das baugerüst 4/08 - Leben im Wohlstand

Inhalt

  • hintergrund
    Katja Geißler:
    Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt
    Was gehört zum Wohlstand?
    Martina Gille: L
    ebensqualität, Zukunftssicht, Werte. Die Bedeutung von materiellen und immateriellen Werten bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen
    Wolfgang Kessler:
    Steuern runter macht Deutschland munter
    Es wird Zeit für eine ungewöhnliche Steuerreform
    Bernhard Spielberg:
    Geld allein macht nicht glücklich. Kein Geld erst recht nicht.
    Birgit Zweigle:
    Mit Manipulation zum Wohlstand. Wirkung von Werbung
    Peter Welten: D
    ie Nöte der Zeit. Sozialkritik bei den Propheten im Alten Testament und Prophetie heute
    Gunda Schneider-Flume:
    Wider die Tyrannei des gelingenden Lebens
  • kontrovers
    Michael Kerkloh: Abheben für die Zukunft. Flughafen München - ein Startplatz für Wachstum und Wohlstand
    Christian Magerl:
    Lebensqualität sieht anders aus
  • gespräch
     "Wir sind die Hoffnung Gottes für seine geliebte Erde"
    Gespräch über Hoffnung, Engagement und Widerstand
    mit Jürgen Moltmann
  • standpunkt
    Michael Freitag:
    Mit kritischem Konsum zu anderem Wohlstand
  • forum
    Evi Rottmair: Ich will, ich kann, ich darf, ich muss, ich habe, ich brauche, ich bin ich - Schluss: wer bist du? Wertekommunikation mit Jugendlichen
    Barbara Overmann:
    Ein anderes Ziel. Die Geschichte vom reichen Jüngling
    Regina Schubert:
    Willkommen im Leben. Ein Jugendgottesdienst zur Jahreslosung 2008
    Lothar Jung-Hankel:
    Kleiner, seltener, bewusster. Auswege aus den Abhängigkeiten des Wohlstands   

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Wolfgang Noack: "Was wirklich zählt auf dieser Welt..."

Einführung in das Heft

Einen Carport, ein Boot und ein Pferd braucht der Mensch, um glücklich zu sein. Behauptet zumindest der Kabarettist Erwin Pelzig. Und der weiß es wahrscheinlich von den beiden Schulfreunden in der Sparkassenwerbung, die sich gegenseitig mit  ihren Besitztümern hochschaukeln: mein Auto, mein Haus, mein Boot ....
Dabei meint laut einer Studie des BAT-Freizeitforschungsinstituts nur knapp die Hälfte der Bundesbürger, Wohlstand habe etwas mit Reichtum und Geld zu tun. Wohlstand bedeutet für zwei Drittel der Deutschen einfach nur glücklich zu sein. Das erinnert nun wieder an die vielen Gestalten, die arm aber glücklich durch die deutsche Märchenlandschaft wabern: Hans im Glück, Sterntaler, Aschenputtel. Da diese – in der Regel – armen Bauerntöchter und "söhne mit ihrem Schicksal nicht haderten, zufrieden ihre Armut ertrugen und sich nicht aufständischen Banden á la Robin Hood anschlossen,  konnten sie dann auch mit einer späteren Belohnung rechnen, die sie wiederum mit anderen Armen teilten, um glücklich und zufrieden bis an das Ende ihrer Tage zu leben.

Wie aber soll Sterntaler heute, vielleicht als Alleinerziehende in einer Großstadt mit einem Monatsverdienst zwischen 850 und 950 Euro leben" Oder Hans ohne Glück als Empfänger von Hartz IV? Sind gute Freunde, ausreichend freie Zeit und eine hübsche Landschaft vor der Tür die Alternative zu Besitz und Konsum? "Was wirklich zählt auf dieser Welt, bekommst du nicht für Geld", trällert Udo Jürgens.

