das baugerüst 3/10 Umkehr wohin?

Inhalt

  • hintergrund
    Rudolf Stroß: Auf geht´s: Selbstmotivation - jeder kann es
    Horst W. Opaschowski: Was ist Wohlstand?
    Was gehört zum Wohlstand?
    Franz Josef Radermacher: Verzehnfachung des Weltwohlstands und Verzehnfachung der Ökoeffizienz
    Hans Gerhard Koch: Kehrt die Kirche um?
    Von der systemimmanenten zur biblischen Kirche
  • gespräch
    Eine demokratische Kraftanstrengung gegen die Spaltung der Gesellschaft"
    Gespräch mit Sven Giegold über Macht und Ohnmacht beim politischen Engagement und über die kleinen Schritte und großen Veränderungen
    „Es kommt darauf an, heute etwas zu tun"
    Gespräch mit Lisa von der Heyden, Lisa Gerhäußer und Patrick Wolf über Engegament und die Möglichkeiten, etwas zu verändern
  • forum
    Johano Strasser: Wir brauchen eure Mitarbeit, eure Leidenschaft, eure Phantasie, euren Widerspruch
    Ina Praetorius: Aufbruch in bezogene Freiheit

    Fulbert Steffensky: Umkehr oder das Recht ein Anderer zu werden
    Harald Bretschneider: Schwerter zu Pflugscharen

    Neues Denken, Umkehr und Buße
    Zukunfsfähig?
    Zehn Methoden für die Arbeit in Gruppen

    Die letzten sieben Tage der Schöpfung von Jörg Zink

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Wolfgang Noack: Nachdenken und umkehren

Einführung in das Heft

„Alles stirbt ab“, sagt eine Frau, als die Zusammenkunft im Rathaus endlich zu Ende ging. „Ehrlich, wie könnt ihr uns erzählen, dass unser Golf unverwüstlich ist und schon wieder auf die Beine kommt? Nicht einer von euch hat schließlich auch nur einen blassen Schimmer, was mit unserem Golf passieren wird. Ihr setzt euch hier mit seriöser Miene hin und tut so, als hättet ihr eine Ahnung. Wo ihr doch keine habt“. Mit dieser Szene beschreibt die kanadische Autorin Naomi Klein in einem Essay über das Leck der Ölleitung im Golf von Mexico den vermeintlichen Wunsch der Menschen, die Natur zu beherrschen. Naomi Klein kritisiert den „extrem gefährlichen Anspruch unserer Kultur“, ein solch „umfassendes Verständnis“ von der Natur und eine „solch umfassende Herrschaft“ über sie zu haben, dass wir sie „radikal manipulieren“ können.

Der BP-Boss Tony Hayward, verantwortlich für die Katastrophe im Golf von Mexiko, erzählte lange vor der Katastrophe einer Gruppe von Studenten, er habe auf seinem Schreibtisch ein Schild stehen, auf dem sei zu lesen: „Was würdest du versuchen, wenn du wüsstest, dass du nicht scheitern könntest?“

„Nicht scheitern können.“ Diese kindliche Haltung, die Macht verleiht und Risiken verneint, scheint die Grundlage zu sein, um der Natur zu zeigen, wer hier eigentlich der Chef ist. Selbst in der Katastrophe werden Lösungen aus dem Hut gezaubert, die vorgeben, alles im Griff zu haben. Von Nachdenklichkeit keine Spur.

