das baugerüst 3/2009 KinderLeben

Inhalt

  • thema
    Wolfgang Noack: "Ein bisschen auf die Knie gehen"
    Einführung in das Heft
    Martin Spiewak: Falsche Panik
    Isa Breitmaier: Kinder in der Bibel

  • hintergrund
    Christian Alt: Eine neue Sichtweise auf Kinder und Kindsein
    Kindheitsforschung heute
    Harald Riebold: Außen vor
    Kinderarmut in Deutschland
    Anja Beisenkamp, Christian A. Klöckner, Sylke Hallmann: Wann fühlen sich Kinder wohl?
    Ergebnisse aus dem LBS Kinderbarometer Deutschland 2009 zu Gesundheit, Ernährung und Mediennutzung
    Gunda Voigts: Arbeit mit Kindern in der Evangelischen Jugend
    Ein empirischer Blick auf Altersgruppen und Themen, soziale Segmentierung, Strukturen und Konzepte
    Wolfgang Bergmann: Lob der Gelassenheit
    Der Mythos vom tyrannischen Kind
  • gespräch
    Pädagogik braucht einen positiven Blick auf die Kinder
    Gespräch mit Hartmut von Hentig
    über die Zuversicht in der  Erziehung und dem derzeitigen Ruf nach Ordnung, über die verplante Kindheit in den Schulen und wie Erziehende den Kindern begegnen sollten.

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Wolfgang Noack "Ein bisschen auf die Knie gehen"

Einführung in das Heft

In Erich Kästners "Konferenz der Tiere" strömen die vierbeinigen, kriechenden, fliegenden und schwimmenden Lebewesen von überall her zusammen und richten einen Appell an die machtbesessenen und kriegerischen Menschen, weil diese einfach nicht zur Vernunft kommen wollen. "Mir tun bloß die Kinder leid, die sie haben", meinte der Elefant Oskar und ließ die Ohren hängen. Im Hochhaus der Tiere werden Pläne geschmiedet. Zuerst vernichtet eine Mäuse- und Rattenplage sämtliche Akten der Menschen, dann fressen sich die Motten durch die Uniformen der Mächtigen. Aber die Menschen hören nicht, diskutieren ewig weiter und sind nicht in der Lage eine friedliche Welt zu schaffen. Da greifen die Tiere zu einem drastischen Mittel: Sie entführen alle Kinder, denn die Kinder sind es, die am meisten unter Krieg und Ungerechtigkeit zu leiden haben. Nun waren die Kinder verschwunden! "Sämtliche Kinder sämtlicher Menschen waren fort! Die Eltern und Lehrer und alle Erwachsenen waren allein auf der Erde. Ganz kinderseelenallein.?
Einen "ewigen Friedensvertrag" sollen die Menschen unterzeichnen, lautet die Forderung. Ein Vertrag, der die Grenzen und die Waffen abschafft, die Büros, Beamten und Aktenschränke auf ein "unerlässliches Mindestmaß herabschraubt". Die Tiere rücken die Kinder erst dann heraus, als die Menschen sich auch mit dem Satz: "Das Ziel der echten Erziehung soll heißen: Es gibt keine Trägheit des Herzens mehr!" einverstanden erklären.

Erich Kästner schrieb diese Fabel 1947, als nach dem Zweiten Weltkrieg die Mächtigen der Welt trotz Konferenzen und Abkommen den heraufziehenden Kalten Krieg nicht verhindern konnten.
Nun hätten die Tiere heute viel zu tun, wenn sie vor jedem G8- oder G20- Gipfel, vor jeder Weltklima- oder Welternährungskonferenz die Kinder dieser Welt vor den Erwachsenen in Schutz nehmen würden. Auch wäre gar nicht sicher, ob die Menschen ihre Kinder, die jetzt alle Tyrannen geworden sind (Winterhoff), wirklich zurück haben wollen. Sollen sie doch bei den Tieren bleiben, so ließe sich die eine oder andere Zukunftsfrage getrost auf die lange Bank schieben. Was interessiert bei fehlendem Nachwuchs, ob das schmelzende Packeis am Nordpol 2030 oder doch erst 2040 den Meeresspiegel ansteigen lässt?  Wieso soll ein Finanzsystem geregelt werden, wenn den Schuldenberg sowieso keiner mehr abtragen muss. Und mit Ressourcen, die später keiner mehr braucht, muss auch nicht schonend   und nachhaltig umgegangen werden. Ohne Kinder lebt es sich leichter, sie stören da eher. Kinder bleibt bei den Tieren!

