das baugerüst 4/2009 Die Elemente - Feuer, Wasser, Erde, Luft

Inhalt

nach oben

Wolfgang Noack "Elementar leben"

Einführung in das Heft

Ein leichter Druck auf einen Knopf, die Heizung springt an und vertreibt die kalte Luft aus dem Raum. Der Dreh am Hahn lässt das Wasser aus der Düse sprühen, kalt oder warm.
Die eingeschaltete Klimaanlage tauscht die stickige Luft gegen frische aus und was die Erde „produziert“ wandert in den Einkaufskorb im Supermarkt.

Die Elemente des Lebens sind - zumindest hierzulande - per Knopfdruck verfügbar und konsumierbar. Wer denkt da noch an Urelemente, an Bausteine des Lebens, an energetische Kräfte?

Dass hinter Feuer, Wasser, Luft und Erde mehr steckt als Lieferanten des Wohlstands wird erst bewusst, wenn sie ihre Ungezähmtheit offenbaren oder uns ihre Bedrohtheit bewusst wird.

Der Regen, der Bäche in reißende Wasser wandelt, oder wenn Sturmflut und Tsunami ganze Landstriche bedrohen. Das Erdbeben, das den sicheren Boden unter den Füßen wegzieht oder die Feuerwalze, die alles frisst und vernichtet, was sich ihr in den Weg stellt. Die Luft wird erst dann zur Bedrohung, wenn der Mensch die versorgende Hülle verlässt, oder wenn der Smog die Sicht vernebelt und der Dreck sich auf die Bronchien legt; wenn das CO2 die schützende Ozonschicht löchert und der blaue Himmel sich zur Gefahr verwandelt. Ebenso das Wasser, das auf natürliche oder chemische Weise gereinigt, in Speichern vorgehalten wird und doch so empfindlich ist. Ein Liter Öl kann eine Million Liter Trinkwasser ungenießbar machen.

Und die Erde, die krümelige Masse, auf der wir stehen? Eine Humusschicht von 30 cm ernährt die Menschen und sorgt für das Überleben. Allein in Deutschland werden täglich 120 qm Fläche verbaut. Der Boden leidet weltweit an Verkarstung und Versiegelung, an Auszehrung durch Düngung und intensiver Landwirtschaft.

Einzig das Feuer selbst ist nicht bedroht, lediglich die fossilen Energiereserven, die der Mensch für Wohlstand und Mobilität verbrennt.

Der Mensch ist abhängig und bedroht von den Elementen und liebt zugleich ihre Schönheit.
Das wärmende Feuer am Kamin finden wir heimelig oder erinnern das Lagerfeuer während irgendeiner Freizeit; das rauschende Meer oder der Bergbach hinterlässt eine innere Gelassenheit; wenn wir auf den Atem achten, können wir ganz bei uns sein und ein frisch gepflügtes Feld riecht nach Leben.

Jedoch sind das alles nur mitteleuropäische Wohlstandsbilder.
Wasser war und ist in anderen Regionen der Erde schon immer knapp, oftmals nicht genießbar; der Boden unfruchtbar, verkarstet, nicht ausreichend für die Ernährung. Die verschmutzte Luft bedroht zuerst die Industriezentren der Erde, das Ozonloch jedoch kennt keine Grenzen.

Aber vielleicht bekommen wir über die Ambivalenz von Schönheit und Bedrohung wieder einen Zugang zu den Elementen des Lebens. Luft, Erde, Wasser lassen sich nicht beliebig herstellen, sind den Gesetzen des Kreislaufs unterworfen. Was ihr der Erde antut, tut ihr euch selbst an, warnten die Indianer den alles verplanenden weißen Mann. Eine Weltklimakonferenz jagt die nächste und doch fehlt der Mut (und die Fähigkeit?) zu konsequenten Schritten. Dass der Boden uns ernährt, ist beim täglichen Einkauf nicht gegenwärtig. Billig soll es sein und doch ist der Preis hoch, wenn auf immer weniger Fläche immer mehr erwirtschaftet werden soll.

