das baugerüst 1/11 Die Stille und der Lärm

Inhalt

  • hintergrund
    Paul Imhof: Heilige Stille

    Klaus Hofmeister: Sendepause

    Gottfried Stoll: Totenstille

    Rainer Guski: Unerwünschter Schall

    Peter Payer: Geschichte des Lärms

    Lärmschäden

    Robert Gernhardt: Du sollst nicht lärmen!
  • kontrovers
    Wolfgang Noack/Barbara Overmann: Die Stille und der Lärm
    Eine Kontroverse

  • gespräch
    „Der Kirchenorgel fehlt der Bass"
    Ein Gespräch mit Bastian Georgi und Klauß Stüwe über Lärm und Stille, über das Leben im Rhythmus und über Erfahrungen im Schweigen
  • forum
    Heidemarie Langer: Atem holen

    Erobere Stille! Die Stille liegt auf der Straße, man muss nur genau hinschauen

    Eine Kampagne

    Rainer Brandt: Stiller Protest

    Frère Alois: Die Stille im Gebet in Taizé

    Andrea Felsenstein-Roßberg: Der Stille begegnen

    Kirchenraumerfahrungen in spiritueller Aufmerksamkeit

    Reinhold Ostermann: In die Stille finden

    Barbara Overmann: Windstill

    Birgit Widmann-Rebay von Ehrenwiesen: Hörst du noch etwas?

    Übung zur Stille

    Christian Kabitz: Die Musik und die Stille


    Ruhe!
    Nicht auf dem Schulhof, aber in der Kirche

    André Buschbeck: Ich war still und wartete

    Von der Oberfläche in die Tiefe. Erfahrungen mit dem hörenden Gebet

    Dauerhaft still

    Wie eine Gehörlose die Stille empfindet

    Reinhold Ostermann: Still halten

    Robert Gernhardt: Das Elfte Gebot

    Stillgestanden!

    Stille Orte

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Wolfgang Noack: Gefüllte Stille

Einführung in das Heft

In dem Film „Die große Stille“ gibt der Regisseur Philip Gröning einen Einblick in das Leben des Schweigeordens der Karthäuser. Ohne Gespräch, ohne Kommentar nehmen die Bilder den Betrachter mit in den Wechsel der Tages- und Jahreszeiten. Beten, arbeiten, meditieren, alles geschieht fast lautlos, die Geräusche der Umgebung wirken dezent im Hintergrund. Der Film wurde ein Kinoerfolg, die Reise in die Stille scheint ein großes Bedürfnis zu sein.
Am Ende des Films heißt es: „Erst in der Stille beginnt man zu hören. Erst wenn die Sprache verstummt, beginnt man zu sehen“.

Wo doch die Stille eigentlich verpönt ist. Überall werden wir zugemüllt mit Geräuschen: im Supermarkt, im Bahnhof, im Café. Handy-Melodien dudeln uns an allen Orten die Ohren voll und Rasenmäher, Kreissägen und Laubsauger grenzen an akustische Freiheitsberaubung (ein Begriff von Günther Anders). Das kleine Piktogramm, das auf den Ruhebereich in einem ICE hinweist, ist eher ein lustiges Schildchen, dessen Bedeutung nur einigen wenigen bekannt zu sein scheint. Wer sich über laute Musik beschwert ist ein Spaßverderber und Stille Tage sind etwas für „Leisetreter“ - auch so ein Wort, das eher Mitleid als Bewunderung transportiert. Stillstand, Windstille, etwas stilllegen - alle Wörter mit "still" scheinen irgendwie das Gegenteil vom vollen Leben zu sein.

Und dann ein Themenheft über Stille in einer Zeitschrift, die sich in erster Linie an Mitarbeitende in der Jugendarbeit wendet? Wer während der großen Pause an einem Schulhof vorbeigeht, wer nach Schulschluss eine U-Bahn betritt oder wer sich an einem Wochenende in die Nähe der Discozone einer Großstadt begibt, wird alles andere als Stille erleben. Jugendliche und Stille scheint eher ein Widerspruch zu sein.

In der Mitte des Lebens, wenn der laute Alltag nervt, die pubertierenden Kinder ihre Musikanlagen zu laut aufdrehen, die innere Stimme nach dem Sinn des Lebens fragt, dann melden sich Menschen zu „Stillen Tagen“ an, gehen in Filme wie „Die große Stille“ oder genießen die „stade Zeit“ (bayerisch) zwischen den Jahren. Eckart von Hirschhausen meint in seinem Buch „Glück“, der wahre Grund, warum Menschen kistenweise „Stilles Wasser“ aus den Getränkemärkten nach Hause tragen, sei die Sehnsucht nach Stille. Wenn die wüssten, heißt es weiter, dass man Stille auch ohne Wasser bekommen kann, müssten sich die Menschen nicht so abschleppen.

Also passt die Stille nicht so recht zu den Jugendlichen. Oder? Vielleicht doch. Jugendliche pilgern nach Taizé und setzen sich dort dem Wechsel von Stille und Gespräch aus, besuchen Einkehrtage in Klöstern oder probieren auf einem Konvent aus, welche Erfahrungen man machen kann, wenn die ganze Gruppe schweigend die Mahlzeiten einnimmt. In der permanenten akustischen Reizüberflutung suchen auch Jugendliche die Auszeit vom Lärm des Alltags.