Nun haften Schlagerkitsch und Märchenweisheiten immer der schale Geschmack von Ablenkung und Beruhigung an. Da lebt der Reiche König mit Gold und Purpur angeblich viel unglücklicher als das arme Bäuerlein und der Saus und Braus genießende Schlagerstar preist die Bescheidenheit.  Armut adelt, weiß der Volksmund und tut so, als seien wir alle zufrieden und in Wirklichkeit gar nicht ein Volk von Konsum- und Schnäppchenjägern. Verkaufsoffene Sonntage werden abgesagt und niemand interessiert sich für das neue Handy mit weiteren einhundert nicht genutzten Funktionen. Weder Tchibos wöchentlich präsentierte neue Welt noch Aldis bunte Anzeigen mit Dingen, die Mann oder Frau unbedingt brauchen (Kettensägen, Laubsauger, Gartenlampen oder eine Aufhängung für die Winterreifen) könnten uns locken, den Geldbeutel zu öffnen. Selbst wenn der neue Rasierapparat mit vier frei aufgehängten Doppelklingen, Bartbeleuchtung und Pickelwarnung angepriesen wird, bleiben wir hart. Wohlstand definiert sich anders. Wirklich?

Der Angriff auf den Wohlstand erfolgt derzeit von zwei Seiten. Nach einer Studie von McKinsey  droht der deutschen Mittelschicht ein empfindlicher Wohlstandsverlust. Bis zum Jahr 2020 werden zehn Millionen Menschen weniger zur Mitte zählen als noch Anfang der 90er-Jahre. Derzeit gehören 54 Prozent zu dieser Gruppe, die über 70 bis 150 Prozent des Durchschnittseinkommens verfügt, das 2006 einem Jahreseinkommen von 25.000 Euro entsprach. Trotz des jüngsten wirtschaftlichen Aufschwungs sehen viele Bundesbürger Deutschland nicht mehr als wohlhabendes Land. Laut einer Ipsos-Umfrage glaubt inzwischen nur noch gut die Hälfte der Bundesbürger, dass unsere Gesellschaft im Wohlstand lebt. Vor zwei Jahren waren noch 65 Prozent dieser Auffassung. Drastisch gestiegen ist im Gegenzug die Zahl der Skeptiker: 40 Prozent meinen, das Land lebe heute nicht mehr im Wohlstand, 2006 waren nur 29 Prozent dieser Meinung.

Nun gehen die Meinungen, wie Wohlstand zu definieren sei, weit auseinander. Materieller oder wirtschaftlicher Wohlstand beschreibt den Versorgungsgrad einer Person, einer Gruppe oder einer Gesellschaft mit wirtschaftlichen Gütern und Dienstleistungen. In einem weiteren Verständnis umfasst Wohlstand auch subjektives Wohlbefinden und Zufriedenheit, allgemeine Lebensbedingungen und Lebensqualität. Hierzu zählen dann z. B. auch: das Leben in einer intakten Natur, die Familie, gute Freunde, stressfrei leben (Opaschowski, Deutschland 2030, "Lieber glücklich als reich"). Die Gruppe derer, die bei der Definition von Wohlstand andere Kriterien als materielle an den Tag legt, wird größer. Vielleicht ließe sich diese alternative Wohlstandshitliste noch erweitern und zur Lebensqualität in einem Land zählten fortan auch  soziale Gerechtigkeit, demokratische Beteiligung, ehrenamtliches Engagement, freier Zugang zu Informationen oder gar Abschaffung der weltweiten Armut. Der französische Präsident Sarkozy beauftragte im Januar 2008 eine Kommission, bis 2009 innovative Messkriterien für Wachstum und Wohlergehen zu benennen. Man darf gespannt sein.

