das baugerüst 3/08 - Abschied und Aufbruch

Inhalt

  • hintergrund
    Wolfgang Kraus:
    Ein "nicht wirklicher" Abschied
    Das Ausfransen der Jugendphase in der Spätmoderne
    Richard Rohr: Abschied von den fundamentalen "Kränkungen" des Menschen. Und wie die Weisheit des Christentums damit umgeht
    Mechthild Bangert/ Wolfgang Spengler: An jedem Tag soll der Mensch aus Ägypten gehen. Ein Gespräch
    Karin Müller: Ist Abschied eine Befreiung? Text zu Ruth 1,7-18
    Matthias Wörther: Abschied vom Abschied?
    Aus dem Leben meiner Tochter
    Andreas Mertin: Say Goodby. Abschiede in Videoclips
    Roman Khan: Von Afghanistan nach Deutschland
    Abschied aus der Heimat
    Dieter Hödl: Irgendwann ist Schluss
    Hauptberufliche in der Jugendarbeit
    Anna Hagen/ Kerstin Stock: Auszug ermöglicht Neubeginn
  • kontrovers
    Waldemar Pisarski: "....damit wir klug werden" Ps 90,13
    Abschiedlich leben - Loslassen lernen
    Thomas Gensicke: Man lebt nur einmal!
    Über den nicht-religiösen Umgang mit Tod und Trauer
  • standpunkt
    Cornelia Dassler:
    Abschied - neu ins Leben gehen
    Was bedeutet Abschied im Leben Jugendlicher und was ist die Aufgabe evangelischer Jugendarbeit in diesem Zusammenhang?
  • forum
    Tobias Rilling: Scheiden tut weh
    Trauerarbeit mit Kindern und Jugendlichen
    Tanja Strauß: Leesha - Vom Leben überrascht?
    Theater zum Tod eines Freundes
    Thorsten Moos: Abschied von Schuld
    Praxisbeispiel aus der Schulseelsorge
    Hermann Hörtling: Abschied aus der Jugendarbeit
    Ehrenamtliche verabschieden
    Lothar Jung-Hankel: Pilgern - Aufbruch und Neubeginn
    Edeltrud Freitag-Becker: Türen
    Zwischen Kommen und  Gehen, zwischen Verabschieden und Begrüßen

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Wolfgang Noack: Loslassen

Einführung in das Heft

Ach, was waren das doch für Zeiten, als Reisende aus dem offenen Zugfenster ihren Lieben nachwinken konnten, bis sie als kleiner Punkt auf dem Bahnsteig verschwanden. Und heute? Im Inneren des klimatisierten ICE  drückt sich der Kunde – so heißt dieser nun -  beim Blick auf den Bahnsteig die Nase an dem dreifach verglasten Thermofenster platt. Die Daheimbleibenden versuchen verzweifelt durch die getönten Scheiben einen Blick in den Waggon zu erhaschen. Es bleibt ein Abschied auf Distanz - ohne ein Wort, ohne Gesten, ohne einen Handkuss aus dem sich entfernenden Zug. Aber kaum dass der Reisende Platz genommen hat, noch bevor die Liebste traurig die letzte Stufe der Bahnsteigtreppe erreicht, meldet sich das Handy. "Piep, Piep" – Sie haben eine Mitteilung erschalten. "Tschüss bis bald" lautet die erste SMS. Die Abschiedsrituale auf deutschen Bahnhöfen haben sich verändert.

Wenn es überhaupt noch Abschiede gibt. "Die Kultur der Endlichkeit geht ihrem Ende entgegen", sagt der Zeitforscher Karlheinz A. Geißler in seiner letzten Vorlesung. "Die Pausenlosigkeit wurde zum Ideal, das Non-stop zum Merkmal der verschärften Moderne. Wir kultivieren die Illusion eines end-losen Fortgangs unseres Lebens ..." Das zeigt sich insbesondere in der Alltagskommunikation, so Geißler weiter. "Ich muss jetzt Schluss machen", sei die vorgetäuschte Pflicht, die doch nur die Unfähigkeit verdecken soll, ein Gespräch sinnvoll beenden zu können. "Game over" heißt die Botschaft, die in der postmodernen Umgebung den Abschied ersetzt? (Geißler). Dabei werde aber weniger verarbeitet oder abgeschlossen, vielmehr werden Trümmer auf Trümmer geschichtet.
 