Freizeitlärm

Laut einer Untersuchung des Umweltbundesamtes leiden immer mehr Kinder und Jugendliche unter der täglichen Lärmbelastung. Jedes achte Kind weist eine auffällige Minderung der Hörfähigkeit auf, jedes sechste wohnt an einer stark befahrenen Haupt- oder Durchgangsstraße. Ein hoher Schallpegel im Freizeitbereich drückt zusätzlich auf die Ohren.
Aber Lärm machen immer die anderen, die Eigenproduktion wird als unvermeidlich oder nicht so belastend eingestuft. Lärm ist Schall, der jemanden stört, belastet, ängstigt, beunruhigt, ablenkt, aufregt oder nervös macht, schreibt die Autorin Sieglinde Geisel in ihrem Buch, „Nur im Weltall ist es wirklich still“. (Siehe auch Beitrag in diesem Heft).
 
Das Problem ist nicht neu. Viele litten auch in früheren Zeiten unter dem manchmal sogar krankmachenden Lärm. Da wurden „Kampfschriften gegen die Geräusche unseres Lebens“ verfasst, Ruhe zur ersten Bürgerpflicht erhoben und „Antilärmvereine“ gegründet. Der Wiener Historiker und Stadtforscher Peter Payer beschreibt in seinem Beitrag die Geschichte des Lärms.

Heute flüchten Menschen hinter Lärmschutzwände, rasen über Flüster-asphalt oder drängen auf Trittschalldämmung in Wohnhäusern. Sogar in Diskotheken hat der Gesetzgeber die Dezibelhöhe auf 105 begrenzt. Hilft das alles nichts, raten meditationserfahrene Menschen einfach wegzuhören. Wenn das so einfach wäre.

Stille ist mehr als die Abwesenheit von Lärm

Vielleicht geben wir ja auch nur vor, uns nach der Stille zu sehnen. In Wirklichkeit brauchen wir den lautlosen Lärm (Sieglinde Geisel), der entsteht, "wenn wir beim Telefonieren E-Mails lesen und beim E-Mail-Checken kurz auf Spiegel online klicken, zwischendurch eine SMS tippen," und uns von einem unbekannten Begriff zu Wikipedia führen lassen.
Denn Stille ist mehr als die Abwesenheit von Lärm. Vielleicht liegt hier ja auch der Grund, warum Stille manchmal wie leblos, langweilig, ohne Spaß wahrgenommen wird. Die Stille muss gefüllt sein. „Die Worte des Denkens brauchen Zwischenräume aus Stille“ behauptet Christiane Thiel in diesem Heft. „Die Gedanken brauchen Ruhe, um zu Gedanken werden zu können“. Heißt das, der bewusste oder unbewusste Lärmteppich verhindert das Nachdenken? Vielleicht.

Hier könnte noch eine Brücke zur Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sein. Wenn das Laute anregend und aufregend wirkt, mitreißt und durcheinanderwirbelt, braucht es die Phasen der Ruhe und die Stille, um anzuhalten, wegzuhören, nachzudenken.

„Kinder und Jugendliche“, schreibt Michael Freitag in seinem „Standpunkt-Artikel“, haben ein Recht auf ihren Lärm, auf ihre Töne und Geräusche. „Aber sie haben auch ein Recht auf Zeiten, Zonen und Räume der Stille“. Gefüllte Stille als Gegenwelt, um andere Erfahrungen machen zu können.

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Christiane Thiel: Stille - Voraussetzung für alles Wesentliche

Ein Plädoyer

Am Anfang war das Wort - hörbar nur in Stille

Worte haben in der Überlieferung des Christentums und in seiner Kulturgeschichte enorme Bedeutung. Sie sind, bei genauem Hinsehen, die Grundlage unserer Religion. Die sogenannten „Offenbarungsreligionen“ - Judentum, Christentum, Islam - sind Sprachphänomene, die sich letztendlich sogar fast um ein Buch gruppieren: die Bibel. (Der Islam hat sich aus der Bibel und ihrer Überlieferung heraus entwickelt. Das ist unstrittig, auch wenn heute der Koran das heilige Buch der muslimischen Welt ist.)
Die Geschichte von Judentum und Christentum ist eine Wortgeschichte. Gottes Wort kommt im Wort zur Welt, im Wort wird Gott wahr, spürbar, hörbar, erlebbar. Das Wort Gottes vermittelt sich durch Worte, durch Menschenworte. Gott wird Mensch im Wort der Menschen. Das klingt fromm, kann aber frech auch einfach mal als: „Viel Gelaber“ umschrieben werden. Allerhand Gerede. Viele Worte. Wenig Stille.
Scheinbar.
Das Wort durchbricht die Stille. Ohne sie kann es kein Wort geben. Stille ist das Transportmittel des Wortes. Die kreative Kraft des Wortes zu Beginn der Bibel im ersten Schöpfungsbericht ebenso wie zu Beginn des Neuen Testaments in der Überlieferung des Evangeliums nach Johannes kann sich nur entfalten, weil es still ist. Alles geht mit einer Pause los: dem Auftakt. Still!

