das baugerüst 1/10 Jugendarbeit 2017

Inhalt

  • hintergrund
    Silke Borgstedt/Mark Calmbach: Vernetzt, verplant, verschieden
    Jugendliche Freizeitwelten
    Kerstin Ullrich: Was Menschen morgen bewegt
    Bedürfnisse und Werte der Gesellschaft von morgen
    Thomas Schalla: Veränderte Welt - veränderte Jugendarbeit mit Chancen
    Ulrich Schwab: 2017 - hauptberuflich in der Jugendarbeit
    Kurt Braml: Ein Blick in die Kristallkugel
    Finanzierung evangelischer Jugendarbeit 2017 - wie sieht es in acht Jahren aus?

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Wolfgang Noack: Zwei Generationen weiter

Einführung in das Heft

Bis 2017 vergehen noch ein paar Tage, da fließt die Elbe, den Rhein oder den Main noch viel Wasser hinunter. Bedenkt man aber, dass die Verweildauer in der Jugendarbeit zwischen drei und vier Jahren liegt, bedeutet diese Zeitspanne von sieben Jahren zwei Generationen von Besuchern und Mitarbeitenden. Eine Gesellschaft sieht zwei Generationen später fast komplett anders aus. Und die Jugendarbeit?

Nun wurde die Jahreszahl 2017 für die Zukunftsbetrachtung der Jugendarbeit eher zufällig gewählt. Es könnte auch 2018 oder 2020 sein. Die Überlegungen sollten fokussiert werden auf einen Zeitraum in nicht allzu weit entfernter Zukunft. Nah genug, um sich heute schon Gedanken machen zu müssen, weit genug entfernt, um nicht in Planungshektik auszubrechen.

Die Zahl der Jugendlichen wird sinken. Leben heute in der Bundesrepublik 15 Millionen Jugendliche unter 20 Jahren, werden es in ca. zehn Jahren nur noch 13 Millionen sein. In der Altersspanne der über 65-Jährigen kommen dann diese zwei Millionen wieder hinzu. Nun bedeuten zwei Millionen weniger Kinder und Jugendliche nicht gleich die Vergreisung der Gesellschaft, aber da sich der Trend fortsetzt und die Gruppe der Rentner 2050 einen Anteil von 33 Prozent an der Gesamtbevölkerung haben soll (wann 2050 auch immer das Rentenalter eintritt), wird sich in der Bedeutung der Altersgruppen schon bald einiges verschieben.
Bei all denen, die etwas verkaufen wollen, ist
diese Nachricht schon angekommen. Sie hofieren die jungen Alten, wollen ihnen Reisen, Alterssicherungen und andere Annehmlichkeiten verkaufen. Ein großer Markt will bedient werden. Andererseits ist der Eindruck nicht ganz von der Hand zu weisen, dass zögerliche Investitionen in Kinderbetreuung und Bildung auch von der Sorge gespeist werden, in ein paar Jahren auf den Erweiterungen mangels Nachwuchs sitzen zu bleiben. Die Zeit, so die Hoffnung, würde hier die (klaffende) Wunde heilen.

Zahlen sind aber nur ein Faktor unter anderen. Die TeilnehmerInnen und die MitarbeiterInnen, die (evangelische) Jugendarbeit mit ihren Angeboten 2017 erreichen will, sind heute schon geboren. Wie werden sie auf die Angebote reagieren? Kommen Events und Großveranstaltungen an oder bleibt die Gruppenarbeit nach wie vor das Aushängeschild kirchlicher Jugendarbeit?
Der deutschen Werbeindustrie wurde dieser Tage vorgeworfen, sie setze nach wie vor auf klassische Medien und vernachlässige die sozialen Netzwerke. Hier sei der Zukunftsmarkt für Werbung, hieß es in der Kritik. Gilt das auch für die kirchliche (Jugend-)Arbeit? Sind Jugendliche 2017 vielmehr in virtuellen Gruppen zu Hause und wollen da auch abgeholt werden, wie ein alter gruppenpädagogischer Leitsatz lehrt?

Und das Zeitbudget der Kinder und Jugendlichen wird sich in den nächsten Jahren noch mehr verändern. Verkürzte Schulzeit und Nachmittagsunterricht haben Konsequenzen für Besucher und ehrenamtliche MitarbeiterInnen. Der Gang der Jugendarbeit in die Schule kann da nur eine Teilmöglichkeit sein. Außerschulische Bildung mit ihren Säulen von Partizipation, Ehrenamtlichkeit und Freiwilligkeit muss ein eigenständiges Angebot bleiben. Über Angebotsformen und notwendige Veränderungen, über Finanzierbarkeit und einige scheinbare Verlockungen, die besser umgangen werden sollen, berichten die Beiträge in diesem Heft. Noch ist Zeit, dass sich Jugendarbeit aus eigenen Überlegungen heraus auf die Zeit nach 2017 einstellt. 

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Drei Fragen zur Zukunft der Jugendarbeit

Beantwortet von der Ratsvorsitzenden der EKD, Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann

Die demographische Entwicklung prognostiziert einen Rückgang der Jugendlichen und eine Zunahme älterer Menschen. Heißt das auch, dass Kirche sich zukünftig vermehrt der Zielgruppe der älteren Menschen zuwenden wird?

Margot Käßmann: Die Kirche ist für alle Menschen da, und die verschiedenen Zielgruppen kirchlichen Handelns dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Kinder- und Jugendarbeit wird immer von zentraler Bedeutung sein. Je früher ein Mensch in seiner Biografie mit dem Glauben in Berührung kommt, umso nachhaltiger wirkt sich das im Verlauf des Lebens aus. Und Bildung war immer ein zentrales Thema der reformatorischen Kirchen. Am Verhältnis der Kirche zur heranwachsenden Generation entscheiden sich in einer Gesellschaft, in der eine christliche Sozialisation keine Selbstverständlichkeit mehr darstellt, aber auch die Gegenwart wie die Zukunft der Kirche.

Die traditionelle Gruppenarbeit in der Evang. Jugend lebt, obwohl immer wieder totgesagt. Aber Großveranstaltungen wie Landesjugendtage, Kirchentage oder Jugendevents kommen an. Wird Jugendarbeit in Zukunft eher als kleine Aktionsgruppe vor Ort sichtbar oder als Großevent in der Öffentlichkeit ankommen?

