das baugerüst 1/00 - nachts

Inhalt

Wolfgang Noack: Nachtleben - Einführung in das Heft

  • NACH(T)GEDANKEN
    Gottfried Stoll: Und es ward Nacht
    Christof Bizer: Die dunkle Seite Gottes. Ein theologischer Gedankengang, in einem dichten, meditativen Studientext
    Christopher Lesko: Träume
    Benedikt Werner Traut: Die Nacht. Eine menschliche Grunderfahrung
    Marianne Hassel: Mitten in der Nacht. Die zwei Seiten einer Geschichte (1. Sam. 3)
  • NACHTLEBEN
    Ralph-Ruprecht Bartels: Ich seh den Sternenhimmel. Eine Nacht auf der Düne
    Dieter Niermann: nachts ... ! Ein Projekt rund um finstere Themen - Erfahrungsbericht aus der kirchlichen Jugendarbeit in Bremen/Lesum
    Yvonne Hatzold: Nachtreise
    Günter Ruddat:
    Liturgische Nacht - eine Erinnerung an die Zukunft?
    Giseher Quast/ Hendrik Pistor/ Frieder Aechtner: Nacht der Lichter im Dom zu Magdeburg
    Angelika Schön/ Michael Gottweiss: Im Juli lernen Fische fliegen Jugendkirche 99
    Nachtprojekte:
    Karin Mack: "Sucht euch einen Übernachtungsplatz"
    Gerda Gertz: Mädchen erobern sich die Nacht
    Midnight Basketball
    Games bis Augen weg
    Hans-Jürgen Palme: Surf and Chat-Party
    Uli Geißler: Wenn das Käuzchen ruft. Wilde Spiele bei Dunkelheit und nachts

nach oben

Wolfgang Noack: Nachtleben

Einführung in das Heft

Zuerst war es nur so eine Idee in der Redaktionskonferenz, ein baugerüst-Heft zum Thema Nacht herauszugeben. Aber der Gedanke fesselte, je weiter wir uns in die Nacht hineindiskutierten. Die Zeitspanne von der dämmernden "Blauen Stunde" hin zur aufgehenden Morgenröte grenzt dieses Faszinosum Nacht ein. Die meisten Nächte werden einfach durchschlafen. Aber dann gibt es auch die durchwachten, die angstvollen und leidenschaftlichen, die erkenntnis- und erlebnisreichen Nächte.
Nacht ist der Ort, an dem so viel passiert: Liebe und Streit, Kriegsbeginn und der Durchbruch bei Friedensverhandlungen, durchzechte Nächte mit schweren Köpfen und durchredete Nächte mit bahnbrechenden Erkenntnissen, von denen mehr bleibt als nur die Müdigkeit des darauffolgenden Tages.
Und die Bibel erzählt an über 300 Stellen von der Nacht: Von der Schöpfung und dem Exodus, von Samuels Traum und der Heiligen Nacht, von Gethsemane und der Osternacht - immer nachts geschieht Entscheidendes.
Menschen brauchen die Nacht. Nicht nur um sich von den Strapazen des Tages zu erholen, auch, um in den Träumen bewusst oder unbewusst ihr gelebtes und ungelebtes Leben (wieder zu-) treffen, sie brauchen den Freiraum Nacht, um über Ereignisse und Entscheidungen "zu schlafen?, denn, so weiß es der Volksmund, ?Morgen sieht die Welt ganz anders aus".
Wer je mit Kindern unterwegs war, kennt die Begeisterung von Nachtwanderungen, diese faszinierend mystischen nächtlichen Spaziergänge mit Taschenlampenverbot, bei denen auch der Stärkste Respekt durchscheinen lässt. In der Jugendarbeit sind es dann die nächtlichen Gespräche im Winter am Kamin, im Sommer unter freiem Himmel. Gespräche, die eigentlich nie enden dürften, mit Antworten, die oft ein Leben lang tragen. Überhaupt gehört die Nacht zur Jugendarbeit: von der Nacht-Kirche bis zum "Café Dunkel", vom Politischen Nachtgebet bis zur Liturgischen Nacht, von Night and Surf Partys bis zu den City Adventures - nachts, das ist eben mitten im Leben.
All diese Gedanken und Überlegungen waren Grund genug, uns für ein Heft zum Thema Nacht zu entscheiden. Dass es dann die Nummer eins im neuen Jahrtausend wurde, hat weder etwas mit Milleniumsängsten noch mit Endzeitphantasien zu tun.

Nun hoffen wir, dass Sie sich auf diese Nachtgedanken einlassen wollen, sich eigenen und fremden dunklen Seiten zuwenden, Finsternis nicht scheuen und vielleicht die eine oder andere Nachtstunde für die Lektüre opfern. Spannend wird es in jedem Falle.
Eingangs entführt Sie das Heft zu schlaflosen Nächten, an denen so manches passiert. Da durchtanzen Jugendliche die ganze Nacht (Dagmar Adam - Unsere Nächte sind bunter als eure Tage), während andere sich mit der Schichtarbeit abkämpfen müssen (Nina Golf und Roland Pelikan: Arbeitsplatz Nacht). Die Angst vor der Nacht beschreibt die Krankenhausseelsorgerin Hanne Schüller und Arnd Brummer erzählt von der Nacht der Neugeburt. Einen zugesagten Beitrag über okkulte Nächte, finstere Mächte und Rituale haben wir dann doch nicht erhalten, so dass dieser Bereich leider nicht in dem Heft aufgegriffen wird.
In den Nach(t)gedanken führt Benedikt Werner Traut in ?die Nacht als menschliche Grunderfahrung? ein und Christoph Bizer beschreibt in einem meditativen Studientext ?die dunkle Seite Gottes?.

Im "Nachtleben" finden Sie dann eine Fülle von nächtlichen Praxisbeispielen. Die nächtlichen Dünengespräche und die Nacht der Lichter in Magdeburg, die offene Kirche in Weimar und die Nachtflüge, die City Adventures und das Nacht-Projekt in Bremen wollen Anregungen geben für Ihre eigene Praxis.
Ein Heft voll erhellender nächtlicher Gedanken, für die Annäherung an diese Tageszeit, in der nicht alle Katzen grau sind und die manchmal viel zu schade ist, verschlafen zu werden.

nach oben

Arnd Brummer: Nacht der Neugeburt

Wenn das Licht geht, schlägt die Stunde der Jäger und ihrer Gegenspieler - Hirten und Wächter. Wenn das Licht geht, kommen Liebende und Leidende ihren Nächsten besonders nah. Die Nacht - das ist die Zeit der Gewissenserforschung und der Bilanz. Lasst uns die Nacht feiern!

Ist es vermessen, wenn man das Leben nicht in Tagen, sondern in Nächten misst? In lauen und bitterkalten, in sternklaren, mondhellen, stockfinsteren, zappendusteren Nächten? Der Tag hat 24 Stunden. Und in ihm liegt immer ein Stück Nacht. Eine Nacht aber gehört nie nur zu einem Tag. Und ihre Grenzen sind offen wie die Steppe.

Wann beginnt die Nacht?

Wann endet sie? Wenn die rosenfingrige Eos aus Poseidons Reich aufsteigt und alles in mildes Morgenlicht taucht? Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt? Warum sind Kreuzberger Nächte so lang, derweil Julia weiß, dass den Verliebten jede Nacht zu kurz gerät? Ist?s das Licht also, das Tag und Nacht unterscheidet?

Nacht. Eine gute Nacht!

Sollten wir nicht lieber von Schlaf- und Wachzeit reden? Als der baden-württembergische Landtagsvizepräsident Hermann Müller einmal eine Nachtsitzung kurz nach Mitternacht unterbrach und für ?morgen früh, neun Uhr? wieder einlud, riefen ihm die Abgeordneten entgegen: ?Heute, Herr Präsident, heute früh!? Dem aber war des Müllers Ruh das Maß aller Zeit. Er wies die Zwischenrufer zurecht: ?Solange ich nicht im Bett gewesen bin, ist heute für mich morgen!?
Wo verläuft die Grenze ...

... zwischen heute und morgen? Statistisch objektiv um Mitternacht. Die Erkenntnis ist nicht viel wert. Richten wir uns denn mit unserer Kleidung nach dem Kalender? Lange Unterhosen erst ab 21. Dezember? So wie die Jahreszeiten nicht zu objektivieren sind - es sei denn für Armeen, Züge und statistische Ämter -, so sind auch Tag und Nacht nicht voneinander abzugrenzen. Licht und Dunkel, Schlafen und Wachen sind von Menschen gemachte Kategorien. Auch Statistik und naturwissenschaftliche Messung sind nicht gottgegeben, sind Menschenwerk. Krücken, an denen wir durch den Schöpfungsplan humpeln.

Tag und Nacht sind eine Sache der Empfindung

Diese Erkenntnis ist höchst rational, weil vernünftig. Dabei stört weder Wissen, noch hilft Macht. Noch nicht überzeugt? Probieren wir es mit einer anderen Kategorie: Arbeit, Aktivität. Fehlanzeige! Es gibt nachtaktive Menschen. Sie sind eine Minderheit gegenüber denen, die tagsüber werkeln. Eine Erfindung der modernen Welt? Ein Resultat des Industriekapitalismus? Erst möglich, seitdem künstliches Licht die Nacht zum Tage ausleuchten kann?
Falsch! Schon immer gab es nächtens tätige Leute. Und sie waren für den Erhalt der Menschheit zu allen Zeiten ebenso wichtig wie jene, die ihr Handwerk im Licht der Sonne verrichteten. Nachts schlägt die Stunde der Jäger, kommt die Zeit der Fleischbeschaffer.

Nachtjagd ist Katzenjagd!

