das baugerüst 2/2009 Sprache und Kommunikation

Inhalt

  • thema
    Wolfgang Noack: Der Blick hinter die Wörter
    Einführung in das Heft
    Johanna Haberer: Ich kann dich (nicht) verstehen
    Bernd Beuscher: Mund-Art
    Über die (Ohn)Macht der Wörter

  • hintergrund
    Bedrohte Wörter
    Eva Neuland: Jugendsprache -
    Stein des Anstoßes und Symptom des Sprachverfalls?
    Katja Schmid: Welche Sprache spricht das Web?
    Testen Sie Ihr Denglisch
    Wolfgang Krischke: "Ich geh Schule"
    Kiezdeutsch und Kanak-Sprak
    Comicsprache
    Michael N. Ebertz: "Mit dir kann man doch nicht reden"
    Wie die Milieus kommunizieren
    Sprache im öffentlichen Raum
    Hermann Glaser: "Ich red" ja nur, ich sag" ja nichts"
    Über die Verantwortung beim Sprechen
    Worte und Unworte des Jahres
    Hans Zippert: Frauen verstehen alles, was Männer nicht sagen
    Erfolgreich kommunizieren
    Babylonische Sprachverwirrung
    Michael Freitag: Reden mit Gott
    Die Sprache des Gebets
    Renate Fischer: Lautlos sprechen
    Gebärdensprachen und das Werteproblem
  • standpunkt
    Rüdiger Breer: Miteinander reden
    Die Diskussionskultur in der  evangelischen Jugendarbeit
  • forum
    Peter Kristen: "Ich müsste Sie mal sprechen"
    Vom Ansprechen und Aussprechen in der Schulseelsorge
    Christoph Fasel: Sprache im Internet
    Texten im Zeitalter von Web 2.0
    Katrin Valentin: quatschen, diskutieren, reden
    Kommunikation im Jugendverband
    "Hier werden Sie geholfen"
    Sprache in der Werbung

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Wolfgang Noack Der Blick hinter die Wörter

Einführung in das Heft

"Wenn das Wetter kalt ist, wird die Puffunterlage sich langsam puffen. Entrollen die Puffunterlage und liegen auf ihr, dann wird sie von der Wärme sich Inflation bekommen. Wenn die Puffunterlage etwas kaputtgeht, kann man sie mit den zusätzlichen Nylon-Kleiderstoff und Zement die Feuchtigkeit immer schadet der Puffunterlage."
Wer diese Zeilen aus der Gebrauchsanleitung für eine Luftmatratze liest, wird bei dem kürzlich verabschiedeten Beschluss des CDU-Bundesparteitags jubilieren. Dort forderten die Delegierten das Grundgesetz um die Aussage "die Sprache in der Bundesrepublik ist Deutsch" zu erweitern. Besser wäre es jedoch, würde der Satz um die Adjektive "gut" oder "richtig" ergänzt. Die Gebrauchsanleitung einer Luftmatratze, verfasst in "richtigem" oder "gutem" Deutsch könnte den Schlafkomfort wesentlich erhöhen, verstünden doch alle, worum es geht und würden vor lauter grammatikalischen Fallstricken nicht nächtelang grübeln, was denn gemeint sein könnte.
Nur, was für Gebrauchsanleitungen durchaus gewisse Vorteile brächte, wird die Kommunikation zwischen den 80 Millionen Bürgerinnen und Bürger dieses Landes nicht automatisch sprunghaft verbessern. Da hilft auch kein drohender Fingerzeig aus dem Grundgesetz. In nicht allzu ferner Zukunft wird ein Drittel aller in Berlin geborenen Kinder nichtdeutsche Eltern haben. Ist dann etwa kein Deutscher, wer nicht deutscher Muttersprache ist? Was wird dann aus den Millionen deutschen Staatsbürgern, deren Mütter oder Väter kroatisch, türkisch, polnisch oder kurdisch sprechen? Die Muttersprache eignet sich nicht zu einem Schlachtfeld nationaler Identität.

