das baugerüst 3/00 - einmischen - engagieren - mitgestalten

Inhalt

Wolfgang Noack: Einmischen ohne Aufbruchstimmung. Einführung in das Heft

  • GESELLSCHAFT BRAUCHT ENGAGEMENT
    Heiner Keupp: Einmischung aus Selbstsorge
    Werner J. Patzelt: Der Bürger - Schwachpunkt der Demokratie?
    Gott wird wählbar: Plädoyer für ein weltbürgerliches Christentum. Ein Gespräch mit Ulrich Beck
    Christine Lange: Freiwilliges Soziales Engagement von jungen Menschen. Neue Formen von Freiwilligendiensten als Beitrag zu einer sozialen Gesellschaft
    Martin Nörber: Politische Arbeit im Jugendverband in Zeiten von Schwarzgeldkonten, Flugaffären und Spendenskandalen
  • FORMEN DES EINMISCHENS
    Klaus Waldmann: Politische Jugendbildung im Kontext einer Erlebnisgesellschaft
    Dietmar Ostermann: Die Maus geht wählen
    Claudia Franziska Bruner: Gesellschaftliche und politische Partizipation von Kindern und Jugendlichen als bürgerschaftliches Engagement. Beteiligungsmodelle von Kindern und Jugendlichen in der Kommune am Beispiel der Kinder- und Jugendparlamente
    Marion Loewenfeld: Wir nehmen unsere Zukunft selbst in die Hand. Ökologische Kinderrechte im Rahmen der Agenda 21
  • Autorinnen und Autoren des Heftes

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Wolfgang Noack: Einmischen ohne Aufbruchstimmung

Einführung in das Heft

Vollversammlung des Landesjugendkonvents. Achtzig Jugendliche beschäftigen sich eine Woche lang in einer abgelegenen Tagungsstätte mit dem Thema Menschenrechte. Vorträge, Arbeitsgruppen, Gesetzestexte wälzen, Resolutionen und Anträge bis spät in die Nacht formulieren. Im Gang vor dem Plenum biegen sich die Tische vor Material: Projektberichte, Bücher, Arbeitshilfen und Broschüren. Geschäftigkeit wie auf Parteitagen, nur fröhlicher. Wahllisten an den Wänden füllen sich mit Kandidatenvorschlägen für das Leitungsgremium. Von Frust, Resignation, Rückzug ins Private, nichts zu spüren. Die Jugendlichen kommen aus allen Teilen Bayerns. Leiten dort Gruppen und Jugendausschüsse, engagieren sich in Projekten oder übernehmen in der Dekanatsjugendkammer Verantwortung.

Ach, was waren das früher für bewegte Zeiten klagt, mein friedensbewegter Freund. Hunderttausend auf der Bonner Hofgarten-Wiese, Sonntagsausflüge an den Wackersdorfer Bauzaun und kilometerlange Ostermärsche. Jede Unterschriftenliste füllte sich rasch, jede Autoheckscheibe verriet das Engagement des Fahrers und in die Tasse kam nur fair gehandelter Kaffee. Erinnerungen, als wenn Opa in den guten alten Zeiten schwelgt.

Die Zeiten haben sich geändert. Die große Aufbruchstimmung ist derzeit nicht zu spüren, und wer sich wo engagiert, überlegt sich das gut. Vielleicht fehlen ja auch die großen Themen. Steuerreform, EU-Osterweiterung oder Wirtschaftsförderung - wen interessiert das schon groß. Politik erscheint nüchtern und kompliziert. Früher war es einfacher dafür oder dagegen zu sein - Frieden, Atomkraft, Dritte Welt; links, rechts, ja, nein. Aber schon beim Krieg im Kosovo fing die Diskussion und das Abwägen an. Ist der Atomkonsens ein Fortschritt oder ein Verschieben auf den Sankt-Nimmerleinstag? Und die vereinigten Staaten von Europa schweißen zwar einen Kontinent zusammen, schotten sich aber an den Außengrenzen zugleich als Festung ab.

Bringen muss es schon etwas
Das politische Interesse Jugendlicher analysiert die 13. Shell Jugendstudie mit 43 %, Tendenz fallend. Die Wahlbeteiligung ging in der Gruppe der bis 24-Jährigen im Vergleich zu 1996 um zehn Prozent auf 64 von Hundert zurück. Nimmt man noch die Untersuchungsergebnisse über den Organisationsgrad in Parteien, Gewerkschaften und Verbänden hinzu, so ließe sich ein düsteres Bild über die politische Zukunft dieses Landes malen.

Einige andere Bilder konterkarieren diese Untersuchungen. Das geschäftige Engagement eines Landesjugendkonvents, die ungebrochene Nachfrage nach Freiwilligendiensten, die beharrliche Kleinarbeit in Gedenkstätten, das unspektakuläre Engagement im Naturschutz, wenn es um die Kartierung von Biotopen geht oder das Werben für fair gehandelte Produkte in den ?Eine Welt Läden?. Junge Menschen, so Wolfgang Gaiser vom Deutschen Jugendinstitut, ?haben durchaus eine hohe Bereitschaft zu unterschiedlichsten Formen zivilgesellschaftlichen Engagements?. Offensichtlich, schreibt Gaiser weiter, ?werden traditionelle Formen sozialer und politischer Beteiligung für junge Menschen immer uninteressanter.
Kernerarbeit in politischen Parteien, bierernste 1. Mai Kundgebungen oder langweilige Kirchenvorstandssitzungen beflügeln nicht gerade das Engagement eventgewohnter Jugendlicher. Wenn dann noch Spaß gefordert wird, zucken Konservative wie Alt-Achtundsechziger vereint zusammen. Dabei ist Spaß lediglich ein Synonym dafür, dass Geist und Seele, Engagement und Befindlichkeit zusammen gehören müssen. Hedonismus ersetzt dabei nicht den selbstlosen Altruismus, aber ?bringen muss es schon etwas?, mir und der Sache.
Einmischen, engagieren, mitgestalten ist nicht ?out?, die geforderten Rahmenbedingungen sind aber andere geworden. Und die gilt es herzustellen, in Jugendverbänden, in der Politik, in der Kirche und in Bürgerinitiativen.

In ?Amt und Ehren??
Seit einigen Jahren lässt sich ein wahrer Gründungsboom vonFreiwilligenagenturen, Freiwilligenzentralen, Bürgerbüros u.ä. beobachten. Die Stiftung ?Bürger für Bürger? zählte Ende vergangenen Jahres 120 solcher Initiativen. Vielleicht liefert diese Organisationsform den Erfolg für zukünftiges Engagement: freiwillig, individuell, ohne große Strukturen und konkret an der Sache. Dort engagierte Jugendliche und Erwachsene fühlen sich auch nicht in ?Amt und Ehren?. Anlass genug, über den Begriff ?ehrenamtlich? auch in anderen Organisationsformen nachzudenken.

Einmischung in den Markt
Mit dem Einwand, ?es sei doch schließlich egal, wer unter der Deutschen Bank regiert?, schrumpft jede Hoffnung durch zivilisatorisches Engagement diese Gesellschaft mitzugestalten. Einmischung wird zum Sandkastenspiel degradiert. Globalisierung, Shareholder-value-Haltung und Börsenfieber sind Trendsetter bei politischen Entscheidungen. Die zu bohrenden Bretter sind dicker geworden. Lautstarke Demonstrationen vor abgeschotteten Schaltzentralen helfen da auch nicht weiter, aber jeder Rückzug ins Private hinterlässt Lücken, die schnell geschlossen sind. Marktwirtschaft braucht adäquate Formen der Einmischung.
Güter und Dienstleistungen im Wert von fast 4000 Mrd. Mark werden Jahr für Jahr umgesetzt. Jeden Morgen erhoffen sich Millionen von Menschen in Firmen, Geschäften und Banken das Geld der Mitbürger am Abend auf ihrem eigenen Konto. In den USA gibt es eine Bewegung mit dem Namen ?shopping for a better world?. Nicht Ausstattung, Funktion und Preis bewerben ein Produkt, sondern Herstellung, Arbeitsbedingungen, ökologische Kriterien und weitere (lebensfeindliche) Produktlinien der Firma werden zur Kaufentscheidung angeboten. Eine Form der Einmischung, die hierzulande lediglich bei Produkten wie Kaffee, Teppichen und ansatzweise bei Textilien eine Tradition hat.

Formen von Einmischung und Engagement in Gesellschaft und Politik ist Thema dieser Ausgabe. In diesen Kontext gehören auch die politsche Jugendbildung und die Herausforderungen einer Erlebnisgesellschaft.

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Karl Giebeler: Vom Hofgarten in den Tiergarten

oder: Von der Friedensdemo zur Love Parade

Seit 1986 hängt ein kleines Polaroidfoto an meiner Pinwand über dem Schreibtisch. Aufgenommen während eines Jugendforum in der Ev. Akademie Bad Boll zum Thema ?Zukunft der Arbeit?. Auf ein großes Bettlaken hat ein Teilnehmender mit einer Spraydose den Satz in blauer Farbe gesprüht: ?Haltet die Welt an! Ich will aussteigen!!!!!?

Dieses Heft will sich dem Engagement, der politischen Einmischung, den Fragen der Wahlbeteiligung und politischen Bildung widmen.

Florian Illies, 28 Jahre, FAZ-Journalist und Erfinder der ?Generation Golf?, würde möglicherweise milde lächeln.
Einmischung? Engagement? Parteien?
Viele seiner Generation, so F. Illies, tun sich schwerer mit der Entscheidung zwischen einer blauen oder grünen Barbour-Jacke (was ist das?), als zwischen CDU und SPD (wo ist da der Unterschied?).
Fitnessstudios, Sonnenstudios und Fernsehstudios sind attraktivere Aufenthaltsorte als Parteibüros (?Wer klebt den Gerhard in der Kantstraße??) oder Delegiertenversammlungen (?Noch Anträge zur Geschäftsordnung??).
Obwohl vor 10 Jahren eine vierzigjährige Weltordnung und eine das Jahrhundert dominierende Gesellschaftsordnung zusammenbrachen, trotz Wiederherstellung des deutschen Nationalstaats, wird die Generation der 25-35-Jährigen nach einem Produkt etikettiert: ?Generation Golf?.
Jugend läßt sich immer mehr nur noch als ?Zielgruppe? definieren. Ob für Produkte oder Parteien. Für Kirchen oder Konsumforscher.
Wie also in diesem Heft die Hoffnung verbreiten, dass es eine Jugend gäbe, die sich für Politik, Einmischung, Wahlen, Parteien oder die Zivilgesellschaft interessierte?


