das baugerüst 2/00 - Wenn Worte nicht mehr verstanden werden

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Inhalt

Wolfgang Noack: Wenn Botschaften nicht mehr ankommen. Einführung in das Heft

  • BOTSCHAFTEN ENTSCHLÜSSELN
    Ulf Koischwitz: ?Wer glaubt denn heute noch an die sieben Gebote...?? Jugendliche äußern sich zu Auferstehung, Beichte, Buße, Ehrfurcht, Erbarmen...
    Steffen Jung: Rechtfertigung. Annäherung an einen zentralen Inhalt evangelischen Glaubens
    Rainer Gollwitzer: Genügsamkeit, Aufbruch und Zweifel
    Rüdiger Maschwitz: Wortlos glauben
    Peter Carlberg: Mythen machen Marken. Religiöse Sprache in der Werbung

  • Zum Thema
    Johanna Haberer: Buße
    Maria Jepsen: Sünde
    Manfred Kock: Buße
    Wolfgang Huber: Auferstehung
    Johannes Friedrich: Schuld
    Christine Bergmann: Schuld
    Norbert Blüm:
    Gerechtigkeit
    Heinrich Fink: Gerechtigkeit

  • AutorInnen des Heftes

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Wolfgang Noack: Wenn Botschaften nicht mehr ankommen

Einführung in das Heft

Ich glaube - an Gott den Vater ...., an seinen eingeborenen Sohn, ... geboren von der Jungfrau Maria, ... am dritten Tage auferstanden, .... aufgefahren gen Himmel, ... er sitzt zur Rechten Gottes, ... eine heilige christliche Kirche .....

Vielen Christen, insbesondere Jugendlichen gehen diese Worte und Begriffe nur noch schwer über die Lippen. Manche schweigen beim gemeinsamen Beten, weil sie mit den Worten nichts mehr anfangen können, andere sprechen aus der Tradition heraus mit, ohne weiter darüber nachzudenken. Andere wiederum formulieren in Gedanken bei jeder Aussage eigene Interpretationen und Erklärungsversuche mit.

Mit Sünde, Gnade, Buße, Rechtfertigung ist es nicht viel anders. Diese zentralen Begriffe christlichen Glaubens werden kaum mehr verstanden, wirken wie Formulierungen einer vergangenen Zeit und scheinen nicht mehr so recht in das Lebensgefühl der heutigen Menschen zu passen. Die Liturgie im Gottesdienst wirkt fremd und der wortgewaltige Protestantismus geht an den Ohren videoclipverwöhnter Jugendlicher vorbei. Liegt es an den Inhalten oder an der Sprache, am Glauben oder an den Begriffen, an den Orten oder an der Kommunikation, wenn Botschaften nicht mehr ankommen?

Was haben die biblischen Befreiungs- und Hoffnungsgeschichten mit meinem eigenen Leben heute zu tun? Wird die Sprache nicht mehr verstanden oder fehlt der Mut, den Auszug und die Wüstenwanderung, den langen Atem und die Befreiung eben nicht nur bei Moses und dem Volk Israel, bei Ägypten und dem Sinai zu belassen, sondern in das eigene Leben mit all den Zwängen, Verharrungen und Absicherungen hineinzuholen?

Warum sind christliche Gleichnisse, Bilder und Geschichten nichts mehr für die Befindlichkeiten heutiger Menschen? Warum gelingt es Kirche nicht mehr, diese mit dem Lebensgefühl von (jungen) Menschen zu verknüpfen? Gleichzeitig aber gestaltete der Modehersteller Otto Kern vor einiger Zeit eine ganze Anzeigenserie mit dem Titel ?Paradise now?, indem der jeanstragende Jesus seine Botschaft in die heutige Sprache übersetzte: ?Wir wünschen mit Jesus, dass Flüsse vom Giftmüll befreit werden?.

Ist es die kurze knackige Botschaft, die Menschen heute suchen, die in der Fernsehzeit von 1´30 erklärt werden kann und sich in einen Dreiwort-Claim wie ?quadratisch - praktisch - gut? zusammenfassen lässt?
Oder trauen z.B. Jugendliche nicht ihrer eigenen religiösen Kompetenz, sind eingeschüchtert von einer kanzelgewaltigen Kirchensprache und Interpretation, verharren in ihrem Kinderglauben und verabschieden sich schließlich davon, weil er unbrauchbar und unglaubbar geworden ist. Manchmal hat man schon den Eindruck, die selbstbewusste religiöse Sprachfähigkeit setzt ein theologisches Grundstudium voraus. Weil auch scheinbar alles so klar definiert ist, was zum ?richtigen Glauben? dazugehört: der ?Haupt?-gottesdienst und das Glaubensbekenntnis, das Abendmahl und die (wörtlichen) Botschaften von Weihnachten oder Ostern.

?Zweifel dich durch? lautet der Titel eines Lesebuchs, das ?Lust auf Religion? machen will. Vielleicht ist ja Zweifel die Voraussetzung, um lustvoll die eigene religiöse Sprachfähigkeit (neu) zu entdecken, die alten Begriffe für das eigene Leben zu übersetzen und die alten Geschichten in eigene Lebenswirklichkeit hineinzuholen.

Wenn die Botschaften nicht mehr ankommen, wird es Zeit, sich über die Kommunikation in Kirche und Jugendarbeit auseinanderzusetzen, zu fragen, ob die verwendete Sprache noch die ist, die Jugendliche heute verstehen. Denn Sprache beschreibt eben nicht nur Realität, sondern schafft sie auch.

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Dietrich Ritschl: Worte brauchen eine Wohnung

Nicht nur den Protestanten ist ?das Wort? wichtig, sondern natürlich allen christlichen Kirchen. Dies ist ja gerade das Besondere der ?Religion? Israels, in der wir Christen ein eingepropfter Zweig sind, dass nicht Bäume oder Tiere, goldene Gefäße oder Altäre, prächtige Gebäude mit farbigen Fenstern, Bilder oder Statuen, heiliges Wasser oder wundervolle symbolische Handlungen das Wichtigste, das Heilige, die Gegenwart Gottes bei den Menschen darstellen - sondern eben Worte, nüchterne Worte. Das ist das Israelitische, das Jüdische am Christentum, am Protestantismus. Oder stimmt das nicht?

Nun, es stimmt und es stimmt nicht. Unsere damalige Trennung von Israel und - schlimmer und schuldhafter in noch tieferer Weise - unsere Blindheit gegenüber der Gegenwart Gottes bei seinem Volk, den heutigen Juden, erklärt, weshalb dieser große Ernst gegenüber dem nüchternen Wort immer wieder verloren ging. Und doch ist es so, dass auch die wildeste Symbolik, die schönste Architektur und Malerei, die Hochschätzung der Ikonen, der Respekt vor Kirchenräumen und Altären letztlich - so sagen es immer wieder die Lehrer aller Konfessionen - dem Wort Gottes gelten und Symbolik für die Gegenwart des Wortes sein sollten.

Wort durch Ästhetik und Religion verdeckt

Eingangs wurde das Wort ?Religion? in Anführungszeichen gesetzt, weil damit angezeigt sein sollte, dass die üblichen Bedeutungen von ?Religion? das, was in Israel zentral war und ist, nicht voll einfangen können. Das gilt auch für die christlichen Kirchen. Wir brauchen hier nicht auf die rasante Religionskritik Feuerbachs oder auf Karl Barths radikale Kritik des Religionsbegriffs einzugehen. Es geht um etwas viel Einfacheres: ganz zweifellos ist zumindest das Christentum - über die Entwicklung des Judentums sollten wir uns mit kritischen Beurteilungen zurückhalten - in sekundärer Weise über die Jahrhunderte zur Religion geworden in dem Sinn, dass die typischen Merkmale von sozusagen ?menschenmöglicher? Religionsgestaltung das Eigentliche und Wesentliche überlagert haben. Man muss nun durch den ganzen Wust - und auch die Ästhetik und hohe künstlerische Leistung! - dieser vielfältig gewachsenen Religion hindurchschauen, um ?das Wort? wieder zu hören. Dies war exakt die Absicht der Reformatoren und sie sind deshalb mit Recht auch über die Jahrhunderte hin dafür gelobt worden, dass sie dies versucht haben und somit die Protestanten dem ?Wort? auf besondere Weise Gewicht gaben. Nur, sie meinten mit der Wiederentdeckung der Zentralität des Wortes natürlich nicht nur etwas Formales, sondern etwas Inhaltliches. Gott selber sei Inhalt des Wortes, genauer noch: das in Gott von Ewigkeit her ruhende Wort (der Logos), d.h. sein Plan, seine Liebe, seine Güte, seine Weisheit, sein Verstand, sein Eigentliches sei in Jesus von Nazareth Mensch geworden.

