das baugerüst 4/02 - Nicht ohne uns. Partizipation im Jugendverband

Inhalt

Wolfgang Noack: Werbung in Sachen Partizipation. Einführung in das Heft

  • PARTIZIPATION IM JUGENDVERBAND
    Felix Barckhausen: Der Jugendverband: Ein Zukunftsmodell für die evangelische Jugend. Ein Plädoyer für die Überwindung der Partizipation
    Thomas Rauschenbach: Partizipation - online.de?
    Gudrun Kreft: Party-zipation
    Benedikt Sturzenhecker:
    Die Basis bestimmt. Perspektiven für Partizipation in Jugendverbänden
    Oliver Dimbath und Miriam Gade: Partizipation und Partizipation. Unterschiedliche Verständnisse von Mitbestimmung zwischen Jugend-und Erwachsenengremien in Kirchengemeinden
    Ulrich Willmer: Ein persönliche Partizipationsgeschichte. Ein Rückblick
    Stefan Buch: Selig sind die Selbstbestimmten, denn sie sind nicht fremdbespaßt
  • PARTIZIPATION LERNEN
    Armin Felten: ....auf einmal wird Partizipation sehr effizient
    Martin Nörber: Jugendverbandsarbeit. Partizipation als pädagogische Aufgabe
    Hermann Hörtling: Partizipation einüben in der Mitarbeiterförderung
    Heike Baier: Fit in Sachen Beteiligung. Eine Fortbildung für der evangelischen Jugend in der Pfalz

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Wolfgang Noack: Werbung in Sachen Partizipation

Einführung in das Heft

Wer sich für eine Fahrt mit der Deutschen Bahn entschließt und einen ihrer Züge besteigt, erwartet die Beförderung von A nach B und würde angebotene Partizipation (Mitentscheidung über Streckenverlauf und Sitzplatzverteilung oder gar Wahl des IC-Chefs) empört zurückweisen (die einzige Mitwirkung besteht vielleicht darin, Geduld aufzubringen).
Hat jemand Lust, in einem Fußballverein mitzuspielen, so sind Können und eigene Ideen gefragt, wenngleich das Wort des Trainers gilt, was die Partizipation erheblich einschränkt (man stelle sich vor, eine in der Halbzeit einberufene Vollversammlung entscheidet über die Auswechslung der Sturmspitze und stellt die vierer Abwehrkette im Mittelfeld um).
Vollends hierarchisch wird es dann im militärischen Sektor. Die geheime Kommandosache einer schnellen Eingreiftruppe mit basisdemokratischen Methoden auf den Weg zu bringen, ist ein interessanter Gedanke. Nur scheint die Welt derzeit für solche Experimente den Kopf nicht frei zu haben. (Die Realisierung erscheint zwar sehr utopisch, vielleicht ließe sich der eine oder andere Kollateralschaden dadurch vermeiden).
Partizipation ist nicht immer gefragt, sie kann lästig sein, unpraktisch manchmal auch kontraproduktiv.

Teilhaben

Wie aber ist es um die Partizipation bestellt, wenn auf einer Versammlung von Bürgerinnen und Bürgern geäußerte Kritik und eingebrachte Vorschläge wohlwollend zur Kenntnis genommen werden und anschließend in den tiefen Schubladen einer Verwaltung verschwinden?
Wie sieht es aus, wenn die Jugendgruppe in einer Kirchengemeinde nur deshalb Räume und Geld bekommt, weil einer gute Kontakte zu Kirchenvorstand oder hauptamtlichem Personal hat und nicht weil diese Gruppe per se erwünscht ist?

Und wie ist es um Partizipation bestellt, wenn staatliche oder kirchliche Exekutive die Existenz jugendverbandlicher Mitwirkungsgremien begrüßen, Entscheidungen und Forderungen dieser aber eher als Ausfluss pubertierender Unreife ansehen statt als Herausforderung an festgefahrenes Denken?

Partizipieren bedeutet teilhaben. Teilhaben an Macht, Einfluss und Gestaltung, teilhaben an Verantwortung, Image und Profit. Wer partizipiert, ist bereit Verantwortung zu übernehmen, will mitgestalten, erwartet an Einfluss und Gewinn beteiligt zu werden.

Kindern und Jugendlichen sichert der Gesetzgeber eine besondere Mitwirkung bei der Gestaltung von Angeboten für diese Zielgruppe zu. Nur darf sich diese Zusicherung in der Praxis nicht als Schönwetterprogramm für pflegeleichte Jugendliche erweisen. Partizipation bewährt sich erst in Konfliktsituationen. Auch der vielbeschworene Dialog mit der Jugend verkommt zum Sandkastenspiel, wenn dem Zuhören nicht auch ein Nachdenken folgt und das Nachdenken einen Perspektivwechsel einleitet. Erwachsene verfügen über Erfahrungen, die Welt zu gestalten - nicht immer erfolgreich - aber Kinder und Jugendliche müssen und wollen in dieser gestalteten Welt länger leben. Das gibt ihnen ein Recht mitzureden und mitzuentscheiden.
Analog lässt sich dies für die Kirche buchstabieren. Die synodale Kampagne ?Jugend ändert Kirche? folgt dem unausgesprochenen aber gültigen Gesetz ?Erwachsene bestimmen Kirche?. Der Kritik am ersten Teil folgt nicht automatisch die Kritik am zweiten.

Mühsam

Nun ist Partizipation aber nicht nur notwendig und konstitutiv für Demokratien, sondern auch anstrengend. Das ist in der Politik nicht anders als in Jugendverbänden. Partizipation, will sie funktionieren, braucht Menschen, die bereit sind Zeit und Kraft zu investieren. Manche Gremienstruktur scheint da nicht so recht in die Spaßgesellschaft zu passen. Vielleicht hat sich ja auch die eine oder andere Struktur oder Geschäftsordnung, die eins zu eins der großen Politik entliehen ist, am Lebensgefühl der Jugendlichen abgeschliffen. Viele Ideen sind in die Jahre gekommen. Das merken Gewerkschaften genauso wie die Friedensbewegung, Schülermitverwaltungen ebenso wie Jugendverbände. Nur die Grundidee der Mitbestimmung ist damit nicht obsolet. Auch muss nicht jedes Gremium Eventcharakter erhalten und aus der Partizipation die Party-zipation werden. Die ?Mühe der Ebene? kann durchaus lustbetonter gestaltet werden. Unwirtliche Gremien und trübselige Diskussionen sind kein Kriterium für Effizienz.

Der Deutsche Bundesjugendring überschrieb seine Tagung zum 50-jährigen Bestehen mit ?Jugendverbände-Werkstätten der Demokratie?. In der Tat wäre zu fragen, wie diese Republik aussähe, könnten Menschen in verantwortlichen Positionen nicht auf eigene Erfahrungen in Jugendverbänden zurückgreifen. Leicht folgt hier der Einwand ?Ja früher ...?, der aber einem Trugschluss aufsitzt, da sich sowohl die Lebensbedingungen als auch das Lebensgefühl Jugendlicher in den letzten Jahren total verändert haben.


Partizipation im Angebot

Will ein Anbieter ein Produkt - neu oder alt - auf dem Markt platzieren, so bedient er sich einer Werbestrategie, die die Einzigartigkeit kommuniziert. Pullover wärmen alle und Autos verfügen alle über vier Räder und einen Motor. Also kommt es darauf an, den Verbrauchern Kriterien zur Unterscheidung an die Hand zu geben. Dann wird mit dem Kleidungsstück ein Lebensgefühl zum Ausdruck gebracht und eine bestimmte Automarke transportiert nicht mehr einfach, sondern verleiht den Besitzern ein sportliches Image. Jugendverbände haben als Grundnutzen Freizeitgestaltung, Bildungsmaßnahmen und Gemeinschaftserlebnisse im Angebot. Darüber hinaus verfügen sie aber über einige Zusatznutzen. Und die heißen Beteiligung, Mitgestaltung, Partizipation. Wenn die Nachfrage nach diesen zurückgeht, muss dafür geworben werden.

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Mike Corsa: "Wir haben Vorstellungen und Visionen, lasst uns mitwirken und etwas verändern!"