„Achte auf den Atem, er wird dich alles lehren“ schreibt Edith Krug. Und wer darauf achtet, dem kann der Zustand der Luft nicht gleichgültig sein. Wenn der Durst „körperlich, seelisch und geistig“ ist (Heidemarie Langer), dann benötigen wir klares Wasser und nicht chemisch aufbereitetes Nass. Die Erde, die alles gibt und alles wieder aufnimmt verdient mehr Achtsamkeit als Wirtschaftlichkeitsberechnungen. Und mit dem Feuer spielt man nicht. Dass dies schiefgehen kann, musste Pauline im Struwwelpeter erfahren, feurige Ernergieabfälle schmeißt die Menschheit bis heute in undichte Bergstollen.

Dieses Heft setzt die Urkraft, die Schönheit, den Lebensgrund der Elemente in Beziehung zu dem, was der Mensch absichtlich und achtlos daraus gemacht hat. Wer sich mit den Elementen verbindet, wird sich als Teil der Elemente begreifen und erkennen, dass sich Feuer, Wasser, Luft und Erde nicht sorglos konsumieren lassen.

nach oben

Ingrid Riedel: Feuer, Wasser, Luft, Erde

Die vier Elemente in ihrer symbolischen und psychologischen Bedeutung

Die vier Elemente als Grundkräfte des Lebens haben vielfältige Symbolisierungen auf sich gezogen, d.h. der Mensch hat sie mit übertragenen Bedeutungen versehen, mit denen er ihre Bedeutsamkeit, die Lebenswichtigkeit von Feuer, Wasser, Luft und Erde in seiner menschlichen Lebenswelt betont, in seiner äußeren und sogar in seiner inneren, indem er sie sogar zur psychologischen Charakterisierung verwendet, indem er z.B. feurige und luftige Charaktere benennt, indem er von flüssiger oder flammender Rede spricht.

Warum eigentlich vier Elemente?

Rein physikalisch und chemisch betrachtet könnte es doch ungleich viele mehr geben! Deren Vierheit ist selbst symbolisch zu verstehen: die Vier versinnbildlicht nämlich pars pro toto eine Ganzheit aus unterschiedlichen, einander ergänzenden Teilen. Unter Feuer, Wasser, Luft und Erde werden von der griechischen Naturphilosophie Grundprinzipien vorgestellt, die unsere Welt strukturieren.
Empedokles (geb. um 83 v. Chr.), der griechische Naturphilosoph war es, der die Lehre von den vier unvergänglichen Elementen begründete, aus denen alles Lebendige entstehe, durch deren Mischung und Entmischung alle Dinge ins Dasein träten und wieder vergingen, wobei es die Energie der Liebe sei, die sie zusammenführe und der Hass, der sie wieder trenne.
Um die übertragenen Bedeutungen, mit denen der Mensch die Elemente umgibt, begreifen zu können, ist es immer sinnvoll, zunächst von deren anschaulicher Realität auszugehen und sich deren sinnenhafte Qualität zu veranschaulichen.

Erde - fest und dauerhaft

So ist die Erde als Ackerscholle, als formbare Tonerde anfassbar, ist substantiell, grobstofflich, fest und dauerhaft, relativ unzerstörbar, umfasst auch Stein und Fels, steht für Materielles überhaupt, für Materie schlechthin.
Erde hat auch reinigende Wirkung, indem sie durch die in ihr enthaltenen Mikroorganismen Schadstoffe abbauen und daraus wieder fruchtbare Muttererde bilden kann. Die therapeutische Wirkung des Moors und verschiedener anderer Heilerden ist bekannt. So wird in einem Traum einem Mann befohlen, Erde zu seiner Heilung zu essen.
Da wir auf der Erde stehen und gehen, ist sie ein Gelände, das uns trägt, das uns festen Boden, Stand und Halt vermittelt.  So ist sie, auf die Menschenwelt bezogen, ein Ort des Getragen- und Gehaltenseins, ein Ort, auf den sich bauen lässt. Halt und Stand gebende, tragende Qualität hat Erde auch im psychologischen Sinn, wenn sie z.B. in Träumen vorkommt. Natursteine, wie vor allem auch die aus Lehm gebrannten Ziegel, sind die frühen Baumaterialien des Menschen; aus Ton wiederum formt und brennt er seine ersten Gefäße.