Oder doch?
Vor einigen Wochen schlug das Magazin der Süddeutschen Zeitung der Bundeskanzlerin Merkel eine offene und ungeschönte Rede vor, für die es nun eigentlich Zeit sei, sie zu halten. Die Politik, so heißt es dort, „habe keinen Gestaltungsspielraum“ mehr. „In keiner Epoche zuvor ist uns die Machtlosigkeit des politischen Systems so vorgeführt worden wie zurzeit“. Die Wahrheit sei, so legen die SZ-Redakteure der Bundeskanzlerin in den Mund, „unsere westliche Demokratie funktioniere nicht mehr. Demokratien wurden für Nationalstaaten gemacht, nicht für globalisierte Hightech-Ökonomien“. Dann soll die Kanzlerin ihrem Volk endlich reinen Wein einschenken und erklären, dass sich in unserem Staat drei Welten etabliert haben: „Wirtschaft, Politik und Sie, das Volk. Jede lebt nach ihren eigenen Regeln, nach ihrer eigenen Rationalität. Waren die Grenzen bis vor einiger Zeit noch durchlässig, spricht heute niemand mehr mit dem anderen. Und wenn doch, dann meist in Form von Beschimpfungen: die Politik gegen asoziale Manager, die Wirtschaft gegen ahnungslose Politiker und das Volk pauschal gegen‚ die da oben’“.
Zum Schluss ruft dann die oberste Angestellte der Republik zu einer ganz großen Koalition auf und bittet alle Bürgerinnen und Bürger sich an Lösungen zu beteiligen und Einzelinteressen hintan zu stellen. Ob das gelingt, so der Text, weiß die Kanzlerin auch nicht, aber ihr falle auch „nichts Besseres“ ein.

Das wäre ein erster Schritt zur Umkehr. Von der Haltung „nicht scheitern zu können“ zu der Nachdenklichkeit und dem Eingeständnis, ohne die anderen kann es keine Wendung zum Besseren geben. Wobei wir beim Heftthema wären.

Umkehr klingt immer ein bisschen freudlos. Bilder kommen in den Sinn, auf denen jemand drohend den Finger erhebt und mit todernster Miene den Weg in den Untergang verkündet. Bei der berühmten Zeichnung von Charlotte Reihlen „Der schmale und der breite Weg“ können die Menschen wählen zwischen Tod und Verdammnis einerseits und Leben und Seligkeit andererseits. Das Bild von 1850 ist etwas einfach gestrickt, führen doch Maskenball, Theater, Spielhölle und die Eisenbahn direkt ins Verderben und vor der kleinen Pforte, die den schmalen Weg zur Erlösung eröffnet, mahnt ein strenger Herr die vorbeieilende Menschheit zu Besinnung und Umkehr. Umkehr meint hier Verzicht und Einschränkung, Askese und auch Lebens-, zumindest Lustabgewandtheit.

Wer sich verlaufen hat, umherirrt und die Orientierung verloren hat, ist dankbar für einen Hinweis, um aus dem Schlamassel wieder herauszukommen. Umkehr wird nicht als Einschränkung, eher als befreiend erlebt, vorausgesetzt die eingeschlagene Richtung kann auch als falsch wahrgenommen werden. Es gibt aber auch diejenigen, die, wenn sie den falschen Weg bemerken, ohne innezuhalten ihre Geschwindigkeit verdoppeln.

Nun ist das mit den richtigen und falschen Wegen nicht ganz so einfach. Zu Klimawandel, Wohlstand und Welternährung, zu Mobilität, Ressourcenverbrauch und Energieversorgung bieten viele ihre Lösungen an. Selbst die Einigkeit in Zielen bei den großen Zukunftsthemen hilft noch nicht weiter. Sind die kleinen Schritte oder die großen für alle verbindlichen Veränderungen der richtige Weg, um Gefahren zu begegnen? Braucht es persönliche Konsequenzen und individuelle Lösungen oder den klaren Protest und öffentlichen Widerspruch?

Evangelische Jugendarbeit hat sich immer offensiv in Debatten um Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung eingemischt, stand für Nachdenklichkeit und für die Suche nach Alternativen. Jugendliche setzten und setzen sich mit den Themen auseinander und fordern Politik und Kirche heraus. Hier liegen die Stärken evangelischer Jugendarbeit. Vielleicht kann man diesen Jugendverband auch als eine Agentur für Umkehr und Veränderung bezeichnen. Ganz im Sinne von Naomi Klein, die am Ende ihres Essays versucht das Denken der Welt umzukehren: „Die Welt heilig zu nennen ist eine andere Art Bescheidenheit auszudrücken angesichts von Kräften, die wir nicht zur Gänze begreifen. Wenn uns etwas heilig ist, gebietet dies, dass wir mit Vorsicht vorgehen. Sogar mit Ehrfurcht.“ Mit dieser Einstellung würden wohl auch die Ölbohrer vom Golf umkehren, ein Scheitern in ihr Kalkül mit hineinnehmen und die Schreibtischschilder austauschen.