Beteiligung als Strategie für eine nachhaltige gesellschaftliche Zukunftsentwicklung (1)

Beteiligung hat Konjunktur

Wir haben Vorstellungen und Visionen, lasst uns mitwirken und etwas verändern. Eine selbstbewusste Aussage - von Jugendlichen des ?akiju" - Expertenteams, eine von vielen derzeit florierenden Beteiligungsinitiativen in Politik und Gesellschaft. ?akiju" ist eine internetgestützte Plattform für Kinder und Jugendliche, die zu verschiedenen Themen ihre Meinung, Vorstellungen und Ideen einbringen und veröffentlichen wollen. Ins Leben gerufen wurde das Projekt vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, um der wachsenden Sprachlosigkeit zwischen jungen Menschen und verfasster Politik begegnen zu können. Herausgekommen ist dabei ein temporäres, interaktives Netzwerk von kreativen Beiträgen, chats, thematischen Foren und Workshops, das von einem siebenköpfigen jugendlichen Expertenteam und einem Komitee von weiteren 36 Jugendlichen gesteuert wurde. Mehrere hunderttausend 8- bis 21jährige Kinder und Jugendliche haben die Web-Site besucht, 2.090 Beiträge sind während der Laufzeit von Oktober 2000 bis Mai 2001 eingegangen. Nun liegt als ?aktueller Kinder- und Jugendreader? ein Kompendium von 100 Beiträgen vor, die einen eindrücklichen Einblick in die Vorstellungen junger Menschen zu zentralen gesellschaftlichen Fragestellungen geben. Obwohl unter Fachleuten berechtigte Zweifel an der partizipatorischen Wirkungstiefe vorherrschen, ist festzustellen, dass ?akiju? viele junge Menschen bewegt und Jugendinteressen (Jugendpolitik) auf die Schreibtische vieler Politiker/innen gestoßen hat.

Die Bundesregierung sieht sich übrigens in ihrem politischen Konzept bestätigt, die Beteiligung von jungen Menschen zu fördern und dafür die Entwicklung neuer Formen anzuregen. Sie startet im November 2001 eine Bundesinitiative ?Beteiligungsbewegung? unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzler Schröder und dem Motto ?ich mache Politik?. Auftakt wird eine Beteiligungswoche sein, bei der alle Politikbereiche des Bundes zusammen mit Jugendlichen jeweils spezifische Möglichkeiten wirkungsvoller Beteiligung von jungen Menschen aufzeigen werden. Es folgen verschiedene Aktions- und Projekttage sowie ein bundesweiter Kongress.

Hochkonjunktur für Beteiligung nicht nur im Regierungslager: Die Robert-Bosch-Stiftung beginnt mit Partnern ihr Manifest ?Jugend erneuert Gemeinschaft" umzusetzen, die Aktion Gemeinsinn und die Stiftung Mitarbeit werben kontinuierlich und öffentlichkeitswirksam für freiwilliges Engagement, die Stiftung Brandenburger Tor hat einen Wettbewerb ?Jugend übernimmt Verantwortung? ausgeschrieben, die Geschäftsstelle ?Bürgerschaftliches Engagement? im Sozialministerium Baden-Württemberg fördert und regt medienwirksam Projekte bürgerschaftlichen Engagements an, die Enquete-Kommission ?Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements? des Deutschen Bundestags hat zur Aufgabe, konkrete politische Strategien und Maßnahmen zur Förderung des freiwilligen, gemeinwohlorientierten bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland zu erarbeiten.


Zurückhaltende Jugendverbände

Auffällig ist bei all diesem Aktionismus erstens, dass die (evangelischen) Kirchen und ihre Kinder- und Jugendarbeit in dieser Frage derzeit sehr zurückhaltend sind, zumindest in der öffentlich wahrnehmbaren Auseinandersetzung. Zweitens scheint mir die offensive Beschäftigung mit dem Thema Beteiligung von jungen Menschen in Jugendverbänden, Jugendringen und der Offenen Kinder- und Jugendarbeit ebenfalls nicht sehr ausgeprägt, obwohl das Thema Beteiligung zum konstituierenden Teil des ?jugendverbandlichen Grundgesetzes? gehört. Der Deutsche Bundesjugendring hat sich 1995 zwar zum Thema Beteiligung positioniert (vgl. Deutscher Bundesjugendring, 1995), betrachtet dabei im wesentlichen aber die Bereiche Schule, berufliche Ausbildung, Kommune u.a.. Eine kritische Bestandsaufnahme in der Jugendverbandsarbeit unterbleibt weitgehend ebenso wie die Beschreibung von Entwicklungsfeldern im eigenen Bereich. Es fehlt aber die selbstreflexive Auseinandersetzung mit den eigenen Möglichkeiten und Grenzen weitgehend. Eher scheint die Beschäftigung von außen motiviert zu sein, beispielsweise durch die Initiierung von neuen Beteiligungsmöglichkeiten insbesondere in Kommunen. Auch die aej hat sich letztendlich nur für die Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre ausgesprochen (vgl.: Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend, 1996), ohne dabei selbstkritisch Beteiligungsstrukturen in der Evangelischen Jugend und der Kirche in den Blick zu nehmen. Diese wohl zu defensive Haltung schlägt sich beispielsweise im Zweitbericht der Bundesregierung über die Bemühungen zur Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention nieder: Dort werden auf 17 langen Seiten die Beteiligungsmöglichkeiten für junge Menschen ausgeführt, Jugendverbände werden nur mit einem Hinweis auf die schon erwähnte Stellungnahme des Deutschen Bundesjugendrings (und eine Arbeitshilfe des Jugendrotkreuz) erwähnt.

Drei Gründe

Warum hat Beteiligung derzeitig einen solchen Stellenwert? Drei Diskussionslinien machen den Höhenflug der Beteiligungsthematik aus:

Schneller, weiter, unübersichtlicher - die moderne Welt
In den vergangenen Jahrzehnten haben sich gesellschaftliche Veränderungen beschleunigt.
Durch diese ?Enttraditionalisierung? und die wachsende ?Globalisierung? gewinnen Menschen an persönlichem Entscheidungsspielraum, verlieren aber gleichzeitig die biographische Einbindung in traditionelle Lebenskonzepte. Sie erleben ihre soziale Zukunft als (individuell) manipulierbar und nicht mehr festgelegt. Der biographische Weg der Eltern hat für die nachwachsende Generation kaum noch Relevanz.
Gerade junge Menschen müssen unter diesen gesellschaftlichen Bedingungen experimentieren. ?Zukunftszentriertheit und klare Lebensplanung gehen nicht mehr wie früher mit Sorgenfreiheit einher, vielmehr mit biographischen Anstrengungen? (13. Shell Jugendstudie, 2000, S. 13).
Der Zwang, die Zügel des Lebens selbst in die Hand nehmen zu müssen und die damit einhergehende Praxis von Selbststeuerung erfordert eine beteiligungsorientiert organisierte Gesellschaft. ?Normalität? hat keine festen Fixpunkte mehr, sie muss kontinuierlich ausgehandelt werden. Beteiligung ist damit ein zentrales Element der Gesellschaftsentwicklung unter den Bedingungen schnellem gesellschaftlichen Wandels.

Undurchsichtig, uninteressant und mit angezweifelter Wirkung - Legitimationsverlust von Politik, Kirchen und anderen gesellschaftlichen Großorganisationen
In einer Gesellschaft mit ausgeprägter Struktur starker, traditioneller Sozialbindungen findet der politische Diskurs zwischen strukturierten Großorganisationen und den Institutionen der repräsentativen Demokratie statt. Sie sind einerseits das Gegenüber im politischen Aushandlungsprozess und andererseits die Organisateure der Interessen großer Gruppen /Milieus. Die wesentlichen politischen Prozesse vollziehen sich dabei hinter den Kulissen.

Unter dem Vorzeichen gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse geraten diese Praxis der repräsentativen Demokratie und die beteiligten Akteure in wachsende Kritik. Im Mittelpunkt steht die Kontroverse zwischen einem Allzuständigkeitsanspruch von Staat, Parteien und großen, einflussreichen Lobbyorganisationen einerseits und dem zunehmenden Selbstverwirklichungsanspruch der Bürgerinnen und Bürger andererseits.
Neue Impulse für Reformstrategien kommen von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen. Eine Erkenntnis verbindet die vielfältigen Konzepte: ?In einer Gesellschaft, in der Tradition und Gewohnheiten an Einfluss verlieren, führt der einzige Weg zur Begründung von Entscheidungsbefugnissen über demokratische Verfahren? (Giddens, 1999, S. 82). Es kommt dabei maßgeblich zu einer Demokratisierung des persönlichen Lebens, die auch auf andere Orte übergreift. Bürgerinnen und Bürger durchdringen mit ihren individuellen und ihren bürgerschaftlichen Kompetenzen alles politische und soziale Handeln. ?Aus der (sozialpolitischen) Klientel des fürsorglichen Staates (werden) verantwortliche Subjekte? (Wendt, 1993, S. 260), die Verantwortung für die Gestaltung des Gemeinwesens übernehmen.

Die individuellen Kompetenzen von Bürgerinnen und Bürgern sind eine unverzichtbare Komponente für eine von der Bevölkerung akzeptierte und gelebte Demokratie unter den Bedingungen des beschleunigten gesellschaftlichen Wandels. Sie können durch vielfältige Formen von Beteiligung zur Entfaltung kommen. So werden vorhandene und nicht genutzte Potentiale für die Zukunftssicherung der gesamten Gesellschaft mobilisiert.