Margot Käßmann: Ich denke Jugendarbeit wird immer wieder neue Formen finden. Das kann eine Jugendkirche sein, eine Freizeit, gute Konfirmandenarbeit. Gerade die Schule als zentraler Ort wird dabei vermehrt eine Rolle spielen. Mir ist wichtig, dass es eine gute Balance gibt zwischen der Arbeit vor Ort und den Events, die ja manchmal Tankstellen für die Seele sind, wie etwa der Kirchentag oder ein Aufenthalt in Taizé. Auch das Freiwillige Soziale oder Diakonische Jahr hat hier eine besondere Bedeutung.

Partizipation und politisches Engagement gehören zur evangelischen Jugendarbeit. In welchen Bereichen und mit welchen Themen sollte sich evangelische Jugendarbeit zukünftig stärker einmischen?

Margot Käßmann: Zum einen finde ich wichtig, biblische Grundlagen zu stärken. Wir können in der Gesellschaft nur wirksam sein, wenn wir unsere eigenen Quellen kennen. Dazu gehört auch eine gelebte Spiritualität. Und dann sind es die großen Themen von Gerechtigkeit, Frieden und der Bewahrung der Schöpfung, die Jugendliche bewegen und auch bewegen sollten. Glaube und Weltverantwortung gehören zusammen.

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Steffen Jung: Die Kirche und „ihre“ Kinder und Jugendlichen

Vorbemerkung

Jetzt ist es mir zum ersten Mal passiert. Im Landesarbeitskreis für Freizeitenarbeit argumentieren jugendliche Ehrenamtliche der Freizeitenarbeit mit den Schlagwörtern des Generationenkonflikts. Die zentrale Frage: „Wieso kürzt die Landeskirche ständig die finanziellen Mittel der Jugendarbeit, denkt sie denn nicht an die zukünftigen Kirchensteuerzahler?“

Diese einfache, und doch so bedeutungsvolle Aussage der Ehrenamtlichen leitet mich zum Thema dieses Artikels: Was will die Kirche für „ihre“ Kinder und Jugendlichen? Anders formuliert: Was zeichnet kirchenleitendes Handeln auf der Ebene der Kirchengemeinden, der Kirchenbezirke und der Landeskirchen im Jahr 2017 in Bezug auf Kinder und Jugendliche aus? Oder: Welche Aufgabe haben kirchenleitende Personen in den jeweiligen Gremien jungen Menschen gegenüber?

Diese Frage ist aus meiner Sicht einfach zu beantworten. Die Kirche insgesamt hat den Auftrag, das Evangelium vom dreieinigen Gott an die nachfolgende Generation weiterzugeben. Die Botschaft von der Lebensfreundlichkeit Gottes darf Kindern und Jugendlichen nicht vorenthalten werden. Das ist der spezifische Auftrag der Kirche, ihre Mission. Somit ist das „Dass“ in keiner Weise fraglich, was sich allein stellt, ist die Frage des „Wie“.

Wie wird es der Kirche in Deutschland gelingen, Kinder und Jugendliche in ihrer Lebenssituation in der Postmoderne zu erreichen und ihnen plausibel von der Wirklichkeit Gottes zu erzählen? Wie können Wege zu gelingendem Glauben und Leben aufgezeigt werden? Dazu bedarf es zuallererst einer Analyse der Formen postmodernen Denkens und Lebens, um die Frage nach den je eigenen Ausgangsbedingungen für die Weitergabe des Evangeliums zu klären. Eine Milieu- und Lebenslagenanalyse ist ebenfalls unabdingbar. Beides kann dieser kurze Artikel nicht leisten. Ich argumentiere hier entwicklungspsychologisch mit Überlegungen zu altersgemäßen Zugängen zur religiösen Urteilsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen im Korrespondenzverhältnis zu meiner Wahrnehmung kirchlicher Realitäten.

Richten wir unseren Blick zuerst auf die Kinder

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Silke Borgstedt/Marc Calmbach: Vernetzt - Verplant - Verschieden

Jugendliche Freizeitwelten

Jugend erfindet sich ständig neu. Blickt man auf die vergangenen Jahrzehnte der Nachkriegszeit, zeigt sich, dass jede Dekade neue Facetten und paradigmatische Grundbefindlichkeiten von Jugendlichkeit hervorbringt. So banal es klingt: Die Jugend 2009 ist anders als die Jugend vor zwanzig Jahren.
Trotz charakteristischer Ausdrucksformen und übergeordneter Stimmungen, die eine bestimmte Generation prägen, ist es zu kurz gefasst, Jugendliche als homogene Gruppe zu verstehen. Bekanntermaßen wird dennoch häufig „die Jugend an sich“ mit immer wieder neuen „catch-all“-Begriffen etikettiert - sei es die „Generation X“, die „Single-Generation“, die „Generation Golf“ etc. Dabei zeigt sich allein mit Blick auf das Freizeitverhalten, dass es zwar an der Oberfläche strukturelle Gemeinsamkeiten gibt, die wesentlichen Zugänge zum Verständnis Jugendlicher sich jedoch erst mit Blick auf die jeweiligen Unterschiede erschließen. Gerade Differenzen in der Freizeitgestaltung verweisen auf zugrunde liegende Wertvorstellungen und Treiber, die spezifische jugendliche Lebenswelten konturieren und ihnen Sinn verleihen.  Daher kann die Frage, welchen Freizeitaktivitäten Jugendliche nachgehen, nicht losgelöst von der Frage betrachtet werden, warum sie bestimmte Angebote wählen und welche Bedeutung sie diesen Aktivitäten jeweils zuschreiben. Während manche Jugendliche beispielsweise  in Bezug auf Sport den Leistungs- und Wettbewerbsgedanken, (Selbst-)Disziplin und „Einzelkämpfertum“ in den Vordergrund stellen, betonen andere Geselligkeit, Teamgeist oder Abenteuer. Auch unterscheiden sich Jugendliche in ihrer Präferenz für den Grad der Vorstrukturiertheit bestimmter Freizeitangebote: Den einen ist es wichtig, zu festen Terminen bestimmten Gruppenaktivitäten nachzugehen, andere distanzieren sich hingegen (demonstrativ) von „Vereinstümelei nach Dienstplan“.
Neben der Darstellung aktueller Daten zum Freizeitverhalten Jugendlicher thematisiert dieser Beitrag daher die milieuspezifischen Motivatoren von Freizeitaktivitäten vor dem Hintergrund der unterschiedlichen jugendlichen Lebenswelten.

