das baugerüst 4/00 - Aufbruch und Bewegung

Inhalt

Wolfgang Noack: Aufbrechen und bewegen. Einführung in das Heft

  • BEWEGUNGEN
    Walter J. Hollenweger: Halleluja, ich bin gerettet. Junge Kirchen - ihr Glauben ist uns ungewohnt, ihre Dynamik muss die behäbigen Volkskirchen aufrütteln
    Karl-Heinz Zimmer: Gemeinde für Suchende. Willow Creek Community Church
    Susanne-Katrin Heyer: Die Ökumene bewegt sich. Antworten auf zehn Einwände
    Maria Reichel: Der Buddha im Studentenheim. Meditation als Schlüssel zu einer geheimen Welt
    Ursula Kalb: Freundschaft zu den Armen. Die Gemeinschaft Sant? EgidioThomas
    Prieto Peral: Wer aufbricht, kommt auch an. Die Neuentdeckung der Pilgeridee
    Andrea Felsenstein-Roßberg: Und Mirjam nahm die Pauke ... Feministisch-spirituelle Bewegung zur Veränderung der Kirche
    Taade Voss: Jesus Freaks
    Walter Steinmaier: "Du zählst die Tage meiner Flucht!" - Erzwungener Aufbruch. Der Umgang mit Flüchtlingen als geistlicher und diakonischer Aufbruch
    Hans Löhr: Die einfache Botschaft. Wie Großgemeinden in den USA eine zugkräftige Gemeindearbeit aufbauen

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Wolfgang Noack: Aufbrechen und bewegen

Einführung in das Heft
In der Oktober-Nummer der Zeitschrift "maxi" beschreibt die 35-jährige Elke ihre Suche nach Gott: "Ich reinige meine Augen. Ich nehme eine mit Wasser gefüllte Muschel und einen Stick heiliger Kräuter. Indianische Symbole für Mutter Erde. Durch das Fächeln mit der Adlerfeder stelle ich eine Verbindung von Gott und Erde her." Im Anschluss bietet die Redaktion den SinnsucherInnen einige Adressen von Yoga-Lehrenden, Buddhistischen Kongressen und Schamanische Literatur an. Auf die Angebote der örtlichen Kirchengemeinde wird nicht verwiesen. Ist vielleicht auch verständlich, Elke würde sich am Sonntagvormittag in der Kirchenbank höchst unwohl fühlen und deplaziert vorkommen.

Aufbruch und Bewegung würde Elke erstmal nicht mit Kirche in Verbindung bringen. Jugendlichen Kirchentagsbesuchern oder Taizéreisenden, ökumenisch Engagierten oder BesucherInnen einer Thomasmesse geht es da ganz anders. Sie verspüren genau diese Aufbruchsstimmung, hadern aber mit Strukturen und Formen in ihren Kirchengemeinden zu Hause. Aufbruch und Bewegung, das ist immer woanders.

Was haben die Willow Creek Community Church und das Netz für Kirchenasyl gemeinsam? Wo sind die Berührungspunkte von Sant´ Egidio mit den Jesus Freaks, wo die der charismatischen Gemeinden mit den politisch engagierten Kirchentagsgruppen? Alle haben etwas mit Kirche zu tun, mal mehr oder weniger am Rand, mal als Insel mittendrin. Immer jedoch motiviert die Menschen in diesen Bewegungen eine gewisse Unzufriedenheit, eine Suche nach neuen Wegen.
In diesem Heft ist von höchst unterschiedlichen, ja sogar gegegensätzlichen Gemeinschaften, Initiativen und Projekten die Rede. Alle verstehen sich jedoch als ein Angebot für spirituell und religiös Suchende, für Engagierte, für Menschen mit einer Sehnsucht nach Veränderung.

"Mit Träumen beginnt die Realität" überschreibt der ehemalige Industriemanager Daniel Goedevert seine Überlegungen zur gesellschaftlichen Entwicklung. Visionen und Utopien zu entwickeln war schon immer eine Stärke evangelischer Jugendarbeit, nicht nur für Gesellschaft, auch für Kirche. Gerade in den letzten Jahren haben Kampagnen und Projekte eine Kultur der Beweglichkeit entwickelt und gefordert. (Beitrag von Ulrich Schwab Seite 80). Die ökumeneerfahrene Bischöfin Margot Käßmann spricht sich für eine immerwährende Reformation aus.
Die in den Artikeln vorgestellten und reflektierten Vorstellungen von Kirche fordern zur Auseinandersetzung heraus, manches vielleicht auch zum Widerspruch.
Wenn der Glauben, wie Hennig Luther schreibt "eine Bewegung des Aufbruchs, der zugleich ein Weg in die Fremde und Heimatlosigkeit ist und die vollzogen wird im Vertrauen auf eine Verheißung", dann kann Kirche nicht starr dastehen. Mögen die Beiträge in diesem Heft Wegzehrung zu eigenen Überlegungen sein.

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Wolfgang Stegemann: Aufbrüche in der Bibel

Zuerst ist mir Abraham eingefallen, als ich mir überlegte, welche Aufbrüche in der Bibel ich in diesem Artikel behandeln könnte. Abraham ist für mich eine Art Held des Aufbrechens. Er macht sich auf den Weg in ein Land, das er nicht kennt, allein auf Gottes Wort hin. Abrahams Beispiel zeigt, wie sehr das Aufbrechen auf das Vertrauen angewiesen ist. Auf das Wort Jesu hin: ?auf, folge mir nach? brechen Männer und Frauen mit heiligen Konventionen ihrer Gesellschaft, verlassen ihre Familien und ziehen mit dem Mann aus Nazareth schließlich bis nach Jerusalem. Dieses zweite biblische Beispiel soll hier dafür stehen, dass Aufbruch immer auch Abbruch, Bruch bedeutet, in diesem Fall: Abbruch der familiären Bindungen und Bruch mit einem zentralen Wert der Gesellschaft. Endlich: ?Brecht auf?, so sagt der Auferstandene, ?macht zu Jüngern alle Völker?. Dieses biblische Beispiel eines Aufbruches soll die Dynamik des Aufbrechens illustrieren, Aufbruch als eine Bewegung nach vorn, ein sich Ausrichten auf die Zukunft, ein Aufbrechen verkrusteter Strukturen.

Abraham - Held des Aufbruchs

?Und der HERR sprach zu Abraham: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen ... und in dir sollen gesegnet sein alle Geschlechter auf Erden. Da zog Abraham aus...? (1. Mose 12,1-4).

Mich hat Abraham schon als Kind fasziniert. Da verlässt einer seine Heimat in Babylonien, um nach Westen (ins Land Kanaan) mit seiner ganzen Familie zu ziehen. Dazu gehört Mut, zumal, wenn man schon älter ist - wie Abraham (immerhin 75 Jahre alt). Denn es bedeutet doch, alle Brücken hinter sich abzubrechen und noch einmal neu anzufangen. Natürlich haben mich auch Abrahams Abenteuer fasziniert, die er alle - vor allem wegen seiner Klugheit - besteht. Abraham ist für mich so etwas wie ein Idol des Aufbruchs; er steht für etwas Neues, das als richtig und gut erfahren wird. Vielleicht wird er darum auch von allen drei großen Weltreligionen - dem Judentum, dem Christentum und dem Islam als Vorbild verehrt.

