das baugerüst 4/10 Alles Fassade? Ein Heft über Inszenierungen

Inhalt

  • hintergrund
    Matthias Sellmann: Ist da draußen was?
    Der Körper als letzte Zuflucht der Selbstvergewisserung

    Peter Schüz: Die Bretter, die die Welt bedeuten
    Kirchenbau als Inszenierung

    Peter Bubmann: Inszenierungen des Glaubens durch Musik
    Walter Rothschild: Bilder und Glaube

    Alexander Schmidt: Inszenierung, Gegeninszenierung, Musealisierung
    Die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg und das Nürnberger Reichsparteitagsgelände über sechzig Jahre danach

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Wolfgang Noack: Öffentliche Inszenierungen

Einführung in das Heft

In der Polit-Komödie „Wag the dog“ droht kurz vor dem Wahltag die Affäre des amerikanischen Präsidenten mit einer Schülerin öffentlich zu werden. Der Pressestab des Weißen Hauses ist verzweifelt und sucht Hilfe bei einem Hollywood-Produzenten. Die Filmprofis zeigen dem Präsidenten, dass nur noch ein Weg seine Wiederwahl retten kann: ein Krieg muss her. Hollywood inszeniert für die amerikanische Öffentlichkeit einen Konflikt mit dem kleinen Land Albanien, zeigt Bilder von fliehenden Kindern vor angreifenden Terroristen, stampft Solidaritätskampagnen für gefangene GIs aus dem Boden und schweißt ein ganzes Volk für die Wiederwahl ihres Präsidenten zusammen. Von der Affäre mit der Schülerin spricht kein Mensch mehr. Perfekt inszeniert.

Vielleicht ist ja jede Berichterstattung über moderne Kriege inszeniert: Die Bilder vom Bombenhagel auf das nächtliche Bagdad, die Gefangennahme Saddam Husseins, der sich feige in einem Erdloch versteckt hielt und die heldenhafte Verkündigung des Kriegsendes durch Präsident Bush auf einem amerikanischen Flugzeugträger - alles inszeniert für ein Publikum, das von dem eingeschlagenen Weg überzeugt sein soll.

Geht es überhaupt noch ohne Inszenierungen? Braucht die Wirklichkeit eine  Regie, um sich ins rechte Licht zu rücken, um in der Öffentlichkeit anzukommen? Ein paar Beispiele legen diese Vermutung nahe.

aufpeppen
Der Ball ist rund und ein Spiel dauert zwei mal 45 Minuten. Diese Weisheit gab einst der Bundestrainer Sepp Herberger zum Besten. Nun ist der Ball immer noch rund und den Kickern bleiben auch nur 90 Minuten, um demselbigen nachzujagen, aber das Spiel selber schrumpft zu einem kleinen Teil des ganzen Spektakels. So auch am 3. September diesen Jahres. Deutschland trifft bei der EM Qualifikation auf Belgien. Die Übertragung dieses Länderspiels nimmt die Zuschauer - einschl. Waldis EM-Club - von 20.15 bis 0.00 Uhr in seinen Bann: Gespräch Beckmann und Mehmet Scholl; Blick in die Kabine; Hintergrundbericht über die K-Frage und Ballacks Position in der Mannschaft; Live-Gespräch mit Oliver Bierhoff, dann wieder Beckmann und Scholl, unterbrochen von einer Quizfrage, die bei richtiger Antwort einen Sportwagen verspricht, inklusiv 30-Sekunden-Spot zum neuen Mercedes Cabrio.
Es folgen Nationalhymnen, Erklärung der beiden Kapitäne zur Fairness, Nennung des Sponsors dieser TV Übertragung und dann der Anstoß. In der Halbzeit bleiben den Tagesthemen magere sieben Minuten für das Weltgeschehen, der Rest gehört Beckmann und Scholl, um die ersten 45 Minuten zu reflektieren - Zeitraffer, Kommentare, Analysen. Die zweite Halbzeit beginnt wie die erste und nach Schlusspfiff und Sponsorennennung erklären Spieler und Trainer warum es so und nicht anders gelaufen ist. Wieder Zeitraffer, Analysen und der Sponsor, der für sein Bier wirbt. Dann endlich Waldi - live aus dem Englischen Garten in München. Heiner Lauterbach, Rudi Völler, und der Kabarettist Frank Lüdecke sitzen vor Bierkrügen und dekorativer Brotzeit. Viel Publikum, viel Beifall und für weitere 30 Minuten Gelaber. Diesmal ohne Sponsor. Um Mitternacht neigt sich der inszenierte Fussballabend seinem Ende entgegen.