Zurzeit erleben wir ja eher wie der Markt statt materiellen Wohlstand für alle zu schaffen den Volkswirtschaften den Abgrund zeigt. Milliarden von Menschen bangen weltweit um ihre Ersparnisse, ihre Altersvorsorge, ihren Lebensstandard und um ihre Arbeitsplätze. Wenn ein Wohlstandsmodell, dessen Renditeerwartung bei 15 Prozent erst richtig los geht heiß gelaufen ist, wird es Zeit, über Finanzspritzen und Bankenrettungen hinaus zu denken.
Dazu gehört dann auch eine Überprüfung dessen, was wir als Gewinn bezeichnen. Vielleicht braucht der Mensch ja weder einen Carport, noch ein Pferd oder ein Boot um glücklich zu sein.

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Heinrich Bedford-Strohm: Schalom

Biblische Bilder vom gelingenden Leben

Woran erkennt man, dass es einer Gesellschaft gut geht? Wenn es nach den Abendnachrichten im Fernsehen geht, ist die Antwort klar. Da meldet die Nachrichtensprecherin einen überdurchschnittlich hohen Anstieg des Bruttosozialprodukts im vergangenen Jahr. Im Hintergrund ist eine Grafik zu sehen mit einer Kurve, die nach oben zeigt. In eingespielten Interview-Ausschnitten verbreiten wichtig aussehende Menschen Optimismus. Die Regierung ist stolz, dass es unserem Land so gut geht. Die Opposition meint, nicht gut genug. Wohlstand - so scheint bei alledem klar zu sein - bemisst sich daran, ob die allgemeine Wirtschaftsleistung eines Landes gesteigert werden konnte.
Und tatsächlich ist mit der Erhöhung der Wirtschaftsleistung eine Menge an Möglichkeiten verbunden, die das Wohlergehen der Menschen verbessern können. Höhere Steuereinnahmen des Staates ermöglichen mehr Investition, etwa in die Bildung. Höhere Einkommen führen zu mehr Kaufnachfrage und neuen Jobs, so dass die Arbeitslosigkeit reduziert werden kann.
Und dennoch liegt eine Gleichsetzung von Wirtschaftswachstum und Wohlstandsmehrung daneben - jedenfalls aus biblischer Sicht. Die Entwicklung des Bruttosozialprodukts sagt nichts darüber aus, wie der gewachsene materielle Reichtum verteilt ist. Der Blick darauf bleibt blind gegenüber den Auswirkungen auf die Natur. Das damit verbundene Maß ignoriert, wie die Menschen miteinander umgehen.
Das biblische Verständnis von Wohlstand ist demgegenüber ganzheitlich. Es ist ganzheitlich im Hinblick auf die Frage, wer eigentlich in den Genuss des Wohlstandes kommt. Hier gilt: der Wohlstand der Gesellschaft bemisst sich an ihren schwächsten Gliedern. Und es ist ganzheitlich im Hinblick auf die Dimensionen des Menschseins: es nimmt in den Blick, ob Menschen materiell genug zum Leben haben. Aber es schließt auch die Frage ein, ob die Menschen über das Materielle hinaus im Einklang mit sich selbst und mit den anderen leben können.
Das biblische Wort für diese ganzheitliche Betrachtungsweise ist das hebräische Wort "Schalom". Es heißt viel mehr als "Frieden". Es meint auch "Gerechtigkeit" und eine von Achtung geprägte Beziehung des Menschen zur außermenschlichen Natur.

Gerechtigkeit
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Katja Geißler: Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt

Im Oktober 2008 erscheint die Studie "Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt". Im Auftrag von Brot für die Welt, Evangelischen Entwicklungsdienst und BUND wird sie vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie erstellt.