Machen wir es uns noch einmal deutlich: Weggehen aus der Heimat, aus der Großfamilie, aus dem Haus des Vaters, das ist eine schmerzliche Erfahrung, besonders, wenn einem die Familie alles bedeutet: sozialen Schutz, emotionale Sicherheit und Ehre. Solch einen Verlust an sozialer und emotionaler Sicherheit nimmt ein Mensch im Regelfall nur auf sich, wenn er keine andere Wahl mehr hat. Heutzutage können viele Asylsuchende davon ein Lied singen. Doch warum bricht Abraham auf?

Darüber ist natürlich auch in der jüdischen Auslegungstradition nachgedacht worden: Warum wird Abraham von Gott erwählt, worin besteht das Motiv für seine Emigration? Die Antworten liefen im Grunde darauf hinaus: Abraham hat die Götterverehrung der Babylonier als falsch erkannt. Nicht die Gestirne sind göttlich zu verehren, sondern der, der Sonne, Mond und Sternen aller erst ihren Lauf gibt - der Schöpfer. Auch im Koran wird Abraham wegen seiner Erkenntnis des Eingottglaubens geehrt und sozusagen als der erste Monotheist gerühmt. Allerdings: Die biblische Geschichte selbst sagt uns davon nichts. Sie berichtet auch keinen überstürzten Abzug Abrahams, sondern rechnet mit einem geordneten Verlassen Harrans durch die Großfamilie (in einer großen Karawane). Doch die biblische Geschichte lässt Spielraum für Interpretationen, für das Auffüllen ihrer Leerstellen, wie die jüdische und christliche und dann auch die islamische Tradition zeigen. In der (mit Paulus beginnenden) christlichen Tradition steht Abraham dann für die Rechtfertigung aus Glauben, d.h. im Grunde dafür, dass Gott jedem Menschen, der auf ihn vertraut, annimmt und schützen will (Römer 4). Wie auch immer wir als Juden, Christen oder Muslime den Aufbruch Abrahams deuten, er scheint insbesondere eine Gestalt zu sein, mit der sich Menschen identifizieren können. Sein Aufbruch hätte sich also schließlich gelohnt, wenn er in unseren Herzen ankommt als Vater der Toleranz. Denn ich meine: Heutzutage könnte Abraham uns helfen aufzubrechen in eine neue Kultur, eine Kultur der Toleranz und der gegenseitigen Achtung.

Aufbruch aus Konventionen - die Nachfolge Jesu

Abraham ist mit seiner Familie aufgebrochen. Jesus und seine Jüngerinnen und Jünger sind von ihren Familien weggegangen, haben ihre Heimat und ihre Familien verlassen. Nachfolge Jesu hört sich, wenn wir uns dies vor Augen halten, gar nicht mehr so fromm an. Nachfolge Jesu war ein Aufbruch, der zugleich einen Abbruch bedeutete, nämlich den Abbruch der bestehenden familiären Bindungen. Innerhalb der Wertewelt der jüdischen Gesellschaft war dies auch ein Bruch mit geheiligten Konventionen.

Einige zur Illustration:

?Und Jesus sagte zu ihnen (Petrus und seinen Bruder Andreas): Auf, hinter mich, und ich werde euch zu Menschenfischern machen. Und sofort verließen sie die Netze und folgten ihm... Und (Jesus) rief (die Zebedäus-Söhne) und sie ließen ihren Vater im Boot zurück...? (Mk 1,16ff).
?Wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt? - so sagt Petrus zu Jesus (Mk 10,28).
Und in Lukas 14,26 fordert Jesus dazu auf:
?Wer zu mir kommt und nicht seinen Vater, seine Mutter, seine Frau und Kinder, seine Geschwister, ja, sein eigenes Leben hasst, der kann nicht mein Jünger sein.?

Menschen verlassen im Zuge der Nachfolge Jesu ihre Arbeitsstellen und ihre Familien (denn das war in den antiken Gesellschaften für die Mehrheit der Bevölkerung dasselbe). Die Familie war auch eine ökonomische Institution, in der alle daran beteiligt waren, die Versorgung mit dem Lebensnotwendigsten zu gewährleisten. Nicht nur darum war die Familie in der jüdischen (wie überhaupt in den mediterranen) Gesellschaften die wichtigste soziale Institution. Von hierher lässt sich ahnen, welche herausragende Bedeutung dem Verlassen der Familien im Zuge der Jesusnachfolge zukam. Für die verlassenen Familien bedeutete dies einen u.U. sogar ernsten Eingriff in die Organisation der Selbstversorgung (junge Leute gehen als Arbeitskräfte der Familie verloren). Für die Verlassenden geht es um eine Vernachlässigung der familiären Pflichten und der Loyalität gegenüber der Familie. Dazu kommt: Vor ihnen liegt eine unsichere Zukunft. Was soll aus ihnen werden? Was werden sie essen, wie werden sie sich kleiden können, wo kommen sie unter?
Es ist angesichts der hohen Bedeutung der familiären Bindung kein Zufall, wenn die Evangelien den Bruch der Jesusleute mit den Familien mehrmals zur Sprache bringen.
Besonders deutlich zeigt dies der schon zitierte Vers aus Lk 14,26 (vgl. auch Mt 8,18-22; Lk 9,57-62). Dass Jesus einem willigen Nachfolger sogar verwehrt, seinen Vater zu begraben (Mt 8,21), zeigt noch einmal die außergewöhnliche Bedeutung des sozialen Bruchs, den die Zugehörigkeit zur Jesusbewegung bedeutete. Folglich: Wer seine Familie verlässt, ist entweder ?verrückt? (Mk 3,20f) , oder er weiß, was er tut und muss entsprechend mit nachhaltigen Konsequenzen für sein Leben rechnen: Er oder sie hat alles aufgegeben, was an (relativer) sozialer Sicherheit normalerweise geboten werden kann ; er oder sie muss ein Außenseiter-Leben führen, kann nicht einmal mit einem Platz zum Schlafen rechnen (Mt 8,20), anders gesagt: Ein solcher Mensch hat kein Zuhause mehr.

Nachfolge Jesu - das war also einerseits eine Art Sozialverzicht, der Verzicht auf (relative) soziale und emotionale Sicherheit. Ja, es war sogar ein Bruch mit wichtigen Konventionen. Es war aber andererseits auch ein Aufbruch zu etwas Neuem? Ich will euch zu ?Menschenfischern? machen, sagt Jesus zu Petrus und Andreas, als er sie zur Nachfolge auffordert. Davon ist nun zu sprechen.

Aufbruch aus verkrusteten Strukturen

Wir sprechen üblicherweise vom ?Missionsbefehl?, wenn wir uns auf Mt 28,16-20 beziehen. Das ist vielleicht denn doch zu ?technisch? verstanden. Ich rufe hier nur zwei Verse in Erinnerung:
?Brecht auf nun und macht alle Völker zu Jüngern (Schülern), tauft sie ... und lehrt sie alles einzuhalten, was ich euch geboten habe! Und siehe, ich bin mit euch alle Tage, bis zur Vollendung dieser Weltzeit.?