Sich anpirschen, lauern, zuschlagen. Lautlos, blitzschnell, aus dem Dunkeln. Eine höchst ökonomische Art, sich Eiweiß zu beschaffen. Die Menschen haben es von den Tieren gelernt. Es bedurfte der Übung. Man muss hellwach sein, auf die Zehntelsekunde fit. Häufig lassen sich die Opfer auf diese Weise nicht überraschen. Und sind sie erst gewarnt, haben die Jäger ihren Vorteil verloren. Kraft und Ausdauer sind nur am Tag von Bedeutung - wenn Jäger ihre Beutetiere im Sinn des Wortes zur Strecke bringen, bis zur Erschöpfung über lange Wege hetzen. In der Katzenzeit zählen nur Schnelligkeit und Präzision.
Weil die Jäger auf der Pirsch sind, müssen sich nächtens auch die Hirten und Wächter tummeln. Müssen auf dem Felde bleiben, bei ihren Herden. Müssen auf Felsen sitzen und Horchposten sein. Hinauslauschen - das Rascheln der Blätter im Wind von den Geräuschen des vorsichtigen Jägers unterscheiden. Tagmenschen taugen dazu nur eingeschränkt. Die Katastrophen ereignen sich, wenn Müdigkeit die Wächter übermannt. Nachtmenschen passiert das kaum. Wächter arbeiten allein, zu zweit, höchstens zu dritt. Alles, was einen hohen Aufwand an Koordination braucht, kann sich nachts, ohne künstliches Licht, nicht bewähren. Aber zwei oder drei Menschen, die können sich auch im Dunkeln verständigen. Sie erkennen sich am Ruf des Käuzchens, am Bellen des Koyoten, am Heulen des Wolfes.

Nacht ist Ohrenzeit!

In sich hineinhören oder leiseste Schritte vernehmen, den Wind in den Bäumen, das Plätschern der kleinen Wellen am Strand. Tags drängt sich das Auge in den Mittelpunkt. Tags heißt Wahrnehmung Sehen.
Viele Menschen, die intensiv und konzentriert zuhören, schließen dazu die Augen, erzeugen für vermiedene Augenblicke virtuelle Nacht. Die Augen kann man schließen. Die Ohren nicht. Oder nur mit Hilfsmitteln, Pfropfen aus Wachs oder getränkter Watte. Auch der Träumer hat offene Ohren. Mit Filmen und Bildern kann man niemanden wecken, aber mit Fanfarenstößen, Radioweckern und Kirchenglocken.

Nacht ist Musik und gebiert Musik!

Nocturne und Blues. ?Eine kleine Nachtmusik? und ?Saturday Night Fever?. Ist das Widersinn, wenn alles schläft? Das ist Spannung im dunklen Teil des Seins. Große Stille und ihre Aufhebung im Hörbaren. Leichter noch als tags ist Lärm von Klang zu unterscheiden, wie grelles Licht von angenehmer Beleuchtung. Was nächtens, was in den Ruhestunden zu hören ist, bezeugt Lebendigkeit.

Nachts muss man einander berühren.

Einander ertasten mit den Fingerspitzen. Die nächste Nähe suchen, um jemanden zu erfahren. Haut-zu-Haut-Kontakt. Nachts wird man intim. Ist man zu zweit auf eine Insel im Meer der Dunkelheit, dann rückt alles andere in weite Ferne. Einander nahe sein oder nicht existieren, das ist hier die Frage. Jemanden aus der Ferne beobachten, auf Distanz zusammenleben - bei Nacht gelingt es nicht. Wer mir fern ist, könnte auch tot sein. Rainer Maria Rilke: ?Die Nächte sind nicht für die Menge gemacht, / Von deinem Nachbarn trennt dich die Nacht.?

Wer mir nah ist, wird nachts lebendig.

Ein Paradox: Auch die Toten kehren ins Reich der Lebenden zurück. Die Auferstehung fand nachts statt, die Frauen haben sie nur erst morgens entdeckt.
Dass die Engel nachts durch unsere Stuben wandeln, mag niemand beweisen können

Aber nachts lässt sich sowieso nur wenig beweisen. Und ist die Beweisbarkeit denn ein wichtiges Kriterium für die Glaubwürdigkeit? Wer kann schon wissenschaftlich beweisen, dass er jemanden liebt oder, noch schwieriger, von jemanden geliebt wird? Nachts tanzen selige Geister Reigen und die unseligen vertreiben sich mit Klopfen, Knarren und Widergehen die Zeit. Wer Welten und Zwischenwelten leer stehen und entgeistern lässt, wird seelisch obdachlos.

Nacht kann auch jene Beten lehren, die nicht Not leiden. Die Mystik braucht das Dunkel. Wenn das Wirkliche nicht sichtbar ist, kann das Unsichtbare Gestalt annehmen.

Nachts nimmt man wahr, dass diese Welt nur ein kleiner Teil der großen Schöpfung ist. Unter dem Sternenfirmament. Das ewige Schwarz des Alls. Eine Ahnung von Unendlichkeit. Nicht zu messen. Was sind Lichtjahre für den, der unter dem Großen Wagen den Kopf in den Nacken legt? Alpha Cetauri, Sirius, Orion und Cassiopeia. Lichtsignale aus fernen Sonnensystemen. Was wir sehen, ist lediglich ein Gewimmel von hellen Punkten.

Zum Universum wird der Nachthimmel in unseren Köpfen, da wir rund um diese kleinen Lichter altes Erfahrungswissen mit neuer wissenschaftlicher Erkenntnis mühelos zu Mutmaßungen über Unendlichkeit verbinden können. Und dabei werden wir der eigenen, kleinen Endlichkeit ebenso mühelos gewiss. Und gleichzeitig hält sich in unserem alten Gehirn beharrlich der Glaube, dies alles habe der liebe Gott sich für uns ausgedacht: Weißt du, wie viel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt? Gott der Herr, hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet, an der ganzen großen Zahl.

Und die bleiche Sichel des Mondes - nur polarisiertes Sonnenlicht. Geschenkt. Auf der Bank am See, wenn Lunas Schein das Wasser versilbert, lassen sich Liebende auch von Apollo 11 und all den anderen amerikanischen Mondfahrern nicht davon abbringen, dass diese Inszenierung nur ihnen gelte. Nachts vermehrt sich das Menschengeschlecht. Hört sich beim Atmen zu und fühlt die kalte Hand die warme Stirn. Miteinander verbrachte Nächte verbinden intensiver als gemeinsam verlebte Tage.

Auch das vereinte Durchleiden dunkler Stunden verändert Beziehung. Blickt man einander nach kurzem, schweren Schlaf am Morgen danach in die Augen, dann ist ein neues Stück Intimität gewachsen. Die Nacht miteinander teilen Liebende, teilen Kranke und ihre Nächsten am Bett. Jemandem schlafend Nähe erlauben bedeutet ganz archaisch: ihm vertrauen. Neben einem Menschen, dem man nicht traut, macht man höchstens dann ein Auge zu, wenn man vor Erschöpfung nicht mehr anders kann. Freiwillig tut man das nicht.

Die Erschließung der Nacht durch die Menschen, die Geschöpfe des Prometheus, ist die Wurzel aller Kultur. Die Bändigung des Feuers bedeutet zugleich die Zähmung der Dunkelheit. Macht euch die Erde untertan - das heißt Licht machen. Nicht auf die Sonne warten müssen, selbst die Nacht zum Tage machen - das ist eine der wenigen Möglichkeiten, die Grenzen der Schöpfung zu verschieben. Dafür zahlen wir einen Preis. Wir verlernen, tatsächlich bei Nacht zu leben.
Die Helligkeit der Straßenbeleuchtung killt den Sternenhimmel über den großen Städten. Wir deichen die Nacht ein und ringen ihr unser Abendland ab. Wir verlernen nächtliche Jäger zu sein und Hirten auf dem Felde. Wir haben die Unsicherheit der Nacht durch die Angst vor dem Stromausfall ersetzt. Und doch treibt uns die Sehnsucht nach der Nacht. Da sitzen wir als Touristen auf Inseln im Atlantik, im Hochgebirge, in einer Wüste, wo uns kein menschengemachtes Licht ablenkt, und bestaunen die nächtliche Natur, die uns in der hektischen Elektrik Mitteleuropas verloren gegangen scheint. Wir zahlen dafür einen Preis, ein paar Stunden natürliche Nacht zu genießen.
Nicht falsch verstehen: In dieser Sehnsucht steckt nicht der Wunsch, Kultur und Zivilisation zu erlassen. Nur die ab und an erfahrene Natur der Nacht vermag es aber, uns verstehen zu lassen, welch große Menschheitsleistung es bedeutet, die Dunkelheit zu domestizieren, sie per Druck auf den Lichtschalter gefügig und verfügbar zu machen.

Die Grenze zwischen Tag und Nacht, zwischen Helligkeit und Dunkelheit, zwischen Wachen und Schlafen. Wir können und wollen sie nicht aufheben. Wir wollen sie hin und wieder ein Stück verschieben, sie bestimmen und mit ihr umgehen. Das ist nicht gut und ist nicht verwerflich. Es ist ein Teil unseres Lebensprinzips. Wie der Kampf gegen die eigene Sterblichkeit, den wir nie gewinnen werden, auch wenn uns mit allen Mitteln immer wieder kleine Siege gegen den Ablauf der Zeit gelingen.

Es tröstet, dass es außer dem Erdenleben noch ein anderes gibt, das wir nicht kennen. So wie wir den nächsten Tag als neuen Tag erleben werden, mit einem neuen Abend und einer neuen Nacht.

Wir brauchen das Neue, das Andere und lernen es nur vom Alten, vom Gewesenen im Wechsel abzuscheiden. Es ist gut, dass mancher Tag ein Ende hat und ein neuer kommt. Mit neuen Chancen. Und es ist schade, wenn ein Tag vergeht, so wunderschön wie heute, und diese eine wunderschöne Nacht mit dem Ruf der Lerche in neue Tagesmühsal mündet. Aufstehen, waschen, anziehen, arbeiten.