Die Vorgängerstudie "Zukunftsfähiges Deutschland" erschien 1996 in einer gesellschaftlichen Situation, in der wirtschaftliche Globalisierung und Klimawandel noch nicht den Handlungsdruck erzeugt haben, den wir gegenwärtig erleben. Diese Studie fokussierte insbesondere auf ökologische Herausforderungen und setzte so maßgebliche Impulse für die Nachhaltigkeitsdebatte in Deutschland. Besonders in Kreisen der Landwirtschaft wurde die Studie lebhaft diskutiert und auch massiv kritisiert. Besonders das Ziel bis zum Jahr 2010 auf 100 Prozent der Fläche ökologischen Landbau zu erreichen, stieß auf den heftigen Widerstand des Bauernverbands Bayern. Die Herausgeber, besonders das katholische Hilfswerk Misereor, standen unter heftigem Druck. Doch gerade diese Kontroverse verschaffte der Studie öffentliche Aufmerksamkeit und sorgte für eine weite Verbreitung und Diskussion ihrer Thesen. Die Studie wurde in fünften Auflagen veröffentlicht, in vier Sprachen übersetzt und in über 1000 Veranstaltungen intensiv diskutiert.
Zwölf Jahre später haben sich die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen stark verändert. Dies ist der Grund, warum die Herausgeber eine zweite Studie in Auftrag gegeben haben.

Chic und in

Im Jahr 2008 ist im Gegensatz zum Jahr 1996 der Begriff Nachhaltigkeit in Deutschland Allgemeingut geworden. Von vielen Akteuren aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft wird mit sehr unterschiedlichen Interessen und Sachkenntnis das Leitbild Nachhaltigkeit verwendet. Es gibt kaum ein größeres Unternehmen, das nicht einen Umwelt- oder Nachhaltigkeitsbericht herausgibt, entsprechende "Managementsysteme" eingeführt hat und nicht  "Nachhaltigkeit" im Marketing nutzt. Die Bundesregierung hat eine Nachhaltigkeitsstrategie erarbeitet und einen "Rat für nachhaltige Entwicklung" einberufen, die sie bei der Umsetzung der Strategie kritisch begleiten sollen. In der Politik haben alle Parteien sich den Begriff in irgendeiner Form zu Eigen gemacht. Von 2005-2014 hat die UNO die Dekade der Bildung für nachhaltige Entwicklung ausgerufen. Doch nicht nur der Begriff selbst hat Konjunktur. Das öffentliche Bewusstsein zu diesen Fragestellungen hat sich geändert. Die "Bild"-Zeitung nimmt sich dem Thema Klimaschutz an. Al Gore gewinnt mit seinem Film "Eine unbequeme Wahrheit" einen Oscar und mit dem UN-Klimarat (IPCC, www.ipcc.ch) zusammen 2007 den Friedensnobelpreis. Der Absatz von FairTrade-Produkten steigt. Der Anteil der erneuerbaren Energien bei der Stromproduktion liegt in Deutschland bei 17 Prozent. Die Nachfrage nach Bio-Produkten übersteigt das Angebot und Hollywoodstars fahren Hybridautos. Kurz: Nachhaltigkeit ist gesellschaftlich angekommen, sie ist auch chic, sie ist "in" geworden; zumindest als wenig profilierte Form von Nachhaltigkeit, die als Worthülse und Containerbegriff für eine bessere Zukunft nicht "wehtut", die in die zweifelsohne nicht-nachhaltigen Wirtschaftsstrukturen und gewohnten Lebensformen gut hineinpasst und integrierbar ist.

Diese Form von Selbstbeweihräucherung ist gefährlich

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Martina Gille: Lebensqualität, Zukunftssicht, Werte

Die Bedeutung von materiellen und immateriellen
Werten bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen

Wie zufrieden sind Jugendliche und junge Erwachsene mit ihren Lebensverhältnissen? Wie bewerten sie ihren Lebensstandard? Welche Zukunftsvorstellungen haben junge Menschen und glauben sie, dass sie in ihren Zukunftschancen im Vergleich zu ihrer Elterngeneration besser bzw. schlechter abschneiden werden? Und welche Rolle spielen in den Werteprofilen junger Menschen materielle Werte gegenüber immateriellen Werten? Diesen Fragen soll anhand von Ergebnissen des Jugendsurvey des Deutschen Jugendinstituts nachgegangen werden.(1)