?Gehet hin in alle Welt?, so habe ich noch im Konfirmandenunterricht gelernt. Ich habe hier mit ?aufbrechen? übersetzt. Gemeint ist mit dem griechischen Originalwort in der Bibel: ?sich aufmachen, aufbrechen zu einer Reise?. Ich hätte auch übersetzen können: macht euch auf den Weg! Wie auch immer, mir ist wichtig, dass wir die Dynamik spüren, die sich mit diesen letzten Versen des Matthäusevangeliums verbindet. Es geht hier nämlich nicht nur um die wörtliche Aufforderung, zu einer Reise aufzubrechen. Die Aufforderung Jesu ?brecht auf? ist auch eine Metapher, also eine übertragene Redeweise. Es geht um einen Aufbruch im zweiten Sinne unseres deutschen Wortes ?aufbrechen?. Den ersten Sinn haben wir bisher behandelt; mit dem zweiten Sinn meine ich jene Bedeutung des Wortes, die wir etwa in der Formulierung ?verkrustete Strukturen aufbrechen? finden. Denn eben dies, ein Aufbrechen verkrusteter Strukturen, bedeutet die Sendung der Jünger zu den Völkern. Unter den Anhängern und Anhängerinnen Jesu in Israel hat es offenbar zunächst einmal eine gewisse Scheu gegeben, die Botschaft des Evangeliums über Israel hinaus auch anderen Völkern zu verkündigen. Und dafür hat man sich auf den irdischen Jesu berufen (vgl. Mt 10,6). Doch jetzt sendet der Auferstandene seine Boten zu allen Völkern. Es ist ein Aufbruch über ethnische Grenzen hinweg, von dem hier die Rede ist.

In der Geschichte der Kirche ist dieses Wort oft missverstanden worden (etwa im Sinne einer religiösen ?Kolonisierung? anderer Völker). Doch wenn wir das Jesus-Wort noch einmal neu bedenken, so enthält es - für mich jedenfalls - zunächst einmal die Aufforderung, die eigene Begrenzung zu überwinden, sich der engen Grenzen der eigenen nationalen und kulturellen Identität bewusst zu werden und sich auf Fremdes einzustellen. In deutschen Bibeln steht manchmal über diesem Abschnitt: ?Der Missionsbefehl?. In englischen Bibeln kann man als Überschrift lesen: ?The Great Commission? (der große Auftrag). Diese Formulierung gefällt mir besser. Denn es geht um einen großen Auftrag, um den Aufbruch der Kirche Jesu Christi in die Zukunft der Welt (bis an das Ende dieser Weltzeit). Der wird uns wohl nur gelingen, wenn wir verkrustete Strukturen aufbrechen.

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Fulbert Steffensky: Gruppen als Lernorte in der Kirche

    Bewahrungsstrategien und Vorwärtsstrategien

    Wie kommen Wahrheiten in der Kirche zustande, und wie findet der Geist dort seine Stelle? Auch im Protestantismus denkt man oft katholisch, d.h. von oben nach unten, und man erwartet die Ämter als die besondere Quelle des Geistes. Man erwartet ihn von den Bischöfen und den Kirchenleitungen. Kirchenleitende Institutionen aber sind eher an Bewahrung und Harmonie interessiert als an Aufbrüchen und Veränderungen; ohne Bosheit gesagt: es sind eher Instanzen des Mittelmaßes, indem sie rechts etwas vom Ungeist wegschneiden und links vom heiligen Geist. Daraus ist ihnen kein Vorwurf zu machen. Falsch ist es, und Entmutigung ruft es hervor, wenn man anderes und mehr von ihnen erwartet. Es gibt nicht nur autoritäres Gebaren von leitenden Institutionen; autoritär ist vor allem die Äutoritätssüchtigkeit und sind die falschen Erwartungen an das überforderte Amt. Ernst Lange unterscheidet zwei Grundstrategien kirchlichen Handelns, die ?Vorwärtsstrategien? und die ?Bestandswahrungsstrategien?. Leitungsgremien verfolgen in der Regel Bestandswahrungsstrategien. Ihr Charisma ist das Pochen auf Konsens. Dagegen ist nichts zu sagen, wenn die Leitungen die Beschränktheit des eigenen Charismas erkennen.

    Wie aber kommen Wahrheiten in der Kirche zustande, und wie findet der Geist seinen Ort? Wir haben keinen Papst, der sie sagt. Sie stehen nicht einfach ablesbar in einem Buch geschrieben, auch nicht in der Bibel. Das, was uns überliefert ist, ist ja nicht einfach die Wahrheit, sondern zunächst Buchstabe. Ich zitiere Luther: ?Im Wachsen der Zeit sind Geist und Buchstabe gewachsen. Denn was jenen (Alten) zum Glaubensverstand genügte, ist uns zunächst nur Buchstabe. Darum sollen wir beten, dass wir nicht im tödlichen Buchstaben verkommen.? (WA 4, 366) Also das, was uns als Tradition vorliegt, ist zunächst Buchstabe, auch die reformatorischen Dokumente, auf die unsere Pfarrer eingeschworen werden.

    Die Wahrheit ist ein Gespräch

    Man kann den Geist dem Papst, der Bibel oder der Tradition also nicht einfach von den Lippen lesen. Ein Weg der Wahrheit sind die Charismen der Gruppen, die in der Kirche hart aufeinanderstoßen und miteinander reden und streiten. Menschen lernen im Konflikt, sie lernen am ?Widerstand fremder Erfahrungen? (E. Lange). Die Gruppen in der Kirche sind die eigentlichen Protestanten. Sie profilieren sich durch Trennung vom allgemeinen Konsens. Das ist nicht unerlaubt, sofern sie die Trennung selber nicht schon für den Geist halten. Ihr klares Profil ist das Charisma für die Gesamtkirche und für die anderen Gruppen. Ihr klares Profil polarisiert, und so werden die Wahrheiten in den verschiedenen Nestern der Kirche vergleichbar. Die Wahrheit ist ein Gespräch, und im Gespräch und in der Reibung der Gruppen wird sie geboren. Ich habe die Auseinandersetzung vor Augen, die die Befreiungsgruppen um Ernesto Cardenal und die Friedensgruppen um Daniel Berrigan führten. Cardenal hat zu Zeiten des Diktators Somoza in Nicaragua zum bewaffneten Kampf aufgerufen. Berrigan lehnte die Gewalt strikt ab und hat Cardenal scharf angegriffen. Dieser sagte in einem Gespräch: ?Berrigan hat Unrecht. Aber auch wenn er im Unrecht ist, brauche ich seinen Einspruch. Meine Stimme allein ist zu gefährlich, wenn sie keinen Widerspruch erhält.? Die Wahrheit ist ein Gespräch!
    Wie sollen solche wahrheitsfähigen und Wahrheit vorantreibende Gruppen in der Kirche aussehen? Zunächst sie müsste ein Ziel haben. Man verkommt, wenn man nur für sich selber lebt, man verkommt auch als Gruppe. Martin Buber hat für das Überleben der Kibbuzim in Israel zwei Dinge verlangt: Gerechtigkeit nach innen und ein Ziel nach außen, das die eigenen Interessen übersteigt und damit reinigt. Die Notwendigkeit eines Zieles und die Gefahr der Ziellosigkeit kann man an der Geschichte der katholischen Orden sehen. Solange solche Klöster sinnvolle und einsichtige Optionen haben, sind die Mönche seelisch und physisch gesund, arbeitsfähig, und sie wissen, wofür sie leben. Wenn die Konzeptionen verblassen und neue noch nicht gefunden sind, dann entsteht ein zerstörerischer Liberalismus, in dem jeder seiner Wege geht und niemand mehr den Sinn des Ganzen erfasst. Eine dämmerige Depressivität ist oft die Stimmung in solchen auf sich selber konzentrierten Konventen. Die Mönche werden auf sich selber geschmettert, wie sie vielleicht in den Entfremdungszuständen alter Welten von sich selber weggerissen wurden.