Freizeit ist Medienzeit

Freizeit spielt eine wichtige sozialisatorische Rolle im Leben Jugendlicher. Sie ist die Zeit, in der sich Jugendliche der Obhut der Eltern oder pädagogischen Einrichtungen (insbesondere der Schule) entziehen können. Außerschulische pädagogische Einrichtungen stehen folglich nicht selten in Konkurrenz zu Peer Groups, Jugend-szenen und kommerziellen bzw. medialen Freizeitangeboten, da Freizeit für Jugendliche v.a. Autonomie, Selbstbestimmung und -entfaltung bedeutet.
Insbesondere der Bereich der medialen Freizeitangebote stellt für Jugendliche ein erhebliches Emanzipations- und Abgrenzungspotenzial dar, indem sie eine eigene Welt eröffnen, die den Eltern  - zumeist bereits aufgrund begrenzten technischen Know-Hows - zu großen Teilen verschlossen bleibt. Wenig überraschend ist es daher, dass unter den Top-10-Freizeitaktivitäten bereits allein acht Aktivitäten die Nutzung medialer Geräte betreffen. Zudem fällt auf, dass dementsprechend viel Zeit „in den eigenen Wänden“ - bzw. zuhause bei Freunden verbracht wird. Der Besuch von Fastfood-Restaurants, Kino oder Discos rangiert deutlich in zweiter Reihe. Interessant ist, dass innerhalb von 45 möglichen Freizeitaktivitäten die Weiterbildung bereits auf Platz 15 rangiert. Dies unterstützt partiell die aktuell in den einschlägigen Medien kultivierte These der erfolgsorientiert-angepassten Jugendlichen („Die traurigen Streber“), denen es an Spaß, Provokation und Mut zur Gelassenheit mangelt. Allerdings zeigt sich an dieser Stelle umso mehr, dass eine milieudifferenzierte Betrachtung nötig ist, da dies längst nicht für alle Jugendlichen gilt.
Folglich ist Freizeit für Jugendliche nicht nur wichtig für den Prozess der Ablösung vom Elternhaus, sondern auch symbolische Ressource zur Abgrenzung von anderen Jugendlichen. Wesentliche intragenerationelle Distinktionslinien werden im Folgenden anhand eines soziokulturellen Zugangs über das Gesellschaftsmodell der Sinus-Milieus(r)  aufgezeigt.

Was sind Sinus-Milieus?

Die Sinus-Milieus gruppieren Menschen, die sich in ihrer Lebensauffassung und Lebensweise ähneln. Grundlegende Wertorientierungen und die soziale Lage gehen dabei ebenso in die Analyse ein wie Alltagseinstellungen zu Familie, Medien, Konsum sowie entsprechendem Freizeitverhalten. Bei Jugendlichen können wir nicht von „Milieus“ im eigentlichen, engen Sinn sprechen, denn die Entwicklung und Ausformung der soziokulturellen (Kern)Identität ist in diesem Alter noch nicht abgeschlossen. Aus diesem Grund sprechen wir in der Altersgruppe der 14-19-Jährigen von „Milieuorientierung“. Diese kann, muss aber nicht identisch sein mit der Milieuidentität ihrer Eltern.
Die Position der Sinus-Jugend-Milieus in der Gesellschaft nach sozialer Lage und Grundorientierung veranschaulicht die Grafik unten: Je höher ein Milieu in dieser Grafik angesiedelt ist, desto gehobener sind Bildung bzw. finanzielle Ressourcen; je weiter rechts es positioniert ist, desto moderner ist die Grundorientierung.

Lebensweltliche Basismotive und Freizeitverhalten in den
Sinus-Jugendmilieus


In der Alterskohorte der 14-19-Jährigen stellen die Traditionellen mit einem Anteil von 4 Prozent das kleinste Segment. Charakteristisch für diese Gruppe ist die starke Betonung von Pflicht- und Akzeptanzwerten bei gleichzeitiger Distanz zu hedonistischen und individualistischen Werten. Traditionelle Jugendliche haben von allen Milieus die geringste Affinität zu Jugendszenen und lehnen deviante Jugendliche stark ab. Entsprechend verhalten sie sich distanziert zu gemeinhin „typisch“ jugendlichen Hobbies wie Internet, Fast Food und Kino. Sie stellen die Erwachsenenwelt nicht in Frage, sondern betonen, dass man als Jugendlicher seinen Platz dort finden muss. Da die gesellschaftliche Integration von entscheidender Bedeutung ist, spielen u.a. Vereinsaktivitäten hier eine größere Rolle als in anderen Milieus.

Zum jugendlichen Mainstream sind v.a. die konsum-materialistischen und die bürgerlichen Jugendlichen zu zählen. Beide Gruppierungen distanzieren sich sowohl von den stark traditionell orientierten als auch „hypermodernen“ Jugendlichen. Bürgerliche Jugendliche (Anteil: 14 Prozent) bewegen sich zwischen Augenblicks-Genuss und Zukunfts-Geltung. Einerseits will man teilhaben an Lifestyle-Trends, möchte Spaß haben und die Freiheit und die vielfältige Medien- und Warenwelt genießen. Andererseits beginnen sie aber bereits, sich früh um die eigene Zukunft zu sorgen; „Ankommen“ ist ein wichtiges Ziel. Der Spagat zwischen beidem gelingt diesem Milieu durch die Vermeidung von Extremen, indem man mitmacht, ohne „aus der Rolle“ zu fallen: Internet ist selbstverständlich, Computerspiele jedoch weniger relevant. Häufige Treffen mit Freunden sind wichtig - lange, ausschweifende Clubnächte jedoch eher selten.

Für Konsum-Materialisten (Anteil: 11 Prozent) ist Markenkonsum ein wichtiges Zeichen von Modernität, Prestige und gesellschaftlicher Teilhabe. Als wichtiges Lebensziel äußern diese am stärksten sozial benachteiligten Jugendlichen, dass sie es einmal besser haben möchten als die eigenen Eltern. Zumeist stoßen Jugendliche dieses Milieus im Kontext Freizeit an klare finanzielle Grenzen, die die Gestaltungsspielräume einengen. So pflegen sie kaum spezifische Hobbies und steht ihnen zu Haus häufig kein PC zur Verfügung. Da sie sich häufig als gesellschaftliche Verlierer empfinden und kaum Aufstiegschancen erhoffen, lässt sich das unterdurchschnittlich ausgeprägte Interesse an Weiterbildung durchaus auch als resignative Reaktion interpretieren.