Haben wir verlernt, Abschied zu nehmen? "Nur was anständig zu Ende gebracht wird, kann man loslassen.", sagt Pi Patel in dem Roman "Schiffbruch mit Tiger" des kanadischen Schriftstellers Yann Martel. Vielleicht liegt das Problem ja bei "anständig"? www.hallosms.de listet Sprüche auf, mit denen man sich von seiner oder seinem Liebsten per sms trennen kann. "Dies ist die allerletzte SMS die ich dir schicke. Merkste was"?, kommt dabei auf Platz vier in der Methode, sich seines Partners diskret zu entledigen. Weit entfernt davon, etwas anständig zu Ende zu bringen.
"Wir müssen uns heute von so vielem trennen", schreibt Ursula Nuber, "von Überzeugungen, von Liebesbeziehungen und Freundschaften, von Gewohnheiten, von vertrauten Orten, von Sicherheiten, von Arbeitsplätzen, von Träumen und Plänen". Kommt daher diese scheinbare Gleichgültigkeit – Ist die Unfähigkeit sich "anständig" zu verabschieden eher eine Trotzreaktion, ein Versuch, den Trennungsschmerz zu unterdrücken?

Time To Say Goodbye

"Man kann sich leichter verabschieden, wenn man weiß wohin man geht", sagt Fulbert Steffensky in dem baugerüst-Gespräch. Eine neue Lebensoption, eine neue Lebensform erleichtert den Abschied von alten, belastenden, vielleicht kaputtmachenden Strukturen und Beziehungen. Loslassen, um etwas zu gewinnen. Aber, "neues Leben, ein Leben in anderer Gestalt", schreibt Susanne Breit-Keßler, "ist nicht ohne Erschütterungen, nicht ohne Brüche zu haben".
"Time To Say Goodbye" - immer noch ein großer Hit (den viele Menschen bei Beerdigungen hören wollen). Aber so einfach ist es dann auch wieder nicht, mit dem Goodbye sagen. Wohin? Was zurücklassen? Die Brüche, die Schritte zur Veränderung, die Trägheit.... . "An jedem Tag soll der Mensch aus Ägypten gehen" heißt es bei Martin Buber. Aber bekanntlich führte der Weg aus Ägypten erst einmal in die Wüste. Vierzig Jahre kreisten Mose und sein Volk bis sie das gelobte Land erblicken konnten. Aber drehten sie sich wirklich nur im Kreis? Vielleicht liegt ja zwischen Abschied und Neubeginn eine Zeitspanne, eine Wüstenwanderung, scheinbare Kreisbewegungen? Und dann die Radikalität mit der geforderten Bereitschaft "an jedem Tag ...". Mechthild Bangert und Wolfgang Spengler setzen sich in ihrem Zwiegespräch damit auseinander.

"So leben wir und nehmen immer Abschied" (Rilke)

Woher aber kommt die Bereitschaft – oder ist es die Fähigkeit (?) - täglich sein Ägypten – genauer gesagt die Fleischtöpfe dieses Landes - zu verlassen? Als "Abschiedlich leben" beschreibt es Waldemar Pisarski in seinem Beitrag "...damit wir klug werden". "Abschied nehmen und dennoch vertrauen, dass wir nicht ins Bodenlose sinken". Dies wird aber nur gelingen, so Pisarski, wenn wir uns vorher mit diesem Gedanken beschäftigt haben.
Und er zitiert eine alte Inschrift im Dom zu Schleswig "Wir müssen täglich sterben, damit wir nicht sterben, wenn wir sterben." "Nicht ins Bodenlose sinken". Fällt religiösen Menschen der Abschied, das Leid, der Tod leichter als nicht religiösen Menschen? In dem zweiten Kontroversbeitrag beschreibt Thomas Gensicke, der  von sich selber sagt, nicht an Gott oder sonst ein spirituelles Wesen zu glauben, seine Einstellung und beruft sich auf Epikur: "Gewöhne dich an den Gedanken, dass der Tod uns nichts angeht".