Überwindung der Entmündigung - soziale Dienstleistung anstelle staatlich verordneter Fürsorge
Das neue Kinder- und Jugendhilferecht (SGB VIII) macht sich die Beteiligung als konstitutives Element erfolgversprechender Kinder- und Jugendhilfe unterhalb seiner familienorientierten Dominanz in verschiedenen Bezügen zu eigen: Demnach sind ?Kinder und Jugendliche (...) entsprechend ihrem Entwicklungsstand an allen sie betreffenden Entscheidungen der öffentlichen Jugendhilfe zu beteiligen? (§ 8, Abs. 1,SGB VIII), sind ihre ?wachsende Fähigkeit und das wachsende Bedürfnis (...) zu selbständigem, verantwortungsbewusstem Handeln sowie die jeweiligen besonderen sozialen und kulturellen Bedürfnisse und Eigenarten (...) zu berücksichtigen? (§ 9, Abs. 2, SGB VIII), insbesondere bei der Hilfsplanung (§ 36, Abs. 1, SGB VIII). Die Angebote der Jugendarbeit sollen an den Interessen junger Menschen anknüpfen und von ihnen mitbestimmt und mitgestaltet werden (§ 11, Abs. 1, SGB VIII). Bei vergleichbaren Maßnahmen von Trägern der freien Jugendhilfe ist die Förderung von Maßnahmen zu bevorzugen, ?die stärker an den Interessen der Betroffenen orientiert sind und ihre Einflussnahme auf die Ausgestaltung der Maßnahme gewährleisten? (§ 74, Abs. 4, SGB VIII). Dieses Verständnis setzt schon bei der bedarfsorientierten Planung von Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe an, an der junge Menschen ebenfalls zu beteiligen sind (§ 80, Abs.1, Ziff. 2, SGB VIII).
Beteiligungsrechte finden sich auch explizit im von der Bundesrepublik Deutschland ratifizierten UN-Übereinkommen über die Rechte des Kindes (UN-Kinderrechtskonvention - KRK).

Unterstützung erhält das Konzept der dienstleistungsorientierten Produktion von sozialen bzw. Jugendhilfeleistungen in den 90er Jahren durch die forcierte Reform der öffentlichen Verwaltung. Sie steht unter demselben Leitgedanken: Leistungserbringung im Dienst der Bürgerinnen, Bürger, der Kundinnen und Kunden. Die Sachverständigenkommission des Neunten Jugendberichts formuliert 1994, dass die Durchsetzung einer stärkeren Nachfragedimension in der Jugendhilfe als moderne soziale Dienstleistung einen prinzipiellen Perspektivwechsel voraussetzt, ?der die Einstellungen, Haltungen und Orientierungen der jungen Menschen sowie deren Problemlösungskompetenzen und Ressourcen bzw. deren Bedarf an sozialer Unterstützung mit der Angebotsseite der Jugendhilfe verknüpft? (9.Jugendbericht, 1994, S. 584).


Jugendliche im Fokus der Beteiligungsdebatte

In der öffentlichen Diskussion wird seit Jahren die Distanz junger Menschen zur Politik sowie ihre mangelnde Bereitschaft zu gesellschaftlichem Engagement beklagt. Da ist von Politikverdrossenheit die Rede, von mangelnder Identifikation mit dem demokratischen System sowie von einem Ausstieg der Jugend aus sozialen Aufgaben. So glauben vier Fünftel der befragten jungen Menschen ?dass sich die Politiker (nicht) viel darum kümmern, was Leute wie ich denken? (Gaiser, W.; Gille, M.; Krüger, W.; de Rijke, J., 2000, S. 11). 85% der im Rahmen der 12. Shell Jugendstudie befragten Jugendlichen gaben an, dass die Politiker am Desinteresse der Jugend selbst schuld seien. Die 13. Shell Jugendstudie titelt ?Politik: teils erdrutschartige Vertrauensverluste? (13. Shell Jugendstudie, 2000, S. 16).

Diese Entwicklung hat den jungen Menschen den Ruf eingebracht, unpolitisch und unengagiert zu sein. Damit verbunden ist die Sorge, die Loyalität junger Menschen zur Demokratie sei gefährdet. Diese Interpretation ist jedoch falsch. Die traditionellen Strukturen politischer Willensbildung sind geprägt von einer Rationalität und einem politischen Verständnis, in der sich die Ansprüche junger Menschen an politische Partizipation und gesellschaftliches Engagement nicht widerspiegeln. Der Rückzug Jugendlicher aus dieser Sphäre ist weniger ein Hinweis auf fehlende Engagementbereitschaft. ?Zu konstatieren ist mithin nicht die Verlagerung vom Politischen zum Unpolitischen in der Freizeit, nicht der Weg zum Desengagement, sondern ein Wandel der Engagementformen. Es handelt sich nicht um eine Veränderung des Inhaltes, sondern um eine Veränderung des Modus? (Fritzsche, Y; 1997, S. 374). Wenn Jugendliche sich den institutionalisierten Räumen in Politik und Gesellschaft verweigern, so ist dies auch Resultat bewusster Entscheidungen und somit ein Zeichen für politische Sensibilität und politisches Handeln. ?Nicht eine generelle Abwendung von der Politik, sondern ein gesteigertes `Missvergnügen´ an politischen Parteien und den Politikern ist auszumachen? (Sarcinelli, U.; 1997, S. 9). So sind gerade junge Menschen die Engagiertesten beim Vergleich unterschiedlicher Altersgruppen - ein von der öffentlichen Meinung unerwartetes Ergebnis der Repräsentativerhebung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement im Auftrag der Bundesregierung. Die Altersgruppe der 14- bis 24-Jährigen weist das höchste ehrenamtlich-freiwillige Engagement auf. Zudem sind in ihr die meisten der hochaktiv ehrenamtlich/freiwillig Engagierten (mehr als fünf Stunden/Woche) vertreten. Im Vergleich mit anderen Altersgruppen ist die Gruppe der 14- bis 24-Jährigen zudem die Gruppe, in der die meisten Personen insgesamt in irgendeiner Form aktiv sind bzw. irgendwo mitmachen (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2000, Band 194.3, S. 127 ff).

Dabei kommt die Bedeutung altersgerechter Beteiligungsformen für die Entwicklung junger Menschen stärker in den Blick.

Beteiligungsmodelle müssen in allen gesellschaftlichen Bereichen vier wesentlichen Kriterien standhalten:
- Beteiligungsmodelle stellen Kinder und Jugendliche als Subjekte und Expertinnen ihres eigenen Wollens und Könnens in den Mittelpunkt. Das schließt eine Majorisierung für andere Interessenlagen aus. Beteiligungsmodelle sind weder Alibiveranstaltungen für Kommunen, Parteien, MandatsträgerInnen noch ?Rekrutierungseinrichtungen? für Erwachsenenorganisationen.
- Beteiligungsmodelle setzen unmittelbar im Lebensumfeld der Kinder und Jugendlichen an. Hier können sie ihre Kompetenzen und ihre Kreativität am besten entfalten.
- Von jungen Menschen akzeptierte Beteiligungsmodelle zeigen Wirkung. Sie hinterlassen erkennbare Spuren in den jugendlichen Lebenswelten, der Politik und Verwaltung.
- Wirkungsvolle Beteiligungsmodelle setzen die Akzeptanz und Unterstützung von Politikerinnen, Politikern, der öffentlichen Verwaltung und von Verbänden, Vereinen und Organisationen voraus. Sie benötigen ernsthafte Kooperationspartner in Politik, Verwaltung und gesellschaftlichen Organisationen ebenso wie kontinuierliche Begleitung und fachliche Unterstützung. Von besonderer Bedeutung sind ?Dolmetscher/innen?, die mit Kindern und Jugendlichen kommunizieren und Ergebnisse von Beteiligungsprozessen in die Welt der Erwachsenen und deren Formen von Entscheidungsfindung übersetzen können.

Beteiligung in der Evangelischen Jugend - inhaltsleere Worthülse oder Triebfeder einer lebendigen Gemeinschaft?

In vergangenen Jahren ist eindrucksvoll die Bedeutung von selbstorganisierter Kinder- und Jugendarbeit der Jugendverbände - auch der Evangelischen Jugend - beschrieben worden. Die Beteiligungsfrage wird dabei aber regelmäßig konzentriert auf die ebenenübergreifenden Strukturen der Selbstorganisation nach dem Delegationsprinzip und auf organisationspolitische Beteiligungsstrukturen in der Kinder- und Jugendhilfe. Eine explizite Beteiligungsperspektive der kontinuierlich angesprochenen Kinder und Jugendlichen im Alltagsvollzug ist nicht wirklich erkennbar. Sie wird zwar grundsätzlich in der Erwachsenenkirche eingefordert (vgl. Schmucker / Freitag, 1999; S. 12), doch Konsequenzen für die Gestaltung des eigenen Hauses sind erkennbar wenig reflektiert. Es geht dabei eben nicht nur um demokratische Strukturen in der Organisation, sondern um direkte Beteiligung. Genau diese wird in den gesellschaftspolitischen Diskussionen eingefordert.