Einen neuen Erklärungsversuch auf dem Hintergrund der Individualisierungsdebatte, der Event-Sucht Jugendlicher, des Erlebnisgesellschafts-Paradigmas, des eher projektorientierten Engagements Jugendlicher will ich unterlassen. Zu viel wurde darüber geschrieben. Zu wenig damit erklärt. Die Erklärungsmoden wandeln sich; Jugendliche und ihre Art die Welt zu begreifen und Gesellschaft zu gestalten wesentlich weniger.

Die neueste, die 13. Shell-Jugendstudie gibt, mit wenigen Ausnahmen, (z.B. der Ablehnung von Ausländern in Deutschland: ca. 70% der ost- und ca. 60% der westdeutschen Jugendlichen finden den Anteil der Ausländer zu hoch, allerdings auch ca. 20% der türkischen Jugendlichen finden das!) deutlich Entwarnung. ?Gut drauf: Jugend 2000? (SüdwestPresse Ulm 28.3.2000), ?Leicht verkrampfte Zuversicht? (DER SPIEGEL 13/2000), ?Alle total super drauf? (DIE ZEIT Nr. 14). Auf der Internetseite der Shell-Studie können Jugendliche ihre Meinung sagen. Hier einige Auszüge:

?Ich lebe ungern in einer Gesellschaft, in der ich nur noch Zielgruppe bin.? (Adrian, 23)

?Was mich erschreckt, ist, dass so viele Jungwähler dermaßen konservativ eingestellt sind. Es lehnt sich niemand mehr auf, alle wollen nur ihren Wohlstand behalten und verbessern.? (Anna, 17)

?Ich fürchte, die Politik wird eure Ergebnisse wohlwollend zur Kenntnis nehmen - und dann ignorieren.? (Tobis, 23)

?Wir kämpfen jeden Tag, jede Minute um ein besseres Leben, eine bessere Zukunft, aber im Stillen, nur für uns, und damit erzielen wir kleine Erfolge. Aber schon die bemerkt keiner. Wenn keiner hinhört, was wir zu sagen haben, was bringt es dann?? (Sarah, 22)

?Leute tut was, macht?s wie ich und macht den Mund auf.? (Tina 17)

Einen Platz finden und haben

Nun, die Tinas unter den Jugendlichen werden wohl die Minderheit bleiben. Die Sarahs, jung und mit eigenen Interessen, die sie im Stillen zu verwirklichen suchen, bilden sicher die Mehrheit.
Nach über 20 Jahren Jugendarbeit und politischer Bildung habe ich mich von einigen Fragestellungen und falschen Alternativen verabschiedet: der Unterschied beispielsweise zwischen der Love-Parade und der großen Friedensdemo im Bonner Hofgarten ist unter bestimmten Aspekten lediglich ein gradueller: in beiden Fällen handelt es sich um einen riesigen Event. In beiden Fällen ist und war es vor allem wichtig dabei zu sein. Der mainstream erforderte es dazuzugehören. Das Outfit war und ist in beiden Fällen wichtig, mindestens so wichtig wie die Inhalte. In all den Jahren haben wir geglaubt, wir hätten es mit ?Überzeugungstätern? zu tun. War das so? Oder war es nicht vielmehr so, dass für Jugendliche das Ereignis selbst und das unbedingte Dazugehören im Vordergrund standen? ?Leute tut was!?, ruft Tina ihren Altersgenossinnen zu. Wo ist da der Inhalt? Es geht darum überhaupt etwas zu tun, jedenfalls für Tina. Aber was? Wozu? Für wen? Mit welchem Ziel? Ich glaube, dass es nicht nur Tina nicht wichtig ist, um was es geht. Hauptsache man macht sich bemerkbar in einer Gesellschaft, in der man für alle Erwachsenenorganisationen lediglich Zielgruppe ist.
Um was es mir geht: ein realistisches Bild zu haben, den Vergleich mit ?früher? zu entmythologisieren, Stilisierungen zu vermeiden und Jugendliche als das zu betrachten, was sie sind und vielleicht immer waren: junge Menschen, die vor allem damit zu tun haben, sich selbst zu finden. Verunsicherte Heranwachsende, die Unglaubliches leisten müssen, um alle Anteile in sich, die sie entdecken, integrieren zu können.
Engagement, auch politisches Engagement, hat möglicherweise auch immer diese Funktion gehabt. Einen Beitrag zu leisten für die innere und äußere Integration in die Gesellschaft, selbst dann, wenn es als Rebellion, als Aussteigertum, als Protest, als Verweigerung daher kam.
Möglicherweise haben Jugendliche wesentlich weniger die Welt, die Strukturen, die sog. objektiven Bedingungen ändern wollen, als sich selbst in der Welt verorten. Einen Platz finden und haben. Wissen wer man ist und wohin man gehört.
Vielleicht haben sich Erwachsene und die Erwachsenengesellschaft immer zu wichtig genommen: Jugendliche interessieren sich vor allem für sich selbst und das ist gut so. Autonomie gilt schließlich seit Th.W. Adornos ?Erziehung nach Auschwitz? als wesentliches Erziehungsziel.

Welchen Sinn und welchen Nutzen?

In den letzten Jahren haben sich Politik und Politikverständnis gründlich verändert. Die Wiederentdeckung des Subjektes in der Politik und der politischen Bildung sei als ein Beispiel genannt. Gesellschaft eignet sich jede(r) über seine eigene Biografie an. Sie ist nichts Objektives. Sie erschöpft sich nicht in bestimmten Strukturen. Aneignung von Politik ist also ein sehr subjektives, sehr persönliches, emotionales Geschehen.
Insofern ist für mich völlig klar und normal, dass Jugendliche vor allem lustbetonte Formen des Engagements suchen, sich nur dann engagieren, wenn sie das Gefühl haben unmittelbar, direkt betroffen zu sein; dass sie nach der Kosten-Nutzen-Relation fragen. Politisches Engagement war auch ?früher? nur vordergründig altruistisch. In Wirklichkeit ging es immer darum: was bringt?s mir?!? Wenn Aufwand und Ertrag unter diesem Gesichtspunkt nicht mehr gestimmt haben, zog man sich zurück, engagierte sich woanders, kümmerte sich erstmal um seine berufliche Zukunft oder gründete eine Familie. Niemand, so die Organisationspsychologen, bewegt sich, verändert etwas, wenn er keinen Sinn, keinen persönlichen oder beruflichen Nutzen für sich darin sieht. Welchen Sinn, Nutzen hat politisches Engagement heute und für Jugendliche?

Pragmatisch und selbstbewusst

Noch nie ist mir in den langen Jahren kirchlicher Jugendarbeit eine so realistische, informierte, pragmatische und selbstbewusstere Jugend begegnet, als in den letzten Jahren als Jugendbildungsreferent.
Jugendliche begreifen sich selbst längst nicht mehr als Opfer irgendwelcher Entwicklungen und anonymer Mächte. Sie selbst sind Akteure, Gestalter ihrer selbst und ihres Lebens- und Berufsweges. Politik, gar Parteipolitik wird von ihnen realistisch gesehen und nicht mehr überbewertet. Sie beeinflusst unser Leben, aber sie schafft lediglich einen Rahmen, der Chancen eröffnen kann oder verhindert. Insofern ist politisches Engagement wichtig, aber nicht alles. Parteipolitisches Engagement war und ist die Sache einer absoluten Minderheit unter Jugendlichen, auch wenn in einer Parteiendemokratie vieles dorthin delegiert ist und insofern vor allem der Kontrolle, des Korrektivs bedarf. Dabei sind Jugendparlamente und andere Formen der Beteiligung besser als nichts, vielfach jedoch lediglich Spielwiese und Showveranstaltungen für ehrgeizige Stadtväter und -mütter.

Deshalb ist für mich vor allem das gesellschaftliche, das zivilgesellschaftliche Engagement wichtig und notwendig. Vereine, Verbände, Initiativen, Selbsthilfeorganisationen brauchen wir als Begrenzer von ungezügelt ausgeübter Macht durch Staat und Parteien. Wenn sich laut Shell-Studie ca 50% der Jugendlichen für Politik nicht interessieren, wenn ca. 35% der Jugendlichen keiner der bekannten Parteien nahe stehen, dann kann ich das verstehen. Bei Erwachsenen sieht das nicht anders aus. Die Zahlen der Shell-Studie anders gelesen bedeuten sie, dass sich noch immer annähernd 55% der Jugendlichen für Politik interessieren und einer Partei nahe fühlen - geradezu fantastische Zahlen angesichts des Zustands unserer Politik und Parteien.

Wer hält die Welt an?

Bleibt zum Schluss die Frage: soll man die Welt, die Gesellschaft verändern? Kann man sie verändern? Wie kann das geschehen und wer kann, soll es tun?
Die Fragen unterstellen zunächst, dass sich nicht viel verändern würde, dass wir in Deutschland noch in den erstarrten 50er Jahren leben würden, die die studentische Bewegung mit viel Spaß, Ulk, Event (damals hieß das dann happening, sit-in, teach-in, freier Sex, Kommune, sleep-in - alles sehr, sehr politisch!!!) in Bewegung setzte.
Aber muss heute die Frage nicht vielmehr heißen: wer hält die Welt an? (siehe oben). Wie kann man etwas bewahren? Wer bitte lässt etwas so, wie es ist?
Im Zeitalter der Globalisierung, des Internets, der Zlatko-Trash-Helden, des medial vorgeführten Penis-Piercing, der Null-Information durch totale Information, der Tyrannei der Intimität (Richard Sennett) in Talkshows und big-brother-containern kann für mich die Antwort nur so lauten: Ich verändere die Welt, die Gesellschaft nur noch, indem ich mich selbst verändere!
Denn: ?Des Menschen Gemüt ist sein Geschick?, wusste bereits Ferdinand Lassalle, der Ur-Vater der Arbeiterbewegung als er vor genau 175 Jahren (!) den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) gründete.
Laut Duden bezeichnet ?Gemüt? eine Kollektivbildung zu ?Mut? und bezeichnet die Gesamtheit der seelischen Empfindungen und Gedanken, aber auch den Sitz der inneren Empfindungen und Gedanken.
Ran also an Gedanken und Gemüt, an Seele und Empfindungen. Hier beginnt politische Bildung. Das ist politische Bildung.

