer aber schreibt das Kursbuch für diese Fahrten in die Zukunft?
Dürr: Die Frage ist, woher kommen die Visionen? Die Zukunft ist zwar offen, aber sie ist nicht total offen, sondern in einer gewissen Weise vorgegeben. In diesen Zusammenhang kann ich meinen Pfad hineinlegen. Die Visionen, die wir haben, kommen aus uns selber, das heißt, wir sind angeschlossen an etwas im Hintergrund, was uns die Zukunft öffnet. Wir leben schon in einer Landschaft und können darin Zukunft gestalten, indem wir verschiedene Pfade einschlagen.

baugerüst: An was sind wir Ihrer Meinung nach angeschlossen?
Dürr: Wir sind an einen geistigen Hintergrund angeschlossen, ich könnte dies auch theologisch ausdrücken. Es existiert nicht so etwas wie eine Materie, sondern ein Gesamtzusammenhang, der auch nicht aufteilbar ist. Als Teil eines Gemäldes oder eines Gedichtes sind wir immer schon in diesem Kontext und sehen die Richtung, in die wir gehen. Wenn wir unser Leben betrachten und planen, haben wir schon eine Ahnung davon, wie es ungefähr sein sollte. Die Ahnung übernehmen wir, aber die Ausgestaltung ist dem Einzelnen selber überlassen.

baugerüst:Mensch, Natur, Technik war das Thema der Expo. Muss die Beziehung zwischen Mensch, Natur und Technik neu definiert werden?
Dürr: Wir sehen alles in einem Netzwerk von zunächst getrennten Dingen, die dann aufgrund ihrer Verbindungen und Einflüsse in Wechselwirkung treten. Das ist die falsche Vorstellung, denn wir sind von Anfang an miteinander verbunden. Was wir als Kommunikation betrachten, ist vielfach gar nicht Kommunikation, sondern eigentlich Kommunion. Wenn wir Informationen miteinander austauschen, erinnern wir uns wechselseitig daran, dass wir einen gemeinsamen Hintergrund haben, durch den wir es eigentlich schon wissen.

baugerüst: Die Zukunft, so sagen Sie, sei ein unbetretener Pfad, d.h. die Richtung der Entwicklung ist offen. Betrachten wir die Probleme beim Klimawandel oder Energieverbrauch, bei der Gentechnik oder beim Gift in Lebensmitteln. Wer kann denn diese Entwicklungen überhaupt verändern?
Dürr: Das hat etwas mit Ethik zu tun und ist ein wichtiger Punkt. Was müssen wir tun, damit wir das Spielfeld, in dem wir laufen, auch bewahren? Diese ganze Frage der Zukunftsfähigkeit und der Nachhaltigkeit sehe ich nicht so sehr unter dem Aspekt was soll ich in Zukunft tun, sondern was soll ich in Zukunft unterlassen, damit ich mir das Spielfeld bewahre und somit auch die Freiheit der Entscheidung.

baugerüst: Die Interessen laufen sehr auseinander. Wer will eine nachhaltige Veränderung? Reicht denn das Engagement von Menschen aus, damit die Entwicklung eine Richtung einschlägt, die genau diese Nachhaltigkeit mit einbezieht?
Dürr: Da ist das Lawinensyndrom "schneller, größer", das uns große Schwierigkeiten bereitet. Dieses Lawinensyndrom ist gewissermaßen unser Erfolgsmerkmal. Jetzt ist die Frage, was soll der Einzelne tun, wenn wir immer wieder diese Lawinenprozesse verstärken und den anderen die Lebensgrundlage wegnehmen.
Wir müssen die Menschen daran erinnern, sich zu fragen, warum wir überhaupt hier auf der Erde sind. Unser äußeres Leben ist gewissermaßen unabhängig von dem wissenden Kern und läuft deshalb mehr so ab wie die toten Naturgesetze. Das Lebendige ist noch vorhanden, aber es ist verrauscht, so wie ein Sender, den ich nicht mehr klar einstellen kann. Wir brauchen wieder eine Empfangsschärfe. Wir müssen den Menschen immer wieder darauf aufmerksam machen, indem wir sagen, versuche doch einmal durch eine Innensicht - und das ist eigentlich mehr eine kontemplative meditative Haltung - eine Ruhe zu erzeugen, damit du ganz klar wieder die Signale im Hintergrund hören kannst.