Das heißt nun aber nicht, dass Evangelische Jugend die Beteiligungsfrage ausschließlich an wohlfeilen, von hauptberuflichen Mitarbeiter/innen und von jugendbewegten Pfarrer/innen ausgewählten jugendlichen Ehrenamtlichen abfeiert. Doch eine repräsentative Kenntnislage über breite Beteiligungsmöglichkeiten in Gemeinden und Kreisen vor Ort und über experimentelle Modelle ist dürftig bzw. (bei der aej) nicht vorhanden. Eine unüberschaubare Vielfalt ist wahrscheinlich.

Die beiden mit der Existenz von Jugendverbänden verknüpften Beteiligungsformen sollen an dieser Stelle skizziert werden, denn sie sind wichtig für die Interessenartikulation und -vertretung von jungen Menschen und in ihrer ebenenübergreifenden Organisation einzigartig.

Das Hohelied jugendverbandlicher Beteiligung in zwei Versen.... Evangelische Jugend versteht sich in erster Linie als Zusammenschluss von Kindern und Jugendlichen unter dem Dach der evangelischen Kirchen. Dieses auf Selbstorganisation von Kindern und Jugendlichen ausgerichtete Prinzip beinhaltet die Offenheit für alle Interessierten und basiert auf Freiwilligkeit. Maßstab für die Selbstorganisation ist die eigenverantwortliche und gemeinschaftliche Gestaltung der Aktivitäten durch alle Beteiligten bzw. durch gewählte und beauftragte Gremien. Es bestehen eigenständige, demokratische Organe der Willensbildung und somit eine organisatorische Eigenständigkeit. Formen, Methoden und Inhalte entstehen im Aushandeln zwischen den Interessen und Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen und dem christlichen Werterahmen. Wie nur wenige gesellschaftliche Organisationen können Jugendverbände wie die Evangelische Jugend ein umfassendes institutionelles Lernen in und an der Praxis der Organisation vermitteln. Politische Bildung ermöglicht die intellektuelle Auseinandersetzung; der Aufbau der Organisation und die geforderte Übernahme von Verantwortung bieten den praktischen Erfahrungshintergrund als wesentliche Voraussetzung, sich im Kräftespiel einer komplexen Gesellschaft aktiv behaupten zu können. Die gängigen Beteiligungsmöglichkeiten sind in der Evangelischen Jugend sehr vielfältig. Sie reichen vom Engagement als aktive Nutzerin / aktiver Nutzer von Freizeitangeboten über freiwilliges Engagement in diversen Projekten und Arbeitskreisen bis zur Übernahme von ehrenamtlichen Tätigkeiten und verantwortungsvollen Leitungsaufgaben. In der Realität ist der Anspruch auf Selbstorganisation und Verantwortungsübernahme nicht überall gleichermaßen erfüllt. Schon die klassischen demokratischen Strukturen lassen einiges zu wünschen übrig, sei es, weil sie von Menschen bestimmt werden, die auf ihrem Stuhl kleben, sei es durch eingeschränkte Kompetenzen bei der Steuerung der Belange der Evangelischen Jugend. Für das Letztgenannte lohnt sich der Blick in die aktuellen Jugendordnungen der Landeskirchen. Landesjugendkammern sind als Beratungsinstrument kirchenleitender Gremien nur mit Mühe für die selbstorganisierte Steuerung des Jugendverbandes Evangelische Jugend legitimierbar, Landesjugendkonvente/Landesjugendvertretungen verfügen tendenziell nur über geringe Entscheidungskompetenzen. Beiden ist gemein, dass sie i.d.R. kein Entscheidungsrecht in Personalfragen haben. Auf der gemeindlichen und Kirchenkreisebene scheint ebenfalls das autonome Entscheidungsrecht - wenn überhaupt vorhanden - doch nur sehr eingeschränkt ausgeprägt. Die Kompetenzen ehrenamtlicher Selbstorganisation reichen oft nur zur Beratung von Erwachsenengremien der Kirchengemeinden. Nur anreißen möchte ich das zweite Beteiligungsprinzip im Sinne sich ergänzender advokatorischer und direkter Interessenvertretung im Widerstreit mit anderen gesellschaftlichen Interessengruppen und verfasster Politik in Bund, Ländern und Gemeinden. Advokatorisch meint in diesem Zusammenhang die querschnittspolitische Vertretung von Interessen junger Menschen durch Vertreter/innen der Evangelischen Jugend in Jugendringen, Jugendhilfeausschüssen, dem Bundesjugendkuratorium oder in einer Vielzahl von gesellschaftlichen Organisationen. Mit direkter Interessenvertretung ist angezeigt, dass diese Lobbyarbeit durchaus nicht nur von hauptberuflichen Mitarbeiter/innen der Evangelischen Jugend wahrgenommen werden muss und wird. Diese Form von Beteiligung an der Gestaltung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen sollte zukünftig nicht weiter unterschätzt werden, weil die Kontakte über formelle und informelle Netzwerke in der (Gesellschafts-)Politik viel Akzeptanz für jugendverbandliche Arbeit produzieren und dabei die Interessen von jungen Menschen wirksam eingebracht werden können. Hier klaffen programmatischer Anspruch und Realität immer wieder auseinander. Mit der Initiative ?jugend macht politik? versucht die aej seit einigen Jahren, diese Diskrepanz abzubauen und zusammen mit aej-Mitgliedern und örtlichen Gliederungen das Feld kinder- und jugendpolitischer Interessenvertretung zu stärken. Ziel ist, jugendpolitisch Agierende der Evangelischen Jugend zu unterstützen, ihre Arbeit stärker in die Evangelische Jugend einzubinden und Leitungsverantwortliche von der Unverzichtbarkeit einer offensiven Kinder- und Jugendpolitik zu überzeugen. ... der dritte Streich kommt zugleich Reformen bestehender demokratischer Strukturen sind angesagt. Die empirischen Studien und die politischen Initiativen sprechen eine eindeutige Sprache und die Glaubwürdigkeit unserer empathisch vorgetragenen programmatischen Selbstverständlichkeiten ist in Gefahr. Evangelische Jugend wird nicht umhin können, die eigenen demokratischen Strukturen stärker zu reflektieren und fortzuentwickeln, um Beteiligungsmöglichkeiten weiter auszubauen. Dazu gehören auch Experimente mit neuen Beteiligungs- und Entscheidungsformen (örtliche Foren mit Entscheidungsbefugnis für alle interessierten Kinder und Jugendliche, Urabstimmungen, etc.), die zum Ziel haben, Beteiligung nachhaltig zu verankern. Die altersgerechte und umfassende Beteiligung von Kindern und Jugendlichen wird zukünftig einer der wesentlichen Maßstäbe für die Qualität und Wirkungstiefe jugendverbandlicher Arbeit sein . Hierauf müssen sich die Verantwortlichen in Kirche und der Evangelischen Jugend aber auch hauptberufliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einstellen. Evangelische Jugend wird gleichzeitig als jugenddominierter und selbständiger Teil evangelischer Kirche unweigerlich zu einem unverzichtbaren Teil kirchlicher Erneuerung. Sie kann mit einer eindeutigen Zuwendung zu einer dauerhaft wirkungsvollen Beteiligung junger Menschen dazu beizutragen, die Selbstblockade von Kirche (vgl. Ebertz, 1999) aufzulösen und milieuspezifische Formen von Kirche für junge Menschen zu entwickeln, als Teil eines gesamtkirchlichen Angebots. Kirche verändert sich damit zu einer Lern- und Veränderungsgemeinschaft, die Biographien und Lebenslagen der Menschen bei der Suche nach Antworten auf religiöse Fragen ernst nimmt und bereit ist, neue und auch überparochiale Orte für die milieuspezifischen Übersetzungen der Botschaft vom kommenden Reich Gottes zu schaffen. Im Mittelpunkt steht der einzelne (junge) Mensch auf der Suche nach Orientierung - ein Resonanzboden für eine beteiligungsorientierte Kirche, deren weltliche Existenzgrundlagen durch eine an wesentlichen Entscheidungen beteiligte Mitgliederschaft gesichert ist.

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Martin Hofmann: Wie demokratisch muss die Kirche sein?