Aber statt die Zukunftsfragen im Sinne der nachwachsenden Generation zu regeln - den Tieren also gar keinen Anlass zu geben, einschreiten zu müssen - brechen die Menschen, zumindest hierzulande, eine Debatte über Erziehung vom Zaun, die den Eindruck hinterlässt, Kinder und Jugendliche entgleiten der Gesellschaft völlig. Mahnende Ratgeber erobern die Bestsellerlisten, Supernannys haben Konjunktur und in Dokusoaps zeigen Lehrer, wie man mit dem renitenten Nachwuchs richtig umgeht. Man hat den Eindruck, die Erwachsenen haben die Erziehung entdeckt, um den Tieren zu beweisen, nicht sie, sondern die Kinder selbst seien der Grund allen Übels.

"Zuversicht ist vermutlich das Wichtigste, was wir den Kindern zu geben haben", sagt der Reformpädagoge Hartmut von Hentig in dem baugerüst-Gespräch (Seite 56). Aber durch die vielen ungelösten Probleme, den Klimawandel, die sozialen Folgen der Globalisierung fühlen sich die Erwachsenen heute in der Welt weniger sicher, so von Hentig weiter. "Die Unsicherheit der Eltern teilt sich den Kindern mit".

"Als sie das Ziel aus den Augen verloren hatten, verdoppelten sie die Anstrengung." heißt es bei Mark Twain. Vielleicht liegt die Ursache der ganzen derzeitigen Erziehungsdebatte auch in der, wie es Neudeutsch heißt "outcoming" orientierten Betrachtung der Kindheit.  Mit early-english und frühkindlicher Mathematik geht es los und dann wird ein PISA-Test nach dem anderen durchgezogen, um herauszufinden, ob das in Kinder gesteckte Kapital auch Renditeerwartungen für die Gesellschaft verspricht.

Hartmut von Hentig dagegen plädiert für das geduldige Mitleben mit dem Kind und ein bisschen auf die Knie zu gehen, um die Welt auf seiner Höhe zu erleben.
Und die Tiere stellten als Bedingung für die Rückgabe der Kinder, dass es "keine Trägheit des Herzens mehr" geben dürfe. Beides durchaus ein Blick für Konzeption und Angebote evangelischer Arbeit mit Kindern

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Isa Breitmaier: Kinder in der Bibel

Biblische Texte stellen unser modernes
Konzept von Kindheit in Frage


Als  Entdecker unseres modernen Konzepts von Kindheit wird Jean Jacques Rousseau bezeichnet, der 1762 den Erziehungsroman "Emile oder über die Erziehung" veröffentlichte. Vielleicht ist es auf eine unreflektierte Rezeption Rousseaus zurückzuführen, dass sich mit "Kindheit" bei Erwachsenen oft die Vorstellung von Natürlichkeit, Unverdorbenheit und Schutzbedürftigkeit verbindet, eine romantische, vom regressiven Wunsch geprägte Vorstellung, die etwas unwiderruflich Vergangenem nachtrauert und deshalb in das Kindsein und ihren Umgang mit Kindern ihre Träume legt.
Einige der bekannten biblischen Kindheitsgeschichten, die als Klassiker in Kinder- und Jugendgruppen oder im Religionsunterricht in der Schule gelten, erweisen sich als von diesem romantischen Blick her gedeutete. Bei genauerem Hinsehen füllt  die Bibel das Thema "Kindheit" eher zurückhaltend und realistisch.
So ist es z.B. in Gen 22 gar nicht ausgemacht, dass Isaak überhaupt ein Kind war, als Abraham der Aufforderung ihn zu opfern nachkommen wollte. Nach Gen 17,17 ist Sara 90 Jahre alt, als er gezeugt wurde und im Anschluss an die Erzählung in Gen 23 heißt es, dass sie 127 Jahre alt war, als sie starb. Die beiden Kapitel folgen direkt aufeinander, was jüdische Tradition dazu veranlasst zu errechnen, dass Isaak 37 Jahre alt war, als er mit Abraham auf den Berg Morija zog.(1) Dann aber liegt der Fokus der Erzählung weniger auf der Einwilligung des Abraham in einen skandalösen Machtmissbrauch gegenüber dem Schwächeren als darin, dass Abraham und Isaak sich freiwillig dem Willen Gottes unterwerfen.