Aber vielleicht zielt der Wunsch, die Sprache neben Name und Fahne im Grundgesetz endlich dingfest zu machen, auch in eine ganz andere Richtung. Weder das gebrochene Deutsch der Migranten noch die Erklärung zur Benutzung einer Schlafunterlage sind der Grund für die Aufnahme in die Verfassung, nein, die Delegierten des Parteitages hatten es wahrscheinlich satt, dass die Kolleginnen und Kollegen im Bundestag oder gar im Europäischen Parlament immer so ein Gesetzes-Kauderwelsch verabschieden. Recht haben sie! In der "Neunten Verordnung zur Änderung der Binnenmarkt-Tierseuchen-Schutzverordnung" stolpert man über den Satz: "Die Verordnung regelt auch das innergemeinschaftliche Verbringen sowie die Einfuhr nicht in Satz 1 Nr. 1 aufgeführter Tiere, die für Zoos, Wildparks oder sonstige Einrichtungen bestimmt sind, die nach den zur Umsetzung des Artikels ....." usw. usw. Verstanden? Wenn ja, dann probieren Sie es mit dem "Versorgungsausgleichs-Überleitungsgesetz" oder mit der 38. Verordnung zur Durchführung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes.

Das Problem ist jedoch nicht neu. Otto Fürst von Bismarck wird der Satz nachgesagt: "Je weniger die Leute davon wissen, wie Würste und Gesetze gemacht werden, desto besser schlafen sie." Wobei wir wieder bei der Luftmatratze wären.
Aber vielleicht sollte sich Politik dazu durchringen, von den Reiseerlebnissen eines Gullivers zu profitieren. Der fand in einem Land ein ganz besonderes Rechtssystem. "Kein Gesetz", so heißt es in dem Roman von Jonathan Swift, "in diesem Land darf mehr Worte umfassen, als das Alphabet Buchstaben enthält." Das wäre eine Reform und ein Ansporn sich kurz und verständlich auszudrücken.

Zu kurz darf die Kommunikation aber auch nicht ausfallen. Bei Twitter sind 140 Zeichen (nicht Wörter!) erlaubt, um die Welt zu erklären. Auf dieser - wie es in Neudeutsch heißt -
Microblogging-Plattform kann jeder Mensch eigene Texte, Statements und Beobachtungen veröffentlichen. Noch bevor irgendeine Nachrichtenagentur die Wasserung eines Flugzeugs auf dem New Yorker Hudson meldete, "twitterte" (engl. to tweet = zwitschern) das Ereignis schon durch das Netz. Nun mag das Wissen über diese waghalsige Landung noch einen gewissen Informationswert haben, schon die Mitteilung der eigenen Befindlichkeit, die Kommentierung des letzten Partybesuchs oder die tägliche Mitteilung: "Was ich gerade mache" sind von zweifelhaftem Gebrauchswert.
Aber Twitter und andere Blogs, Chats und auch schon die vertrauten Emails verändern Sprache und Kommunikation. Kürzer mit viel kreativer Wortschöpfung, eigener Orthographie und größerer Vertrautheit sowie flacher Hierarchie (der zweite RE: AW, AW beginnt schon mit Hallo und aus dem Sie wird ein Du) sind das Ergebnis medialen Sprachgebrauchs.

Sprache verändert sich. Wörter und Begriffe verschwinden, neue tauchen auf. Verwenden dann lange genug viele Menschen die Neuschöpfungen, werden diese durch die Aufnahme in den Duden geadelt und fortan müssen sich alle Grundschüler damit herumschlagen. Jakob Grimm, der Begründer unserer Sprachwissenschaft war davon überzeugt, wirklich gutes Deutsch sprach man nur in der Zeit, als Walther von der Vogelweide seine Lieder schrieb. Heute hätte besagter Minnesänger allerdings Probleme sein Nibelungenlied bei Twitter unterzubringen (wenn er es tatsächlich geschrieben hat).