    Veränderung für morgen

    Ich zitiere eine andere Erfahrung mit dem Politischen Nachtgebet in Köln, jener Gruppe am Ende der 60er Jahre, die sozialkritisch arbeitete und in ihren Gottesdiensten versuchte, gesellschaftliche Sachverhalte vor dem Evangelium zu bedenken. Es war dort eher umgekehrt so, dass in die Gruppe eine Anzahl gut situierter und an Lebenslangeweile leidender Menschen kamen, passionslos, wie wir eben sind in unserer Gesellschaft. Sie fanden Themen, an denen sich mit anderen zu arbeiten lohnte. Alle wurden gesünder und passionierter, und ihre Arbeitsfähigkeit wuchs. Menschen, die sich am Anfang fast nichts zutrauten, sammelten Informationen, formulierten Texte und sprachen öffentlich. Die Menschen dort wurden zu beidem fähig: sich zu identifizieren und Brüche zu vollziehen; Brüche mit alten religiösen und gesellschaftlichen Vorstellungen, Brüche mit der eigenen Herkunft. Die Menschen lernten unglaublich schnell an ihren Themen. Sie lernten nicht nur Sachverhalte, sie lernten sich auch selber. Sie fanden die wichtigen Streitgegenstände und verloren die unwichtigen. Ein einfaches Beispiel: Als die Gruppe zusammenkam, war es noch eine Frage, ob Katholiken in protestantischen Gottesdiensten das Abendmahl nehmen dürften und umgekehrt. Diese Frage wurde nie gelöst, sie verschwand einfach mit der Zeit vor wichtigeren Themen, die die Gruppe fand. Die Kraft der Lebensoptionen, die Moralität und die Ernsthaftigkeit, mit der sie verfolgt wurden, heilte die Gruppe und die Einzelnen, ohne dass sie sich um Heilung bemühen mussten.
    Der Priester einer italienischen Basisgemeinde, die sich besonders um Obdachlose kümmerte, hat folgendes berichtet: Als die Gemeinde mit ihrer Arbeit begann, herrschten strenge und starre Regeln in dieser Gemeinde. Männer waren im Gottesdienst strikt von den Frauen in der Sitzordnung getrennt. Laien trauten sich nie priesterliche Funktionen zu. Die äußere Überlegenheit der Männer war durch festes Rollenverhalten garantiert. Je mehr die Gemeinde ihr Ziel fand und miteinander arbeitete, um so mehr verblasste rigides Rollenverhalten. Die strikten Sitzordnungen lösten sich auf. Laien fingen an zu predigen und die Kommunion auszuteilen, was in jenen Zeiten noch undenkbar war. Das liturgische Ritual verlor seine Starre, Gebet wurden neu formuliert, und die Gottesanreden änderten sich. Dies war nicht einfach ein neuer, alles ermäßigender Liberalismus. Im Gegenteil, die Gemeinde wurde strenger, ihre Lebensweise verbindlicher und klarer. Sie hatte einfach das richtige Thema gefunden, das wie von selbst die Unwichtigkeiten einschmolz. Was von außen wie Zerfall und Anarchie aussah, war die Heilung dieser Gruppe von den falschen Themen. Die Heilung der Gesamtkirche von falschen Fragen fängt aber mit der Entschiedenheit solcher Gruppen an. In der Kirche gab es noch nie eine Veränderung, die nicht vorher in Gruppen gedacht und ausprobiert wurde. Die größere Freiheit und die größere Entschiedenheit der Großkirche fängt an mit der Freiheit und der Entschiedenheit der Gruppen. Die Wahrheit der Großkirche für morgen fängt in den Gruppen an. Auch deshalb ist es zu beklagen, dass der Protestantismus so wenig gruppenfähig ist; dass es z.B. kaum Klöster in ihm gibt.
    Von solchen Gruppen wünsche ich, dass sie Gruppen in der Kirche sind. Ich greife noch einmal auf die Erfahrung mit dem Politischen Nachtgebet zurück. Das Nachtgebet hatte im Großen und Ganzen die Souveränität, die Spannung auszuhalten zwischen der Großkirche, die für alle Dach sein will und damit leicht die Optionen des Evangeliums vergisst, und der kleinen kämpferischen Gruppe, die die Kirche zu mehr Eindeutigkeit zwingen wollte. Aber dies hat uns Mühe gekostet, und wir haben uns bei einigen Gelegenheiten gefragt: Sollen wir die Gespräche abbrechen, sollen wir austreten, sollen wir nur noch unsere eigenen Gottesdienste besuchen? Die Gefahr der kleinen Gruppe war, zur Erhaltung der eigenen Reinheit und Konsequenz bei sich selber zu bleiben und nur noch Brot für sich selber zu sein. Es gab die andere Gefahr, die Höhe des Konflikts mit der Großkirche zum Maßstab der eigenen Güte zu machen. Die Gefahr der Großkirche und ihrer Amtsträger war ihr Harmonismus und die unerlaubte Versöhnung. Die Gefahr der Gruppe war die Lust daran, sich durch den Konflikt selber zu definieren, und damit konnte der Konflikt selber zum Ziel werden. Er war nicht mehr notwendiger Weg. Eine Gruppe, die die Kirche nicht liebt; die nicht an ihr leidet und die nur die eigene Reinheit im Auge hat, ist uninteressant und mag sterben.

    Spiritualität als Basis

    Ich wünsche mir Gruppen mit spiritueller Deutlichkeit. Wir haben lange genug an der kindischen Krankheit gelitten, dass die eher spirituellen Gruppen politische Schlafmützen und dass die politischen Gruppen spirituelle Analphabeten waren. Die Liebe zur Gerechtigkeit; die Lebensoptionen, zu denen wir uns entscheiden; der Widerstand gegen Krieg und Unrecht braucht, um langfristig zu sein, eine spirituelle Gestalt. Spiritualität ist nicht Ekstase und Entrückung. Sie ist Anwesenheit und Aufmerksamkeit. Nur ein spirituell gebildeter Mensch vermisst das Brot der Armen, den Frieden und das Recht. Die alte Linke wollte vernünftig, moralisch und rational handeln; zielorientiert und funktional. Aber sie war geneigt, alles zu verachten, was sich politisch-funktional nicht rechtfertigen konnte. Das war ihr Fehler, und das hat sie oft so kurzfristig gemacht. Sie konnte kämpfen, aber sie konnte den Sieg des Rechts nicht spielerisch vorwegnehmen. Sie konnte arbeiten , aber sie konnte keinen Sabbath feiern. Die traditionelle linke Verachtung oder gar Zerstörung von Religion ist ein eindringliches Zeichen dafür. Man kann nicht aus dem Stand das Recht wünschen und gerecht sein. Man kann nicht aus dem Stand mutig und widerstandsfähig sein. Dazu braucht man die langfristige Bildung der eigenen Träume und des Gewissens, und für diese Bildung muss man vorher sorgen. Wir haben keine Zeit mehr, den Umweg über das Gebet und über die Aneignung der Geschichten der Rettung zu vermeiden.
    Die Qualität einer Gruppe entscheidet sich daran, dass sie das Verhältnis zur Großkirche will und beibehält. Die Qualität der Großkirche entscheidet sich daran, dass sie die Gruppen duldet und wünscht, auch wenn diese sie noch so oft in Verlegenheit bringen. Oft kann die Gesamtkirche noch nicht denken, was die Gruppen denken. Sie kann noch nicht handeln, wie die Gruppen es schon können. Aber sie könnte sie zulassen, und sie könnte ertragen, dass einige das ?deutlichere Zeichen? innerhalb des Christentums setzen. Sie könnte den Gruppen ihr Recht geben, auch ihr Recht auf Irrtum. Die Wahrheit kommt fast nie auf geraden Wegen daher. Sie macht Umwege, sie probiert und verwirft Wege; sie ruiniert alte Häuser, ehe die neuen schon bezugsfertig sind. Damit müsste die Großkirche rechnen. Das heißt nicht, dass sie in liberalistischer Geduld alles hinnimmt, was die Gruppen denken und anstellen. So käme der Geist nicht voran. Die Großkirche muss mit den Gruppen rechnen; sie darf die Gruppen nicht in Ruhe lassen, wie die Gruppen die Großkirche nicht in Ruhe lassen. Es gibt viele Situationen, in denen man sich gegenseitig Schmerzen zufügen muss, damit der Geist nicht ausgelöscht werde.