Probleme mit diesem Dreieck

So ist in der christlichen Lehre freilich nicht erst im Protestantismus, sondern schon von Anfang an in der Alten Kirche ein ?Dreieck? entstanden, mit dem nicht leicht umzugehen ist. Die Ecken des Dreiecks: ?1. Gott (in ihm das ewige Wort), 2. Jesus Christus (als das menschgewordene Wort), 3. Das Wort des Zeugnisses (der Tora und der Propheten im Alten und der Apostel im Neuen Testament). Ich habe 40 Jahre lang theologische Prüfungen abgehalten und muss in der Rückschau sagen: wenige wussten mit diesem Dreieck so umzugehen, dass das Gesagte wirklich klar war und auch an eine Gemeinde hätte weitergegeben werden können. Die einen philosophierten lieber über ?Sprache?, die anderen neigten zu der Meinung, Gott sei in Jesus ?Wort geworden?, wieder andere tendierten zu einer glatten Identifizierung der Bibel - des Zeugnisses also - mit Gott.

Wenn wir über den heutigen Sprach- und Bedeutungsverlust jammern und nach neuen Sprachformen - besonders für die Jugendlichen - verlangen, was suchen wir eigentlich? Das Verlorene ist ja nicht die Sprache, sondern der Inhalt, letztlich Gott selbst. Freilich hängen die beiden zusammen, das ist unbestritten, und wie sie dies tun, wollen wir überlegen. Zunächst aber noch eine andere, das protestantische ?Monopol? auf das Wort betreffende Frage:


Ist das Wort wirklich im Protestantismus wieder entdeckt worden?

Eine arrogante Frage. Wem steht es denn schon zu, die Reformation als solche pauschal zu beurteilen? Das Anwachsen der evangelischen Kirchen seit dem 16. Jh., von der Entstehung des Weltprotestantismus ganz zu schweigen, zeigt selbstverständlich, dass damals ein gewaltiger Durchbruch zum Wort der Bibel - zum ?Wort Gottes? - geschehen war. Nur - und dies zu beobachten und zu beurteilen steht uns durchaus zu - ?das Wort? wird nicht nur in den evangelischen Kirchen gehört und beherzigt, sondern sehr wohl auch in der katholischen Kirche unserer Zeit, auch in neuen Bewegungen in der östlichen Orthodoxie und in gänzlich neu entstandenen, großen Kirchen in der Welt außerhalb des euro-atlantischen Raumes. Überall gelingt immer wieder der Durchbruch durch die Verkrustungen von Religion hindurch zur Wahrnehmung des ?Wortes?. Oder nicht?

Dann aber die Schattenseite des Protestantismus: Die symbollosen Kirchengebäude, die schulstundenhaften Gottesdienste, die klischeebeladenen Predigten, die ewig redenden Pfarrer und Professoren - dieser ganze Wortschwall der Kirchenleute und
-blättchen, ökumenischen Erklärungen und Konferenzen, alles so oft auf mittlerem intellektuellem und kulturellem Niveau....ist das nun die Frucht des großen Durchbruchs der Reformation zum ?Wort?? Protestantische ?Verkopfung? wird oft beklagt, - wäre es doch nur eine echte, intelligente Verkopfung! - schlimmer noch sind die dünnen Inhalte, die ungenierten Wiederholungen und das naive Vertrauen in Worthülsen.

Also: brauchen wir eine neue Sprache? Wiederum ist die Antwort: Nein und ja zugleich. Und, was heißt schon ?neue Sprache?? Gott statt ?König? oder ?Herr? etwa ?Präsident? oder ?chair-person? zu nennen, was brächte das schon außer Verwunderung bei den einen und Spott bei den anderen? Damit lockt man niemand, erst recht nicht Jugendliche, in kirchliche Treffen. Aber doch auch ja: neue Lieder sind schon etwas wert und beleuchten oft sehr schön unser heutiges Leben, nur - es gibt eben wenige. Und dann phantasievolle, poetische, lebendige, persönliche Predigten in einer Kirche oder beim Kirchentag, auch einmal eine gute Morgenandacht im Radio für einige Minuten - das gibt es schon. Am besten kommen Worte an, meine ich, wenn sie Ereignisse und Taten kommentieren. Worte und Taten gehören offenbar zusammen, und die Worte müssen im Kontext von Sätzen über Geschehenes und über Handlungen ?wohnen?, um überhaupt sprechen zu können. Oder: Wenn Worte vom Tun abgelöst sind, wenn sie nicht auf ein Ereignis weisen, wenn sie nicht zu einer Realität hinführen, sind sie nichts mehr wert - ?mach nicht so viele Worte!?.

Worte, Sätze, Geschichten

Wir müssen uns klar machen, dass Worte sozusagen ?von Hause aus? in Sätzen wohnen. Auch schicksalsträchtige Einzelworte wie z.B. ?Ja, ich verspreche es dir!? Ein einzelnes Wort kann zwar große Ereignisse auslösen, Menschen niederschlagen oder aufrichten - ein Fluch, ein Segen, ein Trost. Aber hinter dem Einzelwort steht doch jeweils ein Satz, ein möglicher Satz oder gar eine Reihe von Sätzen, und diese sind es, die einen Menschen niederschlagen oder trösten - sie hören sozusagen den unausgesprochenen Satz mit, wenn sie das Einzelwort hören.

Mit den Sätzen, die jemand ausspricht, ist es nicht anders: auch hinter ihnen stehen noch mehr Sätze, Unausgesprochenes schwingt mit. Wir können das testen, wenn wir jemand von einer Urlaubsreise erzählen hören, oder wie jemand uns einen abwesenden Menschen in wenigen Sätzen geschildert hat. War es da nicht so, dass wir immer ?mehr? gehört haben, als der Sprecher in Worten tatsächlich gesagt hat? Auch wenn wir einen Vortrag anhören: Beim Zuhören denken wir unweigerlich noch Zusätzliches, wir fragen uns blitzschnell, warum der Redner gerade dies jetzt so gesagt hat, ob er an anderes dachte? Ob ich dem, was er sagt, zustimmen kann usw.? Darum ermüdet man bekanntlich beim Zuhören und so erklärt es sich auch, dass wir nicht mehr alles hören, was der Redner sagt. Wir hören also einerseits mehr, andererseits weniger, weil wir unabsichtlich selektieren.

Die verführerischen Einzelwörter

Seit langem stehen wir alle unter dem Einfluss der Sprache der Technik, wo ein Einzelwort der Name für ein bestimmtes Ding oder einen Vorgang ist. Nicht so in der Bibel oder der echten Sprache des Glaubens: dort geht es um Geschichten, um Weisungen (in der Tora), um Lob und Klage (etwa in den Psalmen und Liedern) und um große Gedankenketten (etwa in den Paulusbriefen), nicht um Termini oder Namen von Dingen. ?Was meinst du mit dem Wort ?Gott?, ?Liebe?, ?Vertrauen??? - solche Fragen nach Bezeichnungen sind eigentlich unbeantwortbar, denn sie sind aus ihrem Kontext, ihrer ?Wohnung? herausgerissen. ?Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben? oder die Geschichten im Alten Testament, von Jesus, sie sagen, wer Gott, was Liebe und Vertrauen sind. Die Geschichte vom barmherzigen Samariter, vom verlorenen Sohn, von Jesu Kreuzigung, lassen sich nicht in einem Wort zusammenfassen.