Die Auseinandersetzung darüber, ob die Deutsche Sprache nunmehr durch Simsen oder Denglisch bedroht wird, ob die Durchsagen in ICE Zügen sprachlich die Schmerzgrenze erreichen oder ein Bundesbeauftragter für Gebrauchsanweisungen nötig wäre, sollen Sprachwissenschaftler auf Kongressen diskutieren. In diesem Heft geht es darum zu verstehen, was in Politik, Gesellschaft und Kirche gesprochen wird. Wer verstehen will muss hinter die Wörter schauen, die nicht selten verschleiern sollen, muss genau hinhören, verstehen und dann argumentieren. Diskursfähig werden. Das würde schon eher ins Grundgesetz gehören.

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Johanna Haberer: Ich kann dich (nicht) verstehen

"Wir bringen unser Leben zu wie ein Geschwätz", heißt es im 90. Psalm. Wenn man bedenkt, dass dieser Psalm einige tausend Jahre alt ist und das menschliche Leben beschreibt, als man sich noch auf Marktplätzen, an Gerichtsorten und in Tempeln traf, um sich auszutauschen; Zeiten, in denen es keine Zeitung, kein Radio und kein Internet gab, dann muss man zu dem Schluss kommen: es hat sich nicht viel geändert.
Es ist unter heutigen Bedingungen schwer, Worte mit Autorität und Gewicht von dem Strom an Dahingesagtem, Geplaudertem, Nicht-ernst-gemeintem, Gelogenem  zu unterscheiden. Durch die modernen, besonders die kommerziellen Medien hat sich unsere Mediengesellschaft egalisiert. Wo früher Fachleute und Experten, kulturbeflissene oder politikerfahrene Redakteure Bildung und Information zum höheren Wohl der Gesellschaft im Namen eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks anboten, ist mit der Kommerzialisierung des Rundfunksystems das Fernsehen für jedermann entstanden oder wie Harald Schmidt es zynisch formuliert hat, das "Unterschichtenfernsehen", in dem Nachbarschaftsstreit, Eifersucht, Wut, Neid kurz alles was den Menschen hässlich aussehen lässt, einen Programmplatz in der Talkshow bekommt. Und mit der Entdeckung des Internet web 2.0 ist praktisch jedermann in die Lage versetzt worden, selbst zum Sender zu werden und sein Innerstes nach außen zu kehren und sich dabei zu filmen.
Eigentlich hätte gerade dieses Medium den Traum von der Partizipation aller am öffentlichen Geschehen wahr machen können. Die ernüchternde Erkenntnis ist jedoch, dass die Quantität der Beteiligung an öffentlichen Diskursen keinesfalls deren Qualität steigert und man inzwischen zudem beobachtet, dass die unendlichen  Möglichkeiten des Internet die User in der Regel nicht dazu locken, Fremdes zu entdecken, sich mit neuen Ansichten und Überzeugungen auseinanderzusetzen, sondern sich überwiegend in den bekannten Sprach- und Milieunischen zu bewegen. Wobei vermutlich der Einfluss der unterschiedlichen Medien auf die Sozialisation von jungen Menschen heute so stark ist wie noch nie.
Die Menschen verbringen bis zu fünf Stunden am Tag mit audiovisuellen Medien, morgens erwachend eingehüllt in einen "Sprachteppich" und begleitet vom "Musikbett" des Radiosenders, tagsüber chattend und bloggend und abends einschlafend vor dem eigenen Fernseher, untermalt  vom Gebrabbel der Tonspur.
Im Protest gegen die unterschiedslose Dauerberieselung mit Tönen und Worten hat sich in Deutschland ein "Verein für Stille" gegründet, dem Prominente wie der Altbundeskanzler Helmut Schmidt und der Musiker Justus Franz angehören. Sie treten ein für das Recht auf Stille in öffentlichen Gebäuden und protestieren gegen die sprachliche und musikalische Untermalung allen Lebens.