    Heimat und Fremde

    Normalerweise gilt der Menschen als erwachsen, der fähig ist, mit sich allein zurecht zu kommen, und man sagt: ?Der Starke ist am mächtigsten allein!? Ich möchte diesem verkümmerten individualistischen Ideal einen anderen Begriff von Erwachsenheit gegenüberstellen.
    Erwachsensein heißt, sich der eigenen Endlichkeit bewusst zu sein; darauf zu verzichten, einsamer Meister zu sein. Erwachsensein heißt, bündnisfähig zu sein. Das heißt die Fähigkeit, nicht auf sich allein zu bestehen, sondern sich mit Gruppen, Lebensperspektiven und Ideen verbinden zu können, die weiter gehen als der eigene Horizont. Wenn man gruppenfähig ist, muss man nicht der völlige Autor der eigenen Welt sein; man braucht nicht auf sich allein zu bestehen, allein auf der eigenen Weisheit und der eigenen kümmerlichen Lebenshoffnung.
    Erwachsensein heißt, der Solidarität fähig zu sein. Es heißt von sich selber absehen zu können und mehr zu wollen als sich selber. Die Versessenheit auf sich selber, die Jagd nach sich selbst und das Genügen in sich verhindern die generativen Fähigkeiten des Menschen. Sie verhindern die Väterlichkeit und die Mütterlichkeit der Welt gegenüber. Das Unglück, sich selber nicht lieben zu dürfen, darf nicht abgelöst werden durch das Unglück, nur sich selber lieben zu können.
    Erwachsensein heißt, der Unbehaustheit fähig zu sein; nicht völlig identisch sein zu müssen; mit der Gruppe, zu der man gehört; mit dem Land, das man Vaterland nennt, und mit der eigenen Kirche. Fremd sein zu können in der eigenen Gruppe, ist ein Moment der Gruppenfähigkeit. Vielleicht ist es gerade die Sehnsucht nach Lebensganzheit, die uns nirgendwo ganz zuhause sein lässt. Die Heimat spielt sich in vielen Heimaten ab, darum kann man mit einer nie ganz zufrieden sein. Und so wird wohl auch die eigene Gruppe Heimat und Fremde zugleich sein.

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Margot Käßmann: Semper reformanda

 

    Zuverlässigkeit, Beständigkeit, Tradition

    Schon Martin Luther wusste, dass die Kirche der Reformation sich ständig selbst erneuern muss. Die Überlegung, ob es einen Gegensatz zwischen ?Bewegung und Amtskirche? geben könnte, halte ich daher für irreführend. Eher sollte die Rede sein von einer kreativen Spannung von Tradition und Innovation bzw. Beständigkeit undBewegung innerhalb der Kirche. Die Kirche ist in Bewegung, auch wenn sie sich in unterschiedlichen Formen und Formationen zeigt. Ganz gewiss braucht eine Kirche, die über einen kleinen, internen, vertrauten Kreis hinaus geht, institutionellen Charakter. Sie braucht Strukturen, um von öffentlicher Bedeutung zu sein. Warum wird denn in der Öffentlichkeit immer wieder gefragt, ob ?die Kirche? nicht Stellung nehmen sollte zu Gentechnologie, zu Armut im eigenen Land, der Friedensfrage, gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Die Kirche in Deutschland wird nicht gefragt als Minderheit, sondern als Zusammenschluss von vielen Millionen Menschen in unserem Land. Beständigkeit ist gleichzeitig ein hohes Gut für unsere Kirche. Der 10.00 Uhr-Gottesdienst am Sonntag mag bemängelt werden, er ist ganz gewiss erneuerungsbedürftig, aber er ist auch etwas Verlässliches. Der Pastor, der im Dorf wohnt, er ist Ansprechpartner. Die Pastorin, die mich getraut hat, sie wird auch meine Kinder taufen. Zuverlässigkeit, Beständigkeit, Tradition sind als Gut nicht zu unterschätzen bzw. nicht gering zu schätzen. Also: nicht so herum mäkeln an der Amtskirche, an der Kirche als Institution. Ich weiß, wie schnell sie angefordert und auch gefordert wird, wenn es um öffentliche Stellungnahme, um Verlässlichkeit, um Klärung von Rechtsstreitigkeiten und ähnlichem geht.


    Kirche braucht Bewegung
    Kirche ist Bewegung


    Gleichzeitig kann die Kirche als Institution auch erstarren, ihr Beharrungsvermögen kann Bewegung lähmen. Deshalb braucht die Kirche in sich Gruppen und Initiativen, die Anstöße geben und durchaus auch anstößig im besten Sinne sind. Ja, Bewegung hält die Kirche attraktiv, hält sie an ihrer Aufgabe, Kirche der Reformation, der beständigen Erneuerung zu sein. Kirche braucht Bewegung. Aber Kirche ist auch in Bewegung. Wenn ich mich in meiner eigenen Landeskirche umsehe, dann habe ich viel an Innovationskraft erlebt. Nehmen wir zu allererst die Gottesdienste: da gibt es Familiengottesdienste, Taize-Gottesdienste, Gottesdienste mit Gospelchören, mit Bands, mit Posaunen, Schulanfängergottesdienste, Abiturgottesdienste, ganz zu schweigen von den vielfältigen Kasualgottesdiensten. Auch als Volkskirche, auch als große Institution ist die Kirche in ihrem gottesdienstlichen Leben durchaus lebendig und nicht erstarrt. Ganz gewiss gibt es auch das andere, das erstarrte Ritual, das zur Routine wird und Menschen langweilt.

    Und gleichzeitig gibt es eine lebendige Kirche, die sich vor Ort diakonisch einsetzt, wo es notwendig ist. Ich denke an die Gemeinden, die Kirchenasyl gewähren. An Gemeinden, die einen warmen Mittagstisch für Grundschulkinder initiieren. An eine Gemeinde, die eine Wärmestube für Obdachlose ehrenamtlich unterhält. Dies hält Gemeinden in Bewegung. Wiederum muss ich allerdings auch sagen, dass es anderes gibt. Eine institutionalisierte Diakonie, die Tausende von Menschen beschäftigt, eine Diakonie, die weit weg ist von der Gemeinde vor Ort, entfremdet sozusagen und sich wie ein Betrieb gestaltet. Großartige Initiativen gibt es da durchaus, allein wenn wir die hannoverschen Stifte besichtigen. Aber Diakonie, die eine eigene Institution neben der Institution Kirche ist - das ist gefährlich, wenn die Bewegung selbst zur Institution wird.