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Wolfgang Gaiser/Johann de Rijke: Zivilgesellschaft ohne Nachwuchs?

Bürgerschaftliches Engagement Jugendlicher und junger Erwachsener

?Bürgerschaftliches Engagement in der Zivilgesellschaft? Zauberformel für die Politik, Hoffnungsschimmer für die Praxis oder empirisch feststellbare potentielle Realität angesichts von prosozialen Wertorientierungen und Engagementbereitschaften junger Menschen? Angesichts der vielfältigen Erwartungen, die mit dieser Formel verbunden werden, wundert es nicht, dass aufmerksam beobachtet wird, wie sich die Jugend diesbezüglich verhält, ist sie doch per se die Gruppe der Gesellschaft, der in besonderem Maße die Kraft für Innovation und Erneuerung zugeschrieben wird. Doch es werden auch Bedenken vorgebracht: Die Mitarbeit Jugendlicher in Vereinen gehe zurück, die Bereitschaft, sich zu engagieren, nehme dramatisch ab. In öffentlichen Debatten wird der Jugend häufig pauschal ein distanziertes Verhältnis zur Gesellschaft und mangelndes soziales Engagement vorgeworfen. Damit ist ein sensibler Punkt demokratischer Gesellschaften angesprochen: Demokratien sind auf die politische Unterstützung durch ihre Bürger und die Civic Society auf Engagement angewiesen. Ist die Skepsis, Jugend sei politisch desinteressiert und kaum bereit, sich zu engagieren, übertrieben oder sind die Hoffnungen, die sich auf die Jugend richten, unangemessen? Welche Daten liegen zum sozialen und politischen Engagement von Jugendlichen und jungen Erwachsenen vor?

Die empirischen Ergebnisse des DJI-Jugendsurveys(1) geben zu verschiedenen Aspekten sozialer und politischer Einstellungen und Verhaltensweisen bei 16- bis 29jährigen genauer Aufschluss. Der DJI-Jugendsurvey erfasst eine breite Palette von ehrenamtlichem und bürgerschaftlichem Engagement junger Menschen, sowohl im Blick auf Orientierungen und Handlungsbereitschaften, als auch auf unterschiedlich organisierte bzw. institutionalisierte Formen dieses Engagements.

Im Folgenden werden Orientierungen, Beteiligungsbereitschaften und aktive Mitgestaltung junger Menschen in Deutschland dargestellt. Zunächst geht es um die Bedeutung, die Jugendliche und junge Erwachsene öffentlichen Lebensbereichen beimessen sowie um soziale Orientierungen als mögliche motivationale Basis für Engagement. Dann werden unterschiedliche Bereitschaften hinsichtlich konkreter gesellschaftlicher und politischer Beteiligungsmöglichkeiten dargestellt. Anschließend wird Entwicklungstendenzen bei der Mitgliedschaft in Verbänden, Organisationen und Vereinen nachgegangen und schließlich geht es um die Frage nach Faktoren, die für ein breiter zu verstehendes aktives zivilgesellschaftliches Engagement förderlich sind.

Politische und soziale Orientierungen

Das Interesse am öffentlichen Leben und die subjektive Bedeutung von Politik sind Voraussetzungen für ein politisches und gesellschaftliches Engagement (vgl. Gille 2000). Welchen Stellenwert Politik für Jugendliche hat und wie das politische Interesse im Kontext anderer Lebensbereiche wie etwa Partnerschaft, Beruf, Freizeit und Freunde im Jugendalter einzuschätzen ist, zeigen die Ergebnisse zur Frage nach der subjektiven Wichtigkeit von Lebensbereichen: Politik hat subjektiv für sie nur eine relativ geringe Bedeutung gegenüber anderen, eher privaten Lebensbereichen und lediglich Religion ist ihnen noch unwichtiger. Demgegenüber sind - insbesondere bei jungen Frauen - soziale Orientierungen und Verhaltensbereitschaften stark ausgeprägt. So sind ca. 50% der west- und ostdeutschen Frauen bereit, sich in sozialen Organisationen für andere zu engagieren. Die entsprechenden Anteilswerte bei den Männern betragen 42% in den alten und 35% in den neuen Bundesländern ( vgl. Gille 2000). Politik im engeren Sinne spielt somit subjektiv für die jungen Menschen nur eine nachgeordnete Rolle. Dagegen ist die Bereitschaft, Verantwortung mitzutragen und sich in sozialen Organisationen zu beteiligen, ausgesprochen hoch.
Auch mit ihren grundsätzlichen Werten und Einstellungen bringen sie in vielfacher Form positive Voraussetzungen mit: für andere da zu sein, anderen zu helfen ist ihnen wichtig, den weiblichen Befragten noch stärker als den männlichen (vgl. Gaiser/Gille 1998, Gille 2000). Studien, die sich auf die Gesamtbevölkerung beziehen, zeigen außerdem die grundsätzlich höhere Beteiligungsbereitschaft junger Menschen im Vergleich zu älteren (Sozialministerium Baden-Württemberg 1997). Das stärkere Engagement der Jüngeren bestätigt sich auch in neueren Umfragen zur tatsächlich geleisteten Bürgerarbeit: Demnach liegen die 14- bis 24jährigen mit 37%, die in irgendeiner Form ehrenamtlich aktiv waren (darunter 14% mit mehr als fünf Stunden pro Woche), etwas höher als der Bevölkerungsdurchschnitt von 34% (Infratest 1999: S.20f).

Verständlicherweise sind Formen institutioneller politischer Partizipation, bei denen die Vorbehalte gegenüber etablierter Politik wirksam werden und die darüber hinaus noch einen erheblichen persönlichen Einsatz verlangen, wie Parteiarbeit und Übernahme eines politischen Amtes, nur für Minderheiten denkbar. Diesen Themenbereich haben wir 1992 wie auch 1997 ausführlich erfragt. Dabei gingen die schon 1992 im Osten niedrigeren Bereitschaften zu institutionalisierter Partizipation wie ?Mitarbeit in einer Partei? oder ?Übernahme eines politischen Amtes? weiter zurück. Offensichtlich ist es in den 90er Jahren also nicht oder sogar zunehmend weniger gelungen bei der Jugend der neuen Bundesländer, zumindest in ähnlichen Ausmaß wie in den alten, politisches Interesse, Vertrauen in das politische System und Bereitschaft sich daran zu beteiligen, zu wecken. Demgegenüber werden alternative, basisorientierte, themenbezogene und nicht institutionalisierte Beteiligungsmöglichkeiten als wesentlich attraktiver erachtet: Drei Viertel wären bereit, sich an einer Unterschriftensammlung zu beteiligen, etwa die Hälfte an einem gewerkschaftlich organisierten Streik. Allerdings ist die Streikbereitschaft der ostdeutschen Jugendlichen seit 1992 um 20 Prozentpunkte gesunken. Hierin spiegeln sich die Probleme und Umstrukturierungen auf dem Arbeitsmarkt und in der gewerkschaftlichen Organisation in den neuen Bundesländern. Die Teilnahme an genehmigten Demonstrationen können sich inzwischen bundesweit zwei Drittel vorstellen. Hier war 1992 die Bereitschaft im Osten noch deutlich höher. Die Bereitschaft, sich an nicht genehmigten Demonstrationen zu beteiligen, wird im Westen von einem Viertel der Befragten geäußert. In den neuen Bundesländern ist der Anteil auf ein knappes Drittel zurückgegangen, während er im Jahre 1992 noch höher war; in dieser höheren Demonstrationsbereitschaft der ostdeutschen Jugendlichen kamen Mobilisierungseffekte durch die Wende zum Ausdruck. Inzwischen kam es zu einer Angleichung von Ost an West bei der Bereitschaft zu Streik oder Demonstrationen. Zu unkonventionellerem und eher problemorientiertem Engagement in Bürgerinitiativen ist zu beiden Erhebungszeitpunkten bundesweit immerhin über zwei Fünftel bereit.

Zurückgehende Mitgliedschaftsquoten

Während also bei den Partizipationsbereitschaften keineswegs von durchgängigen Trends zu sozialem Rückzug und Politikverdrossenheit gesprochen werden kann, zeigen sich bei den Realitäten des Handelns durchaus ein nachlassendes Engagement. Schon in einem für gesellschaftliche Entwicklungen so kurzen Entwicklungszeitraum wie zwischen 1992 und 1997 kam es zu einem deutlichen Rückgang bei den Mitgliedschaften in traditionellen Organisationen, Vereinen und Verbänden (vgl. Gaiser/de Rijke 2000). Besonders deutlich kommt dies im steigenden Anteil derjenigen, die in überhaupt keiner Organisation Mitglied sind zum Ausdruck: Im Westen steigt der Anteil der Nichtmitglieder von 41% auf 48%, im Osten von 50% auf 61%. Diese Ergebnisse verweisen zum einen im Sinne der Individualisierungsthese auf eine nachlassende Integrationskraft traditioneller Institutionen im Westen und auf eine teils nicht entstandene und teils sinkende Attraktivität der westdeutsch geprägten Organisationen im Osten. Als stabiles Engagementprofil zeigt sich, dass insbesondere im Westen es eher die jungen Männer sind, die mit zunehmendem Alter ihre Interessen in Agenturen des intermediären Systems einbringen.