?Denotationstheorie? nannten die Sprachphilosophen das naive Streben nach einer Sprache, in der einzelne Worte verifizierbare Bezeichnungen für ein ?Etwas? sind. Leider folgen ihr viele Prediger und operieren somit - freilich unwillentlich - ähnlich wie die Fundamentalisten, die von Einzelworten glauben, die Wahrheit wohne in ihnen. Sie missverstehen, dass Worte auf die Wahrheit hinweisen, dass die Wahrheit hinter den Worten ruht, dass Worte zu allermeist Metaphern, also ?ausgeliehene? Sprache sind, etwa ?König?, ?Herr?, ?Vater? für Gott, ?Gottes Sohn?, ?Menschensohn?, ?Hirt?, ?Herr?, ?Retter?, ?Richter? für Jesus Christus. All diese Einzelworte - auch ?Gnade?, ?Rechtfertigung?, ?Gericht?, ?Glaube? - sie alle sind aus der Umgangssprache ausgeliehen und weisen auf die Wahrheit hin, sie sind nicht die Wahrheit. Ja, insgesamt, sternförmig sozusagen, weisen sie auf die Wahrheit hin, auf Gottes Präsenz, aber nur in ihre Einbettung in die Geschichten und längeren Satzgefügen, in denen sie ?wohnen?.
Die eigentliche Tragik des Schicksals der Sprache in unserer Zeit sehe ich nicht so sehr in der Reizüberflutung durch Worte oder in der Oberflächlichkeit der Werbung als vielmehr in der Reduktion unseres Respektes vor Worten auf reine Bezeichnungen. Die krampfhafte Bemühung seitens der Kirchen und ihrer Sprecher, die Worte wieder neu mit Sinn ?aufzufüllen?, bringt selten etwas, meist endet die Bemühung im Hin- und Herschieben und in der Wiederholung von Klischees. Sie sind dann wie Münzen, deren Währung nicht mehr gilt, Sie haben keinen ?crash-value?, sagen die Philosophen. Damit ist aber das Schönste am Protestantismus, das nie endende Eindringen in den Kontext der alten Worte, in ihre Einbettung, die Offenheit für ihre heutige Interpretationskraft im persönlichen, sozialen und politischen Bereich preisgegeben und - dramatisch ausgedrückt - verraten. Da nützt auch die Suche nach neuer Sprache nicht viel. Neue Taten, neues Handeln tut not, dann wird auch griffig, tröstlich und glaubwürdig, was wir sagen. Das ist so, weil das Sprechen über die ?Dinge Gottes? und unser Sprechen in der Gott-Perspektive über die ?Dinge unserer Situation? unbedingt zusammengehören.

Wer steht noch im biblischen ?Sprachstrom??

Möglich, dass in vergangenen Generationen die Menschen - jedenfalls im euro-amerikanischen Raum und im Bereich der orthodoxen Kirchen - direkter im biblischen Sprachstrom standen als heute. Wir müssen jetzt lernen, dass Christen - wie die Juden - eine Minorität werden und wir wissen noch nicht, wie wir damit umgehen sollen. Um nochmals das mir lieb gewordene Wort wohnen zu gebrauchen: unsere heutigen Mitmenschen ?bewohnen? die biblischen Geschichten vielfach nicht mehr. Sie sind wie leere, unbewohnte Straßenzüge in der Stadt, in der wir leben. Jemand hat noch die alten Stadtpläne - die Theologen vielleicht - aber die Häuser sind leer und wir kennen die Straßen nicht mehr. Das ist eine Tragik, nicht nur der Sprache, sondern der Kirche. In den neuen Bundesländern ist es noch krasser als hier zu spüren. Enorm viel hängt somit am Religionsunterricht, an Radio und kirchlicher Presse, am aktiven Tun der Gemeinden und diakonischen Institutionen, an Aktionsgruppen und sinnvollen Tagungen u.a.m. Theologische Rezepte - das kann ich nach Erfahrungen in vielen Ländern garantieren - gibt es nicht. Theologie kann vieles leisten: sie kann sichten, erklären, Probleme lösen, Spaltungen heilen, Neues entwerfen, aber Rezepte liefern, wie Menschen, die die Gegenwart und Liebe Gottes nie verspürt haben, die Sprache der Bibel und der Gläubigen wieder bewohnen können, das vermag sie nicht.

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Steffen Jung: Rechtfertigung

Annäherung an einen zentralen Inhalt evangelischen Glaubens

Zugang

?Evangelische Kinder- und Jugendarbeit geschieht im Glauben an die Botschaft von der Rechtfertigung des von Gott entfremdeten Menschen? schrieben wir, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Evangelischen Jugend der Pfalz, in unser 1999 neu entwickeltes Leitbild. Die Botschaft von der Rechtfertigung als wichtiger Baustein für die theologische Begründung evangelischer Jugendarbeit von heute.
Worin liegt die Relevanz und Aktualität des Sachverhaltes, den wir mit dem Begriff ?Rechtfertigung? codifizieren? ?Rechtfertigung des Menschen durch Gott? ein Inhalt unserer Weltdeutung, der einerseits von den namhaftesten Vertretern evangelischer Theologie geradezu als Zentrum des christlichen Glaubens beschrieben (vgl. Eberhard Jüngel: Das Evangelium von der Rechtfertigung des Gottlosen als Zentrum des christlichen Glaubens. 2. Auflage, Tübingen 1999. Einsichten aus diesem Buch liegen meinem Text zugrunde), andererseits häufig als völlig irrelevant und letztlich lebensschädigend wahrgenommen wird.
Wir sind in der Evangelischen Jugend mit Eberhard Jüngel der Meinung, dass die Botschaft von der Rechtfertigung entscheidende Inhalte einer evangelischen Selbst-, Welt- und Gottesdeutung zusammenfasst. Für ein richtiges Verständnis dieses Kernstückes evangelischen Glaubens mit unseren katholischen Brüdern zu streiten, ist dabei Aufgabe unserer Theologinnen und Theologen an den Universitäten und in den Kirchenleitungen. Unser Ziel in der Ev. Jugend besteht darin, die Inhalte der Rechtfertigungsbotschaft möglichst erfahrungsorientiert in der Lebenswirklichkeit Jugendlicher zur Gestalt zu bringen.
Was treibt uns dazu in der Rechtfertigungsbotschaft den zentralen theologischen Inhalt unseres Leitbildes zu sehen? Viele Anfragen prägten unsere Diskussion:
?Allzu veraltet und nicht erfahrungsbezogen? sei die Rede von der Rechtfertigung des von Gott entfremdeten Menschen, sie ?setze ein ,grausames? Gottesbild voraus: einen allmächtigen Vater, der seinen armen Sohn leiden lässt, um die Sünde der Welt zu sühnen?. Sie entfalte sich in ?altgermanischem Sühnedenken, das weder biblisch begründet, noch in irgendeiner Weise lebensfreundlich sei?.
Die Botschaft von der Rechtfertigung ?universalisiere die Sünde?, so hieß es weiterhin. Wenn alle Menschen als Sünder identifiziert werden, mache diese Kollektivschuld geradezu für die konkrete Schuld blind und es bestehe die Gefahr, dass die christliche Sündenlehre zur Rechtfertigung der Sünde und zur Anpassung an die Zwänge der gefallenen Welt missbraucht werde. Die Rechtfertigungsbotschaft ?spiele im weltweiten Kontext der christlichen Ökumene keine Rolle, sie sei ein deutsches Sonderproblem?.
Viele dieser Anfragen haben ihre Berechtigung. Gerade deswegen gilt es, sie positiv aufzunehmen, um die Lebensfreundlichkeit der Rechtfertigungsbotschaft in unserem Kontext nicht zu verfehlen. Zwei Merksätze erscheinen mir grundlegend:
Es ist entscheidend, die Botschaft von der Rechtfertigung jenseits eines ?grausamen Gottesbildes? zu versprachlichen und den Kreuzestod Jesu gerade nicht als Gericht Gottes über die Menschen, das stellvertretend am Sohn Gottes exekutiert wird, zu interpretieren, sondern den Kreuzestod Christi als Offenbarung der Liebe Gottes zu allen Menschen zu verstehen und zu deuten.
Und genau so wichtig ist es, nicht in einen ?protestantischen Sündenpessimismus? zu verfallen und aufgrund der Erbsünde jeden Menschen erst mal als Sünder zu brandmarken, sondern die Identifizierung der vorgegebenen Fehlerhaftigkeit und des Versagens von Menschen nur im Rahmen eines ?therapeutischen Zirkels? mit personalen Begriffen zur Sprache zu bringen. D.h. das konkrete, individuelle Versagen und das persönliche Scheitern von Menschen, aber auch ihre tragischen Verstrickungen in negative Strukturen (strukturelle Sünde) an der je eigenen Biografie von Menschen bearbeiten.
Sie bemerken meine Rechtfertigungsversuche, wir sind mitten im Thema. Ich versuche zu rechtfertigen, warum evangelische Kinder- und Jugendarbeit sich auf die Botschaft von der Rechtfertigung des von Gott entfremdeten Menschen bezieht.

Was bezeichnet der Begriff ?Rechtfertigung??