Von Moses Kindheit wird erzählt, dass sie gefährdet war, dass er durch besondere Umstände als Hebräer am Hof des Pharao aufwuchs, aber seine Kindheit wird nicht besonders hervorgehoben. Seine Mutter stillt ihn bis er "groß geworden" ist, danach wird er zum Sohn der Tochter des Pharao (Ex 2,9-10). Wir erfahren also nichts über die Zeitspanne, die er unter den Hebräern lebte, auch nichts über seine Ausbildung, allenfalls in der Formulierung, "er wurde ihr zum Sohn", dass er am ägyptischen Hof eine gesicherte Jugend verbrachte.

Auch David ist kein Kind mehr, als er von Samuel gesalbt wird. Er kann ein Instrument spielen, hat sich bereits als tapfer erwiesen, ist tüchtig im Kampf und des Wortes mächtig (1 Sam 16,18). Anders als in Kinderbibeln zum Teil behauptet wird ist er nicht zu schwach, "Helm und Schuppenpanzer" des Saul im Kampf gegen Goliath zu tragen, sondern er ist eben ungeübt darin. Er sagt: "Ich kann nicht damit gehen, denn ich habe es nie versucht" (1 Sam 17,38-39). Die biblische Erzählung zeichnet also den Gegensatz zwischen einem Profisoldaten, denn Goliath hat sich von Jugend an im Kampf bewährt (1 Sam 17,33), und einem jungen, ungeübten Kämpfer, der seine Zeit mit Schafehüten und Musizieren verbrachte. Dass David dennoch siegt, wird in der Erzählung damit begründet, dass Gott auf seiner Seite steht, während Goliath an Götter glaubt (1 Sam 17,43). Es ist also weder seine kindliche Genialität als zukünftiger König, die ihn die Angelegenheit mit Stein und Schleuder lösen lässt, noch der rührende Mut des unbedarften Kindes, der ihn zum Ziel führt.

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Wolfgang Bergmann: Lob der Gelassenheit

Der Mythos vom tyrannischen Kind

Disziplin und Gehorsam sind "in", wenn es um die Erziehung von Kindern geht. Warum diese Renaissance der Strenge" Konflikte lassen sich mit Liebe und Gelassenheit sehr viel besser lösen.

Es hätte ja auch ein Witz sein können oder eine Satire - war`s aber nicht. Wie schon bei Bernhard Buebs "Lob der Disziplin" habe ich auch bei Winterhoffs "Warum Kinder Tyrannen werden"-Megaerfolg die ganze Zeit darauf gewartet, dass sich ein Redakteur des Satiremagazins "Titanic" zu Wort meldet und erklärt, man habe nur ausprobieren wollen, was man den Leuten alles so vorsetzen könne. Ich habe vergeblich gewartet! Leider war alles ernst gemeint, die Tyrannen des Herrn Winterhoff ebenso wie die Disziplin von Bernhard Bueb und die ellenlangen Reihen von "Gehorsamsbüchern", die sich in jeder Buchhandlung finden. Alle von "Experten" geschrieben. Sie haben leider einen gemeinsamen Nachteil: Von wenigen Ausnahmen wie Jesper Juul, Anna Wahlgren und natürlich Steve Biddulph abgesehen, haben sie schlicht nicht verstanden, wie Kinder ihre Gefühle und ihren Körper entfalten, wie sie ein Körper- und ein Weltwissen erwerben, und was dies alles mit der Liebe zu Mama und Papa zu tun hat. Sie haben keine Ahnung davon - und das finde ich unfassbar! Schließlich handelt es sich um ein gut hundertjähriges Wissen aus der Geschichte der Psychologie und ein etwa vierzigjähriges Wissen aus der Bindungsforschung.

Lauter kleine Monster?

Wir wissen so viel über Kinder, vor allem über die ganz frühe Kinderzeit - also die  Entwicklungsphasen, die ein Leben lang prägen. Schauen wir jedoch in die  Bestseller der neuen "Gehorsamsliteratur", findet sich darin nichts davon; kein Wort von der Bedeutung von Bindung und den beeindruckenden Verhaltensexperimenten, die es dazu gibt. Nichts lässt auch nur eine entfernte Kenntnis der reichen wissenschaftlichen, therapeutischen und pädagogischen Literatur erahnen; nichts von Fröhel, Korcak und Pestalozzi oder, auf Seiten der Psychologie, von Anna Freud oder Donald Winnicott oder Helm Stierliu und einer Reihe weiterer großer Namen. Was ist da passiert? Wo ist jenes lebendige Wissen geblieben, das in Kliniken und Therapien und in den Schulen erworben und vielfach aufgezeichnet wurde? Was ist noch übrig vom "Jahrhundert des Kindes", von dem Ellen Key sprach?