Große Sympathie für informelle Gruppierungen

Im Gegensatz zum nachlassenden Engagement in traditionellen Verbänden, Vereinen und Organisationen werden - entsprechend der hohen Bereitschaft zu unkonventioneller Partizipation - informelle Gruppen, die gesellschaftliche Probleme aufgreifen und politisch thematisieren positiv bewertet. Die Inhalte, Ziele, Aktionsformen und flexiblen Beteiligungsangebote solcher Gruppierungen erfahren in der jungen Generation eine unverändert hohe Zustimmung. Dabei zeigt sich, dass insbesondere den Umweltschutz-, Friedens- und Dritte-Welt-Initiativen, Kernkraftgegnern sowie Menschenrechts- und Selbsthilfegruppen große Sympathie entgegengebracht wird. Mit ?verhaltener Zustimmung? wird Frauen-/Männergruppen begegnet. Bereits 1992, nur zwei Jahre nach der deutschen Vereinigung, hatten junge Ostdeutsche hier nahezu die gleichen Einstellungsmuster wie ihre westdeutschen Altersgenossen. Auch 1997 werden in West und Ost solche Gruppierungen ganz überwiegend positiv bewertet. Dabei liegen die Umweltschutzgruppen und die Friedensinitiativen gefolgt von den Menschenrechtsgruppen auf den ersten Rangplätzen, daneben auch die eher traditionellen Tierschutzinitiativen. Die noch 1992 im Vergleich zum Westen geringeren Zustimmungswerte der Ost-Befragten zu Kernkraftgegnern und Selbsthilfegruppen infolge des damals dort noch geringeren Bekanntheitsgrades haben inzwischen ?Westniveau? erreicht.
Auffallend ist der Widerspruch zwischen dem hohen Maß an Zustimmung, das die genannten Gruppen genießen, die hohe positive Bewertung einer sozialen, humanitären, nachbarschaftlichen, ökologischen oder pazifistischen Aktivität und die gleichzeitig geringe tatsächliche Beteiligung: Treffen dieser Gruppen werden von maximal zehn Prozent besucht und höchstens zwei Prozent arbeiten aktiv mit. Warum werden positive Einstellungen so selten in praktiziertes Engagement umgesetzt? Wo liegen die Barrieren, die überwunden werden müssen, bevor man bei einer Gruppierung mitmacht, die man an sich gut findet? Sind es die durch zunehmende Bildungsanstrengungen enger gewordenen zeitlichen Spielräume in der Jugendphase? Gerät das vermehrte Jobben und Geldverdienen in Konkurrenz zum sozialen und politischen Engagement? Spielen nur die Unterschiede im formalen Bildungsniveau eine Rolle oder sind die subjektiven Werte und Orientierungen ausschlaggebender? Wodurch unterscheiden sich diejenigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich tatsächlich engagieren von denen, die einen solchen Schritt der Beteiligung an der Zivilgesellschaft eher nicht vollziehen?
Wer ist aktiv zivilgesellschaftlich engagiert?

Welche Einflussfaktoren fordern ein aktives zivilgesellschaftliches Engagement? Um diese Frage anhand der Daten des DJI-Jugendsurvey zu klären, wird zunächst zivilgesellschaftliches Engagement genauer bestimmt. Dazu werden die Gruppierungen der Tabelle 2 herangezogen und geprüft, ob die Befragten sich aktiv beteiligen, sei es regelmäßig oder auch nur in Form des Besuches (?ab und zu?) von entsprechenden Treffen und Veranstaltungen. Ein solches weit gefasstes tatsächliches Engagement bei zumindest einer dieser Gruppierungen findet sich bei 13% der 16- bis 29jährigen in den alten, 11% in den neuen Bundesländern. Ein tatsächliches Engagement in mehreren dieser Gruppierungen ist bei 14% im Westen und 10% im Osten vorhanden. Im weiteren wird das tatsächliche Engagement bei mindestens einer dieser Gruppen im Zentrum stehen. Die grundsätzlichen Sympathien gegenüber diesen Gruppierungen sind, wie aus Tabelle 2 ersichtlich und oben schon beschrieben, bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen weitaus höher: mehr als 50% finden bis zu sechs dieser Gruppen in Ordnung. Es ist aber gerade in diesen Feldern freiwilliger Tätigkeit die Differenz zwischen positiver Bewertung und tatsächlicher, wenngleich doch immerhin noch wenig ressourcenintensiver, Betätigung eine große Differenz vorhanden -was ja in Wissenschaft und Praxis nicht unbekannt ist.

Im Folgenden soll untersucht werden, welche Merkmale die Engagierten kennzeichnen, worin diese sich somit von den Nichtengagierten unterscheiden. Anhand der Informationen des DJI-Jugendsurveys wurden eine ganze Reihe von möglichen Faktoren geprüft. Wenig Unterschiede zeigen insgesamt das Geschlecht und auch das Alter - im Rahmen der Altersspanne des Jugendsurveys (16 bis 29). Sicher kann man - wie oben bereits angesprochen - von Differenzen gegenüber Älteren ausgehen: diese werden wohl auch bei den aufgeführten Gruppierungen weniger engagiert sein. In der Kombination von Alter und Geschlecht ergibt sich doch ein interessanter Zusammenhang: Bei höheren Altersgruppen im Westen erweisen sich weibliche Befragte als stärker engagiert als männliche, was als ein Hinweis auf auch geschlechtsspezifische Formen politischer Zuwendungen verstanden werden kann (vgl. Achatz/Gaiser/Gille 1999). Weitere Zusammenhänge, etwa mit der Links-Rechts-Selbsteinstufung, haben natürlich mit dem Charakter der genannten Gruppierungen zu tun, die zumeist aus dem Umfeld der eher linken ?Neuen sozialen Bewegungen? stammen. Mit Unzufriedenheit alleine hingegen ergeben sich nur geringe Zusammenhänge. Dies ist nicht anders zu erwarten: Unzufriedenheit mit politischen Institutionen oder auch mit der eigenen Lebenssituation führt nur bei einem kleineren Teil der Betroffenen zu Aktivität, für einen größeren hingegen entsteht hieraus keine Motivation zum Engagement, sondern eher eine resignative oder gleichgültige Haltung. Und ein weiterer interessanter Zusammenhang ergibt sich im Hinblick auf Religiosität: Personen, die stärker kirchlich eingebunden sind, sind auch mehr als andere in Gruppen zivilgesellschaftlicher Beteiligung aktiv. Dies betrifft allerdings nur eine geringe Zahl an Jugendlichen und jungen Erwachsenen, insbesondere in den neuen Bundesländern ist dies aufgrund der geringen Verankerung der Kirchen wenig ausgeprägt (vgl. Gaiser/de Rijke 1999).

Drei Faktoren erwiesen sich jedoch insgesamt in West wie in Ost als besonders bedeutsam: Bildungsabschluss, politisches Interesse und postmaterialistische Orientierungen(2). Nach der Theorie von R. Inglehart sind materialistisch orientierte Personen an traditionellen Werten ausgerichtet, während postmateriell Orientierte mehr Wert auf individuelle Selbstverwirklichung und politische Mitsprache legen(vgl. Gille 1995). Zur vereinfachten Darstellung der gemeinsamen Effekte dieser Merkmale auf zivilgesellschaftliches Engagement soll ein Kontrastgruppenvergleich dienen (vgl. Abbildung). Hierbei werden die Befragten stufenweise nach den Ausprägungen der genannten Merkmale aufgeteilt, und für jede der sich daraus ergebenden Gruppen wird der Anteil mit zivilgesellschaftlichem Engagement ausgewiesen. Für die alten und die neuen Bundesländer werden die Kontrastgruppenvergleiche getrennt dargestellt. Die auf der untersten Aufgliederungsebene entstandenen acht Gruppen weisen also jeweils unterschiedliche Merkmalskombinationen der drei betrachteten Variablen auf.

Insgesamt ist zu sehen, dass alle drei Merkmale einen Einfluss auf Zivilengagement ausüben: bei der Gruppe mit höheren Bildungsabschlüssen ist der Anteil der Engagierten größer als bei denen mit geringeren, ebenso bei der Gruppe mit starkem politischen Interesse, und (zumeist) auch zusätzlich bei der Gruppe der Postmaterialisten. Dabei erweist sich das politische Interesse als am stärksten differenzierend - Befragte mit starkem politischen Interesse sind deutlich engagierter als solche mit mittlerem bzw. geringem (vgl. die Ebene ?politisches Interesse? in der Abbildung); dies gilt für West und Ost gleichermaßen und auch innerhalb der Bildungsabschlüsse. Postmaterialistische Orientierungen hingegen differenzieren klar nur innerhalb der Gruppe der stark politisch Interessierten - bei den politisch weniger Interessierten sind kaum weitere Unterschiede festzustellen, wenn man diese nach Postmaterialisten und Nicht-Postmaterialisten weiter aufgliedert (auf der Ebene ?postmaterialistische Orientierungen?). Der Bildungsabschluss allein hat hingegen nur einen geringen Effekt. Betrachtet man die ?Extremgruppen? bei den kombinierten positiven bzw. negativen Ausprägungen der Merkmale, so zeigt sich: Das höchste Maß an Zivilengagement ist bei der Gruppe mit sowohl starkem politischem Interesse als auch postmaterialistischen Orientierungen zu finden, und zwar unabhängig vom Bildungsabschluss: im Westen 47% bzw. 53%, im Osten 45% bzw. 47%. Das ist jeweils fast doppelt soviel bzw. im Osten mehr als doppelt soviel wie in der gesamten Stichprobe. Der geringste Anteil wiederum ist bei der Gruppe mit mittlerem bzw. geringem Bildungsabschluss und geringerem politischen Interesse zu lokalisieren, wobei, wie oben schon erläutert, postmaterialistische Orientierungen keine weitere Differenzierung mehr mit sich bringen. Der Wert ist hier im Westen etwa 20%, im Osten 15%. Insgesamt wirkt sich somit die Kombination von starkem politischen Interesse und postmaterialistischen Orientierungen, die ja auch explizit mehr Einfluss der Bürger auf die Politik fordern, am bedeutungsvollsten für die Herausbildung zivilgesellschaftlichen Engagements aus. Und diese Kombination kann sich auch bei Personen mit einem Bildungsabschluss unterhalb des Abiturs bzw. Fach-
abiturs auswirken.