Begrifflichkeiten
?Etwas rechtfertigen?, ?sich rechtfertigen?, ?gerechtfertigt werden?. Das sind Begrifflichkeiten, die Elemente des täglichen Lebens beschreiben.
?Etwas zu rechtfertigen? versuchen Menschen immer dann, wenn sich ihre Verhaltensweisen nicht von selbst verstehen bzw. von Mitmenschen als ärgerlich oder als nicht plausibel verstanden werden. Menschen rechtfertigen ihr Verhalten als notwendig, ent-schuldigen sich damit, um sich gerade nicht entschuldigen zu müssen. ?Etwas rechtfertigen? ist der Versuch des eigenen Freispruchs aufgrund vorliegender Notwendigkeiten.
?Sich rechtfertigen? geht weiter. Menschen rechtfertigen sich für ihr Dasein. Ein einfaches Beispiel: Menschen rechtfertigen sich, warum sie zur gegebenen Zeit an einem gegebenen Ort sind. Sie tun dies immer dann, wenn ihre Anwesenheit dort nicht selbstverständlich ist. Doch ?sich rechtfertigen? in einem umfassenden Sinne bedeutet noch mehr. ?Sich rechtfertigen? meint, sein gesamtes Dasein rechtfertigen, seinem Dasein einen Sinn geben, einen Sinn des eigenen Lebens postulieren. Wer sich umfassend rechtfertigt, der behauptet damit, dass sein Leben einen Sinn hat. Er rechtfertigt mit seinem Dasein den Sinn seines Daseins.
Rechtfertigung vollzieht sich dabei immer vor einem Gegenüber. Menschen rechtfertigen sich in erster Linie vor ihrem eigenen Gewissen. Sie rechtfertigen sich aber auch vor anderen Menschen oder vor menschlichen Institutionen (z.B. Gerichte, Vorgesetzte, MitarbeiterInnenvertretungen, Konferenzen ...).
Sich rechtfertigen wollen hängt dabei mit Anerkennung zusammen, sich rechtfertigen müssen bezieht sich auf die Verantwortung des Menschen. Wer sich rechtfertigen will, will von anderen Menschen anerkannt werden, deshalb seine Versuche. Wer sich rechtfertigen muss, scheint im Unrecht zu sein. Er muss sich verantworten.
?Gerechtfertigt werden? beschreibt die Umkehr der Relation. Nicht sich selbst rechtfertigen oder sich selbst rechtfertigen müssen, sondern von einer anderen Instanz gerechtfertigt werden, von einer anderen Instanz anerkannt und entschuldigt werden und dies nicht nur für bestimmte Verhaltensweisen, sondern für sein gesamtes Dasein.
Die Botschaft von der Rechtfertigung des von Gott entfremdeten Menschen durch Gott formuliert diesen ungeheuren Zusammenhang. Im Glauben an den rechtfertigenden Gott werden Menschen entschuldigt und anerkannt. Rechtfertigung ist dabei nicht weniger als ein juristischer Skandal. In juristischer Terminologie beschrieben: Das Urteil lautet ?Freispruch trotz erwiesener Schuld?. Mit anderen Worten: Rechtfertigung durch Gott beendet den Zwang zur ständigen Selbstrechtfertigung vor den drei genannten Instanzen.
?I?m okay- you?re okay? ist ein wichtiger Grundsatz moderner amerikanischer Kommunikationspsychologie; ?I?m not okay - you?re not okay, but that?s okay? ist die aus meiner Sicht realistischere Weiterentwicklung dieses Leitsatzes aufgrund der Rechtfertigungsbotschaft.


Die Relevanz der Botschaft von der Rechtfertigung durch Gott in der Lebenswirklichkeit Jugendlicher

Der Primat des Personseins vor der Leistung

Ich beginne mit einem Allgemeinplatz: Jungsein heute heißt, Schülerin oder Schüler sein. Schülerin oder Schüler sein heute heißt - nach meiner Erfahrung nach 8 Jahren Arbeit als Pfarrer im Schuldienst und 22 Jahren eigener schulischer, universitärer und kirchlicher Ausbildung - sich in der Mühle individualisierter Leistungsbeurteilung wiederzufinden.
In Rheinland-Pfalz beginnt die Bewertung nach Noten in der dritten Klasse Grundschule, die Kinder sind acht Jahre alt. Dann geht es Schlag auf Schlag. Jeden zweiten Tag werden die Leistungen der Kinder und Jugendlichen bewertet, nach einem Schema, das von ?sehr gut? bis ?ungenügend? (welch eine Qualifikation!) reicht.
Mindestens 8 oft 11 Jahre lang regiert dieses absolute Leistungsprinzip das Leben von Kindern und Jugendlichen. Die Sozialisationsinstanz Nr. 1, die Schule, drückt die Bewertung nach Leistung als höchste Kategorie schulischer Urteilsfähigkeit in die Köpfe ihrer Opfer. Die Noten von ?sehr gut? bis ?befriedigend? erzeugen dabei Wohlbefinden, bei denen in dieser Weise Qualifizierten, die Noten ?mangelhaft? und ?ungenügend? führen zum sozialen Ausschluss aus der Bezugsgruppe, euphemistisch gesprochen: ?Wiederholen von Klassen?. Bei Grundschülern und ?schülerinnen verhindern solche Qualifizierungen den Zugang zu höheren Bildungsinstitutionen, an weiterführenden Schulen bedingen sie letztlich den Ausschluss von diesen.
Natürlich geht es in der schulischen Leistungsbeurteilung, da sind sich alle Pädagoginnen und Pädagogen, die in schulischen Bezügen arbeiten einig, nicht um die Bewertung von ?Persönlichkeit? (die möchte man jetzt über die Wiedereinführung von Kopfnoten in das eigene Machtfeld zurückholen), sondern um die Gradifizierung erbrachter Leistung. Und selbstverständlich ist Leistung nicht per se negativ zu bewerten. Freude an erbrachter Leistung gehört schon vor jeder Belobigung zu den besten und schönsten Gefühlen des Menschen. Trotzdem sind die Auswirkungen eines solchen internalisierten Bewertungssystems bei Kindern und Jugendlichen katastrophal.
Was bedeutet es auf Dauer, sein Leben zwischen Bewertungen, die von ?ausreichend? bis ?ungenügend? reichen, zu führen?
In ein solches Leistungssystem die Botschaft von der Rechtfertigung des Menschen hineinzutragen, ist Sisyphusarbeit. Allzu oft wird sie von Schülerinnen und Schülern als völlig irrelevant, manchmal auch als Zynismus empfunden. Zynisch wäre sie in der Tat dann, wenn sich Christinnen und Christen nicht auf politischer Ebene für eine Veränderung dieses lebensfeindlichen, schulischen Bewertungssystems engagieren würden.
Um so wichtiger ist für die Evangelische Jugend, dass sie in den sich neu ausweitenden Kooperationen mit Schulen ihrer Überzeugung von der Anerkennung jedes Menschen vor seiner Leistung immer wieder zur Geltung bringt. Botschaft von der Rechtfertigung an Schulen bedeutet: Den Streber von dem Zwang zu befreien, den Wert seiner Person über ständige Spitzenleistungen zu definieren und dem, der in schulischen Bezügen versagt, neues Selbstvertrauen zuzusprechen.
Aber auch: Lehrerinnen und Lehrern zuzumuten, Schülerinnen und Schüler als wertvolle eigenständige Persönlichkeiten ernstzunehmen und die Tatsache, auch nur ein Mensch zu sein, mit ihnen zu fairen Bedingungen zu teilen.
Die Entwicklung eines lebensfreundlichen Umgangs mit Leistung und Leistungsbewertung erscheint mir als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die weit über schulische Bezüge hinaus in öffentliche und wirtschaftliche Kontexte weist.
Denn wie groß ist die Enttäuschung bei Schülerinnen und Schülern mit Bestleistungen, wenn ihnen trotz dieser Qualifizierungen in unzähligen Zeugnissen die Türen auf dem Arbeitsmarkt verschlossen bleiben und die schulische Erfahrung, dass Leistung sich lohnt, sich in der Berufswelt als einfache Reduzierung von Begründungszusammenhängen für einen Schonraum erweist.