.......
.......

nach oben

Frederek Musall: Woraus besteht das Sein?

 

Elementares Wissen

Manchmal sind es die scheinbar elementarsten Fragen, die am schwersten zu beantworten sind: Woraus besteht eigentlich das Sein? Woraus ist die Welt gebildet worden? Okay, Kohlenstoff wird jetzt der eine oder die andere vielleicht sagen. Und damit liegen er oder sie ja auch nicht falsch. Aber ehrlich gesagt kann man sich als nicht entsprechend wissenschaftlich Vorgebildete kaum sonderlich viel darunter vorstellen. Und zudem erklärt dies auch nicht, warum in unseren westlichen Denktraditionen immer wieder von den vier Elementen - nämlich Feuer, Wasser, Luft und Erde - die Rede ist, die unser Leben beeinflussen und prägen.
Die Ursprünge der so genannten „Vier-Elemente-Lehre“ liegen im antiken Griechenland, wo man sich schon früh intensiv mit der Frage auseinandersetzte, was denn nun der eigentliche und grundlegende Urstoff (griech. arché) der Existenz sei. Dabei gelangte man jedoch zunächst zu recht unterschiedlichen Antworten: Für den Philosophen Thales von Milet (624-546 v. Z.) etwa stellten alle Stoffe lediglich verschiedene Aspekte des Urstoffes Wasser dar. Thales begründete dies mit der einfachen Schlussfolgerung, dass das Wasser schließlich mengenmäßig am meisten vorhanden sei. Dies hatte auch Einfluss auf seine Kosmologie: Die Erde stellte er sich als eine flache Scheibe vor, die auf dem Wasser schwimmt. Aber auch von oben ist die Erde von Wasser umgeben, denn auch das halbkugelförmige Himmelsgewölbe besteht aus Wasser - was ja schließlich der Regen beweisen würde. Nicht alle vermochten Thales Theorie zu teilen - vielleicht war sie ja für manchen philosophischen Geschmack etwas zu „wässrig“. Thales’ jüngerer Zeitgenosse, der ebenfalls aus der Stadt Milet stammende Philosoph Anaximenes (585-525 v. Z.), sprach sich vehement dagegen aus und argumentierte, dass der Urstoff nicht im Wasser, sondern vielmehr in der Luft auszumachen sei, aus welcher alles andere entweder durch Verdichtung - wie Wasser und Erde - oder durch Verdünnung - wie das Feuer - entstehen würde. Doch auch die Sache mit der Luft war manchen nicht „gewichtig“ genug. Eine Generation später bot Heraklit von Ephesus (ca. 540-475 v. Z.) noch eine drittes Modell an: Er vertrat nämlich die Ansicht, dass das sich bei dem zu bestimmenden Urstoff um das sich stets wandelnde und verändernde Feuer handeln müsse, da alles Existierende ständigen Wandlungsprozessen unterworfen sei. Doch selbst wenn Heraklits Modell die spätere griechische Kosmologie maßgeblich beeinflusste, war es für manche Kritiker nichts anderes als heiße Luft! So lässt sich zusammenfassend sagen, dass selbst wenn die unterschiedlichen Modelle mittels interessanter und durchaus logischer Analogien begründet wurden, sie jedoch letztlich keine befriedigenden Antworten auf die Frage nach dem Urstoff boten.
....
....