Entsorgung der Verdrängungen

"Abschied und Trauer in der Jugendarbeit", überschrieb der ehemalige Leiter des Studienzentrums Josefstal Rolf Hanusch seine Gastvorlesung, die er 1987 an der TU Berlin hielt. "Unter der Oberfläche des Lebens in einer Stadt wird immer mehr Unbearbeitetes, nicht Betrauertes, in das Kanalsystem unter dem Pflaster verdrängt", so Hanusch. "Und dieses Pflaster, der Beton muss immer dicker werden und das Kanalsystem immer mehr ausgebaut, damit das reduzierte Leben oben funktionieren kann."  Für Rolf Hanusch hat Jugendarbeit einen  "Anteil an der Entsorgung der Verdrängungen eines immer oberflächlich werdenden Lebens." Und 20 Jahre später" Der Beton scheint noch dicker geworden zu sein, nur hat er die Fähigkeit entwickelt, dass auf ihm Blumen blühen können. "Die ständige Erreichbarkeit täuscht eine Stabilität des Lebens vor" schreibt Matthias Wörther ("Abschied vom Abschied?"). Nur, so Wörther weiter, "unsere Frustrationen werden größer und unsere Abschiede härter werden". Jugendarbeit begleitet Menschen in einer Lebensphase, die geprägt ist von Verabschiedungen und Neuanfängen. "Nur was anständig zu Ende gebracht wird, kann man loslassen." Sonst erleidet man "Schiffbruch" wie der Tiger.

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Susanne Breit-Keßler: Abschied braucht eine Perspektive

Auf Wiedersehen, Abschied - Willkommen, Neuanfang!

Es gibt ein Photo von mir, auf dem ich mit meinen gerade zwei Jahren zahnlückig in die Kamera strahle. Es war ein festlicher Abend. Ich trug ein Wollkleid mit rundem Kragen. Meine Haare waren, wie es damals als schick für kleine Mädchen galt, auf dem Kopf in eine seitliche Welle eingeschlagen. An diesem Familienfest, das wir in einem Urlaubsort im Allgäu verbrachten, bekam ich eine Puppe. Ich weiß nicht mehr von wem. Die Puppe hatte irgendeinen Fehler. Etwas in ihrem Gesicht stimmte nicht ganz; die Nase, glaube ich, war eingedrückt. Egal - ich war entzückt: Eine Puppe für mich. Mit langen Haaren, einem Spitzenhäubchen und weißem Kleid.

Wir haben einen Kohleofen im Zimmer gehabt. Wenige Augenblicke nach der Aufnahme nimmt mein Vater die Puppe in die Hand, sieht sie an. Er schüttelt den Kopf, sie scheint ihm für mich zu hässlich, er dreht sich um und wirft die Puppe in den Ofen. Ich hasse ihn in diesem Moment unendlich, ihn, den ich sonst über alles liebe. Schlimmer als mein Hass war der Schmerz, über meine erste, wunderbarerweise geschenkte und so grausam schnell wieder verlorene Puppe. Ich kann mich gut erinnern: Meine Tränen flossen ohne Ende. Es dauert lange, weit über diesen Abend hinaus, bis ich mich wieder beruhigte.

Abschied ist im Lauf eines Lebens immer wieder Thema, vom Kind über den jungen bis zum alten Menschen: dem Kindergarten entwachsen, Schulklassen wechseln, nicht mehr Kind und noch nicht erwachsen sein, die erste große Liebe erleben und den ersten "Cut", der angeblich der tiefste ist, Träume loslassen, den Tod von Großeltern, vielleicht sogar schon früh den von Eltern oder Freunden verkraften müssen, zuletzt das eigene Leben loslassen. Alles charakteristische Umbruchsituationen, in denen das Leben alles andere ist als ein langer, ruhiger Fluss, sondern von Erschütterungen, Abschiednehmen, schmerzlichen oder auch hoffnungsvollen Veränderungen geprägt wird.