Wenig, fast nichts

Angefangen hat alles mit der Super-Nanny, die in ihren ersten Staffeln dreijährige Kinder auf einen "stillen Stuhl" schleppen ließ, die Kamera immer mitten auf den verweinten kleinen Gesichtern. Sie setzte einen Trend, auch wenn sie sich heute davon distanzieren möchte - was ihr persönlich durchaus zu glauben ist. Auf den Fachtagungen sieht`s nicht viel besser aus. Mindestens jeder dritte Wortbeitrag endet mit der Feststellung, dass Kinder Grenzen brauchen, dass sie ohne den kontrollierenden Blick von Erwachsenen, Pädagogen und Psychologen sofort in eine Horde dissozialer Monster mutieren.
Da kann man lange warten, bis endlich einmal jemand aufsteht und sagt, dass Kinder eine pure Freude sind, dass sie uns mit ihrem Lachen, ihrer ursprünglichen Daseinsfreude mehr über die Geheimnisse des menschlichen Glücks erfahren lassen, als alle wissenschaftlichen Vorträge plus Statistik und Powerpointpräsentation, die auf solchen Kongressen oder Tagungen üblich sind, zusammen genommen.

Brauchen Kinder Zwang?
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Gespräch mit Hartmut von Hentig

Pädagogik braucht einen positiven Blick auf die Kinder

Gespräch mit Hartmut von Hentig über die Zuversicht in der  Erziehung und dem derzeitigen Ruf nach Ordnung, über die verplante Kindheit in den Schulen und wie Erziehende den Kindern begegnen sollten.

baugerüst: Herr von Hentig, der Bonner Kinderpsychiater Winterhoff behauptet, immer mehr Kinder sind zwar nicht psychisch krank, aber gestört, Kinder seien erzogen, aber trotzdem respektlos.

von Hentig: Als 84-Jähriger habe ich nicht mehr viel mit Kindern zu tun, aber auch ich wage eine Verallgemeinerung: Nicht die Kinder stören, sondern wir Erwachsene fühlen uns gestört und müssen uns fragen: Warum eigentlich?

baugerüst:
Ist der Blick auf die Kinder heute ein anderer geworden?

von Hentig:
Erwachsene fühlen sich heute in der Welt weniger sicher als ihre Eltern und Großeltern. Nehmen Sie mich. Inmitten von Krieg und Chaos habe ich nie gezweifelt, dass das alles vorübergehen werde. Wir würden für das von Deutschen begangene Unrecht zahlen müssen, aber unser Leben werde wieder in Ordnung kommen. Die Menschen hatten ihre Welt im Griff. Die heutigen Generationen haben diese Gewissheit nicht: Da hat es Contergan und Tschernobyl gegeben, da gibt es den Albtraum des nicht mehr aufhaltbaren Klimawandels und die sozialen Folgen der Globalisierung, denen niemand gewachsen zu sein scheint. Die Unsicherheit der Eltern teilt sich den Kindern mit. Mein Vater konnte sagen: Wenn du das machst und es richtig machst, wirst du in der Welt bestehen. Welche Eltern können das heute so sagen?

baugerüst: Kann Erziehung ohne Zuversicht überhaupt erfolgreich sein?

von Hentig: Die Zuversicht ist vermutlich das Wichtigste, was wir den Kindern zu geben haben – vor allem auch in der Schule. Kleinen Kindern sind die meisten Gegenstände, die die Schule zu bieten hat, unbekannt, sie finden alles interessant, sind neugierig, wollen dieses und jenes ausprobieren. Alles, was ihnen gelingt, macht sie stärker und sicher. Wenn die Lehrer in erster Linie auf das achten was misslingt, schwächen und entmutigen sie die Kinder. Kein Wunder, wenn diese in die virtuellen Welten ausweichen. Da üben sie sich dann im Hinnehmen des Unverstandenen.

baugerüst: Wenn Eltern verunsichert sind, wie sie mit Kindern umgehen sollen, ist das auch der Grund für die Flut von Ratgebern, die überall angeboten werden?

von Hentig: Zunächst sind die Erwachsenen unsicher bezügliches ihres eigenen Lebens. Die Ratgeber verunsichern sie nun auch hinsichtlich ihrer Funktion als Erzieher ihrer Kinder. Die selbsternannten Experten gaukeln den Eltern vor, wer nicht gelesen habe, was in diesem Buch steht, könne gar nicht richtig erziehen. Jahrhunderte haben die Mütter nichts anderes getan als sich erinnert: Wie war das eigentlich bei mir? Oder sie haben andere gefragt: Wie macht ihr das? Wenn sie vernünftig waren, haben sie daraus kluge Schlüsse gezogen. Wissenschaftliche Gewissheit, Bestätigung durch die Statistik brauchten sie nicht. Diese hätten sie nur von der eigenen Beobachtung abgelenkt. Die kann einem niemand ersparen. Kindererziehung ist eine ganz und gar individuelle Angelegenheit – so individuell wie sonst nur die Liebe.