aufwerten
Der heutige Blick auf das Wetter von morgen hat mit der einstigen Wetterkarte nichts mehr gemein. Mit Pieptönen wie aus dem Orbit kündigten sich einst die Hochs und Tiefs der nächsten Tage an - nüchtern, sachlich, informativ. Heute inszenieren Wettermoderatoren mit bunten Schautafeln, Zeitrafferdarstellungen, Liveschaltungen zu Wetterstationen und kleinen Vorlesungen in Meteorologie eine kleine Show, bei der die Vortragenden zu richtigen Stars mutieren - mit den bekannten Folgen. Man hat den Eindruck, sie berichten nicht über Wetterprognosen, nein, sie machen das Wetter.

aufhetzen
Nach der Rede des Bundespräsidenten am diesjährigen Tag der Deutschen Einheit lässt sich trefflich eine mediale Inszenierung beobachten. Am Montag nach den Feierlichkeiten meldet die Bild-Zeitung in bekannt großen Lettern „Bundespräsident Wulff: Der Islam gehört zu Deutschland“. Am Dienstag wird dann auf Seite eins gefragt: „Wieviel Islam verträgt Deutschland?“ Die Steigerung folgt am Mittwoch mit der Anklage: „Warum hofieren Sie den Islam so, Herr Präsident?“ Um die Debatte am Kochen zu halten wird ein paar Tage später die Meldung nachgeschoben: „Erster Mietvertrag mit Islamklausel - kein Schweinefleisch, kein Alkohol, kein Glücksspiel, keine Zinsgeschäfte.“ Mediale Inszenierungen steuern Stimmungen und beeinflussen die Debatten.

vortäuschen
Wer die Realität vor der eigenen Haustür nicht mehr sehen will, kann sich diese in Reality-TV-Formaten - vorwiegend bei RTL2 oder Sat1- ins eigene Wohnzimmer holen. Von „Frauentausch“ bis „Eltern auf Probe“, von „Der Superlehrer“ bis zur jüngsten Produktion „Tatort Internet“ (hier jagt die Ministergattin zu Guttenberg höchstpersönlich potentielle Kinderschänder im Internet.) Alle Reality-Produktionen gehorchen einem Drehbuch und Schauspieler schaffen einen Einblick in die grausame Realität - inszeniert und passend gemacht für werbedurchtränkte TV Formate. Aber ohne aufbereitete Inszenierung lässt sich die Realität wohl gar nicht mehr wahrnehmen.
Dies zeigen auch Castingshows von „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Germany´s next Top Model“. Die Produktionen gaukeln Live-Mitschnitte vor und sind doch nach einem strengen Drehbuch inszeniert. Freudentränen und Zusammenbrüche nach Heidi Klums strengen Zeugnissen wollen uns die Nervenanspannung hautnah erleben lassen und sind doch nur Fassade eines produzierten Wettbewerbs. Ein Melodram aus Hoffen und Bangen, aus Aufstieg und Absturz, aus Verzweiflung und Intrige wird dem Zuschauer präsentiert.

Vielleicht geht es ja gar nicht mehr ohne Inszenierungen, vielleicht lassen sich Inhalte in einer Mediengesellschaft nur noch dramaturgisch aufbereitet - und aufgeregt - vermitteln? Umso notwendiger ist es, hinter die Inszenierungen zu schauen, die Botschaften zu entschlüsseln und die Verpackung von dem Inhalt zu unterschieden. Und was heißt dies für die Inszenierung des Glaubens? Dieser Frage gehen die Beiträge in dem Heft nach.

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Karl-Heinrich Bieritz: Erscheinungen des Unbekannten

Von Präsenzerfahrungen und Geistesgegenwart im Gottesdienst

Wie im Himmel

Wir schreiben das Jahr 988 nach Christus. Gesandte des Kiewer Großfürsten Wladimir bereisen Europa auf der Suche nach einer neuen Religion. Ihre alten Götter, lahm und unansehnlich, taugen nicht länger als Stützen des Staates. Als der Patriarch von Byzanz von der Ankunft der Männer erfährt, inszeniert er für sie einen Festgottesdienst in der Kathedrale. „Man entzündete Weihrauch“, heißt es in der Chronik, „und ließ Chöre und Gesänge erschallen. Er ging mit ihnen in die Kirche und ließ die Gesandten an einem sich weithin öffnenden Platz Aufstellung nehmen, wies sie auf die Schönheit des Raumes hin sowie auf den Gesang, auf die bischöfliche Liturgie und das Tun der Diakone und erklärte ihnen, wie sie ihrem Gott dienen.“ Die Wirkung ist überwältigend. „Wir wussten nicht, ob wir im Himmel waren“, teilen die Gesandten nach ihrer Rückkehr dem Großfürsten mit. „Wir sind außerstande, darüber zu berichten, wir wissen nur, dass Gott wahrhaftig unter den Menschen weilt und dass ihr Gottesdienst besser ist als bei allen anderen Völkern.“(1)