"Nun freu" Dich doch!?

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Matthias Wörther: Abschied vom Abschied?

Abschied in der neuen Medienwelt
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Feldforschung

Für Theoriebildung ist hier nicht der Ort. Ich beschränke mich deshalb auf ein paar kleine Beiträge aus der empirischen Feldforschung unter dem Stichwort "Abschiede". Als Vater einer sechzehnjährigen Tochter, der von Beruf Medienpädagoge ist, bin ich natürlich Beobachter und Interpret der konkreten Auswirkungen der gegenwärtigen Entwicklungen sowohl auf mich selbst wie auf meine Umgebung. Von Objektivität kann bei meinen Überlegungen keine Rede sein und vorschnelle Verallgemeinerungen sollte man tunlichst vermeiden, aber wo anders als an konkreten Erfahrungen könnte eine kritische Analyse ihren Ausgangspunkt nehmen?

Ein Jahr Australien

Eine Klassenkameradin von Hannah geht für ein Jahr als Austauschschülerin nach Australien. Der Abschied ist ein realer Abschied: ihre Freundin und Banknachbarin ist für eine doch ziemlich lange Zeit nicht mehr da. Es gibt eine große Abschiedsfeier und erneute Tränen und Umarmungen am Flughafen. Aber schon drei Tage später ist die Verbindung wieder hergestellt: Über Skype und mit Webcam. Die räumliche Distanz scheint aufgehoben, die freundschaftliche Vertrautheit nicht unterbrochen. Das ging "früher" so nicht: Wer verreist war, konnte Postkarten und Briefe schicken oder allenfalls einmal telefonieren. Und ging dann ins Geld. Man beschränkte sich zwangsläufig auf die Rückmeldung, gut angekommen zu sein. Heute kostet ein einstündiges Telefonat zwischen Deutschland und Australien auch ohne Skype weniger als einen Euro.

Im Dauergespräch

Meine Tochter und ihre Freundinnen sind im Dauergespräch. Flatrates für das Festnetz und günstige Handy-Tarife garantieren, dass sie sich kaum noch zeitliche Beschränkungen auferlegen müssen. Ein "bis morgen" nach der Schule stellt keinen wirklichen Abschied dar, es heißt allenfalls, dass man sich an diesem Tag nicht mehr persönlich trifft. Ansonsten ist der Kontakt schon auf der Heimfahrt in der S-Bahn wieder hergestellt. Zu Hause setzt er sich fort. Ein, zwei Stunden Telefonate am Nachmittag sind kein Extrem. Außerdem läuft zusätzlich die Kommunikation über Chat, Instant Messaging und soziale Plattformen. In den alten Zeiten hätte man sich treffen müssen.

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Kontrovers

"Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden". "Gewöhne dich an den Gedanken, dass der Tod uns nichts angeht". Der Psalmist oder Epikur? Wie gehen religiöse und nicht religiöse Menschen mit Abschied, Leid und Tod um? Wir baten Pfarrer Waldemar Pisarski, der bis zu seinem Ruhestand in der Erwachsenenbildung und Beratung tätig war und Thomas Gensicke um Beiträge zu diesem Thema. Thomas Gensicke hat Philosophie studiert und arbeitet heute in der Sozialfoschung für Infratest. In der Shell Jugendstudie 2006 schrieb er die Kapitel "Wertorientierungen und Religiosiät".

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Gespräch über Abschied und Aufbruch mit Fulbert Steffensky


baugerüst: Menschen verabschieden sich häufig mit der Floskel "Wir telefonieren" und auch das  stets eingeschaltete Handy insbesondere bei Jugendlichen gaukelt eine permanente Verbindung vor. Haben Menschen heute Angst davor, sich zu trennen?

Steffensky: Ich glaube schon, dass es so etwas wie einen Narzissmus gibt, der immer alles zusammenhalten will, in dem die Einsamkeit ängstigt und man nur im ständigen Zusammenhang mit anderen leben will.

baugerüst: War das früher anders? Als Goethe nach Italien reiste oder Handwerker auf die Walz gingen, hörten sie oft Wochen oder Monate nichts von ihren Familien und Freunden.