Die Tugend der Gelassenheit oder die Befreiung vom Zwang der Lebenskunst

Leben in der Postmoderne nach dem Ende der Alltheorien bedeutet, seine Identität täglich neu definieren zu müssen. Jugendsoziologen sprechen von der ?alltäglichen Identitätsarbeit?, zu der Menschen heute gezwungen sind. Überkommene Rollenangebote werden nicht mehr selbstverständlich übernommen, Menschen leben in multiplen Identitäten, Patchworkidentitäten bilden sich. Biografisierung wird zur Lebensaufgabe.
Menschen sind heute dazu gezwungen, ihren Lebenssinn ständig neu zu definieren. Dabei stehen ihnen medial vermittelt im Internet, in der Literatur und in Presse, Funk und Fernsehen eine Vielzahl von Ratgeberinnen und Ratgebern mit ihren Leittugenden zur Verfügung. Der Freiheitsspielraum vieler Menschen hat sich massiv erweitert, dabei wählen sie aus der Menge der Lebensangebote aus und designen sich eine je eigene Biografie. Die Philosophie der Lebenskunst boomt und das ist gut so. Aber: Welch eine Arbeit, sich permanent als ?Lebenskünstler? erweisen zu müssen. Ob die Orientierungslosigkeit dabei als Tugend zu preisen oder als Schreckgespenst zu fürchten ist, erscheint mir noch nicht ausgemacht.
In diesem Tugendangebotswettbewerb versuchen sich die Kirchen und auch ihre Jugendverbände zu behaupten. Welche Tugenden brauchen Menschen? ist die Grundfrage jeder Bildungsarbeit. Dazu ist auch in dieser Zeitschrift in den letzten Jahren Wichtiges geschrieben worden. Und zweifellos ist die gemeinsame Suche nach gelingendem Leben die zentrale Aufgabe evangelischer Kinder- und Jugendarbeit.
Aber zu welcher Tugend leitet die Botschaft von der Rechtfertigung an? Ich denke zu der alten Tugend der Gelassenheit. Die Botschaft von der Rechtfertigung befreit Menschen davon, täglich den Sinn des Lebens neu definieren zu müssen. Rechtfertigung durch Gott bedeutet geschenkten Lebenssinn. Sie beendet das Hinterherhecheln nach ästhetischen, moralischen, selbstentwickelten oder durch Manipulation entstandenen, geliebten oder verhassten Leitbildern. Gott befreit zum gelassenen Umgang mit sich und der Welt mit ihren Leitbildern. ?Gelassener sollten mir die Christen aussehen.?

Die Gerechtigkeit Gottes, das Gottesbild der Rechtfertigungsbotschaft

?Ich fühlte mich, als sei ich durch die geöffneten Pforten in das Paradies selbst eingetreten.? Mit diesen eindrucksvollen Worten beschreibt Martin Luther sein sogenanntes Turmerlebnis, seine Erkenntnis der Bedeutung des Begriffes Gerechtigkeit Gottes bei Paulus und das aufgrund dieser Einsicht wiedergewonnene lebensfreundliche Gottesbild der christlich-jüdischen Tradition.

Zur Gerechtigkeit Gottes
Gerechtigkeit Gottes in der Bibel ? bis heute ist die Bedeutung dieses Begriffes ein Skandal ? heisst nicht zuteilende Gerechtigkeit, sondern aufrichtende Gerechtigkeit. Gerechtigkeit Gottes in der Tradition beider Testamente bedeutet nicht die Guten werden belohnt und die Bösen werden bestraft, wie es die zuteilende Gerechtigkeit fordert, sondern Gerechtigkeit Gottes im Evangelium wird konkret als aufrichtende Gerechtigkeit, die den Sünder gerecht macht und den Ungerechten aufrichtet.
Gerechtigkeit Gottes ist dabei einerseits die rechtschaffende Gerechtigkeit Gottes für die Opfer und andererseits die rechtfertigende Gerechtigkeit Gottes für die Täter. Gerechtigkeit Gottes bedeutet den Willen Gottes, ungerechte Verhältnisse zu verändern und die Zusage Gottes, die auf den Täter lastende Schuld und die damit verbundene Zerstörung seiner Selbstachtung aufzuheben. Sie ermutigt Christinnen und Christen einerseits zum Kampf gegen die Ungerechtigkeit und ermöglicht ihnen andererseits ein Leben mit ihrer eigenen schuldbeladenen Vergangenheit.
D.h. Christinnen und Christen sind Protestleute gegen die Ungerechtigkeit und sie haben gelernt, mit ihren eigenen Fehlern zu leben. Deshalb verurteilen sie andere Menschen nicht, sondern arbeiten mit ihnen gemeinsam an gerechteren Lebensverhältnissen.

Zum Gottesbild
Das Gottesbild der Rechtfertigungsbotschaft ist das Bild des gnädigen Gottes, modern: das Bild des lebensfreundlichen Gottes, der alle Menschen als seine Kinder ernst- und annimmt, ihnen ihre Fehler, ihre Zweifel, ihre Selbstrechtfertigungen, ihren
Egoismus, ihre Manien und Depressionen nachsieht, weil er das Gute für all seine Geschöpfe will.
Von diesen Gott wollen wir in der Evangelischen Jugend erzählen, ihn wollen wir loben und feiern, bei ihm wollen wir klagen und weinen und unsere Erfahrungen mit ihm wollen wir in großer Gelassenheit und um unsere Stärken und Schwächen wissend mit Jugendlichen teilen.

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Mechthild Bangert: Ich traue mich von Gott zu reden

Die Frage nach Gott

Immer häufiger treffe ich Menschen, die zwar durchaus interessiert an religiösen Themen sind, aber das Wort GOTT nicht aussprechen - geschweige denn theologische Begriffe aus dem Kontext des Christentums verwenden. Religion ist ?in?, aber christliche Theologie ist ?out? und gilt als nicht relevant zur Bewältigung der Alltags- bzw. Lebensprobleme heutiger Zeit. Viele Vorwürfe treffen die sog. akademische Theologie, die lebensfern wirkt und nicht in der Lage zu sein scheint, die Sache mit Gott angemessen zur Sprache zu bringen. Die meisten Schlüsselbegriffe wirken auf heutige Menschen, insbesondere auf Jugendliche antiquiert, überholt und unzeitgemäß: Sünde, Rechtfertigung, Buße, Reich Gottes ...
Die Frage nach Gott, nach Gottes Existenz ist für viele Jugendliche jedoch relevant. Die menschlichen Grundfragen nach dem ?Woher - Wohin - Wozu? beschäftigen die Jugendlichen heute wie zu jeder Zeit. Allerdings ist die Relevanz dieser Frage und möglicher Antwortversuche eher als hypothetische Relevanz zu bezeichnen, bei der alles offen bleibt und man sich nicht festlegen muss. Ein glattes ?entweder gilt dieses oder es gilt jenes? im Kontext von Glaubensfragen gibt es nicht (mehr).

Gott im Zusammenhang meines Lebens zur Sprache bringen, Glauben verstehbar und nachvollziehbar zu machen: das ist Theologie. Grundsätzlich geht es um Themen, ?die mich unbedingt angehen?, wie Paul Tillich es formuliert. Es geht um die Frage nach Schuld und Vergebung, nach dem Bösen und der Wahrheit, nach Vertrauen und Sinn, nach Orientierung und den Grenzen des Lebens. Letztlich geht es um die Frage nach Tod und Leben.

Theologisch sprachfähig werden

Im Rahmen der Theologiekurse des Studienzentrums für evangelische Jugendarbeit in Josefstal für überwiegend sozialwissenschaftlich ausgebildete Hauptberufliche in der Jugendarbeit stand bzw. steht eine intensive Beschäftigung mit biblischen Texten im Mittelpunkt, die plötzlich ihre existentiellen Themen in den gemeinsamen Gesprächen frei - setzen.
?Theologie - das ist die Sache der TheologInnen? - diese Position überwiegt bei vielen Hauptberuflichen und manchen Ehrenamtlichen. Und trotzdem nimmt der Wunsch zu, sprachfähig(er) zu werden, um selbst zu theologischen Begründungen des eigenen Handelns zu kommen. Eine wichtige Aufgabe der Fortbildungsarbeit besteht darin, Räume zur Auseinandersetzung mit entsprechenden Themen zu schaffen, Impulse zu setzen und die Teilnehmenden in ihrem theologischen Selbstbewusstsein zu stärken. In der bayerischen Landeskirche gibt es eine Fortbildungsordnung für JugendreferentInnen in den ersten Berufsjahren (FEB), in der für sozialwissenschaftlich Ausgebildete geregelt ist, einen Schwerpunkt theologischer Fortbildung von 25 Tagen zu absolvieren. In anderen Landeskirchen gibt es ähnliche Regelungen bis hin zu einer theologischen Ergänzungsausbildung. Während die Kritik daran Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre noch sehr heftig war - bis heute werden diese Kurse von etlichen als ?Nachschwärzung? empfunden -, scheinen sich immer mehr Hauptberufliche damit arrangieren zu können bzw. zu wollen. Es gibt mehr Wahrnehmung und Verständnis dafür, dass Hauptberufliche, die im kirchlichen Kontext mit Jugendlichen arbeiten, sowohl selbst theologisch sprachfähig sein sollten, so dass auch Jugendliche theologisch sprachfähig werden.