Die Nacht feiern heißt die Erneuerung feiern. An Ostern die Auferstehung und an Weihnachten die Geburt. Was eigentlich ein und dasselbe ist. Und beides ist in christlichem Verständnis keine Wieder-, sondern eine Neugeburt. Eine neue Einmaligkeit wie ein neuer Tag.
Das Leben, das wir zu leben haben, bleibt das gleiche, nicht dasselbe. Wir erhalten uns und pflanzen uns fort. In Menschen und in Taten. Wir hinterlassen Spuren. Und treten mutig oder zaudernd in das unberührte Feld der Existenz, das vor uns liegt. Wir haben keine andere Wahl.
Dabei beobachten wir uns und unsere Mitmenschen, versuchen uns was abzuschauen, voneinander oder von uns selbst zu lernen. Auf dass wir wissen, wer wir sind, und erreichen, was wir möchten. Das tat auch jener Michel Eyquem de Montaigne, der nachts in seinem Turm saß und sich schreibend selbst erkundete. Und jener Martin Luther, der in seinem Studierzimmer nach der Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf suchte.

Die Nacht ist die Zeit des Selbststudiums, der Gewissenserforschung, der Bilanz. An den Grenzen hält man inne und schaut zurück. Und man nimmt Maß für die Wegstrecke, die vor einem liegt. Ein individueller Akt. Als Massenveranstaltung wirkt Gewissenserforschung peinlich, weil sie eigentlich unmöglich ist. Die Nacht als Zeit der Selbsterkenntnis ist somit die Phase der Individualität, des Ich-Seins. Damit wir morgen am hellichten Tage wieder gemeinsam agieren und zupacken können und uns selbst dabei nicht in der Menge verlieren.

Und wo bleibt der Rausch in der Hitze in der Nacht? Wo bleibt das Außer-sich-Sein? Wo bleiben nächtliche Euphorie, durchtanzte Nächte? Die gibt es. Aber sie sind nicht Allnacht. Und wo sie Allnacht sind, muss der Tag als Nacht herhalten. Dann werden die Stunden der Ruhe weit in die lichte Zeit hinein verschoben, indem man Nacht macht, die Rolläden herunterlässt, die Vorhänge schließt, das Telefon abstellt und über den Mittag schläft.
Der Rausch der Sinne nährt sich vom Aufbegehren gegen das Alltägliche. Eine Serie durchfeierter Nächte wird irgendwann fad. Nachtarbeitern ist die Nacht alltäglich. Wenn sie morgens um sechs nach Hause gehen, noch ein Bier trinken und sich zur Ruhe legen, erleben sie versetzt, verschoben und dennoch nicht minder individuell die Zäsur zwischen Tätigkeit und Ruhe.
Die Nacht feiern und sie dann wieder in Ruhe lassen. Das Dunkel erleben und im Lichterschein erträglich machen. Dieser Impuls erfährt durch Religion eine Ritualisierung, die unser Streben nach sinnlicher Wahrnehmung des Seins, nach Bewusstsein also repräsentiert.
Menschwerdung vollzieht sich im Anerkennen unserer Möglichkeiten und Grenzen, im Umgang mit dem Unausweichlichen und dem Besonderen. Immer wieder neu Mensch werden, im steten Wechsel, im Aushalten der Alltäglichkeit und im Genießen der außergewöhnlichen Stunden, die uns besondere Nächte bescheren.
In jener Nacht waren Hirten auf dem Felde. Und im Morgenland entdeckten die Weisen am Nachthimmel den hellen Stern. Sie folgten ihm. Sie reisten durch die Nächte. Zu jenem Stall, wo sie mit Maria und Josef, mit Hirten und Engeln die Geburt des Erlösers feierten.

nach oben

Dagmar Adam: Die Macht der Nacht

  "... 3 o?clock in the morning ..."

... diese Zeile aus irgendeinem abgetakelten HipHop-Track geistert mir schon seit ich in das Taxi gestiegen bin im Kopf rum. Nur dass es nicht 3 o?clock, sondern 8 o?clock in the morning ist. Aber es ist gut, dass mir das auffällt. Heute Nacht gab es Zeitpassagen, in denen solche Gedanken nicht mehr möglich waren. Jetzt genieße ich das entspannte Wiederherstellen meines Bewusstseins. Damit habe ich sicher Glück. Katjas zu-sich-kommen wird nach den zwei Pillen und ihrer momentan eher desolaten Grundstimmung nicht so schön sein. Dabei muss das Erwachen aus dem Nachtleben ebenso sanft geschehen wie das Abgleiten. Zuerst ein Bier in einer hippen Bar, dann zum Tanzen in einen noch hipperen Club. Und dann: treiben lassen. Eine Nacht in der Szene muss schön sein. Rund. Sonst erfüllt sie ihren Entspannungs-Zweck nicht.
Das Taxi fährt mit Claudius weiter und überlässt mich der frischen Luft und dem Morgengrauen. Claudius gehört mittlerweile zu den Szenemachern unserer Stadt. Er betreibt eine sehr, sehr angesagte Bar und bastelt als Grafiker noch hier und dort an Flyern rum. Angefangen hat er wie wir alle. Als viel zu junger, partybegeisterter Teenager. Das erste Mal, als er die Nacht zum Tag gemacht hat, wusste er: genau so. Das ist das wirkliche Leben. Ein Dasein ohne Erwachsene und ohne Leistungsanforderungen. Die Nacht hatte kein Pausenläuten, kein Abendessen, keine Ladenschlusszeiten. Die Nacht war unbegrenzt, zeitlos, ohne Termindruck. Die Nacht ermöglichte ihm ein ganz anderes Dasein. Eine zweite Realität.
Tja, jetzt ist auch Claudius erwachsen, und weiß schon lange: gerade die Nacht hat harte Spielregeln. Und wenn du wirklich dabei sein willst, gibt sie dir einen straffen Terminplan vor. So hat Claudius auch in seiner Nacht-Existenz die Pubertät durchlebt: er ist durch die Nacht gekreuzt mit der ständigen Angst im Nacken, die richtige Party zu verpassen.
Heute gibt er die Partys vor. Dort wo er ist wollen alle sein. Was er anhat wollen alle anhaben. So hart kann gar keine Tür sein, als dass der Türsteher ihn nicht sofort aus der Menge nach vorne winkt und ihn in die VIP-Lounge des Clubs bittet. Mit den Lounges versucht ein Club - der gerade dadurch, dass er ein Geheimtip war, irgendwann zur Massenattraktion wird - seine wirklich wichtigen Leute zu behalten. Mit der Lounge wird eine Differenzierung der Gäste vorgenommen, die das Sozialsystem Nachtleben tragend bestimmt.
Natürlich denkt man mit 15 nicht daran, ob man dazugehört oder nicht. Man ist froh, dass man dabei sein darf. Dass man an der Einlasskontrolle vorbeigekommen ist. Dass das Make-Up einen wie 20 aussehen lässt. Kaum ein Milieu ermöglicht das Experimentieren mit den Rollen so gut wie das Nachtleben.
Manu ist der festen Überzeugung, dass Nachtleben etwas mit Illusion zu tun hat, mit dem Ausleben von Träumen. Dazu gehört auch, dass man sich verkleidet, verwandelt. Man muss das ganze vielleicht nicht so ausreizen wie er - bzw. heute nacht war ?Er? ja eine ?Sie? - aber man kann es ausnützen. Man kann sich je nach Stimmungslage entweder in Sneakers, Cargo-Hose und Kapuzenpulli unter die Brücke stellen, den Sprayern zuschauen und dann - extrem cool - zum Breaken in den natürlich nicht legalen Club in der Soundso Straße gehen. Oder man erinnert sich an die guten alten Zeiten, und versucht den letzten Rave aufzutun. Um ein letztes Mal Raum und Zeit in der ausgelassen vibrierenden Crowd der raving-society zu verlieren.

Eine Nacht lang vergessen

Die große Zeit der Techno- und House-Musik hat übrigens ein zentrales Moment der jugendlichen Nachtkultur stabilisiert. Natürlich: denn DJ. Musik war schon immer eine treibende Kraft des Nachtlebens, und die verschiedenen Szenegänger gruppieren sich um die unterschiedlichen musikalischen Richtungen. Klar, man will feiern, man will Party machen. Man will tanzen. Tanzen wird zum Katalysator. Einfach alles rauslassen. Eine Nacht lang vergessen. Die Repetition in der elektronischen Musik kreiert die Monotonie. Der Bass gibt ihr den Boden. Darauf kann man sich stützen. Mit den Harmonien, Effekten und Geräuschen gibt der DJ etwas für den Kopf, der darauf abschweben kann. Du bist nur noch Musik und Körper. Dies erzeugt den Trance-Zustand. Ein guter DJ nimmt die Signale wahr, greift sie auf und führt die Tanzenden durch die Nacht. Das ist Kommunikation. Man schwappt auf der gleichen Wellenlänge. Die Tanzenden treiben sich an den Rand der Erschöpfung.
Katja nimmt dazu gerne noch ein bisschen hiervon und ein bisschen davon. Sie kommt auch aus der alten House-Base. Pillen machen sie glücklich. Sie erleichtern den Einstieg in die Nacht. Und du kannst ewig tanzen. Wenn man älter wird nimmt man Koks. Das ist edler, weil teurer, und man fühlt sich halt noch viel cooler. Wenn man ärmer ist, nimmt man Speed. Und wenn man wieder runter kommen will: Marihuana. Auch das sind Regeln der Nacht. Drogen haben immer schon zum Nachtleben gehört. Und sie haben ihre Berechtigung erst durch die Nacht. Das Wissen, dass man sein Bier am Abend und nicht am Nachmittag trinkt hat sich auch auf den Konsum von anderen Drogen übertragen.