So ist es, auch wenn unser Alltag mit all seiner Lärmverschmutzung anders aussieht und sich ganz anders anhört. Ich bin sicher, dass die enorme Zahl von Missverständnissen, Unzuverlässigkeiten und zunehmender Gleichgültigkeit mit dem Verlust der Stille zu tun hat. Weil sie fehlt, gehen die Worte fehl, erreichen ihr Ziel nicht. Sie können nicht schwimmen. Ihnen fehlt das Transportmittel.

Der Krach, in dem wir leben, verklebt unsere Ohren und Herzen. Er verklebt auch unsere Münder, weil unsere eigenen Worte nicht mehr ankommen und wir mit dieser schon selbstverständlich gewordenen Erfahrung leben, dass „uns keiner zuhört“. Es ist eine Katastrophe! Leben kann nur gelingen, wenn es lebendiges Wort ist und sein darf. Leben kann nur gelingen, wenn es Stille darin gibt.
Gespräch und Leben lassen sich als Zuhören und Antworten (und ausdrücklich nicht als Reden und Antworten!) umschreiben. Zuhören setzt Stille voraus. Wenn immer schon Lärm ist, wenn es auch immer schon ein schnelles Wort gibt, fehlt der Raum des Denkens. (Erst denken, dann reden.) Besinnungslosigkeit entsteht. Lieblosigkeit folgt. Das ist die Erfahrung fast jedes Menschen: Es gibt geradezu kaum kostbarere Augenblicke, als wenn wir erleben, wie ein Mensch uns zuhört. Ganz aufmerksam. Ganz still. Schon dieses Wissen tief in uns könnte ausreichen, um zur Stille zurückzukehren. Denn ich genieße es, wenn mir jemand still zuhört. Also will ich dasselbe gern auch anderen schenken: Ich höre dir still zu und denke nach, bevor ich antworte. Stille entsteht. Worte kommen an. Leben lebt.

Denken findet in Worten statt (wie Glauben). Die Worte des Denkens brauchen Zwischenräume aus Stille. Die Gedanken brauchen Ruhe, so etwas wie Pausen, um zu Gedanken werden zu können. Es ist genauso, wie es am Anfang der Bibel beschrieben ist. Schöpfung braucht Stille. Weil diese kreative Stille oft fehlt, ist das, was wir als Gedanken kennen lernen, meistens schwatzhaftes Empfinden, aber kein Denken. Es ist unkreativ, unaufmerksam, sinnloses Gelaber eben.
Wenn beim Nachdenken ununterbrochen Musik dudelt, ist es mit dem Denken vorbei. Die Empfindungen, die von der Musik geweckt werden, überdecken die Pausen der Stille. Gefühle haben Vorrang. So ist der Mensch gebaut. Was in der Geschichte der Menschheitsentwicklung zum erfolgreichen Überlebenskonzept wurde (Angst und Flucht! Verlockung und Lust!), ist dem Denken nicht zuträglich. Das macht nichts. Und kann auch sehr schön sein. Aber hat mit Stille nichts zu tun.

Die manipulative Kraft von Musik und Klängen ist in Wirtschaftskreisen genau bekannt, weshalb es längst kein Zufall mehr ist, welche Musik in den Geschäften und Shops zu hören ist. Auch die Beschallung in gewissermaßen öffentlichen Räumen, die aber längst privatisiert sind (z.B. Restaurants, Banken, Bahnhöfe, Flughäfen), wird gezielt ausgewählt. Gerade bei der Steuerung des Konsums ist das Ziel, das Denken auszuschalten, eben keine Pausen entstehen, keine Stille zu zulassen. 


Dann kam der Lärm - die Vertreibung der Stille


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Peter Payer: Geschichte des Lärms

Er ist allgegenwärtig, schwer zu bekämpfen und für viele eines der größten Übel unserer Zeit: der Lärm. Unaufhaltsam breitet er sich bis in die entlegensten Landstriche aus, kriecht er in die verborgensten Winkel unseres Daseins. Längst haben Mediziner ihn als eine der häufigsten Krankheitsursachen identifiziert, als Auslöser von Stress, Schlaflosigkeit und Bluthochdruck und als - nach dem Rauchen - zweitgrößten Risikofaktor für Herzinfarkt. Allein in Europa sind derzeit 80 Millionen Menschen rund um die Uhr Verkehrslärm ausgesetzt. In Deutschland fühlen sich zwei Drittel der Bevölkerung von Straßenlärm belästigt, in Österreich sind es rund eine Million Menschen. Jede größere Stadt hat mittlerweile ein eigenes Amt für Lärmbekämpfung eingerichtet. Lärmkataster werden erstellt, Lärmschutzzonen verordnet, Lärmschutzmaßnahmen erprobt, bis hin zur Einführung von so verheißungsvoll klingenden Neuerungen wie „Flüsterasphalt“. Experten warnen bereits vor der „Verlärmung“ ganzer Stadtteile und der zunehmenden Ausbreitung von „Lärmghettos“. Anlass genug, einmal die historischen Hintergründe dieser Entwicklung zu beleuchten und an den Beginn des modernen Lärmzeitalters zu erinnern. „Stelle dich einmal gegen Mittag an eine belebte Straßenkreuzung der Großstadt: da poltert, kollert, knarrt, läutet, pfeift, schreit, tollt es oft durcheinander, dass man den Lärm als körperlichen Schmerz empfindet. Und weil sich jeder Einzelne über die anderen zu Gehör bringen will, lizitieren einander die Krawallmacher immer mehr in ein Tohuwabohu hinauf, ohne doch ihren eigentlichen Zweck zu erreichen.“Mit diesen drastischen Worten zeichnete der renommierte deutsche Musikkritiker Richard Batka nicht nur ein bemerkenswertes akustisches Bild der Großstadt zur vorvorigen Jahrhundertwende, ihrer zunehmenden Dichte und Komplexität; seine Aufforderung zum bewussten Hören verweist auch paradigmatisch auf die gestiegene Aufmerksamkeit, die man in jener Zeit den Veränderungen der akustischen Umwelt entgegenbrachte. Die umwälzenden sozialen, technischen und wirtschaftlichen Entwicklungen des 19. Jahrhunderts hatten insbesondere in den Städten eine Flut an neuen Geräuschen entstehen lassen, die von der Bevölkerung erst adaptiert werden mussten. Ein typischer „Großstadtwirbel“ (Felix Salten) war entstanden, neue Modalitäten der Aufmerksamkeit bildeten sich heraus, die gesamte auditive Kultur begann sich zu wandeln.„Lo-fi-Lautsphäre“