Theologie lebt vom Dialog

Wenn ich von der Voraussetzung ausgehe, dass ?Theologie treiben? bedeutet, den christlichen Glauben verstehbar zu machen, dann muss ich selbst in einen Prozess des Verstehens eintreten. Zu diesem Prozess gehört es, Fragen zu stellen und Antworten zu suchen, und zwar nicht allein, sondern gemeinsam mit anderen, die von denselben Fragen bewegt sind. Theologie lebt vom Dialog, vom Diskurs, durchaus auch von der Auseinandersetzung und Konfrontation. Unterschiedliche Sichtweisen werden ausgetauscht, es wird um die Wahrheit gestritten, manchmal hart gerungen. Hauptberufliche sind hier gefragt als GesprächspartnerInnen für Ehrenamtliche und Jugendliche mit ihren Fragen und Positionen. Gott in meinem Leben und im Leben anderer in ganz unterschiedlicher Weise zur Sprache bringen - darum geht es.
Die zentralen theologischen Begriffe füllen sich im Dialog mit Bedeutung, mit Leben(srelevanz), so dass sie unmittelbar - ohne große Übersetzung zu verstehen sind. Die Fähigkeit, biblische Botschaft zu elementarisieren, ist gefragt, das heißt: Grundbefindlichkeiten der Menschen, um die es geht, aufzuspüren und herauszufiltern, um Anknüpfungspunkte für unser Verstehen heute zu finden. Hier ist jede/r kompetent. Hintergrundwissen kann zusätzlich hilfreich sein: Wie ist die Bibel entstanden? Welche geschichtlichen Hintergründe sind bei entsprechenden Textabschnitten zu berücksichtigen? Wie hat sich Kommunikation zu bestimmten Zeiten vollzogen? Welchen Stellenwert hatte Religion und Glauben - das Reden von Gott? Wie hat sich die Diskussion mancher Fragestellungen über die Zeit hin entwickelt? Wie haben sich die Blickwinkel und Schwerpunkte verändert?

Erfahrungsbezogene Theologie ist gefragt

Im Laufe der Geschichte gab es unterschiedliche Herangehensweisen an und Umgangsweisen mit biblischen Texten. In unserer Zeit ist eine erfahrungsbezogene Theologie gefordert: dies ist nichts Neues, denn in Bibel und Theologie haben immer Erfahrungen von Menschen mit Gott die entscheidende Rolle gespielt. Es kommt darauf an, die Erfahrungen dieser Menschen für uns heute immer wieder neu zu erschließen. Bibliodrama und Bibeltheater, unterschiedliche alltagsbezogene Formen der Bibelarbeit, Meditation und körperbezogene Ausdrucksweisen wie z. B. Tanzen und Singen, das Arbeiten mit Symbolen und Ritualen sind dabei wichtig. Ich eigne mir etwas an von der Wirk- und Lebenskraft, die in biblisch-theologischer Botschaft steckt - das ist weit mehr als ein akademisches Wissen. Und ich finde Wege und Möglichkeiten, etwas davon im Kontakt mit anderen Menschen zum Ausdruck zu bringen. Theologisch sprachfähig werden zielt nicht nur auf den Umgang mit dem Wort ab. Gerade weil in der protestantischen Tradition das Wort so dominant ist, geht es darum, unterschiedliche Ausdrucksmöglichkeiten einzubeziehen. Religiöse Kompetenz zeigt sich darin zu spüren, was in welcher Situation ?dran? ist.
Wenn ich z. B. mit Jugendlichen gemeinsam einen Gottesdienst vorbereite, dann lebt dieser Gottesdienst von den Fragen und Erfahrungen, die die Jugendlichen bewegen und von den entsprechenden Fragen oder auch Antwortversuchen in der Bibel. Während des Vorbereitungsprozesses diskutiere ich diese Fragen und Antwortversuche mit den Jugendlichen und bringe sie in eine Gestalt, die es möglich macht, dass andere an unserem Diskussionsprozess und Erfahrungsaustausch im gottesdienstlichen Geschehen beteiligt werden. So wird das ?Theologie-treiben? der Vorbereitungsphase im Gottesdienst selbst fortgesetzt. Die GottesdienstteilnehmerInnen bringen verbal oder nonverbal zum Ausdruck, was sie bewegt. Sie bringen zum Ausdruck, dass Gott uns zutraut, von ihm zu reden - so wie er es dem Propheten Jeremia zutraut, obwohl dieser erst einmal abwehrt mit dem Einwand ?ich bin zu jung?.

?Wir haben keine Zeit mehr, Gott zu verschweigen? (Fulbert Steffensky) - zusammenfassende Thesen
- Christlicher Glaube lebt von Beziehungen. Gott ist in jüdisch-christlicher Tradition ein personales Gegenüber. Der Glaube vollzieht sich gleichzeitig in der Beziehung zu den Menschen um mich herum.
- Gerade deshalb spielen Bezugspersonen im Rahmen der Glaubensentwicklung eine große Rolle, insbesondere Erwachsene (Eltern, LehrerInnen, JugendreferentInnen ...), die ihre Glaubenshaltung spürbar werden lassen.
- ?Religiöse Kompetenz? Hauptberuflicher (und Ehrenamtlicher) ist in der evangelischen Jugendarbeit gefragt, zumindest die Bereitschaft, sich mit Glaubensfragen auseinanderzusetzen und sprachfähig zu werden.
- Personen und Räume im Kontext evangelischer Jugendarbeit machen Gemeinschaft möglich, es wachsen verlässliche Beziehungen. Dies ist besonders wichtig in einer Zeit der Individualisierung und zunehmender Unüberschaubarkeit des eigenen Lebenszusammenhangs. Jugendliche sehnen sich nach Begleitung und Begegnungsräumen.
- Jugendliche machen in ihrem Alltag immer häufiger die Erfahrung, nicht gebraucht zu werden, überflüssig zu sein, eher zu stören. Hier hat die z.B. christliche Botschaft von einem Gott, der wert-schätzt und vorbehaltlos annimmt, dessen Ebenbild wir sind, einen hohen Stellenwert und muss zur Sprache kommen.
- Neue, insbesondere erfahrungsbezogene Zugänge zu Gott, zu christlichem Glauben werden in evangelischer Jugendarbeit praktiziert. Es geht darum, mit allen Sinnen Gott erfahren zu können.
- Jugendliche entwickeln ihre eigene Spiritualität. Dies ist ein großer Schatz. Deshalb sind angemessene Anknüpfungsmöglichkeiten nötig, um Jugendliche sprachfähig zu machen.
- Jugendlichen ist die kirchliche Sprache fremd. Wir sollten uns nicht an ihre Sprache anbiedern, sondern eine eigene, einfache Sprache anwenden und Elementarisierung sowie Transfermöglichkeiten anbieten.
- Jugendliche aller Zeiten suchen die Auseinandersetzung - bis hin zu Konfrontation. Sie brauchen Erwachsene als Gegenüber, sie brauchen die christliche Botschaft als Gegenüber - durchaus auch als Infragestellung eigener Lebensentwürfe.
- Uns Menschen ist eine Zukunft mit Gott zugesprochen. Denn das Potential christlichen Glaubens bzw. christlicher Theologie ist perspektivisch, weist in die Zukunft, will uns Menschen zukunftsfähig machen. Das ist eine zentrale Botschaft, die in kirchlichem Handeln, also auch in evangelischer Jugendarbeit zum Ausdruck kommen will.

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Albrecht Grözinger: Was geschieht in religiöser Kommunikation?

Von dem berühmten Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick stammt der Satz ?Man kann nicht nicht kommunizieren(1).? Mit der Kommunikation verhält es sich offensichtlich wie mit dem Sauerstoff. Wir brauchen ihn, merken aber gar nicht, wie sehr wir ihn brauchen, weil ihn unser Organismus ganz selbstverständlich absorbiert. Dieses Aufmerken auf die Notwendigkeit von Sauerstoff tritt erst in dem Augenblick ein, wo er uns fehlt. Ähnlich scheint es sich mit Kommunikation zu verhalten. Wir kommunizieren, ohne dass es uns in der Regel bewusst wird. Die Kommunikation wird alltagsweltlich in der Regel erst dort zum Problem, wo sie gestört ist. Und die Wissenschaft hat es sich zur Aufgabe gestellt, diese alltagsweltliche Selbstverständlichkeit von Kommunikation zu sezieren, quasi die alltagsweltliche Störung von Kommunikation und das damit verbundene Aufmerken zum reflektierten Regelfall zu kommen. Erst durch diesen Vorgang ist der Begriff der Kommunikation überhaupt entstanden. Es ist ein Laborbegriff wie viele andere wissenschaftliche Begriffe auch. Mein Vorschlag einer Definition von Kommunikation lautet: Kommunikation ist das Miteinander-In-Verbindung-Treten von Einzelnen und/oder Gruppen durch den bewussten oder unbewussten Austausch von Äußerungen im weitesten Sinn.