Einschätzung des Lebensstandards in fünf Jahren beeinflusst vom gegenwärtigen Lebensstandard

Für die Beurteilung der eigenen Lebensverhältnisse seitens der Jugendlichen und jungen Erwachsenen wurde im DJI-Jugendsurvey nach der Zufriedenheit mit den Beziehungen zu Eltern und Freunden, der Wohnsituation, den Möglichkeiten der Selbstbestimmung bzw. eigenen Lebensgestaltung sowie der sozialen und finanziellen Situation gefragt (vgl. Sardei-Biermann 2006). Die jungen Menschen sind mit ihren sozialen Nahbeziehungen sehr zufrieden, auch die Wohnsituation erfährt annähernd hohe Bewertungen. Bezüglich der Möglichkeiten der Selbstbestimmung bzw. der eigenen Lebensgestaltung äußern sich Jugendliche und junge Erwachsene etwas weniger zufrieden. Noch unzufriedener sind sie mit ihrer sozialen Situation; die Einschätzungen werden dabei mit der Nähe zum Arbeitsmarkt zunehmend negativer. Am seltensten sind Jugendliche und junge Erwachsene mit ihren Möglichkeiten der Mitsprache in Schule und Beruf und - noch etwas seltener - mit ihrem verfügbaren Geld bzw. ihrer finanziellen Lage zufrieden. Seit 1992 zeigen sich zwar Angleichungen in den Zufriedenheiten junger Menschen in alten und neuen Bundesländern, jedoch bleibt die größere Unzufriedenheit der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den neuen Bundesländern im Hinblick auf die Möglichkeiten der eigenen Lebensgestaltung und der Mitsprache in Schule und Beruf sowie die soziale und finanzielle Lage bestehen.

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Kontrovers

Der Münchner Flughafen hat den Bau einer dritten Start- und Landebahn beantragt. Die Kapazitätsgrenzen machen den Bau notwendig, sagen die Flughafenbetreiber. Der Ausbau bedrohe die Lebensgrundlagen der Heimat, entgegnen Anwohner im Erdinger Moos. Wir baten den Vorsitzenden der Geschäftsführung der Münchner Flughafen GmbH, Dr. Michael Kerkloh und den bayer. Landtagsabgeordneten der Grünen,
Dr. Christian Magerl darzulegen, welche Vorstellungen von Wohlstand und Lebensqualität hinter ihrer Befürwortung bzw. Ablehnung der dritten Startbahn stehen.   

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Gespräch mit Professor Jürgen Moltmann über Hoffnung, Engagement und Widerstand

baugerüst: Herr Professor Moltmann, vor zehn Jahren schrieben Sie in der baugerüst-Ausgabe zum Thema Hoffnung "Wir sind Gottes Traum für seine Welt und sein Ebenbild auf seiner geliebten Erde". Weiter heißt es in dem damaligen Text "Gott wartet auf seine Menschheit, dass sie wahrhaft menschlich werde". Wartet Gott immer noch? Wartet er vergeblich?

Moltmann: Natürlich wartet Gott immer noch. Es sind ja immer neue Menschen gekommen, an die er seine Erwartung stellt, wahrhaft menschlich zu werden. Martin Luther hat einmal gesagt, Gott wurde Mensch, um uns aus unglücklichen und stolzen Göttern zu wahren Menschen zu machen. Wir sind immer noch die Hoffnung Gottes für seine geliebte Erde.

baugerüst: Hoffen, schreiben Sie an einer anderen Stelle, heißt leben, überleben und für das Leben der Schöpfung zu arbeiten und zu kämpfen. Was heißt für Sie kämpfen in diesem Zusammenhang?