baugerüst:
Geht der Erziehung immer eine bewusste Entscheidung voraus?

von Hentig: Das Kind wird immer erzogen, ob ich etwas tue oder nicht. Erziehung ist – im Jargon der Pädagogen – "funktional" oder "intentional", das heißt, sie kommt entweder aus den Umständen, oder ich habe sie beabsichtigt. Ich muss beurteilen können, was meinem Kind jetzt gut tut. Und beurteilen kann man das am besten mit dem Auge der Liebe. Wissenschaftliche Ratgeber helfen da weniger als das geduldige Mitleben mit dem Kind und ein bisschen auf die Knie gehen, um die Welt auf seiner Höhe zu erleben.

baugerüst:
Wer erzieht heute?

von Hentig: Wie schon immer vor allem die Eltern, die Nachbarn, die Freunde, die Schule. Nun aber auch das Fernsehen, der sie umgebende Reichtum, die Uhr – also die Gedrängtheit des modernen Lebens. Und vergessen wir nicht: die Geschwister! In Familien mit drei oder vier Kindern haben die Eltern einen viel geringeren Anteil an der Erziehung, weil diese von den Kindern untereinander erledigt wird. Dagegen steht ein Einzelkind ununterbrochen im Mittelpunkt der Fürsorge, der Erwartungen, der Aufmerksamkeit, der Maßnahmen. Das tut ihm nicht gut. Ich habe einmal ein "Menschenrecht" formuliert (das dann leider nicht in die Charta aufgenommen worden ist): "Der Mensch, der auf die Welt kommt, hat ein Recht auf wenigstens ein Geschwister." Man wird ein anderer Mensch, wenn man keine Geschwister hat.

baugerüst:
Zurzeit gibt es eine Diskussion, die mehr Disziplin und das Setzen von Grenzen fordert.

von Hentig:
In erster Linie muss man die Bedürfnisse der Kinder erkennen. Ihre Bedürfnisse nach Bewegung, nach Zuwendung, ihre Neugier. Das kann lästig sein. Mich beunruhigt an den Büchern von Winterhoff und Bueb, dass sie auf einen Schlag eine halbe Million Käufer haben. Es gibt also eine gewaltige Zahl von Mitbürgern, die meinen zu wissen, dass ihre Kinder in erster Linie Strenge, Autorität und Führung brauchen. Woher kommt das? Müssen die Kinder nicht später in Freiheit leben, sich mit anderen über die gewünschte Ordnung verständigen, sich selbst disziplinieren?! Wie lernen sie das unter Zwang, unter ständiger Kontrolle durch andere? Nach dem Faschismus haben uns Adorno und Horkheimer, Tobias Brocher und die Mitscherlichs darüber aufgeklärt, wie dieser entsteht. Wir sollten vorsichtig sein mit den einfachen Ordnungsrezepten.

baugerüst:
Sie lehnen den Zwang in der Erziehung ab.

von Hentig: Man muss die Umstände so gestalten, dass das Kind die Wohltaten der Ordnung wie der Freiheit wahrnimmt. Die Notwendigkeit ersetzt den Zwang. Diesen Satz von Rousseau sollte auch Bernhard Bueb gelernt haben, als er bei mir Assistent war. Und diese Notwendigkeiten muss man oft erst schaffen, und das fällt in einer reichen Gesellschaft schwer.

baugerüst: Sie antworten den heutigen Mahnern nach Disziplin mit Rousseau?
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Dorothee Land: Eine starke Marke für Kinder

Perspektiven für die Arbeit mit Kindern
in der Evangelischen Jugend

Über die Arbeit mit Kindern innerhalb der Evangelischen Jugend nachzudenken, ist eine herausfordernde Aufgabe. Das Risiko ist groß, mit einer ausgewählten Sicht bei der Vielgestaltigkeit des Arbeitsfeldes in den Landeskirchen, den Freikirchen wie auch in den Verbänden eigener Prägung der Wirklichkeit nicht gerecht zu werden. Je nachdem, ob die Perspektive einer landeskirchlichen Einrichtung oder einer Verantwortlichen im Kirchenkreis eingenommen wird, ob man aus der Sicht als Hauptberufliche(r) oder Ehrenamtliche(r), als Pfarrer(in) oder Gemeindepädagoge(in), als Diakon(in) oder Kirchenmusiker(in) schaut, würde man zu sehr unterschiedlichen, ja vermutlich auch sich widersprechenden Aussagen gelangen.