Eine gelungene Inszenierung, möchte uns scheinen. Und eine folgenreiche dazu: Die Völker im Osten Europas übernehmen den Christenglauben. Doch was wird hier eigentlich inszeniert? Die byzantinische Liturgie? Der Glaube, der sich in dieser Liturgie ausdrückt? Das Evangelium, dem sich dieser Glaube verdankt? Gottes Gegenwart im symbolischen Gewand von Worten, Klängen, Gesten und anderen Zeichen? Oder wird den Gesandten einfach nur etwas vorgemacht, mit der Absicht, sie zu verführen?

Blühende Landschaften

Der Begriff der Inszenierung hat zurzeit in Kirche und Theologie Konjunktur. Grund genug, ihn etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Da er aus der Welt des Theaters kommt, liegt es nahe, Theaterwissenschaftler (und natürlich auch Theaterwissenschaftlerinnen) zu befragen.(2) Die unterscheiden nämlich sehr genau zwischen (1) dem literarischen Text, der Ausgangspunkt einer Inszenierung sein kann, aber keineswegs immer sein muss; (2) der Inszenierung als einem längeren Arbeitsprozess, in dem vorab „Strategien entwickelt, durchgespielt und festgelegt [werden], die Zeitpunkt, Art und Weise des Erscheinens und Verschwindens von Menschen, Dingen und Lauten im Bühnenraum während der Aufführung regeln“,(3) und der Aufführung selbst, einem durchaus flüchtigen, singulären Ereignis, das jedes Mal neu von den Beteiligten hervorgebracht wird und deshalb - trotz aller Vorgaben von Textbuch und Regie - letztlich unwiederholbar bleibt.

Solche Differenzierungen spielen im theologischen Inszenierungs-Diskurs, soweit ich das erkennen kann, bislang keine Rolle. Zwischen Inszenierung und Aufführung wird hier kaum unterschieden. Einem verbreiteten Sprachgebrauch folgend gilt all das als inszeniert, was im Blick auf die Wahrnehmung anderer (manchmal auch im Blick auf die Selbstwahrnehmung der Darsteller) veranstaltet wird. Inszenierungen erscheinen in gewisser Hinsicht als Handlungen, bei denen es nicht zuerst auf die Sache selbst, sondern eher darauf ankommt, dass und wie sie wahrgenommen werden. Ein schönes Beispiel geben die Kulissen blühender Landschaften, die Graf Potemkin angeblich im Jahre 1787 für seine Kaiserin Katharina an den Ufern des Dnjepr errichten ließ und die als Potemkinsche Dörfer in die Geschichte eingegangen sind.(4) Ob Kaiserin und Hofstaat darauf hereingefallen sind, erfahren wir nicht. Vielleicht hielten sie ja die kunstvolle Szenerie für „echt“ (auf neudeutsch: für authentisch); häufig genug, das zeigt die Erfahrung, entsteht „der Eindruck von Authentizität [...] gerade als Ergebnis einer besonders sorgfältigen Inszenierung.“(5) Vielleicht aber haben sie auch die Inszenierung als Inszenierung durchschaut - und gerade deshalb genossen. Die tatsächliche ökonomische und soziale Situation in den Dörfern am Fluss spielte jedenfalls in all dem keine Rolle.

Epiphanien des Unbekannten

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Alexander Schmidt: Inszenierung, Gegeninszenierung, Musealisierung

Die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg und das Nürnberger Reichsparteitagsgelände über sechzig Jahre danach