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Angelika Zahrnt: Beginnen wir mit der Umkehr

Individuell, gesellschaftlich, wirtschaftlich, politisch

„Umkehr“ - hat das Wort in der Wirtschaftspolitik heute einen Platz? Wenn die internationale Finanzkrise die Kurse an der Börse abstürzen lässt und die Verschuldungskrise europäischer Staaten die wirtschaftliche und politische Stabilität gefährdet, dann wird über Änderungen der Regeln für den Finanzmarkt nachgedacht und über Regeln für die Staatsverschuldung. Das hat - zumindest verbal - durchaus Elemente von Umkehr, von Abkehr von der in den letzten zwanzig Jahren vorherrschenden Politik, staatliche Regulierungen abzubauen und den Finanzmärkten die größtmögliche Freiheit zu geben.

Alle diese Anstrengungen dienen dem Ziel, die Weltwirtschaft zu stabilisieren und das Wachstum der Wirtschaft anzukurbeln, international wie national. Das heißt: Die finanziellen Krisen haben die Ausrichtung auf das Wirtschaftswachstum nicht erschüttert. Nicht „Umkehr“ sondern „weiter so“ steht auf dem Programm. Die ökologischen Krisen, von der Klimakrise über die Ressourcenknappheit bis zum Verlust der Artenvielfalt, haben zwar die Grenzen des Wachstums erneut thematisiert, aber keinen Einfluss auf den Kurs des Wirtschaftswachstums gehabt. Die ökologische Verschuldung geht weltweit weiter.

Wachstum gilt als große Hoffnung

Die Festlegung ökologischer Ziele und Grenzen in nationalen Nachhaltigkeitsstrategien scheitert in der Umsetzung, sobald Konflikte mit dem Wirtschaftswachstum auftauchen - oder auch nur vermutet werden. Das Credo der Nachhaltigkeit für eine generationenübergreifende und weltweite Gerechtigkeit und die Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen, das für Bekenntnisse und Sonntagsreden gut ist, stößt sich mit den Interessen der gegenwärtigen Generation und mit den Interessen etablierter Lobbygruppen. Das Wirtschaftswachstum ist das unangefochtene und immer wieder beschworene Ziel der Politik.  Denn Wirtschaftswachstum gilt als die große Hoffnung für viele Probleme.

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Ulrich Luz: Umkehr zu Gott

Biblische Perspektiven

Vorschläge zur Umkehr

Alle biblischen Texte reden von der Umkehr zu Gott.  Wir fragen: Braucht es denn Gott, wenn man „umkehren“ will? Kann man nicht auch ohne Gott sich von lebensfeindlichen Strukturen abwenden? Die Frage stellt sich nicht erst heute. Dass „Umkehr“ etwas mit Religion zu tun habe, war in der Antike  durchaus nicht selbstverständlich. Eher hatte sie mit Philosophie zu tun: Die Platoniker und Stoiker lehrten die Abwendung von den Leidenschaften und die Hinwendung zu den Tugenden als Weg zum Glücklichsein: Weisheit, Tapferkeit, Besonnenheit, Gerechtigkeit. Sie appellierten an die Einsicht und die Vernunft der Menschen. Die Kyniker lehrten die Abwendung von den materiellen Gütern und die Hinwendung zu einem einfachen, bedürfnislosen Leben - und das war für sie zugleich ein glückliches Leben. Die Devise Epikurs war es, einerseits politische Ambitionen, andererseits die Furcht vor dem Sterben und vor den Göttern abzulegen und im Verborgenen in Freundschaft mit Gleichgesinnten das Leben zu genießen. Alles das sind „Umkehrvorschläge“, die bis heute attraktiv sind.
In allen diesen Vorschlägen wird das, was unter „lebensfeindlichen Strukturen“ und das, was unter „Leben“ verstanden wird, je etwas anders akzentuiert. Wenn man „Leben“ so versteht wie etwa die Kyniker oder wie Epikur, so braucht man Gott nicht. Wir haben also zu fragen: Was ist das Besondere einer Umkehr zu Gott?  Was für ein „Leben“ meinen die biblischen Texte, wenn sie von der Umkehr zu Gott sprechen? Und zu was sagen sie „Nein“ - von was kehren sie sich ab?

