das baugerüst 1/09 Kirche wohin?

Inhalt

  • kontrovers
    Jan Hermelink: Die Kirche bleibt im Dorf
    Kirchliche Gebäude als Leitbilder des kirchlichen Lebens
    Barbara Overmann: Wanderndes Gottesvolk
    oder: Haus aus lebendigen Steinen
  • gespräch
    "Jugendarbeit gehört zum starken Profil des Protestantismus"
    Gespräch über Jugendarbeit, Kirche und Partizipation mit
    Eberhard Cherdron und Steffen Jung
  • standpunkt
    Michael Freitag: Alle sind willkommen!
    Oder: Was heißt eigentlich "erreichen"?
  • forum
    Karl Foitzik: Von der Konkurrenz zur Kooperation
    Kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Kirche von morgen
    Michael Fähndrich: Arbeiten am Rande der Gesellschaft
    Jugendsozialarbeit als Kernaufgabe protestantischer Kirche?
    Markus Etscheid/Peter Thomas: Wie ticken Jugendliche?
    Die neue Sinus-Jugendstudie
    Tobias Fritsche/ Roger Schmidt: Auf keinen Fall langweilig
    Wünsche an die (Jugend)kirche
    Ergebnis des Partizipationsprojekts Jugendkirche in Nürnberg
    Haringke Fugmann: Welche Angebote kommen an?
    Neue empirische Erkenntnisse des Gottesdienst-Instituts Nürnberg
    Beate Hofmann: Die Suche nach der heilen Welt
    Evangelikale Bewegung in den USA, ein Erfolgsmodell für Deutschland?

    Die Zeit ist reif - Fair teilen statt sozial spalten
    Aufruf zu einer politischen Zeitansage auf dem
    Ökumenischen Kirchentag 2010

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Wolfgang Noack: Lebendig und kräftig und schärfer

Einführung in das Heft

"Fünf vor zwölf" mahnt die Uhr auf der Titelseite dieser Ausgabe. Vielleicht hatte Martin Luther um diese Zeit den Hammer längst aus der Hand gelegt und von Worms bis Rom diskutierten klerikale und säkulare Würdenträger bereits die Thesen der Wittenberger Schlosskirche. In den folgenden knapp 500 Jahren wird dann viel passieren: Thron und Altar trennen sich, der Mensch läuft aufgeklärt durch die Welt, die Theologie muss sich mit Auschwitz, dem größten Zivilisationsbruch der Geschichte auseinandersetzen und die McKinseys verschlanken die alte ehrwürdige Institution, manche meinen auch, sie verkaufen sie. Heute brennen Leuchtfeuer auf Zukunftskongressen, grüßen Kommunikationskampagnen von Plakatwänden und schrecken Effizienzvorgaben manch liebgewordenen Arbeitsbereich. Reformprozess wird das genannt, der katholische Sozialethiker Friedhelm Hengsbach nennt es "Reformspektakel".

"Ich wurde Anfang der achtziger Jahre in eine Kirche hineinordiniert", schreibt Johanna Haberer, Professorin für christliche Publizistik, "die sich im Aufbruch befand, in der man der Reform einer Institution noch alles zutraute". "Wir träumten", so Haberer weiter, "zusammen den Traum einer Kirche für andere, einer gesellschaftspolitisch relevanten Kirche, einer öffentlich hör- und sichtbaren, einer glaubwürdigen Kirche, einer franziskanischen Kirche".
"Der Reform einer Institution noch alles zutrauen ...". Dieser Satz klingt heute ganz anders, eher bedrohlich. Den aktuellen Reformdebatten fehlen die Lust zum Aufbruch, die Vision, der Mut "neuen Wegen" zu vertrauen. Die Reformen sind stabilisierend gemeint, wollen die Institution fit machen für die Zukunft, sie auf dem Markt der Sinnangebote positionieren und wachsen lassen.  
Nun ist Wachsen für eine Kirche erst einmal nichts Negatives. Eine Institution muss sich Gedanken darüber machen, wie sie Menschen ereicht, mit welchen Angeboten, wie sie in Medien und Öffentlichkeit vorkommt und nicht zuletzt auch, wie sie ihre Mitarbeitenden bezahlen und Gebäude unterhalten kann.