Das größte jugendliche Milieu stellen die Hedonisten (Anteil: 26 Prozent). Diese Gruppe lehnt bürgerliche Ordnungsnormen und Normalbiografien demonstrativ ab. Wie bei den Konsum-Materialisten und völlig anders als bei den Bürgerlichen und Traditionellen zählt für sie v.a. das Leben im Hier und Jetzt. Es ist entsprechend ein Milieu mit einer hohen Affinität zu Jugendszenen (Punk, Emo, Techno, Gothic, Hip Hop). Daher spielen sich auch die Freizeitaktivitäten weniger in den gängigen Lokalitäten des Mainstream ab (Fernsehen, Sportverein, etc.), sondern idealerweise im „Nicht-Alltäglichen“, nämlich dort, „wo was los ist“ (spezielle Kneipen/Festivals, Freizeitparks).
 
Ebenfalls widerspenstig präsentieren sich die Postmateriellen (Anteil: 6 Prozent). Im Vergleich zu den Hedonisten äußert sich die Widerspenstigkeit der Postmateriellen eher diskursiv als durch stilistische Provokationen. Für dieses bildungsnahe Milieu ist bereits früh ein starkes politisches Bewusstsein kennzeichnend; man möchte eine kritische Position einnehmen; sich (politischen) Autoritäten verweigern. Eine grundsätzlich kritische Anti-Haltung zeigt sich auch in der Abgrenzung von einer Vielzahl jugendlicher „Konsumaktivitäten“, z.B. Fernsehen, DVDs, Fast Food, Discos und Shopping. Demgegenüber existiert in diesem Milieu eine deutlich überdurchschnittliche Affinität zu (hoch)kulturellen Freizeitangeboten, wie z.B. Büchern und klassischer Musik als Ausdruck reflektierter Auseinandersetzung mit bewusst gewählten Inhalten.

Ein weiteres Milieu mit einer hohen Formalbildung sind die Modernen Performer - die junge Leistungselite (Anteil: 25 Prozent). Ihnen geht es darum, Etappenziele früher und besser als ihre Peers zu erreichen. Man gibt sich offen, ehrgeizig, pragmatisch und flexibel und verfolgt eine klare Benefit-Perspektive: man möchte dort andocken, wo es nützt und das persönliche Vorankommen beschleunigt. Auf der Überholspur des Lebens muss angesichts der Vielzahl attraktiver Freizeitangebote mehrgleisig gefahren werden. Performer sind kulturelle „Omnivores“, die erst einmal nichts ausschließen, so lange es nicht offenkundig „out“ ist. Analog sind sie bei über der Hälfte der Top-Freizeitaktivitäten überrepräsentiert.

Am äußerten postmodernen Rand finden sich die Experimentalisten (Anteil: 14%) - die Lifestyle-Avantgarde unter den Jugendlichen. Ihr Motto lautet: Alles bleibt anders. Sie zeichnet eine pragmatisch-lockere Grundhaltung aus (weniger „vergrübelt“ als die Postmateriellen und nicht so „verbissen“ leistungsorientiert wie die Modernen Performer). Ihre Freizeitgestaltung ist ebenso durch Flexibilität und Vielfalt gekennzeichnet, das Internet nimmt dabei als Beziehungstool für die Pflege der regional bis international verstreuten Freundeskreise eine hohe Bedeutung ein. Aktives Ausleben von Individualität und Lebensfreude ist die wichtigste Maxime. Entsprechend selten sind Experimentalisten zu Hause und umso häufiger in Diskotheken und Clubs unterwegs.

Fazit und Ausblick

Freizeit von Jugendlichen ist mitnichten „freie Zeit“. Die Gestaltung von Freizeit ist vielmehr Herausforderung: Sich im Optionen-Dschungel zurechtzufinden, bedeutet ein permanentes Navigieren zwischen Spaß und Ernst, Sinn und Unsinn, Pflicht und Kür. Den Jugendlichen ist bewusst, dass es hierfür keinen verlässlichen Kompass gibt, sondern dass sie jeweils eigene Wege finden und erkunden müssen.
Zunehmende Bedeutung haben hierbei die geradezu strategisch aufgebauten sozialen Netzwerke, die vor allem durch Informations- und Kommunikationstechnologien gepflegt und ausgebaut werden (z.B. Messenger-Dienste). Diese Netzwerke sind dabei nicht nur sozialer Kontext von Freizeit, sondern auch Eintrittsoptionen in Themenwelten und potenzielle Berufsfelder, die man sucht oder ablehnt, die man sich erschließt oder die einem verschlossen bleiben.

Weiterführende Literatur: Sinus-Milieustudie U27 „Wie ticken Jugendliche“ (Wippermann/Calmbach 2008, Verlag Haus Altenberg/MVG Medienproduktion)

Artikel mit Bildern und Grafiken als pdf

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Martin Weingardt: Ohne Raum für Gemeinschaften und Gruppen mit kritischem Potenzial wird die Jugendarbeit zum marginalen Dienstleister

Nach der eigenen Zukunft fragen heißt die richtigen Fragen finden. Das ist schwieriger als man denkt. Denn von verschiedensten Seiten wird versucht, auch der Jugendarbeit die Fragen zu soufflieren, auf die sie dann mit ihren Entscheidungen die „Zukunftsantworten“ geben sollen. Solche Fragen sind etwa:
- „Seid ihr denn in hohem Maß innovativ oder zu sehr dem Tradierten verhaftet?“
- „Könnt ihr euch gut verkaufen und euch Ressourcen sichern?“
- „Könnt ihr überhaupt die Qualität eurer Arbeit valide nachweisen?“

Alle drei Fragen sind insofern berechtigt, als sie mitbedacht werden müssen. Verhängnisvoll werden sie, wenn sie ins Zentrum der Überlegungen gestellt und zum entscheidenden Ausgangspunkt von Richtungsentscheidungen eines Jugendarbeitsträgers hinsichtlich seiner Zukunft gemacht werden. Jeder der drei Fragen liegt nämlich – wo sie in ihrer Bedeutung überhöht wird! – eine in die Irre führende Grundannahme zu Grunde. „Das Neue ist per se besser als das Alte, das es ablöst“ bei der ersten, „Der Schein ist wichtiger als das Sein“ bei der zweiten und „Nur was wissenschaftlich nachweisbar ist, ist wirklich und wichtig“ bei der letzten.