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„Der Kirchenorgel fehlt der Bass“

Gespräch mit dem Diskjockey Bastian Georgi und dem Pfarrer Klauß Stüwe vom Meditationszentrum Schloss Altenburg über Lärm und Stille, über das Leben im Rhythmus und über Erfahrungen im Schweigen


baugerüst:Bastian Georgi, wie viel Dezibel müssen Sie jedes Wochenende in der Diskothek aushalten?

Bastian Georgi: Es gibt gesetzliche Vorschriften, an die wir uns auch versuchen zu halten. In den Clubs darf die Musik eine Lautstärke bis zu 105 Dezibel haben.

baugerüst: Und wenn das dem Publikum nicht ausreicht?

Georgi: Die DJs drehen im Lauf des Abends die Regler immer weiter auf, da schließe ich mich selber mit ein. Man hat das Gefühl, je lauter die Musik, umso pulsierender wird der Abend. Die Lautstärke liegt im Durchschnitt zwischen 110 und 120 Dezibel.

baugerüst: Was ist das für ein Gefühl, wenn die Bässe in der Magengegend wummern?

Georgi: Das ist ein Gefühl, das ich mit Glückseligkeit beschreiben möchte. Ein guter Rhythmus mit einem guten Bass bringt den Gast dazu sich zu bewegen. Das ist für die Diskothek wichtig, denn gute Musik entscheidet darüber wie gut der Umsatz an dem Abend wird. Wenn die Technik schlapp macht und der Bass ausfällt, ist der Abend gelaufen. Der Bass ist maßgeblich, um den Takt vorzugeben, damit sich die Gäste bewegen können.

Klauß Stüwe: Sie beschreiben das Gefühl beim Wummern der Bässe als Glückseligkeit. Das kann ich mir schon vorstellen, aber ich weiß auch, dass genau auf der anderen Seite der Skala, dort wo die Dezibel gegen Null gehen, die Glückseligkeit auch wohnt. Ich meine ein Glücksgefühl, das dadurch entsteht, dass außerhalb von mir die Geräusche immer weniger werden. Vielleicht höre ich noch den Regen tropfen oder den Wind säuseln.

baugerüst: Wo erleben Sie die Stille?

Stüwe: Stille erlebe ich immer und überall, wenn ich mein inneres Ohr aufmache. Für mich ist unter oder hinter jedem Geräusch, ob das jetzt 100 oder wie viel Dezibel auch immer sind, eigentlich immer die Stille. Selbst an lauten Plätzen fühle ich mich von Stille umgeben und getragen.

baugerüst: Was ist Stille?

Stüwe: Stille ist einmal die Abwesenheit von Störungen und Geräuschen, aber auch die Anwesenheit von Vertrauen, dass alles aus diesem Nichts an Geräuschen und Tönen kommt.

baugerüst: Wird es innerlich lauter, wenn es äußerlich leiser wird?

Stüwe: Vorübergehend schon. Wir leben in einer lauten Gesellschaft, immer werden wir von Geräuschen begleitet: Radio, Verkehr, Musik, Handy. Wenn Menschen dann zu einem Schweigeseminar kommen, merken sie erst einmal wie laut es innen wird, selbst wenn äußerlich nichts mehr zu hören ist. Gedanken, Gefühle, Sorgen, die man sonst übertönt, melden sich dann.

baugerüst: Was passiert, wenn Menschen sich auf die Stille einlassen?