Nur was ist Kirche? Eine Institution, die - der betriebswirtschaftliche Terminus sei erlaubt - um Marktanteile bemüht ist? Oder ist Kirche, wie Friedrich Schorlemmer schreibt, "ein Sammelplatz der von der Botschaft des Nazareners Beunruhigten, (...) die in ihrem Gewissen geschärft und getröstet sind". Kirche, so Schorlemmer weiter "ist ihrem Wesen nach nicht für sich selbst da, sondern für andere und darf sich nie zuerst fragen, wie sie in dieser Welt vorkommt, wie sie ankommt, wie sie ihre Botschaft angenehmer und mehrheitsfähiger verpackt, sondern wie sie als eine fremde Größe in dieser Welt sich dieser Welt und ihrem Denken nicht gleichstellt oder gleichschaltet". Durch Untersuchungen und Marktanalysen mag ein kundenfreundliches Bild von Kirche entstehen, aber kann dies das Anliegen von Kirche sein? Zumal wenn die soziale Frage national und international immer noch und wieder neu unter den Nägeln brennt, der Turbokapitalismus zwar taumelt, aber sich munter auf Kosten der Gemeinschaft saniert und die Ökologie (biblisch: Schöpfung) nicht so recht zu wirtschaftlichen Abschwungphasen passen will. (Warum wird eigentlich der Slogan "Eine andere Welt ist möglich" mit der globalisierungskritischen Bewegung attac in Verbindung gebracht und hängt nicht an jedem Kirchturm?)
"Eine Kirche", heißt es bei Karl Barth, "die aus lauter Angst, nur ja nicht in den Schein zu kommen, Partei zu ergreifen, nie und nimmer Partei zu sein sich getraut, sehe wohl zu, ob sie sich nicht notwendig kompromittiere: mit dem Teufel nämlich, der keinen lieberen Bundesgenossen kennt als eine um ihren guten Ruf und sauberen Mantel ewig schweigende, ewig meditierende, ewig neutrale Kirche: eine Kirche, die allzu bekümmert um die doch wirklich nicht so leicht zu bedrohende Transzendenz des Reiches Gottes – zum stummen Hund geworden ist."

Die Reformation war und ist Protest und zu der Kirche der Reformation gehört die protestantische Diskurskultur, die wohl nicht mehr so recht zu einem Non-Profit Religionsunternehmen (Haberer) passen will. "Lebendig und kräftig und schärfer" rief der Kölner Kirchentag sich selber und allen anderen zu und das Plakat zeigt einen Haifisch, der zumindest eine Flosse hat, um die Richtung zu steuern. Gefehlt - und das haben findige Jugendliche ergänzt - haben die Zähne, die dieser Fisch ja bekanntlich hat. Lebendiger und kreativer sich einmischen, kräftiger und lauter sich zu Wort melden und schärfer und deutlicher formulieren - ja,  so könnte die Kirche der Reformation gemeint sein.

Wenn nach einem finanziellen Zwischenhoch in nicht allzu ferner Zukunft Kommisionen und Sparrunden Worte wie Reform, Kompetenz oder Profil neu definieren wollen, muss auch die kirchliche Jugendarbeit vorbereitet sein, um ihre Vorstellungen von Kirche "lebendig und kräftig und schärfer" einzubringen. Dabei wird es auch darum gehen, welche Angebote Kirche Jugendlichen bietet ohne dabei gleich öffentlichkeitswirksam  zu punkten. Konkret: Gehören z.B. die Jugend- oder die Schulsozialarbeit zum Kernbereich kirchlicher Arbeit? Zweitens wird es um die Frage gehen, welche Mitarbeitende Kirche zukünftig anstellen will. Das Papier "Kirche der Freiheit" ist voll der Sorge, wie bis 2030 die 15.000 bis 20.000 Theologinnen und Theologen finanziert werden können und welche Gehaltsstruktur verantwortbar sei. Dass gerade in der Jugend- und Bildungsarbeit viele Nicht-Theologen (und nicht verbeamtete) angestellt sind übersieht das Papier wie die meisten Landeskirchen auch. Und es wird drittens darum gehen, mit welchen Themen sich Kirche wie in den gesellschaftlichen Diskurs einmischen will. Um das wie wird es vornehmlich zu gehen haben - eben lebendig und kräftig und schärfer. Dabei wird es nicht ausbleiben anzuecken, denn Martin Luther fragte weder in Rom noch in Worms an, ob denn die Thesen so recht wären.