baugerüst: Wer sendet diese Signale?
Dürr: Diese Signale sendet die Welt. Theologisch würde man es wahrscheinlich als Gott ausdrücken, denn es gibt ja nur das Eine. Der Geist ist nicht aufgeteilt in kleine Geister, wir leben aus demselben Geist, aber wir haben unsere speziellen Sichtweisen. Wir schauen alle dasselbe Gemälde an, aber jeder durch seine Vorbildung mit anderen Augen. Der eine sagt, oh diese rote Farbe und der andere lobt die wunderbare Geste einer Person. Aber es ist immer dasselbe Bild, aus dem Menschen verschiedene Dinge herausholen, die für ihren Lebensweg wichtig sind. Wir schauen durch gewisse Fenster, aber die Fenster können wir auch verschieben. Jedes Gespräch verschiebt Fenster oder öffnet neue und verbessert dadurch unsere Orientierung.

baugerüst: Kann der Mensch ein gutes Leben führen, ohne der Natur zu schaden?
Dürr: Ja, absolut, denn das Gute zeigt sich dadurch, dass es den Gesetzen "Differenzierung" und "konstruktives Zusammenspiel" gehorcht. Die Frage ist, wie komme ich zu dieser Sensibilität, das Gute zu spüren, zu dieser Trennschärfe, um den richtigen Radiosender einzustellen? Es ist wie bei einem Pendel, das gewöhnlich einem genau vorherbestimmten Naturgesetz folgt. Aber das Pendel hat, wenn wir es auf den Kopf stellen, einen einzigen Punkt, an dem es in die Freiheit entlassen wird. Ob es links oder rechts herunter fällt, hängt auf einmal von winzig kleinen Einflüssen ab. Die Offenheit des Lebendigen hängt von dieser Freiheit ab. Das Geheimnis des Lebens ist jedoch, wie ich eine solche Instabilität stabilisiere. Das mache ich dynamisch. Dynamische Stabilität bedeutet regelnden Einfluss von Kräften und Gegenkräften. D.h. handele nicht gleich, sondern verharre durchaus in der Instabilität, hier entsteht Sensibilität, winkt Freiheit und die Chance, neue Orientierung zu bekommen.

baugerüst: Haben Sie angesichts der Schlagzeilen in den Tageszeitungen den Eindruck, dass die Menschen genau diese Orientierung verloren haben?
Dürr: Ja, sie verlieren Orientierung und darüber hinaus die Fähigkeit zur Neuorientierung. Die Frage ist, wie können sie diese wieder zurückgewinnen? Wir tun ja alles damit die Menschen diese Orientierung verlieren, indem wir sie mit immer mehr Information überschütten. Nur im Rausch der Information kommt das Verrauschen, und dann sehe ich überhaupt nichts mehr. Wir brauchen wieder die Fokussierung, um aus den Informationen herauszuziehen was wichtig ist. Aus der Informationsflut gewinnt der Mensch kein Wissen mehr und schon gar keine Weisheit. Wir sind auf das Manipulieren aus. Die ganze Kultur will gar nicht, dass der Mensch nachdenkt. Wir leben in einem Umfeld, das alles abtötet, was wir dringend für die Zukunftsfähigkeit bräuchten. Wir müssen aus dieser betäubenden Dynamik heraus und wieder einen Einblick bekommen, was im Hintergrund kingt und singt. Wir müssen die lebendige Flüssigkeit wieder aufspüren, sie aufsaugen, damit wieder Neues entstehen kann.

baugerüst: Wer kann Menschen diese Orientierung geben oder wer kann sie motivieren, diese zu suchen?
Dürr: Ich würde sagen, es kommt dadurch zustande, die Menschen daran zu erinnern als was sie gemeint sind, dass sie nichts Berechenbares sind. Wir brauchen Gleichnisse, die verständlich machen, dass die Welt nicht aus Materie aufgebaut ist, aus etwas Getrenntem, denn im Grunde gibt es nur das Verbundene. Aus dieser einen untrennbaren Verbundenheit können wir alles schöpfen. Wir brauchen eine Wiederbelebung des Geistigen und müssten auf die Welt mehr mit offenen Händen zugehen, anstatt nach allem zu greifen.