    Kirche neu entdecken

    Und ein weiteres Beispiel will ich nennen. Es gibt die Kirche als Komm-Struktur, die lebendig ist, und als Geh-Struktur, die lebendig ist. Unter Komm-Struktur in Bewegung verstehe ich Kirchen, die beispielsweise mit dem Titel ?Lost Paradise Lost? in Hannover derzeit Kunstausstellungen beherbergen. Kirchen mit offenen Türen, die z.T. mehr als 1000 Menschen pro Tag anlocken, diese alten ehrwürdigen Räume neu zu entdecken. Das tun Kirchen nicht nur durch Ausstellungen, das tun sie auch durch Musik, neuerdings auch durch Kirchenpädagogik, Führung durch kirchliche Räume. So wird Glaube auch erfahrbar durch Tasten, Schmecken, Hören, Sehen. Da ist Kirche in ihren ehrwürdigen Räumen selbst in Bewegung. Und in der Geh-Struktur geht Kirche an die Plätze und Orte, an denen die Menschen sind. Überraschend für viele taucht dann die Kirche mit einem großen Zelt auf der Stader Regionalmesse auf. Dort wird ein Kindermusical aufgeführt und das Zelt ist brechend voll. Die Kirche ist mitten auf die EXPO gegangen mit einem Christus-Pavillon, der einen Ort der Stille mitten im menschlichen Getümmel bietet. Auch hier ist Kirche durchaus in Bewegung.
    Die Kirche ist in Bewegung und die Kirche braucht Bewegung. Daran besteht überhaupt kein Zweifel. Die drängendste Bewegung für unsere Kirche sehe ich mit Blick auf die jüngere Generation. Bei Schulbesuchen während der Kirchenkreisbesuche wird mir immer wieder von Jugendlichen geklagt, wie ?grottenlangweilig? die Kirche sei. Da sei nichts, was sie persönlich in ihrem Leben anspreche. Wie können wir den Religionsunterricht nutzen als Ort, an dem Jugendliche Kirche als Kirche in Bewegung erfahren? Das ist wahrscheinlich für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kirche, für Religionslehrerinnen und Religionslehrer, Diakoninnen und Diakone die größte Herausforderung. Jugendliche wollen Orte der Geborgenheit und Orte, an denen es Spaß macht, zusammen zu kommen. Wie bietet die Kirche der Zukunft solche Orte? Hierfür wünsche ich mir eine Menge Bewegung.

    Spiritualität als Bewegung

    Bewegung hat in den 80er Jahren vor allen Dingen stattgefunden in den Dritte Welt-, Friedens- und Ökologiegruppen. Hier hat sich das vorwärtsdrängende Potential der Kirche versammelt. Die Gruppen verstanden sich als Bewegung z.T. durchaus in Konfrontation mit der Kirche. (Und zum reformatorischen Kirchenverständnis gehört ein hierarchiekritischer Ansatz ja durchaus dazu!). Es gehört jedoch zum Realismus zu Beginn des neuen Jahrhunderts, dass dies die Bewegung der 80er Jahre war. Wie sieht die Bewegung in der Kirche heute aus? Ist es nicht vielleicht gerade die spirituelle Komponente, die Menschen in Bewegung setzt? Die Suche nach gottesdienstlichem Erleben, nach Wurzeln, nach Bestätigung, nach Stille, nach Gemeinschaft? Müssen sich die Kirchen nicht bewegen vor allen Dingen was das geistliche Leben betrifft? Für mich heißt das in keinem Fall, dass die gesellschaftspolitischen Fragen dagegen verstummen sollten. Aber: nur wer seine eigenen Wurzeln kennt, kann mit anderen in einen Dialog treten, kann überzeugt für den gesellschaftlichen Wandel eintreten. Vielleicht ist es tatsächlich an der Zeit, dass die Kirche Bewegungen fördert, die die spirituelle Erneuerung der Kirche vorantreiben. Ich wünsche mir eine evangelische Kirche, die solche Aufbrüche ermutigt. Die Menschen anregt, mit allen Sinnen Glaubenserfahrungen zu machen. Einerseits könnte die Mystik ein Weg sein. Als Christinnen und Christen in Deutschland werden wir dabei vorsichtig sein, weil wir wissen, dass mystische Erfahrung durchaus auch auf Abwege führen kann. Sinnliche Erfahrung aber ist eine große Sehnsucht von Menschen heute und unsere Religion hat dafür eine große Tradition. Die Meditation müssen wir nicht dem Buddhismus überlassen, sie ist in der klösterlichen Tradition ja durchaus gegeben.
    Als Volkskirche dürfen wir dabei nicht zu einengend wirken. Diejenigen, die sich als Bewegungen verstehen, sind z.T. durchaus unbeweglich ausgrenzend. Sie versprechen Sicherheiten und Geborgenheiten, die sich durch Abgrenzung definieren. Als Kirche in der ganzen Weite und Vielfalt der Bevölkerung muss eine große Offenheit für verschiedene Formen weiterhin bestehen. So verstehe ich die Kirche als das große Dach, unter dem viel Bewegung möglich aber auch dringend notwendig ist.

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Ulrich Schwab: "Und sie bewegt sich doch..."

    Überlegungen zum gegenwärtigen Reflexionsprozess über Jugendarbeit in den LandeskirchenJugendarbeit war als kirchliches Arbeitsfeld immer dadurch ausgezeichnet, dass die Reflexion über die eigene Arbeit permanent mit institutionalisiert war. Vielleicht liegt es auch daran, dass Jugendarbeit eigentlich immer als krisenreich galt. Das gilt von den Anfängen im 19. Jahrhundert durch das ganze 20. Jahrhundert hindurch und wird auch gegenwärtig wieder thematisiert. Nun zeichneten sich die 90er Jahre allerdings dadurch besonders aus, dass dieser Reflexionsprozess nicht nur innerhalb des Arbeitsfeldes Jugendarbeit geführt wurde, sondern dass sich in der Tat wieder einmal auch die Synoden ihrer Jugendarbeit erinnerten und sie - soweit ich sehe - in fast allen Landeskirchen zum Thema gemacht wurde. Einige Stationen seien exemplarisch hervorgehoben:
    - Frühjahr 1993: die Hannoveranische Landessynode hat das Thema ?Jugend, Kirche und Gesellschaft"
    - Frühjahr 1993: die Landessynode in Thüringen behandelt das Thema ?Zur Situation der Jugend und evangelischen Jugendarbeit in Thüringen
    - Frühjahr 1993: die Landessynode in Braunschweig denkt über ?Kirchliche Jugendarbeit vor den Herausforderungen der Gegenwart? nach
    - Frühjahr 1994: die Landessynode in Sachsen hat zum Thema ?Kirchliche Jugendarbeit zwischen neuen Hindernissen und künftigen Herausforderungen
    - Herbst 1994: die EKD stellt in Halle ihre Synode unter das Thema ?Kinder in der Gemeinde?
    - Frühjahr 1995: die Landessynode in Kurhessen-Waldeck beschließt, eine neue Gesamtkonzeption Evangelischer Jugendarbeit erstellen zu lassen. Ein Jahr später wird der Text ?Räume für Bewegung? veröffentlicht
    - Herbst 1997: die Landessynode in Westfalen beschäftigt sich mit der Jugendarbeit unter dem Thema ?Ohne uns sieht eure Kirche alt aus?
    - Januar 1999: die rheinische Landessynode behandelt die Ergebnisse eines dreijährigen Diskussionsprozesses mit dem Titel: ?Klartext - Jugend, Kirche, Gesellschaft?
    - Frühjahr 1999: die württembergische Landessynode diskutiert die Vorschläge aus der landesweiten Initiative ?nicht ohne - Junge Menschen und Kirche?
    - Frühjahr 1999: die bayerische Landessynode behandelt das Thema Jugendarbeit. Auch hier ging ein Initiativprozess unter dem Titel ?mitten drin und doch daneben - jugend ändert Kirche? voraus.
    - Frühjahr/Sommer 2000: Visitation der Jugendarbeit der Kirchenprovinz Sachsen durch den Bischof sowie ein Visitationsteam und Vorstellung der Ergebnisse auf der Herbstsynode.
    Wie gesagt, das sind sicher nicht alle landeskirchlichen Initiativen der letzten Jahre, sondern nur ein Teil. Ähnliches ließe sich übrigens auch von der kirchlichen Szene der katholischen Seite aufzeigen. Jugendarbeit ist also in den letzten Jahren durchaus ein wichtiges Thema kirchlicher Selbstreflexion gewesen - oft genug unter dem Vorzeichen einer massiven Krisenwahrnehmung. Aber auch dies ist in der Geschichte der Jugendarbeit eigentlich ein periodisch wiederkehrendes Phänomen und bürgt sicherlich noch nicht per se für eine Veränderung der institutionell gesetzten Rahmenbedingungen.