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Uta Pohl-Patalong: Wozu ist die Kirche da?

Die Kirche steht in Frage – sie ist fragwürdig im doppelten Sinne des Wortes: Kirche wird einerseits kritisch angefragt und durchaus auch in Frage gestellt. Andererseits wird ihr nach wie vor vieles zugetraut und sie wird in gewisser Hinsicht als neu des Fragens würdig gesehen. Zu Recht wird an sie gegenwärtig verstärkt die Frage nach ihrem Sinn und nach ihren Aufgaben in der Gegenwart gestellt.

Kirche heute

"Religion boomt, die Kirchen leeren sich" ist nur eines von vielen Schlagworten, mit denen die Situation in der medialen Öffentlichkeit beschrieben wird. Diese – in dieser Pauschalität selbstverständlich nicht zutreffende – Aussage reagiert darauf, dass sich die Bedeutung der Kirche für die Gesellschaft und für die einzelnen Menschen in den letzten Jahrzehnten, aber auch schon in den Jahrhunderten davor erheblich verändert hat. Die mittelalterliche Einheit von Gesellschaft, Religion und Kirche hat sich seit Beginn der Neuzeit nach und nach gelöst. Die Kirche hat ihre dominante Bedeutung nicht nur für den gesellschaftlichen Zusammenhang und das Leben von Menschen verloren, sondern sie hat auch ihre Rolle als selbstverständlich und übergreifend zuständige Instanz für Religion eingebüßt. Kirche hat sozusagen nicht mehr das "Monopol" für Religion, sondern Menschen nehmen sie für bestimmte religiöse und andere Aspekte in Anspruch – oder sie tun es nicht. Die soziologischen Stichworte der Individualisierung und De-Institutionalisierung von Religion besagen, dass nicht mehr die Kirche als Institution über das Verhältnis der Menschen zu ihr bestimmt (was sie früher mit der Sonntagspflicht, der Beichtpflicht, dem Pfarrzwang usw. tat). Stattdessen entscheiden die Menschen als Subjekte über ihr Verhältnis zur Kirche und ob und wie sie diese wahrnehmen und an ihr teilhaben. Da Menschen in ihrem Leben und ihrem Glauben verschieden sind, gestaltet sich ihr Verhältnis zur Kirche entsprechend unterschiedlich. Dafür spielt ihr jeweiliger Glauben selbstverständlich eine Rolle, er ist jedoch bei weitem nicht der einzige Faktor, wie nicht zuletzt die Lebensstilanalyse der vierten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD deutlich belegt hat: (1) Wie man lebt, welchen Werten man folgt, welche Gemeinschaftsformen man bevorzugt, welchen Bildungsgrad und Beruf man hat, wie der Familienstand und das Alter ist, welche Musik man hört, womit man sich in seiner Freizeit beschäftigt – all diese Faktoren beeinflussen das Verhältnis zur Kirche und lassen die Wahrscheinlichkeit steigen oder sinken, dass man regelmäßig mit der Kirche zu tun hat. (2) Das Verhältnis zur Kirche kann insofern keinesfalls als Indikator für "Glaubensstärke" betrachtet und vom Verhältnis zur Kirche direkt auf den Glauben geschlossen werden. Kirchenmitgliedschaft und kirchliches Teilnahmeverhalten ist ein komplexer Zusammenhang mit sehr unterschiedlichen Motivationen.
Kirche in theologischer Sicht

Theologisch kann die Aufgabe der Kirche als "Kommunikation des Evangeliums" (3) zusammengefasst werden. Dies lässt sich zum einen biblisch belegen, wenn man berücksichtigt, dass in der Bibel keine definitorische Aussage zur Aufgabe der Kirche zu erwarten ist, da die biblischen Schriften keine kirchliche Institution vor Augen hatten, sondern unterschiedliche Sozialformen des christlichen Glaubens. Zudem formulieren die biblischen Texte nur selten Definitionen, sondern erzählen und zeugen von Kommunikationsprozessen. Diesen unterschiedlichen Sozialformen gemeinsam ist jedoch, dass sie der Botschaft dienen, dass Gott in Jesus Christus Mensch geworden, gekreuzigt und auferstanden ist und auf diesem Weg alle Menschen, die an ihn glauben, hineinnimmt in seine Liebe und seinen Heilswillen für die Welt.
Dennoch bleibt der Begriff ein formaler und muss inhaltlich gefüllt werden. Wozu braucht es die Kirche genau? Diese Frage scheint mir zunächst sinnvoll empirisch gewendet, so dass ich fragen möchte: Wozu brauchen Menschen heute die Kirche?