Stüwe:
Wenn plötzlich keine Geräusche, keine Hintergrundmusik mehr da sind, hört man natürlich sehr viel deutlicher, wie es in einem rumort und wie viel ungeregelte Dinge, Pläne und Sorgen in einem vorhanden sind. Darum ist ja die Übung der Stille und das Wahrnehmen der Stille wichtig. Ich muss durch diesen inneren Lärm hindurch, weil hinter dem Lärm etwas anderes kommt. Deswegen kommen Menschen zur Meditation oder zu einem Schweigewochenende. Sie sehnen sich, sie spüren, sie hoffen, wenn ich durch die Unruhe und durch den Lärm, der in mir ist hindurchgehe, dann finde ich zur Ruhe, dann finde ich zur Stille, dann kann ich loslassen.
baugerüst: Menschen, die eine Disco besuchen, wollen ja nicht zur Stille finden?

Georgi: Menschen besuchen in erster Linie eine Disco, weil sie für ein paar Stunden nicht auf dieser Welt sein möchten, sondern sich in ein anderes Umfeld begeben, um alles auszublenden, was sie im Alltag beschäftigt oder belastet. Wenn sie zu uns kommen, erwarten sie einen grandiosen Abend.

baugerüst: Ist das der Wunsch nach Entgrenzung?

Georgi: Auf jeden Fall.

Stüwe: Entgrenzung wird aber auch durch Meditation möglich. Der Mensch hofft, es kommt ein Moment, eine Erfahrung, ein Zustand, wo ich das alles, auch meine Probleme, hinter mir lassen kann. Das kann ich natürlich in der Diskothek probieren. Ich kann mich aber auch auf den inneren, auf den stillen Weg begeben. Wenn ich dann durch meinen inneren Lärm hindurch bin, dann kommt irgendwann auch die Erfahrung, dass ich mit den Dingen die mich bewegen nicht allein bin, sondern Teil des Ganzen, dass ich getragen bin, dass ich eben nicht so isoliert bin, wie ich mir oft vorkomme.
Die Disco bringt mich vielleicht auch hoch, aber wenn der Lärm abgeschaltet wird, bin ich wieder unten.

baugerüst: Könnten Sie in einer Diskothek meditativ schweigen, oder hindert der äußere Lärm daran, in sich hineinzuhorchen?

Stüwe: .....

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Michael Freitag: Im Lärm und in der Stille

Gotteserfahrungen von Propheten und jungen Menschen

In welchen akustischen Zonen kann man eigentlich Gott, den christlichen und jüdischen Gott, authentisch und wirksam antreffen?
In den Geräuschen des Alltagslebens? In den akustischen Reizen ekstatischer Tonflutungen? Im Wort? In den Klängen von Musik und Gesang? In der Stille?

Ein „theo-logisches“ Problem ist dies zunächst einmal nicht: Gott ist überall. Seine Anwesenheit lässt sich nicht von Geräuschkulissen bestimmen und durch Tonvarianten fixieren. Seine Anwesenheit – in biblischer Sprache: sein Geist – weht, wo sie will und so laut oder leise, wie sie das will. Die Vielfalt der Möglichkeiten Gottes sich zu zeigen, kann niemand und auch kein Geräusch einschränken.
Es ist vielmehr ein „anthropo-logisches“ Problem, also eine Frage nach der Wahrnehmungsfähigkeit von Menschen: Gibt es Bedingungen, in unserem Fall akustische Bedingungen, die es den Menschen erleichtern oder erschweren, Gott anzutreffen Gotteserfahrungen zu machen, Gottes Anwesenheit aufzuspüren? Gibt es akustische Phänomene, die den Zugang zum Heiligen, zu Gott befördern oder verstellen?

Ich hole mir Impulse aus einer uralten biblischen Erzählung – in der Hoffnung, dass ich Einsichten aus dieser alten Geschichte in meine Jetztzeit transferieren kann, über die riesige Kluft zwischen Zeiten und Kulturen hinweg, die mich von biblischen Welten trennen. (Es empfiehlt sich übrigens, zum besseren Verstehen in den biblischen Text, auch in seine Vorgeschichte, hineinzuschauen.)
Die Geschichte des Propheten Elia (1. Könige 18,19 bis 19,16) erzählt von Gottesbegegnungen und Gotteserfahrungen unterschiedlicher Art, sie erzählt von Lärm, von Geräuschen, von Tönen und von Stille.

Der Weg des Elia

Ich folge also dem Weg des Elia und belausche ihn, soweit ich das kann.
Da sind die provozierenden Worte des Elia an das Volk Israel („wie lange wollt ihr noch auf beiden Seiten hinken?“), die herausfordernde Kampfansage an seine Gegner - immerhin 450 Priester des Abgottes Ba’al - zum Showdown in der Mittagshitze („wer ist der wahre Gott?“) und der ätzende Spott des Elia über das Versagen dieses priesterlichen Aufgebotes mitsamt ihren Götzen - wahrlich rhetorische und wortreiche Meisterleistungen, aber längst noch keine Gotteserfahrung.

Da sind die stundenlangen ekstatischen Schreie und Gesänge der Priester des Ba’al, die nach ihrem Gott rufen, sich in Trance steigern und außer sich geraten – aber da ist weder eine Stimme noch eine Antwort - keinerlei Gottesanwesenheit.

Da ist die Anrede an Gott, das kurze prägnante Gebet Elias – „erhöre mich, Gott, damit dies Volk erkennt, dass du der wahre Gott bist“ – und Gott erweist sich in seiner Macht:
Das Knallen des Blitzes, das Prasseln des Feuers, das Zischen verdampfenden Wassers – Gottes Macht ist zu hören und zu spüren, er hat geantwortet und ist in seinen Wirkungen zu entdecken.