Zu Beginn eine Bemerkung zur Terminologie. In den biblischen Texten gibt es zwei wichtige Worte für „Umkehr“. Das eine ist das hebräische Wort schub. Ihm entspricht das griechische Wort epistrepho. Beide können mit „umkehren“ übersetzt werden. Diese - richtige - Übersetzung liegt auch dem Titel dieses Themaheftes zugrunde. In der kirchlichen Tradition aber wurden diese beiden Worte meist mit „sich bekehren“ wiedergegeben.  Das ist sachlich auch richtig, löst aber bei uns eher negative Assoziationen aus. Bekehrungsversuche mögen wir nicht; „Kon-vertiten“ (darin steckt die lateinische Fassung des Wortes „Bekehrung“) gelten oft als engstirnige Fanatiker. - Das andere Wort ist das griechische Wort metanoia. Es heißt etymologisch eigentlich „um-denken“. Die traditionelle Übersetzung lautet: „Buße tun“. Sie löst auch eher negative Assoziationen aus. Deshalb wird das Wort heute gerne mit „ändert euch“ oder auch mit „kehrt um“ übersetzt. Beide Übersetzungen sind aber zu schwach. In beiden Fällen geht es um neue Übersetzungsvarianten, mit denen zentrale alte biblische Inhalte vielleicht verständlicher, jedenfalls aber attraktiver gemacht werden sollten. Wenn wir von „Umkehr“ in der Bibel sprechen, so geht es auch um das, was man traditionell „Bekehrung“ und „Buße“ genannt hat.


Überblick über die biblischen Texte

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Franz Josef Radermacher: Verzehnfachung des Weltwohlstands

Verzehnfachung des Weltwohlstands und Verzehnfachung
der Ökoeffizienz


Das kurzfristige Problem:Entgrenzung durch Globalisierung

Als Folge der ökonomischen Globalisierung befindet sich das weltökonomische System in einem Prozess zunehmender Entfesselung und Entgrenzung im Kontext des Mega-trends „explosive Beschleunigung“, und das unter teilweise inadäquaten weltweiten Rahmenbedingungen. Schmerzhafte Folge dieser inadäquaten Rahmenbedingungen ist die aktuelle Weltfinanz- und Weltwirtschaftskrise, die wegen der aus ihr resultierenden massiven Verschuldung der Staaten die Zukunftsfähigkeit erheblich bedroht. In der Folge kann es zum Rückbau der Sozialsysteme in reichen Ländern kommen, zu einer Verschlechterung der Situation des Mittelstands und zu stark gesunkenen Steuereinnahmen der Staaten. Insgesamt ist dies eine Entwicklung, bei der die Stabilität durch immer größere Kurzfristigkeit gefährdet wird.

Ursache der weltweiten Regeldefizite ist der Verlust des Primats der Politik im Kontext der Globalisierung, weil die politischen Kernstrukturen – im Unterschied zu den ökonomischen Prozessen – nach wie vor national oder allenfalls kontinental, aber nicht global ausgerichtet sind. Unzureichende internationale Regulierungsvereinbarungen und die daraus resultierende Fehlorientierung des Weltmarkts laufen dem Ziel einer nachhaltigen Entwicklung massiv entgegen. Das größte Problem weltweit ist zurzeit die Entgrenzung des Finanzsektors infolge der Globalisierung in Form des digitalen Kapitalismus. Die Staatengemeinschaft hat nun das System in der aktuellen Krise noch einmal gerettet, aber um den Preis exorbitant erhöhter Schulden. Wie soll hier je entschuldet werden?