Wozu brauchen Menschen heute die Kirche?
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Arne Manzeschke: Ist die Kirche ein Unternehmen?

Was ist ein Unternehmen?

Was eine Kirche ist, das, so meint Martin Luther in den Schmalkaldischen Artikeln, "weiß gottlob ein Kind von 7 Jahren, [...] nämlich die heiligen Gläubigen und die Schäflein, die ihres Hirten Stimme hören" (1). Um die Frage, ob die Kirche ein Unternehmen ist, nicht über Gebühr zu verkomplizieren, lasse ich die scheinbar schlichte Beschreibung Luthers einmal stehen und konzentriere mich darauf, ob von diesem "Gebilde Kirche" auch als Unternehmen die Rede sein kann. Dazu ist es hilfreich, den Begriff des Unternehmens oder auch der Unternehmung, wie es in manchen betriebswirtschaftlichen Theorien heißt, genauer zu bestimmen und ihn gegen andere, ähnliche Begriffe abzugrenzen. Hierbei stehen besonders die Begriffe Einrichtung bzw. Institution und Organisation zur Diskussion.

Institutionen

Für Christenmenschen ist der Begriff der Einrichtung naheliegend, weil er in seiner lateinischen Form, Institution, tief in unseren Sprachgebrauch eingegangen ist. Die Kirche ist von Gott eingerichtet worden (institutum est  in der lateinischen Variante des Augsburgischen Bekenntnisses, Art. 5), damit wir durch die Wortverkündigung und die Sakramente zum rechten Glauben gelangen. Auch bei der Diakonie sprechen wir häufig von sozialen oder karitativen Einrichtungen. Sie sind also nicht nur menschliche Einrichtungen, mit denen in dieser Welt etwas ein- und ausgerichtet werden soll, sondern gehen auf Gottes Auftrag zurück (vgl. die Weltgerichtsrede Jesu über die Werke der Barmherzigkeit in Mt 25, 31-40) und sind Ausfluss des Glaubens, der in der Liebe tätig wird (Gal 5,6).
Die Kirche als Institution zu begreifen, erschließt sich nicht allein über den Wortlaut, sondern vor allem über die Merkmale, die Institutionen auszeichnen. Eine Institution lässt sich allgemein beschreiben als dauerhafte Form des regelgeleiteten sozialen Handelns. Solche Formen lassen sich dann noch weiter differenzieren in: "individuelle, menschliches Umweltverhalten leitende Gewohnheiten und Grundsätze (Habitus), normative Regelungskomplexe sozialen Austauschs (Sprache, Geld, Recht, Eigentum, Handel, Kultus etc.), soziale Systeme und korporative Gebilde vom Typus der Organisation (Staat, Kirche, Unternehmen, Gewerkschaften)" (2). Die Kirche erscheint hier als Institution auf der Ebene der korporativen Gebilde; sie bietet Menschen eine Form für ein regelgeleitetes soziales Handeln in Sachen Religion. Sie wird erkennbar als eine Körperschaft, als ein Mitgliedsverband, die auch auf die anderen institutionellen Ebenen wirkt, auf den Kultus (z.B. Gottesdienst) oder den Habitus (z.B. Beten, Vertrauen, Einsatz für den Nächsten).
Der Institutionenbegriff erschließt wichtige Merkmale der Kirche. Es werden Gemeinsamkeiten mit anderen Institutionen, aber auch ihre Unterschiede deutlich. Eine weitere Institution "vom Typus Organisation" wird in der Definition genannt: das Unternehmen. Damit ließe sich nun schnell behaupten, dass sowohl Kirche wie auch Unternehmen zwar Institutionen seien, aber eben verschiedene. Und deshalb könne die Kirche auch kein Unternehmen sein. Dieser Schluss erscheint mir voreilig, weil wir damit lediglich wüssten, dass Kirche und Unternehmen nicht dasselbe sind. Spannender ist es aber zu verstehen, worin ihre Unterschiede bestehen und auch ihre Gemeinsamkeiten - sie rangieren ja beide als Institutionen des organisationalen Typs.