Das Rauschen des langersehnten Regens – Gott zeigt sich hörbar in seinem Segen.

Das Klirren von Waffen und das Stöhnen, Jammern und Klagen der sterbenden Priester des Ba’al, die Elia heißblütig und kaltblütig zugleich allesamt abführen und hinmorden lässt, ohne Gottes Anweisung abzuwarten – nein, keine Anwesenheit Gottes, nur die Abgründe menschlichen Hasses und Allmachtswahns.

Absolute Stille in der Wüste, in die Elia rennt und flüchtet – voller Angst, auch voller Scham über seine Fehltaten. Totenstille, eine leere Stille, gefährliche Ruhe – hier ist keine Anwesenheit Gottes zu spüren. Elia ist ganz bei sich selber, auf sich und seine Lebenswege mit ihren Rechtleitungen aber auch ihren Irrungen zurückgeworfen. Bei sich selber sein in Stille und Ruhe, das kann gut tun – aber es kann auch in Depression und Verzweiflung führen, wenn da nichts  ist, was hält und trägt,  und wenn niemand antwortet. Erbarmungslose und abgründige Stille. Elia ist verzweifelt und will sterben – Grabesruhe. Kein Gott.

Das Wort des Engels, des Gottesboten: „Steh auf! Iss etwas!“. Gottes Worte, die ins Leben zurückführen. Gottes Anwesenheit, die die Totenstille durchbricht und wieder mit Leben füllt. Gottes Worte, die zeigen, wo das Überlebenswichtige zu finden ist: Brot und Wasser sind es hier. Gottes Verheißung, die mit Worten und Taten wieder Mut macht weiterzugehen und seien es auch vierzig Tage durch die schöne und schreckliche Wüste.

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Rainer Brandt: Stiller Protest

Je mehr sich hinter mir die Türe schließt, umso mehr umfängt mich Stille. Ausgespuckt aus dem Lärm der abendlichen Einkaufszone, entkommen dem raschen Antritt der ersten Weihnachtskäufer, habe ich die Nische dieser kleinen Kirche gesucht. Sogleich fühle ich mich eingesponnen in den Kokon der Stille dieses Raumes. Mein Blick schweift umher, tastet Fenster, Wände, und Säulen ab, unbewusst auf der Suche nach der Quelle dieser Stille.

Ehe mir bewusst wird, was mich sachte und doch bestimmt anzieht, finde ich mich im vorderen Teil der Kirche wieder. Vor mir schwebt ein Engel, geformt aus tonnenschwerem Bronzeguss - schwerelos leicht. Die Arme verschränkt, mit einem unbeschreibbaren Blick nach innen und zugleich in die Ferne, schwebt er schräg über mir, vielleicht drei, vier Meter über der Erde. Mein Blick wandert zur Decke. Fest verankert im gotischen Himmel der kleinen Kirche, ruht er über einer schweren Bodenplatte, die meine Aufmerksamkeit gewinnt. Beschriftet mit zwei Zahlenpaaren, 1914-1918 und 1939-1945, zieht sie meinen Blick in die Tiefe. In Gedanken schiebe ich die Platte einen Spalt breit nach rechts in Erwartung einer tiefen Gruft. Augenblicklich durchzucken Lichtblitze den Raum, scharfes Artilleriefeuer zerschneidet meine Stille. Das Geschrei von Kindern, Frauen und Männern dringt zu mir hinauf und die Bilder der Trümmerstädte des Zweiten Weltkrieges. Der Blick in den Abgrund wirft immer neue Bilder nach oben. Schreckliche Bilder, denen ich mich nicht entziehen kann, wäre da nicht der Schwebende. Haltsuchend wende ich meinen Blick zu ihm. Nur im Schatten seiner Kraft gelingt es mir die schwere Bodenplatte in ihre Ausgangslage zurückzuschieben, und so den Abgrund wieder zu schließen. Über mir der Engel - schwebend, schweigend. Erst jetzt erkenne ich seine wahre Größe. Den von der Bodenplatte markierte Raum überragt er mit seiner Aura, mit seinem nach innen gewandten Blick, seiner Gelassenheit, seinem Schmerz. Mit allen Sinnen spüre ich den stillen Protest, der sich hier schweigend Raum schafft.Ich nehme  Abschied, verlasse die Kirche, meinend es wieder aufnehmen zu können mit der hohen Taktung der Schritte der Einkaufenden. Ich kann es nicht. Am Rande bleibe ich stehen. Zahlen drängen sich mir auf. Waren es im Ersten Weltkrieg zehn Prozent zivile Opfer, so waren es im Zweiten Weltkrieg schon 50 Prozent und in den kriegerischen Auseinandersetzungen von heute werden 90 Prozent zivile Opfer angenommen. So jedenfalls die Recherche von David Porter dem Leiter der Versöhnungsarbeit der Kathedrale in Coventry. Als ich Köln an diesem Buß- und Bettages 2010 verlasse, reist mit mir der schwebende Engel von Ernst Barlach. Nichts ahnend, dass ich ihm hier und heute begegnen würde. Ihm, dem Engel, der 1937 Hausverbot bekam und aus dem Güstrower Dom ausgewiesen wurde.Preisgegeben zur wehrwirtschaftlichen Verwertung, eingeschmolzen und zerstört von Menschen, die offensichtlich sein schweigendes Erinnern der Kriegstoten, am Vorabend des 2. Weltkrieges, nicht aushielten. Noch im Krieg schufen Freunde Barlachs einen Zweitguss von der originalen Gussform, die wenig später durch einen Bombenangriff zerstört wurde. Der schweigende Protest des Schwebenden erreicht die Antoniterkirche acht Jahre nach Kriegsende. Und im gleichen Jahr zieht der Schwebende auch wieder im Güstrower Dom ein, als Abguss aus Köln. Schweigend stark als stiller Protest.