baugerüst: Haben Szenarien wie z.B. Global 2000 oder Studien zur Friedensbedrohung bei Suche nach Orientierungen eher eine mobilisierende oder eher eine lähmende Wirkung?
Dürr: Ich denke, sie haben eher eine mobilisierende Wirkung. Man muss dem Menschen sagen: Schau dir das mal an, wie die ganze belebte Natur in einem wunderbaren Zusammenspiel sich wechselseitig stützt und wie wir heute einfach durch sie hindurch stolpern und das feinmaschige Gewebe zerstören, das auch uns in der lebendigen Schwebe hält. Denn wenn wir die natürlichen Lebensgrundlagen zerstören, zerstören wir auch unseren geistigen Zugang. Es ist mir verständlich geworden, warum alle Weltreligionen Sätze wie: "Du sollst nicht ..." formulieren. Nachhaltig in der Natur ist, was nach hält. Wir müssen darauf achten, dass wir unser Spielfeld für unser Zusammenspiel nicht kaputt machen.

baugerüst: Brauchen wir vielleicht neue Regeln auf diesem Spielfeld?
Dürr: Ja, es braucht Regeln. Beim Fußballspielen darf man den Ball auch nicht dauernd rausschießen, der Ball muss im Feld bleiben. Und es darf niemand vom Feld geschickt werden, wenn er nicht gut gespielt hat. In der Arena des Lebendigen wird die Zukunft sozusagen von allen zusammen gebaut. Das augenblickliche Paradigma der Wirtschaft ist aber im Widerspruch zu diesem Paradigma des Lebendigen.

baugerüst: Werden diese Regeln von der Politik vorgegeben?
Dürr: Politik muss diese Regeln nicht durchsetzen, weil wir nach diesen Regeln schon dreieinhalb Milliarden Jahre gespielt haben. Der Mensch wird auch immer auf diese Regeln kommen, außer, er hat die Sprache verloren. Die innere Sprache ist die Sprache des Zukunftsfähigen, mit der die "Firma Natur" dreieinhalb Milliarden Jahre nicht pleite gegangen ist. Jemand, der nicht mehr zuhört oder das nicht mehr hört, der fliegt einfach aus der Evolution heraus.

baugerüst: Aber wer kann diese Regeln neu definieren und auch durchsetzen? Brauchen wir neue Institutionen für die Zivilgesellschaft?
Dürr: Ja, die Demokratie sagt, jeder Mensch trägt in sich einen Spiegel des Geistigen und somit können wir auf keinen Spiegel verzichten. Unser Hauptproblem ist, wie lebt man Demokratie? Es können nicht sechs Milliarden Menschen gleichzeitig miteinander reden. Deshalb die schlaue Idee, ein Delegationsprinzip einzuführen, eine repräsentative Demokratie. D.h. ich habe mehrere Tausend Menschen und dann kommt einer und sagt, ich kann gut reden und repräsentiere sie. Das geht eigentlich nicht oder nicht gut genug.
Wenn wir nicht weiter wissen, sollten wir immer die Natur anschauen, wie macht sie es denn? In einem Körper mit seiner Zellstruktur ist keine Zelle allein überlebensfähig. Doch der Informationsfluss innerhalb der Zelle ist vieltausendmal größer als über die Zellwände hinweg. Was folgt daraus: alle Entscheidungen so weit nach unten verlegen wie nur irgend möglich, dass die Menschen, die hier leben ihre unmittelbare Lebenssphäre auch wesentlich bestimmen können.
Bei uns funktioniert das nicht, weil wir ja eine Bankräubergesellschaft sind. Was wir Wertschöpfung nennen ist ja keine Wertschöpfung, sondern wir bezeichnen es als Wertschöpfung, wenn wir in Schweißgeräte investieren, mit denen wir einen Naturtresor nach dem anderen aufschweißen. Das ist überhaupt nicht nachhaltig. Jemand der sich diesen Lebensstil angewöhnt, der ist in ein paar hundert Jahren weg. Die Natur sagt, lass die mal ein bisschen toben, wir haben schon Schlimmeres hinter uns gebracht.
Aber der Mensch ist doch etwas ganz Tolles, den darf man doch nicht kaputtgehen lassen. Wir haben doch soviel Weisheit in uns, es kann doch nicht sein, dass ein paar von diesen Spinnern durch Machtzusammenballung die übrigen einfach unterpflügen, es kann doch nicht wahr sein.
Ein Grund, der mich optimistischer stimmt, lässt sich durch eine tibetanische Weisheit ausdrücken, die besagt, "ein Baum, der fällt, macht mehr Krach als ein Wald der wächst". Die ganze Geschichte berichtet nur von fallenden Bäumen, die soviel Krach machen. Aber dass wir heute noch existieren, hat überhaupt nichts mit dem Fallen der Bäume zu tun, sondern damit, dass im Hintergrund der Wald gewachsen ist. Was ist der wachsende Wald? Es sind die Langsamprozesse, das Austarieren von Gegensätzen, um etwas Konstruktives zu machen, also das Unwahrscheinliche und nicht das Wahrscheinliche entstehen zu lassen. Diese Arbeit leistet der wachsende Wald. In der Vergangenheit ist dies hauptsächlich von unseren Frauen gemacht worden, die Geschichte hat nie darüber berichtet. Frauen haben das Verständnis, wie in dieser ganzen Katastrophe immer wieder die Dinge miteinander verflochten werden müssen, so dass etwas Überlebensfähiges zustande kommt. Wenn wir die negativen Schlagzeilen ansehen, sind wir verzweifelt, aber es passiert im Hintergrund doch Positives, von dem keiner etwas sagt. Zukunftsfähigkeit müsste ein Muss sein für alle Parteien, aber unsere augenblickliche Interpretation der Demokratie ist nicht darauf vorbereitet, dass wir über die Zukunft nachdenken müssen.