nach oben

Heidemarie Langer: Wasser ist Leben

Am MeerWir hatten eine gute Entscheidung getroffen. Sicher, wir wussten, was dafür alles liegen bleiben müsste und waren nicht sicher, ob wir die Dinge in der kommenden Woche schaffen würden. Doch ebenso sicher wussten wir, dass wir ziemlich erschöpft waren und einfach mal raus mussten, an die frische Luft, ins Freie.Ans Meer zu fahren war eine gute Entscheidung.Kaum dort, ziehe ich die Schuhe aus und gehe am Wasser entlang. Spürbar und wie Schritt um Schritt lösen sich meine Anspannungen, Gedanken an Morgen und Übermorgen,  Ich gehe, höre das Meer, Klänge der Wellen, lasse mich gehen.Unendliche Weite vor mir.Geschichten fallen mir ein, die Wasser als unendlich und uranfänglich benennen, Schöpfungsgeschichten von Kulturen, die am Meer lagen. Prima Materia nannten sie das Wasser, der Stoff, aus dem alles Leben kommt. Auch die Bibel beschreibt Wasser als ursprünglich und uranfänglich. Ebenso Gottes Geist. Ruach wird sie dort genannt: Atem, Odem, wissender Geist, Weisheit. Ruach schwebt und brütet über den Wassern, sagt die Schrift. (1)Ursprung und Anfang allen Lebens ist Wasser und Geist.Leicht klingen die Worte, wenn ich hier am Wasser gehe und den Wind spüre. Und ebenso wundersam muten sie an. Denn wenn ich dieses Geist-Brüten über den Wassern bedenke und bildlich vor mir sehe, dann haben hier uranfänglich Wasser und Geist eine lebendige Verbindung miteinander aufgenommen. Kosmische Ur-Chemie? Und dann entstand der schöpferische Impuls: „Es werde!“ Schöpfungsbeginn. Ich staune. Was sind das für Verbindungen, die in den ersten Sätzen der Schöpfungsgeschichte erzählt werden!Der Anfang allen Lebens ist die Verbindung von Wasser, Geist und dem urschöpferischen Impuls zum Sein und Werden. Ist es nicht das, was heutige Forschungen vom Entstehen des Lebens sagen und was die alte Geschichte in ihren Worten immer schon wusste? GezeitenNicht nur ursprünglich kommt Leben daraus hervor.Geist, Wasser und Werden atmet und fließt in allem Leben immer weiter.Auch hier die Schöpfungsgeschichte:Gott, so heißt es, erschafft als erstes das Sonnensystem. Dann trennt er das Urwasser in Wasser unter der Erde und über ihr.Die Worte weisen darauf hin, dass der große Kreislauf des Wassers entsteht: aufwärts strebend, nach oben verdampfend - hinab regnend, Flüssen und Meeren zuströmend.Gemeinsam mit dem Sonnensystem entstehen die Gezeiten, Tag und Nacht, Tide im Meer; entstehen Rhythmen und Kreisläufe, die als lebendige Gesetzmäßigkeiten in jedem Wasser und Atem Odem leben.Alles atmet und lebt in ihnen. ......

......
......

nach oben

Lienhard Barz: Vom ethischen Wert sinnlicher Erfahrungen

Erfahrungsfelder zur Entfaltung
der Sinne als Orte des Lebens


Die Fragestellung


In welchem Maße kann eine bewusste Sinnestätig­keit zur Bildung von Werten und Normen beitragen? Dem Versuch, dieser Frage weiter nachzugehen, ver­danken „Erfahrungsfelder zur Entfaltung der Sinne“ ihre Existenz. Ihr Erfinder, Hugo Kükelhaus (1900-1984), beschreibt das Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne so:
„Es ist ausgestattet mit Geräten und Zurichtungen, die uns von Station zu Station mittels eigener Be­dienung Auskunft darüber geben, unter welchen Be­dingungen und auf welche Weise und mit welchem Erfolg die sich bewegen, die Haut fühlt, die Finger tasten, der Fuß greift, der Mund schmeckt, die Nase riecht, das Auge sieht, das Ohr hört, das Gehirn denkt, die Atmung atmet, das Blut pulst. [...] Wir werden in dem Bemühen, den Gesetzen unserer Organe gerecht zu werden, erfahren, wie wir selber zum Organ der Gesetzlichkeit werden, deren Walten den Gang der Gestirne und unser Leben steuert.“ (1)
Nach ersten Anfängen 1967 bei der Weltausstellung in Montreal gibt es heute in Deutschland statio­näre Erfahrungsfelder zur Entfaltung der Sinne als ausgebaute außerschulische Lernorte in Nürnberg, Wiesbaden, Essen, Biberach an der Riss und in Bre­mervörde, die teilweise seit vielen Jahren erfolgreich arbeiten. Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf das Erfahrungsfeld in Nürnberg.