Organisationen

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Rolf Sturm: Kirche wohin?

Kirchliche Jugendarbeit im Leitbild von "Kirche der Freiheit"

Kirche der Freiheit - ein Impuls

"Ziel erreicht", so könnte man kurz und knapp formulieren, wenn man die Wirkung des Textes zusammenfassen wollte, den der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland im Juli 2006 veröffentlicht hat. Unter dem Titel "Kirche der Freiheit - Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert" beschreibt er die Herausforderungen, vor denen die evangelische Kirche steht und entwickelt das Szenario für einen Paradigmen- und Mentalitätswechsel, der notwendig ist, damit die evangelische Kirche zukunftsfähig bleibt.
Ein "Impulspapier" will "Kirche der Freiheit" sein. Eine Diskussion sollte angestoßen, ein Auftakt für eine Debatte auf allen kirchlichen Ebenen und Handlungsfeldern gegeben werden. Und das ist, das zeigen die Rückmeldungen, tatsächlich gelungen. In Gemeinden und Kirchenkreisen, Arbeitszweigen und Landeskirchen wurde der Text diskutiert. Ein Zukunftskongress der EKD hat Anfang 2007 die ersten Reaktionen gebündelt und neue Anstöße für die weitere Diskussion gegeben. Konkrete Projekte wie die Kompetenzzentren für ausgewählte Arbeitsschwerpunkte, etwa im Bereich Mission und Predigtkultur, wurden auf den Weg gebracht. Und eine Zukunftswerkstatt "Kirche im Aufbruch" für Multiplikatoren wird im September 2009 eine erste Zwischenbilanz und Standortbestimmung im gemeinsamen Reformprozess vornehmen: Was haben wir bislang erreicht? Was können wir voneinander lernen? Wie geht es weiter?
Kirche wohin? Diese Frage trifft offensichtlich einen Nerv. Nicht, dass sie eine neue Frage ist. Auch in früheren Jahren wurde sie gestellt - und auch immer schon beantwortet: in jeder einzelnen Entscheidung über Personal und Geld, über Gottesdienstformen und Veranstaltungstypen steckt immer auch eine Antwort auf die Frage, wie man sich die Kirche der Zukunft vorstellt. Bilder von Kirche und Gemeinde leiten die Verantwortlichen auf allen Ebenen - von der Ortsgemeinde bis hin zur Kirchenleitung - dazu an, hier "Ja" und dort "Nein" zu sagen. Und manchmal wird erst im Konfliktfall deutlich, dass es unter Umständen durchaus unterschiedliche Leitbilder sind, von denen man ausgeht.
Angesichts der aktuellen Entwicklungen in Kirche und Gesellschaft, die man mit den Stichworten Demografische Umbrüche, finanzielle Einbußen, Spätfolgen vergangener Austrittswellen, hohe Arbeitslosigkeit und globalisierter Wettbewerb knapp beschreiben kann, steht die evangelische Kirche in Deutschland vor großen Herausforderungen. Die evangelische Kirche wird zahlenmäßig aller Voraussicht nach allein aus demografischen Gründen kleiner und in finanzieller Hinsicht ärmer werden. Nötig ist ein aktives Umbauen, Umgestalten und Neuausrichten der kirchlichen Arbeit, ein bewusstes Konzentrieren und Investieren in zukunftsverheißende Arbeitsgebiete.
Was ist der Auftrag der Kirche? Was sind ihre zentralen Aufgaben und welche Ausrichtung ist ihr von der biblischen Botschaft insgesamt aufgegeben? Nach evangelischem Verständnis können diese Fragen nur in einem gemeinsamen Such- und Diskussionsprozess beantwortet werden. Zu dieser Diskussion hat das Impulspapier einen Anstoß gegeben. Nicht in der Weise, dass es für alle gegenwärtigen Handlungsfelder wie etwa auch die Jugendarbeit nun Konzepte vorgelegt hätte. Aber so, dass es Grundannahmen und Perspektiven benennt, die dann für den jeweiligen Bereich durchbuchstabiert werden können.