Ich halte vier andere Fragen für angemessener, wenn es um die Zukunft der Jugendarbeit geht. Ich möchte sie hier stellen. Das für mich Erstaunliche ist, dass bei der Beantwortung aller vier „Kern-Fragen“ wie ein gemeinsamer Nenner neben diversen Antwortbestandteilen ein Element stets wiederkehrt, nämlich das der Bedeutung von gemeinschaftsorientierten Gruppenformen. Wegen der gebotenen Kürze dieses Beitrags kann ich dies nur skizzenhaft verdeutlichen und muss deshalb die Leser/innen bitten, für ihre jeweilige Arbeitsebene von Jugendarbeit (lokal, regional, Landes- oder Bundesebene) selbst diese Fragen präzise zu beantworten und so zu überprüfen, inwieweit die im Titel formulierte Zentralthese zutreffend erscheint.

Erste Kernfrage:
Was ist das Proprium unserer Jugendarbeit?

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Gut aufgestellt

Ein Gespräch über die Zukunft der evangelischen Jugendarbeit mit Joana Berger und Michael Thiedmann

baugerüst: Wie steht es derzeit um die Evangelische Jugendarbeit?

Joana Berger: Große Sorgen um die Evangelische Jugend mache ich mir nicht. Wir erreichen mit unseren Angeboten zehn Prozent aller Jugendlichen. Das ist doch großartig. Da kann man sowohl von einer Vielfalt von Angeboten als auch von einer Vielfalt von Erfolg und Misserfolgen sprechen. Es gibt Gemeinden, die keine Jugendarbeit mehr haben, was nicht so bleiben kann.

Michael Thiedmann: Wenn ich mir die statistischen Zahlen der Evangelischen Jugend in Bayern ansehe, bin ich durchaus zufrieden. Sowohl bei Teilnehmenden der Angebote, als auch bei den ehrenamtlich Mitarbeitenden lässt sich eine Steigerung wahrnehmen. Insofern könnte man nicht sagen, dass es evangelischer Jugendarbeit schlecht ginge, denn diese lebt ja von jungen Menschen, die sich beteiligen.

baugerüst: Die Geburtenrate ist in den letzten 15 Jahren um 22 Prozent gesunken. Die heutigen Ehrenamtlichen im Alter von 16-20 Jahren wurden zwischen 1989 und 1993 geboren. Die Akteure der Jugendarbeit von 2020 wurden bereits 2000 bis 2004 geboren. Wird die Jugendarbeit in einigen Jahren klein aber fein?

Michael Thiedmann: Ich denke es ist sehr schwer eine Prognose für die kommenden Jahre zu geben. Eigentlich spielt es nur eine geringe Rolle, ob Jugend dann kleine oder große Zahlen aufweist.  Es wird immer Kinder und Jugendliche geben, die zur Evangelischen Jugend kommen, die sich aufgrund ihres Bekenntnisses engagieren werden und die sich aktiv an unserer Gesellschaft beteiligen. Das finde ich besonders wichtig.

Joana Berger: Ich hoffe auf Wettbewerb. Jeder will die wenigen jungen Menschen in seinem Hause sehen und bietet schöne Räumlichkeiten und viele Freiheiten für die Jugendarbeit. Man investiert in Personal und Ausbildung, damit sich die jungen Leute gerne in dieser Gemeinde engagieren.

baugerüst: Die traditionelle Gruppenarbeit lebt, obwohl immer wieder totgesagt. Aber Großveranstaltungen wie Landesjugendtage oder Eva in Dresden, Kirchentage oder Jugendevents kommen an. Wird Jugendarbeit in Zukunft eher als kleine Aktionsgruppe vor Ort sichtbar oder als Großevent in der Öffentlichkeit ankommen?

Joana Berger: Ohne bestehende Gruppen würde auch keiner ein Großevent besuchen. Im Jugendalter kommt ja kaum einer auf die Idee, alleine zu einem Event zu reisen. Es sind die Gruppen, die zusammen hinfahren, um gemeinsam etwas zu erleben. Ich kann nur davor warnen, hier den Hebel umlegen zu wollen.

Michael Thiedmann: Die klassische Gruppenarbeit, die kontinuierlich ein Angebot bietet, wird bestehen bleiben, aber Großveranstaltungen werden sicher einen größeren Raum einnehmen, weil Jugendliche von dieser Art begeistert sind und dadurch auch neue soziale Netzwerke schaffen können, über ihren Aktionsradius in Gemeinden oder Gruppen hinaus. Jugendarbeit wird in Zukunft in beiden Formen sichtbar werden.

baugerüst: Jugendliche machen heute schon kaum mehr einen Unterschied zwischen personaler und medialer Kommunikation, z.B. in sozialen Netzen. Was heißt das für die zukünftigen Angebote in der Jugendarbeit?

Joana Berger: Auf der letzten Jugendreise war die Betreuerin Joana Berger die einzige mit echten Internetentzugserscheinungen. So schlimm scheint es also doch nicht zu sein beim Nachwuchs. Die Jugendlichen waren auf der Fahrt durchaus in der Lage, den Tag mit den Altersgenossen zu gestalten und zu genießen. Hätte man ihnen die Wahl gelassen, die anderen im Netz zu treffen oder in der Gruppe, sie hätten die Gruppe gewählt.

Michael Thiedmann: Das sehe ich auch so. Unsere Jugendarbeit lebt vom personalen Miteinander und es gibt Dinge, die sich eben nicht medial erfahren lassen. Bei einem Hochseilgarten zum Beispiel stelle ich mir das schwierig vor. Sicher werden wir in den nächsten Jahren mehr im Bereich medialer Kommunikation anbieten, aber wenn es immer mehr Medienangebote gibt, wird evangelische Jugendarbeit wahrscheinlich ein herausragender Gipfel in der Landschaft derer sein, die auch auf Kontakt ohne Medien setzt.

baugerüst: Wir schreiben das Jahr 2020. Jugendarbeit engagiert sich immer mehr in Konfirmandenarbeit und in schulbezogenen Angeboten. Bleiben die Anliegen der Jugendverbandsarbeit dabei auf der Strecke?

Michael Thiedmann: Ich hoffe es nicht. Ebenso hoffe ich, dass im Jahr 2020 Konfirmandenarbeit und schulbezogene Jugendarbeit nicht die einzigen Arbeitsfelder sein werden. Als konfessioneller Jugendverband haben wir schließlich noch viel mehr zu bieten.