Die Voraussetzung

Der Erfolg des methodischen Ansatzes der Erfah­rungsfelder ist an eine elementare Voraussetzung geknüpft: die Bereitschaft zur Eigentätigkeit. Im Hinblick auf die Sinneswahrnehmung erfordert dies allerdings die Korrektur eines weitverbreiteten Vor­urteils: dass Wahrnehmung ein passiver Selbstläufer sei. Eine solche Haltung gegen-über der Wahrneh­mung befördert eine Oberflächlichkeit, die von ei­ner Wiese nur sieht, dass sie grün ist. Die Vielfalt der Gräser und Pflanzen und die ganze Sinfonie der Farbnuancen, erschließen sich erst einem interesse­getragenen Hinschauen. Es kommt im Erfahrungs­feld alles darauf an, den Panzer gelangweilter Selbst­zufriedenheit zu durchbrechen. Die Chancen dafür sind allerdings gut. Besteht doch das Wesen aller Organe wie Herz, Gehirn und insbesondere der Sin­nesorgane darin, dass sie sich durch das Tätigsein de­finieren. Sie sind als lebendige Funktion enstanden, Untätigkeit bedeutet Verkümmern und Absterben, Tätigkeit Stärkung und Wohlbefinden. Es gilt also, diese Ausrichtung der Organe freizulegen. .....
....
....
....

nach oben

Petra Dais: Erdbewegungen

Werkstatttage in der Jugendkirche Stuttgart mit dem Künstler Thomas Putze

Erde - feucht, schwer und für manche vielleicht ekelig. Am Anfang und am Ende des menschlichen Lebens ist Erde - davon geht zumindest die christliche Tradition aus: Als Gott die Menschen schuf, formte er sie aus Ackerboden und blies ihnen den Lebensatem ein (1.Mose 2). Und am Ende des Lebens: „Erde zu Erde, Staub zum Staub“ - so erklingt es auf dem Friedhof, wenn der Sarg oder die Urne in der Erde versenkt wird. Was hat es mit diesem Element auf sich?
Der Künstler Thomas Putze, der seit vielen Jahren in der Stuttgarter Jugendkirche mitarbeitet, hat im vergangenen Jahr Werkstatttage mit Religionsklassen zum Lebens-Element Erde durchgeführt.

Die Werkstatttage in der Jugendkirche Stuttgart verbinden die oftmals fremden Texte und Vorstellungen der christlichen Tradition mit dem Alltagsleben der Jugendlichen. Religionsklassen verbringen einen Tag in der Jugendkirche und arbeiten mit KünstlerInnen. Im Folgenden einige Einblicke in den Werkstatttag „Erdbewegungen“.

Die Jugendlichen kommen morgens in der Kirche an. Sie betreten einen Kirchenraum, der für sie ungewöhnlich ist: Ein weiter Raum ohne Bänke oder Stühle. Spuren der vergangenen Tage und Wochen sind deutlich im Kirchenraum zu sehen: Auf dem Boden aufgereiht liegen Reliefs aus Ton, die von anderen Jugendlichen gestaltet wurden. Auf einer Bühne im Kirchenraum steht das Schlagzeug, das für das Bandfestival vorbereitet wurde. Am Innengerüst in der Kirche hängen Strahler, farbiges Licht beleuchtet den Taufstein. Vorne, um das Kreuz herum, sieht man einen schwarzen großen Quader, in den man hineingehen kann. Die Neugier auf den Tag ist geweckt.

„Das Ganze ist ein großes Geheimnis“

„Wir befinden uns mitten im Jugendkirchenfestival“, erklärt Dorrit Brandstetter, sie ist Jugendreferentin der Evangelischen Jugend Stuttgart und leitet jedes Jahr zwischen Ostern und Pfingsten viele Werkstatttage in der Jugendkirche. ....
....
.....
.....

nach oben

Sylvia Koch-Weser: Elementare Naturerfahrungen

in der Visionssuche mit Jugendlichen

Was ist Visionssuche?