Das langfristige Problem: Umwelt- und Ressourcensituation

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Matthias Strobl: Mit kleinen Schritten ans Ziel

Umkehr heißt bildlich ein Umdrehen um 180 Grad, ein Zurückgehen auf demselben Weg. Ein hartes Wort, eine harte Forderung, die die meisten Menschen eher irritiert und reflexartig Ablehnung hervorruft. Wer Menschen und ihr Verhalten verändern will, tut aber gut daran, die Einsicht und die Motivation in den Vordergrund zu stellen.

Das fängt bei der Wortwahl und damit der bildlichen Vorstellung, die Worte auslösen, an: Ich spreche deshalb lieber von Richtungswechsel mit kleinen Schritten statt vom „auf dem Absatz kehrt machen“.
Was heißt das konkret? Ich komme aus dem Umweltbereich, bin aufgewachsen mit den Diskussionen um Waldsterben und Atomkraft in den 80er Jahren und beschäftige mich seit Jahren mit umweltgerechter Landbewirtschaftung, Biolandbau und damit einhergehenden Ernährungs- und Konsumfragen.

Wir wissen um viele Zusammenhänge

Es steht für mich außer Frage, dass Veränderungen in diesen Bereichen Not tun. Eine Landwirtschaft, die seit Jahrzehnten die Artenvielfalt unserer Landschaften dezimiert, die in weiten Bereichen die Tierhaltung industrialisiert hat, die ähnlich wie andere Wirtschaftsbereiche auf hohen Energieinput aus nicht erneuerbaren Quellen, vornehmlich Erdöl, angewiesen ist, eine Ernährung, die aufgrund von Einseitigkeit und Überfluss immense Folgekosten im Gesundheitswesen nach sich zieht - Veränderungsbedarf besteht reichlich.

Wir wissen um viele Zusammenhänge zwischen menschlichem Handeln und Auswirkungen auf das Klima. Es gibt ein mittlerweile großes internationales Übereinstimmen darin, dass erstens etwas passieren muss (konkret: Begrenzung des Temperaturanstiegs auf nicht mehr als zwei Grad) und zweitens, dass allen Menschen dieselben „Verschmutzungsrechte“ zustehen müssen. Alles andere wäre moralisch nicht vertretbar. Damit ist klar, dass z.B. in Ernährungsfragen unsere westlichen Konsumgewohnheiten (Stichwort hoher Fleischkonsum), die wir uns in den letzten Jahrzehnten angewöhnt haben, nicht als Vorbild für andere Regionen und Erdteile taugen.

Es kann nicht sein, dass weltweit eine Milliarde Menschen hungern, die Prognosen in Sachen Weltbevölkerung für die nächsten Jahrzehnte weitere zwei bis drei Milliarden  neue Erdenbürger vorhersagen, und sich in Deutschland kaum jemand traut, offen und öffentlich über eine Verringerung unseres Fleischverzehrs zu sprechen. Über 60 kg pro Kopf und Jahr, das ist meilenweit von dem entfernt, was gesund wäre (Verzehrsempfehlung der deutschen Gesellschaft für Ernährung (DEG) liegt bei ca. 20 kg) oder weltweit als Durchschnitt nachhaltig produzierbar.

Hinzu kommt, dass in Deutschland (und anderen westlichen Ländern) nicht nur zuviel Fleisch gegessen wird, sondern dass mit gigantischen Futtermittelimporten aus Drittländern auch noch Fleischüberschüsse produziert werden, die exportiert werden. Wenn diese Exporte dann noch mit europäischen Steuergeldern künstlich verbilligt werden, macht diese subventionierte Überschussware häufig regionale Märkte und Preise in anderen Ländern kaputt.