Die Frage nach der Macht

Die Frage nach der angemessenen Verfassung der Kirche ist im Kern die Frage nach der Macht. Wer übt sie aus in der Kirche? Wer ist an ihr beteiligt? Wie wird sie kontrolliert? Wie fallen Entscheidungen in der Kirche, und wie organisiert sie ihre Leitung?
Diese Fragen waren zu allen Zeiten aktuell. Das zeigt die Entwicklung der Ämter in der Kirche, und das zeigen die unterschiedlichen Strukturen und Organisationsformen in den verschiedenen Kirchen. Neue Brisanz aber erhalten diese Fragen in einer Zeit, in der besonders die evangelischen Kirchen zunehmend auf Unternehmensstrategien und Managementmethoden setzen, um das ?Unternehmen Kirche? wettbewerbsfähig für den ?religiösen Markt? zu machen. Gerade da muss nach den theologischen Grundlagen für den Umgang mit Macht und ihre Gestaltung gefragt werden.

Dazu haben wir in der Kirche freilich ein sehr gebrochenes Verhältnis. In der Erinnerung an Jesu Wort: Wer der erste unter euch sein will, der sei euer Diener? hat Macht den Geruch des Unchristlichen. Dabei wird der Begriff ?Macht? viel zu schnell identifiziert mit Herrschaft oder Gewalt. Und auch die Tabuisierung des Machtbegriffs in der Kirche schützt gerade nicht vor ihrem Missbrauch. Manfred Josuttis hat dies kurz und knapp auf den Punkt gebracht:
? Die Kirche ist nicht das Reich Gottes. Deshalb bedarf sie der Machtregulierung in jener Zweideutigkeit, in der die Einheit von Liebe, Macht und Gerechtigkeit immer nur annäherungsweise realisiert werden kann. Deshalb bedarf sie aber auch des gewiss geregelten Kampfes um Macht, bedarf sie des Streites, der Konflikte. Die Kapitulation vor der Macht, die sich im Machtverzicht ausdrückt, ist faktisch eine Form ihrer Anbetung. Die Theologen müssen aus ihren Träumen erwachen? (Der Traum des Theologen, 150).
Leitung in der Kirche wahrzunehmen heißt vielmehr, mit Macht umzugehen, sie wahrzunehmen, sie durchsichtig zu machen, sie zu ordnen, zu begrenzen und letztlich kontrollierbar zu machen. Nun gibt es dafür in unserer Kirche verschiedene Ansätze.

Die Verfassung der Ev.-Luth. Kirche in Bayern

Eine grundlegende Klärung versucht die Kirchenverfassung: Ein Rückblick auf die Entstehungszeit zeigt die ursprünglichen Intentionen. Nach dem Ende des landesherrlichen Kirchenregiments 1918 bzw. 1920 stellte sich die Frage nach dem legitimen Inhaber der Kirchengewalt. Zunächst wurde überlegt, sie der Generalsynode zu übertragen, weil diese die Kirchengemeinden repräsentierte. Dabei hatte man anders als im Augsburger Bekenntnis (CA), Art. 28, die Kirchengewalt ausschließlich als Gesetzgebungsautorität verstanden. Vorbehalte gegen übereilte Beschlüsse und zufällige Mehrheitsentscheidungen aber führten dazu, dass man sich zu einer Gewaltenverschränkung zwischen Generalsynode und Oberkonsistorium entschloss. Weil aber schon damals die Klagen laut waren über eine allzu bürokratisch organisierte Kirchenleitung führte man in der Verfassung das Amt des Generaldekans, später Kreisdekan genannt, ein. Er sollte den seelsorgerlichen Auftrag der Kirchenleitung wahrnehmen. Außerdem beschloss man aus diesem Grund das Selbstverwaltungsrecht der Kirchengemeinden und setzte einen geistlichen Kirchenpräsidenten als episkopales (bischöfliches) Element an die Spitze der Landeskirche. So kam es zu der seit 1921 gültigen Kirchenverfassung mit den vier kirchenleitenden Organen und der Verschränkung des episkopalen, synodalen und konsistorialen Leitungsmodells.
Der Blickwinkel der Verfassung ist klar: Leitung geschieht von oben her für den Körper der territorial strukturierten Landeskirche. Er wird einerseits hierarchisch organisiert wie eine Verwaltungsbehörde, andererseits nimmt man demokratische Gedanken auf wie die Gewaltenteilung und die Repräsentation und Mitwirkung der Gemeindeglieder. Eine Mischung von Leitungsprinzipien, die in ihrer Verschränkung funktionieren kann, die aber bei einer Glaubwürdigkeitskrise der Institution Amtskirche auch zum Hemmschuh für eine innere, geistliche Erneuerung werden kann.

Das Prinzip der Konziliarität

Einen anderen Ansatz, den Umgang mit Macht zu regeln, finden wir im konziliaren Gedanken: Günter Breitenbach hat ihn in seinem Buch ?Gemeinde leiten? für diese Ebene ausführlich dargelegt. ?Konziliares Denken ist auf partizipative Leitungsformen ausgerichtet.? Es verwirklicht sich in einem ?Zusammenspiel von personaler Verantwortung, demokratischer Entscheidungsfindung und freier Basisbeteiligung? (S. 308). Damit verschränkt das Modell der Partizipation die drei klassischen Leitungsformen, die sich in der ökumenischen Bewegung ausgebildet haben: die episkopale, die presbyteriale und die kongregationale Leitungsform. ?Konziliare Leitungspraxis ist ein Modell für die Gestalt des Zusammenspiels der drei Leitungsformen der Kirche. Sie bringt die Leitung durch das Amt, die Leitung durch repräsentative Versammlungen und die Leitung durch die ?freie Geistesmacht? miteinander ins Spiel? (S. 313). Es ist deutlich, dass in diesem Modell die Machtfrage anders gelöst ist als in hierarchischen Modellen. Macht lässt sich hier als Spannungsverhältnis im Dreieck von beauftragten Mitarbeitenden, gewählten Gremien und freier Basisbeteiligung begreifen. ?Im Dreieck gibt es definierte Teilverantwortlichkeiten, aber nicht den Primat letztverantwortlicher Führung. Der Primat der Sache ist im Wechselspiel der Beziehungen verankert? (S. 312).
Zusammenfassend lässt sich sagen: ?Die Leitungsinstanzen stehen in einem nichthierarchischen Spannungsverhältnis zueinander, sie ergänzen und kontrollieren sich gegenseitig. Sie sind an den Auftrag der Kirche gebunden, in der Kooperation aneinander gewiesen und in der Entscheidungsfindung und Konfliktregelung zur Einhaltung von Verfahrensregeln verpflichtet. Die Koordination der Leitungsebenen in der Gemeinde organisiert sich als Netzwerk. Ihr Streit um die Wahrheit und ihr Rückbezug auf den Auftrag der Kirche gestaltet sich als konziliarer Prozess? (S. 313).
Im politischen Bereich entspricht der konziliaren Leitungsstruktur die Idee des Runden Tisches.
Für die Umsetzung eines solchen Modells auf der Gemeindeebene ist die Unterscheidung Christof Bäumlers (?Kommunikative Gemeindepraxis?) von Verfahren und Diskurs hilfreich. Gemeindliche Entscheidungsprozesse bedürfen geregelter Verfahren und klarer Entscheidungsregeln, aber um sie kommunikativ verträglich zu gestalten, kann das Diskurs-Modell das kritische Regulativ bilden. Das heißt: Die durch Verfahren getroffenen Entscheidungen sind durch diskursive Meinungsbildung vorzubereiten, hinsichtlich ihrer Konsequenzen kritisch zu reflektieren und in ihrer Verwirklichung zu begleiten.