Sein und Schein

Doch obgleich so unendlich viel geredet wird, hat man nicht den Eindruck, dass die Verständigung untereinander besser geworden sei. Vielmehr haben sich die Sprachen der Generationen, der Milieus und der unterschiedlichen Herkünfte eher auseinanderentwickelt.
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Hermann Glaser: "Ich red" ja nur, ich sag" ja nichts"

Über die Verantwortung beim  Sprechen

Man fragte Konfuzius einmal, womit er beginnen würde, wenn er ein Land zu verwalten hätte. "Ich würde den Sprachgebrauch verbessern", antwortete er. "Wenn die Sprache nicht stimmt, so ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist; ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist, so kommen die Werke nicht zustande; kommen die Werke nicht zustande, so gedeihen Moral und Kunst nicht; gedeihen Moral und Kunst nicht, so trifft die Justiz nicht; trifft die Justiz nicht, so weiß die Nation nicht, wohin Hand und Fuß setzen. Also dulde man keine Willkürlichkeit in den Worten. Das ist es, worauf alles ankommt."
Wenn ein junger Mensch, des Chattens und des SMS-Gequatsches überdrüssig – das soll vorkommen ", die Weisheit eines solchen Wortes begreift, mag er mit "cool" reagieren. Das ist ein Wort, das, positiv verwendet, durchaus eine Bereicherung des deutschen Wortschatzes, der zu allen Zeiten Fremdworte integriert hat, darstellt. Ein traditionell-deutsches Wort anstelle von "cool" fehlt bislang; da ist die Übernahme aus dem Englischen eine gute Hilfe: Es signalisiert Anerkennung, ohne aber durch Emotion den analysierenden Verstand ausschalten zu wollen; Sympathie ist angesagt, doch ist es eine Nähe über Distanz. "Cool" gehört also nicht zu der Gruppe des dem Imponiergehabe entspringenden und auf Düpierung ausgerichteten Denglisch, das eben immer dann überflüssig ist, wenn es keinen neuen Erkenntnishorizont eröffnet. "Übergrößen" versteht man besser als "plus sizes". "Bad bank" will nur verschleiern, dass man eine eigene Einrichtung braucht, um die insgesamt "schlimmen Banken" zu entlasten. "Talken" kaschiert, dass man den Wert von Gesprächen in ihrem Show-Charakter sieht. "Anders als herkömmliche Fahrräder haben bikes v-brakes und oversize-freestyle-Rahmen (frames) mit full suspension, unicrown-Gabeln, grip-shifting, moonline-Speichenringen und easy-fire-Schalthebeln. Der Lenker eines bikes ist der biker. Biker biken in der bikers-week nie ohne bikewear wie z.B. bike-tights oder biker-shoes" ? aus dem Buch "Modern talking auf deutsch" von Walter Krämer, Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik, Vorsitzender des "Vereins Deutscher Sprache", kann man ersehen, wie groß die Müllhalde überflüssiger Anglizismen inzwischen geworden ist.

Es geht nicht um "Sprachreinigung" – ein Begriff aus dem Wörterbuch ideologischer Unmenschen, die auf mythisch-raunendes Wurzeldeutsch beharren –, sondern um die ständige Aufgabe zu prüfen, wann und warum neue Worte sinnvoll sind (Sinn geben) und wann nicht. Dabei muss man bedenken, dass Neues durchaus neuer Worte bedarf. Aber auch dem Bekannten tut es oft gut, in verfremdende Formulierungen eingekleidet zu werden; denn das Bekannte, so Hegel, wird darum, weil es bekannt ist, oft nicht erkannt.
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Manfred Josuttis: Dem Volk aufs Maul geschrieben