.... ihn gibt es nur in der Nacht

Im Tanzen, im Drogen nehmen, im nicht Beachten des Körpers, der Nachts nach Schlaf schreit, ist eins gemeinsam: man will den Rausch erleben. Die totale Glückseligkeit. Im Grunde wird eine tiefe Verbundenheit mit der Welt angestrebt. Ein Eins sein mit allem. Dieses Streben bedeutet natürlich nicht, dass man nachts permanent darum bemüht ist den Kopf zu verlieren. Vielmehr ist dieser Code ein lockeres Grundprinzip, das in diversen Zwischenstufen realisiert wird. Für Claudius ist die Nacht Arbeitgeber. Die Rauschhaftigkeit seiner nächtlichen Existenz ist weit von der eines 20jährigen Büroangestellten entfernt, der sich als Konsument die Angebote der Nacht ein ganzes Wochenende reinziehen kann. Ohne Rücksicht auf Verluste. Dennoch ist die Rauschhaftigkeit eine Orientierungslinie für all das, was nachts kommuniziert wird.
Ganz sicher sucht Manu die totale Ekstase. Das was anderen am ?Spaß haben? genügt reicht ihm noch lange nicht. Ihn gibt es nur in der Nacht. Ob als Mann oder als Frau, er ist die totale Fassade. Bussi hier, Bussi da. Heute mit pinker Perücke zu pinker glitter Short und weißem Flokati-Top. Und dann dazu immer diese Plateaustiefel. Manus Kommunikationsangebote sind auf Sex ausgerichtet. Seine Interaktion mit anderen zielt nur auf das Eine. Sein wir doch mal ehrlich, auch das gehört zum nächtlichen Streben. Vieles ist nicht mehr als ausgereiftes Balzverhalten. Ob John Travolta in ?Saturday Night Fever? oder der superdistanzierte Black-Music-Liebhaber im Ledermantel, der sich nur ganz, ganz langsam eingroovt, alle suchen die Anerkennung durch das Geschlecht ihrer Wahl. Und in der Nacht sind alle Katzen wouh!
Mit der Erfindung der Glühlampe ist das Archaische der Nacht einer ungeahnten Künstlichkeit gewichen, die sich in Perfektion in Manus Styling wiederfindet. Vielleicht ist es eben diese Künstlichkeit die der Welt eine neue, prickelnde (Nacht-)Dimension gegeben hat.
Und weil man am Tag keine Glühlampe braucht, brauchen wir die Nacht.

Jeder von uns war heute mehr oder weniger allein unterwegs. Und dann haben wir uns alle wiedergetroffen. Beim Würschtl-Toni im Kunstpark Ost. Die ersten Flohmarkthändler sind schon mit ihren vollbepackten Autos ins Gelände eingefahren. Katja ? immer noch ein bisschen auf Speed. Manu, dessen Wimpern mittlerweile ein Eigenleben führen. Claudius ? erschöpft von den vielen ?His? und ?Ciaos? und ?Alles relaxed??. Und Ich.
Früher wären wir jetzt zur After-Hour gegangen. Unsere Nächte sind bunter als Eure Tage.

nach oben

Rainer Brandt: Gott handelt in der Nacht

Biblische Anmerkungen zum Weiterlesen

I.
Von biblischen Nächten will ich erzählen. Ich beginne mit einer Vorbemerkung. Einem Satz, den ich Reiner Kunze verdanke: ?Wer die Vergangenheit nicht kennt, den kann es die Zukunft kosten.?. Deshalb interessiert mich die Auseinandersetzung mit biblischen Nächten. Ich hoffe auf Antworten für meine, unsere Nächte heute.
"Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster ...?, so beginnt die Bibel und fährt fort: ?Und Gott sprach ... es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht.? (1 Mose 1,1-5)
Auf den letzten Seiten - im Buch der Offenbarung des Johannes - wird erzählt von einer weitläufigen Stadt, deren Tore nicht mehr geschlossen werden müssen, weil sie keine Nacht mehr kennt. (Off 22,5)
Johannes erzählt von dieser Stadt, dass sie frei ist von Greuel und Lüge, Fremdenhass und Gewalt, weil Gott selbst ihr Licht ist.
Bis dahin sind wir aber noch unterwegs mit Tag und Nacht. Wir sind noch nicht im himmlischen Jerusalem.

II.
In fast 200 Passagen widmen sich die biblischen Schriftsteller der Finsternis. Sie warnen vor den Schrecken der Nacht, vor der Pest, die im Finstern schleicht (Psalm 91,6), vor dem Dieb, der unerwartet kommt und vor dem plötzlichen Tod, der des nachts die Menschen überrascht (Lk 12,20). In den Nächten der Bibel wird geliebt, geboren und vor allem geträumt. So besingt das Hohe Lied die nächtliche Liebe unter der Zyperblume (Hohes Lied 7,12), ?Komm, mein Freund?, heißt die Einladung und die ist eindeutig und schön. Anders geht es zu beim großen König David auf dem Balkon seines Palastes. Er lustwandelt dort am Abend, um einen Blick zu haben auf seine schöne Nachbarin. Ein Blick mit Folgen, besonders für Bathsebas Ehemann, der im Auftrag des Königs sterben muss. Wir werden später David nächtelang voller Reue auf der Erde liegen sehen, fastend und betend (2 Sam 12).

III.
Isaak erfährt im Traum, dass Gott ihn segnet und dieser nimmt ihm die Furcht vor dem kommenden Tag (1 Mose 26,24). Im Traum droht Gott Laban anders als freundlich von Isaak zu denken und im Traum erfährt Jakob, dass der Himmel die Erde berührt (1 Mose 28,16). Träume sind Botschaften aus der Tiefe der Nacht, die am Tag das Leben verändern werden.

IV.
Immer wieder erzählen die Evangelien, wie Jesus sich zurückzieht in die Nacht, um im Gebet Kraft zu sammeln für seine nächsten Schritte. Nach einer durchbeteten Nacht - so Lukas - beruft er seine zwölf Jünger.

V.
Gott ist da und er handelt in der Nacht, das erfährt Israel im Exil.
Das Passah-Mahl wird dabei zum Zeichen für das Ende der Fronarbeit in Ägypten. Im Zentrum steht ein eiliges Nachtmahl, ein gebratenes Lamm, mit ungesäuertem Brot und Kräutern, die so bitter schmecken, wie die Sklaverei in Ägypten. Mit Sandalen an den Füßen und dem Wanderstab in der Hand, erwartet Israel die Zukunft (2 Mose 12).

VI.
?In der Nacht, da er verraten wart, nahm Jesus das Brot ...?. (1 Korinther 11,23 f). Er feiert mit seinen Jüngern das Passah-Mahl. Das letzte vor seinem Tod. In dieser Nacht wird ihn Judas an die religiösen Oberhirten verraten. Der Evangelist Johannes, der den Kampf zwischen Licht und Finsternis in den Mittelpunkt seines Evangeliums stellt, wird - als Judas den Saal verlässt - die Situation mit vier kurzen Worten kommentieren: ?Und es war Nacht.? (Joh 13,30). Für Johannes greift in dieser Nacht die Finsternis nach dem Licht, dem Licht der Menschen, aber die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Taten waren böse?. (Joh 3,19) Mit Fackeln und Schwertern werden sie Jesus aus dem nächtlichen Garten zerren, um den ?Tempelaustreiber, Sabbatschänder und Menschenfreund? den Römern an den Hals zu hängen. In dieser Nacht wird Petrus ihn verleugnen und andere werden fliehen von nackter Angst ergriffen.

VII.
Mit einem jährlichen Ölberggang habe ich versucht, der Dramatik dieser Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag nachzuspüren.
Ein junger Journalist, der einen dieser Ölberggänge - mit der Gemeinde - begleitete, hat sehr gut beschrieben, was wir versuchten:
?Noch kurz zuvor haben sie zusammen das Abendmahl gefeiert, gegessen, getrunken, gelacht und geredet. Jetzt stehen sie auf einer Wiese hinter der evangelischen Kirche, weitab von den Lichtern der Stadt. ?Heute nacht werdet ihr alle an mir irrewerden?, liest eine Frau aus dem Matthäusevangelium. Die nächsten Worte, die Jesus an seine Jünger gerichtet hat, zeichnen sein weiteres Schicksal vor: Angst, Verrat, Tod. Die Zuhörer stehen schweigend da. In dieser Nacht sind sie es, die Jesus begleiten.
Dann beginnen sie zu singen: ?Bleibet hier und wachet mit mir! Wachet und betet, wachet und betet!? Es ist ein langsames Lied, kurz, einfach und traurig; als die Sänger verstummt sind, klingt das Lied noch lange nach. ?Wachet und betet ...? Bei jedem Schritt.
Der Weg führt weiter durch die Wiesen, die der Regen hoffnungslos aufgeweicht hat. Unter den weit ausladenden Ästen einer mächtigen Eiche macht die Gruppe Halt.
Das flackernde Licht der Fackeln taucht die knorrigen Äste in ein gespenstisches, orangefarbenes Licht. Der Ort heißt - Getsemani; der Ort, an dem die Jünger Jesus allein ließen, als sie allesamt einschliefen.
Wieder eine Stelle aus dem Evangelium: ?Mein Vater, wenn es möglich ist, laß diesen Leidenskelch an mir vorübergehen!? Am See ist es totenstill. Aus der Ferne dringt nur das monotone Rauschen der B 304 herüber. Alle schweigen.
Nachdenklichkeit macht sich breit. ?Auch im Krankenhaus leiden Menschen?, erinnert eine Frau. ?Auch sie fühlen sich hilflos, verlassen, ausgesetzt.? Ein Licht von der anderen Uferseite spiegelt sich im See. Nach einer knappen Minute des Schweigens wird wieder gesungen. ?Bleibet hier und wachet mit mir ...?
Der Ölberggang hat seine eigene, innere Dramaturgie. Wie in einer perfekt inszenierten Tragödie spürt man die Ergriffenheit der Leute; mit dem Unterschied, dass nicht das Publikum ergriffen ist, sondern die Darsteller.
Die Ölberggänger ziehen weiter zur nächsten Station. Mittlerweile sind die Fackeln stark heruntergebrannt. Wind ist aufgekommen. Bei jeder Böe löst sich Glut von den Fackeln. Funken sausen in den Nachthimmel. Jetzt ist es soweit: Jesus wird festgenommen, er wird abgeführt, vor den Obersten Rat gestellt, abgeurteilt. Ohne ein richtiges Verfahren, ohne richtige Zeugen. Ein Schauprozess. Erst jetzt spürt man wieder die Kälte.
Überall in der Welt wird verfolgt, gefoltert und gemordet. ?Wir hören die Schreie nicht?, sagt einer, ?denn die Mauern sind zu dick?.? (Gregor Schiegl ?Mit der evang. Gemeinde Ebersberg auf dem Ölberggang?, SZ 15./16.04.94)