Aufgaben und Perspektiven

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"Jugendarbeit gehört zum starken Profil des Protestantismus"

Eberhard Cherdron von 1984 bis 1990 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland (aej), war bis Dezember letzten Jahres Kirchenpäsident der Evangelischen Kirche der Pfalz (Protestantische Landeskirche). Steffen Jung, heutiger Landesjugendpfarrer in der Pfalz, stand der aej von 2002  bis 2005 vor. Das Gespräch mit Eberhard Cherdron und Steffen Jung führte Wolfgang Noack

baugerüst: "Aufwachsen in schwieriger Zeit" war das Thema der EKD-Synode 1994. Ein Perspektivwechsel wurde gefordert, Kirche sollte kinder- und jugendfreundlicher werden. Über ein Jahrzehnt ist seither vergangen. Hat dieser Perspektivwechsel stattgefunden?

Cherdron: Meine Beobachtung ist, dass wir in der Kirche eher auf die Probleme der älteren Menschen aufmerksam geworden sind als auf die der Kinder und Jugendlichen. Die demografische Entwicklung rückt wohl die Probleme der älteren Menschen mehr in den Vordergrund.

baugerüst: Ab Ende der neunziger Jahre gab es dann in den Landeskirchen eine ganze Reihe von Kampagnen der Jugendarbeit. "Ohne uns sieht eure Kirche alt aus", "mitten drin und doch daneben", "Mehr als Ja und Amen" oder "funtastisch". Gewann die Jugendarbeit durch diese Kampagnen innerkirchlich an Bedeutung?

Jung: Ende der neunziger Jahre diskutierten die Mitglieder der  Landesjugendpfarrerkonferenz wie man Kinder und Jugendliche verstärkt ins Blickfeld rücken kann. Daraus ergaben sich zum einen Kampagnen die in die Öffentlichkeit wirkten und zum anderen sollte der Jugendverband neu strukturiert werden. Viele Ordnungen wurden in dieser Zeit neu entwickelt. Ziel war es, die Kinder- und Jugendarbeit in den Mittelpunkt kirchlichen Interesses zu rücken. Dies ist auch gelungen und den Kampagnen folgten viele Jugendsynoden.

baugerüst: War der Erfolg nachhaltig?

Jung: Heute habe ich den Eindruck, dass einiges von damals wieder in Vergessenheit geraten ist und die Diskussion um die Bedeutung von Jugendarbeit auf dem Hintergrund der Spardiskussionen neu aufgegriffen werden muss. In den letzten Jahren ist einiges nicht so gut gelaufen: die Reduzierung in den Landesjugendpfarrämtern oder die Zusammenlegung mit anderen Arbeitsbereichen. Ab 2010 sollte die Evang. Jugend noch einmal mit Kampagnen auf ihre Bedeutung hinweisen.

baugerüst: Warum hat der Perspektivwechsel nur unzureichend stattgefunden und Kinder- und Jugendarbeit  zwar als wichtigen aber eben nicht als den zukunftsträchtigsten kirchlichen Arbeitsbereich bewertet? Kirche müsste doch ein Interesse daran haben.

Jung: Anders als bei Kindern kann Kirche bei Jugendlichen schwerer andocken. Kirche wird von ihnen nicht selten negativ eingeschätzt, als langweilig gesehen, eher als etwas für die ältere Generation.
Darum liegt für die evangelische Jugendarbeit in der Distanzierung durchaus eine gewisse Chance um Jugendliche zu erreichen. Die Kirche tut sich mit dieser Distanzierung natürlich schwerer.

baugerüst: "Jugend ändert Kirche" behauptete selbstbewusst eine der  Kampagnen.

Cherdron: Ich glaube schon, dass viele wichtige Impulse für die Kirche von der Jugendarbeit ausgingen. Mir ist wichtig, dass Jugendliche mit ihren eigenen Kompetenzen und ihrem Blick auf die Gesellschaft die Erwachsenenkirche immer wieder herausfordern und anfragen.