Die Produktion von einer Energieeinheit Fleisch erfordert je nach Tierart drei bis sieben Energieeinheiten pflanzliches Futtermittel. Die Differenz sind Veredelungsverluste und geht in Form von Gülle und gasförmigen Emissionen in die Umwelt - im besten Fall bei Gülle mit einer energetischen Vornutzung durch eine Biogasanlage und als ordnungsgemäße Düngung. Im Falle von Getreide, Mais, Soja etc. handelt es sich um Futtermittel, deren Anbauflächen auch für Pflanzen zur menschlichen Ernährung geeignet sind. Auf den Punkt gebracht heißt das: Europas und Amerikas Tierbestände fressen der einen Milliarde hungernder Menschen die Nahrung weg. Und diese Konkurrenz wird zunehmen, wenn sich immer mehr Menschen in anderen Erdteilen den westlichen Ernährungsgewohnheiten beim Fleischverbrauch anpassen und die Weltbevölkerung steigt.


Am besten gar kein Fleisch mehr?

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„Eine demokratische Kraftanstrengung gegen die Spaltung der Gesellschaft“

Ein Gespräch mit dem GRÜNEN-Europaparlamentarier und Mitbegründer von attac Sven Giegold, über Macht und Ohnmacht beim politischen Engagement und über die kleinen Schritte und großen Veränderungen

baugerüst: Wann ändern Menschen ihr Verhalten und werden politisch aktiv?

Giegold: Früher wurden Menschen aktiv, indem sie in Gewerkschaften, Kirchen oder Verbände hineinsozialisiert wurden. Heute geschieht dies eher über konkrete Forderungen und Kampagnen: Bildungsstreik, Anti-Atomproteste, Engagement für Lebensmittel ohne Gentechnik o. ä. Also ganz konkrete Anliegen, die mit dem Alltag zu tun haben. Über dieses Engagement kommen Menschen dann in soziale Zusammenhänge.

baugerüst: Viele Menschen meinen, sie können doch nichts machen und fühlen sich eher als Opfer.

Giegold: Angesichts des ganzen Elends entwickeln Menschen schon Verdrängungsstrategien und behaupten, man könne doch nichts tun. Das stimmt aber so ja nicht. Viele Menschen haben sich mit den Auswirkungen der Globalisierung hierzulande auseinandergesetzt und haben nach ungerechten Strukturen gefragt. Da lässt sich schon von Umkehr oder Veränderung sprechen.

baugerüst: Warum fühlen sich so viele Menschen macht- und mutlos?

Giegold: Ich kenne viele Menschen, die nicht mutlos sind, sondern die sehen, dass die Kraft von Einzelnen und noch mehr die Kraft von Gruppen die sich organisieren, unheimlich groß ist.  Bei der Menschenkette gegen Atomenergie im April sind
150 000 Menschen auf die Straße gegangen. Das ist doch kein Signal von Mutlosigkeit, sondern zeigt: jetzt erst recht. Die Idee, das zu organisieren, hatten ganz wenige Leute. Da kann man doch nicht behaupten, dass alle passiv sind und man nichts bewegen könne. Diese Aktion hat auch dazu beigetragen, dass Schwarz-Gelb keine Mehrheit im Bundesrat mehr hat und die Laufzeitverlängerung der AKWs faktisch gestorben ist.

baugerüst: Eine Bank wirbt mit dem Slogan „Unterm Strich zähl’ ich“. Wie können dagegen Menschen erfahren, dass sie zusammengehören, dass sie ein Teil des Ganzen sind?

Giegold: Natürlich ist die Mentalität, nur an sich selber zu denken und nicht an die Gemeinschaft weit verbreitet. Es ist eine persönliche Entscheidung, die Ungerechtigkeit an sich heran zu lassen oder zu verdrängen. Das Gemeinwesen als Ganzes zu erfahren wird schwerer, weil wir derzeit eine massive soziale Spaltung in der Gesellschaft erleben. Auf der einen Seite haben wir eine wachsende Elite, die nicht mehr teilen will und mit einem eigenen System sich abgrenzt. Dazu gehören Privatschulen, private Gesundheitsversicherung, privater Sicherheitsdienst im Wohnviertel und mit Geld auf Konten, wo es nicht besteuert wird. Auf der anderen Seite gibt es wachsende Gruppen von Menschen, die Schwierigkeiten haben sich auf eine ganz andere Weise in die Gesellschaft zu integrieren. Ihnen fehlen grundlegende Fähigkeiten, die sie im Bildungssystem nicht mehr bekommen und die keine Chance auf einen Job haben. Diese Spaltung führt dazu, dass es schwerer wird, Gesellschaft als Ganzes zu erfahren.

baugerüst: Mit der Tünche „Wir gehören alle zusammen“ ist es ja nicht getan. Was ist also notwendigerweise zu tun?