Resümee

Junge Menschen haben durchaus eine hohe Bereitschaft zu unterschiedlichsten Formen zivilgesellschaftlichen Engagements. Auch eine mittlere oder geringere Bildung führt nicht zu einer ausschließlichen Orientierung an der privaten Lebensgestaltung und soziopolitischer Inaktivität. Bürgerschaftliches Engagement ist außerdem von einer Reihe von Kontextbedingungen abhängig. Offensichtlich aber werden traditionelle Formen sozialer und politischer Beteiligung für junge Menschen immer uninteressanter. Hier geht die Beteiligung kontinuierlich zurück, obwohl das Vertrauen in Institutionen, die für entsprechende Ziele stehen, durchaus hoch ist. Dabei spielt auch eine Rolle, dass sich in den jüngeren Generationen veränderte Lebenskonzepte und Ansätze für ein neues Politikverständnis und für stärker problemorientierte und flexiblere Formen der politischen Partizipation herausgebildet haben. Hinweise auf solche Tendenzen finden sich in der hohen Bereitschaft, sich unabhängig von Parteien, Vereinen und Verbänden selbstorganisiert zusammenzuschließen, um in der Nachbarschaft, im Stadtteil, im Ort Verantwortung bei der Lösung von Alltagsproblemen zu übernehmen (vgl. auch Klages 1998). Die Attraktivität bürgerschaftlichen Engagements für junge Menschen ist dabei im Gegensatz zu konventioneller politischer Beteiligung in Ost- und Westdeutschland gleichermaßen hoch. Hier haben sich offensichtlich in beiden Landesteilen ähnliche politische Orientierungen und Strukturen entwickelt, die ein solches Engagement begünstigen.

Literatur:

- Achatz, Juliane/ Gaiser, Wolfgang/ Gille, Martina (1999): Geschlecht und Partizipation. In: Diskurs, Heft 1, 10. Jg., S. 58-67.
- Gaiser, Wolfgang/Gille, Martina (1998): Vorbilder, Selbstbilder, Leitbilder Jugendlicher heute. In: das baugerüst. Heft 3/98
- Gaiser, Wolfgang/de Rijke, Johann (1999): Kirchlich-religiöse Orientierungen und Engagementbereitschaft Jugendlicher. In: Hobelsberger,Hans/Kruip, Gerhard/Tzscheetzsch (Hrsg.): Engagement und Religion im Leben von Jugendlichen. Odenthal-Altenberg. S.45-68
- Gaiser, Wolfgang/de Rijke, Johann (2000): Partizipation und politisches Engagement. In: Gille,Martina/Krüger,Winfried (Hrsg.) a.a.O. S.267- 323
- Gille, Martina (1995): Wertorientierungen und Geschlechtsrollenorientierungen im Wandel. In: Hoffmann-Lange, U. (Hrsg.): Jugend und Demokratie in Deutschland. DJI-Jugendsurvey 1, Opladen: Leske + Budrich, 109-158.
- Gille, Martina/Krüger, Winfried (Hrsg.) 2000: Unzufriedene Demokraten. Politische Orientierungen der 16- bis 29jährigen im vereinigten Deutschland. DJI-Jugendsurvey 2. Opladen: Leske+Budrich
- Gille, Martina (2000): Werte, Rollenbilder und soziale Orientierungen. In: Gille, Martina/Krüger, Winfried (Hrsg.) a.a.O. S.143 ? 203
- Hoffmann-Lange (Hrsg.) (1995): Jugend und Demokratie in Deutschland. DJI-Jugendsurvey 1, Opladen: Leske + Budrich.
- Infratest Burke (1999):Freiwilligenarbeit, ehrenamtliche Tätigkeit und bürgerschaftliches Engagement. München
- Klages, Helmut (1998): Engagement und Engagementpotential in Deutschland. Erkenntnisse der empirischen Forschung. In: APuZ, B38/98, S. 29-38
- Sozialminsterium Baden-Württemberg (Hrsg.) (1997): Bürgerschaftliches Engagement in Baden-Württemberg. Landesstudie 1997

Anmerkungen:

(1) Der Jugendsurvey des Deutschen Jugendinstituts ist ein Instrument zur Dauerbeobachtung von politischen Orientierungen und Verhaltensbereitschaften Jugendlicher. Er wird vom BMFSFJ finanziell gefördert. Basis für diese Dauerbeobachtung sind regelmäßige repräsentative Umfragen bei deutschen Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von 16 bis 29 Jahren. Die ersten beiden Wellen des Jugendsurveys waren 1992 und 1997, durchgeführt mit jeweils ca. 7000 Befragten. Hier werden vor allem Ergebnisse der 2. Welle des Jugendsurveys 1997 vorgestellt. Zur 1. Welle vgl. Hoffmann-Lange 1995, zur 2. Welle vgl. Gille/Krüger 2000.

(2) Die Frage lautete: ?Auch in der Politik kann man nicht alles auf einmal haben. Auf dieser Liste finden Sie einige Ziele, die man in der Politik verfolgen kann. Wenn Sie zwischen diesen verschiedenen Zielen wählen müssten, welches Ziel erscheint Ihnen persönlich am wichtigsten, welches am zweitwichtigsten und welches am drittwichtigsten?? Die Antwortkategorien lauteten: ?Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung in diesem Land?, ?Mehr Einfluss der Bürger auf die Entscheidungen der Regierung?, ?Kampf gegen die steigenden Preise? und ?Schutz des Rechts auf freie Meinungsäußerung?. Als reine Materialisten werden die Befragten klassifiziert, die die Ziele ?Ruhe und Ordnung aufrechterhalten? und ?Kampf gegen steigende Preise? als die wichtigsten ansehen, die reinen Postmaterialisten sehen dagegen ?Mehr Einfluss auf die Entscheidungen der Regierung? und ?Schutz des Rechts auf freie Meinungsäußerung? als wichtigere Politikziele an; wer jeweils ein Statement aus diesen beiden Gruppen als die wichtigsten ansieht, wird zur mittleren Gruppe gemischt.

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Heiner Keupp: Einmischung aus Selbstsorge

Alle neueren Studien zeigen, dass die Engagementbereitschaft und das reale Alltagsengagement von Menschen aller Altersgruppen in den letzten Jahren eher zu- als abnimmt. Und gleichzeitig erleben wir eine öffentliche Klage, die das Gegenteil unterstellt. Wie ist dieses Paradoxon zu erklären?

Gemeinsinn gegen Egoismus oder Hilfsbereitschaft gegen Eigeninteressen

Unsere Köpfe werden jeden Tag mit falschen Alternativen verhüllt. Solche Polaritätsprofile durchziehen nicht nur die politischen Diskurse, sondern sie begegnen uns in der Diskussion um die Öffnungszeiten der Münchner Biergärten ebenso wie bei Bürgerbegehren, in denen ein Museumsprojekt oder sozialer Wohnungsbau in einem gutbürgerlichen Stadtbezirk verhindert werden soll. Egoismus ist eine beliebte Metapher in der Berichterstattung über Erfolg und Misserfolg von Fußballvereinen und bei der Kommentierung von Verbrechen. Nehmen wir aus dem letzten Bereich ein aktuelles Beispiel. In einer Hamburger S-Bahn wird ein siebzehnjähriges Mädchen vergewaltigt, in aller Öffentlichkeit. Sie schreit nach Hilfe, doch niemand greift ein, um ihr zu helfen. Erst nach einem Monat wird dieser Vorfall bekannt und empört die Öffentlichkeit. Wie kann es sein, dass hier niemand eingegriffen hat? Angst oder einfach Teilnahmslosigkeit? Ist es die Haltung: Ich bin nicht betroffen, warum sollte ich mich einmischen? In DIE ZEIT wird dieser Vorgang von Susanne Gasche so kommentiert: ?Da wurde eine Vergewaltigung, das klassische Wegschau-Verbrechen, zum Symbol für die Maximen einer ich-bezogenen Wegschau-Gesellschaft: bloß nicht in etwas hineinziehen lassen?. Hier wird ein Prüfstand für den moralischen Zustand unserer Gesellschaft gesehen: ?Jede Gesellschaft muss sich im Lauf der Zeit immer wieder darauf verständigen, wie sie und ihre Bürger sich sehen wollen: Egoistisch, solidarisch, mutig - oder verkrochen?? (Gasche 1997, S. 1). Und die Diagnose fällt eindeutig aus: Wir sind auf dem Weg zu einer ?kalten Gesellschaft?, in der die Ichlinge immer mehr mit egozentrierter Nabelschau die Alltagssolidarität und -moral bestimmen: Geht es mich an wird in die Fragen transformiert: Macht es mich an? Bringt es mir was?

Die eilfertige Zustimmung, die solche Diagnosen in aller Regel finden, spricht dafür, dass hier eine tiefe kulturelle Konditionierung ausgelöst wird, deren Tragfähigkeit erst noch einmal zu prüfen wäre, ehe wir uns weiterhin auf sie verlassen. In einer Antwort auf die Schnelldiagnose von Susanne Gasche fragt - wiederum in DIE ZEIT - Thomas Kleine-Brockdorff, ?warum in solchen Fällen reflexhaft kulturpessimistische Mementi anheben. Warum die These so beliebt ist, die Gesellschaft stürze in eine neuzeitliche Verrohung, das Partikulare siege über das Allgemeine, der moderne Mensch verkomme zur selbstsüchtigen Monade? (1997, S. 74). Kleine-Brockdorff zeigt dann auf, dass eine gut abgesicherte sozialpsychologische Forschung längst nachgewiesen hat, dass das Nicht-Eingreifen in spezifischen kollektiven Situationen noch längst nicht ausreichend mit der moralischen Diagnose Egoismus verstanden werden kann. War beispielsweise der tragische Tod der beiden Kinder vor einigen Jahren im Münchner Olympiasee Ausdruck einer moralischen Katastrophe oder drückte er etwas von der Verantwortungsdiffusion in einer unübersichtlichen großstädtischen Lebenswelt aus? Eines scheint jedenfalls klar: ?Die These von der kalten Gesellschaft, die nicht mehr eingreife, weil ihr Wertgefüge erodiere, erklärt das traurige bystander-Phänomen nicht? (1997, S. 69).
Wer sein Wahrnehmungsmuster von einem Suchraster bestimmen lässt, das die Welt nach Eigennutz versus Gemeinsinn aufteilt und damit immer eine moralische Gut-böse-Kategorisierung vornimmt, der wird immer und überall fündig und findet permanent Anlässe für Emörung. Das Problem ist nur, dass uns eine so bequeme Aufteilung zwar die Chance gibt, uns moralisch auf die gute Seite zu stellen und das ?Böse? zu benennen, aber dieser Diskurs verstellt uns zugleich auch den Blick auf eine möglicherweise sehr viel komplexere Wirklichkeit.