Kommunikation des Evangeliums

Der Theologe Ernst Lange hat den Laborbegriff Kommunikation für die Theologie fruchtbar gemacht und spricht von der ?Kommunikation des Evangeliums? oder auch von der ?Kommunikation im Namen Jesu?. In diesem Sinne möchte ich Ernst Lange aufnehmen und unter veränderten Bedingungen weiterfragen. Veränderte Bedingungen deshalb, weil Ernst Lange - die zitierten Sätze stammen aus den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts - noch in einer anderen Situation gesprochen hat. Aus der heutigen Rückschau sind die 60er- und 70er-Jahre in unserem Land trotz der gesellschaftlichen Turbulenzen dieser Zeit noch geprägt von einer soliden Volkskirchlichkeit, obwohl dies die Zeitgenossen damals nicht so empfunden haben mögen. Auf jeden Fall war diese Zeit auch eine Zeit des rasanten Ausbaus der kirchlichen Arbeit. In keiner Zeit in Deutschland wurden so viele neue Stellen geschaffen und so viele neue Kirchen und Gemeindehäuser gebaut. Die Kirche schöpfte finanziell aus dem Vollen und konnte gar nicht genug Leute einstellen.
Wir stehen heute dagegen an der Schwelle von der gesicherten Volkskirchlichkeit hin zu einer - ich sage einmal: vorsichtig - Volkskirchlichkeit im Umbruch. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach der ?Kommunikation des Evangeliums? noch einmal anders als für Ernst Lange. Ich möchte die Dimensionen religiöser Kommunikation in dreifacher Hinsicht entfalten:
- Die Frage nach dem Inhalt der Kommunikation des Evangeliums und damit verbunden die Unterscheidung zwischen dem Modell von Kommunikation als Post-Paket und dem Modell von Kommunikation als Blumenbeet.
- Die Frage nach den heutigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Kommunikation des Evangeliums und damit verbunden die Unterscheidung zwischen Kommunikation als Verständigung und Kommunikation als Bewillkommnung.
- Die Frage nach der personellen Interaktion der Kommunikation des Evangeliums und damit verbunden die Unterscheidung von Kommunikation durch Expertenwissen und Kommunikation als Kunst für alle.

Kommunikationsmodelle: Post-Paket und Blumenbeet

Hat Ernst Lange den Begriff der Kommunikation in seiner theologischen Plausibilität entfaltet, so hat der Theologe Karl-Wilhelm Dahm die im engeren Sinn kommunikationswissenschaftliche Dimension des Begriffs in die theologische Diskussion eingebracht. Dahm bezieht sich dabei vor allem auf die Ergebnisse der amerikanischen Massenkommunikationsforschung mit ihrem Grundmodell von Sender - Botschaft/Inhalt - Empfänger. Mit diesem Modell ist zugleich eine qualitative Bestimmung dessen, was als ein geglückter Kommunikationsakt angesehen werden kann gesetzt. Gelungen ist ein Kommunikationsakt dann, wenn die vom Sender ausgesandte Botschaft möglichst ungeschoren beim Sender ankommt. Deshalb spreche ich in diesem Zusammenhang gerne vom Post-Paket-Modell von Kommunikation. Wenn wir ein Postpaket aufgeben, dann erwarten wir, dass die aufgegebene Sendung, so wie wir sie aufgegeben haben, beim Empfänger ankommt. Wir würden es - vorsichtig ausgedrückt - als ?Störung? empfinden, wenn etwa der Postbote das Paket öffnen würde und ein Stück des darin enthaltenen Kuchens essen würde. Oder wenn das ganze Paket in den Kellern eines Postamtes verschwinden würde, was ja hin und wieder vorkommen soll. In diesem Zusammenhang ist auch der sozialgeschichtliche Hintergrund dieses Zweiges der Kommunikationsforschung aufschlussreich. Er stammt aus den Pionierzeiten der nordamerikanischen Rundfunkkultur. Und die Firmen, die mit ihrer Werbung die Rundfunkstationen finanzierten, hatten ein immenses Interesse daran, dass ihre Werbebotschaften die Zielgruppen möglichst umfassend erreichten.
Deshalb analysiert auch Dahm den Kommunikationsakt Predigt auf mögliche Störungsquellen hin. Solche Störungsquellen sind z.B. fehlende Glaubwürdigkeit des Predigers, weltanschauliche Festgelegtheiten der Hörerinnen und Hörer, unverständliche abstrakte Sprache der Predigt, usw. Leitend ist dabei die These: Eine Predigt ist dann gelungen, wenn die intendierte Botschaft möglichst ungeschoren in den Köpfen und Herzen der Gottesdienstbesucher ankommt. Und das Leitbild ist dabei die Werbung: Gut geschossen und gut getroffen!
Doch es stellt sich die Frage, ob dieses Kommunikationsmodell wirklich erschließen kann, worum es in religiöser Kommunikation geht. Gibt es nicht auch Kommunikationsakte, wo die Störung, der Umweg, die Erschwernis von Kommunikation - also all das, was wir im Kommunikationsmodell Post-Paket zu Recht als Störung empfinden - eben zur Qualität dieser Kommunikationsakte gehören? Nehmen wir als alternatives Modell ein Blumenbeet an, auf das wir bei einem Spaziergang an einem ersten schönen Frühlingstag in einem Park stoßen. Ein Kommunikationsakt zweifellos. Doch wie funktioniert diese Kommunikation zwischen Blumenbeet und Spaziergänger oder Spaziergängerin? Woran ist hier gelungene Kommunikation zu messen? Dass eine Botschaft unbeschadet und unbeschnitten bei mir ankommt? Welche Botschaft hat ein Blumenbeet? Nehme ich das Blumenbeet kommunikativ weniger wahr, wenn ich mich nur an den Farben der Blumen erfreue? Den Duft, der in der Luft liegt, dabei nicht wahrnehme? Oder gerade nur diesen Duft und dabei das leise Rascheln der Blätter im Wind nicht höre? Oder wenn mich nur der Lufthauch fasziniert? Wenn ich nur die erste Biene sehe, die sich noch recht unsicher im Blumenbeet bewegt?
Meine These ist nun, dass im Zusammenhang religiöser Kommunikation das Kommunikationsmodell Post-Paket zwar hier und da sinnvoll zur Anwendung kommen kann, die wesentlichen Kommunikationsakte in der Kirche, denken wir nur an Predigt und Seelsorge, aber andere Kommunikationsakte analog der Wahrnehmung eines Blumenbeetes sind. Warum ist dies so?
Wir können von der Kommunikationswissenschaft zweifellos lernen, dass Form und Inhalt der Botschaft nicht voneinander zu trennen sind, wobei sich sicher fragen lässt, ob die Kommunikationswissenschaft selbst diese Erkenntnis ernst genug genommen hat. Was kommuniziert wird, hängt wesentlich damit zusammen, wie es kommuniziert wird. Das gilt nun aber auch umgekehrt: Die Frage, wie ich etwas kommuniziere, hängt eng damit zusammen, was ich kommunizieren will.
Was wird in der Kirche kommuniziert? Nun, es ist die Gottesgeschichte, um die es in der Kirche geht. Damit steht und fällt die Kirche. Eine Kirche, in der die Gottesgeschichte nicht mehr erzählt wird, ist überflüssig und wird von den Menschen auch so empfunden. In dieser Gottesgeschichte geht es fundamental um die Nähe und Liebe Gottes zu den Menschen. Der romantische Dichter Novalis hat den schönen Satz geprägt: Nur die Poesie kann für die Liebe sprechen. Daran muss sich religiöse Kommunikation orientieren.