Das Verständnis von Macht Hinter diesen Modellen von Leitung steht natürlich auch eine bestimmte Auffassung von Macht. Hierarchischen Modellen liegt meist das Machtverständnis zu Grunde, das fast durchgängig die gesellschaftliche und politische Wirklichkeit bestimmt und das der Soziologe Max Weber schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts folgendermaßen charakterisiert hat: ?Macht ist die Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf die Chance beruht? (Wirtschaft und Gesellschaft, 28). Von diesem Verständnis aus definierte Weber auch das staatliche Gewaltmonopol als das Monopol legitimen staatlichen Zwangs. Macht und kollektive Gewaltausübung werden in dieser Auffassung sehr eng mit Autorität und Leitung verbunden. Daraus ergibt sich die Tendenz zu einer hierarchischen Ordnung von Macht. Eine völlig andere Auffassung von Macht vertrat die Philosophin Hannah Arendt. Sie wandte sich gegen die unmittelbare Verknüpfung von Macht und Gewalt; denn Gewalt hat grundsätzlich instrumentellen Charakter, Macht aber institutionellen. Das heißt: Gewalt ist ein Mittel zu einem Zweck und muss von den Folgen her gerechtfertigt werden. Macht aber ?entspricht der menschlichen Fähigkeit nicht nur zu handeln oder etwas zu tun, sondern sich mit anderen zusammenzuschließen und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln? (Macht und Gewalt, 45). Macht wird bei ihr also verstanden als die Fähigkeit, sich in zwangloser Kommunikation auf ein gemeinschaftliches Handeln zu einigen. Darum wird Macht auch immer von der Mehrheit getragen bzw. von ihr übertragen und verliehen. Macht unterliegt der Legitimation und kann auch entzogen werden. Sie ist aber in diesem Rahmen die notwendige Voraussetzung von sozialer Ordnung. Es liegt auf der Hand, dass ein konziliares Leitungsverständnis diesem Machtbegriff viel mehr entspricht. Von da aus ist weiter zu fragen, welche Sozialgestalt und welche Gestaltungsprinzipien dem Wesen und dem Auftrag der Kirche angemessen sind. Kirchen-Leitung durch Wort und Sakrament Unstrittig ist in der evangelischen Kirche, dass der Heilige Geist seine Kirche ?beruft, sammelt, erleuchtet, heiligt und bei Jesus Christus erhält im rechten einigen Glauben?, wie es Luther im Kleinen Katechismus formuliert. Unstrittig ist auch, dass dies nach CA 5 durch das Predigtamt geschieht, also durch die Verkündigung des Evangeliums und die Darreichung der Sakramente. Durch Wort und Sakrament geschieht die geistliche Leitung der Kirche ?ohne menschliche Gewalt, sondern durch das Wort? nach CA 28. Nun wäre es verfehlt, die rechtliche und soziale Seite der Kirche von der geistlichen Seite abzutrennen und anderen Kriterien zu unterwerfen. Das hat auch CA 28 ausdrücklich nicht getan. Vielmehr ist es naheliegend, Wort und Sakrament nicht nur als isolierte Instrumente geistlichen Handelns zu betrachten, sondern deren inhaltliche Seite zu entfalten. Wort und Sakrament enthalten ja auch Maßstäbe, die für das Leitungshandelns sowie die rechtliche und soziale Gestalt der Kirche fruchtbar gemacht werden können. Ich will dies am Beispiel des Abendmahls zeigen. Kann dieser exemplarische Ort Kriterien abgeben für die Gestaltung der Existenzform der Kirche und ihre Leitungsstruktur? In der ökumenischen Diskussion hat in den letzten Jahrzehnten die sog. eucharistische Ekklesiologie als Gegengewicht zu einer universalistischen Ekklesiologie eine besondere Rolle gespielt. Sie wurde ursprünglich von dem russisch-orthodoxen Theologen Nicolai Afanasév (1893-1966), der auch als Berater beim Zweiten Vatikanischen Konzil tätig war, in Paris entwickelt. Folgende Gesichtspunkte daraus sind für die gegenwärtige Diskussion um das leitende Handeln der Kirche wichtig: - Der ekklesiale Leib Christi, die Kirche, geht hervor aus dem eucharistischen Leib Christi, den Gaben von Leib und Blut. In der Mahlfeier wird die Gemeinde selbst zu dem, was sie empfängt: zum Leib Christi (nach 1.Kor 10,16). - Damit ist jede Ortsgemeinde als solche voll und ganz Kirche. Sie ist also nicht nur unvollständiger Teil einer übergeordneten (landes)kirchlichen Organisation. - Die Beziehungen zwischen den einzelnen Ortskirchen sind von gegenseitiger Fürsorge und Rezeption geprägt. Weil jede Ortskirche in der anderen Ortskirche sich selbst bzw. das Wirken des Geistes Gottes wiedererkennt, kann rezipiert werden, was dort von Gott her geschehen ist, muss aber auch kritisiert werden, was dort als irrig erscheint. Gegenseitiges Lernen von einander und das Teilen materieller Güter gehören zu dieser Beziehung. Aus diesem konstitutiven Geschehen von Kirche lässt sich zwar keine bestimmte Verfassung direkt ableiten, wohl aber lässt dieses Geschehen so etwas wie Prinzipien oder Findungsregeln erkennen mit deren Hilfe die Sozialform, die rechtliche Gestalt und die Leitungsstruktur von Kirche so zu gestalten ist, dass sie ihrem Grundgeschehen entsprechen. Nicht zufällig sind im eucharistischen Geschehen Merkmale eines konziliaren Modells enthalten. Denn die Feier des Abendmahls ist in sich selbst konziliar strukturiert. Folgende Prinzipien sind zu erkennen: - Die Gleichheit der Gemeindeglieder, - die Partizipation aller am konstitutiven Geschehen, - die Delegation von Verantwortung an den Liturgen, - die Solidarität in gegenseitiger Fürsorge sowie - in der alten Kirche besonders wichtig, das Teilen der mitgebrachten Dankesgaben und Austeilen an die Armen, - die gemeinsame Suche, ggf. auch der Streit um die Wahrheit im Austausch mit anderen Gemeinden, - die Rezeptionsbedürftigkeit von konziliaren Entscheidungen durch die Einzelgemeinde. Damit sind Maßstäbe gefunden, denen kirchliche Strukturen und kirchliches Leitungshandeln auf den verschiedenen Ebenen entsprechen müssen, solange Kirche sich als ?Wohnung des Geistes Gottes? (1.Kor 3,16) versteht. Kirche des Heiligen Geistes Wie begegnet dieser Geist, für welche Aufgaben nimmt er Gemeinden in Dienst, wie wirkt er sich aus in der Konstitution von kirchlichen Existenzformen und welche Kriterien sind daraus für kirchenleitendes Handeln zu gewinnen? Ich greife dazu auf den Ansatz zurück, den Geiko Müller-Fahrenholz, ein aus der ökumenischen Bewegung kommender Theologe, in seinem Buch ?Erwecke die Welt. Unser Glaube an Gottes Geist in dieser bedrohten Zeit? gewählt hat. Sein Ansatzpunkt ist der neutestamentliche Begriff der Ökodomie, des Gemeindeaufbaus. Im Lauf der Geschichte hat sich der Geist, diese Kraft Gottes, immer wieder seine ökodomischen Zentren geschaffen, Gemeinschaften also, die aus der Kraft dieses Geistes lebten, die missionarisch über sich selbst hinaus wirkten, die in der Kraft des Geistes gegen Leid und Elend kämpften und sich schließlich - so die Erkenntnis der neueren ökumenischen Bewegung - zur Haushalterschaft in dem einem Haus der Erde gerufen sahen. In dreierlei Gestalten formen sich gegenwärtig diese ökodomischen Zentren aus: in der Gestalt der lokalen Gemeinden, in der Gestalt von Initiativgruppen mit überparochialem Aktionsradius und im Netzwerk eines ökodomischen Bundes der weltweiten Ökumene. MüllerFahrenholz begreift diese kirchlichen Existenzformen, in der bezeichnenderweise die Organisationsform Landeskirche nicht auftaucht, selbst als Anfrage an die traditionellen Organisationsmuster von Kirche. Entscheidend an diesem Zugang zu Gestalt und Ordnung der Kirche scheint mir zu sein, dass hier nicht von der etablierten Institution Kirche aus gedacht wird, die zunehmend gefährdet erscheint und darum bewahrt werden muss, sondern dass hier vom Auftrag der Kirche her gedacht wird und danach die geeigneten Sozialformen gesucht werden. Den Leitgedanken ökodomischer Gemeinden erkennt Müller-Fahrenholz darin, wie Gottes Schalom sich als Schöpfungsfriede gestalten kann. Der Auftrag von christlichen Gemeinden wäre demnach die Mitarbeit an der Gestaltwerdung dieses Schöpfungsfriedens in relativer, vorläufiger und gleichnishafter Form. Entsprechend den Dimensionen von Gottes Schalom umfasst dieser Schöpfungsfrieden alle Beziehungen des menschlichen Lebens. Die Beziehung zu Gott, zu den Mitmenschen, zu sich selbst und zum Ökosystem Erde. Biblisch formuliert wäre diese Leitaufgabe der ?Dienst der Versöhnung? nach 2.Kor 5,19. Werfen wir von da aus noch einmal einen Blick auf die Institution Landeskirche. Sie muss aus dem entwickelten System nicht herausfallen, sie kann als regionale Organisationsform lokaler Gemeinden gelten, die ihnen hilft ihre Leitaufgabe zu erfüllen. Unter dieser Perspektive müsste meines Erachtens die Organisationsform Landeskirche, ihre Strukturen und ihre Ämter sowie ihre Leitungsvorstellungen geordnet werden. Dass sie unter diesem Blickwinkel eine andere Gestalt gewinnt als die eines mehr oder weniger hierarchisch geordneten und durchstrukturierten Herrschaftsverbandes liegt auf der Hand. Kriterien für diese Gestaltung: Sowohl vom Abendmahl als Grundgeschehen der Kirche als auch von ihrer Gestalt als Netzwerk ökodomischer Zentren legen sich die Grundprinzipien nahe, die im Lauf des konziliaren Prozesses der Kirchen entwickelt wurden: - Wahrheits- und Konsenssuche, d.h. Kirchen und Christen stellen sich unter den Anspruch der Wahrheit Jesu Christi. - Partizipation und Öffnung der konfessionellen Grenzen, d.h. der konziliare Prozess findet auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens statt und beteiligt Gemeinden und Gruppen, Synoden und Kirchenleitungen an der Überzeugungs- und Willensbildung. - Kommunikation und Entscheidung , d.h. der konziliare Prozess ist ein Entscheidungsprozess. - Rezeption und Verbindlichkeit; d.h. konziliare Entscheidungen erhalten ihre Verbindlichkeit letztlich erst durch die Rezeption der kirchlichen Basis. Konkret bedeutet dies, dass nach diesem Modell die unterschiedlichen Interessengruppen, die gemeindliche Basis und die repräsentativen Gremien in Vorgänge der Meinungsbildung und der Entscheidungsfindung, der Gestaltung und Verantwortung einzubeziehen sind. Dies sprengt die Vorstellung von strategischer und operativer Ebene als Strukturprinzip für Kirchenleitung. Dies stellt auch die Fixierung auf die Leitungskompetenz von Amtsträgern in sog. leitender Position in Frage. Wird damit nicht das Gegenüber von Amt und Gemeinde weiter befestigt und die Teilhabe-Rechte der Gemeindebasis an Leitungsvorgängen beschnitten? Eine Konsequenz dieser Einsicht könnte sein, dass Fortbildungen im Leitungshandeln für Amtsträger nur gemeinsam mit mindestens einem Vertreter des zugeordneten synodalen oder presbyterialen Gremiums durchgeführt werden. Dann wären automatisch die Fragen von Kooperation und Kommunikation mit thematisiert. Das würde auch inhaltlich der Frage ?Wie sind haupt-, neben- und ehrenamtliche Mitarbeitende zu führen?? ein anderes Gesicht geben. Anfragen Von da aus ergeben sich Anfragen an die in unserer Kirche praktizierten Leitungsmodelle: 1. Auf welcher Ebene unserer Kirche bzw. in welcher kirchlicher Existenzform - Ortsgemeinde, Initiativgruppe oder Regionalkirche - wird mit welchem Leitungsmodell gearbeitet? In welchem Verhältnis stehen dabei die episkopalen, presbyterialen und kongregationalistischen Elemente? 2. Wenn das konziliare Modell auch für die Gemeindeleitung praktizierbar erscheint, so ist doch zu fragen, inwieweit dies auch für die Leitungsstruktur unserer Landeskirche möglich ist. Die Basisbeteiligung an Entscheidungsprozessen gelingt dort kaum. Auch die Initiativgruppen in unserer Kirche sind in solchen Prozessen kaum vertreten, ja werden als legitime kirchliche Existenzformen so kaum wahrgenommen, eher als Störfaktor - man denke nur an Friedens-, Asyl- oder Umweltgruppen. 3. Unsere Kirchenverfassung arbeitet mit einer Verschränkung der Gewalten und einem Zusammenspiel von synodalen, episkopalen und kollegialen Leitungsformen. Das kongregationalistische Element kommt dort zweifellos zu kurz. Trotzdem ist sie damit offen auch für konziliare Leitungsmodelle. Schauen wir von da aus auf die gegenwärtigen Tendenzen, die Führungs- und Leitungskompetenz in unserer Kirche zu stärken, so ist zu fragen: Welcher in der Verfassung angelegte Strang soll damit verstärkt werden? Das konziliare Zusammenspiel oder das hierarchische Denken? Die ständige Rede von strategischen und operativen Ebenen, von der Dienst- und Fachaufsicht Einzelner über Einzelne, das Drängen auf einheitliches Profil und Erscheinungsbild der Landeskirche als Institution scheint mir eine eindeutige Sprache zu sprechen. Da ist zu fragen: Lässt sich dieses Bild von Kirche mit dem Wirken des Geistes Gottes unter uns in seiner ganzen Vielfalt in Einklang bringen? 4. Welche Konsequenzen würde die Umsetzung eines konziliaren Leitungsmodells nach sich ziehen? Ich deute nur einige Punkte an, die ich für diskussionswürdig halte: Eine Kirche, die sich im beschriebenen Sinn als Netzwerk ökodomischer Zentren versteht, müsste sich folgerichtig von unten her aufbauen. - Was bedeutet dies auf der Gemeindeebene - für die Gemeindeleitung, für die Ämterkumulation auf dem Pfarramt, für die Partizipation der Gemeindeglieder, für die Finanzierung der Gemeinde (Mitgliedsbeiträge oder Haushaltszuweisungen), für den Personaleinsatz und für die Kooperation und Arbeitsteilung mit Nachbargemeinden? - Was bedeutet dies auf der sog. mittleren Ebene - für Finanz- und Personalhoheit? - Was bedeutet dies auf landeskirchlicher Ebene - für das Selbstverständnis (Netzwerk oder Kirchenleitung)? - Was bedeutet dies für die ökumenische Arbeit (Sonderthema oder Leitaufgabe: Dienst der Versöhnung im ?Haus der einen Welt?)? - Was bedeutet dies für die Stellung der Kirche in der Gesellschaft (Funktionserfüllung oder Gegenkultur)? Die Ausgangsfrage ?Wie demokratisch muss die Kirche sein? hat sich als Frage nach dem Umgang mit Macht und als Frage nach der rechten Gestalt und Ordnung von Kirche herausgestellt. Die theologische Antwort darauf liegt nicht in der Anpassung an politische Verfassungsmodelle - demokratisch, sozialistisch, oligarchisch o.ä. -, sondern in der Besinnung auf den Urheber und das Wesen von Kirche: Wenn Kirche Volk Gottes ist, berufen, gesammelt und gesendet durch seinen Geist, dann muss auch ihre Ordnung die Vielfalt des Geistes und die Einheit unter dem einen Herrn widerspiegeln. Das ist am ehesten in einem konziliaren Modell und in einem Aufbau der Kirche von unten, von den Ortsgemeinden her, möglich. In einer Zeit neuer Hierarchisierungsversuche ist es wichtig, diese alten Einsichten festzuhalten.