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Rainer Brandt: Wenn Kirche neue Erfahrungen eröffnet

Zwei ganzseitige Zeitungsanzeigen. Die eine lenkt meinen Blick in das Halbdunkel unter einem Bett, die andere in einen leicht geöffneten  Kleiderschrank. Sie werben für die Fantasy Bibliothek einer überregionalen Tageszeitung. Zielgruppe zehn- bis dreizehnjährige Mädchen und Jungen. Der Slogan macht mich neugierig:
Für die einen der Blick unters Bett
Für die anderen das Tor zu einer mystischen Welt.
Für die einen der Kleiderschrank. Für die anderen das Tor zur mystischen Welt.

Meine Gedanken verselbstständigen sich.

Für die einen eine Kirchentüre. Für die anderen der Zugang zu einer mystischen Welt.

Unsinn sagt mir meine innere Stimme. Hier darf man nichts durcheinander bringen. Fantasy, Mystik und Kirche das passt nicht. Aber ich wiederhole laut „Zugang zu einer  mystischen Welt“. Das würde doch passen. Und haben nicht in den letzten Jahren Dorothee Sölle, Jörg Zink und andere eindrücklich verwiesen, wie notwendig Mystik und Kirche zusammengehören, um als Kirche Zukunft zu haben?

Mein Nachdenken über eine Kirche im Jahre 2017 lenkt meinen Blick zurück auf die Anzeige. Es geht um einen anderen Blick auf vermeintlich bekannte Dinge: Bett, Kleiderschrank und ich füge hinzu Kirche. Ein Blick, der hinausreicht über das was ich gewöhnlich annehme zu finden.

Neue Erfahrungen

Es geht um neue, andere Erfahrungen, um Horizonterweiterung und nicht zuletzt um eine uns wohl vertraute Altersgruppe der 10 bis 13 Jährigen, die wir umwerben mit unseren Angeboten in  der Jugendarbeit, im Kindergottesdienst oder in der Konfirmandenvorbereitung. Dabei geht es  darum Türen zu öffnen, für einen anderen  Blick auf Vertrautes oder scheinbar Vertrautes oder noch Unbekanntes. Mit  Inhalten, die die Welt so anders bürsten als gedacht, mit Personen, die mir Lust machen wollen durch den eigenen Horizont zu schauen, die mich einladen an besondere Orte, zu ungewöhnlichen Gelegenheiten. Orte, die mich in der Gefahr bergen können, die mich im Schmerz trösten, die mich tanzen lassen voller Ausgelassenheit, die mich faszinieren und erschaudern lassen, mir Gänsehaut über den Rücken treiben. Für die einen nur eine Kirche. Für die anderen der Zugang zu einer mystischen Welt. Ich gebe zu, das klingt vollmundig, zu vollmundig sagt meine innere Stimme. Aber vielleicht liegt genau hier das Problem unserer Kirche im Jahre 2009. Und dies nicht seit gestern.

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Klaus Waldmann: Die Zukunft der außerschulischen politischen Jugendbildung

Ein nicht ganz wörtlich zu nehmender Blick ins Jahr 2017

Das Nachdenken über die Zukunft eines Arbeitsfelds der Jugendarbeit bewegt sich üblicherweise auf mindestens zwei Ebenen: Einerseits werden zumindest einigermaßen verlässliche Prognosen erwartet, um sich auf voraussehbare Entwicklungen rechtzeitig einstellen zu können, andererseits ist der Blick in die Zukunft mit Bildern über das Wünschbare oder von Befürchtungen angereichert. Dieser Beitrag bewegt sich bewusst auf beiden Ebenen wobei die als Befürchtungen zu bewertenden Tendenzen in den Hintergrund verdrängt werden und sich die mit dem Text transportierten Wünsche in den Vordergrund schieben und sich an unterschiedliche, im Feld der politischen Jugendbildung engagierte oder für die Entwicklung der politischen Jugendbildung verantwortliche Akteure richten.

Die Politik und die politische Jugendbildung

Spätestens im Jahr 2017 ist die Notwendigkeit einer außerschulischen politischen Jugendbildung als essentieller Beitrag unterschiedlichster Initiativen, Verbände und Einrichtungen für die Weiterentwicklung einer pluralen, demokratischen Gesellschaft bei Politik, der Verwaltung, den Rechnungshöfen, aber auch der Wirtschaft und den Kirchen vorbehaltlos anerkannt. Aussagen wie, die politische Bildung ist eine ständige Herausforderung der Gesellschaft und eine gesamtgesellschaftliche Daueraufgabe, sind von anerkennenden Ansprachen z. B. bei Preisverleihungen in selbstverständliche und unhinterfragte Leitmotive bei politischen Entscheidungen, administrativem Handeln und bei Schwerpunktsetzungen gesellschaftlicher Organisationen übergegangen. Das hat dazu geführt, dass die Landschaft der politischen Jugendbildung durch eine Vielfalt an vitalen, öffentlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren geprägt ist, die Jugendlichen aus allen sozialen Milieus Gelegenheiten bieten, ihre Kompetenzen zur Mitgestaltung der Gesellschaft zu erweitern, die Prozesse zur Artikulation von Interessen begleiten und neue Formen der der politischen Partizipation entwickeln. Die normativ aufgeladenen, warnenden Appelle „Demokratie ist so stark, wie die Bürgerinnen und Bürger demokratisch sind“ und „Eine Demokratie, die sich nicht um die Förderung der demokratischen Kenntnisse und Fähigkeiten kümmert, wird aufhören, Demokratie zu sein“ konnten der Geschichte unzähliger, tastender und legitimatorisch überfrachteter Debatten um Wirkung, Effizienz und Zielgenauigkeit der Förderung politischer Jugendbildung des ersten Jahrzehnts im 21. Jahrhunderts überlassen werden. Denn sie sind von einer allgemein anerkannten, lebendigen Kultur einer wertschätzenden Peer- und (Selbst-) Evaluation abgelöst worden, deren Resultate von Praxis, Wissenschaft, Politik, Verwaltung und Gesellschaft geschätzt werden.