Steffensky: Man hatte einfach keine Möglichkeit zusammenzubleiben. Als ich in mein Kloster ging, das etwa 180 km von meinem Heimatort entfernt lag, sagte meine Mutter, jetzt gehst du auch in die Fremde. Das war die Wahrheit einer immobilen Zeit. Man kannte ja damals auch eine Krankheit, die heute fast ausgestorben ist, das Heimweh.

baugerüst: Ist diese Verweigerung sich zu verabschieden auch eine Folge davon, dass man sich heute permanent trennen muss? Von vertrauten Orten, von Lebenspartnern, von Lebensentwürfen, von Lebensideen?

Steffensky: In meiner Jugend waren wir Nesthocker. Man hockte an dem Ort, an dem man geboren wurde, in dem Stand, in dem man aufgewachsen war,  in der Religion in der man aufgezogen war, in der Ehe, die man geschlossen hatte. Man war immer Hocker. Heute sind die Menschen eher Nestflüchter geworden.
Als ich 1969 evangelisch wurde, hatte das eine hohe Dramatik in meinem Ort. Wenn heute jemand in dieser katholischen Gegend die Konfession wechselt und evangelisch wird, sagt man na ja er ist wenigstens nicht gar nichts. Man sagt es mit einer gewissen Trauer, aber ohne Dramatik. Ähnlich ist das bei der Bewertung von Ehescheidungen. Es gibt kaum noch auf Dauer und langfristig bewohnte Orte.

baugerüst: Sind die Wurzeln der Menschen heute weniger tief als vor 30 oder 40 Jahren?

Steffensky:
Zur Tiefe der Wurzel gehört Langfristigkeit. Wo Mobilität zum allgemeinen Lebensmuster wird, ist zwar weniger Heimat, aber auch mehr Freiheit. Die Konsequenz ist, dass  Menschen wählen können und sich mehrfach verwurzeln. Die Katholikin ist dann auch Buddhistin, oder der Theologiestudent geht zum Guru in die Schwitzhütte oder zum Sufiseminar. Es ist die Gleichzeitigkeit von Sachverhalten. Aber alles kostet eben auch etwas.

baugerüst: Geht es dann auch in der religiösen Jugendarbeit eher um die Kunst Wurzeln zu schlagen und Heimat zu bilden?

Steffensky: Ja, man kann Menschen zwar nicht zur Langfristigkeit erziehen, aber man kann die Langfristigkeit loben.

baugerüst: Heute leben Menschen doch eher additiv, man kann sich nicht entscheiden, es wird immer noch etwas draufgesetzt, immer noch etwas dazu genommen.

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Thorsten Moos

Praxisbeispiel aus der Schulseelsorge

Am Ende einer Relistunde kommt eine 16jährige Schülerin auf mich zu: "Kann ich Sie mal sprechen?" Sie, aktiv in der kirchlichen Jugendarbeit, eigentlich selbstbewusst und lebensfroh, wirkt bedrückt und deprimiert. Wir gehen ins Zimmer der Schulseelsorge und sie erzählt ganz knapp. Mit Freunden hat sie sich auf ein parapsychologisch-okkultes Experiment eingelassen und seitdem verfolgt sie die Angst. Leise und zagend stellt das Mädchen die für sie entscheidende Frage: "Pfarrer Moos, komme ich jetzt in die Hölle?" Ich sage einfach: "Nein!" Da strafft sich ihr Körper, ein Leuchten erscheint auf dem Gesicht, sie schnappt sich ihre Schultasche, ruft mir noch ein "Danke" zu und rauscht aus dem Raum. Fröhlich und wie neu geboren.
Eines meiner kürzesten Gespräche in der Schulseelsorge, aber selten wurde mir die lösende Wirkung des Wortes dermaßen deutlich. Obwohl die Form ein typisches Zwischen-Tür-und-Angel-Gespräch ist, sind in dieser kurzen Begegnung doch Elemente einer Beichte zu finden: Die lastende Schuld, das Abgeschnittensein vom Leben, das Bekenntnis der Tat, die Wendung an die Kompetenzperson, das befreiende Wort und die Freude der Vergebung. Andere Gespräche mit Jugendlichen, die sich um Schuld und Vergebung drehten, dauerten länger, aber der Kern war immer der gleiche. Es geht um Beichte, ohne dass dieses Wort meistens auch nur fällt.
Denn mit der Beichte tun wir Protestanten uns schwer, erst recht die Jugendlichen. Das hat kirchengeschichtliche Gründe, aber auch psychologische und altersbedingte. Niemals wollten die Reformatoren die Beichte abschaffen (nur den Zwang zur Einzelbeichte!), aber der gottunmittelbare, aufrecht sein "Hier stehe ich!" bekennende Protestant will sich nicht gerne im Schuldbekenntnis vor einem anderen demütigen, erst recht nicht, wenn er als Adoleszenter gerade eben erst gelernt hat, den Erwachsenen auf Augenhöhe entgegenzutreten. Moderne Menschen haben es nicht nötig zu beichten. Sie sind selbstbewusst und stark genug, mit Schuld alleine klar zu kommen.(1)