Die Volxbibel will eine Bibel des Volkes sein. Sie "ist die erste Bibelübersetzung der Welt, an der jeder Mensch über das Internet mitgestalten und formulieren kann". Das klingt einladend und soll durch die Rechtschreibung des Projekttitels auch so wirken. Hier folgt man nicht den Regeln des allgemeinen Schriftverkehrs. Nicht was vorgeschrieben ist, sondern was abweicht und deshalb Aufmerksamkeit provoziert, soll hier zur Sprache kommen. Hier soll schon der gedruckte Text die Aufgabe übernehmen, die in der Vergangenheit die Volksprediger zu erledigen hatten. Das Evangelium soll dem Volk mundgerecht serviert werden. Die Intention ist o.k., die Durchführung wahrscheinlich schwieriger, als man zunächst meinen sollte. Vor allem stellt sich die Frage, ob Alltagssprache, aus welchem Milieu auch immer, geeignet ist, religiösen Texten gerecht zu werden.
Bei der Auswahl der Stichproben, die hier nur möglich ist, konzentriere ich mich auf den Vergleich mit einem anderen aktuellen Übersetzungsversuch. Die "Bibel in gerechter Sprache" will nicht dem ganzen Volk, sondern den Frauen und den Juden sprachliche Gerechtigkeit widerfahren lassen. An drei zentralen Stellen wird dabei die Tradition besonders stark und in meinen Augen auch unsinnig korrigiert.
Für das Verständnis Jesu ganz wichtig sind die sog. Antithesen. In der Bergpredigt bezieht sich der Mann aus Nazareth auf Formulierungen des Mose-Gesetzes und setzt (nach Luther) dagegen: "Ich aber sage euch" (Matthäus 5, 21ff). Die Formel selbst findet sich auch in der Auseinandersetzung zwischen Rabbinern. Dass einer damit aber gegen Mose selbst zu opponieren wagt, ist schlechterdings unerhört. Zu Unrecht verharmlost wird dieser Gegensatz, wenn man formuliert: "Ich lege euch das heute so aus". Jesus tritt hier nicht als Ausleger, sondern als Überwinder des Gesetzes auf. Sehr viel genauer sind dagegen die Formeln, die die Volxbibel verwendet: "Ich sage dazu aber ...". Besonders plastisch erläutert wird das Verbot des Ehebruchs. "Wer allein auf eine verheiratete Frau schon scharf ist und sie in seiner Phantasie schon fast ausgezogen hat, ist mit ihr in Gedanken schon fremdgegangen!" Jesus spricht hier ein Alltagsproblem jedes Mannes an - und das kann man nicht konkret genug deutlich machen.
Meine zweite Stichprobe gilt einem Satz aus dem Römerbrief, in dem Paulus seine theologische Position zusammenfasst: "Wir sind überzeugt, dass der Mensch gerecht wird ohne die Werke des Gesetzes, allein durch den Glauben" (3, 28). Wer sich gegen das Judentum nicht abgrenzen will, muss Paulus sagen lassen, "dass Menschen aufgrund von Vertrauen gerecht gesprochen werden - ohne dass schon alles geschafft wurde, was die Tora fordert". Der Glaube wird hier zu einer Ergänzung der Gesetzesfrömmigkeit, nicht zu ihrer Überwindung. Die Volxbibel ist wieder näher am Text, wenn sie ausdrücklich ein Fazit anbietet und dabei in der Alltagssprache zu umschreiben versucht, was "Gerechtigkeit" Gott gegenüber bedeutet. "Ich fasse noch mal zusammen: Nicht weil ich so toll gelebt habe, werden meine Schulden bezahlt, die ich bei Gott hatte, sondern weil ich mein Vertrauen auf Jesus Christus setze".

Wer spricht die Sprache des Volkes?
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Martin Dreyer: Jesus wollte verstanden werden

Kaum ein Bibel-Buch hat in den letzten Jahren für mehr Wirbel in der christlich-theologischen Szene in Deutschland gesorgt als die Volxbibel. Es gibt Protestbewegungen, Internetseiten, Unterschriftenlisten, öffentliche Forderungen, dass alle Volxbibeln verbrannt werden sollen, usw. Und man kann auch ohne Übertreibung behaupten, dass es wohl das erfolgreichste Bibel-Projekt der letzten Jahre ist. Viele Religionspädagogen, besonders im Haupt- und Realschulbereich, arbeiten damit im Unterricht, Jugendmitarbeiter nehmen sie für ihre Andachten, aber auch Pfarrer setzen sie im Konfirmationsunterricht und sogar in ihrer Predigt ein. Die Volxbibel landete mit einer derzeitigen Auflage von 150.000 Stück sogar in den weltlichen Bestsellerlisten auf Platz 23.
Sprache und das Evangelium