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Reinhold Ostermann: Der Blick zurück nach vorne

Um nach vorne zu schauen, muss ich wissen wo ich stehe. Wenn ich wissen will wo ich stehe, muss ich auch wissen woher ich komme; erst dann kann ich entscheiden, wo ich hingehe. Diesen Vorgang will ich nachvollziehen, um das Verhältnis von Jugendarbeit in den Gemeinden vor Ort und auf Dekanatsebene zu beschreiben und in die Zukunft zu denken. So ein Nachdenken kann nur holzschnittartig geschehen: Einige Hauptlinien werden herausgearbeitet, andere müssen vernachlässigt werden. So ein grobes Bild nimmt bestimmte Phänomene besonders in den Blick, um bestimmte Entwicklungslinien zu verdeutlichen und damit konzeptionelle Entscheidungen zu ermöglichen. Der Schwerpunkt soll im klassischen Feld der Jugendarbeit gesetzt werden; es geht um die Arbeit mit Jugendlichen nach der Konfirmation im Alter von vierzehn bis sechzehn Jahren. Der Hintergrund ist die Evangelische Jugendarbeit der Evang.-Luth. Kirche in Bayern. Die Situation anderer Landeskirchen und Verbände in der Evangelischen Jugendarbeit muss vom Leser selber hinzugedacht bzw. hineingedacht werden, um eigene Schlüsse zu ziehen.(1)

Zur Ist-Situation in der evangelischen Jugendarbeit in Bayern

Es gibt ca. 1.500 Kirchengemeinden und 2.700 Pfarrerinnen und Pfarrer. Von diesen 1.500 Kirchengemeinden haben ca. 300 Gemeinden Anteil an einer hauptberuflichen Arbeitskraft  mit theologisch-pädagogischer Ausbildung. Der Anteil für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen liegt zwischen 20 und 100 Prozent der Arbeitszeit.

In ca. 250 Gemeinden sind Mitgliedsverbände der Evangelischen Jugend in Bayern (EJB) aktiv:

- Christlicher Verein Junger Menschen,- Evangelische Landjugend: manchmal mehrere Gruppen, da Gemeinden mehrere Ortsteile haben,
- Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder.

Die Aktivitäten des Jugendbundes Entschieden für Christus und des Christlichen Jugendbundes in Bayern rechne ich eher den Landeskirchlichen Gemeinschaften in bzw. bei den Kirchengemeinden zu, so dass hier noch einmal ca. 80 Gemeinden hinzugerechnet werden können.

Ob die Mitgliedsverbände der EJB als Teil der Gemeindearbeit gesehen werden, wird unterschiedlich beurteilt.

Bei Konzeptionsberatungen auf Dekanatsebene in den letzten Jahren zeigt sich ungefähr folgendes Bild: Jugendarbeit mit über vierzehnjährigen Jugendlichen gibt es nur dort,
- wo eine hauptberufliche Person dafür vorhanden ist,
- wo eine Mitgliedsorganisation der Evangelischen Jugend dieses Angebot mit ehrenamtlichen Mitarbeitenden betreibt
- oder eine Pfarrerin bzw. ein Pfarrer sich dies zur Aufgabe gemacht hat (in ca.10 Prozent der Gemeinden).

In ungefähr der Hälfte der Kirchengemeinden gibt es keine Jugendarbeit mit der Altersstufe der vierzehn- bis sechzehnjährigen Jungen und Mädchen.

Betrachtet man die Aktivitäten der Jugendarbeit mit über Vierzehnjährigen in den Kirchengemeinden (ohne Verbände) genauer, so lässt sich beobachten, dass bei einem kleinen Anteil offene Treffs, bei einigen weiteren Jugendgruppen angeboten werden, manchmal Bibel- oder Hauskreise.

In den meisten Fällen gibt es Mitarbeitendenkreise, in denen überwiegend organisatorische Fragen bearbeitet werden. Fragt man nach den Aufgaben der Mitarbeitenden, so sind diese zu großen Teilen im Bereich von Kindergruppen und Kinderfreizeiten, Kindergottesdienst und Kinderbibelwochen bzw. in der Mitarbeit bei der Konfirmandenarbeit anzusiedeln. Diese Mitarbeiterkreise planen dann Veranstaltungen für sich und die Kirchengemeinden: Mitarbeit beim Gemeindefest, Sommerfreizeit, Events. Die Altersstruktur liegt oft zwischen vierzehn und siebzehn Jahren, mit Schwerpunkt bei den Vierzehn- und Fünfzehnjährigen. Es gibt eine „Abwanderungstendenz“ der ehrenamtlich Tätigen in Richtung Dekanatsebene. Die wenigsten Mitarbeitendenkreise haben so etwas wie eine pädagogische Planungs- und Reflexionskultur.

Neue Identität?

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Wolfgang Ilg: Ein streng geheimer Blick in die Zukunft

Mitschnitt aus einer Vorstandssitzung im Jahr 2017

Vorsitzender: Liebe Vorstandsmitglieder! „Fortschreibung der Freizeitkonzeption in unserem CVJM“ lautet das Schwerpunktthema unserer heutigen Sitzung. Dazu liegen Wortmeldungen zur Bildungsdebatte, zu den Ehrenamtlichen und schließlich eine Bausache vor. Ich rufe als ersten Tagesordnungspunkt auf: Freizeiten als Bildungsveranstaltungen.

Bildungsreferentin: Liebe Vorstandsmitglieder! Eben komme ich von einer zehntägigen Akkreditierungsschulung zurück. Wie ihr wisst, ist diese Fortbildung die Voraussetzung dafür, dass unser CVJM sich auch weiterhin als staatlich anerkannter Bildungsträger bezeichnen darf. Die Vorteile muss ich euch nicht eigens nennen: Seit das im Zuge der Föderalismusreform neu entstandene Bundes-Kultusministerium ein Siegel „Ware Bildung“ an bestimmte Gruppenreisen verleiht, buchen die meisten Eltern fast ausschließlich solche Freizeiten, pardon: Bildungsfahrten. Ihr alle kennt natürlich die Schwierigkeiten, die sich vor Ort ergeben: Jugendliche, die eher Urlaub machen wollen oder abseits des Bildungsplans „einfach so“ miteinander Zeit verbringen wollen, sind auf unseren Fahrten nach wie vor die Regel. Die von der Regierung verteilten Spruchbänder „Die Konkurrenz ist global - heute lernen, um morgen Leistungsträger zu sein!“ sorgen bei einigen jungen Menschen zwar nach wie vor für ein großes Maß an Disziplin, aber das Bedürfnis, einfach nur das Leben zu genießen, scheint unausrottbar im Menschen zu stecken.