Jung: Zurzeit erleben wir eine Stärkung der Jugendlichen als Akteure im Verband. Aber wir sehen hier in der Pfalz auch eine starke Beteiligung Jugendlicher an den Presbyterierwahlen, auch beim passiven Wahlrecht. Wenn Jugendliche ihre Kompetenzen in die Gemeinden einbringen, werden sie Kirche verändern. 
Cherdron: Jugendarbeit versteht sich in der Beziehung zur Kirche nicht selten immer noch als "daneben". Dabei müsste sie genauso wie beispielsweise die Kirchenmusik innerhalb und außerhalb der Kirche als ein starkes Profil christlicher Arbeit gesehen werden. Jugendarbeit braucht sich nicht zu verstecken, sie ist ein wichtiger Teil im Angebot der Kirche.

baugerüst: Oftmals wird beklagt, dass Jugendliche nur die kirchlichen Angebote für sie selber wahrnehmen, sich aber ansonsten verabschieden. Ist die Teilnahme oder das Engagement in der Jugendarbeit ein Wert an sich, auch wenn die Kirchenbänke am Sonntagvormittag leer bleiben?

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Karl Foitzik:Von der Konkurrenz zur Kooperation

Kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
in der Kirche von morgen

Welche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter braucht die Kirche in derZukunft? Pfarrer und Pfarrerinnen. Klar. Und darüber hinaus? Und wofür? Die Antworten hängen davon ab, wer gefragt wird. Die Stimmung bei den kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist eingetrübt und das Verhältnis der Berufsgruppen zueinander angespannt. Das Perspektivpapier der EKD "Kirche der Freiheit" beschreibt ausführlich den "Schlüsselberuf" des Pfarrers. (71 u.ö.) Über ordinierte Ehrenamtliche steht mehr im Papier als über alle anderen kirchlichen Berufsgruppen zusammen. Immerhin wird von den "leitenden geistlichen (!) Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern" "Verantwortungsbewusstsein für die verschiedenen Berufsgruppen in der Kirche erwartet". (74) Es ist verständlich, dass diese Berufsgruppen sich fragen, ob und in welchem Umfang die Kirche künftig überhaupt noch mit ihnen rechnet.
Man sollte meinen, dass zumindest die Pfarrer und Pfarrerinnen mit der dargestellten Perspektive zufrieden sind. Doch auch das ist nicht der Fall. Ihnen wird klar aufgezeigt, dass künftig nicht mehr so viele "Geistliche" bezahlt werden können. Wer soll dann die Arbeit machen, die von ihnen jetzt schon kaum zu bewältigen ist? In der Evang.-Luth. Kirche in Bayern sind die Pfarrstellen nach Auskunft des Finanzreferenten vor der Landessynode immerhin bis 2020 gesichert. Zur Perspektive der anderen Berufsgruppen hat auch er sich nicht geäußert.
Ein "Weiter so!" genügt nicht. Unzufriedene und perspektivlose Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter brennen aus und schaden der Kirche. Mit kosmetischen Korrekturen ist es nicht getan. Künftig geringere finanzielle Ressourcen bringen an die Oberfläche, was darunter schon lange schwelt. Es geht nicht nur um Zahlen. Es geht um das Kirchenverständnis.
In einem ersten Teil zeichne ich holzschnittartig die Entwicklung der Dienste und Ämter in der Kirche nach, um mögliche Spannungsfelder zu entdecken. In einem zweiten zeige ich Schritte zu einem effektiveren Miteinander von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und  hoffentlich bessere Perspektiven für alle.


Dienste und Ämter - ein historischer Überblick

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Beate Hofmann: Die Suche nach der heilen Welt

Evangelikale Bewegung in den USA.
Ein Erfolgsmodell für Deutschland?