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Gudrun Kreft: Party-zipation

Engagement und Spaß

Feucht-fröhliche Beteiligung oder Mitbestimmung im Techno-Sound sind Bilder, die sich mit einer Leitkultur der Spaßgesellschaft in Verbindung bringen lassen. ?Halb soviel Engagement, doppelt so viel Spaß?, ?Volle Partizipation bei halbierter Mühe?, so könnten Werbesprüche für Partizipation lauten. In den Augen vieler Erwachsener degeneriert die Beteiligungskultur beim Nachwuchs zur Partyzipation.

Der Blick in die letzten Jahrzehnte lehrt uns, dass die demokratische Spaßgesellschaft schon seit langem ihre geselligen Rituale pflegt. Viele Parteiveranstaltungen dienen ebenso der Geselligkeit wie der politischen Diskussion, man denke an den politischen Aschermittwoch. Wahlparties sind nicht nur im sogenannten Mutterland der Demokratie - den USA - fester Bestandteil der demokratischen Kultur, sie sind auch in Deutschland üblich. Mit dem Unterschied, dass die Amerikaner vor der Wahl Parties veranstalten, und in Deutschland mit der Party gewartet wird, bis die Wahl vollzogen ist. Im Resultat feiern die Wahlverlierer die Parties dann weniger fröhlich.

Aber nicht nur Wahlen bieten Anlass für Feste und Feiern, nicht nur in der (Partei-) Politik wird Geselligkeit groß geschrieben. Ob in Gewerkschaften, Kirchen, in sozialen oder ökologischen Organisationen, Engagement und Spaß sind eng verschwistert. Das traditionelle Motto lautet allerdings in der Regel: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Politisches, religiöses, soziales Engagement ist eine ernste Sache. Wenn man dies erledigt hat, kann man auch feiern. Vermutlich stammt daher auch die Reihenfolge: erst Wahl, dann Party.
Die Diskussion über Politikverdrossenheit im vergangenen Jahrzehnt hat hinsichtlich der Heranwachsenden begonnen, aber das Phänomen nach und nach als ein durchaus nicht nur jugendspezifisches erkannt. Die Untersuchungen zum freiwilligen Engagement belegen die geringe Bereitschaft, sich für die Sache aufzuopfern, aber die große Bereitschaft etwas Sinnvolles zu tun, wenn es überschaubar und mit einer klaren Zielsetzung versehen ist. ?Undankbare? Ehrenämter wie Protokoll- und Kassenführung, sowie andere zeitaufwendige Aufgaben bleiben immer häufiger unbesetzt, nicht nur in Jugendverbänden.