baugerüst: Ist das nicht die Verabschiedung von einem lieb gewordenen Lebensstil?
Dürr: Wir überfordern die Natur, mit unserer Unersättlichkeit und Habgier. Jetzt müssen wir uns überlegen, welcher Weg für uns möglich ist oder nicht. Und diese Lektion haben wir noch nicht gelernt und dieser Weg ist auch nicht institutionell verankert. Unser Parlament ist ein Gegenwartsrat, die Justiz ist ein Vergangenheitsrat, wo ist der Zukunftsrat? Wir brauchen einen Zukunftsrat, der bei der Gesetzgebung sagt: zurück, dies ist nicht zukunftsfähig. Ich meine, da müssen hauptsächlich Frauen mitarbeiten, die können nicht einfach sagen na ja, ich kann fünf Jahre denken, und was danach kommt ist mir egal. Fünfzig Prozent der Menschheit sind Frauen, wir haben also eine gute Voraussetzung, dass wir wirklich auch zukunftsfähig werden können.

baugerüst: Das Wissen ist vorhanden, die Orientierung ebenso. Müssen wir also den Pfad in die Zukunft nur gehen?
Dürr: Ja ich glaube, die Orientierung ist da. Wir müssen aber immer wieder die Landschaft betrachten, in der wir uns bewegen und dabei uns nicht ängstlich an etwas klammern, was uns schon bekannt ist.

baugerüst: Welche Bedeutung hat Religion für Sie?
Dürr: Ich habe mich nie zu den religiösen Menschen gerechnet, weil ich gefunden habe, dass die Religionen das Wesentliche nicht wirklich für mich vertreten. Jede Religion ist letzten Endes eine Metapher für das was dahinter steht. Ich glaube, dass wir alle aus der selben Quelle schöpfen. Aber wenn jemand sagt, ich bin Christ, Muslim, Jude oder Buddhist, dann sind das für mich Beschreibungsweisen. Das bedeutet nun nicht, dass ich sage, wir brauchen keine Sprache. Im Gegenteil, wir sollten noch vielfältigere Sprachen sprechen, um noch besser feine Unterschiede gleichnishaft auszudrücken. Aber dann sollen die Menschen über diese Metaphern keinen Streit anfangen, sonst haben sie etwas missverstanden.
Es ist so, als wenn jemand im Ozean Fische fängt und nach Jahren zu der Erkenntnis kommt, alle Fische sind größer als fünf Zentimeter, da er keinen Fang hatte, wo es anders war. Wohl erklärt ihm vielleicht ein Philosoph, dass dies gar kein Grundgesetz sei, denn wenn er die Maschen seines Netzes gemessen hätte, hätte er feststellen können, dass sie nur fünf Zentimeter groß sind. Doch der Fischer lässt sich dadurch nicht beeindrucken, denn ein Fisch sei für ihn etwas, was er mit seinem Netz fangen kann. Also wird das, was fangbar ist, für ihn zum Grundprinzip. So auch für viele unserer festen Überzeugungen. Es wird überhaupt nicht gefragt, mit welchem Netz fängst du denn überhaupt?
Wir fischen alle im gleichen Ozean. In dem Sinne bin ich ganz religiös, weil ich alles als verbunden betrachte. Aber es gibt keine scharfen Grenzen wie richtig und falsch, ja und nein, wie es uns unsere Greifhand lehrt, sondern allerhöchstens Sträucher und Hecken, wie die Membranen zwischen den Zellwänden.

Das Gespräch mit Hans-Peter Dürr führte Wolfgang Noack

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