Giegold: Notwendig ist eine demokratische Kraftanstrengung, die sich gegen diese Spaltung zu Wehr setzt. Wir reden immer davon, die Schwachen durch Bildung in die Gesellschaft zu integrieren. Das ist richtig und notwendig. Aber wir brauchen auch eine Initiative, um die ökonomischen Eliten dieses Landes stärker an das Gemeinwesen heranzuführen. Das klingt fast satirisch, ist aber eigentlich ein ganz vernünftiger Gedanke.
 
baugerüst: Es gibt den Spruch: „Wenn sich viele kleine Menschen an vielen kleinen Orten in Bewegung setzen, wird sich das Gesicht der Welt verändern“. Kommt es auf den Einzelnen an oder sind das eher symbolische Handlungen?

Giegold: Natürlich kommt es auf den Einzelnen an. Eine der großen positiven Veränderungen, die in den letzten Jahren von Deutschland ausgegangen ist, war die Initiative für erneuerbare Energien. Inzwischen haben über 50 Länder dieses Gesetz kopiert. Die Grundidee dieses Gesetzes ist: Jeder der Zugang zu Land, zu einem Dach oder zu Geld hat, was man investieren will, kann Teil des Umbauprozesses werden. Indem in erneuerbare Energien investiert wird, entstehen neue Firmen und diese bilden zusammen mit Konsumenten, Arbeitnehmern in den Firmen, Gewerkschaften eine Allianz in diesem Sektor. Das ist ein neuer Typus von ökonomischer Bewegung.

baugerüst: Erst haben sich Menschen gegen Atomenergie gewehrt, dann haben sie angefangen Solarkollektoren und Windräder zu bauen.

Giegold: ......

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Uli Willmer: Evangelische Jugend Agentur für Umkehr, Veränderung und Erneuerung