Geschichte verschwindet. Fünfundsechzig Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus finden wir die Orte des Leids und die Orte der Selbstdarstellung des NS-Regimes in vielfacher Hinsicht verändert vor. Die ehemaligen Lagerareale sind heute kaum mehr authentische, sie sind historische Orte. Randbereiche der KZ-Areale, in manchen Fällen auch das Barackenlager der Häftlinge selbst, sind ganz oder teilweise überbaut, verändert oder  komplett abgetragen. Gedenkstätten, Denkmäler, Friedhöfe, Grabanlagen, Ausstellungen (manchmal in neuen Gebäuden) sowie Informationssysteme im Gelände kamen nach 1945 hinzu. Gedenkstätten sind heute inszenierte Orte. Dennoch haben die historischen Orte der ehemaligen Lager ihren ganz eigenen, besonderen Wert – auch wenn kaum noch eine „originale“ Baracke steht und die Gedenkstätten nicht als eine Art Freilichtmuseen für der Welt des KZs funktionieren.
Die übrigen baulichen Hinterlassenschaften des Nationalsozialismus wurden häufig mit großer Unbedarftheit, Rücksichtslosigkeit, mit Pragmatismus und einem starren Blick nach vorn weiter- und umgenutzt. An vielen Orten fehlt bis heute ein Konzept, wie die nationalsozialistische Geschichte dargestellt, wie mit ihr umgegangen werden soll. Dass die Stadt München noch im Jahr 2010 um ein Konzept für ein NS-Dokumentationszentrum ringt, ist nur ein prominentes Beispiel.
Das ehemalige Konzentrationslager Flossenbürg in der Oberpfalz und das frühere Reichsparteitagsgelände in Nürnberg sind zwei wichtige historische Orte des Nationalsozialismus, die in besondere Weise die Frage nach ihrer „Authentizität“ aufwerfen. An beiden Orten wird in unterschiedlicher Art und Weise „inszeniert“, um historische Information zu kommunizieren, um einen Rahmen für Gedenken und Lernen zu schaffen.
Inszenierung ist das Kerngeschäft von Museumsgestaltern, Landschaftsgärtnern, Denkmalarchitekten. Keine Gedenkstätte, kein Museum und auch kein „Dokumentationszentrum“ kommt ohne Inszenierung aus – und wenn es die Inszenierung des Dokumentarischen oder des (religiösen) Gedenkens ist. Motivation für Inszenierungen ist der Versuch, einen Mangel zu überspielen. Wir können an den historischen Orten nicht mehr die Atmosphäre der Jahre 1933 bis 1945 erleben. An den  Orten der Lager liegen keine Leichen mehr, sie sind begraben, auf dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände marschieren nicht mehr die Marschkolonnen der Nationalsozialisten. Inszenierungen, Musealisierungen sollen verschwundene Geschichte anschaulich machen.

„Etwas finden, wo nichts mehr ist“
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„Die Religion stand am Ursprung aller Inszenierungen“

Ein Gespräch mit dem Berliner Theologieprofessor Wilhelm Gräb über öffentliche und religiöse Inszenierungen, über die Fremdheit und wie Katholiken und Protestanten Glauben inszenieren


baugerüst: Die Trauerfeier für Robert Enke im November 2009 war eine der größten öffentlichen Gedenkfeiern, die im Fernsehen über sieben Millionen Menschen sahen. Im Stadion von Hannover stand der Sarg am Anstoßkreis des Spielfeldes inmitten von Kerzen und Blumen. Auch die Trauerfeier in Duisburg für die Toten bei der Loveparade oder das Gedenken an die in Afghanistan getöteten Soldaten wurden zu einem Medienereignis. Haben die Menschen ein Bedürfnis nach solchen öffentlichen Inszenierungen?

Gräb: Was Aufmerksamkeit finden will, muss erst einmal hergestellt werden. Das hängt mit der Rolle der Medien in unserer Gesellschaft zusammen. Vieles an Erlebnis- und Kommunikationsangeboten, an Erfahrungsmöglichkeiten ist gleichzeitig präsent, so dass nur noch das Interesse findet, was Atmosphären schafft, was Gelegenheiten aufbaut, damit Menschen darauf zugehen und eingehen können. Aufmerksamkeit wird gewissermaßen künstlich hergestellt. Darum wird alles zu einem Event und sei es nur die schlichte Mitteilung, wie das Wetter morgen werden wird.

baugerüst: Akzeptieren Menschen einen Inhalt ohne Inszenierung gar nicht mehr?

Gräb: Die Angebote etwas zu erleben sind so vielfältig und umfangreich, dass sich Menschen ständig fragen, ob es das jetzt schon gewesen ist, oder ob noch intensivere Erfahrungen, noch tieferes Erleben des Erlebens möglich wäre. Ständig werden wir ja aufgefordert, das Leben zu erleben, etwas aus dem Leben zu machen und das Leben intensiv zu erleben. Dann muss das Angebot schon gut präsentiert und inszeniert werden.

baugerüst: Diese Bedürfnisse sind aber nicht naturwüchsig, sondern gesellschaftlich generiert.

Gräb: Ja, weil sich Menschen immer weiter von Primärerfahrungen entfernen, wird diese Lücke mit einer Fülle von Erlebnissen-, Kommunikations- und Unterhaltungsangeboten und entsprechender Inszenierung gefüllt.

baugerüst:
Alles wird inszeniert, auch Religion. Vom Eventgottesdienst bis Oberammergau. Braucht der Glaube, um für das Leben der Menschen eine Relevanz zu bekommen, eine ästhetische Verankerung?