Entschuldigung

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Edeltrud Freitag-Becker: Türen

Zwischen Kommen und  Gehen, zwischen Verabschieden und Begrüßen.


Druckvorlage für die Bilder

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Autorinnen und Autoren

  • Mechthild Bangert, Reichelsheim
    Pfarrerin, ehemalige Leiterin des Studienzentrums für Evang. Jugendarbeit in Josefstal

  • Wolfgang Bergmann, Hannover
    Erziehungswissenschaftler, Leiter des Instituts für Kinderpsychologie und Lerntherapie in Hannover

  • Susanne Breit-Keßler, München
    Regionalbischöf in der Evang.-Luth. Kirche i. Bay. im Kirchenkreis München und Oberbayern

  • Cornelia Dassler, Hannover
    Landesjugendpfarrerin

  • Edeltrud Freitag-Becker, Essen
    Dipl.-Sozialpädagogin, Supervisorin DGSv

  • Dr. Thomas Gensicke, München
    Bereichsleiter "Staat und Bürger" bei TNS Infratest Sozialforschung

  • Anna Hagen, Nürnberg
    Stud. Religionspädagogik

  • Dieter Hödl, Stuttgart
    Kirchenrat

  • Hermann Hörtling, Filderstadt
    Ehem. lt. Referent beim EJW. Jetzt in Altersteilzeit

  • Lothar Jung-Hankel, Darmstadt
    Jugendbildungsreferent, Landesschülerpfarrer der Evang. Kirche in Hessen und Nassau

  • Roman Khan, München
    Freiwilliges Soziales Jahr in der interkulturellen Arbeit

  • Dr. Wolfgang Kraus, München
    Diplompsychologe bei IPP

  • Andreas Mertin, Hagen
    Publizist, Kurator und Medienpädagoge

  • Dr. Thorsten Moos, Darmstadt
    Pfarrer an der Edith-Stein-Schule

  • Karin Müller, Obernburg am Main
    Stud. Religionspädagogik

  • Ursula Nuber, Hirschberg-Großsachsen
    Diplom Psychologin und Buchautorin, stellvertr. Chefredakteurin der Zeitschrift Psychologie Heute

  • Waldemar Pisarski, Augsburg
    Theologe i.R.

  • Tobias Rilling, München
    Diakon, LACRIMA - Zentrum für trauernde Kinder und Jugendliche

  • Richard Rohr, Topeka/ USA
    Franziskanerpater, Autor

  • Wolfgang Spengler, Reichelsheim
    Pfarrer

  • Dr. Fulbert Steffensky, Hamburg
    em. Professor für Religionspädagogik

  • Kerstin Stock, Nürnberg
    Stud. Religionspädagogik

  • Tanja Strauß, Schwarzenbruck
    In Ausbildung zur Diakonin

  • Dr. Matthias Wörther, München
    Leiter der Fachstelle Medien und Kommunikation der evangelischen und katholischen Kirche

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