VIII.
Gott handelt in der Nacht.
Am frühen Ostermorgen brechen drei Frauen mit wohlriechenden Salben und Kräutern auf, noch vor Sonnenaufgang und wissen doch, dass gegen den Tod kein Kraut gewachsen ist. Am Grab aber erfahren sie: ?Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?? (Lk 24,5.6). Sie werden die ersten Zeuginnen von Jesu Auferweckung.
Auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus stößt ein Fremder auf zwei der Jünger, die von Jesu Tod gezeichnet sind. Obwohl sie den Unbekannten vor den Gefahren der Nacht warnen, werden sie noch in selbiger Nacht nach Jerusalem zurückkehren, um den anderen zu berichten, wie sie dem Auferstandenen begegnet sind. Die Nacht hat für sie plötzlich ihre alles verschlingende Macht verloren.

Der Autor des ersten Johannesbriefes fasst zusammen: ?Das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkünden: Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis. Wenn wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben, und wandeln in der Finsternis, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit.? (1 Joh 1,5.6). ?Wer seinen Bruder liebt, bleibt im Licht. Wer aber seinen Bruder hasst, ist noch in der Finsternis.? (1 Joh 2,9.10). Für Johannes steht fest, so bedrohlich die Finsternis auch ist, sie ist schon im Vergehen, denn das wahre, rettende und befreiende Licht leuchtet bereits.


IX.
?Die Nacht ist schon im Schwinden?, so heißt es in Jochen Klepper?s Adventslied ?Die Nacht ist vorgedrungen?. Hin- und hergerissen zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zwischen Licht und Finsternis erleidet Klepper am 11. Dezember 1942 ?die Nacht am Ölberg? zusammen mit seiner jüdischen Frau und seiner jüngsten Stieftochter. Sie wählen den Freitod in einem Land, das von der Finsternis regiert wird. Jochen Kleppers letzte Eintragung in seinem Berliner Tagebuch:
?Nachmittags die Verhandlung auf dem Sicherheitsdienst.
?Wir sterben nun - ach, auch das steht bei Gott -.
Wir gehen heute Nacht gemeinsam in den Tod.
Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt.
In dessen Anblick endet unser Leben.?
(Jochen Klepper, Unter dem Schatten deiner Flügel, dtv München 1983, 2. Auflage, Seite 1133)

Ist die Nacht schon im Schwinden?
Wir, die wir uns bewegen, zwischen dem biblischen Anfang ?es werde Licht? und der zukünftigen Stadt, von der Johannes träumt, wir, die wir noch unterwegs sind zwischen Tag und Nacht, leben von diesen Nachtgeschichten. Sie lassen meine Tage und vor allem meine Nächte in einem anderen Licht erscheinen.
Denn, Gott handelt in der Nacht. Unerwartet, unscheinbar, machtvoll.

nach oben

Christopher Lesko: Träume


Einmal träumte mir,
Du lauertest mir auf -
gerade, als ich ängstlich
meiner persönlichen Verwahrlosung nachging.


Im Traum ging ich durchs Land,
der Regen schmeckte bitter,
als Du plötzlich hinter einem Baum hervortratest.

Du warfst mir entgegen
Deine Angst.

Seither scheint rätselhaft für mich
und schwer zu unterscheiden :
Gehört mir meine Angst allein,
ist meine Angst
die Angst vor Deiner ?

In letzter Zeit
such? ich im Traum
die Bäume.

Markus Vitus


Ich bin froh, keinen wissenschaftlichen Artikel über Träume schreiben zu müssen. Paradoxerweise geht man in heutiger Zeit gerne davon aus, dass Zusammenhänge klarer würden, je mehr Informationen man über Themen und Prozesse besäße.
Ich bin anderer Meinung.
Die Kunst ist nicht, soviel wie möglich zu wissen, sondern Zugang zu dem Wesentlichen zu erlangen.
Das Wesentliche von Träumen ist mit Bedienungsanleitungen oder Tools nicht zu erreichen.

Möglicherweise hilft es zu wissen, dass alle Menschen immer träumen, drei- bis viermal, Nacht für Nacht. Die REM-Phasen (Rapid Eye Movement), die hauptsächlichen Traumphasen also, wechseln sich mit den Tiefschlaf-Phasen ab, in welchen nur selten geträumt wird und gewinnen an zeitlichem Umfang. So dauert unser letzter Traum bis zu ca. fünfzig Minuten pro Nacht.

Eine Halbzeit eines Fußballspieles, mit Nachspielzeit, Nacht für Nacht

So sind also in unseren Nächten eine ganze Reihe von Halbzeiten zusammengekommen - in Ihren, in meinen. Und wenn Sie diese Zeitschrift aus der Hand gelegt haben werden, möglicherweise Stunden später Ihr Bett, das Bett eines anderen Menschen - oder einen Ihnen sonst genehmen Ort - aufsuchen werden, um in der kommenden Nacht einzuschlafen, wird es wieder so sein.

Drei bis vier Träume, auch heute, der letzte bis zu fünfzig Minuten.
Sie fragen wozu das alles. Gute Frage.

Es gibt endlose Kilometer von Literatur über Träume, vieles kann man sich schenken.
C.G. Jung als einer der kompetenten Menschen, die sich mit Träumen beschäftigt haben, hat viel mit und an Träumen gearbeitet und umfassende Untersuchungen über Träume angestellt.
So hat er beispielsweise in einer weltweit angelegten Studie Tausende von Träumen untersucht, und er ist dabei Sinn und Sprache auf die Spur gekommen: Jung hat scheinbar Unerklärliches herausgefunden. Urwaldvölker in Südamerika beispielsweise, die überprüfbar nie ihren begrenzten Lebensraum verlassen hatten, die seinerzeit weder über Zeitungen, noch Fernsehen und Internet verfügten, träumten von Schnee, obwohl sie in ihrem Leben noch nie Schnee gesehen haben konnten.

Wer oder was träumt also in uns, was sind Sinn und Sprache dieser eigenartigen, nächtlichen Vorgänge?

Ich will Ihnen ein wenig dabei helfen, Ihren Träumen auf die Spur zu kommen. Neben einigen praktischen Aspekten benötigen Sie zwei Eigenschaften dafür:
Interesse an sich selbst und Geduld.
In der heutigen Zeit sind wir aus verschiedensten Gründen ein Leben in Abwehr des Unbewussten gewohnt. Wir leben in einer digitalen, binären Welt, und wir sind aus Gründen von Effizienz und Funktionalität scheinbar darauf angewiesen, auftretende Probleme und Störungen schnell zu orten, weil sie uns im Alltag, oder in einer reibungsarmen Lebensführung behindern. Eine Störung muss schnell entdeckt werden, wir suchen in der Folge ein effizientes Werkzeug zur Beseitigung, und weiter geht es mit dem Leben.
Bis zur nächsten Störung, dem nächsten Werkzeug, der nächsten Reparatur. Zeit und Bereitschaft für einen inneren Zugang, ein tieferes Verständnis, nehmen wir uns nur in Situationen ernster Krisen - und mit fachlicher Unterstützung. Wir sind überflüssigerweise gewohnt, nach dem ?Warum?? zu fragen, nicht mehr nach dem ?Wozu?? .
Unser Unbewusstes ist da anders. Präziser gesagt, dieser Teil von uns wehrt sich - immer wieder einmal - erfolgreich gegen unsere degenerativen Effizienzattacken.

Unser Unbewusstes hat ausschließlich ein Ziel: C.G. Jung nennt es Individuation, also ?Weiterentwicklung?, ?Gesundung?, ?Erwachsen Werden?, ?in den Einklang kommen?.
Dieses Ziel ist eben kein binäres, statisches, sondern es benennt den Prozess unseres inneren Weges, den Prozess inneren Wachstums, bis zum Tod.
Sie mögen vielleicht Ihren Kopf schütteln: Dennoch ist Weiterentwicklung was wir alle tief innerlich wollen, auch wenn wir uns häufig nicht so verhalten. Wie wir uns auf diesem Weg persönlicher Entwicklung zurecht finden, sagen uns - immer einmal wieder - unsere Träume. Sie sind unbestechlich und von uns bewusst kaum zu beeinflussen. Die einzige Möglichkeit von Abwehr, über die wir verfügen ist, uns nicht zu erinnern.
Die nutzen wir gerne, und wir schneiden dabei einen Teil von uns selbst ab, der wirklich nur Gutes will, auch, wenn uns Träume manchmal ängstigen oder bedrohen.
Wir alle verfügen mit dem Unbewussten und der Sprache unserer Träume über den grandiosesten Regisseur, den man sich nur vorstellen kann. Mag sein, Sie erwachen und sagen : ?Was habe ich nur wieder für einen Unsinn geträumt!?