Leitend für nachstehende Überlegungen soll darum folgende Frage sein: Welchen Stellenwert haben die Perspektiven der Kinder in der Evangelischen Jugend bzw. in der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland (aej)?

Kinder und ihre Perspektiven

Hier sei nur sehr holzschnittartig auf einige Punkte hingewiesen. Im Unterschied zur Jugendforschung ist die Kindheitsforschung noch relativ jung.(1) Jüngste Studien bestätigen, was die Praktiker(innen) schon seit langem wissen: "die" Kindheit gibt es nicht. Das verwundert nicht, weil Gleiches von "der" Jugend oder "den" Erwachsenen zu sagen ist. Wir können es nachlesen: Eine Vielzahl von Faktoren prägt den Alltag von Kindern in Deutschland. Die Lebenslagen sind mannigfaltig. Die sehr unterschiedlichen Bedingungen des Aufwachsens verbieten pauschale Antworten.

Dem entspricht es, dass in der Forschung mehr und mehr nach den sehr eigenständigen Antworten von Kindern gefragt wird. Aufhorchen lässt, wie deutlich betont wird, dass Kinder auch schon in sehr frühen Lebensphasen ihr Leben als Akteur(inn)e(n) gestalten und damit, was die Notwendigkeit betrifft, das Leben zu organisieren und Entscheidungen zu treffen, ganz und gar auf Augenhöhe mit Jugendlichen oder Erwachsenen agieren, ja agieren müssen - und das trotz sehr divergierender Voraussetzungen.

Kinder rücken unter sehr unterschiedlichen Perspektiven immer stärker in die Aufmerksamkeit Erwachsener. Kindheit wird "als kostbare Zeit des frühen Erwerbs von Kompetenzen...als Vorbereitung und Ausrichtung auf die Teilhabe am Wirtschaftsleben sowie am demokratischen Gemeinwesen... als Zielgröße für Maßnahmen einer wohlfahrtsstaatlichen Zweckmäßigkeit"(2) betrachtet. Bedenklich ist, dass dabei die Kompetenzen der Kinder und ihr sehr ernst zu nehmender Beitrag bei der Lösung von zentralen gesellschaftlichen Herausforderungen nur begrenzt in den Blick kommen.
Kinder geben eigenständige Antworten auf zentrale Fragen des Lebens: Woher komme ich und wohin gehe ich? Wer bin ich? Sie sind eigensinnig und überraschen immer wieder mit ungewohnten Sichtweisen auf Gott und die Welt. Ihre eigenständigen religiösen Erfahrungen irritieren im positiven Sinne, weil sie noch nicht durch erlernte Denkverbote verstellt sind. Ihre Bilder, ihre Sprache, ihre Verstehenshorizonte sind anders und für Erwachsene mitunter nicht leicht zu verstehen.
Kinder gestalten ihr Leben aktiv und können sehr genau benennen, was sie brauchen und wo sie Veränderungen für nötig erachten. Und das nicht nur bei Fragen im engeren Lebensumfeld, sondern auch im Blick auf gesellschaftlich und global bedrängende Themenfelder wie Armut und Gerechtigkeit. Mit ihrer Phantasie, positiven Selbstbezogenheit und der Fähigkeit, Phänomene ganzheitlich wahrzunehmen, kommen sie zu Antworten, die Erwachsene mit ihrer ausgeprägten Neigung, das Scheitern voraus zu nehmen, verblüffen.

Die Evangelische Jugend muss sich als eine durch Selbstorganisation, Beteiligung und Freiwilligkeit geprägte jugendverbandliche Organisation immer wieder fragen, wie und wo sich die Perspektiven der Kinder und die Arbeit mit Kindern adäquat in ihren Themenstellungen, Diskussionsprozessen und Strukturen abbilden. Sie steht damit nicht am Anfang. Das Positionspapier vom November 2003: "Kinder bilden Kirche - Das Profil der Arbeit mit Kindern in der Evangelischen Jugend" kann Grundlage für eine kritische Beurteilung des derzeitigen Stellenwertes der Arbeit mit Kindern wie auch der Ausgangspunkt für weitere Entwicklungen sein. Mit den Aussagen des Positionspapiers ist festzuhalten, dass die Arbeit mit Kindern vom Selbstverständnis der Evangelischen Jugend her der Jugendarbeit nicht zuzuordnen ist. Sie ist vielmehr eigenständiges und integrales Arbeitsfeld. In ihm und seinen konkreten Ausformungen auf allen Ebenen erhalten die Perspektiven von Kindern einen Ort und Freiraum in verbandlicher und gemeindlicher Kinder- und Jugendarbeit. Seinen sichtbaren Ausdruck hat dies in dem seit der EKD-Synode von 1994 angestoßenen Prozess zum Perspektivenwechsel(3) gefunden.