Gräb:
Die Religion stand am Ursprung aller Inszenierungen. Der Glaube ist eine Gewissheit dessen, was nicht zu sehen ist, worauf ich aber vertraue und sich meine Hoffnung gründet. Der Glaube lebt im Grunde von der Vermittlung des nicht Vermittelbaren oder von der Sichtbarmachung des Unsichtbaren. Damit er überhaupt erlebt werden kann, braucht er die Inszenierung von Transzendenz.

baugerüst: Wie wird diese Transzendenz inszeniert?

Gräb:
Die wird in Symbolen ansichtig und in Ritualen erlebbar. Der Gottesdienst ist ein elementares Inszenierungsgeschehen zur Vergegenwärtigung des Heiligen, der Transzendenz, der göttlichen Wirklichkeit.

baugerüst: Erst durch die Inszenierung bekommt der Mensch einen Zugang?

Gräb: Inszenierungen führen immer zu einem tieferen Erleben des Lebens, das kann eine Loveparade, eine Fußballweltmeisterschaft oder ein Konzert mit Herbert Grönemeyer sein. Aber wo wir an die Grenze des menschlich Machbaren und Gestaltbaren kommen, wo die großen Transzendenzen aufbrechen und sich die Frage nach dem Sinn des Sinns stellt, da gerät eben auch die Erlebniskultur an ihre Grenzen. In solchen Situationen sind die Kirchen mit ihrer Inszenierung des Glaubens, mit ihren religiösen Ritualen und den Liturgien gefragt.

baugerüst: Enke, Loveparade, der Amoklauf in Winnenden - warum braucht es dazu immer Katastrophen?

Gräb: ....

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Robby Höschele: Hungrig oder überfüttert durch Inszenierungen?

Plädoyer für die Stärkung ästhetischer Kompetenzen

Der Begriff „Inszenierung“ ist eigentlich ein Theaterbegriff. Aber in einem weiten Sinn kann man jede bewusst und absichtsvoll eingerichtete Darstellung als Inszenierung bezeichnen, jeden Gottesdienst, jedes Konzert, das Treffen einer Jugendgruppe, das Auftreten einer Person oder wie Orte und Räume für bestimmte Vorhaben vorbereitet und eingerichtet sind. Auch der Auftritt im Internet und ein Gemeindebrief. Oder greife ich da schon zu weit?Und was ist, wenn bei manchen dieser Veröffentlichungen „gerade auf allen Firlefanz“ der (Erscheinungs-)Formen keinen Wert gelegt wird. Sind das auch Inszenierungen oder einfach Unterlassungen? Die Nicht-Inszenierung, wenn es öffentlich werden soll, gibt es doch gar nicht.Und wenn es einem zu viel wird? Kennen Sie dieses Gefühl, wenn Sie durch eine Inszenierung überfüttert, gar überrumpelt werden, wenn ihnen eine (Werbe-) Botschaft unaufhörlich und in nicht enden wollenden Varianten um die Ohren gehauen wird, wenn die Buntheit, das Aufdringliche und Viele nicht aufhören will?Oder finden Sie sich nach so manchem „protestantischen“ Ereignis - der mageren Inszenierung wegen - eher enttäuscht, geradezu hungrig zurückgelassen? Kann man denn von Über-Inszenierung, von Unter-Inszenierung reden oder davon, dass „es passt“ mit der Inszenierung? Womöglich noch für jede und jeden?Die „Kargheit des Protestantismus“ kommt mir heute immer noch und viel zu oft als farbenarmer, trockener und gelangweilter Protest gegen alles Inszenierte daher. Wenn das Inszenierungspendel allerdings ins Gegenteil ausschlägt, wirken die Inszenierungen schon mal als mediale Überfütterung oder als oberflächliche, knallbunte Verhübschung und Verzierung von - ja - wovon eigentlich?Würde doch in der evangelischen Kirche und ihrer Jugendarbeit bei der Verkündigung und in der Auseinandersetzung mit dem Evangelium mehr auf die Form-Frage geachtet. Es muss nicht in jedem Fall viel Gestaltungsaufwand mit viel und teurem Materialverbrauch betrieben werden. Wenn doch wenigstens für die Gestaltungen, für die Inszenierungen so viel Entwicklungsanstrengung betrieben würde, wie für die Erarbeitung einer klugen Predigt, für die Vorbereitung auf Gespräche oder Gruppentreffen, für die gedankliche Erschließung des Evangeliums für die verschiedenen Lebenswelten der Menschen.Unter „Inszenierungen in Jugendarbeit und Kirche“ verstehe ich die bewusste und absichtsvolle Antwort auf die Frage, mit welchen Mitteln und in welcher Form „die Dinge“ unter die Leute kommen, wie das Evangelium, die Botschaften, die Fragen, die Herausforderungen, die Möglichkeiten, die Angebote, die Informationen, die Dokumentationen in die Öffentlichkeit gelangen (auch dann, wenn die „Öffentlichkeit“ mal nur eine kleine Gruppe Jugendlicher ist, ein Arbeitskreis oder sonst ein Gremium). Und unter Inszenierung verstehe ich auch, wie sich die Menschen zeigen, etwa die Engagierten, die Verantwortlichen, die Gewählten, die Beauftragten, die Einladenden, die Gastgebenden. Von der reinen Präsentation unterscheidet sich die Inszenierung als künstlerischer, dabei aber absichtsvoller Akt. Die Performance unterscheidet sich von der Präsentation ebenfalls als künstlerischer Akt, steht aber dem unverfügbaren, dem offenen und prozesshaften Spiel näher und ist hier nicht Teil meiner Betrachtung.Diese Fragen begleiten mich immer, wenn ich in den Szenerien evangelisch kirchlicher (Jugend-)Arbeit unterwegs bin: Ist alles, wie es ist deshalb so, weil es lange schon so ist oder weil es so „praktischer“ ist? Ist Inszeniertheit zu spüren, sparsame oder hochgradige und mit welchen (künstlerischen) Absichten zeigt sie sich?Diese Inszenierungen ......