Durch Wohnzimmer fliegende sprechende Elefanten mit Haifischflossen, alte Frauen, die mit leuchtenden Fingern auf brennende Schriften an Hauswänden zeigen, die Sprache der Symbole ist in ihrer unendlichen Kreativität ?Oskar-verdächtig?. Nacht für Nacht erschaffen Sie und ich - wieder und wieder - kleine, tiefsinnige Kunstwerke.


Neugierig auf sich und auf jene Fähigkeiten, die in einem selbst sind!

Ihre Träume zeigen Ihnen präzise, wenn Sie sich weiter von sich selbst entfernen, als es aus Ihrer Sicht gesund ist. Die Sprache der Symbole zu entschlüsseln ist leicht und schwer zugleich. Primärer Hinderungsgrund für ein gutes Verständnis ist unsere Neigung, beobachtete und erlebte Bilder oder Sequenzen fast automatisch mit einer Interpretation und im weiteren mit einer inneren Begründung für die Interpretation zu versehen. So entfernen wir uns schnell von einem unmittelbaren Zugang.
Sie wagen einen Versuch, sich an Ihre Träume zu erinnern. Zunächst treffen Sie eine Entscheidung dafür. Haben Sie Geduld mit sich! Manchmal ängstigt uns die Phantasie, mit befürchteten, dunklen Ecken unserer Seele konfrontiert zu werden. Wenn die prinzipielle Entscheidung für Ihre Öffnung gefallen ist, werden Sie sich irgendwann erinnern.
Bereiten Sie sich praktisch vor: Legen Sie Papier und Stift auf den Nachttisch und treffen Sie vor dem Einschlafen die Entscheidung, den Traum aufzuschreiben, falls Sie einen ?angeln?. Lassen Sie sich nicht so schnell entmutigen, falls es nicht sofort klappt. Benutzen Sie für sich das Bild eines Anglers, der sich über gefangene Fische freut, aber den Fang nicht immer selbst beeinflussen kann.

Wenn Sie aufwachen und sich an einen Traum erinnern, beginnen Sie zu schreiben. Bleiben Sie in der Gegenwart und vermeiden Sie schnelle Interpretationen: Ich gehe durch eine Straße voller Menschen. Die Sonne scheint. Plötzlich kommt eine junge, mir unbekannte Frau direkt auf mich zu und beschimpft mich, ich hätte sie ungerecht behandelt...usw..
Notieren Sie noch, was sich am Tag vor Ihrem Traum Wichtiges ereignet hat. Auch Fetzen eines Traumes ohne Ihnen ersichtliche Handlung schreiben Sie auf, und sei es nur ein einziges Bild. Bemühen Sie sich um Präzision und vermerken Sie Ihr Gefühl während des Traumes, oder beim Erwachen.

Herzlichen Glückwunsch, der wichtigste Teil ist geschafft!

Nun zum zweiten Schritt: Grob vereinfacht gesagt, besteht ein Traum aus Ihren eigenen Mitteilungen an sich selbst. Der sogenannte Tagesrest gibt Ihnen Auskunft über einen möglichen Zusammenhang zur aktuellen Lebenssituation.
Es gibt im Traum in der Tat bestimmte Symbole, denen eine bestimmte Bedeutung zugeordnet werden kann. Bleiben wir bei dem kleinen Traumbeispiel von eben, und stellen wir uns vor, dies wäre Ihr erster, notierter Traum.

Sie gehen..., haben also immer wieder beide Beine auf der Erde, und bewegen sich fort. Sie sind nicht fern von Bodenkontakt, nicht in der Luft, nicht eingeschränkt von der Bewegung her .... durch eine Straße voller Menschen ... der Traum spielt in der Öffentlichkeit. Mehrere Menschen bedeuten im Traum Öffentlichkeit, das Volk, die öffentliche Meinung, usw.
Was nun Straßen genau für Sie bedeuten, wie dort Häuser aussehen, ob es Fahrzeuge gibt, ob es eine Stadt ist, werden Sie sich beantworten können. Ich hoffe sehr, mit dem für Sie passenden Gefühl dazu: Ob Sie sich aufgehoben oder im Stress fühlen, ob eine volle Stadt für Sie Zuhause oder Leistungsdruck (Vorsicht : Deutung!) symbolisiert, Sie werden es wissen,..die Sonne scheint... Ja, aber wie genau? Wärmend, verbrennend, austrocknend? Wie stehen Sie eigentlich zu Sonne?...plötzlich kommt eine junge, mir unbekannte Frau auf mich zu... Hier nun kommt es darauf an, welchen Geschlechtes Sie als Träumer(-in?) sind.
Über diese Information sollten Sie in der Regel verfügen.

Gleichgeschlechtliche, einzelne Personen im Traum nennt Jung Schatten. Sie symbolisieren Teile unserer eigenen Persönlichkeit, die für unser Bewusstsein im Schatten liegen. Wie sehr uns diese Teile vertraut sind, symbolisiert der Traum durch die Wahl der Figur. Ihnen als Träumerin hier ist dieser Teil von Ihnen unbekannt. Wäre er Ihnen vertrauter, wäre Ihr Schatten als eine Ihnen mehr oder weniger bekannte Person erschienen (Kollegin, Freundin, Mutter...). Je bekannter im Traum die einzelne, gleichgeschlechtliche Person ist, desto genauer wissen wir um unsere dort symbolisierten Schatten-Seiten.
Ihr Schatten ist jung (nicht: C.G...), und er sucht den direkten Kontakt zu Ihnen, kommt direkt auf Sie zu. Wenn es geht, denken Sie an dieser Stelle noch einmal nach: Wie sieht sie aus, diese Frau - müde, gehetzt, tatkräftig, erfolgreich, erkältet, wie genau? Was für Kleidung trägt sie? Wirkt sie gepflegt, heruntergekommen, langweilig, extravagant, trägt sie Taucheranzüge, oder Business-Klamotten? Wie kommt sie auf Sie zu? Ist sie kräftig, eilig, wie läuft sie?
Was auch immer Sie antworten, bedeutet: So sind Sie, zumindest: So sind Sie auch, irgendwo in einem Ihnen derzeit unbekannten Teil von Ihnen!
In irgendeiner Form haben Sie - in welchem Zusammenhang auch immer - diesen Teil von sich ungerecht behandelt....und beschimpft mich, ich hätte sie ungerecht behandelt...
Nun haben Sie bis zu diesem Punkt des Artikels gelesen. Sie kennen mich inzwischen ein wenig, und Sie werden sich denken können, so einfach lassen wir es beim Thema Schimpfen natürlich nicht gut sein.

Heran an die Moral!

Was genau sagt die Frau? Wie unflätig ist sie? Benutzt sie Worte, die Ihnen in Ihrer realen Welt als mögliche Mitarbeiterin einer evangelischen Jugendeinrichtung nicht einmal im Traume einfallen würden? Ist sie unmoralisch? Ist sie moralistisch, also in einer anderen Form unmoralisch? Seien Sie präzise, wenn Sie diesen Teil von sich verstehen möchten! Und wie genau schimpft sie? Aggressiv, verzweifelt, arrogant, kräftig oder kraftlos?
....ich hätte sie ungerecht behandelt... Was genau ist eigentlich Gerechtigkeit für Sie? Was sagt Ihnen die Frau? Haben Sie sie übersehen, missachtet, betrogen, übervorteilt, ihr die Luft genommen, sich nicht gekümmert?
Schließlich: Wie genau endet der Traum? Was wird aus der Sonne und dem Umfeld? Wie ist Ihr Befinden im Traum und beim Erwachen?

Gegengeschlechtliche, einzelne Personen im Traum repräsentieren jeweils die ?weiblichen? Anteile in Männern (versorgende, sensible, nährende Züge), oder die ?männlichen? Anteile in Frauen (aggressive, erfolgsorientierte, streng funktionale, vielleicht kämpferische, usw.).
Jung spricht von Anima (?weibliche Seite? von Männern), bzw. von Animus (?männliche Seite? in Frauen)
Halten Sie sich in diesem Moment nicht an einer inneren Abwehrdiskussion mit den Themen Vorurteile und Klischees auf: Natürlich sind Frauen auch erfolgsorientiert oder kämpferisch, und auch Männer sind versorgend oder sensibel. Aber wir werden hineingeboren in eine Welt, die jene Klischees und Werte gebraucht, und unser Unbewusstes verfährt auch so.
Sind Sie als Träumer nun männlichen Geschlechts, sucht Ihre Anima nun durch den Traum den direkten Kontakt zu Ihnen. Den Rest an Deutung können Sie selbst dazu tun, oder?

Vielleicht haben Sie als Träumer sich selbst in Ihren eher weiblichen Aspekten längere Zeit übersehen, haben arbeitstechnisch an Ihrem Erfolg herumgefummelt und in Ihrer Freizeit noch stundenlang Börsenkurse studiert. Vielleicht sind Sie dann schlafen gegangen, haben am nächsten Morgen wieder Ihren beruflichen Weg des Erfolges perfektioniert, um dann - nach Feierabend - sich wieder um Börsenkurse zu kümmern.Vielleicht.
Ihr Unbewusstes meldet sich nun und sagt Ihnen : ?Hallo!? Ich bin sicher, wenn Sie nun mit Ihrem, von mir unterstellten, Leben so weitermachen, werden Sie wieder träumen, und die Bilder, die Symbole Ihrer Träume werden zunehmend deutlicher. Vielleicht steht irgendwann ein mittelschwerer Konflikt oder gar eine Prügelei mit einer einzelnen, weiblichen Person an.
Und vielleicht, nach kurzem Nachdenken über diesen Artikel, wählt Ihr Unbewusstes beim nächsten Traum jemanden, den Sie kennen oder einmal kannten, weil Ihnen dieser Teil von Ihnen ein ganz kleines Stück näher gekommen ist.