Eine Agentur für Umkehr und Erneuerung? Zugegeben, das klingt ziemlich steil, andererseits: wer sollte und wer könnte diesen Anspruch besser erheben und einlösen als die evangelische Jugend? Evangelische Jugend hat viel verändert und verändert viel. Sie hat Kirche und Gesellschaft geprägt und sie mischt sich nach wie vor deutlich ein. Agentur klingt vielleicht ein wenig bürokratisch, andererseits geben sich Verwaltungen gerne diesen neuen Begriff, um ein wenig dynamischer dazustehen. Agentur kommt vom lateinischen agere, von handeln. Evangelische Jugend als Agentur für Akteure, als Anlaufstelle für junge Menschen, die etwas bewegen wollen. Neben der Geschichte evangelischer Jugend, gibt es auch eine Reihe von anderen Gründen, die dafür sprechen: Die Grundprinzipien Partizipation, Freiwilligkeit und Ehrenamtlichkeit gehören  genauso dazu, wie theologische Gründe und die aktuellen Herausforderungen.Umkehr zum LebenEin Bild aus der Vergangenheit. Ein Gleis endet an einem Prellbock. Da geht nichts weiter. Wer hier stehenbleibt, ist auf einem Abstellgleis gelandet. Eigentlich gibt es nur eins: umkehren. Wieder auf ein Hauptgleis oder zumindest auf ein Nebengleis kommen, das nicht an einem Prellbock endet, sondern einen Anschluss hat. Ohne Umkehr heißt die Alternative: Stillstand, abgestellt bleiben und darauf warten, bis einen jemand wieder wegrangiert. Also dann doch lieber selber aktiv werden, sich auf die eigenen Kräfte besinnen, auf ein Gleis kommen, das in die Zukunft führt.Das Motto des Kirchentages 1983, zu dem dieses Plakat gehört, lautete: „Umkehr zum Leben“. Lila Tücher prägten den Kirchentag: „Die Zeit ist da für ein Nein ohne jedes Ja zu Massenvernichtungsmitteln.“ Viele, viele Menschen waren damals dagegen, unter dem Paradigma der vermeintlichen Sicherheit immer weitere Overkillpotenziale aufzuhäufen. Und im Grunde war für viele das damalige Kirchentagsplakat verharmlosend: Denn die Alternative zur Umkehr war nicht Stillstand oder Rosten auf einem Abstellgleis, sondern die Alternative war die Weiterfahrt in den Abgrund, den sicheren Untergang.1983 fand auch die Vollversammlung des ÖRK in Vancouver statt. Von ihr sollte der konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung ausgehen. Dieser konziliare Prozess wurde in der evangelischen Jugend maßgeblich unterstützt. Gerade der ökumenische Impuls, die Friedensfrage nicht isoliert zu betrachten, sondern im Zusammenhang mit Gerechtigkeit und der Bewahrung der Schöpfung, wurde aufgenommen und in Projekten, Begegnungen, Resolutionen und vielen Aktionen vertieft.Die Einsicht, Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung zusammenzudenken, die gehört mittlerweile zum Allgemeingut. Lösungen für die globalen Überlebensfragen der Menschheit waren und sind nur zu finden, wenn diese Zusammenhänge beachtet werden.Was ist heute die Alternative zu Umkehr und Erneuerung?

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Zukunftsfähig? Zehn Methoden

Die im Artikel angeführten Arbeitsblätter können als pdf-Datei downgeladen werden.

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Autorinnen und Autoren

  • Harald Bretschneider, Dresden
    Zimmerer, Oberlandeskirchenrat i.R.ehemaliger Landesjugendpfarrer von Sachsen
  • Lisa Gerhäußer, Gunzenhausen
    Studentin, z.Z. FÖJ, ehrenamtliche Mitarbeiterin in der Evang. Jugend
  • Sven Giegold,Düsseldorf
    Wirtschaftswissenschaftler, Mitbegründer von attac  Deutschland, Mitglied im Europaparlament (Fraktion GRÜNE)
  • Dr. Hartmut Graßl, Hamburg
    Klimaforscher am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg
  • Lisa von der Heyden, Schwabach
    Studentin, z.Z. FÖJ, ehrenamtliche Mitarbeiterin "Eine Welt Arbeit"
  • Hans Gerhard Koch, Fürth
    Pfarrer i.R.
  • Dr. Ulrich Luz, CH Laupen
    Theologe, Professor für Neues Testament an der Universität Bern
  • Dr. Horst W. Opaschowski, Börnsen
    Professor, Wissenschaftlicher Leiter und Kuratoriumsvorsitzender der BAT Stiftung für Zukunftsfragen
  • Dr. Ina Praetorius, CH Wattwil,
    Theologin, Ethikerin, Autorin
  • Dr. Franz Josef Radermacher, Ulm
    Professor für Informatik an der Universität Ulm, Mitglied im Club of Rome
  • Dr. Fulbert Steffensky, Hamburg
    em. Professor für Religionspädagogik
  • Johano Strasser, Berg
    Politologe, Publizist, Schriftsteller
  • Matthias Strobl, Esslingen
    Geschäftsführer Bioland Landesverband Baden-Württemberg
  • Dr. Rudolf Stroß, Bergisch Gladbach
    Diplompsychologe
  • Uli Willmer, Coburg
    Pfarrer
  • Patrick Wolf, Pappenheim
    ZDL, Mitglied der Landesjugendkammer der Evangelischen Jugendin Bayern
  • Dr. Angelika Zahrnt, Neckargemünd
    Volkswirtschaftlerin, ehem. Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz, Mitautorin der Studie „Zukunftsfähiges Deutschland"

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