Sprache ist etwas Faszinierendes. Wir kommunizieren über Sprache, regeln unser Leben, vermitteln Inhalte und drücken Emotionen über sie aus. Durch Sprache identifizieren wir uns und grenzen uns von anderen ab, von anderen Völkern, aber auch von den Eltern, dem Nachbarn, dem andern Viertel, dem anderen Freundeskreis. Sprache lädt ein und lädt aus, vermittelt und distanziert.
Es ist überliefert, dass Jesus von Nazareth seine Reden in aramäischer Sprache gehalten hat. Warum hat er das getan? Ich vermute, er wollte, dass alle verstehen, was er zu sagen hatte. Es war ihm wichtig, dass man keine Voraussetzung in Sachen Bildung und Sprachfähigkeit mitbringen muss, um seine Botschaft zu hören. Ich glaube, dass Jesus die Menschen dort abholen wollte, wo sie waren, auch sprachlich. Sprache will verstanden werden. Das neue Testament ist in großen Teilen in Koine Griechisch verfasst worden, das keine Hochsprache der Gelehrten und Wissenschaftler war. Koine war die Sprache des normalen Menschen, die vom Großteil der Bevölkerung gesprochen und damit auch verstanden wurde. Das Merkmal von Koine ist eine Vereinfachung der Grammatik und des Lautbestands.

Das Evangelium muss verständlich sein
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Es wird Zeit, anders zu reden. Gespräch mit Jörg Zink über die Sprache in Theologie und Kirche

baugerüst: Herr Zink, haben Sie bei der Predigt, die Sie zuletzt hörten, jedes Wort verstanden?

Zink: Ja, das habe ich. Das war ein schlichter Fernsehgottesdienst, bei dem man gut mitkommen konnte.

baugerüst: Aber geht es Ihnen immer so?

Zink: Nicht immer, ich verstehe schon, was einer sagen will, aber ich habe das Gefühl, dass viele andere, die mit mir in der Kirche sitzen, die Wörter nicht verstehen.

baugerüst: Verstehen die Menschen Wörter wie Schuld, Sünde, Rechtfertigung oder Ähnliches nicht mehr?

Zink: Das ist sehr unterschiedlich. Das Wort Schuld können Menschen durchaus verstehen. Rechtfertigung dagegen überhaupt nicht. Das liegt auch daran, dass Luther unter Rechtfertigung etwas ganz anderes verstand als wir heute. Rechtfertigung bei Luther meint die Hinrichtung eines Verbrechers. Da wird an einem Menschen das Recht fertig gemacht. Wir sollten uns für Rechtfertigung ein anderes Wort einfallen lassen. Die Begriffe, die verwendet werden, müssen mit dem eigenen Leben kompatibel sein.

baugerüst: Muss das Reden über Religion, das Reden über das Heilige auch etwas Fremdes sein, etwas Verborgenes, etwas Nichtalltägliches?

Zink: Fremdartig heißt nicht, dass es unverständlich bleiben muss. Es kann durchaus verstanden werden in seinem geheimnisvollen Sinne. Wenn ich von meiner Seele spreche, dann spreche ich von etwas Fremdartigem und Geheimnisvollem, das sich mir nie ganz erschließen wird.

baugerüst: Muss die religiöse Sprache nah an den Menschen sein, bis hin zur Jugendsprache, wie sie in der Volxbibel verwendet wird?

Zink: Nun ist mir die Jugendsprache fremd und sie ist auch nur von sehr kurzer Dauer. Kaum wird eine Übersetzung veröffentlicht, wird die Sprache schon wieder abgelöst. Aber es kann durchaus sein, dass diese Sprache Jugendlichen einen Zugang eröffnet. Wir können hier gar nicht phantasievoll genug sein.

baugerüst: Muss die Bibel in "gerechte Sprache" übersetzt werden?