Moltmann:
Kämpfen hat hier nichts mit Totschlag und Mord zu tun. Wir müssen diese Kämpfe selber bestehen, mit unseren eigenen Kräften gegen Widerstände von außen und gegen die eigene Schwachheit. Wir sollen uns nicht wegducken, wenn Widerstände oder Widersacher kommen und wir den Kampf erst gar nicht aufnehmen. Sicherlich hat sich hier auch etwas verändert. In früheren Zeiten war man vielleicht konfliktfreudiger und heute dagegen eher konfliktscheuer.

baugerüst: Was aber antworten Sie Menschen, die sich zurückziehen, die sagen, dass es keinen Sinn hat, sich einzumischen, z.B. für diese Schöpfung zu arbeiten oder gar zu kämpfen?

Moltmann: Rückzug ist die schwerste Versuchung, die man überhaupt haben kann in dieser Situation. Ich habe das selber in Kriegsgefangenschaft erlebt. Man konnte fertig werden mit den Umständen, die unangenehm und quälend waren, indem man sich zurückzog und sich sagte, es ist alles egal. Egal, ob man lebt oder stirbt, ob man gesund ist oder krank - es wird einem alles egal. Das ist die schwerste, die teuflischste Versuchung die es gibt, man merkt zwar die Schmerzen nicht mehr so stark und die Versagungen des Lebens spürt man nicht mehr, aber  man ist auch nicht mehr am Leben. Die Schmerzen, die Konflikte, die in einem Kampf entstehen, sind aber ein Zeichen von Leben und nicht Zeichen von Tod. Die Resignation ist die eigentliche Versuchung, schon vor dem Leben sich dem Leben zu verweigern und eigentlich nicht mehr voll da zu sein.

baugerüst: Haben Sie den Eindruck, dass Menschen heute eher resignieren?

Moltmann:
Ja schon, weil ihnen immer gleich die eigene Ohnmacht vor Augen geführt wird. Wenn z.B. die Globalisierungsprobleme so groß sind, was soll ich als kleiner Mensch dagegen tun? Aber das sind falsche Bilder, mit denen wir da kämpfen. Man kann sich selbst, dem eigenen kleinen begrenzten Leben einen Sinn geben, indem man an einer größeren Sache mitarbeitet.

baugerüst:
An was denken Sie?

Moltmann: Die Bewahrung der Schöpfung oder die Heilung der Erde von den Verwundungen, die wir ihr stetig antun, ist eine große Aufgabe, die dem eigenen kleinen Leben einen großen Sinn geben kann.
So lange ich glaube, dass Gott der Schöpfer ist, solange glaube ich auch, dass Gott diese Welt trägt und erträgt und auf unsere Mitarbeit wartet. Das würde jedem jungen Menschen einen großen Sinn im eigenen Leben geben.

baugerüst: Liegt der Grund für Zurückhaltung heute darin, dass Zusammenhänge undurchschaubar werden, vielleicht auch die "Gegner" unklarer geworden sind?

Moltmann: Ja vielleicht. 1989 ist dem Westen ja der Gegner abhanden gekommen. Die Sowjet Union ist zusammengefallen, echte Kommunisten gibt es auch keine mehr, und es wird immer schwieriger mit jemanden richtig zu streiten. Jetzt kommen die Globalisierungsprobleme und die sind sehr vielfältig.

baugerüst: Warum wird es schwieriger sich auseinander zu setzen?
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Barbara Overmann: Ein anderes Ziel

Die Geschichte vom reichen Jüngling

Im Wohlstand leben, im Unterschied zum Großteil der Weltbevölkerung im Reichtum leben und gleichzeitig so leben, wie Gott es für uns und von uns will? Geht das?
Um die Antwort gleich vorweg zu nehmen: Ja und Nein.
Ja, denn das Einhalten der Gebote - auch des Gebotes der Nächstenliebe - das Tun von Gutem ist selbstverständlich auch im Reichtum möglich. Nein, denn Besitz und Vermögen binden das Herz, den Verstand, die Gefühle, sie beschäftigen die Gedanken; sie enthalten eine Dynamik, den Besitz zu halten und zu vermehren.