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Rainer Buland: Szenische Gestaltungs-Spiele mit Jugendlichen

Im pädagogischen Zusammenhang wurde nicht immer, wenn gespielt wurde, dies auch Spiel genannt. Die Spielpädagogik des 19. Jahrhunderts, aber auch die Reformpädagogen sprachen überwiegend von Arbeit, und vermieden in der Beschäftigung mit Kindern und Jugendlichen den Namen Spiel. Frenet war in dieser Hinsicht besonders konsequent. Im Gegensatz dazu kam in den 1970er-Jahren eine große Bewegung der Spiel- und Theaterpädagogik auf, die vielfach die Lust und die Freude des Spiels in den Mittelpunkt stellte. Die Theaterpädagogik hat sich an vielen Orten etabliert, während sich die Spielpädagogik niemals in gleicher Weise im Bildungssystem durchsetzen konnte. Wahrscheinlich ist der unkontrollierbare, ich möchte sogar sagen subversive Aspekt des Spiels eine zu große Herausforderung für die Bildungsinstitutionen. Selbst wenn das Spiel auch als solches benannt wird, so ist immer noch nicht klar, um welche Spielform es sich handelt. Um es sofort auf den Punkt zu bringen: Szenisches Spiel, Rollenspiel, Inszenierungen, all dies fällt unter die Spielform Gestaltungs-Spiel. Damit ist eine deutliche Abgrenzung gegenüber den drei anderen Spielformen gemacht, gegen Zug-um-Zug-Spiele (Brettspiele, games), gegen Bewegungs-Spiele (sports) und gegen Einsatz-Spiele (Glücksspiele, gambling).Aber noch ein Begriff ist für uns von Wichtigkeit: Im Zuge einer allgemeinen Amerikanisierung aller Lebensbereiche erlebte seit den 1990er-Jahren der Begriff Performance eine Hochblüte. Stand früher in der Theaterpädagogik die Frage nach der Inszenierung im Mittelpunkt, so wurde nun alles, auch alltägliche Gewohnheiten, zu einer performativen Geste. Der zentrale Unterschied zwischen Inszenierung und Performance besteht darin, dass in einer Inszenierung so getan wird als-ob, während es bei einer Performance darum geht, vor einem Publikum real etwas zu machen und genau dieses Tun zur Diskussion zu stellen. Nehmen wir als Beispiel „eine große Zwiebel essen“. In einer Inszenierung tut ein Schauspieler so als würde er eine Zwiebel essen. Dabei verlangen wir als Publikum nicht, dass er tatsächlich eine Zwiebel isst, sondern wir verlangen, dass er glaubhaft die Reaktionen vorführt, die entstehen, wenn jemand eine Zwiebel isst. Es geht also darum, eine Illusion glaubhaft zu machen. Anders ist dies bei einer Performance. Die berühmte Performerin Marina Abramovic (*1946) hat tatsächlich so lange Zwiebeln gegessen wie es ihr möglich war. Sie hat nicht nur so getan als-ob, sondern sie hat tatsächlich vor laufender Kamera so lange Zwiebeln gegessen, bis die tränenden Augen und das Würgen sie überwältigten. Diese Unterscheidung herauszustreichen war mir deshalb wichtig, weil ich in der Praxis oft eine ungünstige Vermischung erlebe. Da werden spannende Performances mit schlechter Schauspielerei angereichert. Auf der anderen Seite werden gute Inszenierungen fälschlicher Weise als Performance bezeichnet. Dies geht natürlich auf die ursprüngliche englische Bedeutung zurück, bei der jedes Zusammenspiel unabhängiger Faktoren, sei es auf der Bühne oder an der Börse, als gute oder schlechte „Performance“ bezeichnet wird. Das zentrale Merkmal szenischer Gestaltungs-Spiele wurde schon sehr früh in der Spielforschung beschrieben, nämlich die Nachahmung. Schon sehr früh in ihrer Entwicklung ahmen Kinder gerne Tiere nach, oder sie ahmen Erwachsene nach, indem sie Vater-Mutter-Kind spielen, oder sie spielen verschiedene Berufe. Wir dürfen das Ausmaß nicht unterschätzen, in dem auch Jugendliche, wenn sie zu szenischer Improvisation aufgefordert werden, ihre Vorbilder nachahmen. Gleichzeitig ist aber - darauf hat schon Friedrich Georg Jünger hingewiesen(2) - jedes Nachahmungsspiel gleichzeitig ein Vorahmungsspiel. Die Jugendlichen ahmen nicht nur reale oder mediale Vorbilder nach, sie ahmen sich selbst auch voraus in eine Rolle, die sie vielleicht so oder ähnlich einmal einnehmen werden. Generell liegt im Gestaltungs-Spiel eine Ahnung von einer Welt, die so noch nicht ist, aber so werden könnte. Wenn sich diese Ahnung in einem szenischen Gestaltungs-Spiel aktualisiert, müssen wir von einem vorahmenden Spiel sprechen.  Damit wird auch deutlich, mit welcher Behutsamkeit Spielpädagogen ans Werk gehen müssen, um nicht ihre eigenen Vorstellungen den Jugendlichen aufzudrücken, sondern im Gegenteil sich selbst zurückzunehmen, um den Jugendlichen Raum für ihre Vorahmung zu geben. Die dafür notwendige Haltung werden wir noch zu verdeutlichen haben. Um sich einer Haltung sicher zu sein, ist es immer hilfreich, eine klare Vorstellung vom Ziel seines Handelns zu haben. Wir werden uns zunächst dieser Frage zuwenden.