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Frère Alois: Die Stille im Gebet in Taizé

Stille und Lobpreis

Es kommt oft vor, dass Jugendliche am Ende eines Aufenthalts in Taizé zu uns sagen: „Das Wichtigste waren die Stille und der Gesang.“ Es stimmt, dass das gemeinsame Gebet bei uns wesentlich ein gesungenes Gebet ist. Wie aber jede Musik vom Wechselspiel der Klänge und der Stille lebt, so verhält es sich auch mit unserem Gebet.

In den achtziger Jahren stellten wir auf einmal voller Staunen fest, dass die Jugendlichen nach dem Abendgebet in der Kirche blieben und weitersangen. Daraufhin begannen wir Brüder ebenfalls zu bleiben, und nun geht dieses Gebet aus Gesängen jeden Abend weiter, manchmal bis spät in die Nacht.

Die Wiederholgesänge, die aus einem Satz der Heiligen Schrift bestehen und den man leicht auswendig lernen kann, ermöglichen es, lange beim Wort Gottes zu verweilen und sich von ihm durchdringen zu lassen. Ein gesungener Satz begleitet uns anschließend durch den Tag.

Ein Großteil der jungen Generation kennt den Inhalt des christlichen Glaubens nur vage. Und die, die in der Kirche groß geworden sind, haben seit der Zeit ihrer frühen Jugend nicht immer ihr Verständnis von den Geheimnissen des Glaubens vertieft. Gemeinsam einige zentrale Worte der Schrift zu singen, kann das Vertrauen auf Gott neu entfachen, bei den Glaubenden wie bei Menschen, die auf der Suche sind. Dieses Singen kann auch Lust drauf machen, die Kenntnisse vom Glauben zu vertiefen.

Von jeher haben die Glaubenden gespürt, dass es notwendig ist, gemeinsam den Glauben zu singen. Hängt dies vielleicht damit zusammen, dass sich beim Singen im Menschen eine Tür auftut und etwas zutiefst Innerliches zum Ausdruck kommt? Oder damit, dass sich dabei eine Gebetshaltung einstellt, sich der Sinn für eine persönliche Beziehung mit Gott verfeinert und gleichzeitig die Gemeinschaft unter allen Anwesenden sich vertieft? Ja, der Gesang ist eine Sprache, die aus tiefstem Herzen kommt und zugleich über Barrieren hinweg Gemeinschaft stiftet.

Wenn die getrennten Christen öfter zusammenkämen, um gemeinsam zu singen, könnte der Heilige Geist besser wirken und - wer weiß? - uns sogar überraschen. Bei einem ganz einfachen gemeinsamen Gebet, das aus dem Hören auf das Wort, aus Lobpreis, Anbetung und Stille besteht, vereint uns der Heilige Geist bereits. Demütig und ohne Unterlass lernen wir es in einem solchen Gebet einander anzugehören.

Im Herzen unserer täglichen Gebete ist eine längere Zeit der Stille vorgesehen, acht bis zehn Minuten lang. Wir stellen fest, dass sich die Jugendlichen unschwer auf diese Stille einlassen, die eine Abwechslung zu den Gesängen darstellt. Die gemeinsame Stille ermöglicht es, sich allein vor Gott zu halten, auch wenn viele versammelt sind. Sie ist eine ganz einfache Art und Weise zum Ausdruck zu bringen, dass Gott uns aufnimmt, noch bevor er zu uns spricht, und zwar bedingungslos, in grenzenloser Achtung vor unserer Freiheit. Solche Stille erschließt die Anbetung.

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Andrea Felsenstein-Roßberg: Der Stille begegnen