Kommunikation als Verständigung im Milieu und Kommunikation als Bewillkommnung

Was geschieht, wenn uns die Gottesgeschichte nahe kommt, wenn sie unseren Verstand und unsere Sinne, unser Herz und unser Gemüt berührt? Gewiss, wir begegnen auch Informationen. Jede Seite der Bibel enthält Informationen. Aber der Gehalt dieser Seiten geht in Information nicht auf.
Es geschieht auf jeden Fall Kommunikation im Sinne einer Verständigung zwischen Menschen. Ein Pfarrer, eine Pfarrerin predigen - Gottesdienstbesucher hören. Ein Seelsorgegespräch lebt vom gegenseitigen Hören. Im Presbyterium bedarf es gerade bei kontroversen Diskussionen eines Basis-Einverständnises darüber, dass es um eine gemeinsame Sache geht. Jugendgruppen leben von einem lebendigen gegenseitigen Austausch. Insofern hat es die Kommunikation des Evangeliums immer auch mit Verständigung zwischen Menschen und Gruppen zu tun. Manfred Josuttis hat jüngst darauf hingewiesen, dass es in der Kirche immer auch um ?Milieus? geht. Und er hat die Kommunikationsstrukturen innerhalb der verschiedenen kirchlichen Milieus nicht ohne bissige Ironie so beschrieben: ?Das Gemeindeleben vollzieht sich in face-to-face-Relationen, also in persönlichen Kontakten, die in Einzelgesprächen und durch Gruppenbeteiligungen zustande kommen und häufig, aber nicht immer um die Person des Pfarrers/der Pfarrerin zentriert sind... In der Regel erfolgt der Austausch hier in Form von Streicheleinheiten. Alle, die am Gemeindeleben regelmäßig partizipieren, liefern einander Bestätigungswerte in Form von personaler Zuwendung und sozialer Anerkennung. Viele Menschen, die gesellschaftlich isoliert leben, finden auf diese Weise Geborgenheit und sozialen Halt... Schon das ist ein Grund dafür, das Netz von Sozialkontakten, das sich in der Gemeinde bildet, als Milieu zu bezeichnen. Hier treffen sich Menschen, die ?durch gruppenspezifische Existenzformen und erhöhte Binnenkommunikation?, sich von anderen abheben. Das, was man meistens als ?Kerngemeinde? bezeichnet, bildet gegenüber anderen kommunalen Milieus teils eine Alternative, teils eine Ergänzung. Wer nicht zum ?Rotlicht-Milieu? gehört, wer nicht singen kann oder sportlich aktiv sein will, wer kein Junggeselle, Skatbruder oder Schützenmitglied ist, der findet in der Kirchengemeinde immer noch soziale Kontakte?.(2)
Josuttis beschreibt mit diesen Worten, wie ich denke, sehr präzis das, was wir in den Kirchengemeinden an Kommunikationsstrukturen gegenseitiger Verständigungsmilieus vorfinden. Und bei aller ironischen Kritik, die in seinen Worten mitschwingt, ist auch eine Hochachtung vor dem zu hören, was solche kirchlichen Verständigungsmilieus leisten. Zugleich werden Sie aber auch darauf aufmerksam geworden sein, dass die Kommunikation des Evangeliums sich nicht auf solche Verständigungsmilieus beschränken darf. Und dies - wie ich meine - vor allem aus zwei Gründen: Zum einen grenzen Milieus immer auch aus. Ein Milieu ist dadurch definiert, wer dazu gehört und nicht dazu gehört. Und viele Menschen, die durchaus Interesse am Evangelium haben, erfahren sich durch die real existierenden kirchlichen Milieus eher als ausgegrenzt und abgestoßen, denn als eingeladen und willkommen. Zum anderen braucht die Erinnerung an die Gottesgeschichte mehr als ein Verständigungsmilieu. Nicht zuletzt leiden unsere Gottesdienste daran, dass wir in ihnen eher auf ein binnenkirchliches Verständigungsmilieu treffen, als auf die Weite und Wucht dessen, was immer mit auf dem Plan ist, dort wo die Gottesgeschichte laut wird.
Welche Kommunikationsform braucht diese Weite und Wucht der Gottesgeschichte? Sie braucht auf jeden Fall mehr als die gegenseitige Bestätigung derer, die in den Bannkreis der Gottesgeschichte geraten. Die Gottesgeschichte geht nicht in der Kommunikation zwischen Menschen auf, wenn sie auch immer in solchen menschlichen Kommunikationsformen laut wird. Die Gottesgeschichte bedarf eines spezifischen Mehr: Das Mehr der Gegenwart Gottes. Diese Gegenwart Gottes lässt sich nicht herbeizwingen. Sie stellt sich immer ein. Nicht wir stellen die Kommunikationsstrukturen für die Gottesgeschichte bereit, sondern sie selbst nimmt uns als Kommunizierende in Anspruch.
Lässt sich diese Form der Kommunikation näher beschreiben? Auch hier bin ich wieder im Bereich der Ästhetik fündig geworden. Der Literaturwissenschaftler George Steiner spricht von ?Wagnis der Bewillkommnung?, durch das allein sich die ?Tür öffnen lässt, wenn die Freiheit anklopft?. (3) Kommunikation in Theologie und Kirche muss - so meine These - von diesem mutigen und zugleich bescheidenen Wagnis der Bewillkommnung getragen sein. George Steiner versucht diesen kommunikativen Vorgang in immer neuen Anläufen zu beschreiben. Ich möchte Ihnen dazu einige Sätze Steiners vortragen: ?Religöses Denken und religiöse Praxis... verarbeiten das zu Metaphern, machen erzählerische Bilder aus dem, was beim Zusammentreffen der menschlichen Seele mit der absoluten Andersheit geschieht, mit der Fremdheit des Bösen oder der noch tieferen Fremdheit der Gnade. Begrüßungen wollen entziffert sein: in Jakobs Ringkampf und nächtlichem Wettstreit der Namensgebung, in der Gegenwart nach der Gegenwärtigkeit, der die Jünger auf der Straße nach Emmaus begegnen.? (4)
Ich denke unsere kommunikativen Bemühungen um das Evangelium müssen von dieser zugleich zarten wie kräftigen Haltung der Bewillkommnung des Anderen bestimmt sein. Wo eine solche Haltung herrscht, haben wir die binnenkommunikativen Beschränkungen der kirchlichen Milieus hinter uns gelassen. Ohne eine solche Entschränkung der Kommunikationen werden wir unter den gegenwärtigen Bedingungen kirchlichen Handelns dem Anspruch und der Wucht der Gottesgeschichte nicht gerecht werden können.

Religiöse Kommunikation als Kunst für alle

Welche Konsequenzen ergeben sich aus dem bisher Gesagten für die Anforderungen an die kommunikative Kompetenz der in der Kirche hauptamtlich oder ehrenamtlich Tätigen? Ich denke, dass wir der Beantwortung dieser Frage mit der dritten von mir vorgeschlagenen Unterscheidung näher kommen: nämlich der Unterscheidung von Kommunikation durch Expertenwissen und Kommunikation als Kunst für alle. Religiöse Kommunikation muss zu einer Kunst für alle werden.
In religiöser Kommunikation geht es um das Ineinanderlesen von Gottesgeschichte und menschlicher Lebensgeschichte. Religiös kommunizierende Menschen werden so zu Schwellenkundigen. Schwellenkundige sind Menschen, die Grenzen zu überschreiten vermögen, die Beziehungen herstellen können, Netze zu knüpfen verstehen. Deshalb kann religiöse Kommunikation nicht als ein Gespräch unter Berufs-Experten verstanden werden. Experte in religiöser Kommunikation ist jeder und jede, die ihr Leben im Lichte der Verheißung Gottes zu lesen vermögen. Das ist das Beste, was man über religiöse Kommunikation sagen kann.

Literatur:
Karl Wilhelm Dahm, Hören und Verstehen. Kommunikationssoziologische Überlegungen zur gegenwärtigen Predigtnot, in: Albrecht Beutel u.a. (Hg.), Homiletisches Lesebuch, Tübingen 1986.
Albrecht Grözinger, Die Kirche - ist sie noch zu retten? Anstiftungen zum Christentum in postmoderner Gesellschaft, 2. Auflage Gütersloh 1998.
Manfred Josuttis, ?Unsere Volkskirche? und die Gemeinde der Heiligen. Erinnerungen an die Zukunft der Kirche, Gütersloh 1997.
George Steiner, Von realer Gegenwart. Hat unser Sprechen Inhalt, München 1990.
Paul Watzlawick u.a., Menschliche Kommunikation, 4. Auflage München 1974.

Anmerkungen:
(1) P. Watzlawick, S.51.
(2) M. Josuttis, S.35f.
(3) G. Steiner, S.207.
(4) G. Steiner, S.195f.

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