Das Ziel von Gestaltungs-Spielen ....

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Carsten Haeske: Wie Konfi-Camps das Evangelium inszenieren

„Das Wort wurde Mensch und schlug sein Zelt unter uns auf ...“

Das Konfi-Camp ist das bei den Jugendlichen beliebteste Strukturmodell der Konfirmandenarbeit.(1) Nicht nur, dass hier Teilnahmemotivation sowie Gruppen- und Gesamtzufriedenheit deutlich höher sind als bei anderen Organisationsformen. Die Konfirmandinnen und Konfirmanden identifizieren sich hier auch stärker mit Glaubensaussagen und schreiben den während des Camps behandelten Themen mehr Lebensrelevanz zu. Zugleich machen sie positivere Erfahrungen mit religiöser Praxis: Camp-Gottesdienste und -Andachten sowie gemeinsames Singen und Beten werden deutlich besser bewertet als in der Ortsgemeinde. Ebenso positive Effekte lassen sich im Hinblick auf das Lernen und das inhaltliche Programm feststellen. Der empirische Befund zeigt die Chancen, die Konfi-Camps für die Inszenierung des Evangeliums (schon im alltagssprachlichen Sinne) bieten: Es gibt etwas zu erleben, was es nicht jeden Tag gibt und was sich zu erleben lohnt. Insbesondere können Camps Erfahrungen zur Verfügung stellen, die religiöse Weltdeutungen provozieren: „Das gemeinsame Leben und Arbeiten der Gruppe an einem dritten Ort, das Erleben der Tages- und Nachtrhythmen, die vielfältigen Gelegenheiten für „Seelsorge im Vorbeigehen“ ... und - last not least - die Geschlechterdynamik in einer Gruppe von Teenagern erzeugt eine besondere innere Bereitschaft, sich dem Nachspüren von Tiefendimensionen des Lebens zu öffnen“(2).Inszenieren heißt: „Ins Zelt setzen“ Der enge Bezug von Camp und Inszenierung legt sich bereits vom Wortlaut her nahe, leitet sich doch das Fremdwort „inszenieren“ vom griechischen skene (lat. scaena) für „Hütte“ oder „Zelt“ ab.(3) Im außerbiblischen Griechisch ist der Begriff v. a. durch seine Verwendung im Theaterwesen geprägt. Im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. war die skene wirklich ein Zelt, das in der Tragödie durch Purpurvorhänge, in der Komödie durch Felle gebildet wurde. Im Hellenismus wurde zunächst das Haus, vor dem die Dramen aufgeführt wurden, skene genannt, später dann die als Podium erhöhte Bühne. In der antiken Architektur wird der Terminus daher auch für das Bühnengebäude des Theaters benutzt. Die Wendung „etwas in Szene setzen“ bedeutet demnach ursprünglich: „etwas ins Zelt setzen“, im übertragenen Sinne dann: „auf die Bühne bringen“ bzw. „öffentlich zur Schau stellen“. Im biblischen Sprachgebrauch hat das Zelt weder etwas mit dem Theater noch mit der Idylle eines Feriencamps zu tun. Im Orient kehrt man nach einem Zeltlager nicht in seine Wohnung zurück, vielmehr ist das Zelt hier die übliche Wohnung im ständigen Unterwegssein an wechselnden Orten. Das heißt aber nicht, dass das Zelt nicht auch in der Bibel zum Ort dramatischer Inszenierung werden kann: Der im Himmelszelt wohnende Gott lässt sich auf Erden, in der Mitte seines Volkes, eine Wohnstätte aus Zeltdecken anfertigen (Exodus 26,1-14), ein Zelt der Begegnung, das er mit seinem Lichtglanz erfüllt (Exodus 40,34) und in dem er seine Anordnungen erlässt (Exodus 33,7ff). Im Psalter wird das schützende Zelt zur Metapher für Gottes Erbarmen und Hilfe: „Fürwahr in seiner Hütte beschützt er mich am Tage des Unheils; schirmt mich in seines Zeltes Versteck“ (Psalm 27,5). Inszeniert ....

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Autorinnen und Autoren

  • Dr. Karl-Heinrich Bieritz, Ihlow
    Professor für praktische Theologie an der theolog. Fakultät der Universität Rostock

  • Robert Bögle, München
    Diplompsychologe,Eheberater, Körperpsychotherapeut, psychologischer Psychotherapeut. Leiter der Einrichting "pip" Pädagogisch-psychologische Informations- und Beratungsstelle für Schüler/innen, Eltern und Lehrer/innen

  • Dr. Peter Bubmann, Erlangen
    Professor für Praktische Theologie am Fachbereich Theologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

  • Dr. Rainer Buland, Salzburg
    Ass. Professor an der Universität Mozarteum Salzburg, Master of Advanced Studies (Spirituelle Theologie, Leiter des Instituts für Spielforschung an der Universität Mozarteum Salzburg

  • Rainer Brandt, Josefstal
    Pfarrer und Leiter des Studienzentrums für evangelische Jugendarbeit in Josefstal

  • Petra Dais, Stuttgart
    Pfarrerin im Evangelischen Jugendpfarramt Stuttgart, Jugendkirche Stuttgart

  • Dr. Wilhelm Gräb, Berlin
    Professor für Praktische Theologie an der Humboldt-Universität Berlin

  • Carsten Haeske, Drübeck
    Pfarrer und Dozent, Trainer für Liturgische Präsenz, Arbeitsstelle Konfirmandenarbeit am Pädagogisch-Theologischen Institut der Evang. Kirche in Mitteldeutschland und der Evangelischen Landeskirche Anhalt

  • Robby Höschele, Stuttgart
    Diakon, Leiter der Arbeitsstelle Musisch-kulturelle Bildung im Evang. Jugendwerk in Württemberg und des Arbeitsbereichs Playing Arts, Mitglied im Vorstand des Kulturrats der Evang. Landeskirche in Württemberg und Mitglied im Vortand des Netzwerks Spiel & Kultur Playing Arts e.v.

  • Dr. Walter Rothschild, Berlin
    Landesrabbiner für Schleswig-Holstein, Autor

  • Dr. Alexander Schmidt, Nürnberg
    Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände

  • Peter Schüz, Marburg
    Dipl.-theol. wissenschaftl. Mitarbeiter am EKD-Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart sowie im Fachgebiet für systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Philipps-Universität Marburg

  • Dr. Matthias Sellmann, Bochum
    Professor am Lehrstuhl für Pastoraltheologie an der Ruhr-Universität Bochum

  • Roland Werner, Marburg
    Theologe, ehem. Vorsitzender des evangelischen Jugendkongresses Christival, Generalsekretär CVJM Gesamtverbandes

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