Kirchenraumerfahrungen in spiritueller Aufmerksamkeit

Quirliges Marktleben am Campo dei Fiori. Der berühmte Blumenmarkt in Rom brummt. Beleibte Signoras feilschen lautstark und liebevoll streng mit „ihren“ Händlern um die Frische des Gemüses, die Reife des Obstes. Kinder rennen schreiend durch die Stände, ein Messerschleifer bietet gestenreich redegewandt den staunenden Touristen seine Wunderwerke an. Ein römischer Markt - ein einziges Straßentheater, eine wunderbare Bühne. Der Duft von frischen Erdbeeren, Rosmarin, Fisch und Aprikosen vermischt mit dem Dröhnen aufheulender Vespas aus den Nebengassen, dem Klappern der Cappucinotassen aus den angrenzenden Bars begleiten mich noch, als ich 100 Meter vom Markt entfernt in eine winzige Barockkirche eintrete. Ich schließe die schwere Holztüre, es umfängt mich - Stille. Groß und dicht. Ich setze mich. Schaue mich um. Aber meine Wahrnehmung dringt gar nicht zu den bunt bemalten Kirchenwänden, den reich verzierten Barockaltären durch. Sie bleibt in der unglaublichen Stille hängen, die fast bleiern im Raum liegt. Lange sitze ich da und kann es kaum fassen. Was macht diese kleine Kirche so unendlich still? Der Kontrast zum äußeren Trubel? Zu Hitze, Licht, Lautstärke, der Dominanz von Geräuschen und Gerüchen? Oder wohnt in ihr noch eine andere Kraft? Halten die Wände eine Wirklichkeit im Raum, gewoben aus jahrhundertealten Gebeten, Gesängen, biblischen Worten, Segen?

Ich genieße das große gefüllte Schweigen. Tauche wie in einen Brunnen aus Stille, erlebe die erfrischende, schöpferische Kraft dieses Raumes. Mitten im Trubel der Stadt. Santa Barbara dei Librari - St. Barbara der Buchhändler, eine Heilige, die mir ein Kapitel der Stille aufgeblättert hat.
Die überraschende Begegnung mit der intensiven Stille in dieser kleinen römischen Barockkirche hat mir noch einmal verdeutlicht, welcher Schatz in offenen Kirchenräumen liegt. Und dies absolut unabhängig von Architektur, Ausstattung und Gestaltung der Kirchen. Kirchenräume hüten ein Luxusgut unserer Gesellschaft: Die Stille. Und diese Kirchen stehen da, mitten im Trubel, mit geöffneten Türen, um sie zu verschenken. Die Stille ist eine durchtragende Kraft von Kirchenräumen. Spirituelle Kirchenerschließung will Menschen immer wieder in die Atmosphäre des Schweigens, Hörens und inneren Lauschens führen, sie mit dieser Kraft der Stille bekannt machen. Auch wenn es nur Momente sein können, kurze Phasen des Aufmerkens auf das Nicht-Sichtbare im Raum. Es lohnt sich. Natürlich haben wir es mit etwas zu tun, was nicht messbar ist. Mir liegen keine Evaluierungen vor, keine empirischen Belege der Relevanz dieses Unternehmens. Und doch sind es diese kurzen Phasen des Schweigens und Ruhens, wo sich in Menschen nach und nach eine innere Stille entfalten kann, kostbar. Das sagen mir die Teilnehmenden später.

Hier entfaltet sich Spiritualität von Kirchenräumen - geistgewirkt und unverfügbar. Sie lässt sich nicht machen oder verordnen. Als „Anleitende“ braucht es ein Stück Demut vor dem Raum, seinem Geist und seiner Geschichte sowie eine achtsame Wahrnehmung des Atmosphärischen, des Unverfügbaren, dessen, was „zwischen den Zeilen“- also in der wechselseitigen Resonanz zwischen Kirchenraum und Menschen geschieht. In diesem Resonanzraum kann sich - so erlebe ich - Geistvolles ereignen, kann das Interesse Gottes an uns spürbar werden.
Dafür braucht es so etwas wie eine Grundhaltung „spiritueller Aufmerksamkeit“ für das Geschehen im Raum und in der Gruppe, die wach ist für das, was sich gerade ereignet. 

Was geschieht hier?
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Autorinnen und Autoren

  • Frère Alois, Taizé
    Prior der Communité Taizé
  • Rainer Brandt, Josefstal
    Pfarrer und Studienleiter
  • Andre Buschbeck, Hohenahr
    Personal- und Organisationsentwickler
  • Andrea Felsenstein-Roßberg, Nürnberg
    Referentin am Gottesdienst-Institut
  • Michael Freitag, Hannover
    Referent bei der aej
  • Robert Gernhardt (verst. 2006)
    Schriftsteller
  • Sieglinde Geisel, Berlin
    Autorin
  • Bastian Georgi,  Landsberg
    Diskjockey
  • Dr. Rainer Guski, Bochum
    Professor
  • Klaus Hofmeister, Wiesbaden
    Journalist
  • Dr. Dr. Paul Imhof, München
    Professor
  • Christian Kabitz, Würzburg
    Kantor
  • Joachim Klenk, Nürnberg
    Pfarrer für die Gehörlosenseelsorge
  • Heidemarie Langer, Hamburg
    Theologin, Kommunikationsberaterin
  • Reinhold Ostermann, Nürnberg
    Diplomsozialpädagoge
  • Barbara Overmann, München
    Pfarrerin in der Jugendarbeit
  • MMag. Dr. Peter Payer, Wien
    Historiker und Stadtforscher
  • Gottfried Stoll, Nürnberg
    Pfarrer i.R.
  • Klauß Stüwe, Altenburg
    Pfarrer i. R.
  • Christiane Thiel, Leipzig
    Stadtjugendpfarrerin
  • Birgit Schmidt, Nürnberg
    Katechetin
  • Birgit Widmann-Rebay v. Ehrenwiesen, München
    Autorin

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