    Neu über Jugendliche und Jugendarbeit nachdenken

    Vergleicht man die unterschiedlichen Referate, Grundsatztexte, Statements, Arbeitsmappen, Materialien etc., die jeweils anlässlich solcher Beratungen erschienen sind und den Mandatsträgerinnen und -trägern sowie anderen Interessenten zur Lektüre angeboten wurden, so finden sich in der Regel drei wichtige Themen, die dabei im Vordergrund standen:
    1. die Wahrnehmung der Lebenswelt der Jugendlichen heute - auch in religiöser Hinsicht - verbunden mit dem Abschied von liebgewordenen aber wenig hilfreichen Klischees, etwa im Sinne ?wir waren ja auch mal jung...?
    2. die Rolle der Hauptberuflichen in der Jugendarbeit und ihre Stellung in der Kirche
    3. die Frage, welche Möglichkeiten Kirche hat, beidem besser gerecht zu werden
    Dabei unterscheiden sich die Fragestellungen in ihrer Struktur im Osten und im Westen eigentlich nur wenig. Freilich ist zu konstatieren, dass im Osten die Kirchen heute gesellschaftlich in einer anderen Position sind als im Westen. Der Osten wird seinen eigenen Weg gehen müssen und dieser Weg wird auf absehbare Zeit mit dem Weg des Westens nicht identisch sein können. Es zeichnet sich hier eine neue Regionalisierung kirchlicher Rahmenbedingungen ab. Allerdings ist dies nicht nur für das Verhältnis Ost-West zu beschreiben. Daneben gibt es sicherlich auch einen Nord-Süd-Gegensatz im landeskirchlichen Vergleich. Also auch hier werden zunehmend unterschiedliche Ausgangslagen bestimmend sein.
    Es ist natürlich sehr schwer zu evaluieren, ob die vielfältigen Diskussionsprozesse der letzten Jahre tatsächlich im Bereich der Jugendarbeit schon etwas geändert haben. Das lässt sich erstens so pauschal gar nicht beantworten und wird zweitens wiederum selbst innerhalb der einzelnen Landeskirchen sehr unterschiedlich gelagert sein. Nach wie vor sind protestantische Kirchengebilde eben keine zentralistisch geführten Einrichtungen, so dass es sehr schwer ist, eine einheitliche Entwicklung selbst innerhalb einer Landeskirche auszumachen. Ganz bestimmt haben jedoch einige der den Synoden vorausgehenden Initiativprozesse eine Vielzahl von Menschen in den Kirchen dazu gebracht, neu über die Jugendlichen und die Jugendarbeit nachzudenken. Allein das ist ja schon viel wert.


    Keine unersprießlichen Stellungskriege mehr

    Deutlich ist aber darüber hinaus auch, dass in diesem Reflexionsprozess auf der Ebene der Funktionsträger und Hauptberuflichen weithin viel mehr Übereinstimmung herrscht als dies noch vor ca. 20 Jahren der Fall war. Ein gutes Beispiel hierfür geben seit Jahren die von der AEJ veranstalteten Frühjahrssymposien, zu denen Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher Konzeptionen zu einem bestimmten Thema zusammenkommen. Da sitzen dann Leute aus der missionarischen Jugendarbeit neben solchen, die in der offenen Jugendsozialarbeit tätig sind, Vertreter von Fachhochschulen, Universitäten und Fachakademien genauso wie diverse Verbandsfunktionäre und Landesjugendpfarrerinnen und -pfarrer. Auf dieser Ebene hat sich sicherlich etwas geändert, weil man heute offener miteinander umgehen kann und nicht mehr so sehr steile Ideologien im Weg stehen. Es ist allzu sichtbar, dass jeder sich weithin mit den gleichen Problemlagen befasst und von daher dankbar ist für jede konstruktive Anregung, wo sie auch entstanden sein mag. Die alten Gegensätze etwa aus der Polarisierungsdebatte sind bestimmt nicht alle ausgeräumt und an vielen Stellen zeigen sich dann auch unterschiedliche Meinungen. Aber sie dienen doch nicht mehr als Munition für einen unersprießlichen Stellungskrieg, von dem manche noch erzählen können. Dabei hatte sich nämlich nur sehr wenig bewegt.
    Die Rahmenbedingungen sind noch nicht so, wie sie sein müssten