Das Ziel ist immer Individuation, und zwar in Ihrem wirklich liebevollen und guten Sinne.

Glauben Sie es bitte!

Es gäbe viel zu sagen über weitere Symbole von Träumen: Wiederkehrende Traumtiere zum Beispiel, oder Wasser als häufiges Symbol für Unbewusstes.
Dazu ist jetzt weder Zeit noch Platz. Ohnehin ist immer entscheidend, was Sie in Ihren Vorstellungen und Ihren Erfahrungen mit dem einen oder anderen Symbol verbinden. Nähern Sie sich Ihren Symbolen immer zunächst mit der Frage : ?Was ist das Wesen, das ursprüngliche dieses Symbols??
Gehen Sie bitte nicht digital mit sich um, es wäre schade. Das tun andere heute ohnehin schon genug.
Betrachten Sie Träume als eine Chance des inneren Zuganges zu sich selbst, und seien Sie nicht enttäuscht, wenn es Zeiten in Ihrem Leben gibt, in welchen Sie von dem ?ganzen Zeug? nichts wissen wollen.

Ihr Unbewusstes ist stark und kräftig. Es meldet sich schon wieder, wenn Sie Ihre Neugier auf sich selbst immer einmal wieder herstellen können, und Sie Ihre Geduld nicht ganz verlieren. Haben Sie Vertrauen zu sich. Genau: Selbstvertauen!

Wenn Sie nun ganz ?heiß? darauf geworden sind, können Sie einmal versuchen, im Rahmen von Kombinationsübernachtungen Ihren Nachtpartner darum zu bitten, Sie zu wecken, falls Sie im Schlaf sprechen, oder unruhig sind. Manchmal erwischen Sie genau dann einen Traum, und sie können etwas davon aufschreiben.
Möglicherweise produzieren Sie auch nur Scheidungs- oder Trennungskonflikte. Schließlich, wer von uns will schon wirklich nachts im schönsten Traum geweckt werden? Aber, technisch gesehen, könnte es klappen.

Mein Münchener Leitungskollege führt kein Tagebuch, sondern über Jahre ein Traumbuch. Er respektiert seine Träume sehr, hat sich mit viel Zeit ein wunderschönes Lederbuch gekauft und verschafft so diesem Teil von sich einen liebevollen und angemessenen Platz.
Vielleicht ist diese Idee des Umganges ja etwas für Sie. Ich bin sicher, durch einen tieferen Kontakt zu Ihren manchmal verborgenen Teilen Ihres Selbst verändern Sie auch Ihre Beziehungen zu anderen.
Wenn Sie wieder einmal jemand ?Träumer!? schimpft, schmunzeln Sie ruhig ein wenig. Ein kleines Kompliment steckt sicher in diesem Attribut, und es genügt ohne Zweifel, wenn Sie allein über den Grund Ihres Schmunzelns Bescheid wissen.

Zum Schluss noch eine Literaturempfehlung, eher zum sporadischen Blättern: C.G. Jung : Der Mensch und seine Symbole, Sonderausgabe, Walter Verlag.

Ach ja, und für heute Nacht wünsche ich Ihnen,...Sie wissen schon.

Autorenhinweis:
Christopher Lesko, Berliner Leiter des ALPHA-ZENTRUMs für Organisationsentwicklung und Führungstraining München/Berlin

nach oben

Benedikt Werner Traut: Die Nacht

Eine menschliche Grunderfahrung

Denn auch Finsternis ist nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtet wie der Tag, Finsternis ist wie das Licht (Psalm 139, 12)

Die Nacht gehört zu unserem Leben

Die Nacht ist Sinnbild für unser Leben, so wie es ist und wie es uns mit seinen Schwierigkeiten, Anforderungen und Nöten eben nicht gefällt. Das Wort ?Nacht? steht für eine existentielle Grundbefindlichkeit, für eine menschliche Grunderfahrung.

Erfahrung gewinnt nur einer, der sich auf eine Fahrt begibt und eine Entdeckungsreise in unbekanntes Neuland (in terra incognita) wagt, das heißt in unserem Falle: auf eine Fahrt in die Nacht und durch die Nacht in den Tag. Und Erfahrung hat auch immer mit Gefahren, mit Wagnis und Risiko zu tun.
Unsere Sprache ist eine Bild-Sprache und Symbol-Sprache, ein Spiegel, der das Spiel der Sätze und Gegen-Sätze auf spezifische Weise wiedergibt. Worte sind Spiegelbilder und Ausdrucksformen dieser von Spannungen, Ambivalenzen und Widersprüchen durchsetzten Wirklichkeit.
Tag und Nacht, Licht und Finsternis, Leben und Tod, Einatmen und Ausatmen - unsere Sprache ist reich an solchen Paaren, Gegensatz-Einheiten und Gegensatz-Spannungen.
Die Nacht weist auf einen Gegen-Satz hin. Die Schöpfung setzt sich aus lauter Gegen-Sätzen zusammen. ?Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht?. (Gen. 8,22)
Sie bilden ein großes Ganzes, fallen, treiben nicht auseinander, weil sie eine symbolische und eine nicht diabolische Kraft und Tendenz in sich tragen. Unter den Spannungen der Gezeiten des Ebbens und Flutens wiederholt sich ständig das Gesetz des Werdens und Vergehens, die Wandlung von Staub und Neugeburt, die Einheit von Tod und Leben, wächst und reift unser Leben zur Frucht, wandelt sich alles Leben stets zu einer neuen Gestalt, zur neuen Schöpfung. Sind es nicht die Gegensätze, die unser Leben und unsere Welt in Bewegung, in Spannung und letztendlich zusammenhalten, ?das, was die Welt im Innersten zusammenhält? (Goethe)?
Tag und Nacht, Licht und Finsternis, Leben und Tod. Solche Worte stehen gegeneinander und bedürfen doch einander. Sie brauchen einander und können nicht ohne einander sein. Sie ergänzen sich und sind und bleiben aufeinander bezogen als Komplementarität der Gegensätze. Das eine ohne das andere zu sehen, ist unwirkliche Einseitigkeit. Es geht darum, beide in rechter Weise zusammenzuschauen (con-templatio) und in einem dynamischen Prozess einander produktiv zuzuordnen. Wir verlieren oft den Blick für die Beziehung zwischen den Dingen. Es gibt eine Verbindung, einen Austausch zwischen dem, was eigentlich im höchsten Maße gegensätzlich ist und unvereinbar erscheint. Alles steht mit allem in Verbindung und durchdringt sich gegenseitig, eines geht aus dem anderen hervor. Alles hat seinen Sinn, alles hat seinen Wert und seine Schönheit und ist für unser Leben unentbehrlich und unverzichtbar. Die Gegensätze können tatsächlich so verschieden sein wie Tag und Nacht. Aber das Wesentliche ist, dass wir ohne die Nacht gar nicht in der Lage wären, so etwas wie den Tag zu erkennen. Wir haben völlig vergessen, dass das Positive nur durch das Negative definiert wird. Die Zerstörung des Negativen bedeutet zugleich die Zerstörung jeder Möglichkeit, das Positive zu genießen. Tag und Nacht, Licht und Dunkel sind zwei verschiedene Seiten eines einzigen Prozesses, zwei unterschiedliche Namen für einen Prozess, sind komplementäre Aspekte in ein und derselben Wirklichkeit. Sie bleiben gänzlich untrennbar und wechselseitig voneinander abhängig und das aus dem einfachen Grund, dass eines nicht ohne das andere existieren könnte. Tag und Nacht folgen einander. Ihr Charakteristikum ist das der gegenseitigen Bedingtheit. Alles, was wir wahrnehmen und vorstellen können, ist dadurch bedingt und bestimmt, dass etwas anderes da ist, das ihm als Gegenpol gegenübersteht, wie der positive und negative Pol beide zusammen da sein müssen, wenn der elektrische Strom kreisen soll.
Tag und Nacht gehören zusammen. Die Nacht gehört zu unserem Leben wie der Tag. Beide sind mit unserem Menschsein unablösbar verbunden. Unser menschliches Leben schwingt in diesem Rhythmus mit, in dem rhythmischen Wechsel von Tätigsein und Ruhen, von Wachen und Schlafen. Es gibt keinen Tag ohne Nacht, und jede dunkle Nacht hat einen hellen Aus-gang. Immer ist das eine Durch-gang und Über-gang zum anderen. Wir brauchen den Tag und die Nacht, um leben zu können. Das eine ist ohne das andere nicht denkbar. Alles Existieren ist ein ruheloser Übergang, ein ununterbrochenes Weiterschreiten-müssen, ein Weitergetrieben-werden von einer Stelle zur anderen, von einem Tag zum anderen, von einer Nacht zur anderen. Alles existiert relativ zu einem anderen, dessen es zu seiner Existenz bedarf.
In der Wirklichkeit der Nacht steckt eine große Spannung. Die Nacht ist einerseits die Zeit der Ruhe und des Schlafes, der Regeneration und Sammlung. Im Schoß der Nacht kehrt der Mensch zu sich selbst zurück, zu seinen Erinnerungen, Sehnsüchten und Träumen.
Aber die Nacht hat auch ein anderes Gesicht, das das Gefühl der Angst und der Einsamkeit, der Gefahr und des Unheimlichen, des Ausgesetztseins weckt. Die Nacht ist die Zeit der Finsternis.
Wenn wir die Nacht bewältigen und über-leben wollen, müssen wir uns ihr stellen, mit ihr auseinandersetzen, mit ihr ins Gespräch kommen. Immer wieder ist uns aufgegeben, den äußeren und inneren Nächten unseres Lebens nicht auszuweichen und sie zu verdrängen, sondern die Nächte des Zweifels und der Verzweiflung anzunehmen und durchzustehen als einen Teil von uns. Die Nacht holt den Menschen allemal ein. Wahrscheinlich entscheidet sich das Menschsein des Menschen vor allem an der Frage, ob und wie er die Möglichkeiten der Finsternis, die dunklen Seiten der Seele wahrnimmt und annimmt, ob und wie er sie abspaltet und verdrängt. Verdrängung hat einen hohen Preis. Wir werden stumpf und blockieren unsere innere Entwicklung. Aber das Verdrängte gibt niemals Ruhe. Es kehrt in tausend Verbindungen zurück, in Angst und im Schrecken.
Wenn ich mich dem Dunkel der Nacht aussetze, die engagierten Bindungen an die natürlichen Dinge und die verblendenden Vorstellungen, die ich mir von ihnen gemacht habe, loslasse, die trügerischen Wege verlasse, alle Anhänglichkeit an die geschaffenen Dinge aufgebe, mich selbst ganz aus der Hand gebe, erst dann kann ich erfahren, dass mitten in der Nacht das Licht des neuen Tages aufgeht. Ich werde das Licht des neuen Tages nur erblicken und begrüßen, wenn ich mich auf das Dunkel der Nacht einlasse. Die Nacht ist nicht gegen mich gerichtet. Es ist das Dunkel meiner Ratlosigkeit, meiner Hilflosigkeit. Das ist die Nacht.
Jede Nacht geht vorüber. Wir sollten endlich begreifen, dass jede Nacht Durchgang ist zu einem neuen Morgen mit neuen Überraschungen und neuen Aussichten. Wir sollten darauf vertrauen, dass die Nacht geradezu als Mut zur Krise, als Chance zur Wandlung aufgefasst werden kann und dass nach dem Durchgang durch die spannungsvolle, schmerzliche Enge und Finsternis der Nacht ein neuer erweiterter Raum lebendiger Gewissheit sich eröffnet. Wir dürfen uns der offenen Zukunft des neuen Tages voller Hoffnung und Zuversicht überlassen und anvertrauen.