"...das Böse ist immer und überall..."

Wer durch die aktuelle bundesdeutsche Landschaft mit dem Egoismusrechen geht, wird sicherlich reiche Ernte halten können: Die Schwabinger Yuppies werden ebenso hängen bleiben wie die gesamte Millionärstruppe des FC Bayern; natürlich all? die alten Menschen, die sich über lärmende Kinder und Jugendliche in ihrer Nachbarschaft beschweren, die mit ihrem Sound auch die letzte Schwelle von Schwerhörigkeit überschreiten. Und wie ist es mit den sich emanzipierenden Frauen, die ihr bislang kostenlos eingebrachtes Potential an Fürsorge und unermüdlicher Beziehungsarbeit nicht mehr ihrem Wunsch auf ein Stück eigenes Leben opfern wollen? Unser Egoismusrechen wird auch sie erfassen, ebenso wie jene Gewerkschafts- oder Kirchenmitglieder, die nicht mehr frag- und klaglos sich ehrenamtliche Tätigkeiten zuschieben lassen. Und vielleicht können wir auch gleich einen größeren Teil der Münchner Jugend aufrechen. Es spricht alles dafür, dass sie im bundesdeutschen Trend liegen und der zeigt uns einen starken Hang zur jugendlichen Ichbezogenheit: Selbstentfaltungswerte und Spaß rangieren in ihrer Werteskala ganz oben. Ganz im Sinne der Überzeugung, ?das Böse ist immer und überall? werden wir es auch finden: Der Egoismus ist immer und überall. Der Parteienegoismus, die Gewerkschaften, die Kapitalisten, die Autofahrer, die Radfahrer und natürlich auch die Fußgänger; die Selbsthilfegruppen und der Bund Naturschutz.

Es spricht vieles dafür, die Unbrauchbarkeit eines solchen Rechens festzustellen und es spricht alles für die Notwendigkeit, auf die spezifische Dynamik aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen mit differenzierteren Perspektiven zu schauen. Da bekommen Handlungs- und Motivbündel, die an subjektiven Bedürfnissen und Erwartungen ansetzen, ganz schnell einen anderen Rahmen und in diesem Rahmen wird das moralische Verdikt ?egoistisch? unbrauchbar.

Ich will das an einem Beispiel erläutern. In eine Münchner Trabantenstadt zugezogene Mittelschichtfamilien haben eine Situation gemeinsam: Die Berufsmänner sind tagsüber schwer beschäftigt; ihre Ehefrauen sind meist mit ihren kleinen Kindern ziemlich allein; die Decke fällt ihnen auf den Kopf; sie kennen niemanden und die abends müde heimkehrenden Männer sind als Kompensation für kommunikative Wünsche auch nicht besonders geeignet. Aus ihrer eigenen Bedürftigkeit heraus suchen sie nach Auswegen aus ihrer Krise und stoßen auf andere Frauen, denen es ziemlich genauso geht. Aus dieser Einsicht wächst der Wunsch, gemeinsam etwas gegen die eigene Isolation zu tun und daraus entsteht eine Gruppe. Da will also jemand was für sich und holt sich auch etwas. Altruistisch ist das nicht! Da wird doch nicht aus reinem Herzen etwas ?Gutes? für andere getan! Eigentlich ist der Motivhintergrund doch selbstbezogen, also egoistisch. Hier wird deutlich, wie diese Kategorie ihre Passform völlig verloren hat.

Um die Potentiale von Alltagssolidarität steht es offensichtlich sehr viel besser, als es uns manche rückwärtsgewandten Klagelieder über den Zustand unserer Gesellschaft suggerieren wollen. Und wir müssen vor allem von falschen Grobkategorien und so wunderbar einfachen Polaritäten Abschied nehmen. Wir müssen vor allem differenzieren zwischen jenen Prozessen, die unsere kapitalistische Wirtschaftsordnung fördert und fordert: Jede Chance auf Rendite zu nutzen, den eigenen Vorteil auf dem Markt zu suchen, die eigenen Interessen möglichst auszureizen. Das hat erst einmal mit Egoismus nichts zu tun. Hier handelt es sich um die ?Wolfsgesetze? einer ökonomischen Ordnung, die auch ordnungspolitisch auf dieser Ebene eingedämmt oder überwunden werden müssen oder dort, wo sie zerstörerische Wirkung entfalten, in der ökonomischen Logik (etwa durch eine ökologische Steuerreform) bekämpft werden müssen. Hier dürfte die Diagnose von moralischen Charakterdefiziten etwa so wirksam sein wie Wadenwickel gegen Heuschnupfen.

Individualisierte Menschen und bürgerschaftliches Engagement

Reflektierte und gelungene Selbstsorge, danach zu fragen, was ich will und was für mich gut ist, ist nicht nur kein Widerspruch zur Bereitschaft im Alltag praktische Solidarität zu üben, sondern sogar ihre Voraussetzung. Gerade und speziell einer individualisierten Gesellschaft. Individualisierung entzieht Gemeinsinnorientierungen und -handlungen nicht automatisch den Boden, wie es oft unterstellt wird, sondern schafft andere Voraussetzungen dafür. Robert Wuthnow (1997), der sich in den USA am intensivsten mit freiwilligem sozialen Engagement beschäftigt hat, hat das ganz klar herausgefunden. In seiner Studie verdichtet er den zentralen Wert einer individuellen Selbstsorge auf die Formel: ?In der Lage zu sein, das zu tun, was man möchte?. 83 % derer, die sich diese Formel persönlich voll zu eigen gemacht haben, halten es für wichtig, sich zu engagieren, wenn andere Menschen Hilfe brauchen. Bei jenen, die diese Formel für sich ablehnten, war die Engagementbereitschaft um einiges geringer (79%) (S. 57). Wuthnow legt interessante Einzelfallstudien vor, in denen dieser Zusammenhang noch deutlicher wird. Janet Russo etwa, eine ?attraktive Enddreißigerin?, engagierte sich eine Zeitlang in der Schule ihrer Kinder. Warum tut sie das? Ihre Antwort: ?Es waren rein egoistische Gründe. Ich zog hierher ... vor zwei Jahren, und ich war wirklich allein. In der ganzen Nachbarschaft gab es niemanden; ich hatte den Eindruck, in einer Gegend ohne Nachbarn zu leben? (Wuthnow 1997, S. 71). Aber Janet Russo ist keine Narzißtin, ?denn es ist ihr durchaus wichtig, der Sorge um andere eine Rolle in ihrem Leben einzuräumen?. Sie ist durch und durch eine Individualistin und sie betont das auch: ?Ich erledige die Dinge auf meine Weise, und niemand anderer tut dies auf die gleiche Weise. Darum bin ich die geworden, die ich bin?. Aber Selbstsorge und die Betonung von Autonomie ist nicht identisch mit Selbstbezogenheit oder gar Selbstgenügsamkeit. Janet Russo betont: ?Ich glaube nicht, dass man als Individualist nur mit sich selbst beschäftigt ist; man muss sich beteiligen? (S. 74).

Also, individualisierte Menschen sind nicht notwendig Egotripler, die von dem ?Grundbedürfnis bestimmt sind, ?Subjekt des eigenen Handelns zu sein?, wie es Helmut Klages formuliert und er sagt dann weiter, dass dieses Bedürfnis ?keineswegs mit dem Gemeinsinn in Widerspruch steht? (1993, S. 40). Vor mehr als eineinhalb Jahrhunderten hat de Toqueville in Bezug auf die Amerikaner festgestellt, dass sie ?durch ihren Individualismus ... in stärkerem Maße gegenseitig aufeinander angewiesen (seien). Sie verhielten sich also rational, wenn sie nicht nur ihre eigenen Ziele verfolgten, sondern auch anderen beistünden, denn diese Hilfe für andere sei auch in ihrem eigenen Interesse. Er nennt diese Haltung ein &Mac226;wohlverstandenes Eigeninteresse?? (Wuthnow 1997, S. 80).

Bürgerschaftliches Engagement schöpft also aus dem Potential sozialen Engagements von BürgerInnen in ihrer Alltagswelt. Die bisherigen Überlegungen zur Alltagssolidarität lassen sich so zusammenfassen:

1. Eine sich zunehmend individualisierende Gesellschaft erzeugt nicht notwendigerweise isolierte und vereinsamte Ego-Menschen. Es existieren in dieser Gesellschaft ganz im Gegenteil hohe Potentiale für solidaritätsfördende Netze.

2. Aber diese in sozialen Netzen erzeugte Alltagssolidarität bleibt oft auf private Welten reduziert, haben also die Tendenz zu ?Stammeskulturen?: Unterstützt wird, wer zu uns gehört, zu meiner Familie, zu meinem Clan, zu meiner Szene oder zu meiner Selbsthilfegruppe.

3. Und es gibt gesellschaftlich ungebundene Solidaritäts- und Engagementpotentiale, ?ein frei flottierendes Potential an Gemeinsinn in der Gesellschaft? (Helmut Klages), das als soziale Produktivkraft nicht genutzt werden kann, weil es sich nicht an traditionelle Vereine, Verbände und Institutionen anbindet. Auch in ihrem sozialen Engagement wünschen sich zunehmend mehr Menschen, auf die sie betreffenden Angelegenheiten Einfluss zu nehmen.

Wenn man unseren gegenwärtigen Wissensstand zum bürgerschaftlichen Engagement heranzieht, könnte man folgende Thesen formulieren (ausgeführt in Keupp 2000):

These 1

Es gibt in der Bundesrepublik ein gutes motivationales Potential für bürgerschaftliches Engagement, aber dieses ist durch vorhandene institutionelle Felder nicht einfach abrufbar, sondern es bedarf neuer Gelegenheitsstrukturen. Die motivationale Basis für bürgerschaftliches Engagement hat sich verändert und sie findet in traditionellen Formen der Organisierung von ehrenamtlicher Tätigkeit kaum den erforderlichen Resonanzboden. Eine nachhaltige Aktivierung und Förderung bürgerschaftlichen Engagements bedarf neuer Rahmenbedingungen und Unterstützungsformen.