In dieser Spannung steht die Geschichte vom Reichen Jüngling, der Jesus genau diese Frage stellt: Wie bekomme ich Anteil am lebendigen Leben hier und in der Ewigkeit?

Und als sich Jesus auf den Weg machte, lief ein Mann auf ihn zu, fiel vor ihm auf die Knie und fragt ihn: Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?
Jesus antwortete: Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut, außer Gott allein.
Du kennst doch die Gebote: du sollst nicht töten, du sollst nicht ehebrechen,  du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen, du sollst nicht berauben (du sollst nichts vorenthalten), ehre deinen Vater und deine Mutter!
Er erwiderte ihm: Meister, dies alles habe ich von meiner Jugend an befolgt.
Da sah Jesus ihn an, gewann ihn lieb und sagte zu ihm: Eins fehlt dir: Geh, verkaufe alles, was du hast, und gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; und dann komm, und folge mir nach!
Er aber wurde traurig, als er das hörte, und ging betrübt weg, denn er hatte großen Besitz.
Da sah Jesus umher und sagte zu seinen Jüngern: Wie schwer werden die Begüterten in das Reich Gottes kommen!
Die Jünger waren über seine Worte bestürzt. Jesus aber sagte noch einmal zu ihnen: Meine Kinder, wie schwer ist es, in das Reich Gottes zu kommen! Eher geht ein Kamel durch das Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.
Sie erschraken noch mehr und sagten zueinander: Wer kann dann gerettet werden?
Jesus sah sie an und sagte: Für Menschen ist das unmöglich, aber nicht für Gott, denn bei Gott  ist alles möglich.
(Markus 10, 17-27)

Sehnsucht
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Autorinnen und Autoren

  • Dr. Heinrich Bedford-Strohm, Bamberg
    Professor, Lehrstuhl für evang. Theologie

  • Michael Freitag, Hannover
    Grundsatzreferent der Arbeitsgemeinschaft der Evang. Jugend in Deutschland (aej)

  • Katja Geißler, Bonn
    Referentin Bildungsarbeit "Zukunftsfähiges Deutschland" beim Evangelischen Entwicklungsdienst

  • Martina Gille, München
    Diplomsoziologin, wissenschaftl. Mitarbeiterin am Deutschen Jugendinstitut

  • Lothar Jung-Hankel, Darmstadt
    Jugendbildungsreferent, Landesschülerpfarrer der Evang,. Kirche in Hessen und Nassau

  • Dr. Michael Kerkloh, München
    Vorsitzender der Geschäftsführung der Flughafen München GmbH

  • Wolfgang Kessler, Oberursel
    Chefredakteur bei Publik-Forum

  • Dr. Christian Magerl, München
    MdL Bayerischer Landtag

  • Dr. Jürgen Moltmann, Tübingen
    Professor

  • Barbara Overmann, München
    Pfarrerin, SchülerInnenarbeit der Evang. Jugend München

  • Evi Rottmair, Stuttgart
    Bildungsreferentin in der Akademie der Jugendarbeit

  • Dr. Gunda Schneider-Flume, Leipzig
    Professorin, Lehrstuhl Evang. Theologie an der Universität Leipzig

  • Regina Schuberth, Nürnberg
    Sozialpädagogin, Jugendreferentin Evang. Jugend Nürnberg

    Dr. Franz Segbers, Frankfurt
    Dr. apl. Professor für Sozialethik, Universität Marburg, Referatsleiter des Referats Arbeit, Ethik und Sozialpolitik im Diakonischen Werk Hessen und Nassau

  • Dr. Bernhard Spielberg, Würzburg
    Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Würzburg, Lehrstuhl für Pastoraltheologie

  • Dr. Peter Welten, Berlin
    Professor

  • Dr. Birgit Zweigle, Sindelfingen
    Professorin an der Evang. Fachhochschule in Berlin

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