Was sind die Herausforderungen für die Zukunft?

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Frieder Harz: Wie Kinder ihren Glauben leben


Da haben Kinder im Garten eine tote Maus gefunden. Nach neugierig-vorsichtigen Untersuchungen kommen sie zu dem Schluss, dass das Tier beerdigt werden muss - mit dem Ritual eines Begräbnisses, das mit dem Aufstellen eines kleinen Holzkreuzes am Grab endet. Damit ist die Welt wieder in Ordnung. Das Tote hat seinen Platz gefunden, das Leben kann weitergehen. Aber die tote Maus beschäftigt die Kinder in ihren Gedanken weiter: Kommt die Maus auch in den Himmel, vielleicht in den Tierhimmel? Und wie leben die Mäuse dort? Die Kinder äußern ihre Vermutungen, ziehen auch die Erwachsenen zu Rate. Vielleicht spricht die Erzieherin im Kindergarten nach solch einem Gespräch noch ein kurzes Gebet: Lieber Gott, wir wissen, dass nicht nur die Menschen, sondern auch die Tiere bei dir gut aufgehoben sind. So bitten wir dich auch für die tote Maus: Schenke du ihr bei dir im Himmel ein neues Leben, in dem es ihr gut geht und sie keine Angst mehr haben muss. Amen.

Religiöse Erfahrung bedeutet für Kinder, mit allem, was ihnen lieb und wert ist, gut behütet zu sein - gerade auch angesichts von Bedrohlichem, das solchen Erfahrungen zu widersprechen scheint. Ausgangspunkt kindlicher Spiritualität ist das vertrauensvolle Gefühl der Verbundenheit mit Bezugspersonen, das dem Kind mitteilt: du hast deinen guten, sicheren Platz in dieser Welt. Frühe Religiosität ist das Empfinden, ohne Vorbehalte geliebt zu werden. Diese grundlegenden Bindungserfahrungen sind der Schlüssel zur Welt, strukturieren Zeit und Raum, z.B. in den ritualisierten Spielen beim Wickeln, im begleitenden Geplauder. Besondere Bedeutung gewinnen solche Rituale an den Übergangsstellen im Tageslauf, vom Aufwachen und Begrüßtwerden bis zum Einschlafen. Bald weitet sich der Erfahrungshorizont und erlebte Abwesenheit der Bezugspersonen will verkraftet sein: das geschieht mit Hilfe von Symbolen, die gleichsam aufgeladen sind mit dem Versprechen, auch in der Abwesenheit der geliebten Person in einer guten Ordnung aufgehoben zu sein.

Mit diesen religiösen Ausdrucksformen - gewonnen in den frühen Beziehungen und all dem, was sie für das Kind repräsentieren - gestalten Kinder auch später ihre Religiosität. Auch da brauchen sie anschauliche, zuverlässige Vergewisserung, besonders angesichts der sich rapide ausweitenden erfahrbaren Wirklichkeit, samt den damit verbundenen Verunsicherungen. Kinder suchen nun nach einer Instanz, die auch jenseits der Reichweite und Wirkmöglichkeit der Bezugspersonen solche Geborgenheit verbürgen kann. Das Fragen nach Gott beginnt, und damit das große religiöse Projekt der Kindheit, mit den in den Bindungserfahrungen gewonnenen Ausdrucksformen eigenständig und konstruktiv die Beziehung zu diesem unsichtbaren und umfassend wirksamen Gegenüber zu gestalten. Kinder suchen nach solch einer unbegrenzt wirkenden Instanz, bei der sie ihr Bedürfnis nach Schutz und Geborgenheit in einem weiten Sinn festmachen können: Sie bringen den entsprechenden Angeboten großes Vertrauen entgegen und nehmen dieses Gegenüber in ihr Leben hinein. Rituale, Gespräche, Symbole bekommen so ihre Ausrichtung auf das göttliche Gegenüber, nachdenkendes Fragen und Suchen geben ihm einen vorstellbaren Platz in den entstehenden Bildern von unserer Welt und den in ihr wirkenden Gesetzmäßigkeiten.