"This church exists to create healthy, active, reproducing members of God`s kingdom in a Bible-based and culturally relevant way."(1) Dieses Motto aus dem Foyer der Church for all Nations in Tacoma im pazifischen Nordwesten der USA (2) bringt die Ziele der evangelikalen Bewegung auf den Punkt. Gemeinden wie diese beeindrucken durch ihre Größe, ihr Wachstum und ihre Effizienz: Mehrere tausend Menschen im sonntäglichen Gottesdienst, jährlich Hunderte neuer Mitglieder, neue Zweigniederlassungen in anderen Stadtteilen. 30 Prozent der amerikanischen Bevölkerung gehören heute zur evangelikalen Bewegung. Evangelikale Gemeinden, zu denen auch große Megachurches wie Willow Creek Community Church gehören, haben vier Kennzeichen: Sie sind auf Wachstum und Mission ausgerichtet, sie fokussieren persönliche Bekehrungserlebenisse, ihre Theologie konzentriert sich auf das Kreuz Christi als zentralem Heilsereignis, und sie betonen die Irrtumslosigkeit der Bibel. Trotzdem unterscheidet sich diese  Bewegung von fundamentalistischen Gruppen, vor allem im Blick auf ihr die Gegenwart bejahendes Weltbild und ihre Offenheit für moderne Kultur und Lebensformen.
Gemeinden wie Willow Creek gehören zu keiner Konfession; das ist typisch für die evangelikale Bewegung in den USA, die nicht wie "Kirche" sein will. Als Ausdruck der Distanzierung von den Kirchen "alten Typs" werden alle typisch sakralen Aspekte weggelassen: Kerzen, Kreuz, Talar, Gesangbuch, Altar; es gibt keine Liturgie, es beten nur der Pfarrer oder die Sänger.
Viele Gemeinden sind "Start-ups", von charismatischen Einzelpersonen in ihrem Wohnzimmer gegründet. Bei schnellem Wachstum wird dann ein eigenes Kirchengebäude gebaut. Es gibt keine Bekenntnisbindung, keine Überprüfung der Lehre, keine Ordination; oft fungieren Pfarrer ohne Theologiestudium als Gründer. Lose Zusammenschlüsse ähnlich gesinnter Gemeinden ersetzen kirchliche Strukturen, ermöglichen Synergien und den Austausch von Materialien und Hauptamtlichen. Der Erfolg, d.h. das schnelle Wachstum ist die Legitimation. Die Größe einer Gemeinde zeigt sich nicht zuletzt an der Größe des Parkplatzes: "big parking lot = big church = big spirit" lautet die Gleichung - und sie scheint zu funktionieren. Gerade in stark säkularisierten Gebieten wachsen diese Gemeinden am stärksten.

Was ist das Erfolgsrezept dieser Gemeinden?

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Autorinnen und Autoren

  • Rainer Brandt, Josefstal
    Pfarrer, Studienleiter des Studienzentrums

  • Eberhard Cherdron, Speyer
    Kirchenpräsident i. R.

  • Markus Etscheid, Düsseldorf
    Diplomtheologe, Referent für Kirchenpolitik und Jugendpastoral beim BDKJ-Bundesvorstand

  • Michael Fähndrich, Tübingen
    Diplompädagoge, Geschäftsführer der BAG EISA

  • Dr. Karl Foitzik, Neuendettelsau
    Professor

  • Michael Freitag, Hannover
    Grundsatzreferent der Arbeitsgemeinschaft der Evang. Jugend in Deutschland (aej)

  • Tobias Fritsche, Nürnberg
    Pfarrer, Teamleiter im Projekt Jugendkirche

  • Dr. Haringke Fugmann, Nürnberg
    Pfarrer, Mitarbeiter am Gottesdienstinstitut

  • Dr. Jan Hermelink, Göttingen
    Professor für prakt. Theologie

  • Dr. Beate Hofmann, Nürnberg
    Professorin für Gemeindepädagogik und kirchl. Bildungsarbeit an der Evang. Fachhochschule

  • Steffen Jung, Kaiserslautern
    Landesjugendpfarrer

  • PD Dr. Arne Manzeschke, Nürnberg
    Theologe, Leiter der Arbeitsstelle für Theologische Ethik & Anthropologie Kulturwissenschaftliche Fakultät GW II Universität Bayreuth

  • Barbara Overmann, München
    Pfarrerin, SchülerInnenarbeit der Evang. Jugend München

  • Dr. Uta Pohl-Patalong, Hamburg
    Pfarrerin, Professorin für prakt. Theologie an der Universität Kiel

  • Roger Schmidt, Genf
    Pfarrer

  • Dr. Friedrich Schorlemmer, Lutherstadt Wittenberg
    Pfarrer

  • Rolf Sturm, Hannover
    Kirchenamt der EKD

  • Peter Thomas, Sindelfingen
    Diplompädagoge, Supervisor, Organisationsberater, Mitglied im Beirat Sinus-Milieustudie U27

  • Dr. Michael Welker, Heidelberg
    Professor für Systematische Theologie an der Universität Heidelberg

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