Nun ja, wir im CVJM haben ja die Devise ausgegeben: „Bildung für den ganzen Menschen“. Die Akkreditierungskommission lässt sich bislang darauf ein, dass unter den acht täglich nachzuweisenden Bildungsstunden auch erlebnispädagogische Einheiten sowie „Reflektion über das eigene Leben“ ihren Platz behalten dürfen. „Nur aufgrund der historischen Sondersituation der kirchlichen Jugendarbeit“, so das letzte Schreiben aus dem Ministerium, „wird diese Aufweichung der Bildungsstandards weiterhin im Rahmen der Akkreditierung toleriert“. Die Deutsche Ingenieurs-Jugend sowie die „Intel-Outdoor-Initiative“ verspotten unseren Ansatz zwar als rückwärtsgewandt und bildungsfeindlich, aber wir bleiben dabei: Bildung ist mehr als Wissen. Wie lange dieser Grundsatz angesichts der Pläne zur Einführung des sechsjährigen Gymnasiums bei gleichbleibendem Lernstoff allerdings noch aufrecht erhalten werden kann, ist fraglich.

Nachfrage aus dem Gremium: Welche Freizeiten werden denn besonders stark gebucht?

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Petra Schnabel: „Treffen sich zwei Jugenddelegierte...“

Zwei bescheidene Wünsche

Jugend wird weniger, das ist kein Geheimnis. Was aber bedeutet dies für die Partizipation von Jugendlichen in Kirche? Drei Szenarien sind denkbar. Denkbar schlecht?

Szenario eins: Aus den Augen, aus der Lobby

Es gilt weiterhin die alte Regel: Wer zahlt, schafft an. Wer keine Steuern zahlt, braucht höchstens eine Spielwiese, die aber sonst niemanden wirklich interessiert.  Außer, der Landesbischof geht auf Tour oder die Fotos im Gemeindebrief werden eintönig  - dann wird Jugend weiterhin gerne gesehen sein. Vorausgesetzt, sie machen danach die Gemeinderäume wieder sauber.

Szenario zwei: Jugend wird wertvoller

Jugendliche gelten nicht mehr als in Zukunft zahlende Kirchgänger, vielmehr ist ihre Stimme die der sich stetig beschleunigenden Gegenwart. Es dringt durch, dass sie weder alle verkommen noch übergewichtig sind. Nur Sitzungen, die unter Beteiligung realexistierender Jugendlicher stattfinden, werden als beschlussfähig angesehen.

Szenario drei: Sie wollen nur unser Bestes,
aber das kriegen sie nicht

In dem Maße, in dem sich der Anteil der unter 20-jährigen verringert, wächst der Anteil ihrer Fürsprecherinnen und Fürsprecher. Sie wissen genau, was Jugend denkt und was gut für sie ist, sie meinen es gut und haben ja auch schon etwas Erfahrung.

In einer beschleunigten, sich internationalisierenden und säkularisierenden Gesellschaft überlegen Jugendliche sich genau, woran sie sich beteiligen. Beteiligung wird auch in Zukunft nicht geschehen, um eine marktorientierte Schullaufbahn noch durch karrierefördernde Lebenslaufkosmetik („soft skills“) zu korrigieren. Zeit und Energien steckt man zu jeder Zeit in Dinge, die Spaß und Sinn bergen, die nahe am eigenen Leben stehen und gesellschaftlich relevant sind. Hat Kirche aber hierzu genügend Attraktivität? Wo steht Kirche? Wo wird sie 2017 sichtbar? Zwei Beispiele vorweg.

Kirche muss raus aus starren, behaglichen Nischen

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Autorinnen und Autoren

  • Joana Berger, Hamburg
    Studentin, Mitglied im Vorstand Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Jugend (aej)
  • Matthias Biber, München
    Dekanatsjugendpfarrer der Evang. Jugend München
  • Dr. Silke Borgstedt, Heidelberg
    Senior Research & Consulting bei Sinus Sociovision
  • Kurt Braml, München
    Geschäftsführer der Evangelischen Jugendsozialarbeit (EJSA)
  • Rainer Brandt, Josefstal
    Pfarrer und Studienleiter des Studienzentrums für evangelische Jugendarbeit in Josefstal
  • Dr. Mark Calmbach, Ludwigsburg
    Dipl. Wirt.-Ing, Studienleiter in der Abteilung "Soziales & Umwelt" bei Sinus Sociovision
  • Michael Freitag, Hannover
    Grundsatzreferent der Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Jugend (aej)
  • Stefanie Fritzsche, Mainz
    Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Jugendkirchentag 2010 der EKHN
  • Wolfgang Ilg, Stuttgart
    Pfarrer und Diplom-Psychologe, Landesschülerpfarrer im Evang. Jugendwerk in Württemberg
  • Steffen Jung, Kaiserslautern
    Landesjugendpfarrer der Evangelischen Jugend in der Pfalz
  • Lothar Jung-Hankel, Darmstadt
    Jugendbildungsreferent, Landesschülerpfarrer der Evang. Kirche in Hessen und Nassau
  • Dr. Margot Käßmann, Hannover
    Landesbischöfin, Ratsvorsitzende der EKJD
  • Gaby Keller, Mainz
    Diplomsozialpädagogin, Diplom Eventmanagerin (IST), Koordination Jugendkirchentag 2010 der EKHN
  • Reinhold Ostermann, Nürnberg
    Diplomsozialpädagoge, Referent für Konzeptionsentwicklung im Amt für
    evangelische Jugendarbeit
  • Peter Roth, Mainz
    Diplompädagoge, Projektleitung Jugendkirchentag 2010 der EKHN
  • Pia Rother, München
    Wissenschaftliche Referentin in der Arbeits-stelle Kinder- und Jugendpolitik beim DJI
  • Dr. Thomas Schalla, Karlsruhe
    Landesjugendpfarrer
  • Petra Schnabel, München
    Politologin, Studienleiterin an der Evang. Akademie Tutzing
  • Dr. Ulrich Schwab, München
    Professor an der LMU München, Lehrstuhl für prakt. Theologie
  • Malte Stets, Mainz
    Parrvikar, theologischer Mitarbeiter beim Jugendkirchentag 2010 der EKHN
  • Michael Thiedmann, Neuendettelsau
    Student, Vorsitzender der Landesjugendkammer der Evang. Jugend in Bayern
  • Dr. Kerstin Ullrich, Heidelberg
    Soziologin, Unitleiterin bei der Gesellschaft für Innovative Marktforschung
  • Klaus Waldmann, Berlin
    Diplompädagoge, Bundestutor der Evangelischen Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung
  • Dr. Martin Weingardt, Ludwigsburg
    Professor an der Pädagogischen Hochschule für Erziehungswissenschaft

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