Richtige Beteiligungsformen

Das mühevolle Engagement mit möglichst viel Spaß zu verbinden scheint ein Ausweg aus dem Dilemma zu sein. Zahlreiche alte und neue Formen werden ausprobiert. Statt einer Kundgebung zum 1. Mai , veranstaltet die Gewerkschaftsjugend an vielen Orten eine Job-Parade. Demonstration und Loveparade gehen ineinander über, es wird ?abgetanzt? und auf drängende Probleme der Jugendarbeitslosigkeit hingewiesen. Ob Job-Parade oder 1.-Mai-Demo die richtige Beteiligungsform ist, entscheidet sich erst einmal quantitativ. Bei der Job-Parade sind die jungen Menschen dabei, bei der Kundgebung nicht.

Mit den neuen Kommunikationstechnologien wurde eine weitere Beteiligungsform entdeckt: das Internet. Im Vorfeld zur Landtagswahl in Niedersachsen bot der Landesjugendring die Wahl auf Probe für Jugendliche im Internet an. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend versuchte mit dem Projekt ?Akiju (Achtung Kinder und Jugendliche)? im Internet Aussagen von Kindern und Jugendlichen über die sie bewegenden Themen und über ihre Lebenssituation zu bekommen. Zielsetzung dieses Projektes war die direkte Beteiligung der Zielgruppe am 11. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung, der von einer Expertenkommission erarbeitet worden ist.

Eine ähnliche Beteiligungsform wurde auf der Bundesebene bereits für das Weißbuch der EU zur Jugendpolitik angeboten. Grundgedanke ist die universelle Erreichbarkeit des Internets, und die Annahme, dass es gerade die junge Generation ist, die das Internet nutzt. Hinzu kommt die Möglichkeit, über den lokalen Raum hinaus Beteiligungsprozesse via Internet zu initiieren. Die Annahme allerdings, einen breiten und repräsentativen Querschnitt von Kindern und Jugendlichen im Rahmen dieser Projekte zu beteiligen, muss bezweifelt werden. Die Internet-Nutzung ist bildungs- und geschlechtsspezifisch unterschiedlich, wie alle bisher durchgeführten Studien, aber auch die praktischen Erfahrungen in der Kinder- und Jugendarbeit belegen.

Der Versuch, Kinder und Jugendliche in demokratische Beteiligungs- und Entscheidungsprozesse einzubinden, hat zahlreiche Formen mit unterschiedlicher Lebensdauer hervorgebracht: Kindergipfel, Wahlprojekte, Politspiele, Aktionen usw. Ihre Zielsetzung ist in der Regel, Kinder und Jugendliche für eine demokratische Beteiligung zu gewinnen, die bislang nicht in Beteiligungsprozesse eingebunden waren. Die Arbeitsformen werden aus der Einsicht heraus entwickelt, dass das Beteiligungsinteresse nicht durch trockene Information oder die Teilnahme an einer Stadtrats- oder Bundesratsitzung geweckt werden kann. Partizipation muss Spaß machen. Aber demokratische Prozesse sind gleichzeitig auch immer mit Anstrengungen verbunden. (?S.a. Gudrun Kreft, ?Demokratie braucht Bildung?in: ?das baugerüst? 3/99)
Jugendverbände haben sich in den vergangenen Jahren als ?Werkstätten der Demokratie? bezeichnet. (Vgl. Dokumentation der Fachveranstaltung zum 50jährigen Bestehen des Deutschen Bundesjugendring.) In Werkstätten wird nicht gefeiert, in Werkstätten wird gearbeitet. Die Erkenntnis, dass demokratische Prozesse Kenntnisse und Wissen benötigen, dass es seine Zeit braucht bis alle Interessen berücksichtigt sind und ein entscheidungsreifer Kompromiss gefunden ist, führt in Jugendverbänden vielleicht manchmal dazu, über der Arbeit den Spaß an der Demokratie zu vergessen. Die Pflicht zur jugendpolitischen Interessenvertretung auf allen Ebenen der Politik und der Wille, Partizipation im politischen Raum professionell zu betreiben, verstellt manchmal den Blick für die Potenziale und Grenzen, die Kinder und Jugendliche in Beteiligungsprozesse einbringen. Die Professionalität der Jugendverbände liegt insbesondere darin, die Beteiligungspotenziale der Kinder und Jugendlichen zur Entfaltung zu bringen, und ihren Missbrauch zu verhindern.


Zwischen Party und Arbeit

Es ist eine altbekannte Tatsache, dass sich Politikerinnen und Politiker gerne in der Öffentlichkeit mit Kindern und Jugendlichen präsentieren. Die Aufmerksamkeit der Medien ist ihnen sicher, und das politische Signal ?Wir kümmern uns um unsere Zukunft? schreibt sich jede Partei gerne auf ihre Fahnen. Die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an politischen Entscheidungsprozessen kann hierbei leicht zur öffentlichen Show verkümmern und eine nachhaltige Partizipation verhindern. Es kann auch bei Politikerinnen und Politikern eine Neigung zur Partyzipation - mit hohen Fun- und geringen Beteiligungspotenzialen - vorhanden sein, die beständig kritisch hinterfragt werden muss.

Allerdings sollte nicht vorschnell jede Anstrengung der Politik zur Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen in diese Ecke gestellt werden. Politik hat durchaus die Aufgabe, angemessene und erlebnisreiche Beteilungsformen zu unterstützen. Im politischen Bereich muss Verständnis dafür geweckt werden, dass Kinder und Jugendliche gelangweilt und überfordert werden, wenn sie sich an Gremiensitzungen und Kommunikationsprozessen beteiligen, deren Regeln sie (noch) nicht kennen, und deren Langatmigkeit ein Beharrungsvermögen voraussetzt, das auch viele Erwachsene heute nicht mehr einsetzen wollen.

Jugendverbände haben in ihrer anwaltlichen Funktion für die Interessen von Kindern und Jugendlichen insbesondere die Aufgabe und die Potenziale, geeignete Partizipationsformen anzuregen und zu entwickeln. Die Entwicklungsarbeit ist sowohl intern in den verbandlichen Strukturen nötig, als auch nach außen in die jugendpolitischen Kommunikationsstrukturen erforderlich. Partyzipation ist als Methode, die Jugendliche dort anspricht, wo ihre (Freizeit)interessen liegen, ein wichtiger erster Schritt auf dem Wege zur kontinuierlichen Beteiligung von jungen Menschen an demokratischen Prozessen. Events und Feste können mit dem Ziel verbunden werden, Jugendliche auf ein Thema aufmerksam zu machen, das sie betrifft.

Partyzipation kann also ein Vehikel zur Beteiligung sein, sie darf aber nicht mit dem Ziel Partizipation verwechselt werden. In Beteiligungsprozessen (nicht nur) für Jugendliche sollte eine ausgewogene Mischung von Party und themenzentrierter Arbeit zum Tragen kommen. Jugendverbände sind nicht der einzige Ort, an dem junge Menschen zur Beteiligung motiviert werden. Auch in der Schule, in Initiativen und offen organisierten Beteiligungsformen wird jungen Menschen die Möglichkeit geboten, sich zu engagieren. Hier bieten sich viele Möglichkeiten der Zusammenarbeit, um unterschiedliche Beteiligungsformen einzusetzen und verschiedene Zielgruppen zu erreichen. Jugendverbände sollten ihre spezifischen Kompetenzen nutzen, um Partizipationsansätze aufzugreifen und zu verhindern, dass mit einer oder zwei Parties die Partizipation abgearbeitet und abgetanzt ist.

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Autorinnen und Autoren des Heftes

  • Heike Baier, Kaiserslautern
    Dipl. Religionspädagogin (FH),Referentin für Jugendverbandsarbeit im Landesjugendpfarramt der Evang. Kirche in der Pfalz
  • Felix Barckhausen, Berlin
    Jurist und NPO-Berater, Mitglied des aej-Vorstands
  • Stefan Buch,
    Student, Mitarbeiter bei der AG LJV
  • Mike Corsa, Hannover
    Generalsekretär der aej
  • Oliver Dimbath, München
  • Soziologe
  • Armin Felten, Nürnberg
    Pfarrer, Leiter der Gemeindeakademie Rummelsberg
  • Miriam Gade, München
    Studentin
  • Hermann Hörtling, Stuttgart
    Fachlicher Leiter des ejw
  • Martin Hofmann, Bayreuth
    Pfarrer am Predigerseminar
  • Martin König, Berlin
    Referent der Arbeitsgemeinschaft Evang. SchülerInnenarbeit
  • Gudrun Kreft, Freiburg
    Abteilungsleiterin im Sozial- und Jugendamt der Stadt Freiburg
  • Dr. Martin Nörber, Wiesbaden
    Referent für politische Bildung
  • Dr. Thomas Rauschenbach, Dortmund
    Professor
  • Werner Schanz, Nürnberg
    Pfarrer i.R.
  • Dr. Benedikt Sturzenhecker, Münster
    Diplom-Pädagoge, Supervisor, Referent im Landesjugendamt
  • Ulrich Willmer, Würzburg
    Pfarrer, ehem. Vorsitzender der Evang. Jugend in Bayern

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