Über Jahrzehntausende verstand der Mensch sich selbst als einen Teil der Natur und begriff seinen Lebensweg - Kindheit, Jugend, Erwachsensein und Alter - wie einen Kreislauf der Jahreszeiten in der ihn umgebenden Natur. Initiationsriten und Legenden halfen ihm dabei, die einzelnen Lebensphasen zu füllen, abzuschließen und hinter sich zu lassen. Alle traditionellen Kulturen auf der Welt kannten derartige und meist überraschend ähnliche Riten. So finden sich vergleichbare Traditionen bei den Germanen und Kelten, den alten Griechen und Normannen über Jahrhunderte bis ins christliche europäische Mittelalter. Die Verbreitung vergleichbarer Schwellenrituale quer durch alle Kulturen und Zeitalter scheint darauf zu verweisen, dass es sich dabei um eine Art Grundmuster der Krisenbewältigung handelt und um einen „Archetyp“ im Umgang zwischen Mensch und Natur.

Die Visionssuche als Übergangsritual in der Natur ist eine unmittelbare Naturerfahrung, die getragen ist von dem Wunsch, sich wieder an den großen Kompass der Natur anzulehnen, anzubinden, um sich auszurichten auf das, was als Mensch wirklich wichtig ist im Leben. Man geht hinaus in die Wildnis, in die Natur, alleine fastend, ohne Dach über dem Kopf, nur mit Wasser, einem Schlafsack und einer Plastikplane als Schutz gegen Regen, um nach innen zu lauschen, um sich wieder zu spüren jenseits der alltäglichen Ablenkungen und Pflichten, jenseits von dem „Kultürlichen“, was ja scheinbar so viel Sicherheit gibt; setzt sich der nackten Erfahrung des Da-Seins aus.

Das Ritual der Visionssuche besteht heute aus drei Phasen: Es beginnt mit einer intensiven Vorbereitungsphase, in der die Initianten sich über ihren gegenwärtigen Stand im Leben klar werden und in der sie ihre Absicht und ihr Ziel herausarbeiten, für das sie in die Wildnis gehen wollen.
Die Hauptphase des Rituals besteht dann darin, sich vier Tage und vier Nächte alleine fastend in die Wildnis zurückzuziehen, um das alte Leben zu beenden und in eine neue Phase herein geboren zu werden. Der Initiant kommt als ein Anderer zurück.
Die abschließende dritte Phase besteht in der Aufarbeitung der inneren, der symbolischen, psychologischen und spirituellen Erfahrungen, die der Suchende während seiner Zeit in der Wildnis gemacht hat und ihrer Integration in das Alltagsleben. ....

.....

.....

nach oben

Autorinnen und Autoren

  • Karin Anderten, Bremen
    Diplom-Psychologin, Psychologische
    Psychotherapeutin a.D., DGPT, DGA

  • Dr. Lienhard Barz, Nürnberg
    Ehem. Leiter des städtischen Jugendzentrums für kulturelle und politische Bildung, sowie des Erfahrungsfeldes für Sinne in Nürnberg

  • Petra Dais, Stuttgart
    Pfarrerin im Evang. Jugendpfarramt Stuttgart, Jugendkirche Stuttgart

  • Richard Friebe, München
    Journalist, Süddeutsche Zeitung

  • Sylvia Koch-Weser, Nürnberg
    Dipl. Biologin, Visionssucheleiterin

  • Sr. Edith Krug, Rödelsee
    Schwester der Communität Casteller Ring Schwanberg

  • Heidemarie Langer, Hamburg
    Theologin und Psychologin

  • Dr. Elisabeth Moltmann-Wendel, Tübingen
    Theologin und Publizistin

  • Dr. Frederek Musall, Heidelberg
    Professor für Jüdische Philosophie und Geistes-geschichte an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg

  • Peter Musall, Gelnhausen
    Theologe, Therapeut, Supervisor,
    ehem. Direktor des Burckhardthauses

    Dr. Dr. Ingrid Riedel, Konstanz
    Professorin, Lehranalytikerin C.G. Jung-Institut, Psychotherapeutin

nach oben