Eine große Gnade ist die Nacht

Die Grundgefahren menschlichen Lebens werden zu Grund-Chancen für neues Leben. Die dunkelste Dunkelheit, die völlige Umnachtung des Glaubens, in der mir jegliche Sicherheit vor Gott und vor mir selbst entschwindet, wo ich an die Grenze komme und mir alles aus den Händen genommen ist, gibt mir die Möglichkeit, mich voller Vertrauen und ohne Rückhalt einem Unsagbaren und Unergründlichen zu überlassen, mich ohne Reserve und Vorbehalt einem mir selbst noch Unbekannten zu öffnen. Das Vertrauen allein rettet. Gerade in der äußersten Verlassenheit wird mir die Gnade geschenkt, auf den zu zählen und mit dem zu rechnen, der mich ins Dasein gerufen, dem ich jeden Augenblick mein Leben verdanke und der mich hält und trägt durch alle Tage und Nächte.
Wenn ich in die Nacht, meine Schattenseiten, in die Nächte meines Lebens eintrete, sie aushalte, sie durchstehe, bestehe, werde ich sie überstehen und erfahren, dass sie vergehen und ein neuer Tag mich erwartet, dass das Dunkel, das ich in mein Leben aufnehme, nicht dunkel bleiben wird. Die Nacht dauert nur eine Zeitlang. Dann kommt der Tag. ?Jeder neue Tag beginnt in der Dunkelheit?, sagt Marianne Kawohl in ihrem Band ?Nächte bestehen - Nächte vergehen?. Weiter lesen wir dort: ?Ich will nicht den Untergang, ich will den Übergang zum ewigen Aufgang.? Die Nacht verschwindet im Sonnenlicht. Das Streben nach Licht bringt das Licht.
Eine große Gnade ist die Nacht. Die Nacht ist dunkel wie der Mutterschoß, aus dem wir kommen. Jedesmal, wenn wir in die Nacht hineingehen, kehren wir gleichsam zurück in das bergende Dunkel unserer Mutter, und jeder Tagesbeginn gleicht einer neuen Geburt, bei der wir abermals das Licht der Welt erblicken und auferstehen zu neuem Wirken. Mit wachsender Kraft sind wir unterwegs zur großen Entdeckung und dürfen dabei jeden neuen Morgen wie eine Auferweckung aus dem Dunkel des Grabes und der Tiefe der Nacht erleben. Es ist geradezu der Segen der Nacht, der uns die Möglichkeit eröffnet, in das Licht des neuen Tages hineinzugehen und uns aus dem Licht neu zu empfangen.
Eine große Gnade ist die Nacht. Im Schoß der Nacht ruhen stets viele Möglichkeiten. Neues entsteht, das eine Bereicherung, ein Wachsen, ein schöpferisches Werden sein kann. In ihrem Dunkel werden die großen Schöpfungen geboren. Sie eröffnen die Möglichkeit, Fenster in die Unendlichkeit aufzustoßen und aus dem Dunkel der Nacht aufzubrechen in das Licht des Tages,
Wir sind unterwegs in den ewigen Tag, an dem es keine Nacht mehr gibt. Im bergenden Dunkel der Nacht dürfen wir uns fallen lassen in den, von dem wir kommen und zu dem wir auf dem Wege sind und zurückkehren werden.
Eine große Gnade ist die Nacht. Sie befreit uns von aller Selbstüberheblichkeit und Selbstüberschätzung, von allem Machbarkeitswahn und Schaffensdrang, von aller Autonomie und Selbstherrlichkeit, macht uns unser Menschsein mit seiner Armut und mit seinem Reichtum, in seiner Begrenztheit und in seiner Grenzenlosigkeit, in seiner Vergänglichkeit und in seiner Unvergänglichkeit bewusst.

Biblische Nächte - göttliche Nächte

Immer wieder ist es die Nacht, in der Unvorstellbares und Folgenschweres, Unerwartetes und Ungewöhnliches sich ereignet, neue Geburt geschieht. Denken wir an Nikodemus in seiner nächtlichen Begegnung mit Jesus, der ihn auf seine neue Geburt aus Wasser und Geist hinweist, Johannes 3, 1-8 oder wie Jesus über Nacht im Gebet zu Gott blieb, wie uns im Lukasevangelium berichtet wird. Die entscheidenden Ereignisse geschehen in der Nacht. Es waren Nächte, in denen Gott zum Heil seiner Menschen Entscheidendes getan hat und in die Geschichte der Welt und das Leben der Menschen kam, in sie eingriff und einen Neuanfang setzte.
Wir denken dabei vor allem an die Nacht, in der das ewige Wort, der Logos Fleisch wird, Gott als unscheinbares, kleines Kind in diese Welt kommt, an die Nacht, in der das Wunder geschieht und Gott, der Höchste, sich so tief neigt, dass er unsere Armut annimmt und in unsere Dunkelheit, in unsere Nacht kommt. Dann an die Nacht Jesu im Garten Gethsemane vor seiner Gefangennahme und an die Nacht, in der er das Abendmahl einsetzt und vor allem an die Oster-nacht, in der sich das Leben gegen den Tod behauptet. Gibt es einen größeren Grund zur Freude als die Freude angesichts dieser Nacht, in der das Grab Christi aufgesprengt wird und er aus dem Reich der Toten aufersteht? Das Mysterium der Geburt Jesu wie das seiner Auferstehung aus der Nacht des Todes macht die Nacht zur "nox sacratissima?, zur Nacht von höchster Heiligkeit und Geweihtheit. Zusammen sind diese beiden Feste, Geburt und Auferstehung, der Anfang unserer Erlösung, das Ziel unserer Vollendung. Sie umspannen unseren Lebensweg und unsere Lebenszeit als Anfang, Mitte und Ziel unseres Lebens. Zusammen verheißen sie den Tag ohne Abend, auf den wir im Glauben warten. Weil sie beide den Anfang des Sieges, eines ewigen Tages, zusammen den Sieg eines neuen Anfangs bedeuten, darum sind sie beide Feiern einer allerheiligsten Nacht.
Die Bibel ist reich an göttlichen Nächten. Immer bedient sich Gott der Wunder in der Nacht, um zu uns Menschen zu kommen, uns zu retten und zu verwandeln, um unser Dunkel mit seinem Licht zu erhellen und zu durchdringen, um uns aus dem Dunkel der Nacht in den lichten Morgen, in seinen ewigen Tag, den abendlosen Tag zu führen.
Die drei zentralen Geschehen unseres Glaubens, die Weihnacht, die Einsetzungsnacht des Sakraments des Abendmahls, der Eucharistie und schließlich die Osternacht zeigen uns, dass das Geheimnis der göttlichen Nächte darin besteht, dass Tod und Leben, Heillosigkeit und Heil, der Kelch des Sterbens und der Kelch des Heils, Verrat und Treue, Verlorensein und Rettung, Niederlage und Sieg, Verlust und Gewinn, Verzweiflung und Hoffnung, Angst und Vertrauen, Gericht und Gnade, Tag und Nacht immer ganz nahe beieinander oder sogar ineinander sind, wie eins aus dem anderen hervorgeht und das eine ohne das andere sich nicht ereignen kann. Immer sind beide für unser Leben notwendig und immer dienen beide einem Herrn. Darum dürfen wir auch die Nacht loben und bekennen, dass auch sie Gott gehört - ?Dein ist die Nacht?, Psalm 74,16 - und sagen, dass die Augen unseres Glaubens das ewige Licht in ihr sehen.

nach oben