These 2

Der aktuelle gesellschaftliche Wandel löst das Passungsverhältnis zwischen individuellen Motiven und Bedürfnissen und politisch-gesellschaftlichen Arrangements der Nachkriegsordnung erkennbar auf. Davon ist auch das freiwillige soziale Engagement betroffen. Dieses eignet sich nicht, die Synchronisationslücken im traditionell angelegten staatlichen Handeln kompensatorisch zu füllen. Hier ist ein Paradigmenwechsel von Politik erforderlich, der dem bürgerschaftlichen Engagement eine aktiv-gestaltende Rolle einräumt.
These 3

Ein tiefgreifender Wertewandel hat die ganze Bevölkerung der Bundesrepublik erfasst. Selbstentfaltungswerte gewinnen und traditionelle Pflichtwerte verlieren an Bedeutung. Diese Entwicklung wird oft als Tendenz zum Egoismus missverstanden. Es ist vielmehr eine Tendenz zu mehr Eigeninitiative, Eigensinn und Selbstsorge, die eine wichtige Quelle bürgerschaftlichen Engagements darstellt.

These 4

Die verfügbaren Daten rechtfertigen die Aussagen, dass es in der Bundesrepublik ein hohes Aktivitätsniveau von 30 bis 40% freiwilligen sozialen Engagements gibt und dass es ein noch brachliegendes Potential gibt. Rückgängen im Engagement vor allem bei Kirchen, Verbänden, Gewerkschaften und Parteien stehen Zuwächse bei Vereinen, Selbsthilfegruppen, Freiwilligenagenturen, Tauschringen und vor allem im Alltagsbereich gegenüber.

These 5

Die vorhandenen Potentiale bürgerschaftlichen Engagements werden sich teils in selbstaktiven Handlungsfeldern entfalten, sie können aber auch durch die Schaffung neuer ?Gelegenheitsstrukturen? in vielfältiger Form gefördert werden. So können zeitgerechte reflexive Passungen entstehen. Gerade diese neuen Ansätze bedürfen eines öffentlichen Diskurses, in dem an Beispielen ?guter Praxis? neue Passungsmöglichkeiten sichtbar gemacht werden.

These 6

Im Widerspruch zu öffentlichen Klagen über den Engagementverlust von Heranwachsenden gibt es dafür keine empirischen Belege. Jugendliche zeigen insbesondere in ihrer unmittelbaren Lebenswelt eine hohe soziale Empfindsamkeit und engagieren sich auch dort, wo sie Hilfsbedürftigkeit sehen. Nicht unähnlich wie bei der Erwachsenengeneration, aber noch deutlicher ausgeprägt, legen Jugendliche den Maßstab der Authentizität, der eigenen Selbstentfaltungswünsche, der Kontrollierbarkeit und der Partizipation an Engagementmöglichkeiten an. Es wäre wichtig, die Gelegenheitsstrukturen für soziales Engagement in eine bessere Passung mit den Erwartungen der Heranwachsenden zu bringen. Das ist aber nicht nur eine gesellschaftspolitische Notwendigkeit, sondern hat auch hohe Relevanz bei der Förderung gelingender Identitätsprojekte bei Heranwachsenden. Im bürgerschaftlichen Engagement finden sie Möglichkeiten der aktiven Gestaltung ihrer Lebenswelt und darin sind Chancen für selbstbestimmte Identitätspassungen enthalten.

These 7

Verbände sind institutionell ?geronnene Geschichte? bürgerschaftlichen Engagements. In einer verbandlich strukturierten Gesellschaft sind sie ?intermediäre Instanzen? oder ?vermittelnde Strukturen? zwischen einzelnen Personen und Gruppen und der Gesellschaft. Ihre Passung muss immer wieder neu austariert werden und gerade in historischen Perioden hoher gesellschaftlicher Entwicklungsdynamik ist von ihnen eine besondere Innovationsleistung verlangt. Sie werden bei der Mehrheit der Heranwachsenden weniger als früher mit langen Engagements rechnen können und von daher stellt sich die Frage, wie sie ihre eigene Kontinuität angesichts des projektförmigen, befristeten Engagements vieler Mitglieder sichern können. Sie werden sich ebenfalls darauf einstellen müssen, dass das commitment nicht nur einer Organisation gilt, sondern sich auf mehrere Organisationen verteilt: Von den monogamen zu den polygamen Mitgliedschaften.

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Klaus Waldmann: Politische Jugendbildung im Kontext einer Erlebnisgesellschaft

Ein Arbeitsfeld in der Kritik

Über kein weiteres Arbeitsfeld der Jugendbildung wird wahrscheinlich gegenwärtig so heftig und kontrovers diskutiert, wie über das Feld der politischen Jugendbildung. Zwar wird in Sonntagsreden und in wohlfeilen Konzeptionspapieren immer wieder von der unabweisbaren Notwendigkeit der politischen Bildung für eine solidarische und dialogische Demokratie gesprochen, doch abseits der Schaufenster werden die Perspektiven politischer Jugendbildung grundlegend in Frage gestellt bzw. wird die Existenzberechtigung politischer Jugendbildung als eigenständigem Arbeitsfeld angezweifelt. In dieser Debatte heißt es dann, politische Jugendbildung erreiche doch nur die Jugendlichen, die sie nicht nötig hätten. Sie spiele sich als folgenloses intellektuelles Räsonieren, als Trockenschwimmkurs in idyllisch gelegenen Bildungsstätten ab, in großer Distanz zur gesellschaftlichen Wirklichkeit und nehme selten Bezug auf aktuelle politische Konflikte. Dieses Zerrbild gipfelt dann in der These, politische Bildung sei eine Angelegenheit der 50 bis 60jährigen und es mangele ihr grundsätzlich an Innovationen. Es tut wenig zur Sache, dass diese Verfälschungen kaum von empirischen Kenntnissen über die Wirklichkeit politischer Jugendbildung gestreift werden, sie bestimmen die Debatte und in einer beschleunigten Gesellschaft gilt offensichtlich vor allem das Prinzip, dass etwas immer schon wieder anders sein muss, bevor man begriffen hat, wie es ist.

Die Akteure der politischen Jugendbildung können diese Debatte auf eine sachliche Ebene bringen, wenn sie den Diskurs über Arbeitsformen, Themen der Veranstaltungen, die erreichten Zielgruppen, die bewährten Konzepte offensiv führen, Transparenz herstellen und plausible Kriterien zur Einschätzung ihrer Arbeit entwickeln. Auf dieser Grundlage braucht ihnen dann vor einer Debatte um die Wirkungen politischer Jugendbildung und ihre Möglichkeiten nicht bange zu sein. Und es wird ihnen nicht schwer fallen nachzuweisen, dass eine lebendige und kompetente Debatte um Ziele, Inhalte, neue Arbeitsformen charakteristisch ist für die politische Jugendbildung. Möglicherweise gibt es kein weiteres Arbeitsfeld der Jugendhilfe, das sich in ähnlicher Weise im ständigen Prozess der Innovation befindet, wie die politische Jugendbildung.

Veränderte Rahmenbedingungen

Um an dieser Stelle über Möglichkeiten der politischen Jugendbildung angesichts aktueller Entwicklungen nachdenken und mögliche Perspektiven skizzieren zu können, möchte ich knapp einige veränderte Rahmenbedingungen politischer Jugendbildung beleuchten, um dann thesenartig ihre Chancen und Grenzen zu betrachten. Die Gegenwartsgesellschaft ist in sozialwissenschaftlichen Diagnosen wortreich z.B. als Risikogesellschaft, als Multioptionsgesellschaft, als multikulturelle Gesellschaft, Wissensgesellschaft, beschleunigte Gesellschaft oder als Erlebnisgesellschaft gekennzeichnet worden. Diese Diagnosen gehen übereinstimmend davon aus, dass sich Optionen und Handlungsräume der Individuen vergrößert, dass traditionelle Bindungen an große Organisationen sich gelockert haben und dass die selbstverständliche Vermittlung von Traditionen unterbrochen ist. Festgestellt wird vor allem, dass sich die sozialen Milieus der Gesellschaft ausdifferenziert und radikal pluralisiert haben. Im Kontext dieser Entwicklungen werden zudem in neuer Weise soziale Ungleichheiten und Prozesse der Marginalisierung und Ausgrenzung, bis hin zur Verarmung sichtbar.