Zink:
Ich hätte da nicht mitgemacht. Dass Gott weiblich wird und der Teufel männlich bleibt, ist wohl nicht ganz im Sinne des Erfinders. Es sind da einige Dinge drin, die sehr eigenartig sind.

baugerüst
: Sie schrieben, dass die Bibel auch deshalb schwer zu lesen sei, weil in Gleichnissen und Bildern über Jesus und Gott geredet wird, die nicht mehr stimmen.

Zink: Die sozialen Verhältnisse haben sich total geändert. Was ein Mensch zur Zeit Jesu unter einem Vater verstand, versteht heute kein Jugendlicher mehr unter einem Vater. Das heißt, die Gleichnissprache stimmt nicht mehr. Mit einem Vater, der das Geld verdient und ansonsten abwesend ist, kann Gott nicht gemeint sein. Wenn ich sage, Jesus ist der gute Hirte, versteht das keiner mehr. Es gibt keine guten Hirten mehr. Vielleicht treiben noch einige ihre Schafherden über die Alm, aber der gute Hirte ist keine gesellschaftliche Person mehr.

baugerüst: Wie müssten sich die Bilder ändern?
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Autorinnen und Autoren

  • Dr. Bernd Beuscher, Duisburg
    Professor für kirchliche Bildungsprozesse
    an der Evang. Fachhochschule Bochum

  • Rüdiger Breer, Düsseldorf
    Pfarrer, bis 2008 Landesjugendpfarrer
    der EKiR

  • Martin Dreyer, Köln
    Herausgeber der "Volxbibel". Diplom-Pädagoge, freikirchlicher Theologe und therapeutischer Berater im Drogen- und Suchtbereich. In den 90er Jahren Gründer der Jesus Freaks
    in Deutschland.

  • Dr. Michael N. Ebertz, Freiburg
    Professor an der Katholischen Fachhochschule (KFH) in Freiburg, Diplomsoziologe und Theologe. Leiter des "Zentrums für kirchliche Sozialforschung (zekis)" in Freiburg

  • Christoph Fasel, Calw
    Professor SRH-Hochschule in Calw. Autor von BILD, Abendzeitung, Eltern, Reporter des STERN und ehem. Chefredakteur von Reader`s Digest

  • Dr. Renate Fischer, Hamburg
    Professorin, Institut für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser der Universität Hamburg

  • Michael Freitag, Hannover
    Referent der aej für Theologie, Bildung und Jugendsoziologie

  • Dr. Hermann Glaser, Roßtal
    Professor und Publizist

  • Johanna Haberer, Erlangen
    Professorin für Christliche Publizistik an der Universität Erlangen-Nürnberg

  • Dr. Manfred Josuttis, Friedland
    Professor

  • Dr. Wolfgang Krischke, Hamburg
    Journalist

  • Dr. Peter Kristen, Büdingen
    Pfarrer, Schulseelsorger am Wolfgang Ernst
    Gymnasium in Büdingen

  • Dr. Eva Neuland, Wuppertal
    Professorin Universität Wuppertal, Lehrstuhl Germanistik: Didaktik der deutschen Sprache und Literatur

  • Katja Schmid, München
    Journalistin, www.wissen.de

  • Dr. Katrin Valentin, Nürnberg
    Selbstständige Pädagogin in Projekten der subjekt-
    orientierten (evangelischen) Jugendarbeit.
    Von 2002 bis 2006 wissenschaftliche Mitarbeiterin bei dem Forschungsprojekt "Realität und Reichweite von Jugendverbandsarbeit" an der Freien Universität Berlin

  • Dr. Jörg Zink, Stuttgart
    Theologe und Publizist

  • Hans Zippert, Oberursel
    Welt-Kolumnist, schreibt regelmäßig für GEO und war von 1990 bis 1995 Chefredakteur des Satiremagazins "Titanic".

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