    Auch die Synodalen - hier zunächst vor allem die Laien - sind weithin sensibel geworden für die Problemlagen heutiger Jugendlicher. Polemik ist hier eher selten am Platz. Die wichtigen Ergebnisse der beiden letzten Shell-Jugendstudien (1992 und 1997, jetzt auch 2000) sind weithin rezipiert worden und haben wohl schon viel Nachdenklichkeit ausgelöst. Vor allem, dass Jugendliche heute auf keinen gesellschaftlichen Schonraum mehr hoffen können, dass sie sich mit ihren Problemlagen dabei aber auch von den Erwachsenen sehr allein gelassen fühlen, dürfte bei vielen Mandatsträgern angekommen sein, bzw. schon längst durch Erfahrungen mit den Kindern in der eigenen Familie bzw. in der Nachbarschaft bekannt geworden sein. Wenn man erlebte, wie die eigene Tochter sich fast zwei Jahre um eine Lehrstelle zu bemühen hatte, dann kann man wohl auch jugendsoziologischen Einsichten zur strukturalen Ausbildungskrise besser Gehör schenken.
    Bei den Pfarrerinnen und Pfarrern vermag ich das nicht so eindeutig zu sagen. Hier gibt es einerseits viel Verständnis für das Subjekt-Sein der Jugendlichen, andererseits aber nach wie vor auch sehr steile, dem entgegenstehende Konzeptionen. So fällt vielerorts auf, dass Gemeindepfarrerinnen und -pfarrer Jugendliche gerne meiden, weil sie dieses Arbeitsgebiet als ausgesprochen anstrengend erleben. Viele Fortbildungseinrichtungen berichten davon, wie Angebote zur Jugendarbeit von Seiten der Pfarrerinnen und Pfarrer einfach nicht wahrgenommen werden und deshalb ausfallen müssen. Andererseits sind die Klagen vieler Sozial- und Religionspädagogen über die Erwartungen und den Umgangsstil der Gemeindepfarrerinnen und -pfarrer nach wie vor groß. Bei der bischöflichen Visitation in Sachsen-Anhalt brach es aus einer Gemeindepädagogin heraus: ?Wenn mir doch nur endlich mal einer zuhören würde!? Da steht dann oft eine theologisch abgesicherte Meinung gegen den professionellen sozialpädagogischen Sachverstand, so dass sich in der Tat viele Hauptberufliche vor allem von ihren Gemeindepfarrerinnen und -pfarrern bzw. vom jeweiligen Kirchenvorstand unter Druck gesetzt oder schlicht alleingelassen fühlen. Die Rahmenbedingungen von Jugendarbeit sind in den Kirchengemeinden sicherlich noch nicht so, wie sie sein müssten, damit eine sinnvolle Jugendarbeit aufgebaut werden kann. Hier zeichnet sich durch die Finanzknappheit im Moment eher eine kontraproduktive Entwicklung ab. Da soll dann die Gemeindepädagogin 30% ihrer Arbeit auf Kirchenkreisebene, 40% in der Schule in A, 15% in Gemeinde B und weitere 15% in Gemeinde C ableisten. Auf diese Weise spart man vielleicht eine Stelle ein, schafft aber zugleich Arbeitsbedingungen, die niemandem hilfreich sein können. In einer solchen Aufsplitterung vieler Stellen hat sich eher eine negative Entwicklung eingestellt. Junge Menschen halten heute aber mehr denn je Ausschau nach glaubwürdigen Vorbildern - eine Gemeindepädagogin, der nichts anderes übrig bleibt, als abgehetzt von Ort zu Ort zu fahren, hat da wenig Chancen, wirklich an Jugendliche heran zu kommen. ?Ohne uns sieht eure Kirche alt aus...? - hat man eigentlich bereits hinreichend bedacht, dass dies sicherlich auch für die Hauptberuflichen in der Jugendarbeit gilt?

    Spaß machen muss es schon

    Es gehört sicherlich zu den großen Verdiensten der EKD-Synode in Halle 1994, dass dort ein Perspektivenwechsel in den Gemeinden hin zu den Kindern angemahnt wurde. Mehr als zuvor sollten Kirchengemeinden sich als kinder- und familienfreundlicher Ort begreifen. Mit dem Büchlein ?Aufwachsen in schwieriger Zeit? (Kirchenamt der EKD, 1994) ist dabei ein sehr hilfreicher Band erschienen, der auch dem Kirchenvorstand vor Ort Hilfe bei der Neustrukturierung einer Kirchengemeinde sein konnte. Manches davon zeitigt Wirkung. Soeben hat die württembergische Landeskirche beschlossen, dass Kinder grundsätzlich zum Abendmahl eingeladen sein sollen. Auch wenn das in vielen Gemeinden sicherlich noch nicht durchgängige Praxis ist, so bahnt sich hier doch offensichtlich auch ein theologischer Wandel an, was das Verständnis des Kindes als religiöses Subjekt angeht. Zugleich gibt es in vielen Städten Versuche, eine Jugendkirche zu installieren. (S. S. in diesem Heft)Hier wird eine Kirche - meist im Innenstadtbereich - speziell mit Aufgaben der Jugendarbeit versehen, so dass im Idealfall auch ein neues geistliches Zentrum für die Jugendkultur vor Ort entstehen könnte. Dazu gibt es z.B. sehr ermutigende Erfahrungen von einem Projekt im Jahre 1999 aus Weimar (s. ?das baugerüst? 1/00), aber auch anderswo werden hier Experimente gewagt. Obwohl es also solche neuen und erfolgversprechenden Ansätze gibt, wird man doch noch nicht davon ausgehen können, dass der 1994 angebahnte und -gemahnte Perspektivenwechsel in den Gemeinden wirklich schon realisiert worden sei. Dem stehen noch allzu viele andere Erfahrungen entgegen. Woran liegt das? Eine eindeutige Antwort wird man auf so eine komplexe Fragestellung nicht erwarten dürfen. Aber es hat sicherlich auch etwas mit der Angst der Erwachsenen gegenüber Kindern und Jugendlichen zu tun. Vielleicht weil die Jugendlichen mit ihrer zugegebenermaßen oft atemberaubenden Entschlossenheit und Einseitigkeit Dinge wagen, die ältere Erwachsene nie gelernt haben, zu akzeptieren - gerade auch an sich selbst nicht. Eine Pfarrerin fragte mich einmal im Anschluss an einen Vortrag über die Bedeutung von Spaß bei Jugendlichen: ?Sie wollen uns doch nicht im Ernst sagen, dass Gottesdienst Spaß machen soll?!? Ich war über die heftige Nachfrage verunsichert und habe erst einmal nachdenken müssen, was ich da Ketzerisches von mir gegeben habe. Aber dann habe ich doch gesagt: ?Ja, das will ich, genau das wünsche ich mir eigentlich!? Gottesdienste sollen Spaß machen, sie sollen mir neuen Lebensmut geben, mich beschwingen, sie sollen mir eine Perspektive jenseits von Fremdbestimmung und Perspektivenlosigkeit vermitteln. All das kann im Namen des Evangeliums geschehen - und es geschieht ja auch. Aber Erwachsene tun sich offensichtlich sehr schwer, sich einzugestehen, dass auch sie selbst natürlich in vielen Bereichen nach der Maxime der Spaßoptimierung leben. Jugendliche stehen dazu - sind sie uns deshalb manchmal so suspekt?

    Bei all diesen Verunsicherungen im Umgang mit Kindern und Jugendlichen ist es dann auch nicht verwunderlich, dass viele nach dem einen neuen Konzept fragen, welches in der gegenwärtigen Situation helfen könnte. Es ist schon ein Stück Zumutung, wenn man dann diese Erwartung schlicht enttäuschen muss. Die Lebenslagen der Jugendlichen sind heute so vielfältig, dass es mit einem Konzept schon lange nicht mehr getan ist. Vielmehr müssen wir unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter darin ausbilden, dass sie selbst mit den Jugendlichen vor Ort jeweils das beste Konzept gemeinsam entwickeln können. Der Vielfalt der Problemlagen kann man wohl nur durch einen vielfältigen und konkreten Einfallsreichtum begegnen. Und das kann keiner für sich allein leisten.

    Doch, es bewegt sich was in der kirchlichen Jugendarbeit. Aber ans Ziel gekommen ist die Bewegung wohl noch lange nicht. Vieles ist erst angedacht und manche neuen Wege sind wohl noch gar nicht sichtbar. Das kann aber wohl auch gar nicht anders sein. Jugendarbeit soll und muss lebendig bleiben und sie muss sich immer wieder neu auf die Lebendigkeit der Jugendlichen ihrer Zeit einstellen. Möge sie also möglichst lange nicht ans Ziel kommen, sondern immer wieder den Mut finden, sich neu aufzumachen. Es gilt eben auch hier: ?Wir haben hier keine bleibende Stadt? (Hebr. 13, 14) - und das kann doch auch Spaß machen!

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