Das Interesse an bzw. die Nachfrage nach politischer Jugendbildung ist abhängig von gesellschaftlichen Entwicklungen. Berücksichtigt werden muss, dass sich die Vorstellungen vom Politischen verändert haben und sich das Interesse an Politik gewandelt hat. Das Politische hat die Grenzen des politischen Systems längst überschritten und hat sich in andere gesellschaftliche Felder ausgebreitet. Die Entscheidungen über die zukünftige Gestalt der Gesellschaft werden längst nicht mehr (nur) in den traditionellen Zentren politischer Macht (Regierung, Parlament, Parteien) getroffen, sondern (auch) in anderen Sphären der Gesellschaft.
Nach den Ergebnissen der Shell-Studie ?Jugend 2000? ist der Anteil der Heranwachsenden, die Interesse an Politik haben, von 57% im Jahr 1991, über 47% im Jahr 1996 auf nun 43% im Jahr 1999 zurück gegangen. Besonders junge Frauen und Jugendliche aus dem Osten Deutschlands äußern nur ein geringes Interesse an Politik. Den Ergebnissen des DJI-Jugendsurvey aus dem Jahr 1997 lässt sich entnehmen, dass nur 9% der Jugendlichen in Ostdeutschland und 15% in Westdeutschland das Gefühl haben, mitgestalten und ihre Ideen in die Gesellschaft einbringen zu können. Das Interesse an Politik sinkt offensichtlich in zeitlichem Abstand zu dem gravierenden Ereignis der Vereinigung der beiden deutschen Staaten, das doch auch mit Hoffnungen auf erweiterte politische Gestaltungsmöglichkeiten verknüpft war. Für die politische Jugendbildung ist jedoch außerdem von Bedeutung, dass sich das politische Interesse gewandelt hat. Zurückgegangen sind die stabilen Bindungen an Parteien bzw. politische Richtungen, die mit Vorstellungen von einem gesellschaftlichen Reformprojekt verknüpft sind. Gegenwärtig zählen sich fast alle politischen Akteure zu den gesellschaftlichen Modernisierern, nur ist eben eine Richtung der Modernisierung manchmal nur schwer auszumachen. Das politische Interesse der Jugendlichen selbst hat sich auf kleinräumige, einzelthematische Vorhaben im erfahrungsnahen Raum verlagert oder bezieht sich auf grundlegende normative Orientierungen in Verbindung mit den Fragen nach den Menschenrechten oder des Tierschutzes.
Ein weiterer Aspekt veränderter Rahmenbedingungen der politischen Jugendbildung ist die Medialisierung der Gesellschaft. Die Entwicklung eines privaten, kommerziellen Rundfunks und Fernsehens hat Wahrnehmungsmuster und ?mediengerechte? Inszenierungen des Politischen hervorgebracht. Zwar sind für Interessierte neue Möglichkeiten entstanden, sich ausführlicher über politische Ereignisse in den sogenannten Informationskanälen zu informieren ? wer kam früher schon in den Genuss, Geschäftsordnungsdebatten auf Parteitagen oder Pressekonferenzen zu aktuellen Ereignissen live mit zu erleben ? andererseits wird in der medialisierten Gesellschaft die Debatte um politische Entscheidungen leicht zur Frage nach der besseren Inszenierung und nach den ansprechender gestylten Darstellerinnen und Darstellern. Mit dem Internet werden nun neue Möglichkeiten der Medienkommunikation nutzbar. Aus der Sicht politischer Jugendbildung ist das Internet zunächst ein gewaltiges Instrument der Information bzw. der Desinformation. Schließlich eröffnet es auch Möglichkeiten der Kommunikation mit Politikern (z.B. Chatten mit dem Bundeskanzler oder anderen Promis) und den Zugang zu virtuellen Diskussionsforen, die nicht an einen sozialen Ort gebunden sind.

Chancen der Mediennutzung
Vorläufig kann festgehalten werden: Die radikale Pluralisierung und Ausdifferenzierung der Gesellschaft, die sich auch in einer kaum noch zu begreifenden Vielfalt jugendkultureller Selbstinszenierungen zeigt, macht unterschiedliche Zugangsweisen und Arbeitsformen politischer Jugendbildung erforderlich. Der Wandel des Interesses an Politik hin zu einer Orientierung am Nahraum oder an grundsätzlichen moralischen Fragen erfordert einen stärkeren Bezug der politischen Jugendbildung auf die Lebenswelt der Heranwachsenden. Sie muss an den Themen, Fragen, Erfahrungen, Erlebnissen ansetzen, die Jugendliche bewegen und die sich auch in jugendkulturellen Aktivitäten Ausdruck verschaffen. Doch gerade die im letzten Satz formulierte Aussage ist nicht neu. Es schadet nur nicht, immer mal wieder daran zu erinnern. Darüber hinaus muss sich politische Jugendbildung bewusst sein, dass Themen und Interessen Jugendlicher von Medien bzw. von Medienereignissen induziert werden können sowie Wahrnehmungsmuster und Kommunikationsformen medial geprägt sind. Veranstaltungen politischer Jugendbildung müssen sich milieuspezifisch und altersbezogen zumindest partiell der Inszenierungsformen der Medien bedienen und mit den eigenen Stärken auf der Ebene personaler und unmittelbarer Kommunikation verbinden. Politische Bildung kann das Interesse Jugendlicher an Medien jedoch auch nutzen, um z.B. für nicht-kommerzielle Radiostationen in eigener Regie Sendungen zu produzieren, Diskussionsforen im Internet zu organisieren oder sich daran zu beteiligen, mit Jugendlichen im Internet nach Informationen recherchieren, sich selbst im Internet zu präsentieren. Die Chancen der Mediennutzung sollten nicht überschätzt werden, doch sie bieten Gelegenheiten, eine gewisse Öffentlichkeit für die eigenen Anliegen herzustellen und sich an öffentlichen Debatten zu beteiligen.

Orte politischer Jugendbildung
Die Debatte um Perspektiven politischer Jugendbildung beinhaltet immer auch die Frage nach dem Ort, den Räumen und den Formen politischer Bildung. Mir scheint es interessant, die erlebnisrational inszenierten Räume der Erlebniskultur etwas genauer zu betrachten und die Frage aufzunehmen, ob dies Orte politischer Jugendbildung sind. Ist ein CINEMAX, ein Fußballstadion, ein Einkaufszentrum, der Potsdamer Platz in Berlin, die Glaskuppel auf dem Reichstagsgebäude, ein Stadtteilfest, ein Open Air Festival, die Jamcity während der EXPO, der Chat im Internet, die tägliche Talkshow usw. ein Ort politischer Bildung? Zweifellos sind das Orte, an denen Jugendliche viel über die Gesellschaft erfahren können: über Inszenierungen von Macht und Bedeutung, über die Organisation sozialen Zusammenlebens, über Begegnungen mit anderen Kulturen, über persönliche und soziale Differenzen, über unterschiedliche Szenen und Milieus, über die Verteilung gesellschaftlichen Reichtums usw. Hier können Jugendliche auch Erfahrungen der Anerkennung, mit Gestaltungsmöglichkeiten, mit blockierten Chancen, mit Fremdheit, mit Ausgrenzung usw. machen, die relevant für die Entwicklung ihres politischen Bewusstseins, ihrer politischen Einstellungen und ihres politischen Engagements sind. Mit Sicherheit sind dies demnach Orte des politischen Lernens und der politischen Sozialisation. In der Praxis politischer Jugendbildung sollten diesen erlebnisintensiven Orten der Erfahrung von gesellschaftlicher Wirklichkeit eine angemessene Beachtung geschenkt werden. Die hier gemachten Erlebnisse und Wahrnehmungen können zum Gegenstand politischer Jugendbildung werden, doch diese Räume sind per se noch keine Orte intentionaler politischer Bildung. Als politische Jugendbildung können diese Erfahrungen erst dann qualifiziert werden, wenn sie kommuniziert und reflektiert, wenn diese Räume kommunikativ und aktionsbezogen genutzt, wenn Vorstellungen zur persönlichen und gesellschaftlichen Zukunft artikuliert und weiterentwickelt, wenn Lösungen für wahrgenommene und reflektierte Probleme entworfen werden und über verallgemeinerungsfähige Interessen nachgedacht wird. Diese Überlegungen verdeutlichen, dass eine Differenz zwischen gesellschaftlichen Erfahrungen sowie reflexiver Auseinandersetzung und Aneignung für politische Jugendbildung konstitutiv ist. Bildung braucht Gelegenheiten zur Reflexion, die nur in Räumen und Situationen gegeben sind, die relativ frei von Handlungszwängen oder einem unmittelbaren Handlungsdruck sind. Bildung braucht eigene Zeiten und eigene Räume, um sich in eine den Bildungsprozess fördernde und perspektivenerweiternde Distanz zur direkten Erfahrung und Aktion begeben zu können. Das widerspricht nicht der in der Praxis politischer Jugendbildung nicht hintergehbaren Notwendigkeit, Lernprozesse erfahrungs- und handlungsbezogen sowie projekt- und erlebnisorientiert zu gestalten. In seminaristisch arrangierten Veranstaltungen können Gelegenheiten unmittelbarer Kommunikation, personaler Begegnung, gemeinsamer Erfahrungen, des direkten Austauschs und gemeinschaftlicher Praxis geschaffen werden. Nach einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung über Erwartungen der Nutzerinnen und Nutzer an Angebote politischer Bildung müssen bei der Gestaltung der Programme drei Aspekte berücksichtigt werden. Die Angebote müssen für die Interessenten in einem weiteren Sinne beruflich nützlich sein, sie müssen als persönliche Erweiterung und Bereicherung erlebt werden und sie müssen die alltagsästhetischen Erfahrungen der jeweiligen Teilnehmenden aufnehmen. Nach meiner Überzeugung sind diese Kriterien in leicht modifizierter Form auf die politische Jugendbildung zu übertragen. Demnach ist eine Berücksichtigung der schulischen, beruflichen Situation oder der von Jugendlichen gegebenenfalls ausgebildeten spezifischen Interessen erforderlich, weiterhin sollten Möglichkeiten und Anregungen zur Persönlichkeitsbildung gegeben werden und die alltagskulturellen Inszenierungen Heranwachsender sollten bei der Gestaltung der Angebote berücksichtigt werden. Das jeweilige Angebot müsste eine positive Antwort auf die Frage der Jugendlichen, was habe ich davon, im Horizont unterschiedlicher Erwartungen ermöglichen. Ebenfalls zu berücksichtigen ist der konstatierte Wandel des Interesses Jugendlicher an Politik. Wenn kleinräumige Erfahrungen, zeitlich begrenzte Vorhaben, kurzfristig erzielbare Wirkungen für eine Bereitschaft Jugendlicher zum politischen Engagement zentral sind, dann müssen Vorhaben und Projekte politischer Jugendbildung diese Faktoren aufgreifen. Dass solche Ansätze bereits in die Praxis Eingang gefunden haben, zeigen die vielfältigen Projekte einer lebensweltorientierten politischen Jugendbildung, die darauf zielen, Partizipations- und Gestaltungsmöglichkeiten für Jugendliche im Gemeinwesen zu erschließen und auszubauen, selbstbestimmte Handlungsprozesse in sozialen Kontext unterstützen und die die Ideen der Planungszellen oder der Zukunftswerkstätten aufgreifen. Eine solche Orientierung wird auch dort sichtbar, wo sich politische Jugendbildung an Agenda-21-Prozessen beteiligt oder z.B. Kinderstadtpläne mit verschiedenen Gruppen erstellt. Wenn es in solchen Projekten dann noch gelingt, den Bezug auf den Nahraum zu überschreiten und die Strukturen und Erfahrungen im Nahraum in größere Kontexte einzuordnen, dann hat politische Jugendbildung schon viel erreicht. Solche Arbeitsansätze sollten intensiviert werden, doch dann müssten auch die Förderbedingungen in einigen Bereichen entsprechend umgestaltet werden.

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