Merkmal solcher Religiosität ist es, dass sie auch weiterhin ganz eng verbunden ist mit dem Welterleben der Kinder samt deren Bedürfnis nach Vergewisserung, in ihrer Welt gut aufgehoben zu sein. Aufgabe der begleitenden Erwachsenen ist es, den Kindern den Zugang zu den für sie angemessenen Ausdrucksformen zu erleichtern. Religionspädagogische Schlüsselaufgabe ist dabei die sog. Passgenauigkeit: Da ist zum einen das sorgfältige Beobachten und Wahrnehmen, was bei den Kindern jetzt dran ist und damit zum anderen das Bedenken, welche ihnen zugespielten möglichen Ausdrucksformen gut geeignet sein könnten, um von den Kindern selbst mit Leben erfüllt zu werden.

Religiosität lebt in Ritualen, Symbolen, Gebeten

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Stephanie Jentgens: Das unartige Kind

Eine verunsicherte Gesellschaft

Lob der Disziplin und Warum unsere Kinder Tyrannen werden sind die Titel von zwei Erziehungsbüchern, die 2008 erschienen sind. Beide gelangten auf die Spiegel-Bestsellerlisten. Bernhard Bueb, ehemaliger Leiter des Internats Salem, und Michael Winterhoff, ein Kinderpsychologe, sind die Autoren dieser Werke. Sie sind zwei Akteure einer neuen Erziehungsdebatte, in deren Zentrum das ungehorsame und rebellische Kind steht. Pädagogische Elternratgeber auf Bestsellerlisten und Supernannys, die im Fernsehen vorführen, wie man Kinder richtig erzieht, sind Symptome einer in Erziehungsfragen hochgradig verunsicherten Gesellschaft. Das antiautoritäre Modell der siebziger Jahre scheint ausgedient zu haben. Der Kinder-Knigge erlebt auf dem Jugendbuchmarkt eine Renaissance. Begriffe wie Ordnung, Autorität, Pflicht und Disziplin sind wieder en vogue. Sie führen in eine Zeit, in der auch der literarische Typus des unartigen Kindes entstanden ist: in die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts.

Das Urbild des "unartigen Kindes": Der Struwwelpeter

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Autorinnen und Autoren

  • Dr. Christian Alt, München
    Diplomsoziologe beim Deutschen Jugendinstitut

  • Anja Beisenkamp, Herten
    Diplompsychologin, Projektleiterin der LBS-Kinderbarometer Studie

  • Wolfgang Bergmann, Hannover
    Kinderpsychologe und Buchautor, Leiter des Instituts für Kinderpsychologie und Lerntherapie in Hannover

  • Dr. Isa Breitmaier, Karlsruhe
    Professorin für Religionspädagogik und biblische Theologie an der Evang. Hochschule Freiburg

  • Barbara Gruß, Nürnberg
    Diakonin

  • Sylke Hallmann, Herten
    Diplompsychologin, Projektleiterin der LBS-Kinderbarometer Studie

  • Dr. Frieder Harz, Berg
    Professor an der Evang. Fachhochschule Nürnberg

  • Dr. Hartmut von Hentig, Berlin
    Professor, Gründer der Laborschule in Bielefeld, Buchautor

  • Dr. Otto Herz, Bielefeld
    Reformpädagoge

  • Detlev Hoppenstock, Karlsruhe
    Landesreferent im Amt für Evangelische Kinder- und Jugendarbeit der Evangelischen Landeskirche in Baden

  • Dr. phil Stephanie Jentgens, Remscheid
    Gemanistin und Psychologin, Dozentin an der Akademie Remscheid, Forschungstätigkeit an der Universität Köln in Kinder- und Jugendliteratur

  • Dr. Christian A. Klöckner, Herten
    Diplompsychologe, Projektleiter der LBS-Kinderbarometer Studie

  • Dorothee Land, Magdeburg
    Landesjugendpfarrerin der Evang. Kirche in Mitteldeutschland,
    Vorsitzende der aej

  • Dr. Harald Riebold, Kassel
    Referent im Fachgebiet Kinder- und Jugendarbeit der Evang. Kirche Kurhessen-Waldeck, Jugendkulturarbeit, Bildungsarbeit mit Kindern

  • Martin Spiewak, Hamburg
    Journalist Die Zeit

  • Dr. Anna-Katharina Szagun, Bovenden
    Professorin im Ruhestand

  • Gunda Voigts, Hannover
    Diplom-Pädagogin, promoviert an der Universität Kassel im Rahmen eines Stipendiums der Hans-Böckler-Stiftung,  von 2001 – 2009 Geschäftsführerin des Deutschen Bundesjugendrings

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